2023, Heilig Abend in der Kirchengemeinde. Eine Narration.

zukunft

[Dieser Text entstand Ende 2012/Anfang 2013. Er kam so gut an, dass ich hier weiter gedacht, recherchiert und geschrieben habe. Heraus kam ein Buch: „Zeitsprung – Gemeinde 2030. Erzählung aus der Zukunft der Kirche“.]

8.00 Uhr

Während die Kaffeemaschine läuft, checkt der Küster über sein Smartphone die Temperatur in den drei Kirchen der Gemeinde. Normalerweise laufen die Heizkurven sonntags weitgehend automatisiert. Heute sind aber nicht nur die Uhrzeiten der Gottesdienste andere, es wird auch viel voller sein als sonst. Bei aller Technik spielen Erfahrungswerte hier immer noch eine Rolle und so stellt der Küster sowohl für das große Krippenspiel am späten Nachmittag, für die Vesper um 17 Uhr als auch für die Mette am späten Abend die Heizkurven manuell neu ein, nachdem er die Verlaufswerte des Vorjahres verglichen hat.

14.00 Uhr

Die Kinder kommen zur Krippenspielprobe. Wie schon seit Urzeiten haben sich auch in diesem Jahr zwanzig Kinder gefunden, die mitmachen wollten. Eltern haben die Requisiten besorgt und gebastelt, Pfarrer U. ein neues Spiel geschrieben. Kurz vor der Generalprobe sind alle nervös, aber die Stimmung ist super. Die Kinder bekommen alle ihr stecknadelgroßes Minimikrofon angeheftet und die Sensoren an Zeigefinger und Daumen geklebt. Durch kurzes Antippen der Finger kann jedes Mikrofon an- und ausgeschaltet werden. Kurzer Soundcheck, alles klappt. Natürlich wird es auch heute wieder die ein oder andere Situation geben, wo ein Kind das vergisst und es zu überraschenden Geräuscheffekten kommt. Aber das war früher auch schon so, die alten Mikrofone mit oder auch ohne Kabel mussten herumgetragen und weitergeben werden und so kam es immer wieder zu unbeabsichtigten Effekten. Aber das hat noch niemand gestört, damals wie heute – wichtig ist doch, dass alle Spaß haben. Und den haben sie, bei allem Ernst mit dem die Kleinen am Werk sind.

Presbyterin C. geht noch einmal das Spiel durch und prüft, ob die Lichtanlage fehlerfrei funktioniert. Über fünfzig Lampen gibt es in der Kirche, sie lassen sich inzwischen alle über Smartphone bedienen, an- und ausschalten, dimmen. Der alte Schaltkasten war außerhalb des Kirchraums angebracht war mit seinen fünfzehn einzelnen Schaltern. Nach mehreren Defekten in der Anlage hatte das Presbyterium vor zwei Jahren dieses neue System einbauen lassen. Unscheinbar die Beleuchtung nun aus dem Kirchraum regeln zu können war ein großer Vorteil, nicht nur am Heiligen Abend. Schön war auch, dass die vier Strahler, die extra für das Krippenspiel aufgestellt wurden, sich ebenso in die Anlage integrieren und von ihr steuern lassen. Die neue Anlage ist eine große Verbesserung für das Management in diesem Raum, in dem neben Gottesdiensten auch viele musikalische Veranstaltungen unterschiedlicher Art stattfinden. Nachdem es vor fünf Jahren gelungen war, dem Denkmalschutz abzuringen, die alten Bänke entfernen zu dürfen und eine flexible Bestuhlung angeschafft werden konnte, war die Nachfrage von musikalischen und weiteren künstlerischen Gruppen enorm gestiegen. Inzwischen vermietete die Gemeinde mindestens einmal im Monat den Kirchraum mit seiner wunderbaren Akustik für eine kommerzielle Veranstaltung, die Investitionen für Lichtanlage und Bestuhlung werden so in weiteren drei Jahren refinanziert sein.

15.15 Uhr

Das Smartphone von Frau S. klingelt. In fünf Minuten wird ihre Mitfahrgelegenheit vor der Tür stehen. Frau S. lächelt, während sie Mantel und Schal anzieht. Ohne diese Möglichkeit käme sie mit ihren 82 Jahren heute wohl nicht zum Krippenspiel-Gottesdienst. Tolle Erfindung. Es geht so: Ihr Sohn hatte sie bei diesem Netzwerk angemeldet, das Menschen mit und ohne Auto problemlos zusammenbringt. Sie musste nicht mehr tun, als heute früh mit ihrem Smartphone (zugleich auch Fernbedienung für den Fernseher) den Gottesdienst mit dem Krippenspiel als Ziel auszuwählen und dann auf Mitfahrgelegenheit zu klicken. Es öffnete sich ein Fenster: »Von zuhause oder einem anderen Ort?«, noch ein Klick und nach einer Sekunde bekommt sie mitgeteilt, dass eine Möglichkeit besteht. Sie bucht mit einem weiteren Klick die Fahrt (kostet 2 € für eine Mitnahme im Ort). Auf der anderen Seite hatte Herr P. gestern ebenfalls als Ziel den Krippenspielgottesdienst angewählt, er allerdings als Fahrer. Auch er musste angeben, ob er von zuhause oder einem anderen Ort fährt und er muss natürlich die Zahl der freien Plätze angeben. Als Frau S. die Fahrt gebucht hat, bekommt Herr P. auf sein Handy die Mitteilung, dass er eine Person mitnehmen kann und ihm wird die Adresse mitgeteilt. Sie liegt nur eine Seitenstraße von seiner Ideallinie entfernt. Herr P. bekommt für diese innerörtliche Fahrt 1,90 Cent, 10 Cent behält der Anbieter. Eine Uhrzeit muss nicht vereinbart werden, denn es ist klar, wann alle an welchem Ort sein wollen. Wenn Herr P. in sein Auto steigt, verbindet sich automatisch sein Smartphone über GPS mit dem Server des Anbieters. Dieser berechnet die vermutliche Fahrzeit bis zur Adresse von Frau S. und schickt ihr fünf Minuten vor der voraussichtlichen Ankunft von Herrn P. eine Nachricht aufs Handy. Seit drei Jahren gibt es diese Anbieter in immer mehr Orten, da Autofahren ständig teurerer wird und Mitfahrgelegenheiten von immer mehr Menschen allein aus Kostengründen dem Luxus des eigenen Autos vorgezogen werden. Der Anbieter erleichtert die Zielauswahl, indem er verschiedenste Veranstaltungskalender im Netz regelmäßig abfragt. Daneben gibt es natürlich auch die Möglichkeit, eine Zieladresse anzugeben. Hier sucht das System dann ebenfalls Mitfahrangebote, Fahrerin oder Fahrer konnten dann angeben, welche Umwege sie bereit waren in Kauf zu nehmen. Es gibt auch die Möglichkeiten »fester« Vereinbarungen, nicht nur im Berufsverkehr. So lässt sich Frau S. z.B. nahezu jeden Sonntag zum Gottesdienst von einem Ehepaar mitnehmen – nur jetzt an Weihnachten sind die bei ihren Kindern. Hier ist das Buchen noch einfacher, beide geben an, ob sie können oder wollen, bei Übereinstimmung Signal. Auf diese Art und Weise steigt derzeit der Gottesdienstbesuch insbesondere von älteren, nicht mehr so mobilen Menschen wieder an, denen die digitale Übertragung nicht ausreicht.

16.00 Uhr

Eine Stunde vor der Vesper schließt der Küster die kleine weiße Kirche auf, per Klick über sein Smartphone. Er schaltet die Beleuchtung, die Lichter am Tannenbaum und den Herrnhuter Stern an (alles per Tastendruck) und fängt dann an, die Kerzen anzuzünden, mit der Hand, versteht sich. Dann steigt er hinauf zur Empore und schaltet die Anlage für die Live-Übertragung des Gottesdienstes ein. Vor fünf Jahren hat die Gemeinde damit angefangen. Das Presbyterium entschied sich dafür, die kleinste ihrer drei Kirchen zu wählen, um an jedem Sonn- und Feiertag einen Gottesdienst per Stream vor allem in die Häuser des Ortes zu übertragen. Natürlich ist es möglich, auch auf Hawaii oder in Istanbul die Christvesper aus der Heimatgemeinde zu schauen, aber die Gemeinde hat beim Netzanbieter eine Vertragsoption gewählt, dass die Menschen vor Ort bevorzugte Leitungen geschaltet bekommen. Gerade an Heilig Abend, wenn das Interesse an Gottesdiensten nicht nur in den Kirchen, sondern auch im Netz sehr hoch ist, kann es leicht geschehen, dass der Stream ruckelt. Immer noch, trotz aller Investitionen in verbesserte Leitungen. Aber der Netzausbau hinkt einfach immer wieder hinter all den neuen Ideen und Möglichkeiten her, die Menschen entwickeln, um die digitale Welt noch weiter auszugestalten und zu nutzen. Und zumindest die eigenen Gemeindeglieder sollen ruckelfrei sehen und hören können. Es kostet auch nicht die Welt, diese Option.

Zurück zur kleinen, weißen Kirche. Der Grund, diesen Kirchraum für die Live-Übertragung auszuwählen, war die Tatsache, dass an der Empore problemlos eine feste Kamera installiert werden konnte, die den Altarraum mit dem Stehpult einfängt. In den anderen beiden Gottesdienststätten wäre das nur mit mehreren Kameras oder mit einer schwenkbaren Einrichtung möglich gewesen. Dann hätte man aber auch für jede Übertragung eine/n Techniker/in oder Kameramenschen vor Ort haben müssen. Diesen – ob nun haupt- oder ehrenamtlichen – Aufwand wollte das Presbyterium niemandem aufbürden.

Interessanterweise hat sich die Befürchtung nicht bewahrheitet, dass mit der Übertragung des sonntäglichen Gottesdienstes die Kirchen leeren würden. Im Gegenteil. Gottesdienste ohne Übertragung wurden nicht schlechter besucht – die mit Übertragung sogar besser. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass es für viele interessant ist, in dem Raum, den ich nur »aus dem Fernsehen« kenne, auch »in echt« (einen) Gottesdienst(e) erleben zu können. Ein ähnlicher Effekt wie vor zehn, fünfzehn Jahren, als sich die sozialen Netzwerke ausbreiteten und viele Menschen den Wunsch hatten, ihren neuen »Freunden« aus dem Netz auch in der Kohlenstoffwelt »face-to-face« zu begegnen. Die Nachfrage auf die Gottesdienstübertragungen aus den örtlichen Gottesdiensten hatte viele überrascht. Die Zugriffszahlen stiegen beständig an und es waren keineswegs nur die Älteren und Gebrechlichen, die jetzt statt den seit Jahrzehnten in ARD und ZDF übertragenen Fernsehgottesdiensten lieber den Pfarrer, die Pfarrerin vor Ort einschalten. Oder sonntagfrüh mit der Fernbedienung in der Hand in Deutschland auf die Suche gehen nach Gottesdiensten, die ihnen gefallen. Sei es vom Raum, der Gestaltung oder auch der Predigt her. Dies hat natürlich auch zu Konkurrenz, Neid und Auseinandersetzungen in der Pfarrerschaft geführt, aber zugleich entwickelte sich noch einmal eine Diskussion um die Gestaltung von Gottesdiensten. Mittlerweile ist das Angebot an Live-Übertragungen praktisch schon Standard in jeder Gemeinde. Kein Wunder, denn technisch sind sie mittlerweile so simpel einzurichten wie vor zehn Jahren eine Video-Konferenz über Skype.

16.30 Uhr

Im Auto von Familie A. herrscht dicke Luft. »Wieder einmal bist du nicht pünktlich fertig geworden«, herrscht Frau A. ihren Mann an, »und jetzt kommen wir wieder nicht in die kleine weiße Kirche zum Gottesdienst bei Pfarrerin F.!« Wütend schaut sie dabei auf ihr Smartphone, dass ihr die freien Plätze in der Kirche anzeigt. Gerade für die Gottesdienste an Weihnachten hatte sich die Landeskirche vor drei Jahren ein System einfallen lassen, um der Frustration zu wehren, an Weihnachten vor einer vollen Kirche zu stehen. Es funktioniert so, dass an den Server in der Kirche ein Sensor angeschlossen wird, der jedes Smartphone einer Person zählt, die die jeweilige Kirche betritt. Da allenfalls kleine Kinder heute kein Smartphone besitzen, lässt sich so über das allgegenwärtige Netz abfragen, wie viele Plätze noch frei sind. Dabei werden automatische Rundungen eingerechnet, da bekannt ist, dass ca. 7% der Bevölkerung in der Regel an Heilig Abend das Handy zuhause vergessen. Die Gemeinde musste ansonsten nichts anderes tun, als einmal die Platzkapazität dem landeskirchlichen Server anzugeben. Alles weitere läuft vollautomatisch. Über das Smartphone kann ich abfragen, wie viele Plätze in meiner Wunschkirche noch frei sind. Dabei rechnet das System hoch, d.h. es bezieht die noch zurücklegende Entfernung der Personen mit ein und kann dabei über die GPS-Ortung auch selbst unterscheiden, ob jemand zu Fuß, mit dem Rad oder mit Auto unterwegs zur Kirche ist. Sobald die Plätze belegt sind, gibt es eine akustische Mitteilung auf das Handy von Frau A., die auch nur angeben musste, welchen Gottesdienst sie mit ihrer Familie besuchen möchte. Nun, mit der kleinen weißen Kirche wird das auch in diesem Jahr nichts mehr für Familie A. Aber es werden ihr auf Wunsch auch alternative Gottesdienste in der näheren Umgebung mit einer Platzprognose angezeigt. Ob das reicht, die schlechte Laune im Wagen zu beseitigen?

16.45 Uhr

Pfarrerin F. betritt die Sakristei und klinkt sich mit dem Handy in den Server der Kirche ein. Sie überprüft noch einmal, ob die Liednummern stimmen. Gerade heute kann da leicht was daneben gehen. An einem »normalen« Sonntag reicht eine Mitteilung und die Lieder gehen an Küster, Organist und das Übertragungssystem. Aber heute gibt es Liedblätter, weil die Zahl der Gesangbücher Weihnachten nicht ausreicht. Für die Übertragung müssen die Nummern zusätzlich eingegeben werden, weil diese während des Gottesdienstes im Livestream eingeblendet werden für diejenigen, die zuhause den Gottesdienst verfolgen – manche durchaus mit dem Gesangbuch in der Hand. Gleiches gilt für die Nummern der Psalmgebete und Teile der Liturgie. Die Reihenfolge wird zwar vorher festgelegt und im System hinterlegt, das Abrufen muss aber manuell zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Die Gemeinden haben hier unterschiedliche Modelle entwickelt, mal macht es der Küster oder die Küstern, mal eine ehrenamtliche Person oder, wie hier der Organist. Da es um Musik geht, hat man dem Kirchenmusiker diese zusätzliche Aufgabe übertragen, um noch eine zusätzliche sachliche Kontrolle zu haben – denn Fehler gibt’s immer wieder. An der Orgel ist ein Tablet befestigt, auf dem der Ablauf der Gottesdienstes angezeigt wird, per Touch auf den Bildschirm wird im Verlauf die jeweilige Information im Stream eingeblendet.

Die Gottesdienste werden auch nur live übertragen, es erfolgt keine Speicherung, die hinterher über einen Server abgerufen werden kann. Dies ist eine bewusste Entscheidung nahezu aller Gemeinden, damit soll das gleichzeitige Miterleben von Gemeinde im Kirchraum und vor den Bildschirmen unterstrichen werden. Aber natürlich steht es jedermann und -frau frei, zuhause eine Aufzeichnung selbst zu speichern oder dies über einen Timer vornehmen zu lassen, um sich den Gottesdienst zu einem anderen Zeitpunkt anschauen zu können – z.B. von denjenigen, die das Krippenspiel besuchen wollen und dennoch die Predigt von Pfarrerin F. nicht »verpassen« wollen. Es gibt Familien, die sich nach Essen und Bescherung hinsetzen und den Gottesdienst der »eigenen« Kirche gemeinsam verfolgen – weil sie nicht hingehen konnten oder wollten. Oder den aus der Heimatgemeinde, dem Urlaubsort…

16.50 Uhr

Frau D. sitzt in der Bank der kleinen, weißen Kirche. Sie ist zum ersten Mal hier. Ihre Tochter mit Familie ist in diesem Jahr hierhergezogen und zu Weihnachten ist sie erstmals zu Besuch gekommen. Und ein Gottesdienst muss sein. Neugierig, wie sie war, hatte sie schon vor einiger Zeit mal sonntags in die Übertragung hineingeschaut. Und jetzt war sie hier. Sie schaut auf das Liedblatt. Immer noch als Papier, sinnlich zum Anfassen. Wie schön, denkt sie. Bestimmte Sachen halten sich eben trotz aller Digitalisierung. Gesangbücher. Kollekte sammeln mit »richtigem« Geld. Unten auf dem Blatt ist ein kleiner Barcode abgedruckt. Neugierig ruft sie mit dem Smartphone die Informationen ab. Sie erhält ein paar Hinweise zu Geschichte und Ausstattung der Kirche und die Namen (und Gesichter) aller am Gottesdienst beteiligten Menschen, von der Pfarrerin über Organist und Küster. Kontaktdaten stehen auch da (mit der Bitte um Rückmeldungen jeglicher Art) und die Namen der Stücke, welche als Vor- und Nachspiel zu hören sein werden. Hinweise zur Kollekte ebenso inklusive Kontonummer von Brot für die Welt, dem traditionellen Sammlungszweck an Heilig Abend. Kommt ja nicht selten vor, dass jemand vergisst, echtes Geld für die Kollekte einzustecken. Wer bezahlt heute noch in einem Geschäft mit echtem Geld?! Selbst beim Toilettenautomat im Hauptbahnhof lässt sich mit dem Handy der Obolus entrichten, vor den Scanner halten, und fertig. Trotz aller Veränderungen haben die meisten Gemeinden dennoch auf ein vollständig bargeldloses »Einsammeln« der Kollekte bislang verzichtet. Nicht nur, weil sich manch älterer Mensch mit dem digitalen Bezahlen schwer tut. Der Effekt, das tatsächlich das Geld sichtbar zusammengetragen wird, ist ein hoher Wert, der Verbundenheit anschaulich macht. Aber in jedem Gottesdienst gibt es die Möglichkeit, online etwas zu spenden. Dazu gibt es auf den kleinen Blättern mit Veranstaltungshinweisen und andere Informationen aus der Gemeinde einen kleinen Barcode. Mit dem Smartphone Bild anwählen, es öffnet sich ein Fenster mit der Kontonummer der Gemeinde, der Kollektenzweck des Sonntags ist bereits eingetragen. Summe eintippen, klicken, mit dem Fingersensor legitimieren, und fertig. Dauert keine zehn Sekunden. Frau D. schickt mal gleich 20 € auf die Reise – sie hat heute Morgen vergessen in all dem Trubel in der fremden Stadt sich entsprechend Bargeld zu besorgen. Die Erfahrung zeigt, dass diese direkte Zahlungsmöglichkeit aus dem Gottesdienst heraus genutzt wird. Auch wenn die Benutzung des Handy während des Gottesdienstes – zwar nicht verboten, aber doch – verpönt ist, wenn die Kollekte gesammelt wird, gibt es den Hinweis: »Jetzt dürfen sie gerne auch online ihre Gabe überweisen.« Diese Möglichkeit wird genutzt – nicht nur am Heiligen Abend. Gerade Projekte vor Ort haben damit höhere Kollektenaufkommen erzielt als früher. Gerade astronomisch steigen die Spenden für den Kindergarten, wenn die KiTa-Kinder im Familiengottesdienst mitwirken.

17.00 Uhr

Um 16.55 beginnt die Übertragung, das Glockengeläut ist zu hören. Herr M. liegt auf seinem Sofa, den Blick gebannt auf den Bildschirm gerichtet. In diesem Jahr wird er nicht in der Kirche dabei sein können. Zu dumm, dass er da vor ein paar Wochen auf dem ersten Glatteis ausgerutscht und sich den Knöchel gebrochen hat. Mit Krücken und Hilfe geht es zwar zuhause, aber nicht in die Kirche. Aber na ja, besser als nichts. Seine Frau ist aber mit der Tochter hingegangen und er kann sie auch sehen, sie wissen ja, wo die Kamera hängt und wie man sich setzen muss, wenn man im Bild sein will. Und sie schaut dann auch ganz bewusst in die Kamera, als die Glocke verstummt, das hatten sie so vereinbart.

Zwei Häuser weiter liegt die 94jährige Frau O. in ihrem Bett und lauscht auch den letzten Tönen der Glocke. Ihr ganzes Leben hat sie in diesem Ort zugebracht und jahrzehntelang jeden Sonntag in der Kirche gesessen. Auch Presbyterin war sie einige Jahre gewesen und wo etwas zu tun war, da hat sie zugepackt. Als sie dann nicht mehr gehen konnte und ans Haus gefesselt war, war das furchtbar gewesen. Gemeindebrief und Besuche, all das ersetzte die vertraute Stimmung in der Kirche nicht. Daher war sie auch vor fünf Jahren sofort dabei gewesen, als das mit den Übertragungen anfing. Endlich wieder teilnehmen, und wenn auch nur am Bildschirm. Und was war das für eine Freude, als die Gemeinde ihr am Sonntag nach ihrem 90. Geburtstag in der Kirche ein Ständchen brachte und sie das live mitverfolgen konnte. So vieles geht ihr immer durch den Kopf während der Übertragungen. Erinnerungen, ausgelöst durch Lieder oder Texte – oder weil sie einen Menschen im Bild sah, den sie von früher her noch kannte. Und heute, an Weihnachten, was das sowieso etwas ganz Besonders. Vor bald neunzig Jahren war sie das erste Mal an Heilig Abend mit ihren Eltern in dieser Kirche gewesen und seither – bis auf die letzten Jahre – in jedem Jahr. Ob sie nächstes Jahr noch da sein wird? 95 wäre sie dann. »Wer weiß, es liegt in Gottes Hand«, murmelte sie leise vor sich hin. Und als die Orgel zu spielen beginnt und ihre beiden Töchter, ein Schwiegersohn und zwei Enkel sich zu ihr ans Bett setzen, die Nummer von »Stille Nacht« eingeblendet wird, die Gemeinde in der kleinen weißen Kirche zu singen beginnt und die Familie am Krankenbett mit einstimmt, da rollt eine Träne über ihr Gesicht. »Früher« hatte sie nichts mit diesem neumodischen Kram, Handys und Computer und so am Hut. »Macht ihr das mal, ihr Jungen«, hatte sie immer gesagt. Aber seit fünf Jahren war ihr dieser Satz nicht mehr über die Lippen gekommen. Sie wischt sich die Träne weg und beginnt leise mitzusingen, auswendig natürlich.

Zum Hintergrund der Narration:

Die digitale Vernetzung verändert unser Leben. Mich beschäftigt die Frage, was dies für das kirchliche Leben bedeutet. Wie werden wir z.B. in zehn Jahren an Heilig Abend Gottesdienste feiern? Die Frage ist schwer zu beantworten, weil die Macht der Gewohnheit sehr stark ist und Menschen gerade im und vom kirchlichen Bereich Verlässlichkeit und Bewahrung des Vertrauten erhoffen. Wenn sich schon alles ändert, dann doch bitte nicht in der Kirche. Aber wenn sich das gesellschaftliche Leben insgesamt wandelt, macht das vor den Kirchentüren nicht halt. Allerdings, so erlebe ich das zumindest, werden in den vielen Strukturreformen und Prioritätendiskussionen diese Veränderung selten thematisiert. Eigentlich kaum zu glauben, geht es doch dort immer auch um Einsatz von Geld und Ressourcen, von Personen und Gebäuden.

Vielleicht liegt der Beharrungswillen auch daran, dass es kaum konkrete Vorstellungen gibt, wohin die Reise geht. Und dies ist kein Problem allein der Kirche. Horrorszenarien werden schnell und viele an die Wand gemalt, auch in der Kirche (»Bis 2030 muss die evangelische Kirche mit der Hälfte des heutigen Geldes auskommen und die Zahl der Pfarrer/innen wird um die Hälfte schrumpfen«). Solche Bilder vermitteln nur Angst und Sorge und machen schlechte Laune. Harald Welzer und Stefan Rammler verorten diese Einstellungen auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft und suchen nach einem alternativen Ansatz, der eher zur Motivation führt. Sie vertreten die These, dass Erzählungen von einer gelingenden Zukunft hier hilfreicher sind als Katastrophengeschichten. Und sie geben Kriterien für diese Erzählungen an:

»Zukunftsbilder gelingender Transformation sollten (a) narrativ und emotional anschlussfähig, (b) hinreichend konkret und detailreich, (c) konstruktiv und positiv, dabei aber nicht unrealistisch sein.« (Der FUTUREZWEI Zukunftsalmanach 2013, S. 312)

Der Gedanke knüpft an Christian Salmon an, der vom einem »narrativist turn« in Europa und den USA spricht und »storytelling« für ein geeignetes Mittel hält, Veränderungen einzuleiten. Vorstellbarkeit wird so mit Hilfe von narrativen Alltagsszenarien geschaffen:

»Im Wechselspiel von Vision und Gegenwärtigkeit gilt es, eine Art Vertrautheit mit dem Zukünftigen herzustellen und so die Bereitschaft anzuregen, selbst in dieses Wechselspiel einzutreten, mögliche Veränderungen gedanklich auszuprobieren und schließlich eine experimentelle Grundhaltung der Zukunftsoffenheit dauerhaft anzunehmen. (…) Denn Veränderung entsteht zunächst im Kopf: Dann nämlich, wenn wir gedanklich so tun, als wäre sie schon längst eingetreten.« (S. 315)

Das ist der Hintergrund meiner Narration vom Heiligen Abend 2023. Nachdem ich dies gelesen hatte, fing ich an nachzudenken. Ortskundige in Voerde werden unschwer die Kirchen identifizieren können, die ich vor Augen hatte. Denn konkret und detailreich soll es ja sein. Andere Ideen, z.B. zur Mobilität sind durch das Buch von Welzer und Rammler angeregt.

Aufgrund der Länge habe ich den Text zur besseren Lesbarkeit auch in eine PDF gepackt: 2023, Heilig Abend in der Kirchengemeinde. Eine Narration.

3 Gedanken zu “2023, Heilig Abend in der Kirchengemeinde. Eine Narration.

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