Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Vortrag beim Landesvorstand der Christlich demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) Hannover am 10. November 2017

  • 1. Annäherung

Technik wird von Menschen geschaffen und eingesetzt. Wird sie zum Wohle anderer eingesetzt? Oder um ihnen zu schaden? Oder um mich zu verteidigen? Wir Menschen haben verschiedene Gesichter. Gier, Gewalt und Egoismus gehören zum Alltag genauso wie Liebe, Mitgefühl und Kooperation. Waffentechnik und Kriegstechnik, mit der Menschen über Menschen herrschen können, waren immer schon ein großer Antreiber in der Technikentwicklung neben dem Interesse, das Leben mir selbst und/oder der Gemeinschaft leichter zumachen. Und der Neugier, sich neue Horizonte zu erschließen. Technik hat zugleich mit Macht zu tun, sie gibt Macht, es braucht Macht, sie einzusetzen. Beherrscht die Technik den Menschen oder der Mensch die Technik?

  • 2. Evangelische Kriterien ethischer Betrachtung

Luthers Ethik setzt bei der Freiheit eines Christenmenschen an, die ihm von Gott geschenkt wurde und wird und die den Christenmenschen damit direkt aus dankbarer Liebe an seinen Nächsten wendet. In dieser Zuwendung geht es darum, miteinander so zu leben und zu wirtschaften, dass das Allgemeinwohl gestärkt und erhalten wird. Evangelisch ist es für Luther, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Nichts liegt ihm ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge im Wesentlichen auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Evangelisch ist es aber zugleich, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, diese im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Individualethik und Sozialethik behandeln sozusagen alle Themen und Fragestellungen aus einer je doppelten, aber aufeinander bezogenen Art und Weise. Das eine ohne das andere endet entweder in einer Art von gesinnungsethischen Weltvergessenheit oder in blanker Ideologie. Dabei gibt es keine Eigengesetzlichkeiten.

Evangelische Ethik ist grundsätzlich pragmatisch und abwägend, aber überall dort, wo die grundsätzliche Freiheit bedroht und gefährdet ist, auch durch Widerspruch. So konnte Luther u.a. Jakob Fugger und seine Zins- und Wucherpolitik auf das heftigste verbal attackieren. Luthers Kontrahent Müntzer zog aus der Beobachtung der massiven Armut und Unterdrückung der bäuerlichen Bevölkerung durch die Obrigkeit eine andere Konsequenz, für ihn gab es eine Grenze, nach der nicht nur Widerspruch, sondern Widerstand ethisch geboten sei. Für unsere Fragestellung: Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen ist diese Grenze zumindest immer mitzudenken: wo besteht die Gefahr, dass Technik den Menschen so beherrscht, dass nicht nur Widerspruch angesagt, sondern Widerstand geboten sein könnte? Höchstwahrscheinlich, hoffentlich in der Gegenwart eine theoretische Grenze, die aber dennoch immer mitgedacht werden muss, damit wir nicht am Ende feststellen, dass wir uns pragmatisch-abwägend in die totale Abhängigkeit begeben haben – ohne es zu merken. Ich komme ganz am Ende noch einmal darauf zurück.

  • 3. Technik in der Gegenwart

Wir Menschen heute sind in einer Art und Weise von Technik abhängig, wie das für frühere Generationen undenkbar gewesen ist und teils in vielen Regionen der Welt bis heute undenkbar ist. In dem Roman „Blackout“ von Marcus Elsberg wird anschaulich geschildert, was geschieht, wenn der Strom in Mitteleuropa ausfällt. Nach spätestens vierzehn Tagen sind die meisten von uns tot. Kommunikation, Kühlschrank und vor allem die Klospülung funktionieren nicht mehr und das führt innerhalb kürzester Zeit zu massiven Ausfällen in unserer Infrastruktur. Beherrscht die Technik den Menschen? Nun, zumindest sind wir abhängig von Technik, und das frei gewählt – auch und vor allem, weil uns der technische Fortschritt erhebliche Wohlstandsgewinne verschafft hat. Das löst zwiespältige Gefühle aus, wenn ich anfange, hier tiefer nachzudenken. Und es gibt ja das keineswegs neue Phänomen einer Ambivalenz zwischen Technikbegeisterung und Technikangst, zwischen Euphorie und Apokalyptik. Bei Erfindungen wie Fahrrad, Auto, Film, Telefon, Fernsehen und Computer konnte diese Ambivalenz immer wieder beobachtet werden, oft bis in die Worte hinein mit den gleichen Argumenten, dass der Untergang unserer Zivilisation mit dieser neuen Technik eingeläutet wird, während andere den Himmel auf Erden nahe wähnten.

Es kommt aber heute noch etwas hinzu.

Früher verlief der technologische Fortschritt langsamer und eher über Generationen hinweg. Meistens gab es eine Schlüsseltechnologie – heute dagegen sind wir mit etlichen technologischen Umwälzungen gleichzeitig beschäftigt, die auch noch aufeinander einwirken und uns in ihrer Komplexität und Schnelligkeit als Gesellschaft und als Einzelne überfordern. Das führt dazu, dass wir das Gefühl haben, die Folgen unseres Handelns nicht mehr im Griff haben. Wir sehen uns nicht mehr als gestaltende Akteure gesellschaftlicher Veränderungen, sondern versuchen nur noch auf die irrwitzig schnellen Änderungen zu reagieren. Kein Wunder, dass die Entwicklungen uns zwischen Begeisterung und Angst hin und her schleudern. Ich nenne nur mal einige Errungenschaften jüngster Zeit und Sie können ja mal mitzählen, was Ihnen davon bekannt ist (die Liste folgt Lars Jaeger, Supermacht Wissenschaft, S. 22-24 u. 129)

• Die Medizintechnik kann Querschnittsgelähmte heute schon wieder gehen lassen.
• Allein mithilfe unserer Gedanken können Roboter gesteuert werden.
• Menschen können sich mithilfe von Neuro- und Bewusstseinstechnologien in Maschinen verkörpern und haben dabei das Gefühl, sie seien selbst die Maschine.
• Im Tierversuch gelang es bereits, Gehirne so zusammen zu schalten, so dass sie als ein einziges Gehirn agieren.
• Erinnerungen konnten in tierische Gehirne transferiert werden.
• Mithilfe neuer gentechnologische Methoden können bereits gezielt Augenfarbe, Körpergröße oder Intelligenz von Tieren manipuliert werden, theoretisch ist das auch beim Menschen möglich.
• Bakterien können zu 100 % künstlich hergestellt werden.
• So genannte Quantencomputer sind in der Entwicklung, welche in ihrer Leistungsfähigkeit heutige Computer um das Millionenfache überschreiten werden.
• Nanobots, Roboter so groß wie Viren, werden in lebenden Organismen eingesetzt, um dort beispielsweise Krebszellen zu bekämpfen.
• Fleisch und funktionsfähige Organe können heute schon in 3-D Druckern ausgedruckt werden.
• Das Twittern von Hirn zu Hirn ist bereits in Einzelfällen gelungen.
• Das autonome Fahren ist technisch ebenfalls möglich, wird erprobt und die rechtlichen bzw. ethischen Implikationen werden diskutiert.

All diese Entwicklungen – und es gibt ja noch viel mehr – haben erhebliche Konsequenzen für unser Zusammenleben und sie sind komplex verschränkt. Sie eröffnen Chancen und beinhalten Risiken. Und sie haben mit Machtfragen zu tun, mit Herrschaftsfragen.

  • 4. Zwei Beispiele

a) CRISPR/Cas9 (Genomchirugie)

Das Editieren von Genen im Erbgut war lange Zeit aufwendig, teuer und fehleranfällig. Das lag vor allem an der Schwierigkeit, den DNA-Strang exakt an der erwünschten Zielsequenz aufzuschneiden. Die Gentechnologie konnte neue DNA-Sequenzen nur mit einer Art „Schrotflinten-Methode“ in das zu behandelnde Genoms einbringen. Das war eher eine ungenaue Vorgehensweise. Genau hier lieferte die neue Methode den entscheidenden Durchbruch. Ursprünglich stammt das CRISPR/Cas9-System aus Bakterien. Es dient ihnen als eine Art Immunsystem, mit dem sie Angriffe von Viren erkennen und abwehren können. Vor fünf Jahren hatten zwei Wissenschaftlerinnen die geniale Idee, daraus ein molekularbiologisches Werkzeug zu entwickeln. Zur großen Überraschung funktioniert es nicht nur bei Bakterien, sondern universal bei allen lebenden Zellen – in denen von Tieren und Pflanzen, aber auch in menschlichen Zellen.

Wie genau funktioniert CRISPR/Cas9? Zunächst muss im riesigen Genom einer Zelle punktgenau die Stelle gefunden und angesteuert werden, bei der eine Änderung durchgeführt werden soll. Dazu konstruiert man eine geeignete „Sonde“, die der DNA-Abfolge der jeweiligen Zielsequenz entspricht. Wenn die Sonde diese Stelle „gefunden“ hat, dockt sie dort an, um den DNA-Doppelstrang genau an dieser Stelle mit einer molekularen „Schere“ zu durchschneiden – bei CRISPR ist es das Cas9-Protein, welches an die RNA-Sonde gekoppelt ist. Anschließend treten die zelleigenen Reparatursysteme in Aktion: Sie flicken den durchtrennten DNA-Strang wieder zusammen – allerdings in der Regel mit kleinen Fehlern. Die Folge: Das betreffende Gen kann nicht mehr richtig abgelesen werden und ist so blockiert. Ein Gen mit einem Krankheitsträger wird also nicht mehr richtig gelesen, die Krankheit bricht nicht aus. Möglich ist auch, einzelne DNA-Bausteine auszutauschen oder kurze Sequenzen neu in den DNA-Strang einzubauen, also z.B. blaue Augen durch graue zu ersetzen.

Die Anwendungsmöglichkeiten liegen auf der Hand: Heilung von Erbkrankheiten, Ausrottung von Krankheiten wie Krebs, Züchtung von Pflanzen mit bestimmten Merkmalen und so weiter und so fort. Ein spannendes Werkzeug also, in viele Richtungen zu gebrauchen, aber es kommt noch etwas hinzu:

„Trotz ihrer unvergleichlichen Potenz ist die CRISPR-Technik so einfach Hand zu haben, dass sie jedem Genlabor, ja bald vielleicht gar gymnasialen Schulklassen zu Verfügung stehen könnte. Das liegt im Wesentlichen daran, dass lediglich ein Erbgutabschnitt mit etwa 20 Nukleotiden (‚Buchstaben‘) synthetisiert werden muss statt ein vollständiges Protein, um die Ziel-Schnittstelle festzulegen. Die Herstellung eines geeigneten CRISPR-Komplexes für eine bestimmte Gensequenz dauert nur ca. drei Tage und kostet um die 20 €. Zuvor betrugen Dauer und Kosten Vielfaches davon.“ (Jaeger 81)

Der sich selbst so bezeichnende „Bio-Hacker“ Josiah Zayner verkauft bereits „Biologie-Baukästen“ mit denen Sie und ich zuhause Bakterien manipulieren können.1
Wahrscheinlich läuft Ihnen wie mir ein Schauer über den Rücken, wenn Sie von dieser Methode hören. Vielen Wissenschaftler/-innen ging es ähnlich, und sie setzten sich für eine Art Moratorium ein, um die ethischen Implikationen zu diskutieren: Wann und unter welchen Voraussetzung könnte CRISPR/Cas9 hilfreich und sinnvoll sein, welche begründeten Bedenken und Grenzen sind erkennbar?

Wolfgang Huber ist in einem Aufsatz diesen Fragen im Sinne evangelisch abwägender Ethik nachgegangen. Huber geht dabei davon aus, dass grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen der Genomchirurgie an Körperzellen und an Keimzellen:

„Genomchirurgie an somatischen Zellen ist in ihren Auswirkungen auf das jeweilige Individuum beschränkt; Eingriffe in die Keimbahn haben, wenn sich daraus Individuen entwickeln, Konsequenzen für alle Nachkommen dieser Individuen. Die lebensgeschichtlichen Implikationen von Keimbahneingriffen für die einzelne davon betroffene Person wie für ihre möglichen Nachkommen greifen unvergleichlich viel weiter, als dies bei genomchirurgischen Eingriffen in die somatischen Zellen eines Menschen der Fall ist.“ (Wolfgang Huber, Eine neue Ära? Ethische Fragen zur Genomchirurgie. In: Zeitschrift für evangelische Ethik 60/2016, S. 273)

Beim Einsatz dieser Technik stellt sich also die Frage: Wie viel Macht geben wir einer Technik, ggf. die ganze Menschheitslinie zu verändern?
Huber diskutiert die ethischen Probleme der Genomchirurgie an vier in der Medizinethik häufig angewendeten Prinzipien: Fürsorge, Schadensvermeidung, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. Ich will das nicht im Einzelnen durchgehen, nur zwei Aspekte herausgreifen.
Huber argumentiert zum einen mit dem „Vorsichtsprinzip“:

„Je präziser wir die künftigen Wirkungen möglichen Handelns einschätzen und eingrenzen können, desto klarer können wir dessen Verantwortbarkeit beurteilen. Je undeutlicher diese künftigen Wirkungen sind, desto mehr ist Vorsicht geboten. (…) Mit der Anwendung auf die menschliche Keimbahn (…) können sich langfristige Auswirkungen ungewisser Art und ungewisser Reichweite verbinden. (…) So lange solche Risiken weder ausgeschlossen noch in ihrem Ausmaß beschrieben werden können, ist ein international vereinbartes Verbot gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn in einer moralischen Perspektive vergleichbar plausibel wie ein Verbot des Klonens.“ (Huber 277f.)

Damit ist ethisch eine Grenze gezogen, die im Blick auf gentechnische Eingriffe in Keimzellen Vorsicht angeraten sein lässt.

Zweitens: Huber fragt unter diesem Gesichtspunkt Gerechtigkeit nach der Unterscheidung von Therapie und Heilung einerseits und Verbesserung und Perfektion durch gentechnische Eingriffe und deren Finanzierung durch die Krankenkassen. Ausgehend von der Einsicht, dass Heilung und Therapie nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind, formuliert er:

„Der Gemeinschaft der Versicherten wird man nur die Finanzierung von Behandlungen zumuten, die zur Behebung von Krankheiten notwendig, medizinisch effektiv und in ihren Kosten vertretbar sind. Maßnahmen des Enhancement würden, wenn sie überhaupt zugelassen würden, nach meiner Vermutung auf absehbare Zeit von der Kassenfinanzierung ausgenommen sein. Sie wären dann also nur für Menschen erschwinglich, die sich diese zusätzlichen Kosten im eigenen Interesse oder im Interesse ihrer Kinder leisten könnten und wollten. Nehmen wir an, die Förderung von musikalischer Begabung, sportlichem Vermögen, wissenschaftlicher Exzellenz oder beruflicher Leistungsfähigkeit wäre tatsächlich durch positive Eugenik zu erreichen, dann würde gesellschaftliche Ungleichheit durch gentechnische Mittel verschärft. Befähigungsgerechtigkeit und daraus folgend Beteiligungsgerechtigkeit würden, zusätzlich zu ohnehin bereits gravierenden sozialen Unterschieden, auch noch durch den ungleichen Zugang zu Möglichkeiten des Enhancement beeinträchtigt.“ (Huber 279f.)

Wem gibt diese Technik welche Macht? Was kostet sie – und wen? Wer profitiert von ihr und in welcher Weise? Ich komme auf die Frage noch zurück, vorher aber noch das zweite Beispiel.

b) Quantencomputer und KI

Bei der Genomchirurgie taucht im Hintergrund die Frage auf: Wann ist der Mensch ein Mensch? Und wie lange bleibt der Mensch Mensch? Diese Frage ist auch im Blick zu halten in meinem dritten und letzten Beispiel technischer Entwicklung: der Quantentechnologie und der künstlichen Intelligenz (KI).
Diese Entwicklung ist zum Teil noch Science Fiction, weil noch niemand einen Quantencomputer gebaut hat, der funktioniert. Aber die Forschung ist dran und nach Einschätzungen von IBM wird es in ca. zehn Jahren Quantenprozessoren geben, die die Rechenkapazität heutiger Superrechner um ein Millionenfaches übertreffen. Ich verzichte darauf, an dieser Stelle die Hintergründe der Quantentechnologie zu erläutern, mir geht es um die ethischen Fragen, die solch eine dramatische Erweiterung der Datenverarbeitung aufwerfen. Denn KI bekäme einen ungeheuren Entwicklungsschub. Die Forschung unterscheidet zwischen schwacher und starker KI:

Schwache KI „löst konkrete Anwendungsprobleme des menschlichen Denkens, wofür sie komplexe Algorithmen anwendet. Sie erkennt zum Beispiel Gesetzmäßigkeiten in Mustern, Zeichen oder Sprache, erlernt und automatisiert einfache Handgriffe, (…) entwickelt Lösungsstrategien in Spielen wie Schach oder Go und findet Informationen in großen, ungeordneten Datensets. Indem sie mit Algorithmen intelligentes Verhalten in Maschinen simuliert, unterstützt sie in Einzelbereichen unser Denken. (…);

starke KI dagegen simuliert keine Intelligenz, sondern sie ist intelligent. Sie kann wie der Mensch kreativ nachdenken und dadurch etwas Originelles, vorher nicht dagewesenes Neues schaffen. In ihr finden somit echte geistige Prozesse statt.“ (Jaeger 212)

Nun ist es so, dass starke KI noch Zukunft ist und sich derzeit noch nicht erkennen lässt, ob und wann sie möglich ist, die Forscherinnen und Forscher sind hier unterschiedlicher Auffassung. Ich kann nachvollziehen, dass es eines „Sprungs“ bedarf, der aus reiner Datenverarbeitung geistige Prozesse werden lässt. Viele Forscher/innen halten dies derzeit unmöglich für „machbar“. Nun ist aber genau dieser Sprung irgendwann und irgendwie im Lauf der Evolution geschehen. Von daher fällt es mir schwer, grundsätzlich auszuschließen, dass es eines Tages Computersysteme geben könnte, die genau solche „Rechenleistungen“ wie sie in unseren Gehirnen ablaufen, möglich machen. Eine Grenze zwischen starker KI in diesem Sinn und dem Menschen, wie wir ihn kennen, könnte in der Emotionalität liegen, die untrennbar mit dem Körperempfinden und unseren sinnlichen Wahrnehmungen verbunden ist. Hier stellen sich viele Fragen, alles rein hypothetisch – aber es macht Sinn, allein die Möglichkeiten und Konsequenzen heute ethisch mit zu reflektieren, um vorbereitet zu sein, wenn doch möglich wird, was unmöglich scheint.

Aber allein im Bereich der schwachen KI sind bereits heute atemberaubende Fortschritte gemacht worden, die sich mit Hilfe der Quantentechnologie noch einmal in nicht vorhersehbarer Weise exponentiell ausweiten werden. Nach und nach wird uns bewusst, dass KI bereits heute erheblich auf unseren sozialen Alltag einwirkt. Facebook präsentiert mir maßgeschneiderte Nachrichten aus meiner Filterbubble, Google schlägt nach einem für mich nicht nachvollziehbaren Algorithmus Suchergebnisse vor, Bots nehmen in Wahlkämpfen Einfluss auf Wählerinnen und Wähler oder versuchen es zumindest. Und mit jeder Erfahrung „lernen“ die Systeme hinzu. Da geht es dann um die Frage: Welche Macht wird mit dieser Technik ausgeübt? In welchen Händen liegen die Machtmittel? Und wer kontrolliert, reguliert diese Machtmittel?

Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie durch Techniken „beherrscht“ werden, aber auch, dass sie sich ihnen verweigern können. Nun kann jede und jeder für sich entscheiden, nein, Alexa lasse ich nicht in mein Wohnzimmer und schon gar nicht in mein Schlafzimmer und WhatsApp installiere ich nicht auf meinem Smartphone. Aber insgesamt kann ich mich in dieser Gesellschaft diesen Entwicklungen nicht entziehen und zugleich ahnen wir, dass wir die Technik nur bedingt kontrollieren können. Aber hinter der Technik stehen Menschen, die Technik interessengeleitet einsetzen, aus ökonomischen, politisch-strategischen, militärischen Erwägungen. Wer kontrolliert diese Menschen?

Evangelisch abwägend drehe ich mich nun aber um und sage:

Auf der anderen Seite könnte aber KI vielleicht zu rationalen, vernünftigen, pragmatischen Lösungen für Probleme wie Klimaerwärmung, soziale Ungerechtigkeit, Ernährung der Weltbevölkerung kommen, auf die wir Menschen „allein“ nicht kommen. Beim autonomen Fahren wird das zB diskutiert mit der Hoffnung auf weniger Unfälle intelligentere Streckennutzung und somit CO2-Vermeidung, alles Auswirkungen, die uns Menschen zugute kommen (können/könnten), ein Beitrag zum guten Leben, zum Allgemeinwohl? Warum nicht auch Technologie auf andere Problemfelder ansetzen? Wohlgemerkt, alles noch im Bereich der schwachen KI, in denen Menschen Maschinen programmieren, ihnen Fragestellungen vorgeben.

Die Problematik liegt insbesondere in der Tatsache, dass sich der technologische Fortschritt atemberaubend schnell entwickelt, sowohl exponentiell als auch in komplexer Verschränkung, so dass wir Menschen mit unseren geistigen Fähigkeiten, der ethischen Reflexion und der Suche und Vereinbarung nach politischen Regelungen nicht mehr hinterherkommen.

Chancen und Risiken im Bereich der prognostizierten Entwicklungen von schwacher und starker KI scheinen alptraumhaft komplex zu sein, so dass sich die Frage stellt, ob sie überhaupt ethisch angemessen reflektiert werden können. Ich sehe die Gefahr, dass sich die Dinge „einfach so“ entwickeln, weil gesetzliche Regelungen nicht mehr hinterherkommen, zugleich es vermutlich immer jemanden geben wird, der ein Interesse daran hat, dass Mögliche auch Wirklichkeit werden zu lassen. Im Bereich von schwacher KI beherrscht immer noch der Mensch die Technik, fragt sich nur welche Menschen und mit welchen Interessen. Erst wenn es doch eines Tages den Sprung zu starker KI geben sollte, dann allerdings stellt sich Frage nach Herrschaft durch Technik „an sich“ über Menschen in neuer Form.

  • 5. Schlussbetrachtung

Ich möchte zum Schluss zwei Aspekte eher grundsätzlicher Natur mit Ihnen bedenken.

a) Was ist der Mensch, was soll er sein?

Mit einer Gruppe von Männern habe ich im letzten Jahr die Roboter-Ausstellung des DASA in Dortmund besucht und wir hatten dabei das Glück, einen exzellenten Führer zu haben. Er sagte zu Beginn: „Zunächst werden Sie begeistert sein, von dem, was Sie hier sehen und was ich Ihnen nahe bringe. Doch glauben Sie mir, in einer Stunde, am Ende der Führung werden Sie sehr nachdenklich die Ausstellung verlassen.“ Und genauso kam es. Sehr schweigsam setzten wir uns erst einmal reichlich mit uns selbst beschäftigt ins Cafe. Was war geschehen? Nun, unser Führer zeigte uns am Ende die Möglichkeiten der Verbesserung und der Perfektionierung des Menschen durch Prothesen, künstliche Organe usw. auf. Und er fragte: „Was ist denn, wenn künstliche Beine uns wesentlich schneller und länger laufen lassen als meine eigenen Beine? Was ist, wenn künstlich gezüchtete Herzen, Nieren und Lebern leistungsfähiger sind als meine eigenen? Was ist, wenn die Wahrnehmungsfähigkeit meiner Augen und Ohren erheblich verbessert werden kann? Bin ich dann am Ende ein besserer, weil leistungsfähiger Mensch? Besteht nicht recht schnell nicht nur der Wunsch, sondern auch die moralische Verpflichtung, sich so verbessern zu lassen, auch im Blick auf meine Leistungsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber? Und vor allem, ist der Mensch dann noch ein Mensch, wenn z.B. mehr als die Hälfte seiner inneren Organe, äußeren Glieder und Wahrnehmungsorgane durch bessere ersetzt wurden?“

Hier wird eine ganz neue Entwicklung erkennbar:

„Hat der Mensch in den letzten 250 Jahren durch Wissenschaft und Technologie seine Umwelt und seine Lebensbedingungen massiv verändert, so waren dabei das biologische und psychisch-geistige Fundament seines Wesens und seiner Subjekthaftigkeit weitestgehend unberührt geblieben. Aber nun wird der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte tatsächlich selbst Gegenstand technologischer Entwicklungen. (…) Diese Eingriffe in unsere Psyche, unsere Genetik und unser Denken stellen jeden von uns, unsere Kinder und Kindeskinder in unserem Wesen als Mensch grundlegend in Frage: unseren Körper in seiner eigenständigen Individualität, unsere Freiheit, unser Erleben und Fühlen, (…) also all das, worüber wir uns bisher als menschliche Subjekte definiert haben. Wir sind auf dem Weg, einen neuen Menschen zu schaffen. Eine grundlegende Veränderung unserer Biologie, unserer Psyche und Wahrnehmung, unseres Bewusstseins und unserer gesamten Identität zeichnet sich bereits ab.“ (Jaeger 156f.)

Es geht weniger in Zukunft um die Frage: Was ist der Mensch?, sondern um die Frage: Was soll er denn sein? Und wann und wie lange ist ein Mensch (noch) ein Mensch? Wenn er durch vielfältige „Verbesserungen“ aufgebohrt und getunt wird, sagen wir zu 50, 70, 80% durch technische Gerätschaften, „Ersatzteile“…? Und für wen wird das zugänglich, wer bezahlt die Verbesserung des Menschen? Und herrschen diese verbesserten Menschen aufgrund ihrer erworbenen Fähigkeiten dann über das „normale“ Volk, dass sich das nicht leisten kann?

Diese Fragen haben auch mit einer Traditionslinie zu tun, die mit Luther und der Reformation begann, der Ausrichtung an einem egozentrischen Individualismus:

„Diente das anthroprozentrische Weltbild seit Jahrhunderten der Befreiung von dogmatischen Zwängen religiöser und intellektueller Unterdrückung und ermöglichte dabei ebenso eine bedeutende Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen, so schuf es zugleich den Legitimationsraum für einen egozentrischen Individualismus und eine ichbezogene Vorstellung von Freiheit, die eine kollektiv-vernünftige Reaktion auf Bedrohungen wie die drohenden globalen ökologischen Umwälzungen sehr schwierig erscheinen lässt.“ (Jaeger 324)

An vielen Stellen bricht der Gedanke derzeit auf, und vielleicht ist es Hoffnungszeichen, dass wir wieder mehr vom Ich zum Wir kommen müssen, ein Gedanke der absolut mit dem Grundverständnis evangelischer Ethik übereinstimmt, der Orientierung am Nächsten und damit am Allgemeinwohl statt am Egoismus, sei es auf individueller Ebene oder im Blick auf Regionen und Nationen – „America first!“ ist aus evangelischer Sicht undenkbar.

b) Dürfen wir alles, was wir können? Und wenn nein, was folgt daraus?

Letztlich stehen wir wieder vor einer grundlegenden Frage: Dürfen wir überhaupt alles machen, was wir technisch machen können? Schon im Bereich der Nutzung der Atomenergie standen wir aufgrund der möglichen langfristigen Auswirkungen vor dieser Frage und wir haben auch dort gelernt: Leider gibt es keine einfache Antwort. Und heute?

Doch können wir überhaupt noch die Büchse der Pandora geschlossen halten? Ist sie vielleicht längst in geheimen Laboren geöffnet? In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hieß es in der letzten Woche:

„Das Pentagon und der Internetkonzern Google planen offenbar enorme Investitionen in die künstliche Intelligenz, um gemeinsam die Militärtechnik zu revolutionieren. In einer Debatte der Washingtoner Denkfabrik ‚Center for a New American Security‘ betonte Eric Schmidt, Vorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet, dass die Sicherheit künftig in entscheidendem Maße von der künstlichen Intelligenz abhänge. Selbsthandelnde und selbstentscheidende Roboter würden zu einer enormen Herausforderung werden. Und die Vereinigten Staaten, die für sich in Anspruch nehmen, die schlagkräftigste Armee der Welt zu unterhalten, seien in Gefahr, ihren Vorsprung in dieser Technologie zu verlieren. Ganz offen spricht Schmidt den stärksten Mitbewerber an: Das chinesische Militär habe ein Programm zur künstlichen Intelligenz aufgelegt, das bis 2020 auf Augenhöhe mit den amerikanischen Neuentwicklungen stehen soll. ‚Die chinesische Führung prescht energisch voran. Bis 2025 will sie in dieser Technologie das US-Militär überrunden und ab 2030 den Markt der künstlichen Intelligenz dominieren‘, so Schmidt. Es sei daher höchste Zeit, dass die eigene Armee entsprechende Aufträge an die private Industrie vergibt, um in diesem Wettlauf auch weiterhin die Nase vorn zu behalten.“ (HAZ vom 3. November 2017)

Was folgt daraus?

Aus protestantischer Ethik, die vom Dienst am Nächsten ausgeht, muss trotzdem zuallererst ein sachgerechter Pragmatismus gefordert werden. Dieser beinhaltet die Bereitschaft, sich auf die komplexen Fragestellungen einzulassen und auch die Machtfragen mit im Blick zu halten: Wer hat die Macht die Technik? Wem gibt Technik Macht? Dienst als Zuwendung zum Nächsten aus Liebe heraus ist keineswegs voraussetzungslos, sondern höchst anspruchsvoll. Es geht nicht um Gesinnung und nicht um Ideologie, nicht um einfache Antworten, sondern um die Frage: Wie können heute und in Zukunft und unter welchen Voraussetzungen Menschen gut leben? Welche Regelungen und Haltungen sind dafür erforderlich, wo ist ggf. auch Widerspruch oder gar Widerstand zu leisten?
So weit so gut – doch was ist, wenn das „Programm“ evangelischer Sozialethik mit seinem abwägenden und sich an einem vernünftigen Maß orientierendem Pragmatismus selbst an seine Grenzen kommt angesichts der Herausforderungen, vor denen wir heute stehen?

In der ZEIT stand vor zwei Wochen ein Artikel von Bernd Ulrich „Die Wahrheit auf sechs Beinen“ (ZEIT 44/2017, S. 3). Dort ging es um das Insektensterben und die Frage, warum die Politik diese Thematik nicht aufgreift. Bernd Ulrichs Antwort lautet: Die Politik hat den Sinn fürs Radikale verloren, weil ihr ein breiter Konsens und die mittlere Vernunft wichtiger sind. Zitat:

„Unglücklicherweise zeigen sich die demokratischen Dilemmata der mittleren Vernunft, der kleinen Schritte, des maßvollen Kompromisses heute nicht nur bei der Ökologie. Auch das globale Bevölkerungswachstum, die explodierenden Ansprüche der Menschen aus den früheren Demutszonen der Erde – alles führt in dasselbe Problem: dass nämlich sehr oft nur das Radikale das Realistische, nur das Rasche besonnen und nur das Riesige groß genug ist.“

Es bleibt für uns als Menschen eine offene Frage, wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen dem vernünftigen Maß und der Abwägung verschiedener Alternativen einerseits und dem Widerstand und Protest gegenüber Entwicklungen andererseits, die uns als Menschheit und im Blick auf das Leben auf diesem Planeten insgesamt im Blick auf künftige Generationen menschlichen, tierischem und pflanzlichen Lebens bedrohen.

Ich wechsle ein letztes Mal die Perspektive und frage:

Bleibt aber nicht umgekehrt zugleich die beunruhigende Frage, ob wir uns nicht an der Schöpfung „versündigen“, wenn wir die uns bietenden Möglichkeiten nicht einsetzen, um Lösungswege für die Herausforderung allein des Klimawandels und seiner Folgen für das Leben auf diesem Planeten zu finden, Lösungen, auf die wir als Menschen „allein“ nicht kommen. Ist dann nicht aus evangelischer, schöpfungstheologischer Sicht geradezu Widerspruch, ja Widerstand gegen das Prinzip des mittleren, vernünftigen Maß angesagt – weil es um die Zukunft der Lebensmöglichkeiten von Menschen, Tieren und Pflanzen geht?

Viele Fragen, schwierige Fragen. Wer hat Antworten?

Manchmal ist es erst mal einmal wichtig und richtig, die Fragen über zu identifizieren und zu stellen, um die es geht. Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen? Aus meiner Sicht ist dies eine Frage, die immer wieder zu stellen ist, damit sie wach gehalten wird und wir wachsam bleiben.

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Mobilität in der Bibel

Mobilität in der Bibel

Mobil zu sein ist schon immer Teil des Menschseins.
Menschen reisen mit guten oder weniger guten Absichten.
Vielfach voller Sehnsucht und zielgerichtet, ganz oft aber auch fluchtartig und unfreiwillig.
Alles auch schon in biblischer Zeit.

Adam und Eva müssen das Paradies verlassen.
Kain kann nach dem Brudermord nicht bleiben und zieht in das Gebiet jenseits von Eden.

Abraham verlässt auf das Wort Gottes hin seine Heimat und kommt so nach Kanaan.
Sein Sohn Jakob flieht später nach dem erschlichenen Segen in die Ferne, kommt nach Jahren zurück.

Joseph wird an Sklavenhändler verkauft, kommt nach Ägypten und macht dort Karriere.
Und eines Tages steht seine Familie vor ihm, die der Hunger aus der Heimat nach Ägypten getrieben hat, weil es heißt, da hätte einer gut vorgesorgt für schlechte Zeiten.

Generationen später führt Mose sein Volk Israel aus der Sklaverei durch die Wüste zurück ins gelobte Land, eine vierzig Jahre währende Reise zwischen Sehnsucht und Alpträumen.

König David führt einen Krieg nach dem anderen und zieht dazu mit seinem Heer von Ost nach West, von Süd nach Nord.

Elia flieht vor Königin Isebel, die ihn aus Rache ermorden lassen will, weil Elia vierhundert Baalspriester töten ließ.

Die Oberschicht Israels wird nach einer vernichtenden Niederlage gefangen nach Babylon geführt.
Ihre Nachkommen dürfen eines Tages in die Heimat zurückkehren, nachdem der Perser Kyros seinerseits Babylon erobert hat.

Maria und Joseph müssen von Nazareth nach Betlehem reisen, um sich registrieren lassen.
Nach der Geburt Jesu geht es aber nicht zurück nach Hause, nein, sie müssen vor Herodes nach Ägypten fliehen.
Und die Astrologen aus dem Osten sind noch viel länger unterwegs nach Betlehem und folgen dabei einem Stern.

Jesus selbst reist drei Jahre auf und ab durchs Land, redet vom Himmelreich und heilt Herzen und Körper.

In vielen seiner Geschichten sind Menschen unterwegs:
Der verlorene Sohn verprasst auf seiner Luxusreise alles, was er hat, und beschließt am Schweinetrog, sich noch einmal ganz anders auf den Weg zurück zu machen.
Oder der Handlungsreisende, der unter die Räuber fällt. Geistliche, die zum Tempel reisen, lassen ihn links liegen, aber ein ausländischer Samariter rettet ihn.
Und auch Zachäus gäbe es überhaupt nicht, wenn Handel nicht so selbstverständlich und alltäglich wäre, dass es lohnt, hier Zölle zu erheben und Zollstationen zu bauen.

Die Reise zum Passahfest nach Jerusalem ist jährlich Teil des jüdischen Lebens, für Jesus ist die erste Reise dorthin zugleich seine letzte.

Jesus schickt seine Jünger los, um das Evangelium zu verkünden, mit reichlich wenig im Gepäck.

Petrus und andere machen sich nach Ostern auf den Weg, von der Auferstehung zu erzählen und den Auferstandenen zu verkünden.

Ein Finanzminister aus Äthiopien ist so neugierig, dass er bis nach Jerusalem reist, um etwas über den Gott der Juden zu erfahren. Trotz verschlossener Türen am Tempel reist er schließlich getauft fröhlich zurück.

Und ohne Paulus und seine Reisen säßen wir heute nicht hier, ohne seinen unbändigen Willen, das Evangelium bis an die Enden der Welt zu tragen.

Mobil sein zu können, ist Teil des Menschseins.
Menschen reisen mit guten oder weniger guten Absichten.
Manchmal ist Mobilität sogar überlebensnotwendig.

(Wort zum Tage auf unserer KDA-Dienstbesprechung, auf der wir uns ausführlich über VW und die Zukunft der Automobilindustrie austauschten.)

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Rezension von: Generation Y – wie wir glauben, lieben und hoffen (Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein)

Das Buch ist eigentlich unmöglich. Es versucht die Frage zu beantworten: Was glaubt die Generation Y, eine Generation, die so vielfältig ist, dass sie nicht zu beschreiben ist?

Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein haben sich dennoch auf den Weg gemacht. Sie haben Fragebögen verschickt und ausgewertet, Interviews gemacht und christliche Aufbrüche besucht, haben mit der Eltern- und Großelterngeneration diskutiert (konkret: mit Christina Brudereck und Fulbert Steffensky), sind auf Spurensuche in der Musik gegangen und haben eine Fotografin mit der Kamera losgeschickt. Und am Ende formulieren sie auf zwanzig Seiten das, was eigentlich unmöglich scheint: Eine Sicht auf den Glauben der Generation Y. Herausgekommen ist dieses Buch. Und Stephanie hat ein paar Exemplare verschenkt an Menschenkinder, die es nicht nur lesen, sondern auch darüber schreiben wollten. So kam es auch zu mir. Danke Stephanie!

Ich habe es an zwei Wochenenden, also nicht einem Zug, sondern in zwei Zügen, gelesen. Ich fand es spannend, anregend, überraschend. Und es lässt mich nachdenklich, hoffnungsfroh und zugleich ratlos zurück. Aber das sagt nichts über die Qualität der Arbeit der beiden Autorinnen aus, sondern liegt im Thema begriffen.

Die Ratlosigkeit liegt für mich daran, dass ich mich gefragt habe: Worin unterscheidet sich denn jetzt der Glaube der jungen Frauen und Männer von dem, was ich einst glaubte und heute glaube? Ich bin Mitte 50, also Elterngeneration der Generation Y (ganz buchstäblich: wir haben drei Kinder zwischen 27 und 30). Ziemlich weit hinten, auf Seite 202, beschreiben die beiden Autorinnen den Glauben in aller Kürze – und ich finde mich dort Wort für Wort wieder (bis vielleicht die letzte Passage, die auf Ostdeutschland bezieht, die Mauer fiel, als ich 28 war).

Ich teile auch die Unruhe über die innerkirchlichen, innergemeindlichen „Zustände“, die ich 25 Jahre als Gemeindepfarrer selbst in allen Schattierungen erlebt habe. Ich teile den Schmerz von Stephanie und Hannes:

„Wir sind auf der Reise zu unserem Buch nämlich auch jungen Menschen begegnet, die sich nicht mehr als Christen sehen, weil sie sich mit christlichen Gemeinden nicht identifizieren können und nicht etwa, weil sie nicht mehr glauben würden. Das zerreißt uns das Herz“ (209).

Auf der anderen Seite blitzt hier und da aber auch Ehrfurcht und Hochachtung vor der, ich sag mal augenzwinkernd „großen, alten Dame“ Kirche, die in ihrer langweiligen Beständigkeit der Garant dafür ist, dass sich pausenlos und immer und immer wieder neue Aufbrüche ergeben, aus der Unruhe über Traditionen und Strukturen heraus (2017 denken wir grade über so einen Unruhestifter intensiv nach).

Beides gehört für mich zusammen: Die große, alte Dame „besitzt“ die Kirchräume, die zum Staunen und innehalten einladen, sie verbindet über Texte und Lieder Menschen über Generationen hinweg. Dazu Taize und Kirchentag, die mittlerweile eigentlich auch schon zur Tradition gehören. Und dann eben Versuche wie Exodus, polylux oder Stadtveränderer. Ich fand es interessant, dass Christina Brudereck erzählt, dass sie das Wort Verwobenheit von der Generation Y gelernt hat. Ich kenne es auch, aber von Hannah Arendt her. Vielleicht sind wir uns viel näher als vermutet? Ich folge dieser Spur noch etwas weiter in Gedanken und versuche für mich eine Antwort zu finden: Was ist denn nun wirklich neu?

Neu scheint mir, dass wir in dieser Zeit vermehrt gefragt werden: Was glaubst du? Im Buch kommt es nur am Rand hier und da vor, aber wir leben zunehmend nicht nur in einer religiös pluralen Gesellschaft, sondern auch in einer Zeit, in der Menschen beginnen, genau diese Frage stellen: Was glaubst du eigentlich? Und wir – Christinnen und Christen – sind es nicht gewohnt, darauf eine Antwort zu geben. In einem Vortrag hat der ehemalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber genau dies beschrieben: Da kommen Menschen muslimischen Glaubens und fragen: Was glaubst du? Manchmal ganz offen, manchmal aber auch nur durch die Tatsache, dass viele – keineswegs alle – Muslime stärker auch in ihrem Alltag den Glauben praktizieren und zur Sprache bringen. Und das trifft auf Menschen in der Volkskirche, in der wir es nicht gewöhnt sind, über unseren Glauben zu sprechen, häufig nicht mal mit der eigenen Familie, schon gar nicht mit der Pastorin, dem Pastor. Und das löst auch Angst aus, aber das ist ein anderes Thema.) Daher bin ich ganz nahe bei Stephanie und Hannes, wenn sie schreiben:

„Wir haben den Verdacht, dass das noch viel zu wenig passiert: dass Christen laut und deutlich von ihrem Glauben reden, welche Rolle er in ihrem Leben spielt und was er ihnen bedeutet (oder auch nicht). Und dabei reden wir nicht mehr nur von unserer Generation. Es braucht die Ermutigung, die eigene Meinung zu sagen und ein eigenes Glaubensbekenntnis zu formulieren“ (205).

Genau! Und an vielen Orten fängt das an, wenn zB in diesem Jahr 2017 an vielen Orten Wände aufgestellt werden und die Menschen eingeladen werden, ihre Thesen öffentlich (!) zu formulieren. Auf der anderen Seite erleben wir das im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) immer wieder, dass wir von Menschen in Betrieben auf unseren Glauben hin angesprochen werden. Und keineswegs nur wir Spezialisten! Vor einiger Zeit berichtete mir eine Theologiestudentin von einem Praktikum in einem Industriebetrieb. Sie wurde pausenlos auf Kirche und Glaube angesprochen, „nur“ weil sie Theologie studierte. Ich glaube, es existiert so viel Sehnsucht in unserem Land, über Glaube, Religion und ja, auch über Kirche zu sprechen, aber wir trauen uns zu selten, oder wir trauen uns auch nicht, zu fragen: Was glaubst du? Das könnte doch eine Chance sein.

Wenn uns das verbindet, und wir die Fäden miteinander verweben, so dass Verwobenheit nicht nur entsteht sondern sichtbar gemacht wird, artikuliert wird in Worten, in Musik, in Bildern und Zeichenhandlungen, toll. Und dann, das ist meine Hoffnung, wird es so sein, dass wir unseren eigenen Glauben viel schöner in Händen halten, achten und feiern können. Und mit einer klareren Identität freuen wir uns über all die wunderbaren neuen Versuche und beginnen vielleicht am Ende auch die große alte Dame Volks- oder Landeskirche neu schätzen zu lernen, weil wir wissen, was wir an ihr haben.

Und ja, vielleicht werden auch die Fragen an der etablierten Kirchen präziser und drängender, zB: Was genau ist eigentlich eine Gemeinde? Im volkskirchlichen Setting scheint das ganz klar: das ist die örtliche Parochie, die gilt es unter allen Umständen zu erhalten. Doch – stimmt das denn? Es existieren doch jetzt schon viele Gemeinden an einem Ort nebeneinander, nicht nur evangelische und katholische „Gemeinden“. Könnte da nicht eine kreative Unruhe in unsere verunsicherte und um ihre Zukunft ringende Volkskirche kommen? Die hannoversche Landeskirche arbeitet gerade an einer neuen Verfassung, und die Öffnung des Gemeindebegriffes ist eine der zentralen Vorschläge, ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Liebe Stephanie (und lieber Hannes), vielen Dank für das Geschenk, dass ich mit Eurem Buch erhalten habe. Es hat mich angeregt, einer Spur zu folgen, einer Spur, die Ihr so beschreibt:

„Vielleicht fangen wir damit an, dass wir uns gegenseitig fragen: Worauf setzt du deine Hoffnung? Was ist deine Sehnsucht? Was beflügelt dich? Wie verantwortest du dein Leben? Was glaubst, worauf hoffst und wen liebst du?“ (220)

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Zugegeben: Es ist keine einfache Kost. Doch wer sich auf das akribisch recherchiert und eng an den Quellen entlang aufgebaute Werk von Siegfried Bräuer und Günter Vogler einlässt, wird reich belohnt. Das Buch bietet einen tiefen Einblick in die turbulente Zeit, die wir heute Reformation nennen und bringt dabei eine seit 500 Jahren höchst umstrittene Person näher: Thomas Müntzer. Drei Aspekte bleiben mir aus der Lektüre nachhaltig in Erinnerung.

I.

„Als Theologen und Historiker Luther und seine Förderer zur alleinigen Norm für die Beurteilung des Reformationsgeschehens erhoben, wurden abweichende Auffassungen und konkurrierende Bewegungen zumeist als ihre Lehren verworfen und Müntzer als ‚Außenseiter‘ abgestempelt. Doch in den frühen Jahren, als sie die reformatorischen Bewegungen erst allmählich Konturen gewannen, war die Situation noch offen und waren unterschiedliche Optionen möglich.“ (14)
„Im Reich herrschte zu dieser Zeit eine angespannte Situation: Die Befürworter reformatorischer Erneuerungen suchten die bisher erreichten Ergebnisse zu sichern, radikalere Kräfte drängten auf eine energische Weiterführung des reformatorischen Prozesses, und altgläubige Bischöfe und Fürsten formierten sich zum Gegenschlag, um diese Entwicklung zu stoppen.“ (250)

Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger. Das ist zwar banal, aber gerät schnell im Tagesgeschäft aus dem Blick. Das gilt auch für die Reformation und wir tun gut daran, uns gerade in diesem Jahr daran ausdrücklich zu erinnern. Bei der Lektüre der Biografie Müntzers habe ich mich mehr als einmal gefragt: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Geschichte anders ausgegangen wäre? Wenn Martin Luther keine mächtigen Fürsprecher gehabt hätte? Was wäre geworden, wenn einer der Landesherren durch die leidenschaftlichen Predigten Müntzers sich auf dessen Seite geschlagen hätte und ihn bei seinem Versuch einer Neuordnung der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse unterstützt hätte? Wie wäre die Geschichte weitergegangen, wenn die Bauernaufstände erfolgreich gewesen wären und sich ein Umsturz der politischen Verhältnisse in Deutschland vollzogen hätte? Natürlich ist es müßig, darüber zu spekulieren. In einer turbulenten Zeit, in der alles drunter und drüber ging, in der die verschiedensten Ideen theologischen Ansätze nebeneinander existierten, hat sich am Ende Martin Luther durchgesetzt und seine Theologie prägt unsere evangelische Kirche bis heute. Müntzer ist dagegen der Verlierer.

II.

Die Rolle von Macht und Politik in dieser Zeit, in diesen religiösen und kirchlichen Umbruch, ist mir an einer Stelle besonders aufgefallen. Bekannt ist schon lange, dass die Erfindung des Buchdrucks wesentlich dazu beigetragen hat, die Gedanken der Reformation rasant zu verbreiten. Die Reformatoren haben erkannt, welche Macht ihnen diese neue Technik gibt und sie genutzt. Neu war für mich, das schon zur Zeit Luthers die Druckereien in den Städten die zu druckenden Bücher und Flugblätter häufig der Obrigkeit (dem Rat, dem Landesherren) vorlegen mussten und diese eine Druckgenehmigung erteilten – oder auch nicht. Die Autoren zeigen sehr gut auf, mit welchen Hindernissen hier Thomas Müntzer zu kämpfen hatte. Bereits gedruckte Texte wurden wieder eingezogen, Buchhändlern „bei Leibesstrafe“ verboten, Traktate zu verkaufen. Seine Ideen waren zu Beginn der Bauernaufstände weit weniger bekannt und verbreitet als die Texte Luthers. Technischer Fortschritt war auch schon zur Zeit der Reformation auch eine Frage der Macht: Wer besitzt, wer erteilt das Recht, Texte zu veröffentlichen und zu verbreiten? Welche Interessen sind damit verbunden? Und welchen Preis hat Martin Luther dafür gezahlt und wir als protestantische Kirche in seiner „Nachfolge“? Und was folgt aus dieser Beobachtung oder Erkenntnis für die Beurteilung aktueller Technik, zB im Bereich der Digitalisierung? Wer hat hier Macht?

III.

„Die Befreiung von sozialen Lasten und die Vertreibung der sie verursachenden Tyrannen waren für Münzer Voraussetzungen, um eine ‚unüberwindliche Reformation‘ in der Gestalt vollziehen zu können, wie er sie aus seinem Glaubensverständnis abgeleitet und verkündet hatte.“ (374)

Müntzer hat im Unterschied zu Luther sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Glaube praktisch wird. Glaube ohne Praxis ist kein Glaube. Nun aber stellte Münzer fest, dass ihm nirgends gelungen ist, dies umzusetzen. Seine Predigt war in dieser Hinsicht nicht erfolgreich. Am Ende wird er radikal, weil er für sich die Konsequenz zieht: Die Menschen sind nicht in der Lage zu glauben, bei der Lebensverhältnisse so bedrückend sind, dass sie sich der Evangelium nicht öffnen können. Daraus folgt für ihn:

„Münzer respektierte die Obrigkeiten, wenn sie ihrer Pflicht nachkommen, die Untertanen zu schützen. Doch angesichts der Erfahrung, dass viele Regentin ihre Pflichten verletzten, tyrannisch handeln, Gläubige wegen ihres Glaubens verfolgen und das Evangelium missachten, vertrat er ein Widerstandsrecht.“ (393)

Manches, was ich hier von und über Müntzer gelesen habe, erinnerte mich an die Diskussion um den Widerstand gegen Hitler und die Möglichkeit der christlich legitimierten Beteiligung am Tyrannenmord. Dietrich Bonhoeffer haben diese Fragen immens beschäftigt und er war sich am Ende darüber im Klaren, dass seine Kirche ihm nicht folgt. Die Frage bleibt aber doch virulent: Ist jede Obrigkeit von Gott legitimiert? Und wenn nein, welche Kriterien legen wir an? Angesichts der „Krise“ von Demokratien und dem Wiedererstarken diktatorischer Regime und Tendenzen eine hochaktuelle Fragestellung.

„Müntzers Aufforderung, der Welt eine neue Ordnung zu geben, ist so aktuell wie zu seiner Zeit. Luther sprach den Bauern das Recht und die Macht ab, die Verhältnisse zu verändern. Müntzer hingegen sah die Zeit gekommen, sie grundlegend neu zu gestalten, und das hieß auch, dem auserwählten Volk die Gewalt dazu zu geben.“ (400)

Erst muss die Welt neu werden, erst muss eine neue Ordnung herbeigeführt werden, erst muss die Ausbeutung durch die Fürsten muss beendet werden, damit die Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, sich der Predigt zu öffnen. Was bedeutet dies für Predigt, Gemeindeaufbau und Mission? Muss sich Kirche nicht viel stärker um die Verbesserung von Lebensverhältnissen einsetzen, damit Menschen darauf „vorbereitet“ werden, glauben zu können? Und welche Vision von lebenswerten Umständen haben wir bzw. entwickeln wir aus der Schrift, zB aus den visionären Texten in den Prophetenbüchern, der Bergpredigt oder der Offenbarung des Johannes? Gibt es so etwas wie eine biblisch fundierte Vision des „guten Lebens für alle“? Und versündigen wir uns an uns selbst und an der Gesellschaft, wenn wir diese Fragen ausblenden, dies nicht verkündigen in Wort und Tat? Die Autoren jedenfalls ziehen am Ende dieses Fazit:

„(Müntzers) Blick war auf die Zukunft gerichtet, in dem er die Veränderung der Welt im Blick hatte. Mit der Verurteilung seiner Lehre wurde auch das Verdikt über seine Vision gesprochen. Wenn jedoch religiöse, soziale oder politische Visionen als nicht opportun abgetan werden, versinkt die Gesellschaft in reinen Pragmatismus. Doch die Menschen leben auch von Hoffnungen und Fragen, was zukünftig sein wird.“ (400)

Die nächsten Jahren werden noch voller 500jähriger Jubiläen sein. Ich hoffe, dass dann auch die Person und Theologie von Thomas Müntzer ähnlich kritisch gewürdigt wird, wie das in diesem Jahr mit seinem großen Kontrahenten Martin Luther geschehen ist. Es wäre lohnenswert – für Kirche im Besonderen und unsere Gesellschaft im Allgemeinen, um der Gefahr zu wehren, in reinem Pragmatismus zu versinken, hüben wie drüben.


Siegfried Bräuer/Günter Vogler: Thomas Müntzer: Neu Ordnung machen in der Welt. Eine Biographie. Gütersloher Verlagshaus 2016, 58 €