Meine Ahnen

Meine Ahnen

Heute Nachmittag blättere ich die digitalen Bilderalben durch, die mein Vater mir/uns hinterlassen hat.

Dabei stoße ich auf dieses wunderbare Foto aus dem Jahr 1959.

Mein Vater hat es gemacht, daher ist er logischerweise nicht auf dem Bild.

*

Ganz links außen steht Franz Schnabel, der Vater meiner Mutter.

Der Ahne, dem ich mich am stärksten verbunden fühle.

So eine Art Lebemann, frech, selbstbewusst und leicht provozierend steht er da.

Ich erinnere mich an die Tüten mit Gummibärchen, die er mir und meinem Bruder immer mitbrachte.

Witzig war er, spielte Schach mit mir und verlor immer, was ihn eher erheiterte.

Er rauchte Astorzigaretten und lutschte Rheilapillen.

Manchmal gab er mir eine ab, den Geschmack habe ich bis heute im Mund.

Buchhalter war er in der Firma meiner Großvaters.

Ich glaube, die Liebe für  Exceltabellen habe ich von ihm, obwohl er niemals eine gesehen hat.

*

Neben ihm steht der Vater meines Vaters, Hermann Jung.

An ihn habe ich wenig Erinnerung, er starb, als ich sechs oder sieben war.

Er hatte einen steifen kleinen Finger, das war für mich seinerzeit eine Sensation.

Ich habe ihn als ruhigen und klaren Mann in Erinnerung.

Aus Erzählungen weiß ich, dass er in der Nazizeit Stärke zeigte, dabei zugleich so geschickt vorging, dass er nicht im KZ landete.

*

Ganz links  außen steht die Mutter meines Vaters, Ernestine Jung.

Ich habe sie nie bewusst kennengelernt, sie starb, als ich gerade auf der Welt war.

Sie war sehr nierenkrank, mein Vater war das einzige Kind von etlichen Schwangerschaften, das überlebte.

Ich habe keine Ahnung, aber ich denke, sie war überglücklich, mich als ihren ersten Enkel kurz vor dem Tod noch in ihren Armen halten zu können.

*

Die Mutter meiner Mutter, Berta Schnabel, steht neben ihr.

Ein wenig distanziert schaut sie drein.

Sie hatte es nicht leicht im Leben.

Musste mit meiner Mutter flüchten aus dem Bombenhagel in Frankfurt.

Wartete Jahre auf ihren Mann, der in Frankreich in Gefangenschaft war.

Und dem es dort besser ging als meiner Oma und meiner Mutter in Hermannstein.

Später fanden sie einerseits ihr kleines Glück in einem Haus.

Aber sie kam mit ihren Depressionen nicht zurecht.

Sie kosteten ihr das Leben.

Bis heute sehe ich meinen Großvater, ihren Mann, vor Augen.

An dem Morgen, nachdem sie sich erhängt hatte.

Schweigsam mit einer Zigarette im Wohnzimmer meiner Eltern sitzend.

*

Ja, und dann meine Mutter Erika in der Mitte.

Großartig, oder?

Sie steht da und beherrscht das Foto.

Und die Familie.

Ihre Kommunikationsfähigkeit war beeindruckend.

Und ich erinnere mich an so manches Gespräch am Küchentisch.

Wenn ich aus der Schule zurück war.

Mein Vater im Büro und mein Bruder irgendwo.

Und dann redeten wir.

Manchmal denke ich, das habe ich von ihr gelernt.

Wenn ich heute mich so auf einen Kaffee mit irgendwelchen Menschen treffe und wir dann ins Gespräch kommen.

Eine meiner liebsten Tätigkeiten, einfach so quatschen.

Keineswegs belanglosen Kram, aber ungeplant, zufällig und intensiv.

Die Szene am Küchentisch, für mich eine Urerfahrung von Kommunikation.

*

Und dann mein Vater.

Er steht hinter der Kamera.

Die Leidenschaft für Fotografie habe ich von ihm geerbt.

Was ging ihm durch den Kopf, als er auf den Auslöser drückte?

Ich vermute:

Großes Glück und Dankbarkeit.

Und beides erfüllt auch mich, wenn ich auf dieses Foto schaue.

Zukunft unserer Arbeit

Zukunft unserer Arbeit

Impulsreferat auf der Kirchenkreiskonferenz Hannover Amtsbereich Süd-West
am 14. Februar 2017

Drei Trends, zwei Perspektiven
Die Zukunft unserer Arbeit kann ich grundsätzlich aus zwei Perspektiven betrachten.
Einmal stellt sich mir selbst die Frage: Was kommt auf mich zu in den nächsten fünf oder zehn Jahren? Als Pfarrer/-in und Diakon/-in, als Superintendent? Was kommt auf meine Partnerin, meinen Partner zu? Welche Perspektiven haben meine Kinder, die vielleicht noch in der Schule sind, oder im Studium? Verändern sich Strukturen meiner ganz persönlichen Arbeit? Verändern sich meine Arbeitsinhalte und -aufgaben? Verändert sich meine Methodik? Sieht mein Schreibtisch buchstäblich vielleicht in ein paar Jahren anders aus? Arbeite ich in fünf Jahren noch an diesem Arbeitsplatz? Solche Fragen treiben Frauen und Männer um, die einen weniger, andere mehr. Das mag von Branche zu Branche unterschiedlich sein, manchmal sogar von Unternehmen zu Unternehmen innerhalb einer Branche, und auch von Kirchenkreis zu Kirchenkreis. Und es hat auch damit zu tun, an welchem Punkt ich gerade im Lebenslauf stehe: Wie lange bin ich noch berufstätig? Stehe ich eher noch am Anfang? Bin ich mittendrin? Oder beginnt die letzte Dekade, wie bei mir gerade?

Diese individuellen Fragen sind eingebettet in die großen Trends unserer Zeit. Und das ist die zweite Perspektive, unter der ich, unter denen wir nach der Zukunft unserer Arbeit fragen können. Und müssen! Denn es gilt ja auch Entscheidungen zu treffen, in Unternehmen ebenso wie in Dienstleistungsbereichen, öffentlicher Verwaltung und im kirchlichen Bereich. Im Bereich von Personalplanung, Gebäuden, Aufgabenbereichen, Arbeitsorganisation und -ausstattung. Und auch im Blick auf meine eigene Arbeit, immer wieder.

Nun sind die Meinungen über die Trends im Blick auf die Zukunft von Arbeit zahlreich, weit und groß und an vielen Stellen widersprüchlich. Logischerweise, weil Trends werden immer auch aus bestimmten Interessenlagen formuliert. Unternehmer/-innen und Arbeitnehmer/-innen schauen da schon sehr unterschiedlich drauf. Einig sind sich allerdings mehr oder minder alle darin, dass es heute nicht möglich ist, auch nur einigermaßen präzise vorauszusagen, wie unser aller Arbeit in fünf Jahren aussieht. In diesen Wust von Trends möchte ich drei nennen, die ich für bedeutsam halte und erläutern, warum das heute so schwierig ist.

a) Demographischer Wandel.
Wer aufmerksam die Zeitungen liest, stellt fest: den Fachkräftemangel gibt es längst. Dazu sollen viele weitere Stellen geschaffen, im Bereich Pflege 8.000 (lächerlich wenig), bei der Deutschen Bahn 19.000, im Bereich Bildung soll investiert werden. Unzählige Pfarrer/-innen gehen in den zwanziger Jahren in Pension, die geburtenstarken Jahrgänge, und wir wollen ersetzt werden. Und so weiter und so fort, das Handwerk sucht händeringend nach Gesell/-innen und die Gerichte befürchten, ihren Aufgaben irgendwann nicht mehr nachkommen zu können, weil der Nachwuchs zahlenmäßig die Lücken nicht schließt. Nur: Wo sollen eigentlich all die Menschen für diese vielen Stellen herkommen? Es gibt sie schlicht nicht. Oder nicht in ausreichendem Maß. Momentan wird dies noch weitgehend ignoriert. Alle versuchen, mit verbessertem Marketing Menschen anzulocken. Dieses Spiel machen auch wir in der Kirche mit. Doch was ist gewonnen, wenn alle ihre Anstrengungen hoch fahren, sich als Arbeitgeber attraktiver machen wollen? Die Werbeindustrie freut es und diejenigen, die auf Stellensuche sind, aber der zu verteilende Kuchen wird nicht größer. Und was dann? Wohlstandsverlust mit all seinen Folgen? In der Pflege sind wir schon nah dran. Oder Zuwanderung mit all ihren Folgen?

b) Digitalisierung.
Digitalisierung ist längst kein Thema mehr, sondern Grundbestandteil unserer Lebens. Die Veränderungen in unserem privatem und beruflichen Bereich sind atemberaubend. Ich glaube, ich habe vor genau 20 Jahren einen Internetanschluss erhalten. Mit einen 28k Modem. Im ersten Monat hatte ich eine Rechnung von 80 € bei der Telekom zu berappen. Ein Handy hatte ich seinerzeit noch nicht. Und heute? Die Speicherkapazitäten und die Leistungsfähigkeit von Prozessoren in Laptops, Tabletts und Smartphone verdoppelt sich seit Jahren jährlich. Der Trend wird etwa bis Mitte der zwanziger Jahre anhalten, sagen Fachleute. Wenn Sie jetzt an das berühmte Schachbrettspiel mit dem einen Reiskorn auf dem ersten Feld usw. denken, dann können wir zumindest sagen: Da kommt noch was auf uns zu. Wie sich das auf unsere tagtägliche Arbeit auswirken wird, ist zur Zeit rein spekulativ. Und nach 2025 haben wir vielleicht bereits funktionsfähige Quantencomputer, die in der Prognose die Leistungsfähigkeit heutiger Geräte millionenfach (!) überschreiten wird. Das ist schlicht jenseits unserer Vorstellungswelt. Markus Albers geht in seinem Buch „Digitale Erschöpfung“ davon aus, dass in zehn Jahren niemand mehr auf den kleinen Bildschirm gucken wird. Sie werden verschwunden sein. Sprachsteuerung und Brillensysteme werden sie ersetzen. Alexa und die klobigen Brillen, über die wir heute lachen, wenn wir auf der CeBIT damit jemand ungelenk hantieren sehen, die sind nur der Anfang. Die werden kleiner und feiner oder noch ganz anders. Wie auch immer, sie stellen riesengroße Herausforderungen für die Gestaltung von Arbeit dar, und zwar auch deswegen, weil all das mit unendlich vielen Fragen von Datensammlung, Datensicherung und Datenmissbrauch zusammenhängt.

c) Klimawandel.
Der dritte Trend, den ich nennen möchte, ist der Klimawandel. Seine Folgen werden unser Leben genauso auf den Kopf stellen wie die Digitalisierung. Der Unterschied: Momentan fangen wir erst an zu spüren, zu ahnen, was da auf uns zukommt. Es wandern Tiere zu, die früher nicht hier heimisch waren. Das Wetter wird feuchter und die Landwirtschaft sucht nach passendem neuen Saatgut. Wir sehen im Winter die Sonne wochenlang nicht. Der Hochwasserschutz wird in Zukunft teurer und Versicherungen ebenfalls. Noch geht das langsam voran. Mein Eindruck: Alle wissen es, aber wir ignorieren es, der alltägliche Klein- und Großkram liegt uns näher. Beispiele? Schauen Sie sich an, was in den GroKo-Verhandlungen an Klimaschutz herausgekommen ist. Oder: Stephan Weil und Bernd Althusmann konnten im November auf dem Tag der Niedersächsischen Wirtschaft jeweils 60 Minuten über die drängendsten Herausforderungen der Gegenwart für die Wirtschaft und damit unsere Gesellschaft reden, ohne das Wort Klimawandel in den Mund zu nehmen. Gott sei Dank war als dritter Redner unser Landesbischof geladen, der dies dann in aller Deutlichkeit korrigiert hat. Doch wir brauchen nicht so weit zu schauen: Auch innerhalb unserer Landeskirche ist das Bewusstsein an vielen Stellen noch kaum vorhanden. In meinem Fachbereich arbeitet das Team Umwelt- und Klimaschutz unter Reinhard Benhöfer. Eine wesentliche Aufgabe ist die Umsetzung des von der Synode beschlossenen Klimaschutzkonzepts. Und das läuft durchaus stockend. Ich frage mich: Wenn nicht wir als Kirche, die wir von dem Auftrag herkommen, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren, wer dann?
Drei Trends, alle haben Auswirkungen auf die Zukunft der Arbeit und damit auf unser Leben. Weil wir arbeiten, um zu leben. Um arbeitsteilig Güter und Dienstleistungen zu erstellen, um unser Leben gut und schön zu machen. Je unser sehr eigenes, persönliches Leben, und das Leben Gesellschaft, in Dorf, Stadt und Region, in unserem Land und Europa und darüber hinaus. Die Globalisierung ist kein Trend mehr, das haben wir umgesetzt.

Jeder dieser Trends für sich hat Auswirkungen auch auf die Zukunft der Arbeit der Kirche, also auf unsere beruflichen Tätigkeiten (auch auf Ehrenamt, aber das steht heute nicht im Fokus).

Der demographische Wandel führt dazu, dass wir Mangel an Pfarrer/-innen spüren, in KiTas und diakonischen Einrichtungen jetzt schon Probleme haben.

Die Digitalisierung spüren wir vielleicht noch nicht so stark, weil unsere Angebote sehr stark auf die persönliche Begegnung in der analogen Welt ausgerichtet sind, mit gutem Grund. Doch ich bin mir nicht sicher, ob das so bleibt. Wenn die schon angesprochenen digitalen Brillen der Zukunft uns vielleicht schon in wenigen Jahren in digitale Räume versetzen, in denen es für die Wahrnehmung in unserem Gehirn erst einmal keinen Unterschied mehr macht, ob ich für ein Teammeeting nach Hannover fahre oder mich in einen virtuellen Konferenzraum begebe. In einen Raum, in dem meine Sinne – Augen, Ohren, Hände – das Gefühl haben, wir sitzen „wirklich“ in einem Raum gemeinsam zusammen. Und wenn das so realistisch sein wird – wollen wir diese Erfahrung Menschen vorenthalten, die vielleicht nicht mehr zu unseren Senior/-innenkreisen oder Gottesdiensten kommen können? Könnte sich für uns in Kürze die Frage stellen, ob es Teil unseres Auftrags von Verkündigung und Seelsorge sein könnte, solche Räume für Seelsorge, Gottesdienst und Begegnung zu eröffnen, um auch dort nah bei den Menschen zu sein? Und das ist nur ein Beispiel.

Und der Klimawandel? In Krisenzeiten ist Menschlichkeit und Hilfe gefragt und da wird uns als Kirche und Diakonie immer Kompetenz zugesprochen und wir trauen uns auch selbst viel zu, völlig zu Recht. „Profitieren“ Kirche und Diakonie als Arbeitgeber am Ende von Wanderungsbewegungen, die aus meiner Sicht unaufhaltsam sein werden, vermutlich verbunden mit viel Hass und Gewalt? Andererseits werden Hochwasserschäden und andere Folgen des Klimawandel sich auch auf unsere Gebäude und Standorte auswirken. Oder es werden Menschen aus der Kirche austreten, wenn die Steuern erhöht werden müssen. Das hätte wieder nachteilige Folgen für unsere Arbeit.

Alles Spekulation, die Entwicklungen ein einziges Hin und Her, das ich hier nur mal exemplarisch anreiße aus Sicht der drei beschriebenen Trends und einiger weniger Beispiele. Und was die Zukunft unserer Arbeit endgültig unmöglich macht zu prognostizieren, ist die Tatsache, dass diese drei Trends nicht nur schiedlich, friedlich nebeneinander her existieren, sondern mannigfaltig aufeinander einwirken, sich befördern oder behindern oder beides zugleich. Wird die Digitalisierung den demographischen Wandel erleichtern? Werden die durch den Klimawandel notwendigen Wanderungsbewegungen sich positiv oder negativ für den deutschen Arbeitsmarkt erweisen? Kann die Digitalisierung technische und soziale Lösungen finden, um die Aufheizung des Planeten zu stoppen? Die Liste der Fragen lässt sich schier unendlich fortsetzen – und all das hat Auswirkungen auf die Zukunft unserer Arbeit.

Die Zukunft unserer Arbeit und die Kirche
Was können wir als Kirche für die Zukunft der Arbeit tun? Wir können sicher nicht die Trends im großen Stil beeinflussen, aber wir sind ihnen auch nicht hilflos ausgeliefert. Wir können viel mehr tun, als wir vielleicht im ersten Moment denken. Und wir tun auch eine Menge. Denn wir sind als Kirche Teil des Arbeitssystems. Unsere Arbeit ist schon immer Teil der Arbeitswelt. Und damit bestimmen wir sehr wohl mit, wie die Zukunft unserer Arbeit in der Gesellschaft aussieht, ob uns das bewusst ist oder nicht. Und zwar gilt und geschieht das in dreifacher Perspektive.

a) Ganz persönlich
Jede und jeder von uns arbeitet. Jede und jeder von uns hat eine bestimmte Haltung zur Arbeit, verbindet bestimmte Werte mit der Arbeit, gestaltet Arbeitsinhalte ganz individuell aus. Jede und jeder von uns hat auch Meinungen und Einstellungen zu den drei Trends, die ich genannt habe. Und all das fließt in das gemeinsame gesellschaftliche Nachdenken und Gestalten heutiger und zukünftiger Arbeit mit ein.

b) Kirche als Institution
Aber auch als Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Landeskirche und ihre Einrichtungen und als Diakonie gestalten wir die Zukunft der Arbeit mit. Wir sind Arbeitgeber, wir besitzen Gebäude und manchmal Ländereien, wir sind öffentliche Auftraggeber für Handwerk und Handel, wir nehmen Dienstleistungen bei Energie, Telekommunikation in Anspruch, und wir haben ein umfangreiches Beschaffungswesen. Durch die Arbeitsplätze, die wir anbieten und ausgestalten und durch die Aufträge, die wir vergeben, gestalten wir die Zukunft von Arbeit und Wirtschaft mit. Dessen sind wir uns oft nicht so bewusst. Wenn ich alleine schaue, mit welchen Widerständen unsere Klima- und Umweltschützer bei der Umsetzung des landeskirchlichen Klimaschutzkonzepts zu kämpfen haben, dann ist da noch eine Menge Luft nach oben. Und auch im Bereich der Bezahlung von Erzieher/-innen und Pflegekräften. Nicht alleine, aber wir sind Teil des Systems und können Einfluss nehmen.

c) Funktionale Dienste
Auch der KDA als funktionaler Dienst der Kirche gestaltet die Zukunft der Arbeit mit. Nach innen in die Kirche hinein, zum Beispiel durch Vorträge wie diesen. Aber vor allem auch in die Gesellschaft hinein, indem wir uns mit unseren spezifischen Blickwinkeln und Fragestellungen in den Dialog mit Unternehmen und Verbänden, Gewerkschaften und alternativen Bewegungen begeben, uns in Auseinandersetzungen einmischen und hier und da auch versuchen, eigene Akzente zu setzen, insbesondere aus dem Blickwinkel „von unten“, wie Dietrich Bonhoeffer es einmal formuliert hat.
Wir sind als Kirche Teil der Zukunft der Arbeit, wir gestalten sie mit und wir verantworten sie mit. Ob wir uns bewusst mit diesen Fragen beschäftigen oder nicht, wir sind als Einzelne und als Kirchengemeinden und anderen kirchlichen und diakonischen Einrichtungen Teil des Systems und gestalten mit. Eine Kirche, die nah an den Menschen sein möchte und für das gute Leben aller eintritt und streitet, muss sich mit den Trends auseinandersetzen.

Mein Eindruck ist: Beim demographischen Wandel geschieht dies längst, bei den anderen beiden Trends weniger. Digitalisierung nehmen wir noch lange nicht genug war, vielleicht weil wir glauben, dass unsere analogen Angebote unschlagbar gut sind. Das sind sie, zweifelsohne. Es gehört aber auch zu unserem Auftrag, uns in die Lebensfragen der Menschen einzumischen.

Digitalisierung beschäftigt die Menschen, lässt manche euphorisch werden und andere haben riesengroße Ängste, auch um ihre Arbeitsplätze. Allein schon, um unsere Arbeit als Seelsorger/-innen gut machen zu können, müssen wir uns aus meiner Sicht mit diesen Themen befassen, um nicht an den Nöten der Menschen vorbei zu reden. Aber auch, damit wir nicht selbst Spielbälle einer Entwicklung werden, die atemberaubend schnell voran schreitet. Luthers Ethik war geprägt von der Suche nach dem rechten Maß, und er ging sehr pragmatisch-abwägend vor. Eine Grundhaltung, die ich in manchen Debatten auch um die Zukunft der Arbeit vermisse, und die wir von unserem Glauben und unserer Tradition her gut einbringen können. Weder Euphorie noch Untergangsängste, sondern ein gutes abwägendes Maß. Das ist ein Dienst in und an der Gesellschaft, den wir leisten können. Und an manchen Stellen sehe ich auch positive Trends in der Digitalisierung im Blick auf die Gestaltung unserer Arbeit an und mit Menschen.

Beim Klimawandel ist mein Eindruck, wir spiegeln als Kirche die Stimmung in der Gesellschaft wieder. Wir halten das schon für eine wichtige und große Herausforderung, aber irgendwie ist es auch noch fremd und weit weg. Mag sein, dass die Folgen uns noch nicht so auf den Pelz gerückt sind, aber sie kommen langsam näher. Gerade wir als Christinnen und Christen, die wir von einem Glauben geprägt sind, der Angst überwindet und Freiheit und Zukunft eröffnet, könnten hier Antreiber/-innen in der Gesellschaft sein, um nicht nur die Zukunft unserer Arbeit, sondern die Zukunft gesellschaftlichen Lebens voran zu treiben, damit auch unsere Enkel und Urenkel noch ein gutes Leben haben können.

Der Verfassungsentwurf unserer Kirche, der gerade beraten wird, nimmt diese gesellschaftliche Verantwortung ernst und auf. In Artikel 5 (Kirche, Staat, Gesellschaft) heißt es:

„(1) Für die Landeskirche ist eine staatliche Ordnung notwendige Voraussetzung für ein friedliches, gerechtes und die Schöpfung bewahrendes Zusammenleben in einer offenen und solidarischen Gesellschaft. (…)
(2) Entsprechend ihrem Öffentlichkeitsauftrag nimmt die Landeskirche im Interesse aller Menschen Aufgaben des gesellschaftlichen Lebens wahr und beteiligt sich am politischen Diskurs. Als Christinnen und Christen übernehmen ihre Mitglieder Mitverantwortung für die Gestaltung des demokratischen Gemeinwesens. Sie wirken an der öffentlichen Willensbildung mit und engagieren sich zivilgesellschaftlich.“

Ich habe im laufenden Konsultationsprozess vorgeschlagen, im letzten Satz die kirchlichen Einrichtungen ebenfalls zu nennen:

„Als Christinnen und Christen übernehmen ihre Mitglieder ebenso wie Kirchengemeinden, Kirchenkreise und die Landeskirche mit ihren Einrichtungen Mitverantwortung für die Gestaltung des demokratischen Gemeinwesens. Sie wirken an der öffentlichen Willensbildung mit und engagieren sich zivilgesellschaftlich.“

So verstehen wir uns umfassend als Teil des Systems und gestalten auf allen Ebenen der Zivilgesellschaft auch die Zukunft unserer Arbeit bewusst und aktiv mit.

Wertewelten im Grundeinkommen

Wertewelten im Grundeinkommen

I. – Einleitung

2015 war ich Berlin dabei, als auf dem Kongress Arbeiten 4.0 die Studie „Wertewelten“ von nextpractice vorgestellt wurde. Ich saß im Auditorium, lauschte fasziniert den Ausführungen und den Beschreibungen der sieben idealtypischen Wertewelten, die vorgestellt wurden. Schlagartig wurde mir klar, warum es zB in Büros Streit über Weihnachtsfeiern oder Betriebsausflüge gibt, um nur „einfache“ Beispiele zu nennen: Es liegt oft „nur“ daran, dass wir Menschen sehr unterschiedliche Werte mit unserer Arbeit verbinden. Seither begleitet mich diese Studie und ich habe verschiedentlich in Vorträgen und Beiträgen auf sie verwiesen.

Im Sommer und Herbst letzten Jahres (2017) schwappte die Diskussion um das Bedingungslose Grundeinkommen wieder einmal stärker an die Oberfläche. Das geschieht offenbar in periodischen Abständen. Auslöser war eventuell die sehr vage Absicht im Koalitionsvertrag der Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein, über Alternativen zum heutigen System nachzudenken oder auch die Tatsache, dass die Ein-Punkt-Partei „Bündnis Grundeinkommen“ zur Bundestagswahl antrat. Schon früher habe ich verschiedentlich Texte zum Grundeinkommen verfasst, zur Zeit beschäftige ich mich wieder intensiver mit dieser Diskussion.

II. – Wertewelten im Grundeinkommen

Die Gespräche und Diskussionen um das Grundeinkommen werden in der Regel äußerst differenziert geführt. Irgendwann dachte ich, das liegt doch auch daran, dass Menschen sehr verschiedene Werte mit dem Grundeinkommen verbinden und von dort aus Sehnsüchte oder Befürchtungen formulieren. Von da war es nicht weit zu der Frage: Wie sehen die Menschen in den sieben Wertewelten das Grundeinkommen? In diesem Beitrag möchte ich dazu eine Antwort in Form von „Ich-Aussagen“ geben.

Ich beschreibe jeweils kurz die Wertewelt und orientiere mich dabei an den veröffentlichten Unterlagen. Dazu steht in Klammern zum einen der Prozentanteil dieser Wertewelt an der Gesamtzahl der befragten 1000 Personen und danach die jeweilige prozentuale Verteilung innerhalb der jeweiligen Gruppe auf Männer und Frauen. Diese beruht auf eigenen Berechnungen, die Autoren der Studie differenzieren nicht zwischen den Geschlechtern, haben mir aber auf Nachfrage die Rohdaten zur Verfügung gestellt. Dies ist auch für das Grundeinkommen von Bedeutung, weil von einer Einführung Männer und Frauen unterschiedlich profitieren würden. Nach der jeweiligen Skizze der Wertewelt folgt dann die Stellungnahme eines fiktiven Menschen zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Ziel ist es, mich aus Sicht der sieben Wertewelten ins Grundeinkommen hineinzudenken, zu -fühlen. Damit verbunden soll deutlich werden, dass Arbeit, Leistung und Einkommen je nach Wertewelt in unterschiedlicher Weise aufeinander bezogen sind, die jeweilige Be-Wert-ung des Grundeinkommens ist ein Spiegel dieses Verhältnisses.

Streng genommen müsste ich zu jeder der sieben idealtypischen Wertewelten jeweils zwei fiktive Ich-Aussage aus weiblicher und männlicher Sichtweise formulieren, für ein erstes Herantasten soll dieser Versuch erst einmal genügen, zumal ich die Gefahr sehe, dass dies zu schnell in Klischees abgleitet. Evtl. überarbeite und erweitere ich den Text zu einem späteren Zeitpunkt in dieser Hinsicht.

III. – Fiktive Ich-Aussagen zum Grundeinkommen

a) Sorgenfrei von der Arbeit leben können (28% aller Befragten – 48% Männer, 52% Frauen)

Die Befragten dieser Wertewelt kritisieren vor allem den subjektiv zunehmenden Konkurrenzdruck und den erlebten Zwang, immer mehr arbeiten zu müssen. Sie erleben eine Gesellschaft, die sich zunehmend in Arme und Reiche spaltet. Das von diesen Befragten wahrgenommene Bild der heutigen Arbeitswelt entspricht nicht mehr ihren Vorstellungen von einer wünschenswerten Arbeitswelt, die durch finanzielle Sicherheit, Fürsorge und Abwesenheit von Druck geprägt ist. Auch der Blick in die Zukunft gibt diesen Befragten kaum Hoffnung auf Verbesserungen. Im Gegenteil befürchten sie eher eine weitere Verschlechterung.

„Ein Grundeinkommen würde mir einen Teil der Sorgen um mich und meine Familie nehmen, die mich stets begleitet. Es wäre so eine Art emotionale Grundsicherung und ich bekäme Luft zum durchatmen. Keinesfalls würde ich meine Berufstätigkeit aufgeben, wahrscheinlich würde ich das Grundeinkommen auf ein Sparkonto packen, für schlechte Zeiten. Und wenn diese nicht kommen, dann würde ich mir später vielleicht von diesem Ersparten einige Monate, ja, ein Jahr als Auszeit nehmen. Um mich mit mir selbst zu beschäftigen und mein Verhältnis zur Arbeit neu zu bestimmen.“

b) In einer starken Solidargemeinschaft leben (9% aller Befragten – 58% Männer, 42% Frauen)

Nach Einschätzung der Befragten in dieser Wertewelt werden Konkurrenz, soziale Isolation und mangelndes Sinnerleben weiter zunehmen, Wertschätzung und Loyalität an Bedeutung verlieren. Die Befragten aus dieser Wertewelt finden ihre Identität gerade in der Berufswelt, durch die sie sich als Teil der Gesellschaft erleben. Der Verlust an gesellschaftlicher Bindung und Anerkennung durch die Arbeit ist für diese Befragten ähnlich beängstigend wie das Infragestellen ihrer materiellen Grundlagen für die Befragten der ersten Gruppe.

„Mir ist es wichtig, dazuzugehören. Erwerbsarbeit für alle gibt es einfach nicht mehr, immer mehr Männer und Frauen sind abgehängt, seit Jahren arbeitslos ohne jede Perspektive. Ich bin mir unsicher, ob ein Grundeinkommen hier etwas ändert, die Menschen wollen doch nicht nur Geld, sie wollen teilhaben, mitwirken. Ja, die materiellen Sorgen wären vielleicht geringer, aber ich wünsche mir viel stärker noch, dass der Staat und die Unternehmen viel mehr dafür tun, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Denn Arbeit für alle hält die Gesellschaft zusammen, nicht 1000 € ohne Gegenleistung für jede und jeden.“

c) Den Wohlstand hart erarbeiten (15% aller Befragten – 57% Männer, 43% Frauen)

Im Unterschied zu den zwei ersten Wertewelten stellen diese Befragten nicht das Funktionieren des Systems als Ganzes infrage. Auch ihre Ansprüche an die Gesellschaft sind deutlich geringer ausgeprägt. Es gilt lediglich Voraussetzungen zu schaffen, damit sich die Anstrengungen des Individuums auch lohnen. Zwar beschreiben auch diese Interviewpartner eine Arbeitswelt, in der sie gerade mit ihren menschlichen Interessen weniger Platz finden als früher. Sie sehen es aber letztlich als Aufgabe des Einzelnen, sich unter den neuen Bedingungen zu behaupten.

„Ich halte nichts von einem Grundeinkommen, und ganz ehrlich, ich fände es befremdlich, wenn ich solch ein Geschenk vom Staat bekommen sollte. Ich arbeite gerne und ich weiß, dass meine Arbeit auch ihren Lohn wert ist. Wer nicht arbeitet, soll dafür nicht auch noch belohnt werden. Wo ist denn der Anreiz zu arbeiten, wenn mein Auskommen gesichert ist?! Und umgekehrt frage ich die Befürworter eines Grundeinkommensw: Wertet ihr so nicht Arbeit und Leistung ab?“

d) Engagiert Höchstleistungen erzielen (11% aller Befragten – 63% Männer, 37 % Frauen)

Die Befragten dieser Wertewelt fühlen sich also in der heutigen Arbeitswelt gut aufgehoben und nehmen die bisherige Entwicklung als sehr positiv wahr. Mit Blick auf die Zukunft wird kaum korrigierender Handlungsbedarf gesehen. Lediglich in der Sorge um den Erhalt der Gesundheit der Erwerbstätigen haben diese Befragten noch unerfüllte Erwartungen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sie eine zunehmende Spaltung am Arbeitsmarkt wahrnehmen, ohne zu großen Anstoß daran zu nehmen.

„Mich interessiert die Diskussion um ein Grundeinkommen nicht. In einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft brauchen wir das nicht. Viel wichtiger finde ich, dass der Staat Menschen dabei unterstützt, sich stetig weiterzubilden und weiter zu entwickeln. Für die eine oder den anderen mag dafür so etwas wie ein Sabbatjahr hilfreich sein, und auf Antrag sollte das auch ermöglicht werden, damit jede und jeder dazu ermutigt wird, seine Potentiale voll ausschöpfen zu können. Und unser Gesundheitssystem sollte noch stärker auf Prophylaxe und das Angebot von Kuren ausgerichtet sein, also greifen, bevor wir krank werden durch unsere Berufstätigkeit.“

e) Sich in der Arbeit selbst verwirklichen (10% aller Befragten – 56% Männer, 44% Frauen)

Die Mitglieder dieser Wertewelt konzipieren die Gegenwart als Umbruchphase auf dem Weg in eine Arbeitswelt, in der sich alle ihre Vorstellungen realisieren lassen. Für diese Befragten werden starre, konventionelle Muster zugunsten individueller beruflicher Gestaltungsmöglichkeiten immer weiter zurückgedrängt. Was heute noch nicht ist, wird für die Zukunft erwartet. Diese Wertewelt unterscheidet sich von allen bisher dargestellten vor allem durch ihren Optimismus. Auch scheinen die Themenfelder Absicherung und Anerkennung, die für die bisher dargestellten Wertewelten wichtig waren, in dieser Wertewelt hinter individuellen Anliegen nach beruflicher Entfaltung zurückzustehen.

„Ich fände es gut, wenn es ein Grundeinkommen gäbe, das würde mich darin sehr unterstützen, mich in meiner Arbeit wiederzufinden. Arbeit ist ein spannender, wesentlicher und unverzichtbarer Teil meines Lebens, ich würde nie darauf verzichten. Und es gibt heute auch unglaublich viele Möglichkeiten und Herausforderungen, denen ich mich gerne widmen möchte. Ein Grundeinkommen würde mir aber helfen, Übergänge zu gestalten, vielleicht mal ein paar Monate arbeitslos sein zu können, bis ein gutes neues Angebot kommt. Oder ohne materiellen Verlust einige Zeit meine Arbeit zu reduzieren, um mehr mit meinen Kindern zusammen sein zu können. Ein Grundeinkommen passt für mich in eine Gesellschaft, die in Zukunft menschliche Potentiale in allen Bereichen unseres Zusammenlebens ausschöpfen möchte.“

f) Balance zwischen Arbeit und Leben finden (14% aller Befragten – 50% Männer, 50% Frauen)

Diese Interviewpartner sehen sowohl die frühere als auch die heutige Arbeitswelt sehr kritisch. Ihre Vorstellungen von einer idealen Arbeitswelt haben kaum etwas mit den bisher bekannten Verhältnissen zu tun. Aufgrund der enorm optimistischen Erwartungen an die Zukunft können die Befragten dieser Wertewelt zunächst als Treiber einer zukünftigen Entwicklung gesehen werden. Es besteht allerdings auch das Risiko eines Rückzuges, wenn sich die Realität als zu widerständig für die Ideale dieser Menschen erweisen sollte.

„Ein Grundeinkommen? Ja, bitte, unbedingt! Erwerbsarbeit ist nicht das ganze Leben, ganz im Gegenteil. Mit einem Grundeinkommen würde es mir wesentlich leichter fallen, die verschiedenen Bereiche meines Lebens in der Balance zu halten. Vielleicht brauche ich das Grundeinkommen nicht heute, aber dann kann ich das Geld für später sparen, wenn ich zB meine Eltern pflegen muss oder meine Kinder Unterstützung in der Schule benötigen können. Oder ich könnte meine Erwerbstätigkeit reduzieren, wenn mir ein spannendes Ehrenamt über den Weg läuft. Ich würde aufatmen, denn ich habe oft ein schlechtes Gewissen, weil meine Erwerbstätigkeit oft so viel von mir fordert, dass wenig Zeit und Kraft für anderes bleibt. Und es gibt so viel zu tun!“

g) Sinn außerhalb seiner Arbeit finden (13% aller Befragten – 48% Männer, 53% Frauen)

Für diese Befragten sind Aspekte relevant, die sich teilweise nicht mit den gängigen Vorstellungen der Arbeitswelt und klassischer Erwerbstätigkeit in Verbindung bringen lassen. Diese Gruppe unterscheidet sich damit prinzipiell von allen anderen bisher dargestellten Wertewelten. Denn alle anderen Wertewelten haben entweder in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft der Arbeitsgesellschaft ihre Anknüpfungspunkte gefunden, diese Wertewelt dockt in zentralen Fragen des Lebens außerhalb der Erwerbstätigkeit an.

„Das heutige System von sozialer Sicherung orientiert sich ausschließlich an der Erwerbsarbeit. Alle sollen erwerbstätig sein, nur Kinder oder Ältere und kranke Menschen sind davon ausgenommen. Leider gilt dabei: Erwerbsarbeit ist wertvoller und wichtiger als Carearbeit. Warum eigentlich? Ein Grundeinkommen, nein, es muss heißen: ein Grundauskommen dreht diese Logik um, gibt Menschen ihren Wert durch ihre reine Existenz und bindet ihn nicht an das, was wir leisten. Darauf kann eine Gesellschaft besser aufgebaut werden als auf dem Leistungsprinzip. Erwerbstätigkeit ist doch nicht der Sinn des Lebens, den finde ich an anderen Orten. Ein Grundauskommen würde diese Sichtweise bestätigen und ernst nehmen.“

IV. – Fazit

Diese fiktiven Ich-Aussagen spiegeln Werte im Feld von Arbeit/Tätigkeit, Leistung und Entlohnung und machen verständlich, warum es in vielen Diskussionen um das Grundeinkommen emotional, ja, leidenschaftlich zugeht: meine Haltung zum Grundeinkommen spiegelt meine Einstellung zu (Erwerbs-) Arbeit, und Tätigsein ist ein zentraler Aspekt unseres Menschseins.

Ergänzt werden könnten diese Aussagen nun noch mit Menschen, die nicht im Erwerbsleben stehen, aber auch ein Grundeinkommen erhalten würden: Kinder und Ältere, Menschen in der Ausbildung, Erwerbslose und Nicht-Erwerbsfähige wie Menschen mit Beeinträchtigungen. Mein Eindruck ist, dass die Debatte häufig aus Sicht dieser Personengruppen geführt wird, die ohne Zweifel mit einem Grundeinkommen finanziell vermutlich anders da stehen, weil ihr finanzielles Auskommen bedingungslos (!) gesichert wäre. Diesen Text verstehe ich als einen Beitrag dazu, auch die heute Erwerbsfähigen differenzierter in der Diskussion in den Blick zu nehmen. Wenn euch  Ergänzungen, Erweiterungen, Korrekturen zu den Ich-Aussagen einfallen, dann schickt sie mir oder schreibt sie als Kommentar unter den Beitrag, das würde mich freuen.