Ein mutiger Sklave spielt nicht mehr mit. Predigt zu Matthäus 25,14-30

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Vorbemerkung:
Seit vielen Jahren lese ich Predigten von Margot Runge, die sie auf ihrem Blog queerpredigen veröffentlicht.
Oft habe ich mich von ihr anregen lassen, sie formuliert immer wieder inhaltlich und sprachlich ganz ähnlich wie ich.
Für heute habe ich wieder einmal eine Predigt von ihr umgeschrieben und in der Bonnus-Gemeinde in Osnabrück gehalten.
Die Rückmeldungen waren äußerst positiv.
Daher stelle ich meine Version von Margot Runges Predigt hier online.
Das Original findet sich hier: Ein mutiger Sklave unterwandert das Finanzsystem.
Dort am Ende finden sich auch Hinweise auf die theologische Grundlegung.
Vielen Dank für die Vorlage!

Liebe Gemeinde,
eben in der Lesung haben wir die Geschichte von den anvertrauten Talenten gehört.
Sie wird meist so ausgelegt, dass die zwei gelobt werden, die ihre Talente verdoppelt haben – während der dritte für seine offensichtliche Faulheit gescholten wird.

Je länger ich über die Geschichte nachdachte, umso mehr fragte ich mich:
Lässt sich die Geschichte nicht auch ganz anders hören und verstehen?
Macht nicht der dritte Knecht eigentlich im Sinne Jesu alles richtig?
Denken Sie doch mal über diese Idee nach, während ich die Geschichte noch einmal lese.
Nun in der Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“:

Denn die Welt Gottes solltet ihr auch mit der Geschichte von einem Mann vergleichen, der im Aufbruch zu einer Reise seine Sklaven rief und ihnen sein Vermögen zur Verwaltung übergab.

Dem einen gab er fünf Talente, dem nächsten zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Tüchtigkeit.

Dann reiste er ab.

Sofort ging der mit den fünf Talenten los, machte mit ihnen Geschäfte und erwirtschaftete weitere fünf dazu.

Ebenso erwirtschaftete der mit den zwei Talenten weitere zwei.

Der mit dem einen Talent ging los, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Besitzers.
Nach langer Zeit kommt der Besitzer dieser Sklaven und rechnet mit ihnen ab.

Der mit den fünf Talenten trat herzu und brachte weitere fünf mit den Worten:

›Herr, du hast mir fünf Talente übergeben, hier sind die weiteren fünf, die ich erwirtschaftet habe.‹

Sein Besitzer sprach zu ihm: ›Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe.

Du bist eine Freude für deinen Besitzer.‹

Der mit den zwei Talenten trat herzu mit den Worten:

›Hier sind die weiteren zwei, die ich erwirtschaftet habe.‹

Sein Besitzer sprach zu ihm: ›Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe.

Du bist eine Freude für deinen Besitzer.‹
Auch der mit dem einen Talent trat herzu und sprach:

›Herr, ich wusste, dass du ein harter Mensch bist, der erntet, wo er nicht gesät hat, und einsammelt, was er nicht ausgeteilt hat.

Ich bin aus Furcht vor dir losgegangen und habe dein Talent in der Erde versteckt.

Hier hast du dein Geld zurück.‹

Der Besitzer antwortete ihm: ›Du böser und fauler Sklave, du wusstest also, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, was ich nicht ausgeteilt habe?

Du hättest also mein Geld zur Bank bringen sollen.

Dann könnte ich jetzt mein Eigentum mit Zinsen zurückbekommen.

Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem mit den zehn Talenten.

Die schon etwas haben, denen wird mehr gegeben, sogar bis zum Überfluss.

Die nichts haben, denen wird das Wenige, das sie haben, noch weggenommen.

In diesem Gleichnis denken wir bei den „Talenten“ vor allem an „Fähigkeiten“.
Du hast ein Talent.
Wir verstehen das im übertragenen Sinne – Begabungen, Können, Fähigkeiten.
Doch die Leute, denen Jesus diese Geschichte ursprünglich erzählt hat, stand etwas ganz anderes vor Augen.
Ein Talent, das ist ein riesiger Barren Silber.
So viel, wie ein Mensch gerade noch tragen kann.
30 bis 40 Kilogramm.
Ein Talent, das sind, man kann es nachschlagen, so um die 17 Jahreseinkommen einer armen Familie.
Und die 8 Talente eines Investors entsprechen also etwa 140 Jahreseinkommen.
Wenn eine Familie an der Armutsgrenze heute 20.000 Euro zur Verfügung hat, entspräche allein das schon etwa 2,8 Millionen Euro.

Luther übersetzt hier Herr und Knecht.
Schärfer und in der Sache präziser haben wir es eben in der Übersetzung gehört:
Ein Sklave und sein Besitzer.
Und der Sklavenbesitzer verfügt über weit mehr als die 2,8 Mille.
Denn er braucht diese 8 Talente nicht für den laufenden Betrieb, sondern hat sie zusätzlich zur freien Verfügung.
Er kann sie investieren, ohne seine sonstigen Geschäfte zu beeinträchtigen.
Solche Vermögen lassen sich nicht mit eigener Hände Arbeit aufbauen.
Das ist auch heute so.
Geld gebiert Geld.
Der größte Gewinn wird heute nicht durch Produktion erwirtschaftet, sondern durch das Kapital selbst.
Geld wird angelegt und verzinst.
Geld wird als Aktien an den Börsen um die Welt geschoben.
Hier geht um riesige Summen.

Und auch die acht bzw. vier Talente in der Geschichte von Jesus bringen tatsächlich eine traumhafte Rendite von 100 Prozent.
Jedenfalls sieben der acht Talente.
Das sind wahrlich keine Peanuts, sondern riesige Kapitalmengen.
Und sie verdoppeln sich!
Aus fünf werden zehn, aus zwei vier.
Kann das mit rechten Dingen zugehen?
Wo kommen solche gigantischen Gewinnspannen her?

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 wissen auch Wirtschaftsunkundige, also Leute wie Sie und ich:
Solch eine Gewinnspanne lässt sich schwerlich mit ehrlichen Methoden erwirtschaften, sondern zum Beispiel durch Immobilienspekulationen.
Oder durch Heuschreckenmethoden, oder Landgrabbing.
Oder durch illegale Praktiken.
Im Menschen- und Drogenhandel, durch Betrug und gnadenlose Ausbeutung.

Die Kehrseite:
Hungerlöhne werden gezahlt, Umweltschutzauflagen umgangen, Arme enteignet.
Es wird betrogen und erpresst.
Sollte das damals anders gewesen sein?

Wie wäre es, wenn Jesus mit seiner Beispielgeschichte seine Zuhörerinnen und Zuhörer in die Welt der damals Superreichen und ihrer Praktiken führen wollte?
Wer solche Gewinnspannen erwartet, wusste auch damals wahrscheinlich, dass das kaum mit legalen Mitteln möglich ist.
Wer seine Mitarbeitenden dennoch beauftragt, dass sie das Geld so anlegen, fordert sie auf, sich skrupelloser Methoden zu bedienen.

Doch anders als die Broker an der Wallstreet sind die Fachleute in der Beispielgeschichte von Jesus keine freien Menschen.
Sie sind Sklaven.
Obwohl sie offensichtlich für ihre Aufgaben spezialisiert sind und weitreichende Handlungsvollmachten haben, sind sie abhängig Beschäftigte.
Qualifizierte Sklaven in Führungspositionen oder auch Sklaven, die Abgaben eintreiben müssen, sind in der Antike durchaus üblich.
Und sie können ohne weiteres ausgepeitscht oder eingesperrt werden, wenn sie ihrem Besitzer nicht willfährig sind.
Oder wenn sie Fehler machen.

Ihr Herr bindet sie also ein in seine schmutzige Geschäftspraxis.
Er macht sie, die Abhängigen, zu Mittätern.
Die Sklaven tragen dazu bei, dass andere Familien ihr Hab und Gut verlieren, in Sklaverei verkauft werden.

Aber einer macht nicht mehr mit.
Er beteiligt sich nicht mehr daran, ein System am Laufen zu halten, das die einen bereichert auf Kosten der anderen.
Er sagt seinem Besitzer die Wahrheit ins Gesicht:

Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist, der erntet, wo er nicht gesät hat, und einsammelt, was er nicht ausgeteilt hat.

Ich bin aus Furcht vor dir losgegangen und habe dein Talent in der Erde versteckt.

Hier hast du dein Geld zurück. (Mt 25, 24 f.)

Wie viele Nächte wird dieser Sklave wach gelegen haben und sich mit seiner Entscheidung herumgeschlagen haben?
Das, wozu er ausgebildet ist – Geld vermehren – ist ihm immer fragwürdiger erschienen.
Er hat seinem Herrn nichts entzogen, keinen einzigen Denar.
Im Gegenteil.
Er hat das Eigentum seines Herrn treu bewahrt.
Er hat sich sogar an den rabbinischen Frömmigkeitsregeln orientiert, als er es in die Erde vergraben hat.

Sein Besitzer wertet sein Verhalten aber als einen Affront ohnegleichen.
Zumal ein Sklave es wagt, dem Herrn den Spiegel vorzuhalten, ihn als Dieb bezeichnet.
Der Besitzer streitet das Urteil mit keinem Wort ab.
Aber er bestraft ihn (für was eigentlich?) und wirft ihn ins Gefängnis.

Der Sklave landet dort, wo auch die anderen Opfer sitzen.
Im Gefängnis sitzen Arme, die in Schuldhaft geraten sind, die ihre Schulden nicht zurückzahlen können.
Im Gefängnis sitzt Johannes der Täufer.
Im Gefängnis sitzt am Ende auch Jesus selbst
Und später seine Freundinnen und Freunden.
Ich war gefangen und ihr habt mich besucht, sagt er.
Nur etwas später im Evangelium.

Auch heute sind Gefängnisse eher Orte der Armen und Abgehängten und Gescheiterten.
Die Reichen können sich teure Anwälte leisten.
Sie genießen Annehmlichkeiten, werden schneller zu Freigängern oder kommen auf Kaution frei.
Für Peanuts halten sie die Summen, die sie in ihre Taschen gewirtschaftet haben. Selten, dass ein Josef Ackermann, Sepp Blatter oder Thomas Middelhoff verurteilt wird und seine Strafe auch voll absitzt.
Doch andere wandern schon wegen Schwarzfahrens oder Ladendiebstahls hinter Gitter.
In vielen Ländern sind die Zellen voller Leute, die ohne Verfahren eingesperrt und misshandelt werden.
Gefängnisse dienen als Druckmittel gegen die Bevölkerung.
Hier landen kleine Bäuerinnen und Bauern, die sich gegen Enteignung wehren.
Journalistinnen und Journalisten, die über Korruption recherchieren.
Oder Oppositionelle.

Der dritte Sklave kooperiert nicht mehr.
Er lässt sich nicht mehr einspannen.
Er spielt nicht mehr mit.
Er folgt seinem Gewissen.
Er sagt die Wahrheit.
Er hält sich an die Regeln der Tora und beherzigt die Mahnung Jesu:

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld, dem Mammon.

Er zahlt einen hohen Preis.
Aber die Bibel ist davon überzeugt:
Willkür und Gefängnis haben nicht das letzte Wort.
Denn Jesus erzählt die Geschichte weiter.
Direkt nach dem Unrechtsurteil –

werft diesen nutzlosen Sklaven in den finstersten Kerker.
Dort wird er schreien und vor Todesangst mit den Zähnen knirschen –

wird noch einmal Gericht gehalten.
Unmittelbar danach erzählt Jesus die Geschichte vom Weltgericht:

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird sich auf seinen himmlischen Richterstuhl setzen.

Und alle Völker werden sich versammeln.

Er wird die Menschen voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böckchen trennt.

Er wird denen zur Rechten sagen:

Kommt heran, ihr Gesegneten Gottes, erbt Gottes Reich.

Ich war hungrig, ihr gabt mir zu essen.

Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.

Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr habt mich besucht.
Was ihr für eines dieser meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. (aus Mt 25, 30-36.40)

Soll das ein Zufall sein?
Dass die Erzählung vom Weltgericht sich hier direkt anschließt?
Also, ich höre die Geschichte jetzt so:
Der Sklave, der sich weigert das Unrechtsspiel mitzumachen, findet sich an der Seite von Jesus wieder.
Die Welt bleibt am Ende nicht in den Händen der Gierigen und Gewalttätigen, sondern wird den Armen und Barmherzigen zufallen.
Und denen, die für Gerechtigkeit eintreten.

Sklaverei gehörte im 1. Jahrhundert zum Alltag der Menschen um Jesus herum.
Aus dem letzten Kapitel des Römerbriefes können wir schließen, dass mindestens die Hälfte der Gemeindemitglieder in Rom Sklavinnen und Sklaven oder Freigelassene waren.
In den Gemeinden, für die Matthäus sein Evangelium schrieb, wird es nicht anders gewesen sein.
Viele haben also Unfreiheit am eigenen Leib erfahren.
Ihnen erzählt Jesus diese Geschichte.
Wie wird sie in ihren Ohren geklungen haben?

Wir leben in Mitteleuropa in einer freien Gesellschaft.
Ich kann ja nichts tun, sagen trotzdem viele;
Ich bin doch nur ein kleines Licht, mir sind die Hände gebunden.
Die Bibel glaubt aber nicht daran, dass Menschen nur willen- und wirkungslose Rädchen im Getriebe sind.
Wir brauchen nicht mitlaufen.
Die Verhältnisse sind nicht alternativlos.
Wir haben immer die Möglichkeit, uns Spielraum zu erobern.
Und sei er noch so klein.
Selbst ein Sklave lässt sich seine Entscheidungsfreiheit nicht nehmen.
Wir können und sollen für eine andere Welt einstehen.
Jesus erzählt, wie jemand das selbst in extremsten Abhängigkeitsverhältnissen wagt.
Eine Mutmachgeschichte.
Auch für uns.
Amen.

Im Kontext der Lebenswelt von mir selbst ausgehen

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In der letzten Woche stellte ich in einem meiner Antrittsbesuche als Landessozialpfarrer in einem Gespräch fest, dass mein Gegenüber wie ich seinerzeit in Marburg studierte und ebenso wie ich stark von Wilfried Härle geprägt wurde.
Spannend war dabei zu sehen, dass wir beide sehr unterschiedliche Wege im Pfarramt und in den kirchlichen Strukturen gegangen sind, aber die grundlegende Ausrichtung der theologischen Perspektive durch unseren Lehrer bis heute anhält.
Im Gespräch kamen wir kurz auf einen für Härle zentralen Begriff zu sprechen:
Die Lebensweltorientierung.
Damit ist gemeint, dass der christliche Glauben sinnvoll nur dargestellt wer­den kann mit Worten und Bildern, deren Bedeutung aus der gegenwärti­gen Lebenswelt vertraut sind und in denen zugleich die Be­deutung des Glaubens für das Leben der Menschen sichtbar und nachvollziehbar wird.

Härle nennt für diese Aufgabe drei Probleme, die zu berücksichtigen sind: Momentaufnahmen sind logisch unmöglich; niemand kann die Lebenswelt in ihrer Gesamtheit wahrnehmen und jeder Versuch, die Lebenswelt wahrzunehmen, stellt immer schon eine Interpretation derselben dar. Daraus zieht er die Konsequenz:

»Diese Probleme ernst zu nehmen heißt, die Aufgabe der Erkenntnis der Lebenswelt auf einer möglichst breiten Kommunikati­onsbasis in Angriff zu nehmen, denn nur durch eine multiperspektivische Wahrnehmung und Deutung wird die Gefahr ungeschichtlicher selektiver oder ideologischer Fehldeu­tungen reduziert.« (Dogmatik, 175)

In meiner Dissertation habe ich seinerzeit daraus gefolgert:
Theologie ist immer auch theologisches Nachdenken konkreter Menschen, daher ist der Lebensweltbezug orts-, zeit– und sprachgebunden – ich lebe zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und spreche eine bestimmte Sprache.
Zugleich habe ich eine mir eigene Geschichte, mit der ich auf mein Leben und die Welt schaue, daher ist Lebensweltbezug immer auch biografiegebunden.
Diese vier Aspekte gilt es in der theologischen Arbeit im Blick zu halten.

In diesen Tagen denke ich darüber nach, was diese vierfache Ausrichtung hier und jetzt für mich bedeutet, wo sich in den letzten beiden Jahren erhebliche Wechsel vollzogen haben und gerade erneut vollziehen:

  • 2014 wechsle ich nach fünfundzwanzig Jahren Gemeindepfarramt auf eine Funktionspfarrstelle im Kirchlichen Dienst in der Arbeitwelt (KDA);
  • damit verbunden ist ein Umzug von Voerde (Niederrhein) nach Osnabrück, also ein Wechsel des Bundeslandes;
  • zugleich findet innerkirchlich ein Wechsel statt aus der rheinischen in die hannoversche Landeskirche.

Und nun, keine zwei Jahre später, im August 2016:

  • ich wechsle auf die Stelle des Landessozialpfarrers und werde zugleich Leiter für des Fachbereichs Kirche.Wirtschaft.Arbeitswelt im Haus kirchlicher Dienste;
  • damit verbunden ist zum einen (neben den „üblichen“ Leitungsaufgaben) eine Art Gesamtzuständigkeit für den Bereich der hannoverschen Landeskirche in meinem Fachgebiet;
  • zugleich aber auch die regionale Zuständigkeit für den KDA im Großraum Hannover;
  • und perspektivisch steht, nicht heute oder morgen, aber irgendwann wohl ein Umzug nach Hannover an.

Während ich das jetzt für mich notiere, macht es in mir: „uff!!“
Das ist doch eine ganze Menge an Veränderungen.
Was bedeutet es für meine Sicht der Welt und auf die Welt?
Wie also verändert sich gerade meine Lebensweltorientierung?
Und was bedeutet für mein theologisches Denken?

Während ich darüber so nachdenke, fällt mir wieder ein Workshop auf der Denkumenta 2013 in St. Arbogast ein.
Dorothee Markert versuchte uns nahezubringen, was mit Denken in Präsenz gemeint ist, einem zentralen Begriff in der postpatriarchalen Bewegung, der sich die Organisatorinnen der Denkumenta verbunden fühlen.
Vor allem ein Satz hat sich mir tief eingeprägt:
„Denken in Präsenz beginnt immer damit, von sich selbst auszugehen!“
Und ich frage mich:
Von mir selbst ausgehen als Ausgangspunkt theologischer „Standortbestimmung“, was heißt das für mich hier und heute?

Ich versuche das Geflecht wahrzunehmen, in dem ich mich beginne zu bewegen.
Es ist vielfach verwoben mit dem, was vorher war.
Das Erste, was mir ein- und auffällt, ist genau die Beobachtung vom Anfang dieses Textes:
Meine Sicht auf die Welt ist geprägt durch die Neugier, ja die Lust an der möglichst breiten Kommunikationsbasis und der multiperspektivischen Denkweise, wie Härle das formuliert.
Den Kontext wahrnehmen und mich auf ihn einlassen, das fand ich immer schon spannend:
KDA-Arbeit habe ich nebenamtlich auch in der Gemeinde immer schon gemacht.
Ich habe es in den letzten anderthalb Jahren sehr genossen, dies nicht nur „nebenbei“, sondern „voll und ganz“ machen zu können.
Ich fing an, für mich und mit anderen zu reflektieren:
Was heißt das, was ich da sehe, wir da sehen, für unseren Glauben, unser theologisches Denken, für unsere Arbeit in Kirche und Diakonie?

Die Beobachtungen waren vielfältig:

  • da gibt es die Spannung zwischen Gemeindepfarrdienst und funktionalen Diensten, die ich nun aus spiegelverkehrter Weise wahrnehme;
  • mir sprang die Spannung zwischen „Hannover“ und dem „Rest von Niedersachsen“ ins Auge, um es spitz zu sagen, die mir im Gegensatz zum Rheinland mit seinem Ruhrgebiet und den vielen Großstädten besonders markant auffiel;
  • ich wurde konfrontiert mit einer für mich vorher unvorstellbaren Vielfalt arbeitsweltlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge, die mir jegliches schwarz/weiß Denken verbietet;
  • und all das war und ist eingebettet in die „großen“ Entwicklungen unserer Zeit, ich nenne für mich die Stichworte Klimawandel/Paris, Flüchtlingskrise, Populismus und der Zug zu autokratischen Regierungen.

Theologisches Denken, Reflektieren und Sprechen fokussiert sich für mich in der Aufgabe, auf der Kanzel das Evangelium zu verkünden. Und da frage ich mich:

  • Wie predigen in einer Welt in der sich alles immer schneller zu ändern scheint?
  • Wie predigen, während wir auf einer schiefen Ebene ins Chaos welcher Art auch immer abzudriften drohen?
  • Wie predigen in einer Zeit, in der immer mehr in Gewalt und Abgrenzung die einzige Chance sehen, sich dem Abgrund entgegenstemmen zu können?
  • Wie predigen, dass ich (theoretisch) dabei auch der Mutter, dem Vater am Grenzzaun in Idomeni ins Gesicht schauen kann? Eine Frage, die mich im letzten Jahr sehr beschäftigte.

Die Fragen der Gegenwart verbanden sich mit Frage:

  • Was wird aus mir ab Sommer?
  • Und was mache ich dann mit all den Fragen?
  • Also: Wie gegebenenfalls dann predigen?

Nun ist es entschieden.
Und ich beginne von Neuem, von Tür zu Tür zu gehen, um mit Menschen „Kaffee zu trinken“, wie ich das salopp, aber mit Ernst formuliere.
Es gibt dabei einen wesentlichen Unterschied zu meinem Start vor zwei Jahren in Osnabrück und Co.:
Nun bin ich (wieder) viel stärker innerkirchlich eingebunden.
Mein Blick richtet sich in der Reflexion wieder mehr auch auf die kirchlichen Strukturen, Traditionen und Kulturen.
Da war ich zwei Jahre lang ziemlich weit draußen.

Dieser Abstand hat mir gut getan.
Doch nun stellen sich mir neue Fragen:

  • Was bedeuten die Entwicklungen in Arbeitswelt und Ökonomie für unser innerkirchliches Arbeiten und Wirtschaften?
  • Wo stehen wir als KDA, als funktionaler Dienst, in den politischen und gesellschaftlichen Wirren dieser Tage?
  • Und, ja, dies vermischt sich mit Gedanken und Gefühlen, Hoffnungen und Befürchtungen im Blick auf mein eigenes, „privates“ Leben, meine Ehe, meine Familie – wie und wo will ich leben, wohnen, wirken, zur Ruhe kommen, Kraft schöpfen?

Von mir selber ausgehen.
Immer wieder zurück zu schauen auf mich selbst, meine Geschichte, meine Verflechtungen in Räumen.
Die Lebenswelt wahrnehmen, den Kontext.
Was hat mir die Arbeit an diesem Beitrag gebracht?
Das Feld steht mir klarer vor Augen.
Der diffuse Nebel hat sich gelichtet, etwas.
Demnächst darf ich wieder einmal predigen.
Ich bin gespannt.

Autowaschanlagenangst

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Heute war ich mal wieder in der Autowaschanlage.
Es war nötig.
Aber ich hasse das.
Ich fahre da immer mit Widerstand hin.

Meist mit einem blöden Spruch auf den Lippen:
„Wozu das Auto waschen (lassen), es regnet doch.“
So der Kommentar eines früheren Kollegen zu Autowaschanlagen.
Den habe ich mir zu eigen gemacht.

Als ich eben hinein fuhr, überkam mich ein beklemmendes Gefühl.
Erinnerte mich an früher, vielleicht schon an meine Kindheit.
Wenn dann die großen Rollen kommen.
Und mit viel Getöse auf das Auto krachen.

Fluchtgefühle.
Du kannst hier nicht raus.
Das Auto ist ein Käfig, den Elementen ausgesetzt.
Was ist, wenn die Scheibe bricht?

Sie hält.
Wieder einmal.
Gott sei Dank.
Ich sehne die grüne Ampel herbei.

Ich dachte, ist doch verrückt, oder?
Zücke das Handy und mache schnell ein paar Fotos.
Dann ist es vorbei.
Jetzt noch Saugen (mag ich auch nicht wirklich) und dann ist es geschafft.

Fern-Beziehung Kirche

tweet sandra

Pastor Sandy (Sandra Bils) hat gestern diesen Satz in die Welt gesetzt.
Ich las ihn und dachte: Ja, genau.
Dann dachte ich drüber nach und dachte, okay…
… und ahnte, hinter dem Wortspiel steckt eine Menge an Potential.

Es ist ja Mode, in bestimmten kirchlichen Kreisen auf die „Kirchen-Fernen“ zu schimpfen.
Die kommen nie zum Gottesdienst.
Putzen am Sonntag die Fenster oder das Auto.
Taufscheinchristen ist so ein böses Wort, das in gewissen Kreisen zirkuliert.
(Und bewusst nicht in gegenderter Form verwendet wird).
Und so weiter und so fort.

Sandra konterkariert dies mit der Frage, wer eigentlich wem fremd steht.
Gute Frage.
Kirchenferne mag dann heißen:
„Kirche“ (meist gemeint Gottes Bodenpersonal) interessiert sich nicht für die Menschen, genauer: die Kirchenmitglieder.
Wir stehen als Kirche fern.
Das richtet den Blick auf uns als Kirche.

Doch wie auch immer – Kirchen-Ferne signalisiert so oder so immer noch eine Beziehung.
Eine Fern-Beziehung.
Aus der Liebe wissen wir, das kann gut klappen.
Aber auch grandios scheitern oder im Lauf der Zeit sich einfach auflösen.

Ich lese gerade ein Buch, das mich sehr fasziniert:
„Gefühle & Emotionen – Eine Gebrauchsanweisung“ von Vivian Dittmar.
Sie spricht von fünf Grundgefühlen, die in jedem Leben vorhanden sind.
Jedes Gefühl verbindet sie mit einer Frage:
Was ist falsch? (Wut)
Was ist schade? (Trauer)
Was ist furchtbar? (Angst)
Was ist richtig? (Freude)
Bin ich falsch? (Scham)

Unter bestimmten Umständen, so ihre These, lässt sich jedes Gefühl in jeder Situation aktivieren.
Weil Gefühle Interpretationen von Wirklichkeit darstellen.
Eine Überprüfung dieser These hebe ich mir vielleicht für einen anderen Beitrag auf –
Ich fragte mich ausgehend von Sandras Tweet:
Lassen sich diese fünf Gefühle und Fragen auf die Fernbeziehung Kirche anwenden?

Was ist falsch an der Fernbeziehung?
Wut will ins Handeln führen, so Dittmars Interpretation des Gefühls.
Zu wenig Kontakt?
Vorwürfe über falsche Einstellungen, Handlungen, Wertvorstellungen?
Was ist falsch daran, sonntags nicht zum Gottesdienst zu gehen?
Oder das Auto zu waschen?
Ich weiß vielleicht als „“Kirchen-Naher“, warum ich das (als) falsch (emp)finde.
Aber vielleicht fühlt und denkt mein Gegenüber ganz anders?
Mein Impuls:
Ich könnte hingehen und fragen.
Interesse zeigen.
Inter-esse, Dazwischensein, sagt schon alles.

Was ist schade an der Fernbeziehung?
Schade sind Dinge, die ich gut und wichtig finde, aber nicht ändern kann.
Ich muss sie annehmen, so Dittmar.
Das allein mal im Kopf durchzugehen, finde ich sehr reizvoll.
Schade ist anders als falsch kein Vorwurf.
Zielt auch nicht auf Handlung, aber vielleicht aufs das Gespräch, den Austausch, die Beziehung? Vielleicht findet der/die Kirchenferne die Fernbeziehung ja auch schade?
Manchmal begegnet mir als Mitarbeiter im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) dieses Gefühl bei Gesprächen in Betrieben.
Ganz oft freuen sich Unternehmen und ihre Mitarbeitenden, wenn wir kommen und sagen:
„Hey, wir wollen euch besuchen, euch und eure Arbeit kennenlernen.“
Wenn es dann zu einer offenen und vertrauensvollen Runde kommt, meldet sich schon mal ein Hauch oder auch mehr Wehmut:
„Eigentlich…“

Was ist furchtbar an der Fernbeziehung?
Angst ist nach Dittmar das Gefühl, dass mich vor dem Unbekannten abhält.
Mir meine Grenzen aufzeigt und mich zugleich auf sie zu und über sie hinaus treibt.
Ohne Angst, ohne Grenzerfahrung keine Kreativität.
Was ist furchtbar, angsteinflößend an der Fernbeziehung Kirche?
Allein die Frage zu stellen löst in mir den Impuls aus:
Ja, so ist es doch:
Wir sind manchmal scheinbar so weit voreinander entfernt, dass wir Angst voreinander haben.
Die verstecken wir dann in gegenseitigen Vorwürfen:
„Die Kirchenfernen wertschätzen einfach den Gottesdienst nicht!“
„Die Pfarrer/-innen predigen alle so lange und langweilig!“
Furchtbar ist eigentlich, dass wir uns unbekannt sind.
Wenn Vivian Dittmar recht hat und in der Überwindung der Grenzen des Unbekannten der Schlüssel zur Kreativität liegt – dann liegt in dieser Angst eine Kraft, die viel verändern kann.

Was ist richtig an der Fernbeziehung Kirche?
Was ist als richtig ansehe, darüber freue ich mich.
In diesem Zusammenhang klingt das provozierend.
Was soll an einer Fernbeziehung schön sein?
Nun, aus Kreisen der sog. Kirchenfernen höre ich schon mal:
„Also, austreten kommt nicht in Frage.
Es ist gut (= richtig), dass die Kirche da ist.
Und dass ich hingehen kann, wenn ich den möchte oder das Bedürfnis habe.
Aber das habe ich nicht.
Zumindest jetzt nicht.“
Und umgekehrt:
Zeigt sich hier nicht die wunderbare Vielfalt der Kinder Gottes?
Und des göttlichen Geistes, der eh weht wo er will?
Darüber kann ich mich freuen.

Was mache ich falsch in der Fernbeziehung Kirche?
Das ist das Gefühl der Scham, dass mich in gesunder Weise in die Selbstreflexion führt und in unguter Form in die Selbstzerfleischung.
Spricht für sich.

Je länger ich über den Tweet von Sandra nachdenke, desto mehr „stimmt“ er.
Aber für mich bekommt er durch das hin und her zwischen den Polen der Fernbeziehung Kirche Fleisch ans Gerippe.
Ich komme dazwischen, Inter-esse eben.