Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Rezension von: Generation Y – wie wir glauben, lieben und hoffen (Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein)

Das Buch ist eigentlich unmöglich. Es versucht die Frage zu beantworten: Was glaubt die Generation Y, eine Generation, die so vielfältig ist, dass sie nicht zu beschreiben ist?

Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein haben sich dennoch auf den Weg gemacht. Sie haben Fragebögen verschickt und ausgewertet, Interviews gemacht und christliche Aufbrüche besucht, haben mit der Eltern- und Großelterngeneration diskutiert (konkret: mit Christina Brudereck und Fulbert Steffensky), sind auf Spurensuche in der Musik gegangen und haben eine Fotografin mit der Kamera losgeschickt. Und am Ende formulieren sie auf zwanzig Seiten das, was eigentlich unmöglich scheint: Eine Sicht auf den Glauben der Generation Y. Herausgekommen ist dieses Buch. Und Stephanie hat ein paar Exemplare verschenkt an Menschenkinder, die es nicht nur lesen, sondern auch darüber schreiben wollten. So kam es auch zu mir. Danke Stephanie!

Ich habe es an zwei Wochenenden, also nicht einem Zug, sondern in zwei Zügen, gelesen. Ich fand es spannend, anregend, überraschend. Und es lässt mich nachdenklich, hoffnungsfroh und zugleich ratlos zurück. Aber das sagt nichts über die Qualität der Arbeit der beiden Autorinnen aus, sondern liegt im Thema begriffen.

Die Ratlosigkeit liegt für mich daran, dass ich mich gefragt habe: Worin unterscheidet sich denn jetzt der Glaube der jungen Frauen und Männer von dem, was ich einst glaubte und heute glaube? Ich bin Mitte 50, also Elterngeneration der Generation Y (ganz buchstäblich: wir haben drei Kinder zwischen 27 und 30). Ziemlich weit hinten, auf Seite 202, beschreiben die beiden Autorinnen den Glauben in aller Kürze – und ich finde mich dort Wort für Wort wieder (bis vielleicht die letzte Passage, die auf Ostdeutschland bezieht, die Mauer fiel, als ich 28 war).

Ich teile auch die Unruhe über die innerkirchlichen, innergemeindlichen „Zustände“, die ich 25 Jahre als Gemeindepfarrer selbst in allen Schattierungen erlebt habe. Ich teile den Schmerz von Stephanie und Hannes:

„Wir sind auf der Reise zu unserem Buch nämlich auch jungen Menschen begegnet, die sich nicht mehr als Christen sehen, weil sie sich mit christlichen Gemeinden nicht identifizieren können und nicht etwa, weil sie nicht mehr glauben würden. Das zerreißt uns das Herz“ (209).

Auf der anderen Seite blitzt hier und da aber auch Ehrfurcht und Hochachtung vor der, ich sag mal augenzwinkernd „großen, alten Dame“ Kirche, die in ihrer langweiligen Beständigkeit der Garant dafür ist, dass sich pausenlos und immer und immer wieder neue Aufbrüche ergeben, aus der Unruhe über Traditionen und Strukturen heraus (2017 denken wir grade über so einen Unruhestifter intensiv nach).

Beides gehört für mich zusammen: Die große, alte Dame „besitzt“ die Kirchräume, die zum Staunen und innehalten einladen, sie verbindet über Texte und Lieder Menschen über Generationen hinweg. Dazu Taize und Kirchentag, die mittlerweile eigentlich auch schon zur Tradition gehören. Und dann eben Versuche wie Exodus, polylux oder Stadtveränderer. Ich fand es interessant, dass Christina Brudereck erzählt, dass sie das Wort Verwobenheit von der Generation Y gelernt hat. Ich kenne es auch, aber von Hannah Arendt her. Vielleicht sind wir uns viel näher als vermutet? Ich folge dieser Spur noch etwas weiter in Gedanken und versuche für mich eine Antwort zu finden: Was ist denn nun wirklich neu?

Neu scheint mir, dass wir in dieser Zeit vermehrt gefragt werden: Was glaubst du? Im Buch kommt es nur am Rand hier und da vor, aber wir leben zunehmend nicht nur in einer religiös pluralen Gesellschaft, sondern auch in einer Zeit, in der Menschen beginnen, genau diese Frage stellen: Was glaubst du eigentlich? Und wir – Christinnen und Christen – sind es nicht gewohnt, darauf eine Antwort zu geben. In einem Vortrag hat der ehemalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber genau dies beschrieben: Da kommen Menschen muslimischen Glaubens und fragen: Was glaubst du? Manchmal ganz offen, manchmal aber auch nur durch die Tatsache, dass viele – keineswegs alle – Muslime stärker auch in ihrem Alltag den Glauben praktizieren und zur Sprache bringen. Und das trifft auf Menschen in der Volkskirche, in der wir es nicht gewöhnt sind, über unseren Glauben zu sprechen, häufig nicht mal mit der eigenen Familie, schon gar nicht mit der Pastorin, dem Pastor. Und das löst auch Angst aus, aber das ist ein anderes Thema.) Daher bin ich ganz nahe bei Stephanie und Hannes, wenn sie schreiben:

„Wir haben den Verdacht, dass das noch viel zu wenig passiert: dass Christen laut und deutlich von ihrem Glauben reden, welche Rolle er in ihrem Leben spielt und was er ihnen bedeutet (oder auch nicht). Und dabei reden wir nicht mehr nur von unserer Generation. Es braucht die Ermutigung, die eigene Meinung zu sagen und ein eigenes Glaubensbekenntnis zu formulieren“ (205).

Genau! Und an vielen Orten fängt das an, wenn zB in diesem Jahr 2017 an vielen Orten Wände aufgestellt werden und die Menschen eingeladen werden, ihre Thesen öffentlich (!) zu formulieren. Auf der anderen Seite erleben wir das im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) immer wieder, dass wir von Menschen in Betrieben auf unseren Glauben hin angesprochen werden. Und keineswegs nur wir Spezialisten! Vor einiger Zeit berichtete mir eine Theologiestudentin von einem Praktikum in einem Industriebetrieb. Sie wurde pausenlos auf Kirche und Glaube angesprochen, „nur“ weil sie Theologie studierte. Ich glaube, es existiert so viel Sehnsucht in unserem Land, über Glaube, Religion und ja, auch über Kirche zu sprechen, aber wir trauen uns zu selten, oder wir trauen uns auch nicht, zu fragen: Was glaubst du? Das könnte doch eine Chance sein.

Wenn uns das verbindet, und wir die Fäden miteinander verweben, so dass Verwobenheit nicht nur entsteht sondern sichtbar gemacht wird, artikuliert wird in Worten, in Musik, in Bildern und Zeichenhandlungen, toll. Und dann, das ist meine Hoffnung, wird es so sein, dass wir unseren eigenen Glauben viel schöner in Händen halten, achten und feiern können. Und mit einer klareren Identität freuen wir uns über all die wunderbaren neuen Versuche und beginnen vielleicht am Ende auch die große alte Dame Volks- oder Landeskirche neu schätzen zu lernen, weil wir wissen, was wir an ihr haben.

Und ja, vielleicht werden auch die Fragen an der etablierten Kirchen präziser und drängender, zB: Was genau ist eigentlich eine Gemeinde? Im volkskirchlichen Setting scheint das ganz klar: das ist die örtliche Parochie, die gilt es unter allen Umständen zu erhalten. Doch – stimmt das denn? Es existieren doch jetzt schon viele Gemeinden an einem Ort nebeneinander, nicht nur evangelische und katholische „Gemeinden“. Könnte da nicht eine kreative Unruhe in unsere verunsicherte und um ihre Zukunft ringende Volkskirche kommen? Die hannoversche Landeskirche arbeitet gerade an einer neuen Verfassung, und die Öffnung des Gemeindebegriffes ist eine der zentralen Vorschläge, ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Liebe Stephanie (und lieber Hannes), vielen Dank für das Geschenk, dass ich mit Eurem Buch erhalten habe. Es hat mich angeregt, einer Spur zu folgen, einer Spur, die Ihr so beschreibt:

„Vielleicht fangen wir damit an, dass wir uns gegenseitig fragen: Worauf setzt du deine Hoffnung? Was ist deine Sehnsucht? Was beflügelt dich? Wie verantwortest du dein Leben? Was glaubst, worauf hoffst und wen liebst du?“ (220)

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Zugegeben: Es ist keine einfache Kost. Doch wer sich auf das akribisch recherchiert und eng an den Quellen entlang aufgebaute Werk von Siegfried Bräuer und Günter Vogler einlässt, wird reich belohnt. Das Buch bietet einen tiefen Einblick in die turbulente Zeit, die wir heute Reformation nennen und bringt dabei eine seit 500 Jahren höchst umstrittene Person näher: Thomas Müntzer. Drei Aspekte bleiben mir aus der Lektüre nachhaltig in Erinnerung.

I.

„Als Theologen und Historiker Luther und seine Förderer zur alleinigen Norm für die Beurteilung des Reformationsgeschehens erhoben, wurden abweichende Auffassungen und konkurrierende Bewegungen zumeist als ihre Lehren verworfen und Müntzer als ‚Außenseiter‘ abgestempelt. Doch in den frühen Jahren, als sie die reformatorischen Bewegungen erst allmählich Konturen gewannen, war die Situation noch offen und waren unterschiedliche Optionen möglich.“ (14)
„Im Reich herrschte zu dieser Zeit eine angespannte Situation: Die Befürworter reformatorischer Erneuerungen suchten die bisher erreichten Ergebnisse zu sichern, radikalere Kräfte drängten auf eine energische Weiterführung des reformatorischen Prozesses, und altgläubige Bischöfe und Fürsten formierten sich zum Gegenschlag, um diese Entwicklung zu stoppen.“ (250)

Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger. Das ist zwar banal, aber gerät schnell im Tagesgeschäft aus dem Blick. Das gilt auch für die Reformation und wir tun gut daran, uns gerade in diesem Jahr daran ausdrücklich zu erinnern. Bei der Lektüre der Biografie Müntzers habe ich mich mehr als einmal gefragt: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Geschichte anders ausgegangen wäre? Wenn Martin Luther keine mächtigen Fürsprecher gehabt hätte? Was wäre geworden, wenn einer der Landesherren durch die leidenschaftlichen Predigten Müntzers sich auf dessen Seite geschlagen hätte und ihn bei seinem Versuch einer Neuordnung der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse unterstützt hätte? Wie wäre die Geschichte weitergegangen, wenn die Bauernaufstände erfolgreich gewesen wären und sich ein Umsturz der politischen Verhältnisse in Deutschland vollzogen hätte? Natürlich ist es müßig, darüber zu spekulieren. In einer turbulenten Zeit, in der alles drunter und drüber ging, in der die verschiedensten Ideen theologischen Ansätze nebeneinander existierten, hat sich am Ende Martin Luther durchgesetzt und seine Theologie prägt unsere evangelische Kirche bis heute. Müntzer ist dagegen der Verlierer.

II.

Die Rolle von Macht und Politik in dieser Zeit, in diesen religiösen und kirchlichen Umbruch, ist mir an einer Stelle besonders aufgefallen. Bekannt ist schon lange, dass die Erfindung des Buchdrucks wesentlich dazu beigetragen hat, die Gedanken der Reformation rasant zu verbreiten. Die Reformatoren haben erkannt, welche Macht ihnen diese neue Technik gibt und sie genutzt. Neu war für mich, das schon zur Zeit Luthers die Druckereien in den Städten die zu druckenden Bücher und Flugblätter häufig der Obrigkeit (dem Rat, dem Landesherren) vorlegen mussten und diese eine Druckgenehmigung erteilten – oder auch nicht. Die Autoren zeigen sehr gut auf, mit welchen Hindernissen hier Thomas Müntzer zu kämpfen hatte. Bereits gedruckte Texte wurden wieder eingezogen, Buchhändlern „bei Leibesstrafe“ verboten, Traktate zu verkaufen. Seine Ideen waren zu Beginn der Bauernaufstände weit weniger bekannt und verbreitet als die Texte Luthers. Technischer Fortschritt war auch schon zur Zeit der Reformation auch eine Frage der Macht: Wer besitzt, wer erteilt das Recht, Texte zu veröffentlichen und zu verbreiten? Welche Interessen sind damit verbunden? Und welchen Preis hat Martin Luther dafür gezahlt und wir als protestantische Kirche in seiner „Nachfolge“? Und was folgt aus dieser Beobachtung oder Erkenntnis für die Beurteilung aktueller Technik, zB im Bereich der Digitalisierung? Wer hat hier Macht?

III.

„Die Befreiung von sozialen Lasten und die Vertreibung der sie verursachenden Tyrannen waren für Münzer Voraussetzungen, um eine ‚unüberwindliche Reformation‘ in der Gestalt vollziehen zu können, wie er sie aus seinem Glaubensverständnis abgeleitet und verkündet hatte.“ (374)

Müntzer hat im Unterschied zu Luther sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Glaube praktisch wird. Glaube ohne Praxis ist kein Glaube. Nun aber stellte Münzer fest, dass ihm nirgends gelungen ist, dies umzusetzen. Seine Predigt war in dieser Hinsicht nicht erfolgreich. Am Ende wird er radikal, weil er für sich die Konsequenz zieht: Die Menschen sind nicht in der Lage zu glauben, bei der Lebensverhältnisse so bedrückend sind, dass sie sich der Evangelium nicht öffnen können. Daraus folgt für ihn:

„Münzer respektierte die Obrigkeiten, wenn sie ihrer Pflicht nachkommen, die Untertanen zu schützen. Doch angesichts der Erfahrung, dass viele Regentin ihre Pflichten verletzten, tyrannisch handeln, Gläubige wegen ihres Glaubens verfolgen und das Evangelium missachten, vertrat er ein Widerstandsrecht.“ (393)

Manches, was ich hier von und über Müntzer gelesen habe, erinnerte mich an die Diskussion um den Widerstand gegen Hitler und die Möglichkeit der christlich legitimierten Beteiligung am Tyrannenmord. Dietrich Bonhoeffer haben diese Fragen immens beschäftigt und er war sich am Ende darüber im Klaren, dass seine Kirche ihm nicht folgt. Die Frage bleibt aber doch virulent: Ist jede Obrigkeit von Gott legitimiert? Und wenn nein, welche Kriterien legen wir an? Angesichts der „Krise“ von Demokratien und dem Wiedererstarken diktatorischer Regime und Tendenzen eine hochaktuelle Fragestellung.

„Müntzers Aufforderung, der Welt eine neue Ordnung zu geben, ist so aktuell wie zu seiner Zeit. Luther sprach den Bauern das Recht und die Macht ab, die Verhältnisse zu verändern. Müntzer hingegen sah die Zeit gekommen, sie grundlegend neu zu gestalten, und das hieß auch, dem auserwählten Volk die Gewalt dazu zu geben.“ (400)

Erst muss die Welt neu werden, erst muss eine neue Ordnung herbeigeführt werden, erst muss die Ausbeutung durch die Fürsten muss beendet werden, damit die Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, sich der Predigt zu öffnen. Was bedeutet dies für Predigt, Gemeindeaufbau und Mission? Muss sich Kirche nicht viel stärker um die Verbesserung von Lebensverhältnissen einsetzen, damit Menschen darauf „vorbereitet“ werden, glauben zu können? Und welche Vision von lebenswerten Umständen haben wir bzw. entwickeln wir aus der Schrift, zB aus den visionären Texten in den Prophetenbüchern, der Bergpredigt oder der Offenbarung des Johannes? Gibt es so etwas wie eine biblisch fundierte Vision des „guten Lebens für alle“? Und versündigen wir uns an uns selbst und an der Gesellschaft, wenn wir diese Fragen ausblenden, dies nicht verkündigen in Wort und Tat? Die Autoren jedenfalls ziehen am Ende dieses Fazit:

„(Müntzers) Blick war auf die Zukunft gerichtet, in dem er die Veränderung der Welt im Blick hatte. Mit der Verurteilung seiner Lehre wurde auch das Verdikt über seine Vision gesprochen. Wenn jedoch religiöse, soziale oder politische Visionen als nicht opportun abgetan werden, versinkt die Gesellschaft in reinen Pragmatismus. Doch die Menschen leben auch von Hoffnungen und Fragen, was zukünftig sein wird.“ (400)

Die nächsten Jahren werden noch voller 500jähriger Jubiläen sein. Ich hoffe, dass dann auch die Person und Theologie von Thomas Müntzer ähnlich kritisch gewürdigt wird, wie das in diesem Jahr mit seinem großen Kontrahenten Martin Luther geschehen ist. Es wäre lohnenswert – für Kirche im Besonderen und unsere Gesellschaft im Allgemeinen, um der Gefahr zu wehren, in reinem Pragmatismus zu versinken, hüben wie drüben.


Siegfried Bräuer/Günter Vogler: Thomas Müntzer: Neu Ordnung machen in der Welt. Eine Biographie. Gütersloher Verlagshaus 2016, 58 €

Casting Jesus (II)

Casting Jesus (II)

Ich stehe hier
Mit nackten Füßen
In einen weiten Umhang gekleidet
Ein dunkelrotes Tuch um meinen Kopf
Die Tür öffnet sich vor mir und ich höre
Avanti avanti!
Kommen Sie!
Langsam schreite ich los
Schritt für Schritt
Auf drei Männer zu
Einer schaut mir erwartungsvoll entgegen
Der zweite checkt gerade sein Smartphone
Der dritte blättert in irgendwelchen Papieren
Casting Jesus
Sie casten mich

Schritt für Schritt frage ich mich:
Mache ich es richtig?
Wie würde Jesus jetzt gehen?
Bin ich zu langsam?
Oder zu schnell?
Blickt er ihnen in die Augen?

Wie wäre denn Jesus?
Der Jesus den die hier sehen wollen?
Der Jesus den ich ihnen hier präsentieren möchte?
Also mein Jesus sozusagen?
Oder der Jesus der Jesus ist?
Schritt für Schritt bohren sich die Fragen tiefer in mein Herz
– und es pocht immer lauter -:
Wer bist du Jesus?
Und wer bin ich?
Bin ich überhaupt wer?
Bin ich würdig du zu sein?
Kann ich Jesus?
Oder bin ich ein Lügner und verliere mich im Bestreben du zu sein?
Oder finde ich mich gerade auf dem Weg du zu sein?

Vorne vor dem Tisch bleibe ich stehen
Ich höre:
Drehen Sie sich nach links
Jetzt nach rechts
Falten Sie die Hände
Jetzt die Hände zum Segen heben.
Was wollen die eigentlich sehen?
Mich?
Jesus?
Wie würdest du hier stehen Jesus?
Casting Jesus
Das ist doch irre!

Ich höre:
Bitte tragen Sie nun Ihren Vers vor.
Ich starre sie an
Weiß nichts zu sagen
Was mache ich eigentlich hier?
Soll ich schweigen
Mich umdrehen und gehen
Oder doch Worte wählen?
Wenn ja – welche?
Da schießt mir durch den Kopf:
Welche würde er jetzt wählen?

In den Nebel der verwirrenden Fragen hinein höre ich:
Avanti!
Nun machen Sie schon!
Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!
Zorn steigt in mir auf
Unbändiger Zorn
Alles ist hier falsch
Ich schaue auf
Und schreie ihnen entgegen:

Mit sehenden Augen sehen sie nicht
Mit hörenden Ohren hören sie nicht
Sie verstehen es nicht
(Matthäus 13,13)


Zu diesem Text gehört ein zweiter: Casting Jesus I

Das Video Casting Jesus von Christian Jankowski kann hier in voller Länge angeschaut werden: Casting Jesus

Casting Jesus (I)

Casting Jesus (I)

Wittenberg im August 2017
Schreibwerkstatt
Zur Ausstellung Luther und die Avantgarde
Die Aufgabe lautet:
Such dir ein Kunststück
Und schreib einen Text dazu

Wir gehen los

Außen bedrückend braune Mauern
Eine Treppe führt hinunter zum Eingang
Sechzig prall gefüllte Zellen warten auf mich
Sie haben gesagt:
Es ist beeindruckend und bedrückend

Ich trete ein
Zuerst rechts ein Raum mit drei grauen Tafeln
Sagt mir nichts
Dann links
Ein Theater
Neugierig trete ich näher
Auf einer Leinwand läuft ein Film
Jesus erkenne ich auf der linken Seite
Rechts eine Art Tribunal
Hinten die in den Zellentrakt führende Tür
Will ich da wirklich rein?

Ich zögere
Lehne mich gerne erst einmal an die Wand
Und verfolge eine Weile das Geschehen vorne
Casting Jesus

Drei Männer suchen Jesus
Einen Jesus
Dreizehn Männer treten der Reihe nach vor
Drehen sich nach links und nach rechts
Oder auch mal um sich selbst
Tragen ein selbstgewähltes Jesuswort vor
Und Abgang

Auf der rechen Seite der geteilten Leinwand
Sehe ich den Dreien zu auf die Dreizehn schauen
Mal überrascht
Mal gelangweilt
Mal professionell
Ein Jesus geht zu schnell
Ein anderer zu langsam
Einer hat eine zu dicke Nase

Wer wird gewinnen?
Wer wird verlieren?
Wer wird Jesus?
Wer ist Jesus?

Neben mir gackern ein paar junge Leute
Es ist ja auch zum Brüllen komisch

Drei Runden in sechzig Minuten
Dann ist es entschieden
Drei Runden gehen und segnen
Drei Runden Brotbrechen und Kreuztragen
Drei Runden fröhlich dreinschauen und weinen und Wunder wirken

Manchmal mischen sich andere Filme in den Film da vorn
Deutschland sucht den Superstar
Germanys next Topmodell
Und ich denke:
Was soll das?!

Am Ende gewinnt der Hirte mit den lockigen Haaren
Und den melancholisch klaren Augen
Ein Jesus
Wie er mir manchmal begegnet ist
Im Wohnzimmer an der Wand hängend
Das Schaf an seiner Seite
Und er stützt sich auf seinen Stab und schaut in die Weite
Das ist Jesus?!

Das kann doch nicht wahr sein
So kann es nicht enden
So darf es nicht enden

Ich habe mein Kunststück gefunden
Gehe zwar noch durch den Zellentrakt
Doch in meinem Kopf beginnen sich bereits Worte zu drehen


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