Casting Jesus (II)

Casting Jesus (II)

Ich stehe hier
Mit nackten Füßen
In einen weiten Umhang gekleidet
Ein dunkelrotes Tuch um meinen Kopf
Die Tür öffnet sich vor mir und ich höre
Avanti avanti!
Kommen Sie!
Langsam schreite ich los
Schritt für Schritt
Auf drei Männer zu
Einer schaut mir erwartungsvoll entgegen
Der zweite checkt gerade sein Smartphone
Der dritte blättert in irgendwelchen Papieren
Casting Jesus
Sie casten mich

Schritt für Schritt frage ich mich:
Mache ich es richtig?
Wie würde Jesus jetzt gehen?
Bin ich zu langsam?
Oder zu schnell?
Blickt er ihnen in die Augen?

Wie wäre denn Jesus?
Der Jesus den die hier sehen wollen?
Der Jesus den ich ihnen hier präsentieren möchte?
Also mein Jesus sozusagen?
Oder der Jesus der Jesus ist?
Schritt für Schritt bohren sich die Fragen tiefer in mein Herz
– und es pocht immer lauter -:
Wer bist du Jesus?
Und wer bin ich?
Bin ich überhaupt wer?
Bin ich würdig du zu sein?
Kann ich Jesus?
Oder bin ich ein Lügner und verliere mich im Bestreben du zu sein?
Oder finde ich mich gerade auf dem Weg du zu sein?

Vorne vor dem Tisch bleibe ich stehen
Ich höre:
Drehen Sie sich nach links
Jetzt nach rechts
Falten Sie die Hände
Jetzt die Hände zum Segen heben.
Was wollen die eigentlich sehen?
Mich?
Jesus?
Wie würdest du hier stehen Jesus?
Casting Jesus
Das ist doch irre!

Ich höre:
Bitte tragen Sie nun Ihren Vers vor.
Ich starre sie an
Weiß nichts zu sagen
Was mache ich eigentlich hier?
Soll ich schweigen
Mich umdrehen und gehen
Oder doch Worte wählen?
Wenn ja – welche?
Da schießt mir durch den Kopf:
Welche würde er jetzt wählen?

In den Nebel der verwirrenden Fragen hinein höre ich:
Avanti!
Nun machen Sie schon!
Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!
Zorn steigt in mir auf
Unbändiger Zorn
Alles ist hier falsch
Ich schaue auf
Und schreie ihnen entgegen:

Mit sehenden Augen sehen sie nicht
Mit hörenden Ohren hören sie nicht
Sie verstehen es nicht
(Matthäus 13,13)


Zu diesem Text gehört ein zweiter: Casting Jesus I

Das Video Casting Jesus von Christian Jankowski kann hier in voller Länge angeschaut werden: Casting Jesus

Casting Jesus (I)

Casting Jesus (I)

Wittenberg im August 2017
Schreibwerkstatt
Zur Ausstellung Luther und die Avantgarde
Die Aufgabe lautet:
Such dir ein Kunststück
Und schreib einen Text dazu

Wir gehen los

Außen bedrückend braune Mauern
Eine Treppe führt hinunter zum Eingang
Sechzig prall gefüllte Zellen warten auf mich
Sie haben gesagt:
Es ist beeindruckend und bedrückend

Ich trete ein
Zuerst rechts ein Raum mit drei grauen Tafeln
Sagt mir nichts
Dann links
Ein Theater
Neugierig trete ich näher
Auf einer Leinwand läuft ein Film
Jesus erkenne ich auf der linken Seite
Rechts eine Art Tribunal
Hinten die in den Zellentrakt führende Tür
Will ich da wirklich rein?

Ich zögere
Lehne mich gerne erst einmal an die Wand
Und verfolge eine Weile das Geschehen vorne
Casting Jesus

Drei Männer suchen Jesus
Einen Jesus
Dreizehn Männer treten der Reihe nach vor
Drehen sich nach links und nach rechts
Oder auch mal um sich selbst
Tragen ein selbstgewähltes Jesuswort vor
Und Abgang

Auf der rechen Seite der geteilten Leinwand
Sehe ich den Dreien zu auf die Dreizehn schauen
Mal überrascht
Mal gelangweilt
Mal professionell
Ein Jesus geht zu schnell
Ein anderer zu langsam
Einer hat eine zu dicke Nase

Wer wird gewinnen?
Wer wird verlieren?
Wer wird Jesus?
Wer ist Jesus?

Neben mir gackern ein paar junge Leute
Es ist ja auch zum Brüllen komisch

Drei Runden in sechzig Minuten
Dann ist es entschieden
Drei Runden gehen und segnen
Drei Runden Brotbrechen und Kreuztragen
Drei Runden fröhlich dreinschauen und weinen und Wunder wirken

Manchmal mischen sich andere Filme in den Film da vorn
Deutschland sucht den Superstar
Germanys next Topmodell
Und ich denke:
Was soll das?!

Am Ende gewinnt der Hirte mit den lockigen Haaren
Und den melancholisch klaren Augen
Ein Jesus
Wie er mir manchmal begegnet ist
Im Wohnzimmer an der Wand hängend
Das Schaf an seiner Seite
Und er stützt sich auf seinen Stab und schaut in die Weite
Das ist Jesus?!

Das kann doch nicht wahr sein
So kann es nicht enden
So darf es nicht enden

Ich habe mein Kunststück gefunden
Gehe zwar noch durch den Zellentrakt
Doch in meinem Kopf beginnen sich bereits Worte zu drehen


Hier geht es zu Teil II 

Beyond the wall – Jenseits der Mauer

Beyond the wall – Jenseits der Mauer

Heute Mittag hatte ich Gelegenheit, nach einem längeren dienstlichen Gespräch vor der Rückfahrt noch kurz die Ausstellung „Beyond the wall – Jenseits der Mauer“ in Berlin zu besuchen, die auf der Rückseite der Eastside-Gallery zu sehen ist. Beeindruckende Darstellungen. Besonders unter die Haut ging mir der Blick „über die Mauer“, wo im Hintergrund Bauaktivitäten ohne Ende zu sehen sind… Leider hatte ich nur meine Handykamera dabei, daher sind die Fotos jetzt nicht so dolle.

Teil der Ausstellung sind die Kurzbiografien mehrerer Personen, die der Künstler Stefan Roloff vorher ausführlich interviewt hat. Sehr überraschende und ungewöhnliche Blickwinkel. Die Interviews sind alle auf Vimeo zu finden. Ich habe nur mal kurz in dieses hier hineingehört, geschaut:

Interview Bärbel T from When 6 is 9 de on Vimeo.

 

Zwei Tage Wittenberg im Juni 2017

Wir, also meine Frau Christine und ich, waren in Wittenberg. Zwei Tage lang. Im Juni 2017, während des Reformationssommers, der sich im Dauerregen allerdings wenig sommerlich präsentierte. Ein klitzekleines Fotoprotokoll.

Zunächst nahmen wir am KWA-Forum: „Wenn jedes Maß verloren geht“ teil. Axel Noack ließ vor allem Luther zu Wort kommen…

… Sahra Wagenknecht blieb in den berliner Regenfluten stecken, so dass sich diese fünf Herren leider schon zu einig waren.

Natürlich haben wir die berühmte Tür der Schlosskirche besucht, an der alles anfing (oder auch nicht).

Auch innen drin gibt es sehr schöne Blickwinkel.

Einen kleinen Abstecher machten wir zur Berufungsfabrik, die unter anderem diese interessante Frage stellt.

Und das Asisi-Panorama durfte auch nicht fehlen.

Aber „eigentlich“ waren wir hier, um einen Workshop zum Bedingungslosen Grundeinkommen anzubieten. Wir haben ihn unter die Überschrift gestellt: „Bedingungsloses Grundeinkommen – Wie wollen wir als (Arbeits-)Gesellschaft leben?“ und verschiedene Stationen angeboten.

Zum Beispiel zur Maschinensteuer …

… oder zum Zusammenhang von Grundeinkommen und Care.

Am Ende hat uns Friedrich Kramer, Direktor der Akademie in Wittenberg, nach einem kurzen, aber intensiven Austausch noch zusammen fotografiert. Danach ging es ab in den Urlaub!