Die (Un-)Möglichkeit von Karriereplanung. Ein berufsbiografischer Rückblick

Die (Un-)Möglichkeit von Karriereplanung. Ein berufsbiografischer Rückblick

In Einführungsgottesdiensten wird der, die Einzuführende von der einführenden Person kurz vorgestellt. Bei mir war dies am letzten Freitag Oberlandeskirchenrat Rainer Kiefer. Augenzwinkernd sprach er davon, dass sich meine berufliche Biografie der letzten fünfzehn, zwanzig Jahre wie eine gezielte Karriereplanung liest, hin auf genau diese Stelle als Landessozialpfarrer und Fachbereichsleiter Kirche. Wirtschaft. Arbeitswelt.  Ein Gedanke, der mir einige Tage zuvor auch schon durch den Kopf ging.

Auf einem Studientag unseres Fachbereichs stellten wir uns gegenseitig unsere beruflichen Lebens(ver)läufe anhand von Karten und einem Faden vor. Und mir fiel schon auf, dass im Unterschied zu anderen mein Faden sehr gerade da auf dem Boden liegt, ausgehend von Zivildienst über Vikariat, Pfarrstelle, KDA im Rheinland, Promotion und dann über Osnabrück nach Hannover.

Allerdings trügt der Schein.
Und zwar sehr.

Die Entscheidung, mich vor bald dreißig Jahren für die nebenamtliche KDA-Arbeit zu entscheiden, entsprang dem Zufall, dass auf meiner allerersten Kreissynode ein/e Synodalbeauftragte/r gesucht wurde. Jede/r Pfarrer/-in musste solch ein Mandat übernehmen, frei war auch noch die Sektenbeauftragung. Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, Sozialethik dagegen, ja, dachte ich, das passt eher. Ich hatte allerdings keine Ahnung, was ich unter KDA verstehen sollte.

Die Entscheidung für das Fernstudium Berufs- und Wirtschaftspädagogik/Arbeits- und Organisationspsychologie hatte ursprünglich mit dieser Schwerpunktsetzung nichts zu tun. Ich hatte damals überlegt, vielleicht wäre ein Schulpfarrstelle ganz spannend für mich und bekam den Hinweis, ohne pädagogische Zusatzausbildung wird das nichts. So fing ich in Hagen an – und merkte schon im Grundstudium, nein, Schule ist doch nichts für dich. Mittlerweile hatte ich aber so viel Spaß an Pädagogik und Psychologie gefunden (kommt ja beides im Theologiestudium nicht sooo intensiv vor), dass ich Lust hatte, weiter zu machen. Nur die Schwerpunkte wechselten, und ich schloss mit einer Arbeit über die gerade in Kraft getretenen Hartz-Gesetze ab.

Auch die Promotion kam irgendwie und auf eher verschlungenen Wege zustande. Geträumt hatte ich schon als junger Student davon, in der Massenuniversität in den achtziger Jahren war mir dieser Weg verschlossen, die Gründe dafür kann ich hier nicht ausbreiten. Geblieben war über all die Jahre die Idee, mal ein Buch zu schreiben. Da lief sogar eine Wette zwischen meiner Frau und mir, sie sagte, du schreibst das schon irgendwann. In der Beschäftigung mit Frithjof Bergmann und seiner These: „Es gibt kaum etwas, das Menschen glücklicher und zufriedener macht als eine Arbeit, die sie wirklich, wirklich wollen“ wurde mir dann deutlich, dass das Schreiben so eine Arbeit ist, die mich glücklich macht. Es kam der glückliche Umstand hinzu, dass ich die Chance hatte, ein Kontaktstudiensemester in Bochum zu machen, weil in unserer Gemeinde durch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Theolog/-innen ein Nachwuchspfarrer Dienst tat, der gerne bereit war, mal für drei Monate ALLES zu übernehmen. Am Ende der drei Monate stand die Idee: Du schreibst dein Buch und verbindest es mit der Promotion. Wunderbarerweise geriet ich da mit Traugott Jähnichen an einen Doktorvater, der mich an einer sehr langen Leine führte, so dass es mir überhaupt möglich war, dieses Projekt neben dem Gemeindepfarramt durchzuführen.

Dann war ich fertig, 2011/12, und die Kinder waren aus dem Haus. Zeit, mich mal nach anderen Stellen umzuschauen. KDA-Pfarrstellen im Rheinland, auf die ich mich hätte bewerben können, gab es nicht. Ich bewarb mich hier und da. 2012 wäre ich fast nach Berlin gewechselt, auf einer Pfarrstelle des Diakonissenhauses Berlin-Teltow-Lehnin, theologischer Beratung des Vorstands und eingebunden in die Schulung von Mitarbeitenden. Haarscharf, so wurde mir mitgeteilt, bekam ich nach einem längeren und aufwändigen Verfahren die Stelle am Ende nicht, sondern mein einziger verbliebener Mitbewerber. Das tat weh, Berlin und Brandenburg, das hat mich sehr gereizt.

„Zwischendurch“ steckte ich meine Kreativität ins Schreiben und verfasste ein Buch, Zeitsprung – Gemeinde 2030. Ich begann gerade mit den Vorüberlegungen zu einem weiteren Buch, als sich die Chance eröffnete, mich in der hannoverschen Landeskirche auf eine Referentenstelle im KDA  bewerben zu können. Aber auch hier, es war wieder haarscharf. Wir lebten in einer gekündigten Mietwohnung, das Verfahren zog sich hin und ich hatte Michael Klatt, meinem Vorgänger im heutigen Amt, gesagt: Wenn ich vor den Bewerbungsgesprächen eine neue Wohnung finde, nehme ich die und ziehe die Bewerbung zurück, eine Alternative habe ich nicht, wir brauchen im Herbst eine neue Bleibe.

Nun, zum Glück war der Wohnungsmarkt in Voerde seinerzeit leer gefegt. Hannover wollte mich und wir zogen nach Osnabrück, vor gerade mal zwei Jahren. Und nun der nächste Schritt. In der Rückschau hat sich alles gefügt, so scheint es. Perfekte Karriereplanung, könnte man meinen.

Aber es scheint eben nur so. Im Nachgang kann ich die Fäden leicht beschreiben, wenn „alles“ geklappt hat. An den Wegmarken sieht das immer aus und die vier Jahre, in denen ich mich vergeblich auf verschiedene Stellen beworben habe, waren für meine Frau eine quälende Zeit zwischen Hoffnung und Enttäuschung.

Während ich das schreibe, fällt mir ein, dass mein Lehrer Wilfried Härle uns jungen Leuten in einer Vorlesung mal erklärte, warum das mit dem Determinismus (es gibt keine Freiheit, alles ist „vorherbestimmt“ bzw. folgt zwingend aus dem Vorausgehenden) nicht stimmt. In der Rückschau, so Härle, sieht es oft und schnell so aus, als würde eins zwingend auf das andere folgen, ja aus ihm heraus erwachsen. Nach vorne geschaut hilft der Determinismus aber eben nicht, weil die Zukunft immer offen ist. Wer schon mal vor schwierigen Entscheidungen stand, weiß wovon ich spreche. Das Denkgebäude des Determinismus ist daher sinnlos, weil es keine Hilfe für die Entscheidungen in den Herausforderungen der Gegenwart darstellt. Ich fand das sehr einleuchtend. Und im Blick auf meine „Karriere“ bestätigt sich das wieder: Es „scheint“ eben alles so schön aufeinander aufzubauen, aber in „Wirklichkeit“ war es ganz anders.

Aber ich bin auch noch aus einem anderen Grund sehr zurückhaltend, bei solchen Versuchen, rote Fäden im Leben zu finden und daraus einen Sinn im Leben abzuleiten. Denn solche Ansätze müssen für mich auch vor den Kindern am Grenzzaun in Idomeni standhalten, den Frauen in den Bombenkellern von Aleppo und den sich auf der Flucht in Afrika befindlichen Männern, die sich urplötzlich Gewehren gegenüber sehen, die von dem Land geliefert wurden, dass doch das Ziel ihrer Träume ist… Was sage ich denen denn? Genauer: vermutlich komme ich nie in die Verlegenheit. Aber was ich über Lebenswege, Lebensplanung usw. denke und vielleicht auch anderen nahe bringe, muss auch diesen Realitäten standhalten. So liegt die Herausforderung für mich darin, stets nach vorn zu schauen, offen und neugierig – in dem Wissen, es kann alles im nächsten Moment ganz anders sein und werden. Ich kann dabei Hoffnungen haben und Träume hegen und ja, auch Ziele verfolgen. Aber das macht nicht den Sinn des Lebens aus.

Diese Haltung finde ich in diesen Worten Dietrich Bonhoeffers wieder:

 Ich glaube,
daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Faktum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet
und antwortet.

Somit bleibt mir zu der scheinbar perfekten Karriereplanung nur zu sagen:

Ich bin dankbar, dass ich heute hier bin.
Ich weiß, es ist nicht mein Verdienst, ich habe es nicht „verdient“.
Und morgen kann alles schon wieder ganz anders sein.

(Mein) Lebenslauf des Scheiterns

(Mein) Lebenslauf des Scheiterns

Das Manager Magazin twitterte gestern den Hinweis auf diesen Text: Diese Jobs habe ich alle nicht bekommen – Beichte eines Princetown-Professors.

Was sich im ersten Moment etwas reißerisch anhört, ist eine sehr nachdenkenswerte Auseinandersetzung mit dem Scheitern im eigenen Leben – denn Johannes Haushofer ist alles andere als „gescheitert“ im landläufigen Sinn. Und eine Beichte, nun das ist es eigentlich auch nicht, was Haushofer getan hat. Als ich den Artikel las, dachte ich gleich: Wie sieht eigentlich dein Lebenslauf des Scheiterns aus?

Er ist kürzer als der von Johannes Haushofer. Ich bin zufrieden im Beruf, immer noch glücklich in der Ehe und aus meinen drei Kindern ist etwas „Anständiges“ geworden. Dennoch finde ich auch in meinem Lebenslauf Erfahrungen, die wehtun.

Als junger Theologiestudent träumte ich von einer akademischen Laufbahn. Diese blieb mir verwehrt. Genauer gesagt, ich hatte nicht den Hauch einer Chance. Zu einer Zeit, in der das Theologiestudium ein Massenstudiengang war. Ich saß bereits im Grundstudium im Forschungsseminar bei Wolfgang Huber. Doch dann wechselte Huber nach Heidelberg und aus verschiedenen Gründen kam für mich der Wechsel des Studienortes nicht infrage. Das tat weh. Ich konzentrierte mich auf ein möglichst schnelles Ende des Studiums und ging dann doch ins (Gemeinde)-Pfarramt. Im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung. Sie eröffnete mir die Möglichkeit, Theorie und Praxis gleichermaßen im Blick zu halten – das hat mir an vielen Stellen sehr geholfen.

Als ich Ende der achtziger Jahre als Pfarrer verbeamtet wurde, hatte ich folgenden Lebensplan im Kopf: Ich sah etwa 30 Dienst Jahre vor mir und zerlegte sie in drei Drittel zu je zehn Jahren. Ich wollte also zweimal die Stelle wechseln. Dieser Plan scheiterte. Es gab über viele Jahre kaum die Möglichkeit als Pfarrstelleninhaber auf eine andere Stelle zu wechseln. Über die Gründe zu schreiben, würde hier zu weit führen. Dennoch, ich habe es versucht. 2001 bewarb ich mich auf eine Schulpfarrstelle in Leverkusen. Ich bekam einen freundlichen Brief vom damaligen Schulreferenten des Kirchenkreises Leverkusen, den ich vom Predigerseminar her kannte. Er teilte mir mit: Ohne pädagogische Zusatzausbildung haben Sie keine Chance. Daraufhin schrieb ich mich an der Fernuniversität Hagen ein und begann nebenberuflich das Studium der Erziehungswissenschaft. Schon nach wenigen Semestern wurde mir klar: Schule, das ist doch nichts für dich. Ich studierte weiter, nun aber mit dem Schwerpunkt Berufs-und Wirtschaftspädagogik. Da folgte ich meinen Interessen, war ich doch schon viele Jahre nebenamtlich im KDA unterwegs.

Jahre später, als die Kinder groß waren, begann ich die Suche nach einer neuen Stelle erneut. Ich habe sie nicht gezählt, aber zehn, zwölf Bewerbungen waren es bestimmt. Sie scheiterten (bis 2014) alle. Ich kam unterschiedlich weit in den Verfahren. Ganz oft war es so, dass ich mittendrin merkte, nein, das ist es nicht, das passt nicht. Nur ein einziges Mal tat es richtig weh. 2012 bewarb ich mich bei einer großen diakonischen Anstalt in der Nähe von Berlin als theologischer Berater des Vorstands. Alles hätte gepasst. Ich kam bis unter die letzten zwei. Am Ende entschied ein Wimpernschlag – zugunsten meines Mitbewerbers. Hier gescheitert zu sein, daran habe ich lange geknabbert. Im Umfeld von Berlin arbeiten zu können, das war (und ist) bis heute ein Traum. Ein Traum, der sich wohl nicht mehr verwirklichen lässt. Mittlerweile bin ich ja hoch zufrieden, als Referent im KDA der hannoverschen Landeskirche arbeiten zu können. Trotzdem schmerzt diese Niederlage bis heute.

Im Beruf, also im Pfarramt, bin ich natürlich auch immer wieder gescheitert. Ich habe darüber auch mal gebloggt unter der Frage: Scheiternde Pfarrer/-innen. Natürlich scheitern Pfarrer/-innen. An ganz vielen Stellen ist es normal, dass sich Projekte und Ideen nicht so verwirklichen lassen, wie ich mir das vorstelle. Es kommen zum Gottesdienst weniger als gedacht, ein Workshop fällt aus, ich finde keine Mitspieler/-innen fürs Krippenspiel oder was auch immer. Das ist Alltag. Aber es gibt auch Pfade, die ich über Jahre (mit) verfolgt habe. Mit viel Einsatz. Alleine oder mit anderen. Hier und da gibt es dann auch mal Erfolge. Aber auch krachende Niederlagen.

Viele, sehr viele Jahre habe ich daran gearbeitet meine Gemeinde in irgendeiner Weise an die Partnerschaftsarbeit mit einer Kirche in Afrika oder anderswo heranzuführen. Erst gegen Ende hatte ich damit vorsichtigen Erfolg. Immerhin.

Gescheitert bin ich dagegen in meinem Bemühen mit anderen zusammen die KDA-Arbeit im Rheinland auf der landeskirchlichen Ebene dauerhaft und personell gut ausgestattet zu sichern. Unzählige Gespräche, Memoranden und Anträge gab es. Doch die Großwetterlage war nicht gut. Für mich eröffnete sich schließlich die Möglichkeit, meine Erfahrungen und Leidenschaften in KDA und Sozialethik in einer anderen Landeskirche unterzubringen. Der Blick hinüber ins Rheinland erfüllt mich allerdings nach wie vor mit Trauer. So viel Zeit, Einsatz und Gedankenschmalz. Gescheitert, zumindest aus meiner Sicht.

Blicke ich über den Beruf hinaus, dann entdecke ich im Bereich des Sportes Erfahrungen von schmerzhaftem Scheitern. Schon als junger Mann träumte ich davon, mit dem Rad die Alpen zu befahren. Diesen Traum habe ich mir in den neunziger Jahren erfüllt. Es bedeutete viel Training und daraus habe ich viel gelernt. Disziplin, Geduld, Konstanz. In einer Radreise und vor allem in der Vorbereitung. Es gab den bangen Blick aufs Wetter. Und die Angst vor einem Sturz oder einer Krankheit, die eine Reise unmöglich gemacht hätte oder zum Abbruch geführt hätte. Fast immer hat es geklappt. Das Timmelsjoch stürmte ich eins mit Zahnschmerzen und Aspirin, immerhin. Aber es gab auch Touren, die ich nicht fahren konnte oder die ich abbrechen musste. Manchmal lag es am Wetter, okay, darauf habe ich keinen Einfluss. Aber es gab auch die ein oder andere Strecke, wo meine Kraft nicht reichte. Und das tat jeweils weh. Gescheitert an mir selbst. Mein Körper konnte nicht mehr, mein Geist vermochte nicht, Beine und Lunge zu zwingen. Nach all dem Training, schon im Winter bei 0° und Schneeregen, das war bitter. Ich muss mir sagen: DU hast es nicht geschafft!

Schaue ich also auf mein Leben zurück, dann sehe ich zwei Formen des Scheiterns.

Ganz oft konnte ich aus Niederlagen lernen. Das verwandelte den ursprünglichen Schmerz und die Trauer in Dankbarkeit. Klar, ich weiß nicht, ob es mit der akademischen Laufbahn geklappt hätte. Aber ich habe später noch promovieren können, erfahrungsgetränkt und das wahr vielleicht wichtig im Blick auf meine hauptamtliche KDA-Tätigkeit.
An solchen Stellen bin ich ganz bei denen, die in tausendfach aufgelegten Ratgebern davon schreiben, das eigene Scheitern in Erfolg zu verwandeln.

Aber es bleiben auch die anderen Erfahrungen. Wo es richtig weh tut und Wunden geschlagen werden. Da bleiben dann bestenfalls Narben zurück. Ich glaube nicht, dass es möglich oder nötig ist, all diesen Erfahrungen der Niederlagen im Detail nachzugehen. Da, wo sie traumatisch sind und mich in meinem Leben oder Weiterentwicklung behindern, ja. Aber ansonsten gehören Erfahrungen des Scheiterns, geplatzte Träume und Visionen einfach zum Leben dazu. Und sie prägen mein Leben genauso wie die Erfolge oder die Lernerfahrungen aus Niederlagen. Odo  Marquardt hat in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass es gerade diese Erfahrungen sind, die unsere Identität in besonderer Weise prägen und ausmachen und Wilhelm Schmid hat so in Worte gefasst (und ich habe mal darüber gebloggt: Leben als Fragment zwischen Wollen und Können):

Es gibt Wunden, die nicht zu heilen sind, und deren Heilung für das Selbst auch nicht von Interesse ist; die fällige Neukonstituierung seiner Kohärenz besteht dann nicht mehr in der Wiederherstellung eines früheren, heilen Zustandes, sondern in der Eingliederung der Wunde in das Selbst: Die Wunde selbst gehört nun zur Kohärenz“ (Schmid, Schönes Leben, S. 54).

Ich schaffe es nicht, sechs Seiten meines Lebenslaufes mit Erfahrung des Scheiterns zu füllen. Da geht es mir ähnlich wie Johannes Haushofer. Und ich frage mich, woran das liegt. Wahrscheinlich fallen mir noch mehr Dinge ein, wenn ich länger darüber nachdenke. Ich frage mich aber auch:

  • Bin ich ein Stehaufmännchen, das eher nach vorne schaut anstatt zurück?
  • Oder bin ich in meinem Leben bisher sehr wenig Risiko gegangen?
  • Oder bin ich blind und schaue nicht ehrlich zurück?
  • Oder bin ich begabt mit der Fähigkeit realistisch meine Möglichkeiten einzuschätzen?
  • Oder habe ich einfach nur Glück gehabt?

FuckUp Night – oder auch: Vom Umgang mit unternehmerischem Scheitern

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Fuck up – das heißt so viel wie verbocken, vermasseln, Mist bauen. Man könnte auch sagen: scheitern.
Unter der Überschrift „FuckUp Nights“ breitet sich ein Veranstaltungsformat aus, in dem Menschen von ihrem unternehmerischen Scheitern erzählen. Am Donnerstag (12.02.) fand die erste FuckUp Night in Hannover statt und ich war dabei.

160 Personen hatten sich im Freizeitheim Linden eingefunden, die meisten noch keine dreißig Jahre alt. Zwei Männer und eine Frau trugen kurze Berichte vor, die sich auf sehr unterschiedliche Misserfolgsgeschichten bezogen. Einer scheiterte vor allem an sich plötzlich ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen, die andere durch unüberlegtes Vorgehen. Das ganze lief in einer heiteren, oft humorvollen Art und Weise ab. Nach jeder Kurzpräsentation konnten Fragen gestellt werden. Nach knapp siebzig Minuten löste sich die Versammlung wieder auf, es gab weitere Gespräche im Gang und an der Theke. Meine Frau Christine und ich zogen mit Sandra Bils und Maria Hermann (Kirchehochzwei) in eine Kneipe mit dem passenden Namen „Debakel“ und diskutierten noch eine ganze Weile übers Scheitern.

Denn meine Frau und ich waren bereits im Rheinland intensiv an der Thematik des unternehmerischen Scheiterns dran. Ausgehend von der Frage eines Insolvenzanwalts, was denn Kirche an seelsorgerichen Angeboten für Menschen vorhält, die unternehmerisch gescheitert sind, gründete sich die sogenannte „INSO-AG“ und führte 2012-14 bislang drei Tagungen in der Akademie Rheinland in Bad Godesberg durch. Die Erfahrungen, die wir dort gesammelt haben, möchten wir nun gerne in unserer „neuen“ Landeskirche auch einbringen. Denn Scheitern ist ein Thema, das ganz viele Menschen in sehr unterschiedlicher Art und Weise beschäftigt und mit dem höchst verschieden umgegangen wird. Daher waren wir am Donnerstag bei der Fuck Up Night.

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Dort fiel mir ein Aspekt sehr stark ins Auge, der auch bereits im Rheinland zutage trat: Offenbar gehen jüngere Menschen anders mit Scheitern um als ältere. Es mag Zufall gewesen sein, aber die drei Gesprächspartner hatten alle Startups in den Sand gesetzt, aber nirgends war etwas davon zu hören oder zu spüren, dass dies zu ähnlichen tiefgreifenden Lebenskrisen führte, von denen Menschen über 35, 40 erzählen. Insbesondere dort, wo die eigene Familie finanziell mit in den Abgrund gerissen wird oder Verantwortung für Arbeitsplätze bei den unternehmerisch Gescheiterten vorhanden war, wird oft von schweren psychischen, manchmal auch körperlichen Belastungen berichtet.

Dennoch scheint es darüber hinaus so zu sein, dass in der jüngeren Generation anders übers Scheitern nachgedacht wird als unter uns Älteren. In meiner Generation kann zumindest für Deutschland gesagt werden, dass Scheitern zumeist persönlich genommen wird. Wer scheitert, gibt sich selbst die Schuld, auch wenn die Gründe häufig objektiv an ganz anderer Stelle liegen. Ähnliche Tendenzen beobachteten wir auch in Gesprächen mit einigen jüngeren Teilnehmer/-innen der Tagungen in Bad Godesberg.

Daher ist das Format FuckUp Night vielleicht gut geeignet, zum einen eher jüngere Menschen zum Austausch über ihre Misserfolge einzuladen. Zum anderen aber besteht für die ältere Generation hier in der Begegnung mit Jüngeren die Chance, eigenen unbewusste Vorstellungen übers Scheitern auf die Spur zu kommen und diese zu überdenken. Mal schauen, wie sich das entwickelt und wo sich Anküpfungspunkte in meiner Tätigkeit im KDA in den nächsten Monaten ergeben.

Link zur Website der FuckUp Night Hannover:
http://fuckupnights.com/hannover/

Auch an der vierten FuckUp Night habe ich im März 2016 teilgenommen. Darüber hat meine Frau gebloggt:
Ist unternehmerisches Scheitern geil?

Frühere Texte von mir zum Thema Scheitern:

Bericht über die Akademietagung 2013:
Angst frisst Seele auf

Interview mit mir zur Tagung 2013 im Bonner Generalanzeiger:
Interview mit Pfarrer Matthias Jung

Mein Text zur Eröffnung der Tagung 2014:
Scheitern ist nicht das Ende

Andacht im Pfarrkonvent – Scheiternde Pfarrer/-innen:
Scheiternde Pfarrer/-innen

Theologische Überlegungen:
Scheitern – mitleiden – klagen

(Textgleich parallel veröffentlicht auf: https://kda-osnabrueck.wir-e.de/)

Scheitern ist nicht das Ende.

Gedanken zum Beginn einer Tagung in der Evangelischen Akademie Rheinland

Im ersten Moment tut es weh.
Sehr weh.
Das Gefühl, gescheitert zu sein.

Vielleicht hat es sich schon länger angekündigt:
Es war klar, der Tag wird kommen.
Vielleicht habe ich s geahnt:
Diese Geschichte kann nicht gut ausgehen.
Vielleicht wusste ich es sogar:
Aber den Kopf steckte ich in den Sand.

Aber es kommt auch aus heiterem Himmel.
Eine Nachricht, die alles auf den Kopf stellt.
Ende, aus.

Im ersten Moment tut es weh.
Sehr weh.
Aber Scheitern ist nicht das Ende.

Jede, jeder von uns ist schon gescheitert.
In der Schule.
In der Liebe.
In der Familie.
In Projekten.
In Arbeitsbeziehungen.
In politischer Verantwortung.
Im Ehrenamt.

Und der Schmerz ist immer genauso groß wie das Herzblut, das ich hier hineingesteckt habe.

Wir Deutschen neigen dazu, uns im Scheitern vor allem selbst die Schuld zu geben.
Aber das ist fatal.
Einmal empfinden wir die Scham des Versagens umso härter und ungerechter.
Umgekehrt zeigen wir alle gerne mit dem Finger auf andere:
Guck mal, die hat es nicht geschafft.
Und der hat den Laden vor die Wand gefahren.

Diese Haltung führt in einen Teufelskreis:
Immer noch mehr Anstrengung.
Und noch mehr Verdrängung.
Ich will es schaffen.
Ich muss es schaffen.
Und der Absturz wird umso größer.

Natürlich sind wir im Scheitern mit unserer Person beteiligt.
Aber wir Deutschen vergessen schnell, was Hannah Arendt einst in einem Bild beschrieb:
Egal, was wir tun,
unser Handeln, wo und wir auch immer,
nie ist es mehr
(aber auch nicht weniger)
als Fäden in ein Gewebe zu flechten,
das andere vor uns geflochten haben.

Wir stehen immer in Beziehungen und Bezogenheiten.
Wird eine, einer süchtig und abhängig von was auch immer –
da wissen wir, es gibt Co-Abhängigkeiten.
Die eher stützen als helfen.
Beim Scheitern in beruflichen Zusammenhängen wird das oft ausgeblendet.
Da bist du ganz alleine schuld.
Du weißt das,
du fühlst das.
Und die anderen lassen mich das spüren,

Wenn wir hier und heute über Scheitern nachdenken,
dann ist mir zu Beginn wichtig, genau darauf hinzuweisen:
Es scheitert nie jemals jemand allein.

Und auch den Weg in die Zukunft geht niemand nach einem Tiefpunkt allein.
Die Tatsache, dass wir hier miteinander über Scheitern reden,
ist so ein kleiner Schritt auf dem Weg nach dem Ende.
Der Austausch verbindet,
ermutigt,
rückt zurecht.

Scheitern hat mit Herzblut zu tun, sagte ich eben.
Tausend Dinge, die ich Tag für Tag anfange, klappen nicht.
Tausend Dinge.
Es tut mir nicht weh.

Andere schon.
Da geht es dann um Ziele.
Oder um Träume.
Oder um Werte.

Überall da, wo wir vom Scheitern sprechen, da geht es um mehr als nur um ein abgebrochenes Vorhaben.
Oder um eine im Sand verlaufene Initiative.
Oder um ein Projekt, das nicht ankam.

Ich habe schon so manches Projekt gestartet, mit gestartet, das nicht zum gewünschten Ziel führt.
Pech gehabt,
falsche Zeit,
falscher Ort,
falsche Partner.
Oder was auch immer.
Aber gescheitert?
Nein.
Nicht so schlimm.
Tut nicht weh.

Scheitern, da geht es ums Herzblut.
Um Überzeugungen.
Um Leidenschaften.
Das tut dann weh.
Und doch ist es nicht das Ende.
Oder muss es zumindest nicht sein.

Denn so unterschiedlich wir im Blick auf Scheitern empfinden,
so verschieden reagieren wir darauf.
Jede und jeder hat seine Strategien.

Bei der Vorbereitung ist mir eine Geschichte aus unserer christlichen Tradition eingefallen.
Eigentlich ist es eine doppelte Geschichte.
Sie erzählt vom Scheitern.
Einmal ist das Ende ein Anfang.
Das andere Mal ist das Ende ein endgültiges Ende.

Jesus stirbt am Kreuz, kaum dreißig Jahre alt.
Seine Mission scheitert spektakulär unter den Hammerschlägen der römischen Soldaten.
Die Botschaft vom liebenden Vater im Himmel,
von Frieden auf Erden,
von einem aus Mutterliebe getragenen Umgang untereinander,
diese Geschichte endet auf Golgatha.
Seine Anhänger sind verschwunden.
Nur seine Mutter und zwei seiner Gefolgsleute harren aus.
Bis er den letzten Atemzug tut,
kurz nach dem verzweifelten Schrei:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Wir kennen den Fortgang der Geschichte,
sind selbst Teil dieser Geschichte,
sonst wären wir heute nicht hier.
Ob wir uns selbst als Christinnen und Christen verstehen
oder auch nicht:
Dieses Haus,
diese Veranstaltung ist Ausfluss der fortgehenden Beschäftigung mit diesem Jesus von Nazareth.
Von dem es heißt, er sei drei Tage später auferstanden.
Was da genau geschah – historisch ist es nicht aufzuklären.
Sichtbar ist aber die Geschichte, die ihren Anfang dort nimmt.
Scheitern ist nicht das Ende – das könnte als Überschrift über vielen Erzählungen aus den beiden Teilen der hebräischen und griechischen Bibel stehen.
Es sind Glaubensgeschichten, ja –
aber eben auch Menschheitsgeschichten.
Die von Erfolge und Misserfolgen erzählen.

Verflochten in die letzten Tage dieses Jesus von Nazareth ist eine andere Geschichte.
Die des Judas.
Judas, auch ein Gefolgsmann Jesu.
Sein Vertrauter.
Wahrscheinlich hatte er die Gemeinschaftskasse unter sich.
Das ist schon ein Posten.

Was Judas genau zu seinem „Verrat“ verleitete, ist nicht mehr aufzuklären.
Die Evangelien spekulieren:
War es Geldgier?
Hat der Teufel von ihm Besitz ergriffen?
Auslegerinnen und Ausleger vermuten:
Judas wollte Jesus provozieren, herausfordern.
Hier in Jerusalem sollte er die Macht einsetzen, die er von Gott anvertraut bekam.
Herodes vom Thron jagen
und die Römer aus dem Land.
Sollte dies zutreffen, ist Judas grandios gescheitert.
Nach Matthäus bringt er das Blutgeld zu den Hohepriestern zurück.
Wirft es ihnen vor die Füße.
Doch die lachen nur.
Und Judas geht.
Nimmt sich einen Strick und erhängt sich.
Der Moment des Scheiterns tut weh.
Sehr weh.
Manchmal zu weh, als dass ich ihn ertragen kann.
Wer will da richten?

Und doch erschrecken wir.
Wenn wir von solch tödlichen Folgen des Scheiterns hören.
Und das ist auch gut so.
Denn wir sagen:
Scheitern ist nicht das Ende.
Muss es nicht sein.
Das ist unsere Überzeugung.
Dafür haben wir zu dieser Tagung eingeladen.
Zum Austausch.
Zur Ermutigung,
Zum Erzählen.
Zum Verstehen.
Ich bin gespannt und freue mich drauf.