Mobilität in der Bibel

Mobilität in der Bibel

Mobil zu sein ist schon immer Teil des Menschseins.
Menschen reisen mit guten oder weniger guten Absichten.
Vielfach voller Sehnsucht und zielgerichtet, ganz oft aber auch fluchtartig und unfreiwillig.
Alles auch schon in biblischer Zeit.

Adam und Eva müssen das Paradies verlassen.
Kain kann nach dem Brudermord nicht bleiben und zieht in das Gebiet jenseits von Eden.

Abraham verlässt auf das Wort Gottes hin seine Heimat und kommt so nach Kanaan.
Sein Sohn Jakob flieht später nach dem erschlichenen Segen in die Ferne, kommt nach Jahren zurück.

Joseph wird an Sklavenhändler verkauft, kommt nach Ägypten und macht dort Karriere.
Und eines Tages steht seine Familie vor ihm, die der Hunger aus der Heimat nach Ägypten getrieben hat, weil es heißt, da hätte einer gut vorgesorgt für schlechte Zeiten.

Generationen später führt Mose sein Volk Israel aus der Sklaverei durch die Wüste zurück ins gelobte Land, eine vierzig Jahre währende Reise zwischen Sehnsucht und Alpträumen.

König David führt einen Krieg nach dem anderen und zieht dazu mit seinem Heer von Ost nach West, von Süd nach Nord.

Elia flieht vor Königin Isebel, die ihn aus Rache ermorden lassen will, weil Elia vierhundert Baalspriester töten ließ.

Die Oberschicht Israels wird nach einer vernichtenden Niederlage gefangen nach Babylon geführt.
Ihre Nachkommen dürfen eines Tages in die Heimat zurückkehren, nachdem der Perser Kyros seinerseits Babylon erobert hat.

Maria und Joseph müssen von Nazareth nach Betlehem reisen, um sich registrieren lassen.
Nach der Geburt Jesu geht es aber nicht zurück nach Hause, nein, sie müssen vor Herodes nach Ägypten fliehen.
Und die Astrologen aus dem Osten sind noch viel länger unterwegs nach Betlehem und folgen dabei einem Stern.

Jesus selbst reist drei Jahre auf und ab durchs Land, redet vom Himmelreich und heilt Herzen und Körper.

In vielen seiner Geschichten sind Menschen unterwegs:
Der verlorene Sohn verprasst auf seiner Luxusreise alles, was er hat, und beschließt am Schweinetrog, sich noch einmal ganz anders auf den Weg zurück zu machen.
Oder der Handlungsreisende, der unter die Räuber fällt. Geistliche, die zum Tempel reisen, lassen ihn links liegen, aber ein ausländischer Samariter rettet ihn.
Und auch Zachäus gäbe es überhaupt nicht, wenn Handel nicht so selbstverständlich und alltäglich wäre, dass es lohnt, hier Zölle zu erheben und Zollstationen zu bauen.

Die Reise zum Passahfest nach Jerusalem ist jährlich Teil des jüdischen Lebens, für Jesus ist die erste Reise dorthin zugleich seine letzte.

Jesus schickt seine Jünger los, um das Evangelium zu verkünden, mit reichlich wenig im Gepäck.

Petrus und andere machen sich nach Ostern auf den Weg, von der Auferstehung zu erzählen und den Auferstandenen zu verkünden.

Ein Finanzminister aus Äthiopien ist so neugierig, dass er bis nach Jerusalem reist, um etwas über den Gott der Juden zu erfahren. Trotz verschlossener Türen am Tempel reist er schließlich getauft fröhlich zurück.

Und ohne Paulus und seine Reisen säßen wir heute nicht hier, ohne seinen unbändigen Willen, das Evangelium bis an die Enden der Welt zu tragen.

Mobil sein zu können, ist Teil des Menschseins.
Menschen reisen mit guten oder weniger guten Absichten.
Manchmal ist Mobilität sogar überlebensnotwendig.

(Wort zum Tage auf unserer KDA-Dienstbesprechung, auf der wir uns ausführlich über VW und die Zukunft der Automobilindustrie austauschten.)

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Rezension von: Generation Y – wie wir glauben, lieben und hoffen (Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein)

Das Buch ist eigentlich unmöglich. Es versucht die Frage zu beantworten: Was glaubt die Generation Y, eine Generation, die so vielfältig ist, dass sie nicht zu beschreiben ist?

Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein haben sich dennoch auf den Weg gemacht. Sie haben Fragebögen verschickt und ausgewertet, Interviews gemacht und christliche Aufbrüche besucht, haben mit der Eltern- und Großelterngeneration diskutiert (konkret: mit Christina Brudereck und Fulbert Steffensky), sind auf Spurensuche in der Musik gegangen und haben eine Fotografin mit der Kamera losgeschickt. Und am Ende formulieren sie auf zwanzig Seiten das, was eigentlich unmöglich scheint: Eine Sicht auf den Glauben der Generation Y. Herausgekommen ist dieses Buch. Und Stephanie hat ein paar Exemplare verschenkt an Menschenkinder, die es nicht nur lesen, sondern auch darüber schreiben wollten. So kam es auch zu mir. Danke Stephanie!

Ich habe es an zwei Wochenenden, also nicht einem Zug, sondern in zwei Zügen, gelesen. Ich fand es spannend, anregend, überraschend. Und es lässt mich nachdenklich, hoffnungsfroh und zugleich ratlos zurück. Aber das sagt nichts über die Qualität der Arbeit der beiden Autorinnen aus, sondern liegt im Thema begriffen.

Die Ratlosigkeit liegt für mich daran, dass ich mich gefragt habe: Worin unterscheidet sich denn jetzt der Glaube der jungen Frauen und Männer von dem, was ich einst glaubte und heute glaube? Ich bin Mitte 50, also Elterngeneration der Generation Y (ganz buchstäblich: wir haben drei Kinder zwischen 27 und 30). Ziemlich weit hinten, auf Seite 202, beschreiben die beiden Autorinnen den Glauben in aller Kürze – und ich finde mich dort Wort für Wort wieder (bis vielleicht die letzte Passage, die auf Ostdeutschland bezieht, die Mauer fiel, als ich 28 war).

Ich teile auch die Unruhe über die innerkirchlichen, innergemeindlichen „Zustände“, die ich 25 Jahre als Gemeindepfarrer selbst in allen Schattierungen erlebt habe. Ich teile den Schmerz von Stephanie und Hannes:

„Wir sind auf der Reise zu unserem Buch nämlich auch jungen Menschen begegnet, die sich nicht mehr als Christen sehen, weil sie sich mit christlichen Gemeinden nicht identifizieren können und nicht etwa, weil sie nicht mehr glauben würden. Das zerreißt uns das Herz“ (209).

Auf der anderen Seite blitzt hier und da aber auch Ehrfurcht und Hochachtung vor der, ich sag mal augenzwinkernd „großen, alten Dame“ Kirche, die in ihrer langweiligen Beständigkeit der Garant dafür ist, dass sich pausenlos und immer und immer wieder neue Aufbrüche ergeben, aus der Unruhe über Traditionen und Strukturen heraus (2017 denken wir grade über so einen Unruhestifter intensiv nach).

Beides gehört für mich zusammen: Die große, alte Dame „besitzt“ die Kirchräume, die zum Staunen und innehalten einladen, sie verbindet über Texte und Lieder Menschen über Generationen hinweg. Dazu Taize und Kirchentag, die mittlerweile eigentlich auch schon zur Tradition gehören. Und dann eben Versuche wie Exodus, polylux oder Stadtveränderer. Ich fand es interessant, dass Christina Brudereck erzählt, dass sie das Wort Verwobenheit von der Generation Y gelernt hat. Ich kenne es auch, aber von Hannah Arendt her. Vielleicht sind wir uns viel näher als vermutet? Ich folge dieser Spur noch etwas weiter in Gedanken und versuche für mich eine Antwort zu finden: Was ist denn nun wirklich neu?

Neu scheint mir, dass wir in dieser Zeit vermehrt gefragt werden: Was glaubst du? Im Buch kommt es nur am Rand hier und da vor, aber wir leben zunehmend nicht nur in einer religiös pluralen Gesellschaft, sondern auch in einer Zeit, in der Menschen beginnen, genau diese Frage stellen: Was glaubst du eigentlich? Und wir – Christinnen und Christen – sind es nicht gewohnt, darauf eine Antwort zu geben. In einem Vortrag hat der ehemalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber genau dies beschrieben: Da kommen Menschen muslimischen Glaubens und fragen: Was glaubst du? Manchmal ganz offen, manchmal aber auch nur durch die Tatsache, dass viele – keineswegs alle – Muslime stärker auch in ihrem Alltag den Glauben praktizieren und zur Sprache bringen. Und das trifft auf Menschen in der Volkskirche, in der wir es nicht gewöhnt sind, über unseren Glauben zu sprechen, häufig nicht mal mit der eigenen Familie, schon gar nicht mit der Pastorin, dem Pastor. Und das löst auch Angst aus, aber das ist ein anderes Thema.) Daher bin ich ganz nahe bei Stephanie und Hannes, wenn sie schreiben:

„Wir haben den Verdacht, dass das noch viel zu wenig passiert: dass Christen laut und deutlich von ihrem Glauben reden, welche Rolle er in ihrem Leben spielt und was er ihnen bedeutet (oder auch nicht). Und dabei reden wir nicht mehr nur von unserer Generation. Es braucht die Ermutigung, die eigene Meinung zu sagen und ein eigenes Glaubensbekenntnis zu formulieren“ (205).

Genau! Und an vielen Orten fängt das an, wenn zB in diesem Jahr 2017 an vielen Orten Wände aufgestellt werden und die Menschen eingeladen werden, ihre Thesen öffentlich (!) zu formulieren. Auf der anderen Seite erleben wir das im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) immer wieder, dass wir von Menschen in Betrieben auf unseren Glauben hin angesprochen werden. Und keineswegs nur wir Spezialisten! Vor einiger Zeit berichtete mir eine Theologiestudentin von einem Praktikum in einem Industriebetrieb. Sie wurde pausenlos auf Kirche und Glaube angesprochen, „nur“ weil sie Theologie studierte. Ich glaube, es existiert so viel Sehnsucht in unserem Land, über Glaube, Religion und ja, auch über Kirche zu sprechen, aber wir trauen uns zu selten, oder wir trauen uns auch nicht, zu fragen: Was glaubst du? Das könnte doch eine Chance sein.

Wenn uns das verbindet, und wir die Fäden miteinander verweben, so dass Verwobenheit nicht nur entsteht sondern sichtbar gemacht wird, artikuliert wird in Worten, in Musik, in Bildern und Zeichenhandlungen, toll. Und dann, das ist meine Hoffnung, wird es so sein, dass wir unseren eigenen Glauben viel schöner in Händen halten, achten und feiern können. Und mit einer klareren Identität freuen wir uns über all die wunderbaren neuen Versuche und beginnen vielleicht am Ende auch die große alte Dame Volks- oder Landeskirche neu schätzen zu lernen, weil wir wissen, was wir an ihr haben.

Und ja, vielleicht werden auch die Fragen an der etablierten Kirchen präziser und drängender, zB: Was genau ist eigentlich eine Gemeinde? Im volkskirchlichen Setting scheint das ganz klar: das ist die örtliche Parochie, die gilt es unter allen Umständen zu erhalten. Doch – stimmt das denn? Es existieren doch jetzt schon viele Gemeinden an einem Ort nebeneinander, nicht nur evangelische und katholische „Gemeinden“. Könnte da nicht eine kreative Unruhe in unsere verunsicherte und um ihre Zukunft ringende Volkskirche kommen? Die hannoversche Landeskirche arbeitet gerade an einer neuen Verfassung, und die Öffnung des Gemeindebegriffes ist eine der zentralen Vorschläge, ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Liebe Stephanie (und lieber Hannes), vielen Dank für das Geschenk, dass ich mit Eurem Buch erhalten habe. Es hat mich angeregt, einer Spur zu folgen, einer Spur, die Ihr so beschreibt:

„Vielleicht fangen wir damit an, dass wir uns gegenseitig fragen: Worauf setzt du deine Hoffnung? Was ist deine Sehnsucht? Was beflügelt dich? Wie verantwortest du dein Leben? Was glaubst, worauf hoffst und wen liebst du?“ (220)

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Zugegeben: Es ist keine einfache Kost. Doch wer sich auf das akribisch recherchiert und eng an den Quellen entlang aufgebaute Werk von Siegfried Bräuer und Günter Vogler einlässt, wird reich belohnt. Das Buch bietet einen tiefen Einblick in die turbulente Zeit, die wir heute Reformation nennen und bringt dabei eine seit 500 Jahren höchst umstrittene Person näher: Thomas Müntzer. Drei Aspekte bleiben mir aus der Lektüre nachhaltig in Erinnerung.

I.

„Als Theologen und Historiker Luther und seine Förderer zur alleinigen Norm für die Beurteilung des Reformationsgeschehens erhoben, wurden abweichende Auffassungen und konkurrierende Bewegungen zumeist als ihre Lehren verworfen und Müntzer als ‚Außenseiter‘ abgestempelt. Doch in den frühen Jahren, als sie die reformatorischen Bewegungen erst allmählich Konturen gewannen, war die Situation noch offen und waren unterschiedliche Optionen möglich.“ (14)
„Im Reich herrschte zu dieser Zeit eine angespannte Situation: Die Befürworter reformatorischer Erneuerungen suchten die bisher erreichten Ergebnisse zu sichern, radikalere Kräfte drängten auf eine energische Weiterführung des reformatorischen Prozesses, und altgläubige Bischöfe und Fürsten formierten sich zum Gegenschlag, um diese Entwicklung zu stoppen.“ (250)

Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger. Das ist zwar banal, aber gerät schnell im Tagesgeschäft aus dem Blick. Das gilt auch für die Reformation und wir tun gut daran, uns gerade in diesem Jahr daran ausdrücklich zu erinnern. Bei der Lektüre der Biografie Müntzers habe ich mich mehr als einmal gefragt: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Geschichte anders ausgegangen wäre? Wenn Martin Luther keine mächtigen Fürsprecher gehabt hätte? Was wäre geworden, wenn einer der Landesherren durch die leidenschaftlichen Predigten Müntzers sich auf dessen Seite geschlagen hätte und ihn bei seinem Versuch einer Neuordnung der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse unterstützt hätte? Wie wäre die Geschichte weitergegangen, wenn die Bauernaufstände erfolgreich gewesen wären und sich ein Umsturz der politischen Verhältnisse in Deutschland vollzogen hätte? Natürlich ist es müßig, darüber zu spekulieren. In einer turbulenten Zeit, in der alles drunter und drüber ging, in der die verschiedensten Ideen theologischen Ansätze nebeneinander existierten, hat sich am Ende Martin Luther durchgesetzt und seine Theologie prägt unsere evangelische Kirche bis heute. Müntzer ist dagegen der Verlierer.

II.

Die Rolle von Macht und Politik in dieser Zeit, in diesen religiösen und kirchlichen Umbruch, ist mir an einer Stelle besonders aufgefallen. Bekannt ist schon lange, dass die Erfindung des Buchdrucks wesentlich dazu beigetragen hat, die Gedanken der Reformation rasant zu verbreiten. Die Reformatoren haben erkannt, welche Macht ihnen diese neue Technik gibt und sie genutzt. Neu war für mich, das schon zur Zeit Luthers die Druckereien in den Städten die zu druckenden Bücher und Flugblätter häufig der Obrigkeit (dem Rat, dem Landesherren) vorlegen mussten und diese eine Druckgenehmigung erteilten – oder auch nicht. Die Autoren zeigen sehr gut auf, mit welchen Hindernissen hier Thomas Müntzer zu kämpfen hatte. Bereits gedruckte Texte wurden wieder eingezogen, Buchhändlern „bei Leibesstrafe“ verboten, Traktate zu verkaufen. Seine Ideen waren zu Beginn der Bauernaufstände weit weniger bekannt und verbreitet als die Texte Luthers. Technischer Fortschritt war auch schon zur Zeit der Reformation auch eine Frage der Macht: Wer besitzt, wer erteilt das Recht, Texte zu veröffentlichen und zu verbreiten? Welche Interessen sind damit verbunden? Und welchen Preis hat Martin Luther dafür gezahlt und wir als protestantische Kirche in seiner „Nachfolge“? Und was folgt aus dieser Beobachtung oder Erkenntnis für die Beurteilung aktueller Technik, zB im Bereich der Digitalisierung? Wer hat hier Macht?

III.

„Die Befreiung von sozialen Lasten und die Vertreibung der sie verursachenden Tyrannen waren für Münzer Voraussetzungen, um eine ‚unüberwindliche Reformation‘ in der Gestalt vollziehen zu können, wie er sie aus seinem Glaubensverständnis abgeleitet und verkündet hatte.“ (374)

Müntzer hat im Unterschied zu Luther sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Glaube praktisch wird. Glaube ohne Praxis ist kein Glaube. Nun aber stellte Münzer fest, dass ihm nirgends gelungen ist, dies umzusetzen. Seine Predigt war in dieser Hinsicht nicht erfolgreich. Am Ende wird er radikal, weil er für sich die Konsequenz zieht: Die Menschen sind nicht in der Lage zu glauben, bei der Lebensverhältnisse so bedrückend sind, dass sie sich der Evangelium nicht öffnen können. Daraus folgt für ihn:

„Münzer respektierte die Obrigkeiten, wenn sie ihrer Pflicht nachkommen, die Untertanen zu schützen. Doch angesichts der Erfahrung, dass viele Regentin ihre Pflichten verletzten, tyrannisch handeln, Gläubige wegen ihres Glaubens verfolgen und das Evangelium missachten, vertrat er ein Widerstandsrecht.“ (393)

Manches, was ich hier von und über Müntzer gelesen habe, erinnerte mich an die Diskussion um den Widerstand gegen Hitler und die Möglichkeit der christlich legitimierten Beteiligung am Tyrannenmord. Dietrich Bonhoeffer haben diese Fragen immens beschäftigt und er war sich am Ende darüber im Klaren, dass seine Kirche ihm nicht folgt. Die Frage bleibt aber doch virulent: Ist jede Obrigkeit von Gott legitimiert? Und wenn nein, welche Kriterien legen wir an? Angesichts der „Krise“ von Demokratien und dem Wiedererstarken diktatorischer Regime und Tendenzen eine hochaktuelle Fragestellung.

„Müntzers Aufforderung, der Welt eine neue Ordnung zu geben, ist so aktuell wie zu seiner Zeit. Luther sprach den Bauern das Recht und die Macht ab, die Verhältnisse zu verändern. Müntzer hingegen sah die Zeit gekommen, sie grundlegend neu zu gestalten, und das hieß auch, dem auserwählten Volk die Gewalt dazu zu geben.“ (400)

Erst muss die Welt neu werden, erst muss eine neue Ordnung herbeigeführt werden, erst muss die Ausbeutung durch die Fürsten muss beendet werden, damit die Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, sich der Predigt zu öffnen. Was bedeutet dies für Predigt, Gemeindeaufbau und Mission? Muss sich Kirche nicht viel stärker um die Verbesserung von Lebensverhältnissen einsetzen, damit Menschen darauf „vorbereitet“ werden, glauben zu können? Und welche Vision von lebenswerten Umständen haben wir bzw. entwickeln wir aus der Schrift, zB aus den visionären Texten in den Prophetenbüchern, der Bergpredigt oder der Offenbarung des Johannes? Gibt es so etwas wie eine biblisch fundierte Vision des „guten Lebens für alle“? Und versündigen wir uns an uns selbst und an der Gesellschaft, wenn wir diese Fragen ausblenden, dies nicht verkündigen in Wort und Tat? Die Autoren jedenfalls ziehen am Ende dieses Fazit:

„(Müntzers) Blick war auf die Zukunft gerichtet, in dem er die Veränderung der Welt im Blick hatte. Mit der Verurteilung seiner Lehre wurde auch das Verdikt über seine Vision gesprochen. Wenn jedoch religiöse, soziale oder politische Visionen als nicht opportun abgetan werden, versinkt die Gesellschaft in reinen Pragmatismus. Doch die Menschen leben auch von Hoffnungen und Fragen, was zukünftig sein wird.“ (400)

Die nächsten Jahren werden noch voller 500jähriger Jubiläen sein. Ich hoffe, dass dann auch die Person und Theologie von Thomas Müntzer ähnlich kritisch gewürdigt wird, wie das in diesem Jahr mit seinem großen Kontrahenten Martin Luther geschehen ist. Es wäre lohnenswert – für Kirche im Besonderen und unsere Gesellschaft im Allgemeinen, um der Gefahr zu wehren, in reinem Pragmatismus zu versinken, hüben wie drüben.


Siegfried Bräuer/Günter Vogler: Thomas Müntzer: Neu Ordnung machen in der Welt. Eine Biographie. Gütersloher Verlagshaus 2016, 58 €

Zwischen den Stühlen. Vom Wandern und Wundern

Zwischen den Stühlen.  Vom Wandern und Wundern

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich eine kleine Besprechung zu dem Buch „Vom Wandern und Wundern“ schreiben. Aber letzte Woche kam mit Christian Hennecke zuvor. Und ich dachte, ja, das sieht du praktisch alles genauso, kannst dir also deine Rezension sparen. Aber da waren noch so viele andere Gedanken mittlerweile im Kopf. Die habe ich jetzt aufgeschrieben.

„Sie werden viel unterwegs sein.“
Sagte mein Direktor Ralf Tyra bei meiner Einführung als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Ende 2014, in Osnabrück.
Und ich strahlte.
Durfte ich doch fortan den ganzen Tag machen, was ich immer schon gerne gemacht habe:
Wandern.

Zwischen den Stühlen, das war irgendwie schon immer mein Platz.
In der Gemeinde waren die spannendsten Tage solche:
morgens in Duisburg mit den KDA-Kollegen reflektieren,
mittags auf den Friedhof in der Mittagshitze eine Familie begleiten,
nachmittags im Konfirmandenunterricht mich den Fragen der 14jährigen stellen,
abends auf dem Rad all das hin und her bewegen.

Oder so:
Als einer von zwei Männern unter siebzig Frauen auf der Denkumenta 2013, Differenz und Verbundenheit hochzwei.
In Hildesheim im Cafe mit Birgit sitzen, quatschen, Kakao und am Ende eine Projektidee.
Morgen für Morgen nach der Zeitung mit Christine über Gott und die Welt reflektieren und staunen, was da immer wieder bei herauskommt.
Mich im Zug zum Kirchentag spontan mit Klaus Motoki Tonn (dem neuen Kommunikationschef unserer Landeskirche) verabreden und mit ihm zwei Stunden hinter den Hackschen Höfen unterwegs sein, zu Fuß und gedanklich.
Und so weiter und so fort.
Offenheit für das Neue, das Fremde, das Staunen.

Wundern ist für mich ein neues Wort.
Ich habe dafür meist Staunen gesagt.
Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle gesagt.
Staunen trifft mich, betrifft mich.
Nimmt mich an der Hand und führt mich weg.

Wandern, hin und her.
Ich liebe es, im Zug zu schreiben.
Die Landschaft fliegt vorbei.
Meine Gedanken kommen auf Trab.
Und dann beginnt das Ringen um Sprache.
Um Worte und Wörter und deren Beziehung.
Poesie befreit.
Poesie verbindet.

Wie beschreibe ich dieses Gefühl, um eine eigene Sprache zu ringen?
Oder von Worten anderer getroffen berührt zu werden?
Eine Landschaft in flimmernder Sommerhitze.
Die Luft vibriert.
Gleißendhelles Licht.
Schweiß auf der Haut.
Lebendigkeit, kaum auszuhalten.

Dieses Gefühl stellte sich beim Lesen der persönlichen Skizzen im Buch: „Vom Wandern und Wundern“ ein.
Menschen sind unterwegs.
Auf der Suche, neugierig und offen.
Verletzlich und verletzt.
Fremd und nah.
Frei und verbunden.

„Am gläubigsten sind Menschen in Verbundenheit und Freiheit.“

Schreibt Hannah Buiting (45).
Tiefe Weisheit in acht Worten.

Ich lese weiter.

„Die Kirche hat eine eigene Dynamik, welche Personen in wenigen Jahren zu domestizieren vermag. Du hast dich dagegen gewehrt und stehst wahrscheinlich auch heute in dieser Spannung zwischen Orientierungslosigkeit, Fremdheit und kirchlicher Verbundenheit. Ringst damit, kirchlich dazuzugehören und doch nicht hineinzupassen. Genau das ist aber dein Potential.“ (185f.)

So Sabrina Müller.
Ich habe mich nie so fremd gefühlt, aber eine skeptische Distanz zur „Kirche“ war (und ist) immer auch da.
Bei aller Vertrautheit und Verbundenheit.
Daher kann ich nicht anders als zu wandern und mich zu wundern.
Mal freudig erregt, mal sprachlos entsetzt, mal zwischendrin.

Markus Kalmbach erzählt von einer Sehnsucht, die zu entwickeln ist:
Von der Sehnsucht nach den 99 Schafen.

„Kirche geht hin zu den Menschen, dort wo sie leben. In unseren gewohnten kirchlichen Strukturen ist das leider schwer umsetzbar. Darum wäre es sinnvoll, Menschen für eine solche Aufgabe als ‚Pioniere‘ freizustellen.“ (108)

Hingehen, dazwischensein, Inter-esse zeigen.
Ein Weg ist der Um-Weg über die Arbeit.
Die (Erwerbs-) Arbeit, die Menschen leisten.
Die sie freut und belastet, glücklich macht und quält.
Wir im KDA, im Kirchlichen Dienst IN der Arbeitswelt, sind „Pionier/-innen“, die da hingehen.

Denn meine, unsere Erfahrung ist immer wieder aufs Neue:
Wir kommen in viele Betriebe.
Manchmal werden wir eingeladen, meist aber klopfen wir an und sagen:
Wir möchten euch besuchen.
Fast immer öffnet sich die Tür für uns.
Und dann geht es ganz oft so:
Die Tür geht hinter uns zu, Kaffee steht auf dem Tisch oder Tee und Wasser.
Und unsere Gastgeber/-innen fangen an zu erzählen.
Erst mal nicht über ihr Unternehmen.
Sondern ob sie in der Kirche sind oder nicht.
Welche Erfahrungen sie mit Gemeinde und Pastoren gemacht haben.
Was sie aus ihrem Glauben heraus ethisch umtreibt, wenn sie an den Arbeitsalltag denken.
Oft kommen auch Kränkungen auf den Tisch, wie diese:
„Kirche interessiert sich nur für die Arbeitswelt, wenn sie Spenden haben möchte.“
Erst später sehen wir dann die Powerpoint, die uns den Betrieb näher bringt und gehen durch die Hallen.

Sebastian Baer-Henney schreibt über die Milieus, die Kirche nahe stehen und andere, die abseits stehen.
Ich bin da ganz bei ihm und seinen Überlegungen.
Es gilt die Grenzen durchlässig zu machen.
Da müssen wir mittendurch und zwischendrin sein.
Aber der Weg ist weit…
Und wohin führt er?
Letzte Woche traf ich mich mit Kollegin und Kollege mit Ulrich Kasparick.
Pfarrer in Hetzdorf.
Googelt ihn mal oder sucht ihn auf Facebook.
Er erzählt viel vom Wandern und Wundern.
Zum Beispiel:
Da sind zwei Nonnen aus der Schweiz hierher gezogen.
Er hat sie gefragt:
Warum kommt ihr ausgerechnet hierher ins entchristlichste Gebiet Europas?
Antwort:
Wir wollen gucken, wo der Herrgott hier schon unterwegs ist.
Wandern – und sich wundern über die Wunder.

Teamwork, anders geht Kirche nicht.
Schreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk.
Das glaube ich auch.
Dass wir als Pfarrer/-innen oft so einsam unterwegs sind, ist furchtbar.
Heute bin ich Teil eines Teams im Haus kirchlicher Dienste in Hannover.
Und genieße die Gemeinschaft, die Unterstützung, die kreativen Anregungen, kollegiale Beratung. Inspiration durch Verschiedenheit.
Dankbar bin ich auch für die Philosophie des Hauses:
Scheitert erfolgreich!
Probiert aus, testet, seid mutig, macht euch auf, geht mittenrein und dazwischen.
Ermutigt, provoziert, verbindet.
Anders gesagt:
Wandert los und wundert euch!

Hier und da habe ich mich auch gewundert beim Lesen.
Die Erfahrung vom digitalen Wandern und Wundern kommt nur am Rand vor.
Hannah Buiting schreibt Zum Beispiel von ihrer „Netzgemeinde“.
Für mich ist das Netz in den letzten Jahren der Ort, in dem ich ständig unterwegs bin und wundersame Erfahrungen gemacht habe:
Kollegiale Beratung.
Theologische Reflexion.
Ringen um Verkündigung.
Ideen entwickeln, Projekte schmieden.
Das Glücksgefühl, auf Gleichgesinnte zu treffen.
Ich habe in der digitalen Welt Menschen gefunden, die ich nie gesehen und die mir doch wunderbar vertraut sind.
Denn wenn wir uns dann doch eines Tages analog begegnen, liegen wir uns sofort in den Armen.
Das Leben ist bunt und wir sind gemeinsam unterwegs.
Analog, aber auch digital.
Ohne diese Erfahrung, da bin ich hundertprozentig sicher wäre ich heute nicht in Hannover.
An einem Ort, der mir erlaubt, wunderbar wundernd zu wandern.