Weihnachten 2016

Weihnachten 2016

Ein Nachmittag kurz vor Heilig Abend.
Ich bin unterwegs in meiner Stadt.
Leichtes Schneetreiben verzaubert die Straßen.
Menschen sind unterwegs, wie alle Jahre wieder.
Ein letztes Geschenk, noch ein Glühwein.
Kinder reisen an, Großeltern ab.
Koffer knattern auf den Wegen und künden von Sehnsucht.
Es ist wie immer und doch ist nichts wie immer.
Das Jahr hat uns geschafft.

Fröhlichkeit, ein Hauch zu aufgesetzt.
Vorfreude, gepaart mit Zweifel.
Gelächter, etwas zu schrill.
Hetze, noch ein Tick schneller als sonst.
Und Angst.
Angst, soviel Angst.
Sie hat sich eingeschlichen, sitzt tief.
Die Zukunft, ungewisser denn je.
Wie lange noch?
Was kommt?
Worauf noch verlassen?
Und auf wen?

Dann sehe ich sie.
Sie kommen mir entgegen.
Ein Mann, eine Frau.
Sie hochschwanger, er stützt sie.
Abgekämpft und müde, beide.
Sein Blick irrt von hier nach dort.
Auf ihrem Gesicht aber liegt Stärke und Klarheit.
Und die Hand liegt auf ihrem Bauch.

Tränen treten mir in die Augen.
Ich wische sie weg, will sie sehen, will hin zu ihnen.
Doch sie sind schon an mir vorbei, in der Menge verschwunden.
Suchend schaue ich mich um, vergebens …
Wie gerne hätte ich ihnen Mut gemacht:
Haltet durch, nur noch kurze Zeit!
Doch halt, nein, was rede ich da –
ich wollte doch, dass sie mir helfen, mir Mut machen …

Das Schneetreiben hat aufgehört.
Menschen strömen von hier nach da.
Haben sie nicht gesehen, was ich gesehen habe?
Traurig wendet sich mein Blick ab, geht nach oben.
Für einen Moment reißt die Wolkendecke auf.
Ein Stern strahlt dort, heller als alle anderen.
Und sagt mir:
Gott ist unterwegs.

Heilig Abend unter Tage – Erinnerung an einen Gottesdienst auf der Zeche Lohberg vor 20 Jahren

Heilig Abend unter Tage – Erinnerung an einen Gottesdienst auf der Zeche Lohberg vor 20 Jahren

Ende 2018, also in zwei Jahren endet der Steinkohlebergbau in Deutschland und damit eine jahrhundertealte Tradition. Seit Anfang der 90er Jahre habe ich die Bergbaugeschichte am Niederrhein hautnah mitbekommen und jetzt hier im Raum Osnabrück begegnet mir diese Tradition noch mal ganz neu und doch sehr vertraut. (Dazu hier mehr: Grubenfahrt in Ibbenbüren oder: Meine Geschichte mit dem Steinkohlebergbau 1992 – 2016)

Bei einem Gespräch bei der IGBCE in Ibbenbüren vor einiger Zeit wurde mir das noch mal sehr deutlich, zuvor auch bei Besuchen im Industriemuseum am Piesberg und auch an anderen Orten in der Region. Da ist noch die Erinnerung wach, und vielfach sind auch noch die Kränkungen zu spüren, die mit dem Schließungsbeschluss einhergingen und -gehen.

Denn, auch wenn es platt klingt, Bergmann ist kein Beruf wie jeder andere, er ist mit vielen Emotionen verbunden. Für mich unvergesslich ein Geburtstagsbesuch bei einem Kumpel, der 85 wurde und zu dessen Jubelfest der Bergmannchor kam und wehmütig, aber mit voller Leidenschaft im Juli unter praller Sonne von der Arbeit tief unter Tage sang.

An Heilig Abend jährt sich ein anderes Ereignis zum 20. Mal, dass sich mir ebenso tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat und an dem für mich symbolisch viel von dem deutlich wird, was Bergbau einmal war und was er heute nicht mehr ist.

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Harro Düx, evangelischer Ortspfarrer in Dinslaken-Lohberg und sein katholischer Kollege Wilhelm Lepping feierten einen Gottesdienst 845 Meter unter Tage. Ein Gottesdienst an einem Ort der Arbeit, ein Zeichen der Wertschätzung, aber auch ein Hinweis auf die vielfach sehr enge Beziehung zwischen Bergbau und Kirche, die zB in den Barbarafeiern am 4. Dezember einen sichtbaren Ausdruck findet. (Und diese geht weit über den „klassischen“ Bergbau hinaus: Als wir im September die Baustelle der U5 in Berlin besuchten, hörten wir davon, dass auch dort Andachten am Barbaratag üblich sind.)

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Es war eine ziemlich irre Geschichte damals, am 24. Dezember 1996. Ein Bild steht mir noch klar vor Augen: die Freundlichkeit der Kumpel am Förderkorb, die uns für die Seilfahrt instruierten und der Stolz in ihren Augen, dass so viele kamen.

Die Bilder auf den Zeitungsausschnitten geben die Atmosphäre gut wieder. Und man erkennt Wolfgang Clement, damals Wirtschaftsminister in NRW, später Ministerpräsident in NRW und Bundeswirtschaftsminister, bevor er noch später die SPD verließ …

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In  meinen Unterlagen habe ich noch die Predigt gefunden, die uns schriftlich verteilt wurde. Einige Auszüge, die für sich sprechen:

Liebe Bergleute, liebe Gemeinde,
was wird heute auf dem Gabentisch der Bergleute liegen, dass fragte Jürgen Schüring bei der Planung dieses Gottesdienstes. Das war auch der Anlass, diesen Gottesdienst am Heilig Abend zu feiern. Grund war die Sorge der Bergleute um die Zukunft des Schachts. Grund war ihre Sorge um ihre eigene Zukunft. Dieser Gottesdienst soll auf die Nöte der Bergleute hinweisen an dem Tag, an dem sich Gott der Nöte der Menschen angenommen hat. Zu Weihnachten bricht das Licht in die Finsternis der Welt ein und verschafft Klarheit über deren Zustand und über das Wohl der Menschen. Auf dem Gabentisch erwarten wir alle Klarheit, was denn nun mit dem Bergbau geschehen wird, und mit unserer Stadt, die davon abhängt. Zu Weihnachten bringt Jesus eine frohe Botschaft in die Welt und die Bergleute warten auch auf eine gute Nachricht. (…)
Gott begibt sich dorthin, wo Menschen arm und verachtet sind, ausgebeutet und deklassiert, und trotzdem den aufrechten Gang üben. (…)
Die Menschen werden daran gemessen, was sie für die tun, die sich nicht aus eigener Kraft den Lebensunterhalt erwerben können, und für die, die vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedroht sind. Für viele wird sich das Leben ändern, wenn der Schacht schließt, und für viele wird dann das Leben eine geringere Qualität haben. Die Angst vor dem sozialen Abstieg kommt ja nicht von ungefähr, weil eben erlebt wird, dass in der wirtschaftlichen Krise die Kleinen in unvergleichbar höherer Weise bedroht sind und belastet werden als andere. Schönfärberisch wird von Reformen und vom notwendigen Umbau der Gesellschaft geredet. Dabei wird weder gesagt, wer diese Krise hervorgerufen, noch eindeutig gesagt, wie die Lasten der Krise gerecht zu verteilen sind. Die genug haben, geben Ratschläge denen, die nichts haben. Gerade anhand des Bergbaus wird uns klar, dass Arbeitslosigkeit nicht selbst verschuldet sein muss, sondern am Wandel der Strukturen liegt, an deren Wandel der arbeitslos Gewordene nicht beteiligt war. Wir brauchen eine Wirtschaft, die neben ökonomischen Zielen auch ihre Bedeutung für die Menschen versteht. Und Unternehmer, die wissen, dass der Mensch Ausgang und Ziel jeder Wirtschaft ist. Die Sozialbindung des Eigentums aufgeben zu wollen, weil eben die Wirtschaft nicht floriert, wird sich nicht nur gegen die Menschen richten sondern gegen die ganze Gesellschaft. (…)
Das Kind in der Krippe, die Hirten um die Krippe herum zeigen uns, wo wir in unseren Überlegungen anfangen müssen, wenn wir die Krise überstehen wollen. Frieden auf Erden, das soll geschehen, wenn wir auf die Kleinen und Unbedeutenden achten, wenn wir das Kind in der Krippe suchen.

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Dann ging es wieder nach oben, wir bekamen Grubenlampen mit auf den Weg, verbunden mit der Bitte, diese am Abend in den Christvespern und -metten  vor Ort aufzustellen und zu erzählen von diesem Gottesdienst an einem Ort der Arbeit – weil die Teilnahmemöglichkeit begrenzt war und niemand ohne Einladungskarte hinunter kam. Ich habe das getan und aus der Predigt vorgelesen, das zeigen mir meine handschriftlichen Notizen am dem Blatt.

Anschließend wanderte die Grubenlampe in mein Arbeitszimmer im Pfarrhaus. Später zog sie um nach Osnabrück in mein dortiges Büro und mittlerweile steht sie in Hannover, als bleibende Erinnerung und Mahnung: dass nämlich wirtschaftlicher Strukturwandel immer wieder erfolgen wird, ja vielleicht auch muss – dieser aber sozialverträglich gestaltet werden kann. Im Bergbau ist dies gelungen, bei allen Einzelschicksalen, und wir stehen angesichts ökologischer Herausforderungen wieder einmal vor einem radikalen Umbau, den wir, wenn wir wollen, sozialverträglich gestalten können. Wenn wir wollen.

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Vielleicht gibt es ja hier und da die Möglichkeit, 2018 auch in Gottesdiensten noch einmal auf die enge Verbindung zwischen den Kirchen und dem Steinkohlebergbau zu verweisen, bevor dann die Lichter unter Tage ausgehen.

(Die Zeitungsausschnitte darf ich hier mit freundlicher Genehmigung der NRZ Dinslaken einstellen.)

Kirchengebäude und Klimaschutz – eine theologische Provokation

Kirchengebäude und Klimaschutz – eine theologische Provokation

Vortrag beim Jahrestreffen Grüner Hahn in Hannover, 19. November 2016

I.
Liebe Anwesende,
was die Zukunft genau bringt, kann niemand sagen. Aber ganz orientierungslos sind wir nicht, wenn wir erfahren wollen, in welche Richtungen sich bestimmte Bereiche unseres Lebens entwickeln könnten. Vor einigen Jahren habe ich angefangen, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Ich war überrascht, dass es so etwas wie eine seriöse Zukunftsforschung gibt. Gerade was die Auswirkungen des Klimawandels in den nächsten Jahren betrifft, gibt es zum Beispiel für Deutschland nachvollziehbare und belastbare Prognosen. Prognosen sind dabei keine Vorhersagen, sie beschreiben nicht, was kommen wird, sondern was kommen könnte. Sie beschreiben, simulieren eine oder mehrere mögliche Zukünfte. Und es lohnt sich für uns als Kirche, uns damit zu beschäftigen. Dass der Klimawandel eine Realität ist, mag Donald Trump leugnen, aber er wird wie viele andere lernen müssen, dass er sich längst vollzieht.

Bei meinen Recherchen bin ich damals auf dieses Buch hier gestoßen (Gerstengabe/Welzer, 2 Grad mehr in Deutschland). Unter Zuhilfenahme ausgefeilter Technik und Modellrechnungen liefert es Prognosen, wie sich der Klimawandel in den nächsten Jahren bis 2040 auf unser Land auswirken könnte. Das sind noch 25 Jahre, das könnte ich noch erleben. Interessanterweise scheint Niedersachsen eher zu den Gebieten zu gehören, die zu den Gewinnern einer Klimaerwärmung gehören könnten, denn die wird es auch geben. Aufgrund der erwarteten Veränderungen im Blick auf Temperatur und Niederschläge könnte es sein, dass unser heute schon stark von Landwirtschaft geprägtes Bundesland genau in diesem Segment profitiert – allein, weil der Anbau von Lebensmitteln an anderen Orten durch Trockenheit viel schwieriger wird.

Eine andere Prognose, die ich ganz interessant finde, geht von der Überlegung aus: Der Mittelmeerraum wird den nächsten Jahrzehnten so warm und so trocken, dass er für den Tourismus nicht mehr so interessant sein wird wie bisher. Überspitzt gesagt: manch einer erwartet für Niedersachsen auch einen Aufschwung im Tourismus. Es wird bei uns wärmer, nicht so trocken wie am Mittelmeer oder auch in Brandenburg und die Entfernungen für Tourist/-innen aus Deutschland Österreich und der Schweiz, um nur einmal im deutschsprachigen Raum zu bleiben, sind kurz.

Klimawandel bedeutet aber auch das Risiko von zunehmenden extremen Wetterphänomenen. Auch in Deutschland. Seriöse Zukunftsforschung, die Szenarien entwirft, rechnet auch mit solchen letztlich nicht vorhersehbaren Phänomenen und spielt sie mit durch.

Auf dieser Grundlage dieser (und noch weiterer) Überlegungen habe ich vor zwei Jahren dieses kleine Büchlein geschrieben (Zeitsprung – Gemeinde 2030), in dem ich mir vorstelle: Was wäre wenn? Wie könnte das Leben einer Kirchengemeinde in 15 Jahren aussehen, wenn die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels sich bei uns vollziehen? Dabei bin ich neben der Auswertung der Berechnungsmodelle im Blick auf Temperatur, Niederschläge usw. davon ausgegangen, dass Deutschland eines Tages von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht wird, die alles übersteigt, was wir zuvor in unserem Land gesehen haben. Elbe, Oder und Donau geraten kurz vor einer Bundestagswahl über die Ufer und verwüsten die Landschaften. In der Folge kommt es zu einem Erdrutschsieg der Grünen und die neue grüne Bundeskanzlerin setzt mit Zustimmung der Bevölkerung ein radikales Veränderungsprogramm in Kraft. Zum Beispiel geben sie den Denkmalschutz auf und verpflichten alle Besitzer größerer Gebäude innerhalb weniger Jahren, diese CO2-neutral zu betreiben oder Ausgleichszahlungen zu leisten – oder sie nicht mehr zu heizen. Wirklichkeitsfremd? Nun, nach Brexit und Trump halte ich mittlerweile viel für vorstellbar, wo ich zwei, drei Jahren noch den Kopf geschüttelt hätte.

Und jetzt überlegen Sie mal: Stellen Sie sich Ihre Kirchengemeinde vor, Ihr Kirchgebäude. Oder Ihre Kirchengebäude. Ihr Pfarrhaus, ihr Gemeindezentrum, Ihr Jugendheim, was auch immer Sie haben. Und dann überlegen Sie mal, dieses Szenario wird in zehn Jahren Wirklichkeit. Was würde es für ihre Kirchengemeinde bedeuten, wenn Niedersachsen in viel stärkerem Maße als vorher ein Tourismusland wird? Wenn Landwirtschaft plötzlich wieder boomt? Wenn Elbe, vielleicht auch Weser oder Leine eines Tages dramatisch über die Ufer treten? Wenn es so etwas wie Denkmalschutz nicht mehr gibt? Wenn wir feststellen müssten, mit unseren Einnahmen können wir unsere Gebäude einfach nicht CO2-neutral betreiben? Wenn Zuwanderung noch ganz andere Ausmaße annimmt?

Klar, alles Spekulation, keiner weiß was kommt. Aber ich finde, es lohnt sich auch radikale Veränderungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mal am Beispiel der eigenen Gemeinde durch zu spielen. Was wäre, wenn? Nicht, um Angst zu machen. Ganz im Gegenteil. Schreckensszenarien, die sagen, so wird es unausweichlich kommen, die lähmen und sind verlogen. Weil das niemand sagen kann. Zukunftsszenarien fragen: Was könnte kommen? Welche Alternativen gibt es und wie wirken sie sich jeweils aus? Welche Handlungsoptionen eröffnen sich mir, uns? Solche Szenarien nehmen Angst, weil sie nicht auf eine Zukunft fixiert sind, sondern im Kopf viele Zukünfte durchspielen. Solche Szenarien helfen, mental vorbereitet zu sein, auch auf eventuell drastische und sich sehr schnell verändernde Verhältnisse. Und vor allem, um den größeren Horizont, in dem wir uns bewegen, im Blick zu halten. Bei allem, was wir heute und hier tun, andenken, entscheiden. Müssen.

II.
Denn unser Leben wird sich verändern. Verändern müssen. Und es ist gut, die möglichen, auch dramatischen Auswirkungen im Blick zu halten. Entweder es gelingt uns noch auf diesem Planeten das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Dazu sind dann aber erhebliche Veränderungen in unserem Arbeiten, Wirtschaften, Konsumieren, Bauen, Reisen usw. erforderlich. Oder es kommt früher oder später zum Kollaps. Das ist offensichtlich die Realität, auf die wir uns einzustellen haben. Höchst präzise und staubtrocken pragmatisch formuliert finde ich die Gesamtschau von Hans-Joachim Schellnhuber in seinem Buch „Selbstverbrennung“. Aber an vielen anderen Stellen sagen viele, viele andere Wissenschaftler/-innen genau das gleiche. Entweder wir ändern gerade in unseren westlichen Industrienationen unseren Lebens-, Wirtschafts- und Arbeitsstil oder wir gehen unter. Mauern und Zäune werden uns da nicht lange helfen. Die Flüchtlingsströme, die derzeit auf unserem Erdball bereits unterwegs sind, sind dann nur der Anfang.

Übereinstimmend sagen Expert/-innen verschiedenster Professionen: Unser heutiges Wirtschaftsmodell, das auf Wirtschaftswachstum setzt und auf Ausbeutung der angeblich kostenlosen Ressourcen, dieses Modell ist am Ende. Entweder es gelingt uns, ein Leben, Arbeiten und Wirtschaften zu entwickeln, das im Einklang mit dem steht, was dieser Planet uns an Fülle zur Verfügung stellt – oder wir führen das aggressive Vorgehen gegen die Natur weiter und dann wird die Menschheit früher oder später untergehen. Was bedeutet das für uns, für unser Leben und arbeiten, auch für unser verantwortliches Handeln in kirchlichen Zusammenhängen?

III.
Als Christinnen und Christen stehen wir in einer langen Tradition der Auslegung bestimmter Bibelstellen. „Macht euch die Erde untertan“ – das ist lange so verstanden worden, als sei der Mensch die Krone der Schöpfung und daher dürfe er sich an der Natur bereichern, wie er nur möchte. Lange Zeit waren die Folgen dieses jahrhundertealten Denkens nicht erkennbar. Oder genauer, erkennbar waren sie schon, aber die Zahl der Menschen war klein, so dass unser Planet die Wunden heilen konnte, die wir ihm schlugen. Das ist vorbei. Für unser gegenwärtiges Produzieren brauchen wir schon heute weit mehr als eine Erde, sagt uns der ökologische Fußabdruck. Niemand verwendet diese biblische Aussage von der Herrschaft des Menschen noch in diesem Sinne. Aber wir verhalten uns noch so. Leonardo Boff, katholischer Theologe aus Brasilien, schreibt:

„Die Entscheidungsträger fahren mit der alten kulturellen und gesellschaftlichen ‚Software‘ fort, die den Menschen in eine adamitische Position rückt: über der Natur stehend, als deren Beherrscher und Ausbeuter. Und dies ist der Hauptgrund der aktuellen ökologischen Krise. Sie verstehen den Menschen nicht als Teil der Natur. (…) Indem sie alles aus der Perspektive der Ökonomie betrachten, deren Prinzip der Wettbewerb und nicht die Kooperation ist, verbannen sie die Ethik und die Spiritualität aus der Reflexion über den Lebensstil, die Produktionsweise und den Konsum der Gesellschaft. Ohne Ethik und Spiritualität werden wir (aber) zu Barbaren.“ (Boff, Überlebenswichtig, 43f.)

In den letzten Jahrzehnten wurde viel davon geredet, dass wir als Mensch den Auftrag haben, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Dies war Teil der Trias: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Bewahrung der Schöpfung, diese Aussage ist inzwischen ins Allgemeingut übergegangen. Selbst Politiker/-innen verwenden diesen Ausdruck mittlerweile in ihren Reden. Schaue ich ins Alte Testament, dann finde ich etwas Überraschendes: Diesen Doppelauftrag bebauen und bewahren, den bekommt das Menschenpaar im Paradies. Nach Sündenfall und Vertreibung heißt es aber nur noch: Der Mensch möge die Schöpfung bebauen. Ein Hinweis darauf, dass wir uns nicht überschätzen sollen? Ist die Bewahrung der Schöpfung nicht auch eher die Aufgabe des Schöpfers?

Nun können wir uns um die Bedeutung von Wörtern streiten. Bewahren ist doch ein achtsames Korrektiv zu bebauen, oder? Mag sein, aber die eben angedeutete Tatsache, dass diese Begriffe im Allgemeingut unserer Sprache jegliche Schärfe verloren haben, lässt mich von ihnen abrücken. Sie sind uns zu vertraut, nicht mehr überraschend, nicht mehr pro-vozierend im besten Sinne des Wortes.

Ich frage mich also:

Welche anderen biblischen Texte können uns in unserer weltgeschichtlichen Lage ansprechen? Und uns in der Gegenwart theologische Orientierung geben? Angesichts der Katastrophe, auf die wir zusteuern? Von der zB Schellnhuber meint, dass wir nur noch eine zehnprozentige Chance haben, sie abzuwenden? Was brauchen wir denn? Hoffnung brauchen wir und Ermutigung. Bilder der Hoffnung, Utopien, die ermutigen. Und hier ist die Bibel in allem Leid, das an vielen Stellen drastisch und realistisch beschrieben wird, im besten Wortsinne optimistisch. Die Bibel zeichnet uns Utopien vor Augen, die uns zeigen, sagen sollen: Die Zukunft ist immer offen. Gott kommt auf euch zu. Es gibt die Möglichkeit aus und in der Fülle dessen zu leben, was dieser Planet zur Verfügung stellt – aber nur dann, wenn es im Einklang geschieht. Nur dann, wenn uns nicht Angst und Sorge zerfressen und uns von der Umkehr zu neuen Wegen abhalten. Sorget nicht! sagt Jesus in der Bergpredigt und weiter: Schaut die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Klar, reine Poesie. Als Handlungsanweisung nicht zu gebrauchen. Aber es sind doch Worte, die bewegen. Ähnlich poetisch beschreibt es Jesaja in einem Kapitel, das wir demnächst in Adventszeit wieder hören werden:

„Dann wird ein Zweig aus dem Baumstumpf Isais austreiben, und ein Spross wächst aus seiner Wurzel heraus. Auf dieser Person wird der Geisthauch Gottes ruhen, der Geisthauch der Weisheit und Einsicht, der Geisthauch des Rates und der Stärke, der Geisthauch der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor Gott. (…) Dann wird der Wolf beim Lamm als Flüchtling unterkommen, und der Leopard wird beim Böckchen lagern; Kalb, Junglöwe und Mastvieh leben zusammen, ein kleines Kind treibt sie. Kuh und Bärin werden weiden, gemeinsam werden ihre Jungen lagern, und der Löwe wird wie das Rind Stroh fressen. Der Säugling wird vergnügt an der Höhle der Kreuzotter spielen, und nach dem Loch der Giftschlange wird das Kleinkind mit seiner Hand patschen. Sie werden nichts Böses tun und kein Verderben mehr anrichten auf dem ganzen Berg meiner Heiligkeit, denn die Erde ist erfüllt mit Erkenntnis Gottes, wie die Wasser im Meer den Boden bedecken.“
(Jesaja 11)

Frieden spricht aus diesen Worten. Frieden zwischen Menschen. Frieden zwischen Mensch und Natur. Frieden geht nur im Einklang mit der Natur. Frieden mit der Natur geht nur, wenn wir uns als Teil der Natur und nicht als Gegenüber verstehen. Das ist eine der Gefahren, die ich in dem Auftrag: „Schöpfung bewahren“ sehe – denn dies klingt so, als ob wir der Schöpfung gegenüber stehen. Wir sind aber Teil. Anders gesagt: Die Natur kann sehr wohl ohne uns Menschen, aber wir Menschen nicht ohne die Natur. Eigentlich eine Binsenweisheit… Von der wir aber weit entfernt sind und daher utopische Bilder des Friedens bitter nötig haben, die uns hier erinnern, zurechtrücken, ermutigen. Von solcher Hoffnung getragen, von solchen utopischen Bildern angeregt, von solcher Sprache ermutigt, sind es doch gerade wir Christinnen und Christen, die in besonderer Weise mit daran arbeiten können, die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. Andere tun es genauso, und wir können uns mit ihnen verbinden und verbünden. Nur ein Beispiel. Harald Welzer schreibt über die Kraft der Utopien:

„Utopien sind ein großartiges Mittel, um Denken und Wünschen zu üben. (…) Und die Imagination einer wünschbaren Zukunft zieht natürlich auch gleich Überlegungen nach sich, wie das Zusammenleben der Menschen, die Organisation der Städte und des Verkehrs, das Bildungswesen und die Wirtschaft besser eingerichtet werden könnten.“ (Welzer, Selbst denken 136)

Oder, um noch einmal Leonardo Boff zu Wort kommen zu lassen:

„Wir müssen die Art und Weise, wie wir gut auf der Erde leben können, neu erfinden.“ (Boff, Überlebenswichtig 128)

IV.
Und da setze ich meine Hoffnung auf Sie. Ganz besonders auch auf Sie. Denn Sie haben sich in Ihren Kirchengemeinden bereits weit auf diesem Weg bewegt. Den grünen Hahn bekommt man nicht so schnell. Eigentlich müssten ihn doch alle Kirchengemeinden tragen, oder? Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unendlich schwer und mühsam der Weg ist, ich war auch mal Gemeindepfarrer. Und dennoch, ich kann es Ihnen und mir nicht ersparen: Die Herausforderungen auch in unserer Kirche und in unseren Kirchengemeinden in unseren Kirchenkreisen, in unseren Einrichtungen – sie sind riesengroß. Wenn wir allein das 2-Grad-Ziel erreichen wollen, sind auch bei und unter uns noch viel größere Anstrengungen vonnöten. Und wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir das auch. Es ist ja nicht so, dass sich diese Einsichten nach und nach nur unter Wissenschaftler/-innen ausbreiten. In vielen Betrieben, in Unternehmen, bei Gewerkschaften und Verbänden höre ich, spüre ich, sagen Frauen und Männer, dass es einfach so nicht weitergehen kann. Aber es gibt auch keine einfachen Rezepte. Sondern nur der kleinteilige mühselige Weg. So, wie Sie ihn heute in den verschiedenen Arbeitsgruppen auch wieder beschreiten. Das ist gut, richtig und wichtig. Aber wenn nicht wir Christinnen und Christen, die wir von einer anderen Hoffnung her leben, in der unsere Angst geborgen ist, wenn nicht wir Christinnen und Christen auch immer wieder auf diesen größeren Horizont hinweisen, wer dann?

Von daher bin ich dankbar, dass es in unserer Kirche Sie gibt, eine Gruppe von Menschen und Gemeinden gibt, die schon so weit auf den Weg vorangeschritten ist, dass an ihren Kirchgebäuden der grüne Hahn hängt. Lassen Sie nicht nach in ihren Bemühungen, werben Sie, wo Sie nur können dafür, dass sich auch andere auf diesen Weg, diese Wege machen. Und verlieren Sie nicht den Horizont aus den Augen. Spielen Sie auch mit den Szenarien und Prognosen. Nicht in dem Sinne, dass hier Sicherheit im Blick auf Planungsentscheidungen zu finden ist. Entscheidungen werden wir weiter mutig treffen müssen, ohne im Detail zu wissen, was kommt. Aber Szenarien und Prognosen helfen, von den Utopien her gedacht, im Kopf beweglich zu bleiben und zu werden. Wenn es mir vertraut ist, mögliche Zukünfte durchzuspielen, fällt es mir dann leichter, Anpassungen auf aktuelle Entwicklungen zu finden. Wenn Sie es noch nicht tun: Schauen Sie in Ihren Umfeldern, wo kommunale und andere Träger Konzepte dazu erarbeitet haben oder dran sind. Nehmen Sie diese Konzepte auf, beteiligen Sie sich an den Diskussionen in ihren Orten. Bieten Sie Mitdenken an. Denn, um Alberto Acosta zu Wort kommen zu lassen:

„Das ist keine leichte Aufgabe. Es wird lange dauern, bis die heute vorherrschenden Sichtweisen überwunden sind. Die Wegbereiter des Wandels müssen beharrlich sein, wenn sie ihn erreichen wollen.Und eine politische Schlüsselfrage lautet: Wer bringt den Mut auf? Die Antwort im weitesten Sinn: die organisierte Gesellschaft, die sich ihrer Probleme und Fähigkeiten bewusst ist und sich berufen fühlt, Utopien zu schaffen, die diese ersehnten Transformationen hervorbringen. An erster Stelle sind dies die Volksbewegungen, vor allem (…) die städtischen und ländlichen Gemeinden.“ (Acosta, Buen vivir 165)

Unsere Kirchengemeinden sind Teil dieser lokalen Gemeinschaften und wir schulden der Welt, der großen wie der lokalen und regionalen, die Botschaft, von der wir leben und die uns antreibt, für das gute Leben zu streiten.

Die Herausforderungen, vor der wir alle stehen, ja, die sind riesengroß. Aber die Zusagen Gottes, der stets auf uns zukommt, uns Zukunft öffnet, uns eine Welt voller Fülle anbietet, mit der wir und in der wir gut leben können, diese Zusagen lassen uns hoffen, vertrauen und glauben, dass die Wege begangen werden können, ohne dass unsere Welt in Chaos und Vernichtung versinkt. Diese Botschaft schulden wir der Welt in Worten und in Taten. Unsere Kirchengebäude können dabei ein sichtbares Zeichen dieser Hoffnung sein. In ganz unterschiedlicher Art und Weise, immer in Relation zu dem, was kommt. Um es mal sehr überspitzt und provozierend zu sagen: Vielleicht ist ein aufgegebenes und verfallendes Kirchgebäude in 30 Jahren ein leuchtendes Beispiel für den Mut einer Kirchengemeinde, sich der Realität des Klimawandels gestellt zu haben. Wer weiß… Keiner. Und noch einmal, gerade deshalb macht es aus meiner Sicht viel Sinn, mit Hilfe von Prognosen und Szenarien mögliche Zukünfte durchzuspielen. Und dabei auch die drastischen Entwicklungen unter der Frage zu bedenken, spielerisch-kreativ: Ja, was wäre denn, wenn…? Und daneben sich der kleinteiligen und mühseligen Suche nach Lösungen zu widmen, zum Beispiel dem Schimmel zu wehren, um nur ein Stichwort aus dem heutigen Programm zu nennen.

Also: Lassen Sie uns gemeinsam an der Zukunft weiterbauen. Eben weil wir wissen, unser Heil hängt nicht an unserer Leistung oder unserem Erfolg. Heil ist wie das Leben Geschenk, reines Geschenk. Und die Dankbarkeit für dieses Geschenk treibt uns an, nicht nachzulassen, so düster und frustrierend die Gegenwart ist und mühsam der kleinteilige Kampf um den nächsten Schritt. Diese Haltung finde ich auch in Worten Dietrich Bonhoeffers wieder, die mich immer wieder trösten und ermutigen:

„Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.“ (Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung 77)

Und nun, frisch ans Werk.

Was ich unter „Gott“ verstehe

Was ich unter „Gott“ verstehe

Stefan vom Blog Seelengrund hat mir vier Fragen gestellt, die ich so beantworte:

1. Was verstehst du unter „Gott“?

Für mich unübertroffen formuliert Ludwig Wittgenstein:
„Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“
(Tractatus logico-philosophicus, 6.522)

2. Welche gedanklichen Gründe führen dich zu diesem Verständnis des Gottesbegriffs?

Über „Gott“ kann nur geredet werden in dem Wissen, dass wir ihn nicht in Sprache fassen können. Die einzig angemessene, letztlich sinnvolle Rede von „Gott“ ist damit die Poesie, die Poesie der Sprache und die des Handelns. „Gott“ zeigt sich und ist und bleibt unverfügbar. Da wir aber von „Gott“ sprechen wollen/müssen, braucht es die Theologie als Reflexion aller Rede über/von „Gott“, als Korrektiv aller Verwechslungen.

3. Welche Erfahrungen führen dich zu diesem Verständnis des Gottesbegriffs?

a) Es gibt genug Menschen in den verschiedensten Religionen, die von „Gott“ so reden als sei er verfügbar. Sie verstehen sich bewusst oder unbewusst als Gottes Stimme auf Erden.

b) Jesu Rede von „Gott“ ist poetisch, sein Handeln vielfach ebenso, beides lässt „etwas/einen/eine“ durchschimmern.

4. Welche Haltung nimmst du ein gegenüber anderen Verständnissen des Gottesbegriffs?

Neugier.
Offenheit.
Bereitschaft zur Diskussion.
Mut zur Konfrontation.