Sieh doch eine junge Frau wird schwanger werden

Sieh doch eine junge Frau wird schwanger werden

gedanken zur christnacht zu jesaja 7

jerusalem im jahr 733 vor der zeitenwende
eine stadt in angst
soldaten stehen vor den mauern
trommeln dröhnen tag und nacht
gleich zwei herrscher fordern die kapitulation
von könig ahas
alle augen richten sich auf ihn
was soll er tun
standhalten oder die tore öffnen
wenn mann doch wüsste was wäre wenn

in jerusalem lebt ein mann
jesaja ist sein name
einen propheten nennen sie ihn
er ist schon ein wenig wundersam
seine kinder heißen
einrestwirdumkehren
eilebeuteraubebald
und seinen leuten schleudert er  entgegen
glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht

die heerscharen vor augen
sagt er zu ahas
du darfst dir ein zeichen fordern
von gott
doch ahas glaubt jesaja nicht
und der prophet antwortet
im namen gottes

höre doch du haus davids
ist es euch nicht genug menschen zu ermüden
müsst ihr jetzt nicht auch noch mich ermüden
deshalb wird euch meine herrschaft selbst ein zeichen geben
sieh doch
eine junge frau ist schwanger
sie wird ein kind gebären
und es gottistmituns nennen
butter und honig wird es essen müssen
bis es eines tages versteht
das schlechte abzulehnen
und das gute zu wählen
doch noch bevor das kind versteht
wird der ackerboden verlassen sein
von den beiden königen
vor denen du heute angst hast
und dann wird gott dir tage bringen
wie sie lange nicht gekommen sind
den assyrerkönig und seine herrschaft

und so kommt es

*

galiläa im jahr 33 nach der zeitenwende
all ihre hoffnungen haben sie auf ihn gesetzt
er hat sie nicht enttäuscht
wunderbare worte sprach er
vom reich gottes
das jetzt beginnt
mit ihm und in ihm
geheilt hat er
frauen männer kinder
krank an leib oder seele
oder beidem
allein durch worte
und berührungen

gehasst haben sie ihn
die macht haben
macht über waffen und gesetze und gefängnisse
aber nicht über seelen und hoffnungen
daher fürchteten sie ihn
brachten ihn um
einfach so
mit einem federstrich
wie tausend andere auch
die nicht aufhören nach gerechtigkeit zu fragen
nun ist er tot

doch einige sagen
nein
wir haben ihn gesehen
mit ihm geredet
er ist nicht im tod geblieben
und unsere herzen brannten
als er mit uns sprach

sie suchen in den heiligen schriften
nach hinweisen
die licht in das dunkel der geschichte bringen
denn dort
in den schriften
ist die hoffnung lebendig
das einst einer kommen wird
und alles wird neu
lebendig und farbenfroh

sie werden fündig
in betlehem soll er geboren werden
mit löwe und schaf gleichermaßen spielen

und bei jesaja lesen sie
sieh doch
eine junge frau wird schwanger werden
und ein kind zur welt bringen
die macht wird auf seinen schultern ruhen
zahlreich werden seine namen sein
wunderrat
gottheld
ewigvater
friedefürst
und vor allem
immanuel
gottistmituns

die teile fügen sich zusammen
ihre erinnerungen
und das was sie lesen

vertraut dem
der da kam
im namen gottes
mutter und vater gleichermaßen
und predigte furchtlos von frieden und gerechtigkeit
rührte herzen an allein mit worten
ließ körper zur ruhe kommen
weckte sehnsucht
nach einem anderen leben
wich nicht zurück
als es um sein leben ging

einer von ihnen
lukas mit namen
hatte ein bild vor augen
und schreibt es auf
worte
jahrhundertelang wiederholt
in der mitte der nacht

*

hannover im jahr 2017 nach der zeitenwende
eine stadt vielleicht nicht in angst
aber doch in unruhe
belagert durch zukunftssorgen und glühweinstände
die trommeln rechter parolen lassen niemand zur ruhe kommen
betonklötze schützen weihnachtsmärkte
eine stabile regierung haben wir auch nicht
und die wirtschaft produziert sich lemmingen gleich dem abgrund entgegen
wir wissen
so geht es nicht weiter
und schnüren uns doch den ring der belagerung immer enger um den hals
tag für tag
jahr um jahr
bis wir ersticken
in zukunftsangst plastikmüll und dummen Worten

eine stadt sehnt eine unterbrechung herbei
ein paar tage so tun als wäre alles wie früher
heilig abend unter dem brennenden baum in der kindheit
und alles war gut

wir hören die botschaft alle jahre wieder
jesaja und lukas liegen uns in den ohren
glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht
da ist kein jnglebellsmerrychristmasodufröhliche
da ist ansage für die welt

siehe
eine junge frau ist schwanger
und sie bringt ein kind zur welt
die macht wird auf seinen schultern ruhen
seine namen werden zahlreich sein
wunderrat
gottheld
ewigvater
friedefürst
und vor allem
und immer wieder
immanuel
gottistmituns

die welt wird neu
mit ihm und durch ihn

die rechten parolen verpuffen
die wirtschaftswunderplastikmüllproduktion löst sich in luft auf
und vielleicht
ja vielleicht
wird eines tages auch der himmel dieselabgasfrei
über hannover und dem ganzen land
friede und gerechtigkeit küssen sich
und wir tanzen gemeinsam
nicht nur an den feiertagen unter dem tannenbaum
wenn wir dem glauben
der uns ein kind geschenkt hat

glaubt doch
und bleibt

Heilig Abend unter Tage – Erinnerung an einen Gottesdienst auf der Zeche Lohberg vor 20 Jahren

Heilig Abend unter Tage – Erinnerung an einen Gottesdienst auf der Zeche Lohberg vor 20 Jahren

Ende 2018, also in zwei Jahren endet der Steinkohlebergbau in Deutschland und damit eine jahrhundertealte Tradition. Seit Anfang der 90er Jahre habe ich die Bergbaugeschichte am Niederrhein hautnah mitbekommen und jetzt hier im Raum Osnabrück begegnet mir diese Tradition noch mal ganz neu und doch sehr vertraut. (Dazu hier mehr: Grubenfahrt in Ibbenbüren oder: Meine Geschichte mit dem Steinkohlebergbau 1992 – 2016)

Bei einem Gespräch bei der IGBCE in Ibbenbüren vor einiger Zeit wurde mir das noch mal sehr deutlich, zuvor auch bei Besuchen im Industriemuseum am Piesberg und auch an anderen Orten in der Region. Da ist noch die Erinnerung wach, und vielfach sind auch noch die Kränkungen zu spüren, die mit dem Schließungsbeschluss einhergingen und -gehen.

Denn, auch wenn es platt klingt, Bergmann ist kein Beruf wie jeder andere, er ist mit vielen Emotionen verbunden. Für mich unvergesslich ein Geburtstagsbesuch bei einem Kumpel, der 85 wurde und zu dessen Jubelfest der Bergmannchor kam und wehmütig, aber mit voller Leidenschaft im Juli unter praller Sonne von der Arbeit tief unter Tage sang.

An Heilig Abend jährt sich ein anderes Ereignis zum 20. Mal, dass sich mir ebenso tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat und an dem für mich symbolisch viel von dem deutlich wird, was Bergbau einmal war und was er heute nicht mehr ist.

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Harro Düx, evangelischer Ortspfarrer in Dinslaken-Lohberg und sein katholischer Kollege Wilhelm Lepping feierten einen Gottesdienst 845 Meter unter Tage. Ein Gottesdienst an einem Ort der Arbeit, ein Zeichen der Wertschätzung, aber auch ein Hinweis auf die vielfach sehr enge Beziehung zwischen Bergbau und Kirche, die zB in den Barbarafeiern am 4. Dezember einen sichtbaren Ausdruck findet. (Und diese geht weit über den „klassischen“ Bergbau hinaus: Als wir im September die Baustelle der U5 in Berlin besuchten, hörten wir davon, dass auch dort Andachten am Barbaratag üblich sind.)

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Es war eine ziemlich irre Geschichte damals, am 24. Dezember 1996. Ein Bild steht mir noch klar vor Augen: die Freundlichkeit der Kumpel am Förderkorb, die uns für die Seilfahrt instruierten und der Stolz in ihren Augen, dass so viele kamen.

Die Bilder auf den Zeitungsausschnitten geben die Atmosphäre gut wieder. Und man erkennt Wolfgang Clement, damals Wirtschaftsminister in NRW, später Ministerpräsident in NRW und Bundeswirtschaftsminister, bevor er noch später die SPD verließ …

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In  meinen Unterlagen habe ich noch die Predigt gefunden, die uns schriftlich verteilt wurde. Einige Auszüge, die für sich sprechen:

Liebe Bergleute, liebe Gemeinde,
was wird heute auf dem Gabentisch der Bergleute liegen, dass fragte Jürgen Schüring bei der Planung dieses Gottesdienstes. Das war auch der Anlass, diesen Gottesdienst am Heilig Abend zu feiern. Grund war die Sorge der Bergleute um die Zukunft des Schachts. Grund war ihre Sorge um ihre eigene Zukunft. Dieser Gottesdienst soll auf die Nöte der Bergleute hinweisen an dem Tag, an dem sich Gott der Nöte der Menschen angenommen hat. Zu Weihnachten bricht das Licht in die Finsternis der Welt ein und verschafft Klarheit über deren Zustand und über das Wohl der Menschen. Auf dem Gabentisch erwarten wir alle Klarheit, was denn nun mit dem Bergbau geschehen wird, und mit unserer Stadt, die davon abhängt. Zu Weihnachten bringt Jesus eine frohe Botschaft in die Welt und die Bergleute warten auch auf eine gute Nachricht. (…)
Gott begibt sich dorthin, wo Menschen arm und verachtet sind, ausgebeutet und deklassiert, und trotzdem den aufrechten Gang üben. (…)
Die Menschen werden daran gemessen, was sie für die tun, die sich nicht aus eigener Kraft den Lebensunterhalt erwerben können, und für die, die vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedroht sind. Für viele wird sich das Leben ändern, wenn der Schacht schließt, und für viele wird dann das Leben eine geringere Qualität haben. Die Angst vor dem sozialen Abstieg kommt ja nicht von ungefähr, weil eben erlebt wird, dass in der wirtschaftlichen Krise die Kleinen in unvergleichbar höherer Weise bedroht sind und belastet werden als andere. Schönfärberisch wird von Reformen und vom notwendigen Umbau der Gesellschaft geredet. Dabei wird weder gesagt, wer diese Krise hervorgerufen, noch eindeutig gesagt, wie die Lasten der Krise gerecht zu verteilen sind. Die genug haben, geben Ratschläge denen, die nichts haben. Gerade anhand des Bergbaus wird uns klar, dass Arbeitslosigkeit nicht selbst verschuldet sein muss, sondern am Wandel der Strukturen liegt, an deren Wandel der arbeitslos Gewordene nicht beteiligt war. Wir brauchen eine Wirtschaft, die neben ökonomischen Zielen auch ihre Bedeutung für die Menschen versteht. Und Unternehmer, die wissen, dass der Mensch Ausgang und Ziel jeder Wirtschaft ist. Die Sozialbindung des Eigentums aufgeben zu wollen, weil eben die Wirtschaft nicht floriert, wird sich nicht nur gegen die Menschen richten sondern gegen die ganze Gesellschaft. (…)
Das Kind in der Krippe, die Hirten um die Krippe herum zeigen uns, wo wir in unseren Überlegungen anfangen müssen, wenn wir die Krise überstehen wollen. Frieden auf Erden, das soll geschehen, wenn wir auf die Kleinen und Unbedeutenden achten, wenn wir das Kind in der Krippe suchen.

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Dann ging es wieder nach oben, wir bekamen Grubenlampen mit auf den Weg, verbunden mit der Bitte, diese am Abend in den Christvespern und -metten  vor Ort aufzustellen und zu erzählen von diesem Gottesdienst an einem Ort der Arbeit – weil die Teilnahmemöglichkeit begrenzt war und niemand ohne Einladungskarte hinunter kam. Ich habe das getan und aus der Predigt vorgelesen, das zeigen mir meine handschriftlichen Notizen am dem Blatt.

Anschließend wanderte die Grubenlampe in mein Arbeitszimmer im Pfarrhaus. Später zog sie um nach Osnabrück in mein dortiges Büro und mittlerweile steht sie in Hannover, als bleibende Erinnerung und Mahnung: dass nämlich wirtschaftlicher Strukturwandel immer wieder erfolgen wird, ja vielleicht auch muss – dieser aber sozialverträglich gestaltet werden kann. Im Bergbau ist dies gelungen, bei allen Einzelschicksalen, und wir stehen angesichts ökologischer Herausforderungen wieder einmal vor einem radikalen Umbau, den wir, wenn wir wollen, sozialverträglich gestalten können. Wenn wir wollen.

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Vielleicht gibt es ja hier und da die Möglichkeit, 2018 auch in Gottesdiensten noch einmal auf die enge Verbindung zwischen den Kirchen und dem Steinkohlebergbau zu verweisen, bevor dann die Lichter unter Tage ausgehen.

(Die Zeitungsausschnitte darf ich hier mit freundlicher Genehmigung der NRZ Dinslaken einstellen.)

Auf der Flucht. Ein Krippenspiel

Dezember II

Das Spiel ist so angelegt, dass der Altarraum oder die Bühne zweigeteilt werden kann. Auf der einen Seite ist das Gasthaus in Ägypten, auf der anderen Seite spielen die Rückblenden. Wenn möglich, sollten die jeweiligen Raumteile angestrahlt werden, in denen grade gespielt wird. Denkbar ist aber auch, dass Maria und Josef in Ägypten und in den Rückblenden von unterschiedlichen Spieler/-innen gespielt werden. Dann muss aber die Kleidung exakt gleich aussehen.

Die Wirtsleute in Ägypten sind selber Exil-Juden, das kann z.B. über den Namen des Gasthauses ausgedrückt werden, also vielleicht „Hotel Jerusalem“ oder ähnlich.

Rollen:

Wirt in Ägypten
Wirtin in Ägypten
Maria
Josef
Wirt Betlehem
Kind des Wirts in Betlehem
Hirte 1-3
König 1-3
Engel

Szene I:

Wirt fegt vor der Tür des Gasthauses, Wirtin arbeitet drinnen. Maria und Josef nähern sich langsam, müde und mit schweren Schritten. Maria trägt Jesus auf dem Arm. Wirt hält inne, schaut hoch und ruft:

Wirt: „Eva, komm mal schnell!“

Wirtin kommt, Maria und Josef erreichen die beiden, Wirtin und Wirt nehmen ihnen das Gepäck ab und bieten ihnen Platz auf der Bank vor dem Gasthaus an.

Wirt: „Willkommen, willkommen in Ägypten, willkommen in unserem bescheidenen Gasthaus!“

Maria: „Willkommen … Das Wort habe ich lange nicht mehr gehört.“

Josef stützt den Kopf auf die Arme, sagt nichts.

Wirtin: „Sagt, wo kommt ihr her? Ihr seht so müde und erschöpft aus? Ihr seid keine Juden, die in Ägypten leben, so wie wir.“

Josef (schüttelt den Kopf): „Nein, du hast Recht. Wir kommen aus Betlehem. Da waren wir wegen der Volkszählung. Aber eigentlich stammen wir aus Nazareth.“

Wirt: „Aus Nazareth?! Aber das liegt doch genau in der entgegengesetzten Richtung!“

Josef: „Ja, das stimmt. Das kam so, lass mich erzählen…“

Szene 2 – Der Engel erscheint Josef im Traum

Maria und Josef im Stall, das Jesuskind liegt in der Krippe.

Maria: „Komm, Josef, lass uns schlafen. Das war ein langer Tag. Und so aufregend mit den drei klugen Königen! Aber jetzt bin ich müde, so müde.“

Josef: „Ja, komm Maria, wir legen uns hier hin, ganz nah an die Krippe. Dann sind wir schnell wach, wenn der Kleine aufwacht.“

Maria und Josef legen sich hin, wickeln sich in ihre Decken und schlafen ein. Dann tritt der Engel hinzu und berührt Josef am Arm. Der blinzelt überrascht, sagt aber nichts.

Engel: „Josef, hör mir gut zu! Ihr könnt nicht hier bleiben und nach Hause ist der Weg auch versperrt. König Herodes trachtet dem Kind nach dem Leben. Er hat Angst um seinen Thron. Ihr müsst nach Ägypten fliehen, hörst du, nach Ägypten! Dort müsst ihr bleiben, bis Herodes gestorben ist, egal wie lange es dauert!“

Engel geht ab. Josef schreckt hoch, blickt sich um, sieht niemand. Denkt kurz nach, weckt dann Maria.

Josef: „Maria, wach schnell auf!“

Maria (schlaftrunken): „Was ist, ist Jesus wach geworden?“

Josef: „Nein, Maria, wir müssen packen und sofort aufbrechen, Jesus ist in Gefahr!“

Maria (plötzlich hellwach): „Jesus in Gefahr?! (schaut in die Krippe) Aber er schläft doch ganz friedlich!“

Josef: „Mir ist ein Engel im Traum erschienen und hat gesagt, Herodes will Jesus ermorden lassen! Wir sind hier nicht mehr sicher, wir sollen nach Ägypten fliehen!“

Maria: „Nach Ägypten?! Aber… Da kennen wir doch niemand, was soll da aus uns werden!?“

Josef: „Maria, bleib ruhig! Denk nach – wir haben doch die Geschenke der Könige! Das reicht eine ganze Weile.“

Maria (seufzt): „Stimmt … Ach, Mensch, das ist doch alles nicht wahr, oder? Wir werden die Heimat lange nicht sehen … Das macht mich traurig … Aber wenn es gut für Jesus ist, dann gehen wir.“

[Lied]

Szene 3 – Gasthaus in Ägypten

Wirt: „Das ist ja eine ziemlich unglaubliche Geschichte … Ein Engel? Und Könige?!

Wirtin: „Und du hast dein Kind in einem Stall zur Welt bringen müssen, du Arme … Aber sag, was ist das für ein Kind, dass ein König Angst vor ihm hat und es umbringen lassen will? Ihr seht nicht so aus, als würdet ihr aus einer königlichen Familie stammen und euer kleiner Jesus sei ein Thronfolger oder so …“

Maria: „Das ist eine lange Geschichte. Begonnen hat alles (sie lächelt leicht und versonnen), du wirst es nicht glauben, mit einem Traum, in dem mir ein Engel erschien.“

Josef (schmunzelt): „Und mir auch, und ich glaube, es war immer der gleiche Engel.“

Wirt: „Ihr wollt uns aber jetzt keine Märchen erzählen, oder?“

Maria: „Nein, nein, es war so …“

Szene 4 – Ankündigung der Geburt

Maria und Josef schlafen, liegen aber nicht nebeneinander. Der Engel kommt mit leisen Schritten, geht zuerst zu Maria, legt ihr die Hand auf die Schulter und sagt:

Engel: „Maria, erschrick nicht, ich bin ein Bote Gottes, der dich lieb hat. Dich und alle Frauen, Männer und Kinder. Er hat dich ausgewählt, seinen Sohn zur Welt zu bringen. Seinen Sohn, der die Welt von Ungerechtigkeit, Leid und Tod erlösen wird. Du wirst schwanger werden und ihn in dir tragen. Gib ihm den Namen Jesus und ziehe ihn auf, das ist der Auftrag Gottes an dich.“

Engel geht zu Josef, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt:

„Josef, erschrick nicht, ich bin ein Bote Gottes, der dich lieb hat. Dich und alle Frauen, Männer und Kinder. Nimm Maria zu dir, sie wird dich brauchen. Denn sie wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus wird er heißen und wenn er groß ist, wird er der sein, auf den Israel und die ganze Welt wartet: Der Erlöser.“

Engel geht ab.

Szene 5 – Gasthaus in Ägypten

Wirtin (schüttelt den Kopf): „Das ist ja unglaublich!“

Wirt: „Und, was geschah dann?“

Maria: „Ich wurde schwanger, wie der Engel gesagt hatte. (Sie legt Josef die Hand auf das Knie und schaut ihn liebevoll an.) Und ich war froh, dass du mich zu dir genommen hast. Wir waren ja noch nicht verheiratet.“

Josef: „Ich habe das gerne getan. Erstens hat Gott mir den Auftrag gegeben und außerdem, wir waren schon verlobt und ich liebe dich. Aber einfach war es nicht, eine schwangere, unverheiratete Frau aufzunehmen, das sehen nicht alle gerne.“

Wirt (schaut auf das Kind): „Und das ist Jesus?!“

Maria: „Ja, das ist Jesus.“

Wirt (fällt auf die Knie): „Danke, Gott, du hast unsere Gebete erhört!!

Wirtin (wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, legt Jesus die Hand auf den Kopf und sagt): „Gesegnet seist du, unser Erlöser.“ (Schaut Maria an, legt ihr die Hand auf den Kopf.) „Und du sollst auch gesegnet sein, die Frau, die Jesus zur Welt gebracht hat. Doch erzählt, wie ging es weiter?“

Josef: „Es kam die Aufforderung zur Volkszählung.“

[Lied]

Szene 6 – Reisebescheid

Maria, hochschwanger, sitzt zuhause, Josef kommt, sieht betrübt aus, hat einen Brief in der Hand.

Maria: „Josef, mein Lieber, was ist, du siehst so traurig aus?“

Josef (setzt sich, wedelt mit dem Brief): „Das ist die Aufforderung, auf die wir gewartet haben. Wir müssen nach Betlehem, in die Stadt, aus der ich stamme. Um mich dort eintragen zu lassen in die Liste des Kaisers.“

Maria (legt die Hand auf den Bauch): „Wie soll das gehen, ich bin doch hochschwanger? Unser Kind kommt doch bald. Gibt es keinen Aufschub für schwangere Frauen?“

Josef (schüttelt den Kopf): „Nein, wenn wir nicht in paar Tagen da sind, gibt es richtig Ärger. Geldstrafen oder gar Gefängnis. (Wütend:) Mit uns kleinen Leuten können sie es machen, was interessiert die ein ungeborenes Kind!“

Maria: „Ruhig, Josef. Wenn das Kind von Gott ist und Frieden auf Erden bringen soll, dann wird ER (zeigt nach oben) für das Kind und für mich sorgen. Komm, lass uns keine Zeit verlieren und packen!“

Szene 7 – Gasthaus in Ägypten

Wirtin: „Du Arme, schwanger den ganzen Weg laufen!“

Josef: „Wir haben einen Esel besorgt und er hat Maria getragen.“

Maria: „Aber schlimm war es trotzdem.“

Wirt: „Ja, wir kleinen Leute interessieren die Mächtigen nur, wenn wir Steuern zahlen oder Soldaten werden und für sie kämpfen. Wir hatten Glück, wir sind hier in Ägypten geboren. Aber manch einer von den Reichen aus der Vorstadt, die konnten sich frei kaufen. Die konnten einen Boten schicken und der hat sie eingetragen, irgendwo in Israel.“

Wirtin: „…und wie war das dann in Betlehem? Vorhin hast du was von einer Krippe erzählt. Krippen stehen im Stahl. Du hast doch dein Kind nicht etwa…?“

Maria: „Doch, ja, im Stall kam Jesus zur Welt.“

Wirt (entsetzt): „In einem Stall?! Unser Erlöser kommt in einem Stall auf die Welt?!“

Josef: „Ja, und das kam so…“

[Lied]

Szene 8 – Ankunft in Betlehem und Geburt

Maria und Josef nähern sich dem Gasthaus. Maria ist schwach, sie stützt sich auf Josef.

Josef: „Maria, da ist noch ein Gasthaus, dort werde ich es noch mal versuchen.“

Maria nickt nur müde.

Josef klopft, Wirt macht Tür auf.

Wirt (guckt genervt und sagt mit aggressiver Stimme): „Ach, nicht noch einer, komm geh gleich weiter, ich hab keinen Platz mehr!“

Josef: „Guter Mann, sei doch nicht so unfreundlich! Schau, meine Frau ist hochschwanger. Sie ist müde und das Kind kann jederzeit kommen.“

Wirt (guckt etwas freundlicher): „Tut mir leid, den ganzen Tag über klopfen hier Leute. Die ganze Welt ist unterwegs wegen dieser Volkszählung. Was soll ich machen, alles voll, die Gäste schlafen schon auf dem Flur! Es hilft nichts, ihr müsst weiter.“

Das Kind vom Wirt ist heran gekommen, nimmt den Wirt an der Hand:

Kind des Wirts: „Papa, können die nicht bei uns im Stall schlafen? Die Frau kann doch nicht weiter. Soll sie ihr Kind auf der Straße zur Welt bringen?“

Wirt: „Im Stall? Hm. Was meint ihr?“

Josef: „Ein Stall? Das ist doch wunderbar! Ein Dach über dem Kopf, Stroh für ein Nachtlager.“

Wirt: „Na dann.“

Kind des Wirts: „Kommt, ich zeige euch den Weg.“

Sie gehen zum Stall, Maria und Josef legen sich hin. In der Nacht kommt das Kind zur Welt und der Stern beginnt hell über dem Stall zu leuchten.

[Lied]

Szene 9 – Gasthaus in Ägypten

Wirtin (weinend, und kopfschüttelnd): „Was habt ihr durchgemacht! Von uns bekommt ihr das beste Zimmer, das wir haben.“

Wirt: „Und dann haben euch das die Könige besucht? Im Stall?!“

Josef: „Das kam später.“

Maria (lacht): „Ja, erst kamen Hirten, noch in dieser Nacht.“

Szene 10 – Besuch der Hirten

Maria und Josef schlafen, das Kind liegt in der Krippe. Die Hirten nähern sich.

Hirte 1: „Hier muss es sein.“

Hirte 2: „Ja, ein Stall in Betlehem.“

Hirte 3: „Und der Stern steht darüber.“

Hirten betreten den Stall.

Josef (schreckt verschlafen hoch): „Was ist, was wollt ihr?“

Maria (wacht auf): „Wer seid ihr?“

Hirte 1: „Wir sind Hirten.“

Hirte 2: „Arme Hirten.“

Hirte 3: „Wir waren bei unseren Schafen, wie in jeder Nacht.

Hirte 1: „Doch in dieser Nacht war alles anders.“

Hirte 2: „Ein Engel erschien uns und sagte: Ich habe eine wunderbare Nachricht für euch.

Hirte 3: „Der Erlöser ist da, der König der Welt ist geboren.“

Hirte 1: „In einer Krippe in einem Stall in Betlehem.“

Hirte 2: „Und wir wollten ihn sehen, den König.

Hirte 3: „Das Kind.“

Maria: „Kommt näher, hier ist er, das ist Jesus.“

Hirten treten zur Krippe, fallen auf die Knie, beten still. Stehen wieder auf, wischen sich die Tränen vom Gesicht, umarmen einander, umarmen Maria und Josef. Dann gehen sie wieder.

[Lied]

Szene 11 – Gasthaus in Ägypten

Wirt (lacht): „Hirten sehen den Erlöser als Erste! Das ist toll, Gott hat ein Herz für die kleinen Menschen. Für Frauen und Männer ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Wohnung. Für Familien, die unterwegs sind, heimatlos. Für die Außenseiter, die vor der Stadt leben müssen. Wie die Hirten. Der Engel erzählt es als erstes den Hirten, das ist wunderbar. Und gibt Hoffnung. Mächtige wird er zum Wanken bringen, und die Geringen erhöhen.“

Wirtin: „Jetzt redest du wie ein Prophet!“

Wirt: „Wer weiß …“

Wirtin: „Und dann kamen die Könige?“

Maria: „Ja, ein paar Tage später.“

[Lied]

Szene 12 – Könige an der Krippe

Könige nähern sich, das Kind des Wirts zeigt ihnen den Stall. Sie klopfen an. Maria und Josef sitzen da, Maria hat das Kind auf dem Arm. Die Könige treten näher und fallen auf die Knie.

König 1: „Unsere Reise ist zu Ende.“

König 2: „Das ist das Kind, der neugeborene König der Welt.“

König 3: „Endlich sind wir da.“

Maria: „Wer seid ihr?“

Josef: „Und wo kommt ihr her?

König 1: „Weit sind wir gereist.“

König 2: „Aus königlichen Familien stammen wir.

König 3: „Und wir haben den Himmel abgesucht, Jahr um Jahr.

König 1: „Weil wir in unseren Schriften gelesen haben:“

König 2: „Wenn weit im Westen ein Stern aufgehen wird, heller als anderen Sterne…“

König 3: „…dann ist Gottes Sohn unterwegs.“

König 1: „In einer dunklen Nacht sahen wir den Stern.“

König 2: „Wir machten uns sofort auf.“

König 3: „Reisten durch Wüsten und Wälder, immer dem Stern entgegen.“

König 1: „In Jerusalem klopften wir am Königspalast an, aber da war kein neugeborener Königssohn.“

König 2: „In der folgenden Nacht schauten wir noch mal ganz genau an den Himmel.“

König 3: „Und wir haben gemerkt, wir hatten so kurz vor dem Ziel nicht mehr genau hin geschaut.“

König 1: „Denn hierher wies uns der Stern.“

König 2: „Nach Betlehem.“

König 3: „Und über diesem Stall blieb er stehen.“

Josef: „Gottes Stern hat euch recht geführt. Das ist er, der neugeborene König. Er heißt Jesus.“

Maria gibt König 1 das Kind auf den Arm, er schaut es an, gibt es zu König 2, der gibt es schließlich weiter zu König 3, und der gibt es wieder Maria.

König 1: „Wir sind am Ziel. Unser Leben wird anders sein.“

König 2: „Ja, was galt, gilt nicht mehr.“

König 3: „Eine neue Zeit bricht an. Sie gibt Hoffnung. Auf Frieden. Und auf ein Ende von Armut, Flucht und Heimatlosigkeit.“

König 1: „Auf ein Ende von Habgier und Neid.“

König 2: „Auf ein Ende von Zank, Streit und Krieg.“

König 1: „Aber der Weg ist noch weit.“

König 2: „Wir haben euch Geschenke mitgebracht.“

König 3: „Ihr werdet sie brauchen, das wissen wir.“

König 1: „Woher auch immer.“

König 2: „Als wir packten, stand uns das glasklar vor Augen.“

König 3: „Und wir packten ein: Gold, Weihrauch und Myrrhe.“

Könige legen die Geschenke nieder, stehen auf, verneigen sich noch einmal und gehen.

[Lied]

Szene 13 – Gasthaus in Ägypten

Josef: „Den Rest der Geschichte kennt ihr. Der Engel erschien mir im Traum und erzählte vom Mordplan des Königs Herodes.“

Maria: „Und jetzt sind wir hier. Weit weg von zuhause.“

Wirt: „Aber hier seid ihr sicher. Bis hierher reicht der Arm von Herodes nicht.

Wirtin: „Und wir werden euch helfen. Gott sei Dank habt ihr auch etwas Geld.“

Wirt: „Eine Unterkunft werdet ihr finden, solange könnt ihr bei uns wohnen, ohne Bezahlung.“

Josef: „Das können wir nicht annehmen!“

Wirtin: „Warum nicht?“

Josef: „Weil…“

Maria legt ihm die Hand auf den arm, unterbricht ihn.

Maria: „Lass gut sein, Josef, wenn die beiden uns ihre Gastfreundschaft anbieten, dann freuen wir uns.“

Wirt: „Es ist uns eine Freude und eine Ehre.“

Wirtin: „Kommt, ich zeige euch das Zimmer!“

Maria und Josef werden zu einem Zimmer geführt, Wirtin geht. Die beiden setzen sich.

Josef: „Was ist das für eine Welt… Menschen werden hin und her geschubst wie Steine. Von einem Kaiser, der nur an sein Geld denkt. Ein König hat solche Angst vor einem Kind, dass er tausend Kinder töten lässt… Hirten sind die ersten, die Gottes Sohn sehen… Reiche Männer reisen um die halbe Welt, um uns die Flucht zu erleichtern… Ist da doch ein Gott im Himmel, der die Fäden zieht?

Maria: „Ich weiß nicht ob er die Fäden zieht. Ich weiß nicht, wie er alles fügt. Ich weiß nur, er liebt uns Menschen so sehr. Ich bin sicher, er weint im Himmel um die tausend Kinder, die Herodes getötet hat. Warum er nicht drein schlägt und alles ändert, ich weiß es nicht. Aber ein Zeichen hat er uns gegeben. Ein Zeichen seiner Liebe. Vielleicht auch seiner Ohnmacht. Was ist hilfloser als ein neugeborenes Kind? Und was rührt unser mehr an als ein neugeborenes Kind? Ich will gerne warten und schauen. Hier in Ägypten und später zurück in der Heimat. Ich will daran glauben, dass dieses Kind unsere Welt verändert. Es wird vieles neu und anders werden. Wie auch immer.“

[Lied]

Auf Wunsch sende ich das Spiel als Word-Datei zum. Mail an: kontakt (at)matthias-jung.de

Weitere Krippenspiele von mir gibt es hier: http://www.matthias-jung.de/Krippenspiele.html

Das Spiel steht unter folgender Lizenz:

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Creative Commons Lizenz CC BY-NC: Namensnennung, NichtKommerziell

Reiß auf, reiß ab! – Keine Predigt zu Weihnachten 2014

Offener Himmel

An Heilig Abend predigen ist eine Herausforderung.
Ich habe am Schreibtisch meine Gemeinde vor Augen,
weiß in etwa, wer vor mir sitzen wird.

Die Gefühle schwanken zwischen Freude,
Sehnsucht,
Verzweiflung
und banger Erwartung.

Dazu Stern und Krippe,
Hirten und Könige,
ein paar Tiere,
eine ruhige Abendstimmung.
Und wenn´s dann draußen noch schneit,
ist alles perfekt.

Hier den richtigen Ton treffen,
damit Worte berühren
und Weihnachten in den Herzen zu wirken beginnt,
das ist ein Spagat zwischen Wahrheit und Stimmung.
Es gilt in der Mitte zu bleiben.
Die Welt nicht auszublenden,
aber auch die Stimmung nicht zu zerstören.
Ersteres wäre verlogen.
Letzteres nähme mir die Gemeinde übel.
Beides wäre fatal.

Fünfundzwanzig Jahre habe ich so Heilig Abend gepredigt.
In diesem Jahr ist alles anders.
Wie in all den Jahren horche ich zwar in mich hinein,
ganz automatisch,
aus Gewohnheit,
was denn dieses Jahr zu predigen wäre.
Suche nach Texten, Motiven, Gedanken.
Lasse das Jahr an mir vorüberziehen.

Doch anders als sonst mischen sich diesmal keine Bilder aus der Gemeinde hinein.
Weil ich dieses Jahr nicht auf der Kanzel stehen, sondern unter ihr sitzen werde.

Umso brutaler drängen sich mir andere Bilder auf,
die aus der Welt.

Ein dumpfe Form des Islamhass macht sich in seltsamen Koalitionen auf den Straßen breit.

An Touristen vorbei versuchen Menschen, die Festung Europa zu stürmen.
Lassen nicht selten ihr Leben dabei,
während andere sich zum Bräunen noch einmal umdrehen.

Berge von Plastikmüll,
Tag für Tag auch von mir produziert,
die mir manchmal ein Gefühl des Ekels bescheren,
wenn endlich das fertige Essen vor mir steht.

Kriege in der Ukraine, Syrien, Irak.

Terror – ach, wo eigentlich nicht?

Sinkende Ölpreise, die jubeln lassen, weil Benzin endlich mal wieder billiger wird.
Und ein Riesenreich im Osten vor dem Absturz zittern lässt.

Nachrichten von scheiternden Klimagipfeln und zunehmender Demokratieverdrossenheit.

Und in Worms verbietet ein Gericht ein Krippenspiel auf dem Marktplatz.
Weil es verstören könnte.
Das wäre schlecht fürs Geschäft.
Die Kasse muss brummen, die biblische Geschichte passt hier nicht.

Die Welt scheint mehr und mehr aus den Fugen zu geraten.
Unterschwellig breitet sich Angst aus.
Angst, die Party könnte bald vorbei sein.
Unser Wohlstand zusammenbrechen,
Verwerfungen und Krieg sich auch auf unseren Straßen breit machen.
Viele haben das Gefühl:
Ich bin überfordert,
ich kann nicht mehr.
Oder auch:
Ich kann es nicht mehr sehen noch hören,
lass mich doch in Ruhe.
Wenigstens an Weihnachten.

Weihnachten
– und das ist das Positive daran -,
Weihnachten hält in vielen Menschen eine Sehnsucht nach heiler Welt wach.
Eine Sehnsucht, die mit der Wirklichkeit kaum mehr übereinzustimmen scheint.
Ein kleines Fenster,
so scheint es,
in einer unwirtlichen, gefährlichen, verstörenden, hoffnungslosen Welt.
Schwiegen nicht auch in den Weltkriegen am Weihnachtsabend hier und da die Waffen auf beiden Seiten?

Diese Sehnsucht ist so wichtig.
Da ist noch etwas in uns lebendig.
Und das wollen wir am Heilig Abend und den beiden Feiertagen ausleben.
Wenigstens einmal im Jahr so eine Art Auge in der Mitte des Sturms.
Ist dagegen etwas zu sagen?
Nein.
Denn vielleicht sind wir so offener für die Botschaft des Heiligen Abends.
Für die Botschaft, die aus den uralten Texten zu uns herüberweht.
Und die Zukunft öffnet.

Advent, Erwartung.
Weihnachten, Ankunft.

Danach geht es weiter.
Für die heilige Familie auf den Weg nach Ägypten.
Um den Häschern des Königs zu entfliehen.
Und das kleine Samenkorn der Hoffnung zu retten und zu schützen.
Damit es wachsen und groß werden kann.
Leben ist riskant, gefährdet, gefährlich.
Verdammt gefährlich.

Ich weiß nicht warum,
aber mir ging mir in diesen Tagen dieses Lied durch den Kopf:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
Herab, herab, vom Himmel lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
Reiß ab, wo Schloss und Riegel für!

Sehnsuchtsvolle Worte.
Wir singen sie,
könnten sie aber auch verzweifelt schreien.

Reiß die Himmel auf,
endlich!
Reiß ab, reiß auf!
Damit etwas möglich wird,
neu wird,
anders wird.

Der Himmel erzählt eine Gegen-Geschichte.
Denen, die eine Geschichte haben und sie kennen.
Wer nur den Kopf in simplen Zeitvertreib steckt,
ist dem Kapitalismus bereits verfallen.
Endlos konsumieren,
ohne Nachdenken über die Vergangenheit
und schon gar nicht über die Zukunft,
das ist keine Geschichte und hat keine.
Das ist die Hölle der endlosen Gegenwart.
Die sich erschöpft in kleinen Momenten des Kaufens, Verbrauchens und Wegwerfens.
Von Dingen und Menschen.
Ich, ich, ich und das war´s.
Eine Geschichte hat das nicht.

Eine Geschichte erzählen können heißt:
sich aufspannen können
zwischen Vergangenheit,
Gegenwart
und Zukunft.
Und zwischen mir und dir.
Es sind in unser aller Leben oft schwere, bittere Geschichten.

Geschichten von enttäuschten Hoffnungen,
vertaner Zeit,
endlosen Kämpfen.

Wie oft möchten wir rufen:

O Heiland reiß die Himmel auf!
– aber der Himmel scheint verschlossen,
wie mit Schloss und Riegel davor.

O Erd schlag aus, schlag aus o Erd,
– aber die Erde ist vielfach wüst vergiftet und tot.

Solche Geschichten kennen wir viele.

Dagegen erzählen wir so selten von Zukunft.
Wir scheinen sie verloren zu haben.

Die Aussichten sind düster,
Meeresspiegel steigen und Durchschnittstemperaturen.
Wir ahnen –
nein,
wissen es eigentlich doch:
Das erstaunliche Wirtschaftswachstum wird nicht ewig anhalten.
Und irgendwann wird der Schwall der Menschen aus dem Süden so anwachsen,
dass kein Zaun mehr hoch genug ist,
sie davon abzuhalten,
nach Mitteleuropa hinein zu fluten.
Zu uns.

Was für Aussichten.
Wer träumt da gerne von Zukunft?
Wer traut sich hier, Zukunftsgeschichten zu erzählen?

Vielleicht wird denen,
die noch Sehnsucht in sich spüren,
gerade an Weihnachten diese Gemengelage wieder bewusst.
Dann, wenn wir gefühlsmäßig anders drauf sind als sonst im Jahr.
Eigentlich doch die rechte Zeit, Gegen-Geschichten zu hören und zu erzählen,
die eine Gegen-Geschichte zu hören
und sie verwoben in unsere Lebensgeschichte weiter zu erzählen.

Chaos,
wirtschaftliche Unsicherheit,
Angst vor Krieg und Tod –
all das war den Menschen in Israel und im römischen Reich auch nicht fremd.
Und da hinein wird diese Geschichte erzählt,
von der Geburt eines Kindes.

Eine Geschichte, so wunderbar wie jede Geburt.
Und genauso schrecklich und gefährlich.

Krippe und Stall sprechen das überdeutlich an.
Welche Frau bringt dort gerne ein Kind zur Welt?
Und ohne die medizinischen Kenntnisse der Gegenwart war solch eine Geburt eine lebensgefährliche Angelegenheit.
Für Mutter und Kind.
Das erste Wunder lautet eigentlich:
Sie haben überlebt!

Romantisch ist das jedenfalls nicht.
Den ganzen Kitsch müssen wir beiseite schieben,
dann kommt schnell die politische Wucht dieser Geschichte zum Vorschein.
Kein Wunder, dass der König Herodes dem Kind nach dem Leben trachtet.
Kein Wunder, dass ein Gericht in Worms diese brisante Geschichte nicht in aller Öffentlichkeit aufführen lassen wollte.
Im Verborgenen der Kirche,
bei Weihrauch und Kerzen und Orgelmusik,
ja, meinetwegen.
Aber nicht in der Mitte der Stadt.
Vor aller Augen und Ohren.

Und doch geschieht es, trotz aller Schlösser und Riegel:
Gott wird Mensch,
menschlich,
in einem neugeborenen Kind.
Sprengstoff für die Welt, in der Welt.

Warum ist diese Geschichte so brisant, so gefährlich?

Sie macht Hoffnung.
Öffnet Zukunft.
Und bietet mir die Chance,
meine, unsere traurigen, deprimierenden Geschichten
neu zu hören,
neu zu sehen
und weiter zu erzählen.

Ändert das was?
Alles und nichts.
Es ändert nicht die Welt.
Und auch meine Möglichkeiten werden nicht mehr.
Tropfen auf kochend heiße Steine.
Nicht mehr, nicht weniger.
Weihnachten heißt ehrlicherweise auch Abschied nehmen von Allmachtsphantasien.
Das ist bitter und erleichternd,
ja –
erlösend zugleich.
Reformatorisch gesprochen:
Entlastet von allem befreit zur Liebe.
Es hängt nicht von mir ab, die Welt zu retten, so gerne ich es möchte.
Aber ich kann tun, was ich kann.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Das reicht.
Und ändert alles.

So berührt mich diese uralte Geschichte und das Lied.
Worte drängen sich mir auf.

Reiß ab die Schlösser von den Türen der Festung Europa!
Reiß auf die Geldtresore der Banken und Superreichen!
Reiß ab die Riegel vor meinem aus Angst vor Wohlstandsverlust verschlossenen Herzen!
Reiß auf die Tore zwischen den verfeindeten Völkern!

Reiß ab!
Reiß auf!

Und es wird geschehen:
Die Erde schlägt aus, es wird grün.

Amen.
So wird es sein.