Provokation im Dienst des Evangeliums (1995)

Grade bin ich auf der Festplatte über diesen Text aus dem Jahr 1995 gestolpert. Da war ich ganz junger Pfarrer und Internet und so gab´s noch nicht. Daher schmorte der Text vor sich hin, siebzehn Jahre. Jetzt geht er raus. Denn gut finde ich ihn immer noch. Naja, sprachlich knirscht es hier und da. 😉

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Frühjahr 1994.
Eine Mutter beschwert sich nach der Konfirmation über den Konfirmationsgottes­dienst. Er sei einfach entsetzlich gewesen. Nicht feierlich. Die Kirche zu voll. Kein Abendmahl. Kein Chor. Und vor allem die Predigt, die sei viel zu provozierend ge­wesen…

Was hatte ich gesagt?
Eigentlich nichts Besonderes. Ich sprach davon, dass ich die Konfirmand(innen) ver­stehen könne, wenn sie nach zwei Jahren Unterricht erst einmal genug hätten von Kirche und Glaube und Gottesdienst. Mir und ihren Eltern wäre das damals auch nicht anders ge­gangen. Und außerdem hätten sie in den letzten zwei Jahren mit ziem­licher Sicherheit mehr über Gott, die Welt und sich selbst nachgedacht als die meisten ihrer Eltern in den letzten zehn Jahren…
Zu provokativ?

Ich bemühe mich ehrlich zu sein. Die Realitäten des Lebens zur Sprache zu bringen. Nicht um den heißen Brei herum zu reden. Die Dinge beim Namen zu nennen. Und das sind bei unseren Familienfeiern dann auch kritische Töne, die keinesfalls in die allgemeine Feierlichkeit passen. Denn unser Leben ist nicht so schön und einfach und „feierlich“, wie wir uns das gerne wünschen.

Auf der anderen Seite höre ich von Menschen auch viel Zustimmung für Predigten bei Trauungen oder Fest­gottesdiensten. Was hat das zu bedeuten?

Klare, ehrliche, provozierende Worte scheinen zu polarisieren. Und ich denke: Pro­vokation muss sein. Ich habe es für mich auf die Formel gebracht:

Gezielte und kontrollierte Provokation ist heute in der Kirche notwendig.

Diesen Satz gilt es nun zu erläutern.

Provokation. Wichtiger als zustimmendes Nicken ist mir der Denkprozess, der in Menschen in Gang kommen soll durch meine Predigten. Das ist mein Ziel: Menschen sollen nachdenken über sich, über Gott, über die Welt. Das Ergebnis dieses Prozesses ist offen. Aber wichtig ist mir, dass er beginnt.
Die Erwartung der Menschen, die zu einem festlichen Gottesdienst kommen, ist eine an­dere. Neben der „Feierlichkeit“ wird in der Regel Bestätigung erwartet. Schließlich steht die Kirche in den Köpfen vieler Zeitgenossen immer noch für die Bewahrung von Werten und Normen. „Man“ will bestätigt werden, stabilisiert oder wie auch im­mer. Da, wo ich dieser Erwartung nicht entspreche, beginnt der Ärger. Oder die überraschte Zustimmung.

Durch mein Ordinationsgelübde bin ich verpflichtet, der Wahrheit des Evangeliums zu dienen, mich aktiv für die Sache Jesu einzusetzen, den Gott zu verkünden, der in Jesus sichtbar wird. Nur: mit einem Schmusekurs, der den Menschen nur das sagt, was sie hö­ren wollen, ist das nicht zu vereinbaren. Jesus selbst wirkte polarisierend. sollte es seinen Nachfolgern möglich sein, in seinem Sinne zu wirken, ohne sich den Zorn der „Welt“ zu­zuziehen?

Nun, das ist natürlich ein ziemlich formales Argument für den Sinn der Argumenta­tion. Aber es gibt gute inhaltliche Gründe, heute in Predigten zu provozieren.

Provokation beginnt dort, wo ich konsequent die vorhandenen Erwartungen und Einstel­lungen störe, zerstöre, in Frage stelle. Die Zuhörer werden dann in der Tat herausgerufen (pro-vocare: „herausrufen, hervorrufen, herausfordern, reizen“) und zu einer Stellung­nahme gezwungen. Und das ist mir wichtig.

Ein Schlüsselerlebnis für dieses Verständnis der Provokation in der Predigt war für mich eine Predigtbesprechung in einem KSA-Kurs innerhalb meines Vikariates. Wir bespra­chen eine Predigt. Der Supervisor zerriss im Verlauf der Besprechung die Pre­digt in alle Einzelheiten. am Ende der Sitzung bedankte er sich ausdrücklich bei mei­nem Kollegen für diese Predigt, weil er sich – gerade weil er sich so sehr darüber ge­ärgert hatte – viel mehr mit dieser Predigt beschäftigt hatte, als bei einer „gewöhnlichen“ Predigt. Denn: wenn ich mich ärgere, denke ich darüber nach, versu­che herauszufinden, was mich geär­gert hat. und wo ich anderer Meinung bin. Be­stimme also meinen Standpunkt.

Die Provokation hat dabei den Vorteil, dass sie zunächst auf den Bauch und nicht auf den Kopf zielt. Sie will eine emotionale Reaktion hervorrufen, die mich dann zum Nachden­ken herausfordert. Das kann natürlich auch daneben gehe. Dennoch: ich will den Ärger, den Widerspruch, die Ablehnung – aber auch die überraschte Zustimmung oder Nach­denklichkeit provozieren, hervorrufen. Denn ansonsten ist die Gefahr rie­sengroß, dass sich Langeweile unter den Zuhörern ausbreitet, die in unserer medienbe­tonten Zeit zuhö­ren sowieso nicht mehr gewohnt sind. Um im Bild zu blei­ben: kritisch wird´s erst, wenn ich unter die Gürtellinie ziele.

Von daher komme ich zu den beiden Stichworten „gezielt“ und „kontrolliert“, die ich meiner Formel von Provokation in der Kirche voran gestellt habe. Die Provokation muss gezielt und kontrolliert sein, wenn sie Erfolg haben soll.

Darunter verstehe ich, dass ich im Vorfeld klar darüber werde, was ich erreichen will. an welchem Punkt genau soll die Verblüffung, der Zorn, das Fragezeichen entstehen? Ich plädiere dafür, im homiletischen Prozess die mögliche Provokation durch zu meditieren. Denn mein Ziel ist nicht, eine allgemeine Verunsicherung der Zuhörer zu erreichen, son­dern einen zielgerichteten Prozess in Gang zu bringen. Ich möchte, dass die Wirkung des „Sprengstoffes“ nicht in alle möglichen Richtungen verpufft, sondern ich möchte diese Wirkung in ganz bestimmte, vorher zu bestimmende Kanäle gelenkt wird.

Ich möchte es am Beispiel der eingangs angeführten Konfirmationspredigt deutlich ma­chen.
Die Aussage über die Konfirmanden, die der Kirche nach der Konfirmation den rüc­ken kehren, entlastet zunächst die Konfirmanden, nimmt diese in ihrer Meinung und Ent­scheidung ernst – und hält den Eltern den Spiegel vor. Denn die Aussage über das Nach­denken über Gott, die Welt und sich beinhaltet die Provokation an die Eltern (und Paten usw.): wie ist denn das bei Ihnen? Ein Familienfest wie die Konfirmation hat ja ganz ver­schiedene Aspekte und Ebenen:
– die Erinnerung an die eigene Konfirmation
– die Erinnerung daran, dass die Kinder nun langsam erwachsen werden
– die Erinnerung durch das vorstehende an die eigene Kindheit und Jugend
– und schließlich damit wieder verbunden, die Erinnerung an das eigene Älterwerden. Mit der Konfirmation markiert sich für viele Familien der Beginn des Erwachsen­werdens. Und damit verbunden ist ja auch eine Neuformulierung und Bestimmung meiner Le­benssituation.

All diese Aspekte lösen unterschiedliche Emotionen aus, die gerade in den Tagen um das eigentliche Fest herum vorhanden sind. Das normale Ritual, welches erwartet wird, – so meine Vermutung – soll diese Emotionen letztlich niederhalten und sie nicht nach oben kommen lassen. Denn die Verunsicherung wird gefürchtet. Aber kann ich da als Pfarrer, als Diener meines Herrn mitmachen?

Die emotional problematische Situation der Konfirmation lässt auch die Chance eines (Neu-) Aufbruchs erhoffen und möglich scheinen. Und da soll ich auf Provokation ver­zichten? Ähnliches gilt auch für die Trauung. nicht nur das Brautpaar, auch die Eltern und weitere Verwandte, ja Freunde und Bekannte sowie Geschwister werden durch den Entschluss zur Hochzeit vor die Frage gestellt, wie das denn in ihrem Le­ben aussieht.

Aber, so werden ängstliche Geister fragen, was ist, wenn die Leute sich so aufregen, dass sie anschließend aus der Kirche austreten? Gut, das kann natürlich passieren. aber ich bin nicht bereit, einen möglichen Kirchenaustritt zur Maxime meines pfar­ramtlichen Handelns zu machen. Schmusekurs, nein danke. Denn dann treten die Menschen aus, weil die Kir­che gar kein Profil mehr zeigt. Also, der Kirchenaustritt als Argument zieht nicht. Zumal die Leute austreten wenn sie wollen, Da kann ich als Pfarrer machen was ich will. Den einen mache ich es recht, den anderen nicht. Und wer austreten will, tritt eben aus. Entweder ärgert er sich über den zu provozierenden oder über den zu indifferenten Pfarrer, über den zu linken oder zu den rechten, über den zu frommen oder zu weltlichen Pfarrer. Darauf kann ich nichts geben.

Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Rede ich ehrlich, so, dass ich es vor mir und meinem Gott verantworten kann? (Theologischer Satz). Lege ich mir bei der Vorbereitung meiner Predigten und Ansprachen Rechenschaft ab über die Ziele meines Redens ab? (Homiletischer Satz). Und für letzteren gilt für mich, dass es bei großen Festtagen und Kasualien wie Konfirmation und Trauung nicht ohne Provokation geht. Wo Wer­bung, Medien und Politik ständig auf den Bauch zielen, mit visuellen Geschützen un­unterbrochen uns heutige Menschen im Visier haben, wo unterschwellig andauernd Botschaften transportiert werden – da wollen wir als „Kirche des Wortes“ unsere Lehre „rein“ halten und nur auf Vernunft und Kopf zielen? Nein, das reicht nicht mehr! Provokation ist angesagt. Menschen müssen zu Stellungnahmen herausgefor­dert werden. Die Werbung hat´s leichter – ich kaufe ihr Produkt und sie hat gewon­nen. Das gleiche gilt für die Politik. Wo es mir als Pfarrer nicht gelingt, die Menschen zu Stellungnahmen herauszufordern, ist die Sache des Evangeliums verloren. Also lasst uns provozieren, Ärger, Zorn, Zustimmung und Begeisterung heraus-fordern, heraus-rufen. Oder wollen wir weiter im Sumpf der allgemeinen Religiosität versickern?

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