Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Rezension von: Generation Y – wie wir glauben, lieben und hoffen (Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein)

Das Buch ist eigentlich unmöglich. Es versucht die Frage zu beantworten: Was glaubt die Generation Y, eine Generation, die so vielfältig ist, dass sie nicht zu beschreiben ist?

Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein haben sich dennoch auf den Weg gemacht. Sie haben Fragebögen verschickt und ausgewertet, Interviews gemacht und christliche Aufbrüche besucht, haben mit der Eltern- und Großelterngeneration diskutiert (konkret: mit Christina Brudereck und Fulbert Steffensky), sind auf Spurensuche in der Musik gegangen und haben eine Fotografin mit der Kamera losgeschickt. Und am Ende formulieren sie auf zwanzig Seiten das, was eigentlich unmöglich scheint: Eine Sicht auf den Glauben der Generation Y. Herausgekommen ist dieses Buch. Und Stephanie hat ein paar Exemplare verschenkt an Menschenkinder, die es nicht nur lesen, sondern auch darüber schreiben wollten. So kam es auch zu mir. Danke Stephanie!

Ich habe es an zwei Wochenenden, also nicht einem Zug, sondern in zwei Zügen, gelesen. Ich fand es spannend, anregend, überraschend. Und es lässt mich nachdenklich, hoffnungsfroh und zugleich ratlos zurück. Aber das sagt nichts über die Qualität der Arbeit der beiden Autorinnen aus, sondern liegt im Thema begriffen.

Die Ratlosigkeit liegt für mich daran, dass ich mich gefragt habe: Worin unterscheidet sich denn jetzt der Glaube der jungen Frauen und Männer von dem, was ich einst glaubte und heute glaube? Ich bin Mitte 50, also Elterngeneration der Generation Y (ganz buchstäblich: wir haben drei Kinder zwischen 27 und 30). Ziemlich weit hinten, auf Seite 202, beschreiben die beiden Autorinnen den Glauben in aller Kürze – und ich finde mich dort Wort für Wort wieder (bis vielleicht die letzte Passage, die auf Ostdeutschland bezieht, die Mauer fiel, als ich 28 war).

Ich teile auch die Unruhe über die innerkirchlichen, innergemeindlichen „Zustände“, die ich 25 Jahre als Gemeindepfarrer selbst in allen Schattierungen erlebt habe. Ich teile den Schmerz von Stephanie und Hannes:

„Wir sind auf der Reise zu unserem Buch nämlich auch jungen Menschen begegnet, die sich nicht mehr als Christen sehen, weil sie sich mit christlichen Gemeinden nicht identifizieren können und nicht etwa, weil sie nicht mehr glauben würden. Das zerreißt uns das Herz“ (209).

Auf der anderen Seite blitzt hier und da aber auch Ehrfurcht und Hochachtung vor der, ich sag mal augenzwinkernd „großen, alten Dame“ Kirche, die in ihrer langweiligen Beständigkeit der Garant dafür ist, dass sich pausenlos und immer und immer wieder neue Aufbrüche ergeben, aus der Unruhe über Traditionen und Strukturen heraus (2017 denken wir grade über so einen Unruhestifter intensiv nach).

Beides gehört für mich zusammen: Die große, alte Dame „besitzt“ die Kirchräume, die zum Staunen und innehalten einladen, sie verbindet über Texte und Lieder Menschen über Generationen hinweg. Dazu Taize und Kirchentag, die mittlerweile eigentlich auch schon zur Tradition gehören. Und dann eben Versuche wie Exodus, polylux oder Stadtveränderer. Ich fand es interessant, dass Christina Brudereck erzählt, dass sie das Wort Verwobenheit von der Generation Y gelernt hat. Ich kenne es auch, aber von Hannah Arendt her. Vielleicht sind wir uns viel näher als vermutet? Ich folge dieser Spur noch etwas weiter in Gedanken und versuche für mich eine Antwort zu finden: Was ist denn nun wirklich neu?

Neu scheint mir, dass wir in dieser Zeit vermehrt gefragt werden: Was glaubst du? Im Buch kommt es nur am Rand hier und da vor, aber wir leben zunehmend nicht nur in einer religiös pluralen Gesellschaft, sondern auch in einer Zeit, in der Menschen beginnen, genau diese Frage stellen: Was glaubst du eigentlich? Und wir – Christinnen und Christen – sind es nicht gewohnt, darauf eine Antwort zu geben. In einem Vortrag hat der ehemalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber genau dies beschrieben: Da kommen Menschen muslimischen Glaubens und fragen: Was glaubst du? Manchmal ganz offen, manchmal aber auch nur durch die Tatsache, dass viele – keineswegs alle – Muslime stärker auch in ihrem Alltag den Glauben praktizieren und zur Sprache bringen. Und das trifft auf Menschen in der Volkskirche, in der wir es nicht gewöhnt sind, über unseren Glauben zu sprechen, häufig nicht mal mit der eigenen Familie, schon gar nicht mit der Pastorin, dem Pastor. Und das löst auch Angst aus, aber das ist ein anderes Thema.) Daher bin ich ganz nahe bei Stephanie und Hannes, wenn sie schreiben:

„Wir haben den Verdacht, dass das noch viel zu wenig passiert: dass Christen laut und deutlich von ihrem Glauben reden, welche Rolle er in ihrem Leben spielt und was er ihnen bedeutet (oder auch nicht). Und dabei reden wir nicht mehr nur von unserer Generation. Es braucht die Ermutigung, die eigene Meinung zu sagen und ein eigenes Glaubensbekenntnis zu formulieren“ (205).

Genau! Und an vielen Orten fängt das an, wenn zB in diesem Jahr 2017 an vielen Orten Wände aufgestellt werden und die Menschen eingeladen werden, ihre Thesen öffentlich (!) zu formulieren. Auf der anderen Seite erleben wir das im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) immer wieder, dass wir von Menschen in Betrieben auf unseren Glauben hin angesprochen werden. Und keineswegs nur wir Spezialisten! Vor einiger Zeit berichtete mir eine Theologiestudentin von einem Praktikum in einem Industriebetrieb. Sie wurde pausenlos auf Kirche und Glaube angesprochen, „nur“ weil sie Theologie studierte. Ich glaube, es existiert so viel Sehnsucht in unserem Land, über Glaube, Religion und ja, auch über Kirche zu sprechen, aber wir trauen uns zu selten, oder wir trauen uns auch nicht, zu fragen: Was glaubst du? Das könnte doch eine Chance sein.

Wenn uns das verbindet, und wir die Fäden miteinander verweben, so dass Verwobenheit nicht nur entsteht sondern sichtbar gemacht wird, artikuliert wird in Worten, in Musik, in Bildern und Zeichenhandlungen, toll. Und dann, das ist meine Hoffnung, wird es so sein, dass wir unseren eigenen Glauben viel schöner in Händen halten, achten und feiern können. Und mit einer klareren Identität freuen wir uns über all die wunderbaren neuen Versuche und beginnen vielleicht am Ende auch die große alte Dame Volks- oder Landeskirche neu schätzen zu lernen, weil wir wissen, was wir an ihr haben.

Und ja, vielleicht werden auch die Fragen an der etablierten Kirchen präziser und drängender, zB: Was genau ist eigentlich eine Gemeinde? Im volkskirchlichen Setting scheint das ganz klar: das ist die örtliche Parochie, die gilt es unter allen Umständen zu erhalten. Doch – stimmt das denn? Es existieren doch jetzt schon viele Gemeinden an einem Ort nebeneinander, nicht nur evangelische und katholische „Gemeinden“. Könnte da nicht eine kreative Unruhe in unsere verunsicherte und um ihre Zukunft ringende Volkskirche kommen? Die hannoversche Landeskirche arbeitet gerade an einer neuen Verfassung, und die Öffnung des Gemeindebegriffes ist eine der zentralen Vorschläge, ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Liebe Stephanie (und lieber Hannes), vielen Dank für das Geschenk, dass ich mit Eurem Buch erhalten habe. Es hat mich angeregt, einer Spur zu folgen, einer Spur, die Ihr so beschreibt:

„Vielleicht fangen wir damit an, dass wir uns gegenseitig fragen: Worauf setzt du deine Hoffnung? Was ist deine Sehnsucht? Was beflügelt dich? Wie verantwortest du dein Leben? Was glaubst, worauf hoffst und wen liebst du?“ (220)

Zwischen den Stühlen. Vom Wandern und Wundern

Zwischen den Stühlen.  Vom Wandern und Wundern

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich eine kleine Besprechung zu dem Buch „Vom Wandern und Wundern“ schreiben. Aber letzte Woche kam mit Christian Hennecke zuvor. Und ich dachte, ja, das sieht du praktisch alles genauso, kannst dir also deine Rezension sparen. Aber da waren noch so viele andere Gedanken mittlerweile im Kopf. Die habe ich jetzt aufgeschrieben.

„Sie werden viel unterwegs sein.“
Sagte mein Direktor Ralf Tyra bei meiner Einführung als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Ende 2014, in Osnabrück.
Und ich strahlte.
Durfte ich doch fortan den ganzen Tag machen, was ich immer schon gerne gemacht habe:
Wandern.

Zwischen den Stühlen, das war irgendwie schon immer mein Platz.
In der Gemeinde waren die spannendsten Tage solche:
morgens in Duisburg mit den KDA-Kollegen reflektieren,
mittags auf den Friedhof in der Mittagshitze eine Familie begleiten,
nachmittags im Konfirmandenunterricht mich den Fragen der 14jährigen stellen,
abends auf dem Rad all das hin und her bewegen.

Oder so:
Als einer von zwei Männern unter siebzig Frauen auf der Denkumenta 2013, Differenz und Verbundenheit hochzwei.
In Hildesheim im Cafe mit Birgit sitzen, quatschen, Kakao und am Ende eine Projektidee.
Morgen für Morgen nach der Zeitung mit Christine über Gott und die Welt reflektieren und staunen, was da immer wieder bei herauskommt.
Mich im Zug zum Kirchentag spontan mit Klaus Motoki Tonn (dem neuen Kommunikationschef unserer Landeskirche) verabreden und mit ihm zwei Stunden hinter den Hackschen Höfen unterwegs sein, zu Fuß und gedanklich.
Und so weiter und so fort.
Offenheit für das Neue, das Fremde, das Staunen.

Wundern ist für mich ein neues Wort.
Ich habe dafür meist Staunen gesagt.
Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle gesagt.
Staunen trifft mich, betrifft mich.
Nimmt mich an der Hand und führt mich weg.

Wandern, hin und her.
Ich liebe es, im Zug zu schreiben.
Die Landschaft fliegt vorbei.
Meine Gedanken kommen auf Trab.
Und dann beginnt das Ringen um Sprache.
Um Worte und Wörter und deren Beziehung.
Poesie befreit.
Poesie verbindet.

Wie beschreibe ich dieses Gefühl, um eine eigene Sprache zu ringen?
Oder von Worten anderer getroffen berührt zu werden?
Eine Landschaft in flimmernder Sommerhitze.
Die Luft vibriert.
Gleißendhelles Licht.
Schweiß auf der Haut.
Lebendigkeit, kaum auszuhalten.

Dieses Gefühl stellte sich beim Lesen der persönlichen Skizzen im Buch: „Vom Wandern und Wundern“ ein.
Menschen sind unterwegs.
Auf der Suche, neugierig und offen.
Verletzlich und verletzt.
Fremd und nah.
Frei und verbunden.

„Am gläubigsten sind Menschen in Verbundenheit und Freiheit.“

Schreibt Hannah Buiting (45).
Tiefe Weisheit in acht Worten.

Ich lese weiter.

„Die Kirche hat eine eigene Dynamik, welche Personen in wenigen Jahren zu domestizieren vermag. Du hast dich dagegen gewehrt und stehst wahrscheinlich auch heute in dieser Spannung zwischen Orientierungslosigkeit, Fremdheit und kirchlicher Verbundenheit. Ringst damit, kirchlich dazuzugehören und doch nicht hineinzupassen. Genau das ist aber dein Potential.“ (185f.)

So Sabrina Müller.
Ich habe mich nie so fremd gefühlt, aber eine skeptische Distanz zur „Kirche“ war (und ist) immer auch da.
Bei aller Vertrautheit und Verbundenheit.
Daher kann ich nicht anders als zu wandern und mich zu wundern.
Mal freudig erregt, mal sprachlos entsetzt, mal zwischendrin.

Markus Kalmbach erzählt von einer Sehnsucht, die zu entwickeln ist:
Von der Sehnsucht nach den 99 Schafen.

„Kirche geht hin zu den Menschen, dort wo sie leben. In unseren gewohnten kirchlichen Strukturen ist das leider schwer umsetzbar. Darum wäre es sinnvoll, Menschen für eine solche Aufgabe als ‚Pioniere‘ freizustellen.“ (108)

Hingehen, dazwischensein, Inter-esse zeigen.
Ein Weg ist der Um-Weg über die Arbeit.
Die (Erwerbs-) Arbeit, die Menschen leisten.
Die sie freut und belastet, glücklich macht und quält.
Wir im KDA, im Kirchlichen Dienst IN der Arbeitswelt, sind „Pionier/-innen“, die da hingehen.

Denn meine, unsere Erfahrung ist immer wieder aufs Neue:
Wir kommen in viele Betriebe.
Manchmal werden wir eingeladen, meist aber klopfen wir an und sagen:
Wir möchten euch besuchen.
Fast immer öffnet sich die Tür für uns.
Und dann geht es ganz oft so:
Die Tür geht hinter uns zu, Kaffee steht auf dem Tisch oder Tee und Wasser.
Und unsere Gastgeber/-innen fangen an zu erzählen.
Erst mal nicht über ihr Unternehmen.
Sondern ob sie in der Kirche sind oder nicht.
Welche Erfahrungen sie mit Gemeinde und Pastoren gemacht haben.
Was sie aus ihrem Glauben heraus ethisch umtreibt, wenn sie an den Arbeitsalltag denken.
Oft kommen auch Kränkungen auf den Tisch, wie diese:
„Kirche interessiert sich nur für die Arbeitswelt, wenn sie Spenden haben möchte.“
Erst später sehen wir dann die Powerpoint, die uns den Betrieb näher bringt und gehen durch die Hallen.

Sebastian Baer-Henney schreibt über die Milieus, die Kirche nahe stehen und andere, die abseits stehen.
Ich bin da ganz bei ihm und seinen Überlegungen.
Es gilt die Grenzen durchlässig zu machen.
Da müssen wir mittendurch und zwischendrin sein.
Aber der Weg ist weit…
Und wohin führt er?
Letzte Woche traf ich mich mit Kollegin und Kollege mit Ulrich Kasparick.
Pfarrer in Hetzdorf.
Googelt ihn mal oder sucht ihn auf Facebook.
Er erzählt viel vom Wandern und Wundern.
Zum Beispiel:
Da sind zwei Nonnen aus der Schweiz hierher gezogen.
Er hat sie gefragt:
Warum kommt ihr ausgerechnet hierher ins entchristlichste Gebiet Europas?
Antwort:
Wir wollen gucken, wo der Herrgott hier schon unterwegs ist.
Wandern – und sich wundern über die Wunder.

Teamwork, anders geht Kirche nicht.
Schreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk.
Das glaube ich auch.
Dass wir als Pfarrer/-innen oft so einsam unterwegs sind, ist furchtbar.
Heute bin ich Teil eines Teams im Haus kirchlicher Dienste in Hannover.
Und genieße die Gemeinschaft, die Unterstützung, die kreativen Anregungen, kollegiale Beratung. Inspiration durch Verschiedenheit.
Dankbar bin ich auch für die Philosophie des Hauses:
Scheitert erfolgreich!
Probiert aus, testet, seid mutig, macht euch auf, geht mittenrein und dazwischen.
Ermutigt, provoziert, verbindet.
Anders gesagt:
Wandert los und wundert euch!

Hier und da habe ich mich auch gewundert beim Lesen.
Die Erfahrung vom digitalen Wandern und Wundern kommt nur am Rand vor.
Hannah Buiting schreibt Zum Beispiel von ihrer „Netzgemeinde“.
Für mich ist das Netz in den letzten Jahren der Ort, in dem ich ständig unterwegs bin und wundersame Erfahrungen gemacht habe:
Kollegiale Beratung.
Theologische Reflexion.
Ringen um Verkündigung.
Ideen entwickeln, Projekte schmieden.
Das Glücksgefühl, auf Gleichgesinnte zu treffen.
Ich habe in der digitalen Welt Menschen gefunden, die ich nie gesehen und die mir doch wunderbar vertraut sind.
Denn wenn wir uns dann doch eines Tages analog begegnen, liegen wir uns sofort in den Armen.
Das Leben ist bunt und wir sind gemeinsam unterwegs.
Analog, aber auch digital.
Ohne diese Erfahrung, da bin ich hundertprozentig sicher wäre ich heute nicht in Hannover.
An einem Ort, der mir erlaubt, wunderbar wundernd zu wandern.

Paris, Juni 2017 im Foyer le Pont. Ein Plädoyer für Studienfahrten

Paris, Juni 2017 im Foyer le Pont. Ein Plädoyer für Studienfahrten

Es dauert so zwanzig Minuten, dann ist es wie immer: Ich sehe buchstäblich, wie sich die Rädchen in den Köpfen meiner Mitreisendenzu drehen beginnen. Wir sind in Massy, einem Vorort von Paris, und besuchen die Cimade, ein christliches Flüchtlingswerk. Wir, das ist eine Gruppe von Pfarrer/-innen und Diakon/-innen aus dem Kirchenkreis Osnabrück, für die ich eine Studienfahrt nach Paris ins Foyer le Pont organisiert habe.

Gruppenbild der Studienfahrer/-innen mit den Mitarbeitenden der Cimade

Seit knapp zwanzig Jahren existiert das Foyer und seither war ich bestimmt zwanzig Mal dort mit Gruppen zu Gast. Denn das Konzept ist präzise und ausgereift, so dass ich sage: Ich gebe euch eine Erfolgsgarantie, die Fahrt wird euch beeindrucken, wahrscheinlich sogar begeistern – weil genau das immer wieder geschieht, was heute Morgen in Massy passiert: In meinem Kopf beginnt sich etwas zu drehen, Vertrautes sehe plötzlich mit anderen Augen.

Sonja Laboureau , die Leiterin des Standorts der Cimade, macht nichts anderes, als von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen zu erzählen. Die Cimade unterhält hier ein relativ großes Wohnheim für anerkannte Asylant/-innen, ist darüber hinaus in der Rechtsberatung aktiv und besucht Flüchtlinge in Abschiebegefängnissen. Sonja erzählt von den Veränderungen in der Flüchtlingsarbeit über die Jahre, von vermuteten oder nachweisbaren Strategien des Staates, es Flüchtlingen schwer zu machen. Sie erzählt von Traumata, die gerade dann aufbrechen, wenn Frauen, Männer und Kinder mit dem Status anerkannt zu sein, erstmals nach einer langen Zeit zur Ruhe kommen in Massy. Sie erzählt von Solidarität und starker ehrenamtlicher Unterstützung. Und ich merke – und das geht eben nicht nur mir so -, ich beginne zu vergleichen: Wie ist das bei uns in Deutschland, in Osnabrück, in Hannover? Wo und wie ist Kirche hier in der Flüchtlingsarbeit aktiv, wie ist die Stimmungslage in der Bevölkerung, wo liegen die Unterschiede zwischen Front National und AfD, wie reagiert der Staat bei uns auf Menschen, die Zuflucht suchen? Ich entdecke Gemeinsamkeiten und stelle zugleich Unterschiede fest, und das hilft mir, mein eigenes Eingewobensein in Deutschland, Niedersachsen, Osnabrück gleichzeitig zu reflektieren als auch präziser wahrzunehmen. Und ich weiß jetzt schon, zurück in Deutschland, werden mir zu gegebener Zeit die Bilder aus Massy vor Augen stehen und die Erfahrungen werden einfließen in Worte und Handlungen.

Genau solche internationale Begegnungen zu ermöglichen ist ein Pfeiler des Konzept des Foyers. Träger ist die Vereinigte Protestantische Kirche Frankreichs, die Evangelische Kirche im Rheinland ist ein enger Partner, der das Foyer auch finanziell stark unterstützt. Dies geschieht aber nicht so, dass das Geld direkt überwiesen wird, sondern es wird als Zuschuss an Gruppen gegeben, die aus dem Gebiet der rheinischen Kirche dorthin fahren. Eine Fahrt wird so nicht teurer als eine Klausurtagung in der Eifel, mal so über den Daumen gepeilt.

Mein Kollege Jürgen Widera vom KDA Duisburg/Niederrhein hat daraus ein Erfolgsrezept gestrickt und organisiert mindestens eine Fahrt pro Jahr, manchmal auch zwei. Etliche Male war/bin ich als Teilnehmer dabei (gewesen), eine Reihe von Fahrten für Ehrenamtliche aus Gemeinden haben wir zusammen organisiert, diese Reise im Juni 2017 ist die erste, die ich nach meinem Wechsel in die hannoversche Landeskirche allein organisiert habe und als Reiseleiter begleite.

Wobei, allein organisiert, das klingt so groß und ist dabei so einfach. Denn es gehört zum Prinzip des Foyers, Gruppen intensiv zu unterstützen bei der Programmplanung. Ich möchte eine französisch-protestantische Gemeinde in Paris besuchen? Kein Problem. Wir möchten die Christuskirche besuchen, die deutsche Auslandsgemeinde in Paris? Machen wir. Wir möchten uns mit den Unterschieden in der Kindergartenpädagogik zwischen Deutschland und Frankreich befassen? Es wird ein Besuch in einer Kita organisiert (was ein Hammer ist, weil da normalerweise auch Eltern nur einmal im Jahr rein dürfen). Und so weiter und sofort. Ob es inhaltliche Aspekte sind, ob wir für Themen Gesprächspartner/-innen haben möchten oder ob es um so profane Dinge wie die Reservierung von Restaurants geht, all das ist im Konzept des Foyers als Dienstleistung vorgesehen und wird gemacht. Und aus der Erfahrung von über zwanzig Fahrten kann ich sagen, fast immer waren wir mindestens zufrieden, nur sehr selten stellte sich ein Referent/-in am Ende als langweilig heraus. Ein Highlight für Gruppen ist auch der Rundgang durch das protestantische Paris, in dem die Geschichte der Protestant/-innen in Frankreich seit der Reformation lebendig wird – und zum Beispiel schlagartig deutlich wird, warum sich die protestantische Kirche in Frankreich, vor allem der reformierte Flügel, überall intensiv Flüchtlingen und Migrant/-innen zuwendet: Die Erfahrung von Verfolgung, Vertreibung oder Tod ist im kollektiven Gedächtnis tief verankert, bis heute.

Natürlich, auch Essen und Trinken kommen nicht zu kurz, und hier und da kann auch ein wenig Sightseeing mit einfließen, warum denn auch nicht. Wir sind immerhin in Paris, und hier kann das Sinnvolle und Hilfreiche sehr gut mit dem Schönen und Angenehmen kombiniert werden.
Denn es gibt natürlich immer wieder mal Stimmen, die fragen: Wie, ihr fahrt nach Paris? Und dann noch mit Zuschüssen aus dem Kirchenkreis, also mit Kirchensteuermitteln?! Wie könnt ihr das vertreten? Reicht nicht auch die Eifel? Oder jetzt aus Sicht der hannoverschen Landeskirche (die ja nicht solche Zuschüsse wie die rheinische gibt): Wäre es nicht angemessener, in den Harz oder meinetwegen nach Thüringen oder Wittenberg zu fahren? Muss es denn Paris sein, wie sieht das denn nach außen aus?

Ich antworte auf solche Fragen, indem ich die Geschichten von Begegnungen in Massy erzähle. Oder von Frau von Kirchbach und ihrer kleinen Gemeinde. Oder ich halte entgegen: Ist es nicht sinnvoll, vielleicht sogar notwendig, wenn wir in dem großen (und grad recht gefährdetem) Projekt Europa uns untereinander besuchen? Ich habe gerade in Paris gelernt, wie riesengroß die Unterschiede zwischen den Ländern sind und dass es eigentlich völlig falsch ist, den Blick allein darauf zu richten, wie kompliziert das alles in Brüssel und Straßburg ist. Ja, das ist es. Und es ist für mich kein Wunder, wenn ich nur mal Frankreich und Deutschland vergleiche (und mittlerweile kenne ich auch Griechenland aus eigener Erfahrung ein wenig). Das Wunder ist, dass es überhaupt möglich ist, dass sich so unterschiedliche Staaten auf so etwas wie ganz aktuell die Abschaffung der Roaming-Gebühren zu verständigen. Natürlich, es gibt noch viel zu tun und sicher auch zu reformieren. Aber es ist zumindest meine Erfahrung, dass ich einen Hauch von Verständnis für Chancen, Risiken und Herausforderungen erst und gerade bei diesen Studienfahrten ins Ausland erhalten habe. Wenn sie dann noch so professionell, engagiert und freundlich begleitet werden von den Mitarbeiterinnen aus dem Foyer le Pont, dann ist der Lerneffekt groß und es macht darüber hinaus noch richtig Spaß. Wer einmal nachts bei einem Glas Wein mit anderen zusammen die Eindrücke das Tages auf der Dachterrasse reflektiert, weiß, wovon ich rede.

Das Foyer le Pont in der Rue de Gergovie

Kirchengebäude und Klimaschutz – eine theologische Provokation

Kirchengebäude und Klimaschutz – eine theologische Provokation

Vortrag beim Jahrestreffen Grüner Hahn in Hannover, 19. November 2016

I.
Liebe Anwesende,
was die Zukunft genau bringt, kann niemand sagen. Aber ganz orientierungslos sind wir nicht, wenn wir erfahren wollen, in welche Richtungen sich bestimmte Bereiche unseres Lebens entwickeln könnten. Vor einigen Jahren habe ich angefangen, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Ich war überrascht, dass es so etwas wie eine seriöse Zukunftsforschung gibt. Gerade was die Auswirkungen des Klimawandels in den nächsten Jahren betrifft, gibt es zum Beispiel für Deutschland nachvollziehbare und belastbare Prognosen. Prognosen sind dabei keine Vorhersagen, sie beschreiben nicht, was kommen wird, sondern was kommen könnte. Sie beschreiben, simulieren eine oder mehrere mögliche Zukünfte. Und es lohnt sich für uns als Kirche, uns damit zu beschäftigen. Dass der Klimawandel eine Realität ist, mag Donald Trump leugnen, aber er wird wie viele andere lernen müssen, dass er sich längst vollzieht.

Bei meinen Recherchen bin ich damals auf dieses Buch hier gestoßen (Gerstengabe/Welzer, 2 Grad mehr in Deutschland). Unter Zuhilfenahme ausgefeilter Technik und Modellrechnungen liefert es Prognosen, wie sich der Klimawandel in den nächsten Jahren bis 2040 auf unser Land auswirken könnte. Das sind noch 25 Jahre, das könnte ich noch erleben. Interessanterweise scheint Niedersachsen eher zu den Gebieten zu gehören, die zu den Gewinnern einer Klimaerwärmung gehören könnten, denn die wird es auch geben. Aufgrund der erwarteten Veränderungen im Blick auf Temperatur und Niederschläge könnte es sein, dass unser heute schon stark von Landwirtschaft geprägtes Bundesland genau in diesem Segment profitiert – allein, weil der Anbau von Lebensmitteln an anderen Orten durch Trockenheit viel schwieriger wird.

Eine andere Prognose, die ich ganz interessant finde, geht von der Überlegung aus: Der Mittelmeerraum wird den nächsten Jahrzehnten so warm und so trocken, dass er für den Tourismus nicht mehr so interessant sein wird wie bisher. Überspitzt gesagt: manch einer erwartet für Niedersachsen auch einen Aufschwung im Tourismus. Es wird bei uns wärmer, nicht so trocken wie am Mittelmeer oder auch in Brandenburg und die Entfernungen für Tourist/-innen aus Deutschland Österreich und der Schweiz, um nur einmal im deutschsprachigen Raum zu bleiben, sind kurz.

Klimawandel bedeutet aber auch das Risiko von zunehmenden extremen Wetterphänomenen. Auch in Deutschland. Seriöse Zukunftsforschung, die Szenarien entwirft, rechnet auch mit solchen letztlich nicht vorhersehbaren Phänomenen und spielt sie mit durch.

Auf dieser Grundlage dieser (und noch weiterer) Überlegungen habe ich vor zwei Jahren dieses kleine Büchlein geschrieben (Zeitsprung – Gemeinde 2030), in dem ich mir vorstelle: Was wäre wenn? Wie könnte das Leben einer Kirchengemeinde in 15 Jahren aussehen, wenn die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels sich bei uns vollziehen? Dabei bin ich neben der Auswertung der Berechnungsmodelle im Blick auf Temperatur, Niederschläge usw. davon ausgegangen, dass Deutschland eines Tages von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht wird, die alles übersteigt, was wir zuvor in unserem Land gesehen haben. Elbe, Oder und Donau geraten kurz vor einer Bundestagswahl über die Ufer und verwüsten die Landschaften. In der Folge kommt es zu einem Erdrutschsieg der Grünen und die neue grüne Bundeskanzlerin setzt mit Zustimmung der Bevölkerung ein radikales Veränderungsprogramm in Kraft. Zum Beispiel geben sie den Denkmalschutz auf und verpflichten alle Besitzer größerer Gebäude innerhalb weniger Jahren, diese CO2-neutral zu betreiben oder Ausgleichszahlungen zu leisten – oder sie nicht mehr zu heizen. Wirklichkeitsfremd? Nun, nach Brexit und Trump halte ich mittlerweile viel für vorstellbar, wo ich zwei, drei Jahren noch den Kopf geschüttelt hätte.

Und jetzt überlegen Sie mal: Stellen Sie sich Ihre Kirchengemeinde vor, Ihr Kirchgebäude. Oder Ihre Kirchengebäude. Ihr Pfarrhaus, ihr Gemeindezentrum, Ihr Jugendheim, was auch immer Sie haben. Und dann überlegen Sie mal, dieses Szenario wird in zehn Jahren Wirklichkeit. Was würde es für ihre Kirchengemeinde bedeuten, wenn Niedersachsen in viel stärkerem Maße als vorher ein Tourismusland wird? Wenn Landwirtschaft plötzlich wieder boomt? Wenn Elbe, vielleicht auch Weser oder Leine eines Tages dramatisch über die Ufer treten? Wenn es so etwas wie Denkmalschutz nicht mehr gibt? Wenn wir feststellen müssten, mit unseren Einnahmen können wir unsere Gebäude einfach nicht CO2-neutral betreiben? Wenn Zuwanderung noch ganz andere Ausmaße annimmt?

Klar, alles Spekulation, keiner weiß was kommt. Aber ich finde, es lohnt sich auch radikale Veränderungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mal am Beispiel der eigenen Gemeinde durch zu spielen. Was wäre, wenn? Nicht, um Angst zu machen. Ganz im Gegenteil. Schreckensszenarien, die sagen, so wird es unausweichlich kommen, die lähmen und sind verlogen. Weil das niemand sagen kann. Zukunftsszenarien fragen: Was könnte kommen? Welche Alternativen gibt es und wie wirken sie sich jeweils aus? Welche Handlungsoptionen eröffnen sich mir, uns? Solche Szenarien nehmen Angst, weil sie nicht auf eine Zukunft fixiert sind, sondern im Kopf viele Zukünfte durchspielen. Solche Szenarien helfen, mental vorbereitet zu sein, auch auf eventuell drastische und sich sehr schnell verändernde Verhältnisse. Und vor allem, um den größeren Horizont, in dem wir uns bewegen, im Blick zu halten. Bei allem, was wir heute und hier tun, andenken, entscheiden. Müssen.

II.
Denn unser Leben wird sich verändern. Verändern müssen. Und es ist gut, die möglichen, auch dramatischen Auswirkungen im Blick zu halten. Entweder es gelingt uns noch auf diesem Planeten das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Dazu sind dann aber erhebliche Veränderungen in unserem Arbeiten, Wirtschaften, Konsumieren, Bauen, Reisen usw. erforderlich. Oder es kommt früher oder später zum Kollaps. Das ist offensichtlich die Realität, auf die wir uns einzustellen haben. Höchst präzise und staubtrocken pragmatisch formuliert finde ich die Gesamtschau von Hans-Joachim Schellnhuber in seinem Buch „Selbstverbrennung“. Aber an vielen anderen Stellen sagen viele, viele andere Wissenschaftler/-innen genau das gleiche. Entweder wir ändern gerade in unseren westlichen Industrienationen unseren Lebens-, Wirtschafts- und Arbeitsstil oder wir gehen unter. Mauern und Zäune werden uns da nicht lange helfen. Die Flüchtlingsströme, die derzeit auf unserem Erdball bereits unterwegs sind, sind dann nur der Anfang.

Übereinstimmend sagen Expert/-innen verschiedenster Professionen: Unser heutiges Wirtschaftsmodell, das auf Wirtschaftswachstum setzt und auf Ausbeutung der angeblich kostenlosen Ressourcen, dieses Modell ist am Ende. Entweder es gelingt uns, ein Leben, Arbeiten und Wirtschaften zu entwickeln, das im Einklang mit dem steht, was dieser Planet uns an Fülle zur Verfügung stellt – oder wir führen das aggressive Vorgehen gegen die Natur weiter und dann wird die Menschheit früher oder später untergehen. Was bedeutet das für uns, für unser Leben und arbeiten, auch für unser verantwortliches Handeln in kirchlichen Zusammenhängen?

III.
Als Christinnen und Christen stehen wir in einer langen Tradition der Auslegung bestimmter Bibelstellen. „Macht euch die Erde untertan“ – das ist lange so verstanden worden, als sei der Mensch die Krone der Schöpfung und daher dürfe er sich an der Natur bereichern, wie er nur möchte. Lange Zeit waren die Folgen dieses jahrhundertealten Denkens nicht erkennbar. Oder genauer, erkennbar waren sie schon, aber die Zahl der Menschen war klein, so dass unser Planet die Wunden heilen konnte, die wir ihm schlugen. Das ist vorbei. Für unser gegenwärtiges Produzieren brauchen wir schon heute weit mehr als eine Erde, sagt uns der ökologische Fußabdruck. Niemand verwendet diese biblische Aussage von der Herrschaft des Menschen noch in diesem Sinne. Aber wir verhalten uns noch so. Leonardo Boff, katholischer Theologe aus Brasilien, schreibt:

„Die Entscheidungsträger fahren mit der alten kulturellen und gesellschaftlichen ‚Software‘ fort, die den Menschen in eine adamitische Position rückt: über der Natur stehend, als deren Beherrscher und Ausbeuter. Und dies ist der Hauptgrund der aktuellen ökologischen Krise. Sie verstehen den Menschen nicht als Teil der Natur. (…) Indem sie alles aus der Perspektive der Ökonomie betrachten, deren Prinzip der Wettbewerb und nicht die Kooperation ist, verbannen sie die Ethik und die Spiritualität aus der Reflexion über den Lebensstil, die Produktionsweise und den Konsum der Gesellschaft. Ohne Ethik und Spiritualität werden wir (aber) zu Barbaren.“ (Boff, Überlebenswichtig, 43f.)

In den letzten Jahrzehnten wurde viel davon geredet, dass wir als Mensch den Auftrag haben, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Dies war Teil der Trias: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Bewahrung der Schöpfung, diese Aussage ist inzwischen ins Allgemeingut übergegangen. Selbst Politiker/-innen verwenden diesen Ausdruck mittlerweile in ihren Reden. Schaue ich ins Alte Testament, dann finde ich etwas Überraschendes: Diesen Doppelauftrag bebauen und bewahren, den bekommt das Menschenpaar im Paradies. Nach Sündenfall und Vertreibung heißt es aber nur noch: Der Mensch möge die Schöpfung bebauen. Ein Hinweis darauf, dass wir uns nicht überschätzen sollen? Ist die Bewahrung der Schöpfung nicht auch eher die Aufgabe des Schöpfers?

Nun können wir uns um die Bedeutung von Wörtern streiten. Bewahren ist doch ein achtsames Korrektiv zu bebauen, oder? Mag sein, aber die eben angedeutete Tatsache, dass diese Begriffe im Allgemeingut unserer Sprache jegliche Schärfe verloren haben, lässt mich von ihnen abrücken. Sie sind uns zu vertraut, nicht mehr überraschend, nicht mehr pro-vozierend im besten Sinne des Wortes.

Ich frage mich also:

Welche anderen biblischen Texte können uns in unserer weltgeschichtlichen Lage ansprechen? Und uns in der Gegenwart theologische Orientierung geben? Angesichts der Katastrophe, auf die wir zusteuern? Von der zB Schellnhuber meint, dass wir nur noch eine zehnprozentige Chance haben, sie abzuwenden? Was brauchen wir denn? Hoffnung brauchen wir und Ermutigung. Bilder der Hoffnung, Utopien, die ermutigen. Und hier ist die Bibel in allem Leid, das an vielen Stellen drastisch und realistisch beschrieben wird, im besten Wortsinne optimistisch. Die Bibel zeichnet uns Utopien vor Augen, die uns zeigen, sagen sollen: Die Zukunft ist immer offen. Gott kommt auf euch zu. Es gibt die Möglichkeit aus und in der Fülle dessen zu leben, was dieser Planet zur Verfügung stellt – aber nur dann, wenn es im Einklang geschieht. Nur dann, wenn uns nicht Angst und Sorge zerfressen und uns von der Umkehr zu neuen Wegen abhalten. Sorget nicht! sagt Jesus in der Bergpredigt und weiter: Schaut die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Klar, reine Poesie. Als Handlungsanweisung nicht zu gebrauchen. Aber es sind doch Worte, die bewegen. Ähnlich poetisch beschreibt es Jesaja in einem Kapitel, das wir demnächst in Adventszeit wieder hören werden:

„Dann wird ein Zweig aus dem Baumstumpf Isais austreiben, und ein Spross wächst aus seiner Wurzel heraus. Auf dieser Person wird der Geisthauch Gottes ruhen, der Geisthauch der Weisheit und Einsicht, der Geisthauch des Rates und der Stärke, der Geisthauch der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor Gott. (…) Dann wird der Wolf beim Lamm als Flüchtling unterkommen, und der Leopard wird beim Böckchen lagern; Kalb, Junglöwe und Mastvieh leben zusammen, ein kleines Kind treibt sie. Kuh und Bärin werden weiden, gemeinsam werden ihre Jungen lagern, und der Löwe wird wie das Rind Stroh fressen. Der Säugling wird vergnügt an der Höhle der Kreuzotter spielen, und nach dem Loch der Giftschlange wird das Kleinkind mit seiner Hand patschen. Sie werden nichts Böses tun und kein Verderben mehr anrichten auf dem ganzen Berg meiner Heiligkeit, denn die Erde ist erfüllt mit Erkenntnis Gottes, wie die Wasser im Meer den Boden bedecken.“
(Jesaja 11)

Frieden spricht aus diesen Worten. Frieden zwischen Menschen. Frieden zwischen Mensch und Natur. Frieden geht nur im Einklang mit der Natur. Frieden mit der Natur geht nur, wenn wir uns als Teil der Natur und nicht als Gegenüber verstehen. Das ist eine der Gefahren, die ich in dem Auftrag: „Schöpfung bewahren“ sehe – denn dies klingt so, als ob wir der Schöpfung gegenüber stehen. Wir sind aber Teil. Anders gesagt: Die Natur kann sehr wohl ohne uns Menschen, aber wir Menschen nicht ohne die Natur. Eigentlich eine Binsenweisheit… Von der wir aber weit entfernt sind und daher utopische Bilder des Friedens bitter nötig haben, die uns hier erinnern, zurechtrücken, ermutigen. Von solcher Hoffnung getragen, von solchen utopischen Bildern angeregt, von solcher Sprache ermutigt, sind es doch gerade wir Christinnen und Christen, die in besonderer Weise mit daran arbeiten können, die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. Andere tun es genauso, und wir können uns mit ihnen verbinden und verbünden. Nur ein Beispiel. Harald Welzer schreibt über die Kraft der Utopien:

„Utopien sind ein großartiges Mittel, um Denken und Wünschen zu üben. (…) Und die Imagination einer wünschbaren Zukunft zieht natürlich auch gleich Überlegungen nach sich, wie das Zusammenleben der Menschen, die Organisation der Städte und des Verkehrs, das Bildungswesen und die Wirtschaft besser eingerichtet werden könnten.“ (Welzer, Selbst denken 136)

Oder, um noch einmal Leonardo Boff zu Wort kommen zu lassen:

„Wir müssen die Art und Weise, wie wir gut auf der Erde leben können, neu erfinden.“ (Boff, Überlebenswichtig 128)

IV.
Und da setze ich meine Hoffnung auf Sie. Ganz besonders auch auf Sie. Denn Sie haben sich in Ihren Kirchengemeinden bereits weit auf diesem Weg bewegt. Den grünen Hahn bekommt man nicht so schnell. Eigentlich müssten ihn doch alle Kirchengemeinden tragen, oder? Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unendlich schwer und mühsam der Weg ist, ich war auch mal Gemeindepfarrer. Und dennoch, ich kann es Ihnen und mir nicht ersparen: Die Herausforderungen auch in unserer Kirche und in unseren Kirchengemeinden in unseren Kirchenkreisen, in unseren Einrichtungen – sie sind riesengroß. Wenn wir allein das 2-Grad-Ziel erreichen wollen, sind auch bei und unter uns noch viel größere Anstrengungen vonnöten. Und wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir das auch. Es ist ja nicht so, dass sich diese Einsichten nach und nach nur unter Wissenschaftler/-innen ausbreiten. In vielen Betrieben, in Unternehmen, bei Gewerkschaften und Verbänden höre ich, spüre ich, sagen Frauen und Männer, dass es einfach so nicht weitergehen kann. Aber es gibt auch keine einfachen Rezepte. Sondern nur der kleinteilige mühselige Weg. So, wie Sie ihn heute in den verschiedenen Arbeitsgruppen auch wieder beschreiten. Das ist gut, richtig und wichtig. Aber wenn nicht wir Christinnen und Christen, die wir von einer anderen Hoffnung her leben, in der unsere Angst geborgen ist, wenn nicht wir Christinnen und Christen auch immer wieder auf diesen größeren Horizont hinweisen, wer dann?

Von daher bin ich dankbar, dass es in unserer Kirche Sie gibt, eine Gruppe von Menschen und Gemeinden gibt, die schon so weit auf den Weg vorangeschritten ist, dass an ihren Kirchgebäuden der grüne Hahn hängt. Lassen Sie nicht nach in ihren Bemühungen, werben Sie, wo Sie nur können dafür, dass sich auch andere auf diesen Weg, diese Wege machen. Und verlieren Sie nicht den Horizont aus den Augen. Spielen Sie auch mit den Szenarien und Prognosen. Nicht in dem Sinne, dass hier Sicherheit im Blick auf Planungsentscheidungen zu finden ist. Entscheidungen werden wir weiter mutig treffen müssen, ohne im Detail zu wissen, was kommt. Aber Szenarien und Prognosen helfen, von den Utopien her gedacht, im Kopf beweglich zu bleiben und zu werden. Wenn es mir vertraut ist, mögliche Zukünfte durchzuspielen, fällt es mir dann leichter, Anpassungen auf aktuelle Entwicklungen zu finden. Wenn Sie es noch nicht tun: Schauen Sie in Ihren Umfeldern, wo kommunale und andere Träger Konzepte dazu erarbeitet haben oder dran sind. Nehmen Sie diese Konzepte auf, beteiligen Sie sich an den Diskussionen in ihren Orten. Bieten Sie Mitdenken an. Denn, um Alberto Acosta zu Wort kommen zu lassen:

„Das ist keine leichte Aufgabe. Es wird lange dauern, bis die heute vorherrschenden Sichtweisen überwunden sind. Die Wegbereiter des Wandels müssen beharrlich sein, wenn sie ihn erreichen wollen.Und eine politische Schlüsselfrage lautet: Wer bringt den Mut auf? Die Antwort im weitesten Sinn: die organisierte Gesellschaft, die sich ihrer Probleme und Fähigkeiten bewusst ist und sich berufen fühlt, Utopien zu schaffen, die diese ersehnten Transformationen hervorbringen. An erster Stelle sind dies die Volksbewegungen, vor allem (…) die städtischen und ländlichen Gemeinden.“ (Acosta, Buen vivir 165)

Unsere Kirchengemeinden sind Teil dieser lokalen Gemeinschaften und wir schulden der Welt, der großen wie der lokalen und regionalen, die Botschaft, von der wir leben und die uns antreibt, für das gute Leben zu streiten.

Die Herausforderungen, vor der wir alle stehen, ja, die sind riesengroß. Aber die Zusagen Gottes, der stets auf uns zukommt, uns Zukunft öffnet, uns eine Welt voller Fülle anbietet, mit der wir und in der wir gut leben können, diese Zusagen lassen uns hoffen, vertrauen und glauben, dass die Wege begangen werden können, ohne dass unsere Welt in Chaos und Vernichtung versinkt. Diese Botschaft schulden wir der Welt in Worten und in Taten. Unsere Kirchengebäude können dabei ein sichtbares Zeichen dieser Hoffnung sein. In ganz unterschiedlicher Art und Weise, immer in Relation zu dem, was kommt. Um es mal sehr überspitzt und provozierend zu sagen: Vielleicht ist ein aufgegebenes und verfallendes Kirchgebäude in 30 Jahren ein leuchtendes Beispiel für den Mut einer Kirchengemeinde, sich der Realität des Klimawandels gestellt zu haben. Wer weiß… Keiner. Und noch einmal, gerade deshalb macht es aus meiner Sicht viel Sinn, mit Hilfe von Prognosen und Szenarien mögliche Zukünfte durchzuspielen. Und dabei auch die drastischen Entwicklungen unter der Frage zu bedenken, spielerisch-kreativ: Ja, was wäre denn, wenn…? Und daneben sich der kleinteiligen und mühseligen Suche nach Lösungen zu widmen, zum Beispiel dem Schimmel zu wehren, um nur ein Stichwort aus dem heutigen Programm zu nennen.

Also: Lassen Sie uns gemeinsam an der Zukunft weiterbauen. Eben weil wir wissen, unser Heil hängt nicht an unserer Leistung oder unserem Erfolg. Heil ist wie das Leben Geschenk, reines Geschenk. Und die Dankbarkeit für dieses Geschenk treibt uns an, nicht nachzulassen, so düster und frustrierend die Gegenwart ist und mühsam der kleinteilige Kampf um den nächsten Schritt. Diese Haltung finde ich auch in Worten Dietrich Bonhoeffers wieder, die mich immer wieder trösten und ermutigen:

„Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.“ (Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung 77)

Und nun, frisch ans Werk.