Zwei Tage Wittenberg im Juni 2017

Wir, also meine Frau Christine und ich, waren in Wittenberg. Zwei Tage lang. Im Juni 2017, während des Reformationssommers, der sich im Dauerregen allerdings wenig sommerlich präsentierte. Ein klitzekleines Fotoprotokoll.

Zunächst nahmen wir am KWA-Forum: „Wenn jedes Maß verloren geht“ teil. Axel Noack ließ vor allem Luther zu Wort kommen…

… Sahra Wagenknecht blieb in den berliner Regenfluten stecken, so dass sich diese fünf Herren leider schon zu einig waren.

Natürlich haben wir die berühmte Tür der Schlosskirche besucht, an der alles anfing (oder auch nicht).

Auch innen drin gibt es sehr schöne Blickwinkel.

Einen kleinen Abstecher machten wir zur Berufungsfabrik, die unter anderem diese interessante Frage stellt.

Und das Asisi-Panorama durfte auch nicht fehlen.

Aber „eigentlich“ waren wir hier, um einen Workshop zum Bedingungslosen Grundeinkommen anzubieten. Wir haben ihn unter die Überschrift gestellt: „Bedingungsloses Grundeinkommen – Wie wollen wir als (Arbeits-)Gesellschaft leben?“ und verschiedene Stationen angeboten.

Zum Beispiel zur Maschinensteuer …

… oder zum Zusammenhang von Grundeinkommen und Care.

Am Ende hat uns Friedrich Kramer, Direktor der Akademie in Wittenberg, nach einem kurzen, aber intensiven Austausch noch zusammen fotografiert. Danach ging es ab in den Urlaub!

 

 

Paris, Juni 2017 im Foyer le Pont. Ein Plädoyer für Studienfahrten

Paris, Juni 2017 im Foyer le Pont. Ein Plädoyer für Studienfahrten

Es dauert so zwanzig Minuten, dann ist es wie immer: Ich sehe buchstäblich, wie sich die Rädchen in den Köpfen meiner Mitreisendenzu drehen beginnen. Wir sind in Massy, einem Vorort von Paris, und besuchen die Cimade, ein christliches Flüchtlingswerk. Wir, das ist eine Gruppe von Pfarrer/-innen und Diakon/-innen aus dem Kirchenkreis Osnabrück, für die ich eine Studienfahrt nach Paris ins Foyer le Pont organisiert habe.

Gruppenbild der Studienfahrer/-innen mit den Mitarbeitenden der Cimade

Seit knapp zwanzig Jahren existiert das Foyer und seither war ich bestimmt zwanzig Mal dort mit Gruppen zu Gast. Denn das Konzept ist präzise und ausgereift, so dass ich sage: Ich gebe euch eine Erfolgsgarantie, die Fahrt wird euch beeindrucken, wahrscheinlich sogar begeistern – weil genau das immer wieder geschieht, was heute Morgen in Massy passiert: In meinem Kopf beginnt sich etwas zu drehen, Vertrautes sehe plötzlich mit anderen Augen.

Sonja Laboureau , die Leiterin des Standorts der Cimade, macht nichts anderes, als von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen zu erzählen. Die Cimade unterhält hier ein relativ großes Wohnheim für anerkannte Asylant/-innen, ist darüber hinaus in der Rechtsberatung aktiv und besucht Flüchtlinge in Abschiebegefängnissen. Sonja erzählt von den Veränderungen in der Flüchtlingsarbeit über die Jahre, von vermuteten oder nachweisbaren Strategien des Staates, es Flüchtlingen schwer zu machen. Sie erzählt von Traumata, die gerade dann aufbrechen, wenn Frauen, Männer und Kinder mit dem Status anerkannt zu sein, erstmals nach einer langen Zeit zur Ruhe kommen in Massy. Sie erzählt von Solidarität und starker ehrenamtlicher Unterstützung. Und ich merke – und das geht eben nicht nur mir so -, ich beginne zu vergleichen: Wie ist das bei uns in Deutschland, in Osnabrück, in Hannover? Wo und wie ist Kirche hier in der Flüchtlingsarbeit aktiv, wie ist die Stimmungslage in der Bevölkerung, wo liegen die Unterschiede zwischen Front National und AfD, wie reagiert der Staat bei uns auf Menschen, die Zuflucht suchen? Ich entdecke Gemeinsamkeiten und stelle zugleich Unterschiede fest, und das hilft mir, mein eigenes Eingewobensein in Deutschland, Niedersachsen, Osnabrück gleichzeitig zu reflektieren als auch präziser wahrzunehmen. Und ich weiß jetzt schon, zurück in Deutschland, werden mir zu gegebener Zeit die Bilder aus Massy vor Augen stehen und die Erfahrungen werden einfließen in Worte und Handlungen.

Genau solche internationale Begegnungen zu ermöglichen ist ein Pfeiler des Konzept des Foyers. Träger ist die Vereinigte Protestantische Kirche Frankreichs, die Evangelische Kirche im Rheinland ist ein enger Partner, der das Foyer auch finanziell stark unterstützt. Dies geschieht aber nicht so, dass das Geld direkt überwiesen wird, sondern es wird als Zuschuss an Gruppen gegeben, die aus dem Gebiet der rheinischen Kirche dorthin fahren. Eine Fahrt wird so nicht teurer als eine Klausurtagung in der Eifel, mal so über den Daumen gepeilt.

Mein Kollege Jürgen Widera vom KDA Duisburg/Niederrhein hat daraus ein Erfolgsrezept gestrickt und organisiert mindestens eine Fahrt pro Jahr, manchmal auch zwei. Etliche Male war/bin ich als Teilnehmer dabei (gewesen), eine Reihe von Fahrten für Ehrenamtliche aus Gemeinden haben wir zusammen organisiert, diese Reise im Juni 2017 ist die erste, die ich nach meinem Wechsel in die hannoversche Landeskirche allein organisiert habe und als Reiseleiter begleite.

Wobei, allein organisiert, das klingt so groß und ist dabei so einfach. Denn es gehört zum Prinzip des Foyers, Gruppen intensiv zu unterstützen bei der Programmplanung. Ich möchte eine französisch-protestantische Gemeinde in Paris besuchen? Kein Problem. Wir möchten die Christuskirche besuchen, die deutsche Auslandsgemeinde in Paris? Machen wir. Wir möchten uns mit den Unterschieden in der Kindergartenpädagogik zwischen Deutschland und Frankreich befassen? Es wird ein Besuch in einer Kita organisiert (was ein Hammer ist, weil da normalerweise auch Eltern nur einmal im Jahr rein dürfen). Und so weiter und sofort. Ob es inhaltliche Aspekte sind, ob wir für Themen Gesprächspartner/-innen haben möchten oder ob es um so profane Dinge wie die Reservierung von Restaurants geht, all das ist im Konzept des Foyers als Dienstleistung vorgesehen und wird gemacht. Und aus der Erfahrung von über zwanzig Fahrten kann ich sagen, fast immer waren wir mindestens zufrieden, nur sehr selten stellte sich ein Referent/-in am Ende als langweilig heraus. Ein Highlight für Gruppen ist auch der Rundgang durch das protestantische Paris, in dem die Geschichte der Protestant/-innen in Frankreich seit der Reformation lebendig wird – und zum Beispiel schlagartig deutlich wird, warum sich die protestantische Kirche in Frankreich, vor allem der reformierte Flügel, überall intensiv Flüchtlingen und Migrant/-innen zuwendet: Die Erfahrung von Verfolgung, Vertreibung oder Tod ist im kollektiven Gedächtnis tief verankert, bis heute.

Natürlich, auch Essen und Trinken kommen nicht zu kurz, und hier und da kann auch ein wenig Sightseeing mit einfließen, warum denn auch nicht. Wir sind immerhin in Paris, und hier kann das Sinnvolle und Hilfreiche sehr gut mit dem Schönen und Angenehmen kombiniert werden.
Denn es gibt natürlich immer wieder mal Stimmen, die fragen: Wie, ihr fahrt nach Paris? Und dann noch mit Zuschüssen aus dem Kirchenkreis, also mit Kirchensteuermitteln?! Wie könnt ihr das vertreten? Reicht nicht auch die Eifel? Oder jetzt aus Sicht der hannoverschen Landeskirche (die ja nicht solche Zuschüsse wie die rheinische gibt): Wäre es nicht angemessener, in den Harz oder meinetwegen nach Thüringen oder Wittenberg zu fahren? Muss es denn Paris sein, wie sieht das denn nach außen aus?

Ich antworte auf solche Fragen, indem ich die Geschichten von Begegnungen in Massy erzähle. Oder von Frau von Kirchbach und ihrer kleinen Gemeinde. Oder ich halte entgegen: Ist es nicht sinnvoll, vielleicht sogar notwendig, wenn wir in dem großen (und grad recht gefährdetem) Projekt Europa uns untereinander besuchen? Ich habe gerade in Paris gelernt, wie riesengroß die Unterschiede zwischen den Ländern sind und dass es eigentlich völlig falsch ist, den Blick allein darauf zu richten, wie kompliziert das alles in Brüssel und Straßburg ist. Ja, das ist es. Und es ist für mich kein Wunder, wenn ich nur mal Frankreich und Deutschland vergleiche (und mittlerweile kenne ich auch Griechenland aus eigener Erfahrung ein wenig). Das Wunder ist, dass es überhaupt möglich ist, dass sich so unterschiedliche Staaten auf so etwas wie ganz aktuell die Abschaffung der Roaming-Gebühren zu verständigen. Natürlich, es gibt noch viel zu tun und sicher auch zu reformieren. Aber es ist zumindest meine Erfahrung, dass ich einen Hauch von Verständnis für Chancen, Risiken und Herausforderungen erst und gerade bei diesen Studienfahrten ins Ausland erhalten habe. Wenn sie dann noch so professionell, engagiert und freundlich begleitet werden von den Mitarbeiterinnen aus dem Foyer le Pont, dann ist der Lerneffekt groß und es macht darüber hinaus noch richtig Spaß. Wer einmal nachts bei einem Glas Wein mit anderen zusammen die Eindrücke das Tages auf der Dachterrasse reflektiert, weiß, wovon ich rede.

Das Foyer le Pont in der Rue de Gergovie

Der Worte der AfD der kapern

Der Worte der AfD der kapern

Carsten Leinhäuser schrieb vor ein paar Tagen auf Facebook einen Beitrag, der auf hohe Resonanz und Zustimmung stieß:

Sollten wir nicht einfach beginnen, die Schlüsselbegriffe der AFD zu kapern: Patriotismus, Heimat, Christliches Abendland, Alternative?
Wir könnten zeigen, dass wahrer PATRIOTISMUS sich für ein Land stark macht, das bunt und offen ist. Dass wahrer Patriotismus für ein Land steht, welches der Welt zeigt, was Menschlichkeit und Einsatz für Benachteiligte bedeutet – und darauf mit Recht stolz sein kann.
WIR SIND PATRIOTEN.
Wir könnten zeigen, dass unsere HEIMAT so schön, reich und groß ist, dass wir sie gerne mit Menschen teilen, die ihre Heimat verloren haben und nun Zuflucht suchen. Dass Heimat nur dann wirklich schön und reich und groß ist, wenn sich Freunde und Fremde willkommen und sicher fühlen.
WIR LIEBEN UNSERE HEIMAT.
Wir könnten zeigen, dass das CHRISTLICHE ABENDLAND den Bezug zu seinen Wurzeln – zur Frohen Botschaft – nicht vergessen hat. Dass wir den Auftrag Jesu, unseren Nächsten zu lieben, ernst nehmen. Auch, wenn’s nicht immer leicht und bequem ist.
WIR BEWAHREN DAS CHRISTLICHE ABENDLAND.
Wir könnten zeigen, dass es ALTERNATIVEN gibt zu verschlossenen Türen und Herzen. Zu Fremdenhass, Angst vor der Zukunft und platten ideologischen Parolen.
WIR STEHEN FÜR ALTERNATIVEN ZU RECHTSPOPULISMUS.
Sollten wir nicht einfach beginnen, DAS Schimpfwort, mit dem die AFD uns belegt, mit Stolz zu tragen: Gutmenschen?
Wir könnten zeigen, dass GUTMENSCHEN tatsächlich das Gute in der Welt suchen. Und alles geben, um diese Welt wirklich besser zu machen. Dass es die Gutmenschen waren und sind, die Frieden, Fortschritt und Freiheit in die Welt gebracht haben.
WIR SIND GUTMENSCHEN (und lieber links-grün-Versifft als Kackbraun).
Sollten wir das? Könnten wir das? So viele Gedanken, die durch meinen Kopf schwirren…

Der Beitrag von Carsten hat spontan sehr viel Zustimmung auf Facebook gefunden und wurde etliche Male geteilt, auch von mir. Heiko Kuschel schrieb:

Ich danke dir für diese Gedanken, die mich seitdem nicht mehr loslassen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich damit weiterarbeiten kann. Aber das ist für mich ein sehr sehr wichtiger Post.

Das waren auch meine Gedanken. Es hakte sich etwas in mir fest und ich habe mich gefragt: Was ist das? Ich habe mal aufgeschrieben, was mir so unsortiert in einem Kopf herumschwirrt. Das ist unfertig und spontan.

Diese „Kaperfahrt“ ist eine Möglichkeit, dem Rechtspopulismus entgegenzutreten. Nur eine, wohlgemerkt. Denn die Ursachen müssen genauso erkannt und bekämpft werden. Hier geht es um die Frage, wie Sprache Welt schafft und durch verbale Irritation die mediale Inszenierung der Rechten (und das gilt umgekehrt auch für Linke) – nein, nicht zerstört, aber doch irritiert werden kann.

Carsten fragt: Sollten wir das? Könnten wir das?
Im Sollen steckt für mich die Frage nach der Sinnhaftigkeit, im Können die Frage nach der wirksamen Umsetzung.

Zum Sinn:

Worte allein reicht nicht, weil sich Worte immer verbinden mit einer Sicht auf die Welt, einem Weltbild. Es gilt also, sozusagen unser Weltbild mit den Worten der Gegner formulieren. Der Populismus will an die Macht, um ein bestimmtes Lebensgefühl ablösen zu können. Weil das westlich-liberal-christliche Bild (um es so vereinfacht zu sagen, aber anders geht es nicht, das ist ein Teil des Problems) für viele keine Hoffnung mehr beinhaltet, sondern nur noch Angst vor dem Untergang, Verlust der Sicherheit, und, vor allem, das Gefühl, ausgegrenzt zu sein und nicht dazuzugehören. Wo gehöre ich hin? Wem kann ich vertrauen? Mit wem mich verbunden fühlen? Wer gibt mir Zuversicht? Weil die Rechten noch nicht regieren mussten, können sie das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Wenn sie regieren, setzen sie ihren ausgrenzenden Ton in Fakten um, das kann in der Türkei und leider, so scheint es, auch in den USA beobachtet werden.

Doch ich finde, wir müssen ehrlich sein: Das ist ein Reflex auf die ausgrenzenden und übersehende Politik der letzten Jahrzehnte. Die Mittelschicht glitt und gleitet allmählich Richtung Hartz IV ab (ich vereinfache, aber nur so kommen wir weiter), während es der anderen Hälfte gut und einigen wenigen immer besser ging. Oder: Langzeitarbeitslose haben keine Lobby in Deutschland, seit ewigen Zeiten nicht, ihnen hängt das Schild „Selber schuld“ um und sie wissen zugleich ganz genau, dass das nicht stimmt. Gut, jetzt wählen Langzeitarbeitslose vermutlich nicht die AfD (weil sie vielfach überhaupt nicht wählen), aber genau dieses Gefühl, abzugleiten zerstört bei der Hälfte der Gesellschaft (nicht nur in unserer Gesellschaft) das Gefühl, wie gehören dazu, wir werden gesehen, um uns wird sich gekümmert.

Also, die Worte kapern macht Sinn, ja. Aber wir müssen die Uminterpretation mit anderen politischen Inhalten verbinden, sonst entlarven unsere Gegner uns – zu Recht! – als naiv. Dabei geht es, glaube ich, gar nicht darum, ein ausgefeiltes politisches Programm zu haben, sondern einen Entwurf für eine Weltsicht, ein Weltbild zu formulieren. Und vielleicht entdecken wir dann Gemeinsamkeiten in den Problembeschreibungen (wenn auch nicht in den Antworten)?

Ein Beispiel:
Amerika first, Deutschland zuerst – ich halte regionale Konzepte ebenfalls für höchst sinnvoll. Ich war gestern auf der Grünen Woche ein Berlin und bin durch die Hallen gestreift. Jedes Bundesland war vertreten, auch viele andere Länder. Ich dachte: Was für eine Strauß lokaler, regionaler, nationaler Schätze war zu sehen, zu schmecken, zu riechen (es war unglaublich, an jeder Ecke roch ich wieder neue Gewürzdüfte). Heimatverbundenheit? Ja! Patriotismus? Ja! Sonst geht das alles verloren in einem globalen Einheitsbrei. Aber: Das geht alles auch mit- und nebeneinander, statt nur abgrenzend und abwertend. Und, ja, natürlich konkurrieren die Anbieter/-innen auch um die Euros in unseren Taschen, aber das ist Teil des Marktgeschehens. Aber sie konkurrieren auch gegen immer weniger und immer größere globale Handelsketten, die uns ihren Angebot zu Dumpingpreisen unterjubeln – und im Namen der freien Marktwirtschaft Märkte zerstören. Dagegen grenze ich mich gerne ab. Wo stehen eigentlich die Gegner/-innen, wo ich, wir? (Ich vermute, dass Sarah Wagenknecht auch auf dieser Spur denkt und redet, aber irgendwie sehr missverständlich.) Soweit, so gut. Dann war ich abends mit meinen Kindern in einem türkischen Restaurant. Überaus wohlschmeckende Speisen, teils türkisch, teils international. Aber keinen Alkohol im Ausschank. Ich dachte, geht doch, selbstbewusst die eigene Identität leben, ohne auszugrenzen.

Klar, es besteht hier immer die Gefahr der Vereinfachung. Aber das ist unumgänglich. Die extreme Komplexität dieser Welt macht doch auch uns zu schaffen. Macht es Sinn, dies immer wieder jammernd und bedeutungsschwer vor uns her zu tragen? Was gibt mir eigentlich Hoffnung und Zuversicht in dieser Hyerkomplexität? Sicher nicht der endlose, höchst differenzierte Vortrag (der ermüdet, verängstigt und lähmt doch auch mich), sondern eingängige Bilder, die mein Herz berühren und eben mehr sagen als Worte. Der #WomansMarch ist so ein Bild, gerade weil er viele Bilder schuf, die das eine Bild bekräftigten. Wenn wir also Aufmerksamkeit erreichen wollen, müssen wir mutig (!) vereinfachen. Wenn wir die Aufmerksamkeit haben, dann gilt es differenziert Auskunft zu geben. Aber das schaffen wir, oder?

Zur Wirksamkeit:

Worte lösen Bilder und Emotionen aus. Heimat, Patriotismus, Alternative, christliches Abendland, diese Worte finden Zustimmung bei denen, die der AfD nahe stehen, weil sie das Sicherheitsbedürfnis ansprechen, Verbundenheit schaffen, ja Hoffnung wecken. Die Frage ist, ob die gekaperten Begriffe eine ähnliche Wirksamkeit erreichen können. D.h., sind sie tendenziell geeignet, als Träger von Botschaften zu dienen? Das Ziel wäre ja, Anhänger/-innen der AfD ein Gegenbild vor Augen zu malen, andere Perspektiven aufzuzeigen. Und so das Alleinstellungsmerkmal der Verwendung dieser Begriffe in der medialen Öffentlichkeit zu durchbrechen. Dazu müssen diese Begriff auch für uns positiv besetzt sein. Carsten hat dazu einen Aufschlag gemacht und ich gestehe, mit den Begriffen tue ich mich erst mal emotional schwer. Am Heimatbegriff habe ich das vor einigen Jahren schon mal durchgekaut und eine Deutung gefunden, mit der ich leben kann – nur: Ich verwende den Begriff in meiner alltäglichen Sprache nicht. Und das ist der entscheidende Punkt: Nur wenn wir bereit sind, die gekaperten Begriffe ständig (!) zu verwenden, haben wir eine Chance, zu irritieren. Sie müssen meine Worte werden.

Die Gefahren lauern dabei gleich um die Ecke – in unserer überhitzt und kurzfristig reagierenden medialen Welt steht jede/r schnell in der braunen Ecke, wenn er oder sie von Heimat, Patriotismus und so weiter spricht. Damit müssen wir rechnen. Okay, notiert, weiter.

Wirksamkeit erreichen wir durchs Kapern der Worte vielleicht eher, als uns ständig über AfD-Rhetorik zu empören. Empören ist ja so einfach. Machen auch Herr Höcke und die Frauen Storch und Petry ständig. Und gut. Und sie wollen auch etwas verteidigen, etwas, das verloren ging. Vielleicht müssen wir erst mal aufwachen und feststellen, hey, unsere so vertraute Welt existiert auch nicht mehr oder ist höchst gefährdet. Es macht doch Sinn, über Heimat, das christliche Abendland und vor allem, über Alternativen zu reden. Vielleicht liegt die Herausforderung und die Chance darin, unsere Antworten auf die gegenwärtigen zahlreichen Probleme in die Worte zu kleiden, die unsere Gegner/-innen verwenden. Uns eint dabei sogar, dass wir alle ahnen und wissen, so kann und wird es nicht weitergehen. So ein wenig leuchtet das für mich in der Zustimmung auf, die Bernie Sanders im US-Wahlkampf erhielt.

Ich werde es mal in den nächsten Tagen weiter bedenken und versuchen, wie das im Alltag gehen kann, diese Worte zu verwenden, sie in meine Sprache und meine Weltsicht zu integrieren. Vielleicht machen ja noch mehr mit.

Den Ritterschlag gibt’s, wenn die AfD reagiert auf die Kaperfahrt.

Radfahrerin und Radfahrer am See in den Bergen

radfahrer-am-see

Bin grade mal wieder am Bilder schauen.
Was habe ich vor zehn Jahren, also 2007, so vor der Linse gehabt.
Und ich sehe dieses Motiv.
Eins meiner absoluten Lieblingsfotos.
Es drückt eine Menge von dem aus, was mir wichtig ist.

Zweisamkeit.
Radfahren.
Wasser.
Berge.

Aufgenommen im September 2007.
In Ascona, am Lago Maggiore.