Ein neuer Geist, ein neues Herz. Gedanken zur Jahreslosung 2017

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch

2016 war ein Jahr, das viele geschafft hat.
Auch in anderen Jahren erschreckten schier unvorstellbare Ereignisse.
Aber diesmal schien sich endlos eins ans andere zu reihen.

Und nun 2017.
Mit welchen Erwartungen gehen wir ins neue Jahr?
Mit welchen Hoffnungen und Sehnsüchten, Zweifeln und Befürchtungen?

Es gibt in der evangelischen Kirche eine Tradition:
Jedes Jahrs aufs Neue wird ein Wort aus den biblischen Schriften als „Losung“ gewählt und bedacht.
Die Worte werden Jahre zuvor festgelegt.
Manchmal staunt man nur, wie aktuell sie plötzlich sind.
So als hätte bei der Auswahl unsichtbar jemand Fäden gezogen.
Für 2017 sind es die Worte auf dieser Bildkarte:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch, spricht Gott.

Die Losung spricht eine Sehnsucht an, tief in uns verwurzelt.
Ein neuer Geist wird uns versprochen, sogar ein neues Herz.
Das Herz, das Kraftzentrum, das den Takt vorgibt.
Geist, der wie ein frischer Wind beflügelt und den Kurs anzeigt.

Immer wieder haben diese vor Jahrtausenden gesagten und festgehaltenen Worte inspiriert und ermutigt.
Sie wurden neu gehört und weitergedacht.
Besonders radikal und provozierend bei Jesus, wenn er von der Feindesliebe spricht.
Und davon, die Wange hinzuhalten statt draufzuschlagen.

Mit dieser Bildkarte zur Jahreslosung nehme ich eine eigene Tradition auf, die ich als Gemeindepfarrer lange gepflegt habe:
Das Jahreswort zu verknüpfen mit einem Foto, das ich irgendwann und irgendwo gemacht habe.

Im Mai 2016 zog ich mit meinem Rad in Berlin auf dem Tempelhofer Feld meine Kreise.
Mit einem Mal blieb mein Blick an dem Drachen hängen.
Hart steht er im Wind, zugleich von einer kaum sichtbaren Schnur sicher gehalten.
Und schön sieht er aus, berührt mein Sehnen.

2016 hat viele von uns geschafft, 2017 macht vielen noch mehr Angst.
Wie wird es weitergehen?
Wie gut leben in einer Welt, in der kaum ein Stein auf dem anderen zu bleiben scheint?
Viele neue Geister sind gerade unterwegs, versprechen mitunter erschreckten Herzen das Blaue vom Himmel.
Was gibt Hoffnung und Zuversicht, ja – Sicherheit?
Nur eins scheint sicher:
Nur immer so weiter, das geht nicht mehr.
Aber wie dann?
Wie die Geister unterscheiden?
Und von welchem Geist ist der Geist, von dem in den uralten Worten bei Ezechiel die Rede ist?
Der mir, dir, uns ein neues Herz verspricht?

Die Jahreslosung regt an, darüber nachzudenken, wie und wo dieser neue Geist gefunden werden kann.
Und wie er unter uns wirksam werden kann.
Unsere Herzen neu macht und sie in einem neuen Takt schlagen lässt.
Kräftig, mutig, hoffnungsfroh.
Wenn es gelingt, wäre es ein Segen.

Weihnachten 2016

Weihnachten 2016

Ein Nachmittag kurz vor Heilig Abend.
Ich bin unterwegs in meiner Stadt.
Leichtes Schneetreiben verzaubert die Straßen.
Menschen sind unterwegs, wie alle Jahre wieder.
Ein letztes Geschenk, noch ein Glühwein.
Kinder reisen an, Großeltern ab.
Koffer knattern auf den Wegen und künden von Sehnsucht.
Es ist wie immer und doch ist nichts wie immer.
Das Jahr hat uns geschafft.

Fröhlichkeit, ein Hauch zu aufgesetzt.
Vorfreude, gepaart mit Zweifel.
Gelächter, etwas zu schrill.
Hetze, noch ein Tick schneller als sonst.
Und Angst.
Angst, soviel Angst.
Sie hat sich eingeschlichen, sitzt tief.
Die Zukunft, ungewisser denn je.
Wie lange noch?
Was kommt?
Worauf noch verlassen?
Und auf wen?

Dann sehe ich sie.
Sie kommen mir entgegen.
Ein Mann, eine Frau.
Sie hochschwanger, er stützt sie.
Abgekämpft und müde, beide.
Sein Blick irrt von hier nach dort.
Auf ihrem Gesicht aber liegt Stärke und Klarheit.
Und die Hand liegt auf ihrem Bauch.

Tränen treten mir in die Augen.
Ich wische sie weg, will sie sehen, will hin zu ihnen.
Doch sie sind schon an mir vorbei, in der Menge verschwunden.
Suchend schaue ich mich um, vergebens …
Wie gerne hätte ich ihnen Mut gemacht:
Haltet durch, nur noch kurze Zeit!
Doch halt, nein, was rede ich da –
ich wollte doch, dass sie mir helfen, mir Mut machen …

Das Schneetreiben hat aufgehört.
Menschen strömen von hier nach da.
Haben sie nicht gesehen, was ich gesehen habe?
Traurig wendet sich mein Blick ab, geht nach oben.
Für einen Moment reißt die Wolkendecke auf.
Ein Stern strahlt dort, heller als alle anderen.
Und sagt mir:
Gott ist unterwegs.

Fadenhochzeit und Spielfalt

Fadenhochzeit und Spielfalt

Predigt am 28. Oktober 2016 über Jesaja 11,1-9
bei meiner Einführung als Fachbereichsleiter Kirche. Wirtschaft. Arbeitswelt

Liebe Gemeinde,
es gibt Momente im Leben,
da trifft dich ein Wort,
ein Gedanke, ein Bild –
und du spürst sofort:
Das schlägt jetzt gerade voll ein.

So ging es mir mit diesen Worten von Hannah Arendt:

„All unser Handeln ist nicht mehr,
aber auch nicht weniger
als Fäden in ein Gewebe zu schlagen,
das andere vor uns gewebt haben.“

Ich sah das als Bild vor mir und sagte, ja, das stimmt.

Ein Faden, wie dieser hier.
Bringe ich ihn in dieses Gewebe hier ein, verändert sich das Muster.
Doch wenn er noch so schön farbig leuchtet:
Ohne das Gewebe bliebe er haltlos im luftleeren Raum.

Hannah Arendt sagt mit dem Bild:
Nichts von dem, was ich tue,
nichts von dem ist denkbar ohne das,
was andere vor mir getan haben.
Ich beziehe mich immer schon auf etwas,
das andere vor mir geschaffen haben.
Unsere Vorväter und -mütter.
Meine Eltern und Großeltern.
Arbeitskolleginnen und -kollegen, vielleicht schon im Ruhestand.
Und so weiter und so fort.

Doch zugleich schaffen wir immer wieder Neues.
Etwas, das vorher nicht da war.
Ich bringe einen Faden ein.
Und das Muster wird ein anderes, wird neu.

All unser Handeln steht in dieser Spannung.
Wir werden geboren und gebären im Lauf der Zeit Neues.
Ein Bild für unser ganzes Leben und Wirken.
Das klingt widersprüchlich und stimmt dennoch ganz und gar.
Geburtlichkeit nennt dies Hannah Arendt.

Und das Bild entfaltet sich schnell weiter.
An Mustern stricken viele mit.
Manche Gewebe sind so hart, dass ich mit meinem Faden nicht hineinkomme.
Andere sind brüchig und reißen, wenn ich mich zu verbinden suche.
Das Geflecht kann wunderschön aussehen –
oder völlig chaotisch.
Manche Fäden sind dicker, andere dünner.
Manche haben bunte, vielleicht auch grelle Farben.
Andere sind unscheinbar und grau.
Und so weiter und so fort.

Hannah Arendt ist dabei der Meinung:
Auch unsere Sprache gehört zu unserem Handeln.
Das Denken nicht.
Das bleibt im Kopf, ist nicht fassbar.
Aber in dem Moment,
in dem ich meine Gedanken in Worte fasse,
ausspreche oder aufschreibe –
da handle ich.
Wer schon mal an Texten gearbeitet hat,
kann das wohl nachvollziehen.
Was mir da alles an tollen Gedanken durch den Kopf schwirrt,
kommt oft nur so schwer aufs Papier …
Worte verändern die Welt.
Ein Wort explodiert in meinem Kopf.
Ein Bild breitet sich vor mir aus, von ganz allein.
Ein Vortrag stellt mein bisheriges Denkmuster in Frage.

Eigentlich ist Traugott Jähnichen schuld daran, dass ich seinerzeit auf dieses Bild von Hannah Arendt gestoßen bin.
Mein Doktorvater sagte einst zu mir:
Herr Jung, über Arbeit aus evangelischer Sicht haben vor allem Männer geschrieben.
Schauen Sie doch mal, ob Sie auch Texte von Frauen finden.
Ich suchte.
Und fand Antje Schrupp und Ina Praetorius.
In einem Buch von Ina stand dieser Gedanke von Hannah Arendt.
Und ich schrieb ihr diesbezüglich eine Mail.
So begann es.

Über Ina und Antje wurden meine Frau und ich aufmerksam auf das ABC des guten Lebens.
Genauer gesagt:
Meine Frau kannte das ABC schon vorher,
aber nun bekamen wir direkten Kontakt.
Das ABC des guten Lebens.
Ein Versuch, unser Leben und damit auch unser Arbeiten und Wirtschaften in anderen Horizonten zu betrachten.
Neue Wörter sind dabei die Fäden, mit denen die Autorinnen versuchen, die Muster alter Gewebe zu verändern.
Das kann aufregend sein, wenn Menschen beginnen, nach neuen Worten zu suchen.

Vor zwei Jahren zogen wir nach Osnabrück.
Diakoniepastorin Doris Schmidtke trat schnell an uns heran und fragte:
Wollen Sie beide nicht in der Gendersteuerungsgruppe mitwirken?
Wir sagten ja.
Und erzählten irgendwann vom ABC.
Das traf auf Resonanz in der Gruppe.
So verabredeten wir eines Tages:
Bis zur nächsten Sitzung erschafft jede und jeder ein neues Wort.
Weil Worte die Welt und uns verändern und neue Wörter allzumal.
Einige der schönen neuen Wörter auf dieser Karte sind so entstanden.
Verbundenheitsweberin.
Sehnsuchtswach.
Caremutigen.

Weitere habe ich in diesem Sommer gesucht.
Und sie mit Christine, meiner Frau und ErstMitdenkerin, getestet.
Manche wurden wieder verworfen.
Andere stehen hier auf der Karte drauf:
Zaunspalter.
Einverstimmig.
Transformationszauber.
Geistwebend.
Traumspinnen.
Wortwalten.

Mein aktuelles Lieblingsworte ist Fadenhochzeit.
Fadenhochzeit, der Moment, in dem ich spüre:
Ein Wort, ein Satz, eine Geste oder Handlung von mir kommt gerade bei dir an.
Ich sehe das an deinem Resonanzlächeln.
Und es kommt zu der beglückenden Erfahrung:
Mein Faden verschmilzt mit deinem Gewebe.
Wir verstehen uns.
Und es geschieht gerade jetzt etwas Neues.
In der Vereinigung wird das Muster verändert.
Wir feiern Fadenhochzeit.

Auch alte Worte, erneut gelesen und gehört, können Fäden sein, die Denken und Handeln verändern.
Der vorhin gelesene Abschnitt aus dem Buch Jesaja zum Beispiel.
Wir hören ihn regelmäßig im Advent.
Ein Abschnitt aus dem alten Testament, der hebräischen Bibel.
Hier erkennen Christinnen und Christen symbolisch das Wirken Jesu wieder.
Leider geht die Wucht dieser Worte in der adventlichen Kerzen-, Machthochdietür- und so weiter Stimmung regelmäßig unter.

Wolf und Lamm, Kuh und Bärin, Löwe und Rind…
En Bild des Friedens.
Frieden herrscht dort, wo Gerechtigkeit und Freiheit in der Waage stehen.
Aber es ist vor allem das Kind, das mir ins Augen springt.
Der Säugling, der vor und mit der Giftschlange spielt.
Spielt.

Kinder lernen durchs Spielen.
Erwachsene haben das leider oft verlernt.
Wir sind vernünftig, strukturiert, lösungsorientiert, pragmatisch.
Da passiert selten wirklich Neues.
Wir stricken mit viel Aufwand Muster um.
Wirkungslos ist das nicht, keine Frage.
Und auch nicht unwichtig.
Manchmal sogar notwendig.

Aber wie wäre es, wenn das Spiel hinzu käme?
Die Bereitschaft zum Spielen?
Die Bereitschaft, mich aufs Spiel zu setzen?
Locker entspannt, selbstvergessen, neugierig, ohne Angst?
Wo das geschieht, entsteht wahrlich Neues.
Ein uraltes Bild sagt:
Gott spielte bei der Schöpfung der Welt,.
Er spielte seinerzeit mit Freude am Experimentieren.
Am Ende kam etwas Wunderbares heraus.

Was könnte alles geschehen, wenn wir den Mut zum Spielen miteinander aufbringen?

Um einem Missverständnis zu wehren:
Es geht mir nicht um das Spiel als Methode.
Wie es in Psychoseminaren mehr oder minder sinnig angewendet wird.

Wenn ich das Bild von Jesaja auf mich wirken lasse, dann geht es um ein spontanes, selbstvergessenes Spielen in friedlicher Umgebung.
Ein Spielen, das einem inneren Bedürfnis entspringt.
Was wäre, wenn wir diesem Bedürfnis Raum geben?
Was wäre, wenn wir ihm einen Raum vorhalten?
Was wäre, wenn wir einfach miteinander zu spielen beginnen?
In unseren Arbeitsfeldern, in den Jahresgesprächen, im Fachbereich, im Leitungsausschuss, im Kuratorium, im Landeskirchenamt?
In unseren Dienststellen, Unternehmen, Verbänden und Gremien?
Und dann noch mal weiter, kunterbunt gemischt in all den vielfältigen Begegnungen, die wir so haben?
Vorstandsfrau und Umweltaktivist, Gewerkschaftler und Unternehmerin…?

Es gibt ja gute und vertrauensvolle Beziehungen untereinander.
Das wird heute hier auch sichtbar.
Kirche, Gewerkschaften, Arbeitgeber, Sozialverbände, Umweltgruppen, Politik – wir sprechen miteinander.
Alles gut – aber:
Was könnte noch alles geschehen, wenn wir miteinander zu spielen wagen?
Unsere Zuständigkeiten zur Seite schieben?
Und unsere Interessen, denen wir uns normalerweise verpflichtet fühlen?

Was wäre, wenn wir spielerisch zum Beispiel nach neuen Wörtern suchen?
Nach Worten, die uns und vielleicht auch der Welt gut tun?
In den Wirrungen und Ängsten dieser Zeit?
Ja, und darüber hinaus am Ende uns und die Welt vielleicht verändern?
Weil es Worte sind, die Verbundenheit weben und Zäune spalten?
Die Sehnsucht wach halten und caremutigen?

Sage bitte niemand:
Spinnerei, weltfremd, unmöglich.
Dann leugnen wir die Botschaft dessen, den Christinnen und Christen in Jesajas Text wieder erkennen.
Denn der, Jesus, war sehr nachdrücklich der Meinung:
Das Reich Gottes fängt schon mitten unter uns an.
Es ist kein Traum für ein schönes Jenseits.
Keine Vision vom ewigen Leben.
In dem wir dann auf der Wolke sitzen und Halleluja singen.

Jesus redete vom Hier und Jetzt.
Und handelte entsprechend.
Es ging ihm um eine Vision des guten Lebens.
Um gutes Leben, gutes Arbeiten, gutes Lieben, gutes Wirtschaften.
Und er brachte Fäden in die Welt ein, die bis heute Muster verändert haben.
Ich bin sicher, er hatte auch Freude am Erfinden neuer Wörter.
Und Bilder, die er Menschen vor Augen stellte.
Feindesliebe ist so ein Wort,
dass sich seither als Faden durch die Gewebe dieser Welt schlängelt.

Das Reich Gottes beginnt hier und heute.
Wird zwar nicht fertig
und bleibt ein Fragment.

Aber Jesus war der Meinung:
Diese Geistkraft Gottes, von der auch Jesaja singt,
die schafft Neues, mitten im Alten.
Es wird ein Zweig aus einem Baumstumpf hervorgehen.
Nichts anderes als das Bild der Geburtlichkeit, das Hannah Arendt erfand.
Ich kann es aber auch in ganz anderen Worten sagen:

Die Geistkraft Gottes ermöglicht Spielfalt.
Und kreatives Traumspinnen.
Einverstimmiges Zäune spalten.
Verbundenheit weben.
Die Sehnsucht wach halten.
Haben wir alles bitter nötig…

Denn wir erleben gerade:
Länger vertraute Muster unserer Welt werden brüchig,
bieten kaum noch Halt und Orientierung.
Die Vergangenheit scheint für manche so rosig zu sein,
dass sie mit Macht, ja mit Gewalt suchen daran festzuhalten.
Die Gegenwart ist für viele durch Depression, Angst und Resignation geprägt.
Und die Zukunft, die sieht düster aus.
Wir ahnen:
Nichts wird so bleiben wie bisher.
Klimawandel, Wanderungsbewegungen, Ressourcenverbrauch –
es ist vorbei.
Das Wachstumsmodell ist am Ende.
Es entfaltet keine Hoffnung und Zuversicht mehr.
Zäune, Mauern und Meere schrecken nicht mehr ab.
Und das Wasser steigt und steigt.

Alternativen werden gebraucht.
Dazu will Gottes Geistkraft uns anregen, anstoßen.
Neue Worte, neue Ideen, neue Fäden ins Gewebe einbringen.
Die Muster so verändern, dass sie Mut machen.
Und wir handlungsfähig werden.
Indem sie eine Vision von einem Leben zeichnen, das sich am Gemeinwohl aller ausrichtet.

Wir Christinnen und Christen sind dafür hervorragend ausgerüstet.
Denn wir haben einen an der Seite, der sagt:
Hey, Leute, die Zukunft ist immer offen.
Denn das Reich Gottes kommt auf euch zu.
Und fängt schon unter euch an,
hier und da und dort.
Nehmt diese Zusage –
und geht los.

Mutig.
Gelassen.
Entspannt.
Gehalten.
Neugierig.
Spielfältig.
Feindesliebend
Traumspinnend.
Zäune spaltend.
Verbundenheit webend.

Und schaut, was daraus wird.
Die Verheißung lautet:
Es wird.

Amen.


P.S. Eins der schönen neuen Worte auf dieser Karte ist „Neubegehren“. Das stammt allerdings nicht von mir. Die Geschichte dieses Wortes findet sich hier: Neubegehren. Annäherung an ein neues Wort

P.P.S. Auf dem Handy wird das Beitragsbild, die Karte mit den Worten nicht angezeigt. Daher hier noch mal unten drunter:

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Ein mutiger Sklave spielt nicht mehr mit. Predigt zu Matthäus 25,14-30

Ein mutiger Sklave spielt nicht mehr mit. Predigt zu Matthäus 25,14-30

Vorbemerkung:
Seit vielen Jahren lese ich Predigten von Margot Runge, die sie auf ihrem Blog queerpredigen veröffentlicht.
Oft habe ich mich von ihr anregen lassen, sie formuliert immer wieder inhaltlich und sprachlich ganz ähnlich wie ich.
Für heute habe ich wieder einmal eine Predigt von ihr umgeschrieben und in der Bonnus-Gemeinde in Osnabrück gehalten.
Die Rückmeldungen waren äußerst positiv.
Daher stelle ich meine Version von Margot Runges Predigt hier online.
Das Original findet sich hier: Ein mutiger Sklave unterwandert das Finanzsystem.
Dort am Ende finden sich auch Hinweise auf die theologische Grundlegung.
Vielen Dank für die Vorlage!

Liebe Gemeinde,
eben in der Lesung haben wir die Geschichte von den anvertrauten Talenten gehört.
Sie wird meist so ausgelegt, dass die zwei gelobt werden, die ihre Talente verdoppelt haben – während der dritte für seine offensichtliche Faulheit gescholten wird.

Je länger ich über die Geschichte nachdachte, umso mehr fragte ich mich:
Lässt sich die Geschichte nicht auch ganz anders hören und verstehen?
Macht nicht der dritte Knecht eigentlich im Sinne Jesu alles richtig?
Denken Sie doch mal über diese Idee nach, während ich die Geschichte noch einmal lese.
Nun in der Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“:

Denn die Welt Gottes solltet ihr auch mit der Geschichte von einem Mann vergleichen, der im Aufbruch zu einer Reise seine Sklaven rief und ihnen sein Vermögen zur Verwaltung übergab.

Dem einen gab er fünf Talente, dem nächsten zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Tüchtigkeit.

Dann reiste er ab.

Sofort ging der mit den fünf Talenten los, machte mit ihnen Geschäfte und erwirtschaftete weitere fünf dazu.

Ebenso erwirtschaftete der mit den zwei Talenten weitere zwei.

Der mit dem einen Talent ging los, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Besitzers.
Nach langer Zeit kommt der Besitzer dieser Sklaven und rechnet mit ihnen ab.

Der mit den fünf Talenten trat herzu und brachte weitere fünf mit den Worten:

›Herr, du hast mir fünf Talente übergeben, hier sind die weiteren fünf, die ich erwirtschaftet habe.‹

Sein Besitzer sprach zu ihm: ›Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe.

Du bist eine Freude für deinen Besitzer.‹

Der mit den zwei Talenten trat herzu mit den Worten:

›Hier sind die weiteren zwei, die ich erwirtschaftet habe.‹

Sein Besitzer sprach zu ihm: ›Richtig gemacht, du guter und treuer Sklave. Du warst im Kleinen zuverlässig, ich beauftrage dich nun mit einer großen Aufgabe.

Du bist eine Freude für deinen Besitzer.‹
Auch der mit dem einen Talent trat herzu und sprach:

›Herr, ich wusste, dass du ein harter Mensch bist, der erntet, wo er nicht gesät hat, und einsammelt, was er nicht ausgeteilt hat.

Ich bin aus Furcht vor dir losgegangen und habe dein Talent in der Erde versteckt.

Hier hast du dein Geld zurück.‹

Der Besitzer antwortete ihm: ›Du böser und fauler Sklave, du wusstest also, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, was ich nicht ausgeteilt habe?

Du hättest also mein Geld zur Bank bringen sollen.

Dann könnte ich jetzt mein Eigentum mit Zinsen zurückbekommen.

Nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem mit den zehn Talenten.

Die schon etwas haben, denen wird mehr gegeben, sogar bis zum Überfluss.

Die nichts haben, denen wird das Wenige, das sie haben, noch weggenommen.

In diesem Gleichnis denken wir bei den „Talenten“ vor allem an „Fähigkeiten“.
Du hast ein Talent.
Wir verstehen das im übertragenen Sinne – Begabungen, Können, Fähigkeiten.
Doch die Leute, denen Jesus diese Geschichte ursprünglich erzählt hat, stand etwas ganz anderes vor Augen.
Ein Talent, das ist ein riesiger Barren Silber.
So viel, wie ein Mensch gerade noch tragen kann.
30 bis 40 Kilogramm.
Ein Talent, das sind, man kann es nachschlagen, so um die 17 Jahreseinkommen einer armen Familie.
Und die 8 Talente eines Investors entsprechen also etwa 140 Jahreseinkommen.
Wenn eine Familie an der Armutsgrenze heute 20.000 Euro zur Verfügung hat, entspräche allein das schon etwa 2,8 Millionen Euro.

Luther übersetzt hier Herr und Knecht.
Schärfer und in der Sache präziser haben wir es eben in der Übersetzung gehört:
Ein Sklave und sein Besitzer.
Und der Sklavenbesitzer verfügt über weit mehr als die 2,8 Mille.
Denn er braucht diese 8 Talente nicht für den laufenden Betrieb, sondern hat sie zusätzlich zur freien Verfügung.
Er kann sie investieren, ohne seine sonstigen Geschäfte zu beeinträchtigen.
Solche Vermögen lassen sich nicht mit eigener Hände Arbeit aufbauen.
Das ist auch heute so.
Geld gebiert Geld.
Der größte Gewinn wird heute nicht durch Produktion erwirtschaftet, sondern durch das Kapital selbst.
Geld wird angelegt und verzinst.
Geld wird als Aktien an den Börsen um die Welt geschoben.
Hier geht um riesige Summen.

Und auch die acht bzw. vier Talente in der Geschichte von Jesus bringen tatsächlich eine traumhafte Rendite von 100 Prozent.
Jedenfalls sieben der acht Talente.
Das sind wahrlich keine Peanuts, sondern riesige Kapitalmengen.
Und sie verdoppeln sich!
Aus fünf werden zehn, aus zwei vier.
Kann das mit rechten Dingen zugehen?
Wo kommen solche gigantischen Gewinnspannen her?

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 wissen auch Wirtschaftsunkundige, also Leute wie Sie und ich:
Solch eine Gewinnspanne lässt sich schwerlich mit ehrlichen Methoden erwirtschaften, sondern zum Beispiel durch Immobilienspekulationen.
Oder durch Heuschreckenmethoden, oder Landgrabbing.
Oder durch illegale Praktiken.
Im Menschen- und Drogenhandel, durch Betrug und gnadenlose Ausbeutung.

Die Kehrseite:
Hungerlöhne werden gezahlt, Umweltschutzauflagen umgangen, Arme enteignet.
Es wird betrogen und erpresst.
Sollte das damals anders gewesen sein?

Wie wäre es, wenn Jesus mit seiner Beispielgeschichte seine Zuhörerinnen und Zuhörer in die Welt der damals Superreichen und ihrer Praktiken führen wollte?
Wer solche Gewinnspannen erwartet, wusste auch damals wahrscheinlich, dass das kaum mit legalen Mitteln möglich ist.
Wer seine Mitarbeitenden dennoch beauftragt, dass sie das Geld so anlegen, fordert sie auf, sich skrupelloser Methoden zu bedienen.

Doch anders als die Broker an der Wallstreet sind die Fachleute in der Beispielgeschichte von Jesus keine freien Menschen.
Sie sind Sklaven.
Obwohl sie offensichtlich für ihre Aufgaben spezialisiert sind und weitreichende Handlungsvollmachten haben, sind sie abhängig Beschäftigte.
Qualifizierte Sklaven in Führungspositionen oder auch Sklaven, die Abgaben eintreiben müssen, sind in der Antike durchaus üblich.
Und sie können ohne weiteres ausgepeitscht oder eingesperrt werden, wenn sie ihrem Besitzer nicht willfährig sind.
Oder wenn sie Fehler machen.

Ihr Herr bindet sie also ein in seine schmutzige Geschäftspraxis.
Er macht sie, die Abhängigen, zu Mittätern.
Die Sklaven tragen dazu bei, dass andere Familien ihr Hab und Gut verlieren, in Sklaverei verkauft werden.

Aber einer macht nicht mehr mit.
Er beteiligt sich nicht mehr daran, ein System am Laufen zu halten, das die einen bereichert auf Kosten der anderen.
Er sagt seinem Besitzer die Wahrheit ins Gesicht:

Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist, der erntet, wo er nicht gesät hat, und einsammelt, was er nicht ausgeteilt hat.

Ich bin aus Furcht vor dir losgegangen und habe dein Talent in der Erde versteckt.

Hier hast du dein Geld zurück. (Mt 25, 24 f.)

Wie viele Nächte wird dieser Sklave wach gelegen haben und sich mit seiner Entscheidung herumgeschlagen haben?
Das, wozu er ausgebildet ist – Geld vermehren – ist ihm immer fragwürdiger erschienen.
Er hat seinem Herrn nichts entzogen, keinen einzigen Denar.
Im Gegenteil.
Er hat das Eigentum seines Herrn treu bewahrt.
Er hat sich sogar an den rabbinischen Frömmigkeitsregeln orientiert, als er es in die Erde vergraben hat.

Sein Besitzer wertet sein Verhalten aber als einen Affront ohnegleichen.
Zumal ein Sklave es wagt, dem Herrn den Spiegel vorzuhalten, ihn als Dieb bezeichnet.
Der Besitzer streitet das Urteil mit keinem Wort ab.
Aber er bestraft ihn (für was eigentlich?) und wirft ihn ins Gefängnis.

Der Sklave landet dort, wo auch die anderen Opfer sitzen.
Im Gefängnis sitzen Arme, die in Schuldhaft geraten sind, die ihre Schulden nicht zurückzahlen können.
Im Gefängnis sitzt Johannes der Täufer.
Im Gefängnis sitzt am Ende auch Jesus selbst
Und später seine Freundinnen und Freunden.
Ich war gefangen und ihr habt mich besucht, sagt er.
Nur etwas später im Evangelium.

Auch heute sind Gefängnisse eher Orte der Armen und Abgehängten und Gescheiterten.
Die Reichen können sich teure Anwälte leisten.
Sie genießen Annehmlichkeiten, werden schneller zu Freigängern oder kommen auf Kaution frei.
Für Peanuts halten sie die Summen, die sie in ihre Taschen gewirtschaftet haben. Selten, dass ein Josef Ackermann, Sepp Blatter oder Thomas Middelhoff verurteilt wird und seine Strafe auch voll absitzt.
Doch andere wandern schon wegen Schwarzfahrens oder Ladendiebstahls hinter Gitter.
In vielen Ländern sind die Zellen voller Leute, die ohne Verfahren eingesperrt und misshandelt werden.
Gefängnisse dienen als Druckmittel gegen die Bevölkerung.
Hier landen kleine Bäuerinnen und Bauern, die sich gegen Enteignung wehren.
Journalistinnen und Journalisten, die über Korruption recherchieren.
Oder Oppositionelle.

Der dritte Sklave kooperiert nicht mehr.
Er lässt sich nicht mehr einspannen.
Er spielt nicht mehr mit.
Er folgt seinem Gewissen.
Er sagt die Wahrheit.
Er hält sich an die Regeln der Tora und beherzigt die Mahnung Jesu:

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld, dem Mammon.

Er zahlt einen hohen Preis.
Aber die Bibel ist davon überzeugt:
Willkür und Gefängnis haben nicht das letzte Wort.
Denn Jesus erzählt die Geschichte weiter.
Direkt nach dem Unrechtsurteil –

werft diesen nutzlosen Sklaven in den finstersten Kerker.
Dort wird er schreien und vor Todesangst mit den Zähnen knirschen –

wird noch einmal Gericht gehalten.
Unmittelbar danach erzählt Jesus die Geschichte vom Weltgericht:

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird sich auf seinen himmlischen Richterstuhl setzen.

Und alle Völker werden sich versammeln.

Er wird die Menschen voneinander scheiden, wie ein Hirte die Schafe von den Böckchen trennt.

Er wird denen zur Rechten sagen:

Kommt heran, ihr Gesegneten Gottes, erbt Gottes Reich.

Ich war hungrig, ihr gabt mir zu essen.

Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.

Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr habt mich besucht.
Was ihr für eines dieser meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. (aus Mt 25, 30-36.40)

Soll das ein Zufall sein?
Dass die Erzählung vom Weltgericht sich hier direkt anschließt?
Also, ich höre die Geschichte jetzt so:
Der Sklave, der sich weigert das Unrechtsspiel mitzumachen, findet sich an der Seite von Jesus wieder.
Die Welt bleibt am Ende nicht in den Händen der Gierigen und Gewalttätigen, sondern wird den Armen und Barmherzigen zufallen.
Und denen, die für Gerechtigkeit eintreten.

Sklaverei gehörte im 1. Jahrhundert zum Alltag der Menschen um Jesus herum.
Aus dem letzten Kapitel des Römerbriefes können wir schließen, dass mindestens die Hälfte der Gemeindemitglieder in Rom Sklavinnen und Sklaven oder Freigelassene waren.
In den Gemeinden, für die Matthäus sein Evangelium schrieb, wird es nicht anders gewesen sein.
Viele haben also Unfreiheit am eigenen Leib erfahren.
Ihnen erzählt Jesus diese Geschichte.
Wie wird sie in ihren Ohren geklungen haben?

Wir leben in Mitteleuropa in einer freien Gesellschaft.
Ich kann ja nichts tun, sagen trotzdem viele;
Ich bin doch nur ein kleines Licht, mir sind die Hände gebunden.
Die Bibel glaubt aber nicht daran, dass Menschen nur willen- und wirkungslose Rädchen im Getriebe sind.
Wir brauchen nicht mitlaufen.
Die Verhältnisse sind nicht alternativlos.
Wir haben immer die Möglichkeit, uns Spielraum zu erobern.
Und sei er noch so klein.
Selbst ein Sklave lässt sich seine Entscheidungsfreiheit nicht nehmen.
Wir können und sollen für eine andere Welt einstehen.
Jesus erzählt, wie jemand das selbst in extremsten Abhängigkeitsverhältnissen wagt.
Eine Mutmachgeschichte.
Auch für uns.
Amen.