Alles nur Schrott. Betriebsbesuch im Stahlwerk Georgsmarienhütte

Alles nur Schrott. Betriebsbesuch im Stahlwerk Georgsmarienhütte

Eine Glaswand.
Näher kommen wir nicht ran.
Will ich auch überhaupt nicht.
Denn dahinter sieht es so aus wie ich mir die Hölle vorstelle.
Ein riesiger Kessel.
Feuerflammen.
Goldgelber flüssiger Stahl.
Kochendheiß muss es da drin sein.

Lange stehen wir da.
Unser Gesprächspartner erzählt und erklärt.
Alles spannend und interessant.
Aber so richtig höre ich nicht zu.
Immer wieder gleitet mein Blick zur Glaswand.
Diese Bilder von schier entfesselten Gewalten reichen mir und brennen sich tief ein.
Wir sind im Stahlwerk in Georgsmarienhütte.

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Wir, das ist eine kleine Gruppe.
Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier.
Der Superintendent des Kirchenkreises Hans-Georg Meyer-ten Thoren.
Einige weitere Frauen und Männer aus dem Kirchenkreis.
Und ich als Pfarrer im KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt).

In der evangelischen Kirche gibt es Visitationen.
Gemeinden werden visitiert, besucht.
Und auch Kirchenkreise.
Gemeinsam schaut man sich an, was sich in den Gemeinden tut.
Was gut läuft, wo sich Herausforderungen stellen.
Auch das Umfeld ist im Blick.
Ein Betriebsbesuch gehört häufig zu einer Visitation.
Deswegen sind wir heute hier.
Denn die Landessuperintendentin visitiert in diesem Jahr den Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte.

Als ich gefragt wurde welches Unternehmen ich vorschlagen würde, habe ich nicht lange gezögert.
Das Werk gehört zur Tradition der Gegend, hat sie mit geprägt.
Seit König Georg V. und seine Frau Marie es am 14. Juli 1856 gründeten.
Die gleichnamige Stadt wurde erst später daneben gebaut.
Zugleich ist das Unternehmen in besonderer Weise an ökologischen Fragestellungen dran.
Arbeitsdirektor und Geschäftsführer Personal Prof. Dr. Felix Osterheider erklärt uns:
Dieses ist das einzige umweltzertifizierte Stahlwerk in Deutschland.

Daher ist hier alles nur Schrott.
Eingeschmolzen und zu speziellen Stahlen verarbeitet, überwiegend für die Automobilindustrie.
Kein Roherz kommt in die Kessel.
Und darum herum wird gekämpft, den riesengroßen Strombedarf zu reduzieren.
Denn hier wird mit Strom Stahl gekocht.
Daher macht die Stromrechnung den Löwenanteil der Kosten aus.
Das Personal, sorry!, fällt nicht ins Gewicht.
Aber das heißt nicht, dass die Mitarbeitenden hier schlecht behandelt werden.
Im Gegenteil, die sehr spezifische Mentalität von Stahlkochern wird geachtet und geschätzt.
Zugleich kämpft die Geschäftsführung darum, das Image zu verändern.
Um die Akzeptanz in der Öffentlichkeit zu erhalten und zu verbessern.
Nicht immer einfach, dieser Spagat zwischen Tradition und Aufbruch, so hören wir.

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Zurück zu den Stromkosten.
Recycling ist nicht nur das Stichwort im Blick auf den Schrott.
Auch die Abwärme wird genutzt.
Kleinigkeiten bringen vielleicht nur 0,5% Verbesserung.
Bei dem Volumen, was hier umgesetzt wird, sind solche Winzigkeiten aber kein Pappenstiel und lohnen sich.

Und nicht nur beim Strom.
Auch bei der anfallenden Schlacke wird intensiv überlegt und geforscht, wie sie sinnvoll weiter genutzt werden kann.
Denn Deponiekosten sind teuer.
Und so weiter und so fort.
All das schildert uns bei einem Rundgang Dr. Henning Schliephake, der Geschäftsführer Technik.

Nach drei Stunden verlassen wir nachdenklich das weitläufige Gelände.
Mit seinen teils sehr alt aussehenden Gebäuden.
Aber hinter der bieder und langweilig aussehenden Fassade verbirgt sich ein hochmodernes Unternehmen.
Das Engagement der Mitarbeitenden hat uns beeindruckt.
Nicht nur der glühend heiße Kessel mit dem goldgelben Stahl.
Alles nur Schrott?
Alles nur Schrott.

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Gruppenfoto mit Landessuperintendentin Dr. Birgit Klostermeier (4. v. r.), Superintendent Hans-Georg Meyer-ten Thoren (2. v.r.) und Dr. Henning Schliephake (3. v. l.).

Die Fotos wurden uns mit freundlicher Genehmigung der Georgsmarienhütte GmbH zur Verfügung gestellt.

Betriebsbesuch des KDA auf der Baustelle U5 in Berlin

Betriebsbesuch des KDA auf der Baustelle U5 in Berlin

Berlin, an einem warmen Montagnachmittag in Berlin.
Mitten drin stehen wir vor der Einfahrt zum Zentrum der U5-Baustelle.
Wir, das sind acht Mitglieder des Bundesausschusses Arbeit und Technik des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) auf EKD-Ebene.
Uns interessiert, was hier geschieht und warum hier die Arbeiten voran schreiten.
Auf einer Großbaustelle im Herzen der Hauptstadt.

Zustande gekommen ist diese Besichtigung eher zufällig.
Ich kenne privat Reinhold Theiss, Mitarbeiter von ISP Ziviltechnik GmbH und damit einer der Firmen, die gemeinsam das Projekt planerisch begleiten.
Ich hatte ihn mal irgendwann gefragt, ob er mich mal mit auf die Baustelle nimmt.
Dann verabredete sich unser Bundesausschuss in Berlin (eigentlich zu ganz anderen Themen) und so kam eins zum anderen.

Man sieht oberirdisch nicht allzu viel.
Bauzäune, Kräne, eine Baustelle wie tausend andere.
Immerhin, auf den Zäunen wird U-Bahn-Geschichte erzählt.
Und verschiedentlich auch über das Bauprojekt informiert.
„Das ist wichtig für die Akzeptanz einer so langen Bauzeit, das macht die BVG gut“, meinte auch einer der Mitarbeiter, die uns führen.

Doch im Container öffnet sich auf der Leinwand eine ganz andere Welt.
Jahrzehntelange Planung wird sichtbar, zum Teil an hundert Jahre alte Vorhaben anknüpfend.
Eine Bauzeit von mehr als sechs Jahren für die 1600 Meter lange Verbindung vom Roten Rathaus bis zum Brandenburger Tor.
Unter Spree und Spreekanal hindurch und unterhalb der Paradestraße „Unter den Linden“
So soll die Lücke geschossen werden und später die Züge von Hönow über den Alexanderplatz und das Brandenburger Tor bis zum Hauptbahnhof fahren.
2020 muss alles fertig sein, sonst fordert der Bund wohl sein Geld zurück.
So steht es in den Verträgen, hören wir.

Es ist faszinierend, welche Welt sich vor unseren Augen auftut.
Das Leistungsverzeichnis umfasst ca. 1500 Seiten.
Das ist dann noch mal in mehr als 6000 Einzelpläne aufgeschlüsselt.

Am Beispiel der Tunnelvortriebsmaschine wird das ganze Ausmaß für uns an einem Detail sichtbar.
70 Meter lang, hat sich die Maschine 1600 Meter durch den Berliner Untergrund gefressen.
Dann musste sie komplett zurückgezogen werden.
Wenden wie sonst üblich ging nicht – da ist am anderen Ende schon ein Bahnhof.
Und dann beginnt das Ganze noch mal von vorne.
Dieser spektakuläre Teil wird uns erläutert an einer Grafik der Vortriebsmaschine.
Ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit von Technik in Kombination mit menschlichem Erfindungsgeist.

Nach dem Vortrag über das Gesamtvorhaben werfen wir einen Blick in die Gleiswechselanlage, die gerade im Rohbau entsteht.
Anschließend laufen wir mit Gummistiefeln, Warnwesten und Helmen etwa 500 Meter mitten durch Berlin.
An der Baustelle Humboldtforum vorbei zum Einstieg Mui-West.
Wir ernten erstaunte und belustigte Blicke.
„Seid ihr auf einem Junggesellenabschied?“, fragt uns jemand.
Nein, wir wollen dorthin, wo der Bahnhof Museumsinsel entsteht.
Wir steigen 15 Meter in die Tiefe und stehen auf den bereits gebohrten Röhren.
Momentan werden die Bohrungen für die Vereisung des Bodens durchgeführt.
Später wird über ein Rohrsystem der gesamte Boden unter Tage vereist und dann der Bahnhof herausgebrochen.
Zu sehen ist in dem Loch außer ein paar Löchern und dem Durchbruch der Decken der Tunnelröhren noch nichts.
Es wird nachvollziehbar, warum das alles so lange dauert – und „oben“ der Eindruck entsteht, da wird doch gar nicht gearbeitet…

Ich stehe hier unten, sehe oben den Giebel des Kommandantenhaus (Bertelsmannstiftung) und stelle mir vor:
2020 steige ich hier aus einer Bahn und fahre mit der Rolltreppe nach oben.
Eine skurrile Vorstellung.

So nebenbei erfahren wir, dass auch hier im Tunnelbau Gottesdienste zur Tradition gehören:
Am Anfang gab es einen großen ökumenischen Gottesdienst.
Und jährlich am Barbaratag wieder.
Die Verbindung zum Bergbau wird erkennbar – und auch mancher Kumpel hat ja im Lauf des Zechensterbens im Tunnelbau eine neue Aufgabe gefunden.
Wer sich im Bergbau etwas auskennt, bemerkt hier auf der Baustelle schnell die technischen, aber auch mentalen und „kulturellen“ Gemeinsamkeiten.

In der Diskussion geht es auch um die Frage:
Warum gelingt dieses Großvorhaben und andere tun sich so schwer?
Warum laufen solche Projekte zeitlich und finanziell schnell aus dem Ruder?
Auf die erste Frage ist es schwer, eine Antwort zu finden – jedes Projekt ist anders.
Die zweite Frage ist „einfach“:
Es gibt bei aller Planung unvorhergesehene Entwicklungen.
Je nach Umfang der Schwierigkeiten stoppen sie die gesamte Arbeit, z.B. aus Gründen der Sicherheit.
Dann muss neu geplant werden und die Finanzierung geklärt werden.
Auch hier gab es eine Entwicklung, die die Bauzeit um ein halbes Jahr verlängert hat.

Finanziell, so hören wir, ist es so:
In Deutschland bekommt am Ende der billigste Anbieter den Zuschlag.
Am Gotthardtunnel wurde dagegen eine Medianlösung ausgeschrieben:
Der mittlere Anbieter bekam den Auftrag.
Dadurch entfiel der „Zwang“, Kosten unbedingt klein zu rechnen.
Es scheint geklappt zu haben, der Tunnel in der Schweiz ist wohl finanziell und zeitlich im Rahmen geblieben.

Nach drei Stunden verlassen wir nachdenklich das Gelände.
Beim Abendessen diskutieren wir noch intensiv mit Reinhold Theiss weiter, bevor dieser nach Tegel aufbricht, um seinen Flieger nach Wien zu bekommen.
Denn er ist nur etwa einen Tag im Monat hier vor Ort (und legt viel Wert darauf!), alles andere geht heutzutage auf digitalem Weg…

Hier noch einige Bilder, die ersten sind aus der Baustelle Gleiswechselanlage, die weiteren aus der Baustelle Museumsinsel. Teils sind dort die aufgebrochenen Decken der bereits gebohrten Tunnelröhren zu sehen, der Bahnhof wird also noch einige Meter unter dem derzeitigen Niveau liegen.

Grubenfahrt in Ibbenbüren oder: Meine Geschichte mit dem Steinkohlebergbau von 1992-2016

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Abwärts

Ein grauer, stürmischer Februarnachmittag.
Es dämmert schon.
Vor mir eine schmale Öffnung.
Mit den schweren Stiefeln stolpere ich hinein.
Vierzehn Menschen stehen schließlich eng gedrängt.
Die Abdeckung fällt herunter und schon geht es los.
Mit acht Meter in der Sekunde stürzen wir hinab.
Es ist dunkel.
Keiner redet.
Jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt.
Allmählich wird es wärmer.
Nach zwei Minuten bremst der Korb.
Wir sind auf 1300 Metern.
Tief unten im Nordschacht von RAG Anthrazit in Ibbenbüren.

Meine ersten Begegnungen mit dem Bergbau

Laut meinem Kalender bin ich am 24. Februar 1996 in Lohberg erstmals eingefahren, am Tag des Apostels Matthias. Ich weiß noch, wie mich die Größe der Anlage unter Tage faszinierte, die breiten Gänge und die Menge an Technik.

Damals war ich am Niederrhein als Gemeindepfarrer nebenamtlich im KDA tätig. Im Kirchenkreis Dinslaken gab es zwei Zechen, in Dinslaken Lohberg-Osterfeld und in Duisburg Walsum. Der Bergbau war noch allgegenwärtig, ebenso wie die Stahlindustrie. Der Strukturwandel an Rhein und Ruhr war im Gang und er sollte sozialverträglich durchgeführt werden. In unseren synodalen Arbeitskreisen saßen wie selbstverständlich Bergleute und Gewerkschaftler der IGBE (später fusioniert zu IGBCE). Die Bevölkerung hatte große Sympathien mit den Bergleuten, verschiedenste Solidaritätsaktionen wurden von vielen mit getragen, sichtbarster Ausdruck war vielleicht das „Band der Solidarität“, eine Menschenkette durchs Revier im Jahr 1997. Es gab regionale Arbeitskreise Kirche und Kohle und die GSA (Gemeinsame Sozialarbeit von Kirche und Bergbau) war äußeres Zeichen der engen Verbundenheit wie auch manche Barbarafeier. Vielleicht haben einige es bereits geahnt, aber so richtig vorstellen konnte sich damals niemand, dass es knapp zwanzig Jahre später vorbei sein sollte mit dem Steinkohlebergbau in Deutschland.

All das war wichtig für mich als Gemeindepfarrer, denn ich habe etliche Bergmänner zu ihren Geburtstagen besucht und viele von ihnen später beerdigt. Ihre Geschichten ähnelten sich, viele kamen alleine oder mit ihren Familien nach dem Krieg an den Niederrhein, angeworben von den Zechen, die immensen Personalhunger hatten.

Tief unten

Wir verlassen den Förderkorb.
Kein Mensch ist zu sehen, dafür Leitungen, Rohre, Förderbänder, Treppen…
Langsam setzen wir uns in Bewegung.
Mit der Grubenlampe leuchte ich voraus.
Es ist uneben, streckenweise rutschig.
Etwa drei Kilometer liegen vor uns.
Die Füße tun mir jetzt schon weh in den ungewohnten Stiefeln.
Es ist angenehm warm, um die 25 Grad.
Noch haben wir Luft.
Ab und zu machen wir Halt.
Wir bekommen die Belüftung erläutert.
Erfahren, wie lange der Notarzt im Ernstfall braucht.
Ich verliere jedes Zeitgefühl.
Der Schweiß fängt langsam an zu laufen.
Wir begegnen lange keinem Kumpel.
Nur die Maschinen sind zu hören und das Rattern des Förderbands.

Heilig Abend auf Lohberg-Osterfeld

Wenn ich an Heilig Abend 1996 zurückdenke, dann ist der erste Impuls immer: Das wäre heute überhaupt nicht mehr vorstellbar. Auf Lohberg findet auf der vierten Sohle in 845 Meter Tiefe ein Gottesdienst am 24.12. vormittags statt. Selbst der spätere Ministerpräsident von NRW und damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement ist höchstpersönlich angereist. Ein Zeichen der Solidarität und der Verbundenheit in schwierigen Zeiten. Ein Signal soll von hier aus nach Bonn ausgehen, wo über die Zukunft der Zechen debattiert wird, wieder einmal. Noch ist die Unterstützung für den Bergbau vorhanden, in einigen Jahren wird sich der Wind radikal drehen.

Ein Bergmannschor singt, die Pfarrer Harrro Düx (evangelisch) und Wihelm Lepping (katholisch) zelebrieren die Andacht. Es gibt Grubenlampen für die anwesenden Vertreter/-innen mit der Bitte, diese mit in die Gottesdienste an Heilig Abend zu nehmen und von diesem ungewöhnlichen Gottesdienst zu erzählen. Im Gemeindehaus Rönskenhof steht die Grubenlampe in der Christvesper und anschließend in meinem Arbeitszimmer. Nach meinem Wechsel nach Osnabrück steht sie nun in meinem Büro.

Hier einige Zeitungsartikel, die ich noch in meinem Archiv gefunden habe, mit freundlicher Genehmigung der NRZ Dinslaken:

Pause

Irgendwann kommen wir zu ein paar Bänken.
Pause.
Helm runter, Schweiß abwischen.
Trinkflasche raus und ich nehme einen großen Schluck.
Komisch, es fühlt sich nicht so an als seien wir mehr als einen Kilometer unter Tage.
Wie ist das wohl Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr um Jahr hier unten zu arbeiten?
Hochachtung vor der Arbeit der Kumpel macht sich breit.
Nur kurz, es ist keine Zeit für tiefere Gedanken.
Unser Begleiter gibt schon wieder das Zeichen zum Aufbruch.

Die Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan Walsum

2001 kippt die Stimmung. Jedes Bergwerk muss Rahmenbetriebspläne für den Abbau der nächsten Jahre einreichen und genehmigen lassen. Walsum hatte keine Chance, zwischen zwei anderen Bergwerken blieb in der Nordwanderung nur der Weg unter die Stadt Voerde und den Rhein. Das löste Angst in der Bevölkerung und eine ungeheure Gegenbewegung aus. Die Anhörung fand in einer riesigen Halle statt. Und ich war überrascht, als ich merkte, dass auch eher konservative Gemeindeglieder Tag für Tag dort saßen. Sicher, der Bergbau hat auch Fehler gemacht und dachte, dieser Plan wird auch wieder wie alle anderen zuvor ruckzuck genehmigt sein. Weit gefehlt, am Ende führte die Geschichte zur „Walsumer Verständigung“ von 2005 und zur vorzeitigen Schließung der Zeche.

Erschreckend war die aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung zwischen Befürwortern und Gegnern. Es gab Beschimpfungen und durch manche Familien gingen Risse. Plakate wurden von hüben und drüben abgerissen. Veranstaltungen gab es unzählige, in denen in der Regel aufeinander eingeprügelt wurde oder nur eine Gruppe zu Wort kam. Eine haben wir vom KDA organisiert und es sollte die einzige sein, in der einigermaßen sachlich miteinander gesprochen wurde (unter diesem Link findet sich mehr zu der ganzen Geschichte der Auseinandersetzungen um diesen Rahmenbetriebsplan). Es war vor allem die Angst vor der Absenkung des Rheins und dessen Folgen (höhere Deiche), aber auch der Wertverlust von Eigenheimen. Dazu meldete sich das Umweltbewusstsein. Naturschutzverbände machten auf die Folgen aufmerksam und Politiker/-innen sprachen von der Notwendigkeit, „die Schöpfung zu bewahren“. Interessanterweise spielte der CO2-Ausstoß und die Folgen für das Klima noch keine Rolle. Es wurde eher kurzsichtig, „egoistisch“, genauer aus einem nationalen Blickwinkel heraus argumentiert. Denn es war klar, wenn die Kohle nicht aus der heimischen Erde geholt wird zur Verstromung, dann kommt sie eben aus China – und wird dort unter menschlich und ökologisch noch ganz anderen Umständen gefördert. Doch das spielte alles keine Rolle.

Im Streb

Irgendwann sind wir am Ziel.
Vor mir ein Loch.
76 Zentimeter hoch.
Der Streb liegt vor uns.
Jetzt heißt es krabbeln.
Erst noch die Lampe am Helm befestigen.
Dann hinein in die Enge.
Rechts von mir und über mir das schützende Schild.
Links das Transportband.
300 Meter soll der Streb lang sein.
Die Kumpel machen diesen Weg pro Schicht mehrmals.
Kaum zu glauben.
Wir müssen uns nur 25 Meter hindurch winden.
Mir reicht das auch.
Dann heißt es hinsetzen.
Gegenüber an der Wand glitzert es.
Das ist sie, die Kohle.
Ein Moment der Ehrfurcht.
Millionen Jahre lag sie in der Dunkelheit, jetzt kommt sie ans Licht
Der Hobel kommt von links heran gerauscht.
Ein Riesending, vielleicht fünf Meter lang.
3 cm hobelt er ab pro Vorbeifahrt.
Nach einer Weile kommt er von rechts zurück.
Dann bewegt sich etwas.
Ich erschrecke kurz, dann merke ich:
Das Förderband gleitet nach vorn, 6 cm.
Und das Schild über mir ebenso.
10 Meter pro Tag fräst sich die Maschine durch den Berg.
Und hinter ihr fällt in kürzester Zeit wieder alles zusammen.
Wahnsinn.

Es ist nicht erlaubt, unter Tage Fotos zu machen. Auf Youtube gibt es aber ein Video aus dem Jahr 2002, das die Atmosphäre und die Abläufe gut wieder gibt.Das beeindruckende Abhobeln der Kohle im Streb wird ab 17:16 beschrieben.
(Warum das Video bei 17:20 und nicht am Anfang beginnt, keine Ahnung…)

Zehn Jahre KDA in der Lohnhalle des Bergwerks West

2002 feiert die Regionalstelle für den KDA Duisburg-Niederrhein ihr zehnjähriges Bestehen. Auf Einladung der DSK (Deutsche Steinkohle AG) findet die Feier in der Lohnhalle des Bergwerks West in Kamp-Lintfort statt. Ein deutliches Zeichen für die Verbundenheit zwischen Kirche und Kohle und das Engagement der Regionalstelle in diesem Bereich. Jürgen Schmude, damals Präses der EKD-Synode, hält den Festvortrag. Neben Horst Manja als 1. Bevollmächtigter der IG Metall Duisburg und mir als Vorsitzendem des Geschäftsführenden Ausschusses spricht noch Bernd Tönnjes, Vorstandsvorsitzender der DSK . Ein kleiner Auszug aus meiner Rede:

„Wir feiern heute in der Lohnhalle des Bergwerks West in Kamp-Lintfort. Sie haben sich schnell und überaus einsatzbereit bereit erklärt, uns den Raum und auch Ihre Mitarbeiter für diese Feier zur Verfügung zu stellen. Das hat uns sehr gefreut, zeigt es doch, dass z. B. zum Bergbau in diesen Jahren intensive Kontakte entstanden sind, die hier einmal exemplarisch Früchte tragen. Dabei ist es keineswegs so, dass der KDA dem Bergbau unkritisch gegenüber stände. Gerade in den heftigen Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan des Bergwerks Walsum in den letzten beiden Jahren gelang es dem KDA, mit allen Konfliktparteien gleichermaßen im Gespräch zu bleiben. Diese Haltung hat dem KDA nicht nur Freunde, sondern auch Kritiker eingebracht. Aber in manchen Situationen muss man vermitteln, in anderen ohne Wenn und Aber Partei ergreifen, so wie es der KDA in vielen Auseinandersetzungen um Arbeit auch getan hat.
Also: wir sind gerne Ihrer Einladung gefolgt, heute hier in Kamp-Lintfort zu feiern. In einer Stadt, in der 1995 Bergarbeiterfrauen mehrere Wochen lang Zuflucht in der Christuskirche gesucht und gefunden haben.“

Rückmarsch

Wir kriechen zurück.
Das geht überraschend flott.
Aufrichten, strecken, durchatmen.
Das war schon eng …
Kurze Pause.
Dann geht es zurück durch die endlosen Gänge.
An einer Aufstiegstation machen wir halt.
Unser Begleiter stoppt das Förderband.
Wir steigen auf, legen uns auf den Bauch.
Mit einem kleinen Ruck geht es los und wir rasen durch den Berg.
Das macht Laune!
Zweimal heißt es umsteigen.
Stoppen, runter vom Band.
Ein paar Meter weiter bis zum nächsten laufen, hochklettern und weiter.
Das ist echt irre.
Viel zu schnell ist es vorbei.

Der Bergbau gerät aus dem Blick

Mit den Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan und den Vereinbarungen zu den Zechenschließungen setzen zwei Entwicklungen ein, die für mich als KDAler dazu führen, dass der Bergbau nach und nach aus dem Fokus gerät.

Einerseits werden viele Kumpel durch die sozialverträgliche Abwicklung der Schließungen von hier nach dort versetzt. Sie wohnen nicht mehr dort, wo sie einfahren. Das lockert die vormals engen Beziehungen zu den Orten und auch die Verbindung Kirche und Kohle. Und die Schließung von Lohberg und Walsum gehen auch verhältnismäßig geräuschlos über die Bühne. In Lohberg entsteht unter Einbeziehung etlicher Gebäude ein Kreativpark auf dem ehemaligen Zechengelände, ein Naherholungsgebiet und ein Neubaugebiet. Der Schacht Voerde, zur Zeche Walsum gehörend, wird zurück gebaut, dadurch werden auch Flächen frei, die einst meine Kirchengemeinde an die Ruhrkohle verpachtet hatte. Unvergessen bleibt mir ein Geburtstagsbesuch, wo zum 85. Jubelfest eines Kumpels der Bergmannchor kommt und im Garten drei Lieder singt, mit Stolz und Wehmut gleichermaßen in der Stimme.

Andererseits ziehen wir im KDA am Niederrhein aus den Diskussionen die Konsequenz, uns mit anderen Formen Energieversorgung und -gewinnung zu beschäftigen. Eng damit verbunden ist die Frage nach Ersatzarbeitsplätzen, denn nicht jeder Bergmann kann z.B. bei der Tunnelbaustelle am Gotthardt eine neue Beschäftigung finden. So besuchen wir u.a. die Firma Winergy in Voerde, die rasant wächst und mittlerweile ein Beschäftigungsmotor in der Stadt ist mit ihren Antriebskomponenten für Windkraftanlagen.

Aufwärts

Müde und hungrig quetschen wir uns erneut in den engen Korb.
Abdeckung runter und es geht hinauf.
Es wird schnell kälter.
Und schon ist es vorbei.
Der Korb hält, wir steigen aus.
Dunkel ist es hier oben geworden.
Es regnet und ist ziemlich frisch.
Unsere Grubenfahrt hat ein Ende.
Es geht zurück zum Hauptgelände.
Foto, klar, das muss sein.
Stiefel aus, Helm runter, Gürtel ab.
Dann Imbiss, mit ungewaschenen Händen.
Vor der Dusche und der Heimfahrt.

Ende 2018

Neu kommt der Bergbau erst wieder Ende 2014 in mein Blickfeld, als ich nach Osnabrück ziehe und nun als Referent im KDA der hannoverschen Landeskirche arbeite. Ibbenbüren liegt nur ein paar Kilometer jenseits der nahen Landesgrenze. Ich erinnere mich daran, dass der heutige Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann 1992 Gründungsmitglied des synodalen Fachausschusses des KDA im Kirchenkreis Dinslaken war. Und den Öffentlichkeitsbeauftragten Uwe Reichow kenne ich auch noch vom Niederrhein her. So entstand die Idee einer Grubenfahrt speziell für Menschen, die an verschiedenen Stellen in Kirche tätig sind, aber noch nie unter Tage waren. Erst später, als die Grubenfahrt längst ausgemacht war, stoße ich auf die reichhaltige Bergbautradition in Osnabrück und Georgsmarienhütte und besuche das Industriemuseum am Piesberg.

Noch einmal einfahren zu können, war für mich eine Reise in die Vergangenheit. Vieles stand mir wieder vor Augen, was ich seit 1992 erlebt habe, seit ich im KDA anfing. Zuhause habe ich nachgelesen in meinen Aufzeichnungen und fand auch die verschiedenen Zeitungsartikel. Während ich das nun aufgeschrieben habe, war ich beeindruckt von der Fülle der Ereignisse und Diskussionen, die sich für mich in der Begegnung mit dem Steinkohlebergbau und den Kumpels ergeben haben.

Die Grubenfahrt im Februar 2016 war eine der letzten Einfahrten für Besuchergruppen, da die Abbaugebiete demnächst noch weiter vom Nordschacht entfernt sein werden und nicht mehr erreicht werden können. Aber die Idee kommt auf, die Schließung der Zeche in Ibbenbüren 2018, die zugleich das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus bedeutet, zum Anlass nehmen, dies aufzugreifen und mit der Tradition in Niedersachsen zu verbinden. Den Spuren finden sich sowohl in der Landschaft als auch in den Köpfen und Herzen – und auch die Zeche in Ibbenbüren gehörte einst zur Preussag bzw. zu TUI, also Konzernen mit niedersächsischer Geschichte. Wir werden diese Idee weiter verfolgen.

Studienreise Thessaloniki V: Wir haben keine Luft mehr zum Atmen

Thessaloniki 36

Wir fahren mit dem Bus in den Süden der Stadt.
Irgendwo steigen wir aus.
Das Meer ist nicht weit.
Ein verrosteter Schiffsrumpf im Rohbau erinnert daran, dass hier mal Werften angesiedelt waren.
Wir gehen eine kleine Straße lang und stehen schließlich vor vio.me.
Der Betrieb ist vor vier Jahren von seinen Mitarbeitenden besetzt worden.
Nachdem die Eigentümer ihn aufgegeben haben.
Früher wurden hier Fliesen und Kleber produziert.
Heute arbeiten 20 Menschen daran, biologische Reinigungsmittel und Seifen herzustellen.
Auf rein biologischer Basis.
Mit Rohstoffen, die im Land wachsen.
Unter einem Schutzdach werden wir empfangen, Kaffee wird serviert.
Dann wird erzählt.
Und die Geschichte ist unglaublich und lang und kompliziert.
Krimineller Bankrott, nicht ausgezahlte Löhne, Gerichtsverfahren von hinten und vorne.
Im Netz finden sich etliche ausführliche Berichte.
Ich lasse die Erzählung auf mich wirken.
Es geht wieder um Würde.
Wir wollen uns nicht unterkriegen lassen.
Und es geht um Werte.
Jede und jeder erhält den gleichen Lohn, 370 €.
Einige, die es dringend benötigen, bekommen 700 €.
Und übernehmen dafür den nächtlichen Wachdienst, der notwendig ist.
Die Gleichheit wollten nicht alle mitmachen.
Ich hab doch eine höhere Qualifikation, mir steht doch mehr zu.
Sie sind heute fort.
Andere haben resigniert.
Vier Jahre …

Danach ein Rundgang.
Das Forschungslabor ist nicht mehr als eine Waschküche, würden wir in Deutschland sagen.
Mit einfachsten (Hilfs-) Mitteln wird experimentiert.
In einer großen Lagerhalle sitzen zwei Männer und verpacken Seife.
Mit der Hand, Stunde um Stunde.
Wir sehen Paletten mit Seife, die gerade trocknet.
Und Transparente, die überall hängen.
Ich ahne meist nur, was darauf steht:
Solidarität.
Begeisterung kommt auf, als einer von der Ruhrorter Schiffswerft erzählt.
Die vor zwanzig Jahren von den Mitarbeitenden nach der Pleite übernommen wurde.
Und heute erfolgreich arbeitet.
Der gegenwärtige Chef ist Grieche.
Mailadressen und Telefonnummern werden ausgetauscht.
Ein neuer Funke Hoffnung.
Wir suchen in Europa und weltweit solche Erfahrungen, hören wir.

Bevor wir wieder aufbrechen, wollen wir Seife kaufen.
Es dauert.
Man lässt es sich nicht nehmen, deutsche Etiketten zu verwenden.
Doch die müssen erst gesucht werden.
Vierzig Päckchen werden dann verschnürt und mit dem Etikett versehen.
Einige von uns setzen sich und machen mit.
Ein besonderer Moment.

Wir gehen zurück zur Bushaltestelle.
Mich bewegt eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Scham und Bewunderung.
Im Bus wird einer von uns in Gespräch verwickelt.
Grieche, in Deutschland aufgewachsen und hat lange dort gearbeitet.
Hier ist er vier Jahre arbeitslos.
Sein Zorn auf die deutsche Regierung ist groß.
Immer wieder wird er laut und lauter, entschuldigt sich dann wieder.
Hängen bleibt bei mir der Satz:
„Meine Mutter fragt mich immer: Warum gehst du nicht zurück nach Deutschland? Aber das kann und will ich nicht mehr.“

Dann kommt es zu einem Treffen mit  Syriza.
Alexandra Chrisopoulos und Nikos Pavlidis.
Sie ist vor allem in Thessaloniki aktiv, er  ist für ganz Nordgriechenland zuständig.
Es ist schwierig für mich, dem Gespräch zu folgen.
Er spricht griechisch, sie übersetzt simultan auf englisch.
Zwischendurch erzählt auch sie von ihrer Arbeit und ihren Eindrücken.
Wirklich Neues ist nicht dabei.
Aber auch hier geht es wieder um Würde.
Wir haben keine Luft zum Atmen.
Wir haben ein Programm, aber wir brauchen fünf Jahre.
Wir haben Probleme, viele auch hausgemacht.
Jetzt ist die Chance da, das alte korrupte Zweiparteiensystem zu knacken.
Gebt uns Zeit.
Und ich höre heraus:
Gebt uns Hoffnung.

Abends Begegnung in und mit der deutschen evangelischen Gemeinde.
Auch der Generalkonsul Ingo von Voss ist da.
Er, die Pfarrerin Ulrike Weber und andere Mitarbeitende erzählen uns ihre Wahrnehmung.
Wieder neue Perspektive und Eindrücke.
Bis nach Mitternacht sitzen wir schließlich in einem Straßencafe unweit des Hotels.‘
Und reflektieren all das, was wir heute gesehen und gehört haben.

Mehr Bilder zu vio.me gibt´s hier: Studienreise Thessaloniki: Bilder von den weiteren Tagen