Wertewelten im Grundeinkommen

Wertewelten im Grundeinkommen

I. – Einleitung

2015 war ich Berlin dabei, als auf dem Kongress Arbeiten 4.0 die Studie „Wertewelten“ von nextpractice vorgestellt wurde. Ich saß im Auditorium, lauschte fasziniert den Ausführungen und den Beschreibungen der sieben idealtypischen Wertewelten, die vorgestellt wurden. Schlagartig wurde mir klar, warum es zB in Büros Streit über Weihnachtsfeiern oder Betriebsausflüge gibt, um nur „einfache“ Beispiele zu nennen: Es liegt oft „nur“ daran, dass wir Menschen sehr unterschiedliche Werte mit unserer Arbeit verbinden. Seither begleitet mich diese Studie und ich habe verschiedentlich in Vorträgen und Beiträgen auf sie verwiesen.

Im Sommer und Herbst letzten Jahres (2017) schwappte die Diskussion um das Bedingungslose Grundeinkommen wieder einmal stärker an die Oberfläche. Das geschieht offenbar in periodischen Abständen. Auslöser war eventuell die sehr vage Absicht im Koalitionsvertrag der Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein, über Alternativen zum heutigen System nachzudenken oder auch die Tatsache, dass die Ein-Punkt-Partei „Bündnis Grundeinkommen“ zur Bundestagswahl antrat. Schon früher habe ich verschiedentlich Texte zum Grundeinkommen verfasst, zur Zeit beschäftige ich mich wieder intensiver mit dieser Diskussion.

II. – Wertewelten im Grundeinkommen

Die Gespräche und Diskussionen um das Grundeinkommen werden in der Regel äußerst differenziert geführt. Irgendwann dachte ich, das liegt doch auch daran, dass Menschen sehr verschiedene Werte mit dem Grundeinkommen verbinden und von dort aus Sehnsüchte oder Befürchtungen formulieren. Von da war es nicht weit zu der Frage: Wie sehen die Menschen in den sieben Wertewelten das Grundeinkommen? In diesem Beitrag möchte ich dazu eine Antwort in Form von „Ich-Aussagen“ geben.

Ich beschreibe jeweils kurz die Wertewelt und orientiere mich dabei an den veröffentlichten Unterlagen. Dazu steht in Klammern zum einen der Prozentanteil dieser Wertewelt an der Gesamtzahl der befragten 1000 Personen und danach die jeweilige prozentuale Verteilung innerhalb der jeweiligen Gruppe auf Männer und Frauen. Diese beruht auf eigenen Berechnungen, die Autoren der Studie differenzieren nicht zwischen den Geschlechtern, haben mir aber auf Nachfrage die Rohdaten zur Verfügung gestellt. Dies ist auch für das Grundeinkommen von Bedeutung, weil von einer Einführung Männer und Frauen unterschiedlich profitieren würden. Nach der jeweiligen Skizze der Wertewelt folgt dann die Stellungnahme eines fiktiven Menschen zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Ziel ist es, mich aus Sicht der sieben Wertewelten ins Grundeinkommen hineinzudenken, zu -fühlen. Damit verbunden soll deutlich werden, dass Arbeit, Leistung und Einkommen je nach Wertewelt in unterschiedlicher Weise aufeinander bezogen sind, die jeweilige Be-Wert-ung des Grundeinkommens ist ein Spiegel dieses Verhältnisses.

Streng genommen müsste ich zu jeder der sieben idealtypischen Wertewelten jeweils zwei fiktive Ich-Aussage aus weiblicher und männlicher Sichtweise formulieren, für ein erstes Herantasten soll dieser Versuch erst einmal genügen, zumal ich die Gefahr sehe, dass dies zu schnell in Klischees abgleitet. Evtl. überarbeite und erweitere ich den Text zu einem späteren Zeitpunkt in dieser Hinsicht.

III. – Fiktive Ich-Aussagen zum Grundeinkommen

a) Sorgenfrei von der Arbeit leben können (28% aller Befragten – 48% Männer, 52% Frauen)

Die Befragten dieser Wertewelt kritisieren vor allem den subjektiv zunehmenden Konkurrenzdruck und den erlebten Zwang, immer mehr arbeiten zu müssen. Sie erleben eine Gesellschaft, die sich zunehmend in Arme und Reiche spaltet. Das von diesen Befragten wahrgenommene Bild der heutigen Arbeitswelt entspricht nicht mehr ihren Vorstellungen von einer wünschenswerten Arbeitswelt, die durch finanzielle Sicherheit, Fürsorge und Abwesenheit von Druck geprägt ist. Auch der Blick in die Zukunft gibt diesen Befragten kaum Hoffnung auf Verbesserungen. Im Gegenteil befürchten sie eher eine weitere Verschlechterung.

„Ein Grundeinkommen würde mir einen Teil der Sorgen um mich und meine Familie nehmen, die mich stets begleitet. Es wäre so eine Art emotionale Grundsicherung und ich bekäme Luft zum durchatmen. Keinesfalls würde ich meine Berufstätigkeit aufgeben, wahrscheinlich würde ich das Grundeinkommen auf ein Sparkonto packen, für schlechte Zeiten. Und wenn diese nicht kommen, dann würde ich mir später vielleicht von diesem Ersparten einige Monate, ja, ein Jahr als Auszeit nehmen. Um mich mit mir selbst zu beschäftigen und mein Verhältnis zur Arbeit neu zu bestimmen.“

b) In einer starken Solidargemeinschaft leben (9% aller Befragten – 58% Männer, 42% Frauen)

Nach Einschätzung der Befragten in dieser Wertewelt werden Konkurrenz, soziale Isolation und mangelndes Sinnerleben weiter zunehmen, Wertschätzung und Loyalität an Bedeutung verlieren. Die Befragten aus dieser Wertewelt finden ihre Identität gerade in der Berufswelt, durch die sie sich als Teil der Gesellschaft erleben. Der Verlust an gesellschaftlicher Bindung und Anerkennung durch die Arbeit ist für diese Befragten ähnlich beängstigend wie das Infragestellen ihrer materiellen Grundlagen für die Befragten der ersten Gruppe.

„Mir ist es wichtig, dazuzugehören. Erwerbsarbeit für alle gibt es einfach nicht mehr, immer mehr Männer und Frauen sind abgehängt, seit Jahren arbeitslos ohne jede Perspektive. Ich bin mir unsicher, ob ein Grundeinkommen hier etwas ändert, die Menschen wollen doch nicht nur Geld, sie wollen teilhaben, mitwirken. Ja, die materiellen Sorgen wären vielleicht geringer, aber ich wünsche mir viel stärker noch, dass der Staat und die Unternehmen viel mehr dafür tun, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Denn Arbeit für alle hält die Gesellschaft zusammen, nicht 1000 € ohne Gegenleistung für jede und jeden.“

c) Den Wohlstand hart erarbeiten (15% aller Befragten – 57% Männer, 43% Frauen)

Im Unterschied zu den zwei ersten Wertewelten stellen diese Befragten nicht das Funktionieren des Systems als Ganzes infrage. Auch ihre Ansprüche an die Gesellschaft sind deutlich geringer ausgeprägt. Es gilt lediglich Voraussetzungen zu schaffen, damit sich die Anstrengungen des Individuums auch lohnen. Zwar beschreiben auch diese Interviewpartner eine Arbeitswelt, in der sie gerade mit ihren menschlichen Interessen weniger Platz finden als früher. Sie sehen es aber letztlich als Aufgabe des Einzelnen, sich unter den neuen Bedingungen zu behaupten.

„Ich halte nichts von einem Grundeinkommen, und ganz ehrlich, ich fände es befremdlich, wenn ich solch ein Geschenk vom Staat bekommen sollte. Ich arbeite gerne und ich weiß, dass meine Arbeit auch ihren Lohn wert ist. Wer nicht arbeitet, soll dafür nicht auch noch belohnt werden. Wo ist denn der Anreiz zu arbeiten, wenn mein Auskommen gesichert ist?! Und umgekehrt frage ich die Befürworter eines Grundeinkommensw: Wertet ihr so nicht Arbeit und Leistung ab?“

d) Engagiert Höchstleistungen erzielen (11% aller Befragten – 63% Männer, 37 % Frauen)

Die Befragten dieser Wertewelt fühlen sich also in der heutigen Arbeitswelt gut aufgehoben und nehmen die bisherige Entwicklung als sehr positiv wahr. Mit Blick auf die Zukunft wird kaum korrigierender Handlungsbedarf gesehen. Lediglich in der Sorge um den Erhalt der Gesundheit der Erwerbstätigen haben diese Befragten noch unerfüllte Erwartungen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sie eine zunehmende Spaltung am Arbeitsmarkt wahrnehmen, ohne zu großen Anstoß daran zu nehmen.

„Mich interessiert die Diskussion um ein Grundeinkommen nicht. In einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft brauchen wir das nicht. Viel wichtiger finde ich, dass der Staat Menschen dabei unterstützt, sich stetig weiterzubilden und weiter zu entwickeln. Für die eine oder den anderen mag dafür so etwas wie ein Sabbatjahr hilfreich sein, und auf Antrag sollte das auch ermöglicht werden, damit jede und jeder dazu ermutigt wird, seine Potentiale voll ausschöpfen zu können. Und unser Gesundheitssystem sollte noch stärker auf Prophylaxe und das Angebot von Kuren ausgerichtet sein, also greifen, bevor wir krank werden durch unsere Berufstätigkeit.“

e) Sich in der Arbeit selbst verwirklichen (10% aller Befragten – 56% Männer, 44% Frauen)

Die Mitglieder dieser Wertewelt konzipieren die Gegenwart als Umbruchphase auf dem Weg in eine Arbeitswelt, in der sich alle ihre Vorstellungen realisieren lassen. Für diese Befragten werden starre, konventionelle Muster zugunsten individueller beruflicher Gestaltungsmöglichkeiten immer weiter zurückgedrängt. Was heute noch nicht ist, wird für die Zukunft erwartet. Diese Wertewelt unterscheidet sich von allen bisher dargestellten vor allem durch ihren Optimismus. Auch scheinen die Themenfelder Absicherung und Anerkennung, die für die bisher dargestellten Wertewelten wichtig waren, in dieser Wertewelt hinter individuellen Anliegen nach beruflicher Entfaltung zurückzustehen.

„Ich fände es gut, wenn es ein Grundeinkommen gäbe, das würde mich darin sehr unterstützen, mich in meiner Arbeit wiederzufinden. Arbeit ist ein spannender, wesentlicher und unverzichtbarer Teil meines Lebens, ich würde nie darauf verzichten. Und es gibt heute auch unglaublich viele Möglichkeiten und Herausforderungen, denen ich mich gerne widmen möchte. Ein Grundeinkommen würde mir aber helfen, Übergänge zu gestalten, vielleicht mal ein paar Monate arbeitslos sein zu können, bis ein gutes neues Angebot kommt. Oder ohne materiellen Verlust einige Zeit meine Arbeit zu reduzieren, um mehr mit meinen Kindern zusammen sein zu können. Ein Grundeinkommen passt für mich in eine Gesellschaft, die in Zukunft menschliche Potentiale in allen Bereichen unseres Zusammenlebens ausschöpfen möchte.“

f) Balance zwischen Arbeit und Leben finden (14% aller Befragten – 50% Männer, 50% Frauen)

Diese Interviewpartner sehen sowohl die frühere als auch die heutige Arbeitswelt sehr kritisch. Ihre Vorstellungen von einer idealen Arbeitswelt haben kaum etwas mit den bisher bekannten Verhältnissen zu tun. Aufgrund der enorm optimistischen Erwartungen an die Zukunft können die Befragten dieser Wertewelt zunächst als Treiber einer zukünftigen Entwicklung gesehen werden. Es besteht allerdings auch das Risiko eines Rückzuges, wenn sich die Realität als zu widerständig für die Ideale dieser Menschen erweisen sollte.

„Ein Grundeinkommen? Ja, bitte, unbedingt! Erwerbsarbeit ist nicht das ganze Leben, ganz im Gegenteil. Mit einem Grundeinkommen würde es mir wesentlich leichter fallen, die verschiedenen Bereiche meines Lebens in der Balance zu halten. Vielleicht brauche ich das Grundeinkommen nicht heute, aber dann kann ich das Geld für später sparen, wenn ich zB meine Eltern pflegen muss oder meine Kinder Unterstützung in der Schule benötigen können. Oder ich könnte meine Erwerbstätigkeit reduzieren, wenn mir ein spannendes Ehrenamt über den Weg läuft. Ich würde aufatmen, denn ich habe oft ein schlechtes Gewissen, weil meine Erwerbstätigkeit oft so viel von mir fordert, dass wenig Zeit und Kraft für anderes bleibt. Und es gibt so viel zu tun!“

g) Sinn außerhalb seiner Arbeit finden (13% aller Befragten – 48% Männer, 53% Frauen)

Für diese Befragten sind Aspekte relevant, die sich teilweise nicht mit den gängigen Vorstellungen der Arbeitswelt und klassischer Erwerbstätigkeit in Verbindung bringen lassen. Diese Gruppe unterscheidet sich damit prinzipiell von allen anderen bisher dargestellten Wertewelten. Denn alle anderen Wertewelten haben entweder in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft der Arbeitsgesellschaft ihre Anknüpfungspunkte gefunden, diese Wertewelt dockt in zentralen Fragen des Lebens außerhalb der Erwerbstätigkeit an.

„Das heutige System von sozialer Sicherung orientiert sich ausschließlich an der Erwerbsarbeit. Alle sollen erwerbstätig sein, nur Kinder oder Ältere und kranke Menschen sind davon ausgenommen. Leider gilt dabei: Erwerbsarbeit ist wertvoller und wichtiger als Carearbeit. Warum eigentlich? Ein Grundeinkommen, nein, es muss heißen: ein Grundauskommen dreht diese Logik um, gibt Menschen ihren Wert durch ihre reine Existenz und bindet ihn nicht an das, was wir leisten. Darauf kann eine Gesellschaft besser aufgebaut werden als auf dem Leistungsprinzip. Erwerbstätigkeit ist doch nicht der Sinn des Lebens, den finde ich an anderen Orten. Ein Grundauskommen würde diese Sichtweise bestätigen und ernst nehmen.“

IV. – Fazit

Diese fiktiven Ich-Aussagen spiegeln Werte im Feld von Arbeit/Tätigkeit, Leistung und Entlohnung und machen verständlich, warum es in vielen Diskussionen um das Grundeinkommen emotional, ja, leidenschaftlich zugeht: meine Haltung zum Grundeinkommen spiegelt meine Einstellung zu (Erwerbs-) Arbeit, und Tätigsein ist ein zentraler Aspekt unseres Menschseins.

Ergänzt werden könnten diese Aussagen nun noch mit Menschen, die nicht im Erwerbsleben stehen, aber auch ein Grundeinkommen erhalten würden: Kinder und Ältere, Menschen in der Ausbildung, Erwerbslose und Nicht-Erwerbsfähige wie Menschen mit Beeinträchtigungen. Mein Eindruck ist, dass die Debatte häufig aus Sicht dieser Personengruppen geführt wird, die ohne Zweifel mit einem Grundeinkommen finanziell vermutlich anders da stehen, weil ihr finanzielles Auskommen bedingungslos (!) gesichert wäre. Diesen Text verstehe ich als einen Beitrag dazu, auch die heute Erwerbsfähigen differenzierter in der Diskussion in den Blick zu nehmen. Wenn euch  Ergänzungen, Erweiterungen, Korrekturen zu den Ich-Aussagen einfallen, dann schickt sie mir oder schreibt sie als Kommentar unter den Beitrag, das würde mich freuen.

Zwei Tage Wittenberg im Juni 2017

Wir, also meine Frau Christine und ich, waren in Wittenberg. Zwei Tage lang. Im Juni 2017, während des Reformationssommers, der sich im Dauerregen allerdings wenig sommerlich präsentierte. Ein klitzekleines Fotoprotokoll.

Zunächst nahmen wir am KWA-Forum: „Wenn jedes Maß verloren geht“ teil. Axel Noack ließ vor allem Luther zu Wort kommen…

… Sahra Wagenknecht blieb in den berliner Regenfluten stecken, so dass sich diese fünf Herren leider schon zu einig waren.

Natürlich haben wir die berühmte Tür der Schlosskirche besucht, an der alles anfing (oder auch nicht).

Auch innen drin gibt es sehr schöne Blickwinkel.

Einen kleinen Abstecher machten wir zur Berufungsfabrik, die unter anderem diese interessante Frage stellt.

Und das Asisi-Panorama durfte auch nicht fehlen.

Aber „eigentlich“ waren wir hier, um einen Workshop zum Bedingungslosen Grundeinkommen anzubieten. Wir haben ihn unter die Überschrift gestellt: „Bedingungsloses Grundeinkommen – Wie wollen wir als (Arbeits-)Gesellschaft leben?“ und verschiedene Stationen angeboten.

Zum Beispiel zur Maschinensteuer …

… oder zum Zusammenhang von Grundeinkommen und Care.

Am Ende hat uns Friedrich Kramer, Direktor der Akademie in Wittenberg, nach einem kurzen, aber intensiven Austausch noch zusammen fotografiert. Danach ging es ab in den Urlaub!

 

 

Erntedank, Care-Ökonomie und ein Haufen Gold

Bern, am letzten Freitag. Die »Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen« inszeniert die Übergabe von 126.000 Unterschriften medienwirksam, indem sie acht Millionen goldglänzende Fünfräppler auf dem Bundesplatz aufschüttet. Die Bilder gehen um die Welt.

 

Mit dabei sind an diesem Tag einige Frauen mit Plakaten. Sie werden von den Kameras der großen Medienanstalten weitgehend übersehen. Schade, denn sie weisen auf einen wichtigen Aspekt in der ganzen Debatte um das Grundeinkommen hin: »Bedingungsloses Grundeinkommen nur mit Care-Ökonomie!«

 

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Die Plakate in Bern weisen auf einen Konflikt hin, der in der Schweiz in einen noch nicht entschiedenen Rechtsstreit mündete. Im Kern geht es um die Frage, ob die Medien sachgerecht berichten, wenn sie die unterschiedlichen Auswirkungen eines Grundeinkommens auf Frauen und Männer nicht zur Sprache bringen. Der Hinweis auf die Care-Ökonomie lenkt in diesem Zusammenhang den Blick auf die Tatsache, dass sich ein Grundeinkommen auf Männer und Frauen unterschiedlich auswirken würde.

 

Care-Arbeit, immer noch überwiegend in den Händen von Frauen.

 

Das Allensbacher Institut hat in der letzten Woche eine Umfrage veröffentlicht, dass den Männern die Gleichberechtigung mittlerweile auf den Nerv geht, und sie gleichzeitig nach wie vor davon überzeugt sind, dass Frauen besser bügeln können als sie.

 

Hat diese Wertung ihren Grund auch darin, dass solche Arbeit nicht finanziell entlohnt wird?

Ein Grundeinkommen würde dies ändern. Unbezahlte Arbeit würde honoriert, während der gut verdienende Mann von einem Grundeinkommen nichts oder zumindest weniger hätte.

 

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Was hat das alles mit Erntedank zu tun? Viel, eigentlich alles.

 

Die christliche Gemeinde feiert seit je her an diesem Fest den Ertrag der Ernte. Zu einer Zeit, in der 90% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig waren, war der existentielle Bezug offensichtlich. Heute ist dieser verloren gegangen, zumindest in den Wohlstandsnationen mit ihren Supermärkten, in denen es immer Erdbeeren gibt.

 

Daher ist der Gedanke des Festes erweitert geworden, was z.B an der modernen Strophe des Liedes »Wir pflügen und wir streuen« abgelesen werden kann.:

Auch Autos und Maschinen,

die kommen her von Gott,

wenn sie dem Menschen dienen

und lindern Last und Not.

Fabriken und Behörden,

wenn menschlich sie gelenkt

und uns zur Hilfe werden,

sind uns von ihm geschenkt.

(Karlheinz Geil, in: Schneider/Vicktor, Alte Choräle – neu erlebt, S. 200)

Oder, noch deutlicher:

Das meiste, was wir essen,

das hat ein andrer g´sät.

Wie leicht ist der vergessen,

der pflanzte, der´s gemäht.

Von anderen Völkern nehmen

wir Kaffee, Obst und Wein.

Hat jeder was zum Leben?

Das Brot muss allen sein.

(Joachim Ritzkowsky,in: Menschenskinderlieder, Nr. 62)

Hier wird deutlich, dass wir als Menschen in Bezügen leben, die wir als Einzelne weder geschaffen haben noch erhalten können. Ein autarkes Leben ist nicht möglich, wir sind soziale Wesen und so eingebunden in (Wirtschafts-) Kreisläufe unterschiedlichster Ausprägung. Und so haben wir als Einzelne auch Teil an der weltweiten Zerstörung und Ausbeutung von Natur und Mensch, wie exemplarisch an dieser Website aufgezeigt werden kann: www.slaveryfootprint.org

 

Erntedank heißt dann, mich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ich in Geflechte verflochten bin, die mich am Leben erhalten, die aber gleichzeitig Leben bedrohen und zerstören. Erntedank öffnet sich so einmal zum Dank der Macht gegenüber, die unser aller Leben durchdringt und erhält und zum anderen zur Klage, zum Schuldbekenntnis gegenüber Gott, dem Eingeständnis, bewusst und/oder unbewusst, aktiv/passiv verstrickt zu sein in ungerechte Verhältnisse und in Leid oder gar Tod bringende Strukturen.

 

Diese Erkenntnis ebnet den Weg, auch den Gedanken der Care-Ökonomie in das Erntedankfest einzubeziehen und so den Blick auf die unterschiedliche, genauer: ungerechte Bewertung der Arbeit/Tätigkeiten von Männern und Frauen zu lenken.

 

Lange bekannt ist die Tatsache, dass die Summe der unbezahlten Tätigkeiten in unserem Land in etwa der Summe der Leistungen im Bereich der Erwerbsarbeit entspricht. Ins Bruttoszialprodukt einbezogen, würde sich dieses verdoppeln.

 

Keineswegs müssen/sollten alle Tätigkeiten zwingend bezahlt werden. Aber in einer Zeit, in der alles und jedes in Geld aufgewogen wird, gelten bezahlte Tätigkeiten eben mehr als unbezahlte Arbeit. Und auch innerhalb des Systems der Erwerbstätigkeiten werden Arbeiten unterschiedlich gewertet. Die Reinigungshilfe bezahle ich deswegen, weil ich meine, dass meine anderen Tätigkeiten wichtiger sind als die Drecksarbeit. (Für Haushaltshilfen bei Krankheit oder anderen Einschränkungen gilt dies selbstverständlich nicht.)

 

An dieser Stelle setzt der Hinweis der Frauen auf dem Bundesplatz in Bern ein. Und es ist mehr, es ist ein Protestruf: Kein Grundeinkommen ohne Care-Ökonomie!

 

Keine Diskussion um das Grundeinkommen ohne die spezifische Lage von Frauen mit in den Blick zunehmen. Der Frauen, die eben immer noch einen Großteil der Care-Ökonomie leisten – was offensichtlich, so die genannte Umfrage, viele Männer völlig richtig finden. Ein Grundeinkommen würde ihre Situation verbessern, ihre Tätigkeiten im Rahmen der herkömmlichen Ökonomie finanziell zumindest bedingt würdigen und den Preis für manche Drecksarbeit »realistischer« gestalten. Die Sorge, dass unser Leben zusammenbricht, wenn ein Grundeinkommen gezahlt wird und sich niemand für die Reinigung, den Müllwagen usw. findet, ist völlig unberechtigt und zeigt die Verlogenheit: Wir müssten der Reinigungsfrau und dem Müllmann mehr »bieten«, wenn die pure Not sie und ihn nicht mehr zwingt, für einen Hungerlohn zu arbeiten.

 

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Hier schließt sich der Kreis zum Erntedankfest. Die Erkenntnis, ich kann nicht allein leben und ich mich immer dem funktionierenden System von Natur, Kultur und Wirtschaft verdanke stellt die Frage nach dem Wert jeder Arbeit. Theologisch gesprochen sind sie alle gleichwertig. Von daher gilt es am Erntedanktag auch denjenigen Dank zu sagen, die durch ihre Care-Tätigkeit die Hälfte unseres Systems am Leben halten. Und darüber zu klagen, dass hier durch schiefe Bewertung ungerecht gedacht und gehandelt wird. Der Protest eines Amos und eines Jesaja würden sich heute auch gegen die Ausbeutung von Frauen in der Care-Ökonomie richten, da bin ich mir sicher.

 

Im Blick auf eine theologische Wertung des Grundeinkommens vertrete ich daher die Auffassung: Der bedingungslosen Liebe Gottes entspricht ein vorschießendes bedingungsloses Grundeinkommen für jede Frau, jeden Mann. Das habe ich aber an anderer Stelle ausführlich dargestellt: Bedingungslos geliebt. Leistung zwischen Vorschuss und Bewährung.

 

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(Die Bilder wurden von Ina Praetorius – auf dem Foto 2. von rechts – zur Verfügung gestellt.)

Linkliste „Basic Income Initiative“

Die „Initiative for a Basic Income in Europe“ hat gestern auf Facebook folgendes mitgeteilt:

Dear friends,
The European Commission just informed us that the request for registration of our European Citizens Initative on „Unconditional Basic Income (UBI) – Exploring a pathway towards emancipatory welfare conditions in the EU“ has been ACCEPTED.
Hereby starts the first European-wide campaign for basic income, with 14 countries involved so far.

Aus diesem Anlass hier ein paar Links zur Thematik.

Die europäische Initiative hat diese Website erstellt:

www.basicincomeinitiative.eu/

Das deutsche Netzwerk findet sich hier:

www.grundeinkommen.de

Dort finden sich auch viele weitere Verknüpfungen, so z.B. Berichte über das Grundeinkommensprojekt in Namibia.

Zum Grundeinkommensprojekz Namibia gibt es eine informative Seite:

Grundeinkommen in Namibia

Unter diesem Link kann mann/frau sich in Deutschland der Kampgne anschließen:

Unterschriftenaktion zum Grundeinkommen

In der Schweiz sammelt schon länger eine Volksinitiative Unterschriften zur Einführung eines Grundeinkommens:

www.grundeinkommen.ch/

Ich selber beschäftige mich seit längerem auch aus theologischer Sicht mit dem Grundeinkommen. Hier zum Beispiel (Der Text findet sich auch weiter unten im Blog!):

Bedingungslos geliebt. Leistung zwischen Vorschuss und Bewährung

Weitere Texte und Predigten finden sich auf meiner Website.

Für mein Nachdenken über das Grundeinkommen ist ein kleines Büchlein von Martin Booms bedeutsam geworden, der die Diskussion über die praktischen Fragen hinaus ausweitet:

Ideal und Konzept des Grundeinkommes

Booms macht verschiedene Potentiale der Diskussion aus, die aus meiner Sicht Engführungen vermeidet und zugleich aus den Sackgassen von Detaildiskussionen herausführt, in denen mann/frau sich schnell verzetteln kann.

Wer auf Facebook ist, kann sich auch diesen lesenswerten Vortrag von Ina Praetorius durchlesen:

Bedingungslos? Ein theologischer Beitrag zum Nachdenken über die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen