Sozialanwaltschaft – Barmherzigkeit drängt auf Gerechtigkeit

Sozialanwaltschaft – Barmherzigkeit drängt auf Gerechtigkeit

Anlass und Absicht

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag von Alexander Dietz über Sozialanwaltschaft. Dieser in der Diakonie schon lange beheimatete Begriff ist für mich ganz neu. Ich recherchiere etwas und stoße auf einen Sammelband, den Alexander Dietz mit Stefan Gillich zusammen herausgegeben hat. Er trägt den Titel: Barmherzigkeit drängt auf Gerechtigkeit (erschienen in der EVA Leipzig).

Die hier versammelten Aufsätze umkreisen Sozialanwaltschaft theoretisch und praktisch. Ich beginne zu ahnen, dass dieser Begriff geeignet ist, wie durch ein Brennglas Fragestellungen zu bündeln, zu präzisieren und in die Weite zu führen. In diesem Beitrag versuche ich Einsichten aus der Lektüre festzuhalten. Ich sortiere diese unter verschiedenen Überschriften mit Reflexionen oder Kommentare, am Ende nehme ich noch einen Gedanken aus dem Vortrag auf von Alexander Dietz auf.

Sozialanwaltschaft aus Herausforderung für die verfasste Kirche

Es ist die Lage der Schwächsten, an der sich entscheidet, ob von Gerechtigkeit die Rede ist. (36 – ich verzichte darauf, die einzelnen Autor/-innen anzugeben und nenne nur die Seitenzahlen aus dem Band)

Sozialanwaltschaft knüpft an die Tradition des Blicks von unten (Bonhoeffer) oder an die „Option für die Armen“ an. Das ist nichts Neues, nur der Begriff ist ein anderer. In der Gegenwart kommt nun allerdings eine neue Perspektive hinzu. Alexander Dietz schreibt dazu:

Die ökonomische Abhängigkeit von einem Staat, der die Verbände nicht mehr als Partner auf Augenhöhe, sondern als austauschbare Dienstleister betrachtet, stellt die Verbände in eine Situation und umgänglicher strategischer Entscheidungen. (…) Sollen sich die Verbände als Anwälte organisatorisch stärker von ihren Einrichtungen als Dienstleister trennen? Welche strategischen Partnerschaften mit weniger abhängigen Akteuren sind möglich? Für die kirchlichen Wohlfahrtsverbände bietet sich an dieser Stelle eine stärkere Vernetzung mit den Kirchen an. Kirchenkreis-Referenten, Dekane oder Pfarrer können möglicherweise dort sozialpolitische Forderungen öffentlich vertreten, wo örtlichen Verbandsfunktionären die Hände gebunden sind. (123f.)

Hier bin ich zunächst ganz konkret als Pfarrer mit einer Funktionspfarrstelle im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) angesprochen. Sozialanwaltschaft ist Teil meiner Tätigkeit dort. Wenn ich das weiter denke, ergeben sich aber viele weitere Denk- und Handlungsmöglichkeiten. Und Anknüpfungspunkte, zum Beispiel an die Gemeinwesendiakonie, die in den letzten Jahren versucht, Kirche und Diakonie in ihrer Vielfalt stärker in die Kommunikation und Kooperation mit der Zivilgesellschaft zu führen.

Sozialanwaltschaft und Lobbyismus

Eins der echten „Aha“-Erlebnisse beim Lesen war die Erkenntnis, dass Lobbyismus ein sinnvoller und notwendiger Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft ist.

Es ist zu betonen, dass ein demokratisches System Lobbyismus braucht, um zu funktionieren. Es geht darum, Politiker (und andere Adressaten) für wichtige Themen zu sensibilisieren und mit Informationen zu versorgen, auf die sie angesichts der Komplexität vieler Themen und ihres begrenzten Mitarbeiterstabs angewiesen sind. Lobbyisten tragen dazu bei, dass politische Interessenvertreter kontrolliert werden, dass Meinungen von Bevölkerungsgruppen mit ähnlichen Interessen gebündelt werden und dass auf Missstände hingewiesen wird. Sozialverträgliche Lobbyarbeit berät Politik mit dem Ziel, dass ausgegrenzten Menschen Teilhabe ermöglicht wird. (125)

Lobbyarbeit ist also Kommunikation zwischen Gesellschaft und Politik. Wenn diese offen, transparent, unbestechlich und mit klarer Rollenverteilung erfolgt, profitieren Politik und Gesellschaft. (133)

Das hat mir sehr eingeleuchtet und ich fand die verschiedenen Aufsätze zu dieser Thematik im Rahmen von Sozialanwaltschaft sehr erhellend. Sozialanwaltschaft ist Lobbyismus. Ich schlucke allerdings immer noch, wenn ich das laut ausspreche, die Prägungen sitzen tief.

Sozialanwaltschaft und Macht

Ein positives Verständnis von Lobbyarbeit ist insofern von allergrößter Bedeutung, weil es in der Sozialanwaltschaft immer darum geht, Veränderungen zum Besseren zu erreichen. Das geht nicht ohne den Willen zur Macht. Machtbewusstsein ist in kirchlichen, diakonischen und anderen Raum häufig negativ besetzt. Wer Macht ausüben möchte, gilt als verdächtig. Allerdings, und das wird im Sammelband an einem Zitat von Martin Luther King deutlich, lässt sich diese negative Bestimmung auflösen, wenn Macht in bestimmter Weise auf Liebe bezogen wird:

Um Macht und Einfluss zu generieren, braucht es Einigkeit und Stärke. (…) Hören wir hier zu Martin Luther King: „Macht, richtig verstanden, ist die Fähigkeit, etwas zu erreichen. Es ist die Stärke, die man braucht, um soziale, wirtschaftliche und politische Veränderungen herbeizuführen. In diesem Sinne ist macht nicht nur erwünscht, sondern auch notwendig, um die Forderungen von Liebe und Gerechtigkeit zu erfüllen. Eines der größten Probleme der Geschichte ist es, dass die Begriffe Liebe und Macht als polare Gegensätze gegenübergestellt werden. Liebe wird mit dem Verzicht auf Macht und macht mit der Verneinung von Liebe identifiziert. (…) Was wir brauchen, ist die Erkenntnis, dass Macht ohne Liebe rücksichtslos und schimpflich ist und dass Liebe ohne Macht sentimental und blutleer ist. Macht im besten Sinne ist Liebe, die alles ändert, was sich der Liebe entgegenstellt.“ (53)

Sozialanwaltschaft als Haltung

Sozianwaltschaft ist eine Haltung. Eine Haltung der Parteilichkeit, die sich in anwaltliche Handlungen übersetzt:

Die Parteilichkeit mit den Betroffenen ist eine der Grundvoraussetzungen für die Idee des anwaltschaftlichen Handelns. Der Anwalt ergreift Partei für seinen Klienten und vertritt sie gegen die Vertreter einer anderen Partei. Zwischen diesen Parteien herrscht ein Konflikt. Es gibt unterschiedliche Interessen, und es gibt Regeln und Verfahren, wie diese Konflikte zu bewältigen sind. (49)

Parteilich ist eine Person, die an jemandes Seite steht, vorurteilsfrei und wertfrei den Zustand akzeptiert, wertschätzt und die (benachteiligte) Personen unterstützt, ihre Interessen zu vertreten – wo notwendig und gemeinsam. Ein Anwalt hat eine Vertretungsfunktion. Er ist Fachmann für die Durchsetzung von Interessen und vertritt – sprachmächtig und strategisch versiert – seinen Klienten. Er hat den besseren Überblick, steuert das Verfahren und ist in der Lage, sich angemessen zu artikulieren. Es ist, für einen befristeten Zeitraum, ein Über- und Unterordnungsverhältnis. (22)

Entscheidend für mich ist das Bewusstsein, dass der Anwalt, die Anwältin (der Sammelband verzichtet auf gendergerechte Sprache) sich seiner Rolle und Position im Geschehen bewusst ist – und der Tatsache, dass diese Rolle nicht an seine Person dauerhaft gebunden ist, sondern befristet. Ich habe eine bestimmte Sprachfähigkeit, Über- und Einblick und strategisches Geschick, mich in einem bestimmten Kontext – hier im weitesten Sinn im öffentlichen und politischen Raum angemessen bewegen zu können, um etwas zu bewegen. In anderen Kontexten bin ich vielleicht der- oder diejenige, der/die Anwaltschaft anderer bedarf. So verstanden, eröffnet der Begriff der Sozialanwaltschaft die Möglichkeit, eigenes Denken, Reden und Handeln im politischen und öffentlichen Raum immer wieder zu überprüfen und in verschiedenen Reflexionsschleifen zu präzisieren bzw. abzugrenzen.

Sozialanwaltschaft und mediale Formate

In einem Nebensatz hat Alexander Dietz in seinem Vortrag eine Frage gestellt, an der ich hängen geblieben bin:

Wer hat denn heute (noch) die Zeit, sich hinzusetzen und einen Leserbrief zu schreiben?

Es ging ihm in diesem Moment um die Frage, wie die Wahrnehmung von Sozialanwaltschaft in Arbeitsplatzbeschreibungen und Dienstanweisungen verankert werden kann. Ich dachte allerdings, ach, schau an, ein Leserbrief gehört vielleicht auch dazu… Was bedeutet das, wenn ich es weiter denke?

Sozialanwaltschaft ist dann in viel mehr Formaten denkbar und möglich und verteilt sich so auch auf mehr Schultern. Dies geschieht ja auch längst unter uns. Christ/-innen bloggen, twittern, veröffentlichen Fotos auf Instagram, schreiben Leserbriefe, diskutieren auf Facebook, verteilen Flugblätter in Fußgängerzonen usw. Wir erheben unsere Stimme in einer Vielfalt von Netzwerken – aber dies bekommt vielleicht noch einmal einen neuen Schwung, wenn ich all diese Aktivitäten und Formate unter die Überschrift: „Wahrnehmung von Sozialanwaltschaft“ einordne.

Es motiviert vielleicht den einen oder die andere noch einmal anders und neu, die eigenen Netzwerkaktivitäten unter einem verbindenden Begriff zu verstehen. Zugleich befreit dieser Gedanke, im Schwarm aktiv zu sein mich auch dorthin, die „Kunst des Nebenbei“ zu pflegen, die außerordentlich erleichternd ist, weil sie mich vom Druck befreit, „auch das noch“ machen zu müssen.

Das entlastet dann auch diejenigen, die sich qua ihrer Ämter und Zuständigkeiten in den politischen Netzwerken bewegen und dort Lobbyarbeit leisten. Sie können auch auf andere zugehen und sie um Unterstützung in der sozialanwaltschaftlichen Arbeit bitten, durch einen Leserbrief, eine Aktion, eine Facebook-Aktion usw. Auch dies geschieht längst unter uns, es könnte aber noch mehr werden.

Gute Begriffe sind für mich in solchen Zusammenhängen immer geeignet, wie in einem Brennglas die Dinge zunächst auf den Punkt zu bringen und dann von dort ausgehend zu öffnen. Sozialanwaltschaft ist für mich solch ein Begriff, den es lohnt, aus dem Raum der Diakonie in den Bereich der (verfassten) Kirche zu führen.

Schlichtweg weniger konsumieren. Gedanken zu „Fairarscht“ von Sina Trinkwalder

buchhandel.de/

Ich gestehe, der Titel hat mich erst mal abgeschreckt.
Erstens fand ich ihn (zu) reißerisch.
Zweitens dachte ich, was soll fair mit „Verarsche“ zu tun haben?!

Klar, Sina Trinkwalder, die sagte mir was.
Und ich folge ihr schon länger auf Twitter.
Dann las ich die Rezension meines Kollegen Heiko Kuschel und dachte:
Okay, vielleicht solltest du das Buch doch lesen.

Gesagt, gekauft, gelesen.
Fast in einem Zug (in einem Zug).

Vieles kannte ich schon:
Händler, die Produzenten mit Preisen unter Druck setzen.
Discounter, die nur auf Gewinnmaximierung aus sind.
Immer niedrigere Einkünfte für landwirtschaftliche Betriebe, von Kaffeebauern ganz zu schweigen.
Siegel und ihre Probleme.
Die Wegwerf-Mentalität.
Die damit verbundene mangelnde Wertschätzung von Produkten.
Und der menschlichen Arbeit, die dahinter steht.
Das Sich-gegenseitig-die-Schuld-zu-schieben.
Die mangelnde Transparenz, nicht nur der Lieferketten.
Das Gefühl der Überforderung bei mir als Konsumenten.
Obwohl es doch angeblich immer nur um unsere Wünsche als Konsument/-innen geht.
Und so weiter und so fort.

Das Buch ist ein guter und leichter Einstieg.
Für Menschen, die sich bislang nicht oder wenig mit solchen Fragen beschäftigt haben.

Aber auch für mich als Insider war es lesenswert.
Sehr lesenswert.
Aus Gründen.
Vier Gründen.

1. Zum Beispiel die Beispiele.

Beispiele sind immer gut.
Sie sind anschaulich und prägen sich ein.

Schön fand ich die Geschichte von Mon Cherie und der Piemont-Kirsche.
Die Kirschen waren nämlich gar nicht frisch im Herbst, nach der langen Sommerpause.
Sondern kamen aus dem letzten Jahr, aus Polen oder Chile.
Tiefgekühlt.
Der Rest war geniales Marketing.

Oder die Geschichte vom Analogkäse, in dem gar kein Käse war.
Dafür auf unseren TK-Pizzen landete.
Aufdeckung, Aufschrei, vom Markt verschwunden.
Dann vegan umdefiniert und mit Gewinn weiterverkauft.
Geschickt gemacht, keine Frage.

Oder die Tatsache:
Vieles, was ich beim Discounter kaufen kann, ist nach Bio-Normen hergestellt.
Denn es stammt aus den Überschüssen der Bio-Produktion.
Wenn  die der Bio-Handel nicht mehr nimmt, nehmen kann, nimmt es gerne der Discounter.
Zum Vorzugspreis, versteht sich.

Fairarsche nennt Trinkwalder solche und ähnliche Vorgehensweisen.
Manches lässt mich schmunzeln, anderes überrascht und ärgert mich.

2. Bio und fair, fair oder bio oder was?

Überzeugend finde ich die These:
Wenn fair und bio geht, dann fair und bio, klar.
Wenn aber nur fair oder bio möglich ist, dann bio.
Denn:

Fairness ist jederzeit änderbar und einführbar. Der Raubbau an der Natur, das Zerstören unserer fruchtbaren Böden durch Pestizide und Monokulturen, hingegen ist irreparabel. Flora und Fauna, die verloren ging, kann man nicht einfach so wiederherstellen. Bio ist demnach wichtiger. (102)

Leuchtet mir ein.

3. Die zwiespältige Rolle von NGOs und Fairtrage

Mich hat sehr nachdenklich gemacht, was Sina Trinkwalder über NGOs und Fairtrade schreibt.
Als Christ, Theologe, Pfarrer und Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Klar, Brot für die Welt, Greenpeace, Campact oder wer auch immer –
sie verfolgen immer auch eigene Interessen.
Es geht um Ansehen, und, ja, auch um Arbeitsplätze.
Erschreckt hat mich aber, dass sich viele dieser Institutionen offenbar die Hände selbst mit schmutzig machen.
Trinkwalder wirft ihnen vor:
An manchen (oder vielen?) Stellen seid ihr bereits Teil des Systems.
Ihr tut das, um weiter Projektgelder zu erhalten und euren Einfluss in der Öffentlichkeit nicht zu verlieren.
Doch so verliert ihr die kritische Distanz.

Da wird die Autorin manchmal spitz, ja böse.
Sie hat ihre Erfahrungen gemacht.

Dennoch:
Ich vermute, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.

Und:
Zukünftig werde ich hier genauer hinsehen und nachfragen.
Bei meinen Kontakten zu und Projekten mit NGOs in diesem Feld.
Das ist für mich der wesentliche Erkenntnisgewinn dieses Buches.

4. Die ehrliche und authentische Schreibweise

Sina Trinkwalder schreibt authentisch.
Sie hat ein Textilunternehmen aufgebaut hat, das ausschließlich und alles in Deutschland produziert.
Daher nimmt man ihr ab, was sie schreibt.
Wenn man so will, sie hat das Recht so zu schreiben.
Sie „darf“ das.

Aber sie ist auch ehrlich.
Gibt Einblicke in ihr Seelenleben.
Und ich entdecke mich wieder.

Wenn sie meint, auf dem richtigen Weg gewesen zu sein –
nur um dann festzustellen, dass sie doch wieder nur verarscht worden ist.
Wenn sie erzählt, dass die Verzweiflung wieder einmal in ihr mächtig ist.
Wenn sie aufzeigt, wo und an welchen Stellen auch sie keine Alternativen sieht.
Manchmal mit Augenzwinkern und Humor.
Also, ein Trikot vom FCA, das muss im Stadion schon sein.
Gibt es aber nicht in bio und/oder fair.

Ich schlage mich ja auch ständig mit der Frage herum:
Wie kann das gehen mit bio und/oder fair?
Daher finde ich das Buch nicht nur ehrlich und authentisch –
sondern auch entlastend einerseits und mutmachend andererseits.
Denn einfache Lösungen gibt es nicht.
Kröten müssen wir weiter schlucken, viele.
Es bleibt schwierig für uns Kunden, wie Sina Trinkwalder an einer Stelle schreibt, aber auch:

Wenn man wirklich will, findet man Wege, sonst kracht uns die Kiste um die Ohren! (175)

Ja, wahrscheinlich gilt es nicht zu entscheiden zwischen schwarz und weiß,
richtig und falsch,
gut und böse.
Von Schattierungen spricht die Autorin.

Ich würde das so sagen:
Die Wahrheit, der Weg und das Leben liegen eher im grauen Bereich.
Im mausgrauen Alltag.
Langweilig.
Zäh.
Widersprüchlich.
Anstrengend.
Überhaupt nicht medienwirksam.
Aber genau da liegen Wahrheit, Weg und Leben.

Am Ende läuft es auf einen simplen Satz hinaus:

Schlichtweg weniger konsumieren. (178)

So einfach.
So schwierig.
So sinnig.
So befreiend.

Annäherung an: zarte takte tröpfelt die zeit (Marlies Blauth)

cover-Blauth-zarte-takte

Eine Landschaft auf beigem Grund.
Verschwommen grünblaue Hügel
zwischen gelbem Feld
und rotem Himmel.
Oben drüber steht:
Gedichte
und:
zarte takte tröpfelt die zeit
Ich blättere um.

Bilder wie dieses fielen mir ins Auge.
Auf Facebook, wo ich Marlies Blauth begegnet bin.
Und ihren Gemälden.
Die Farben und Formen sprachen (und sprechen) mich an.
Dann kam die Ankündigung des Gedichtbands.
Ich war neugierig auf die Sprache, die zu diesen Bildern „gehört“.
Ich fragte nach einem Rezensionsexemplar.
Nun liegt es vor mir.

Flohmarkt

Sie hatten in Kammern und Kellern gekramt
so viele Jahrzehnte wiedergefunden
und alles in Kisten und Körbe verpackt.

Auf breiten Tischen boten sie
ihre Erinnerung feil und merkten
wie ihre Herzen Stück für Stück leichter wurden.

zeiten
– so sind die ersten Gedichte überschrieben.
Erinnerungen werden wach,
an Orte, an Menschen.
Alles ist vergänglich.
Ein traurigsüßer Duft weht zu mir herüber.
Manches ist verblasst und ergraut.
Nur noch das goldene Bonbonpapier zeugt von farbigen Tagen,
in Kindheit und Jugend.
Und ich dachte, ja, vielleicht ist das so:
Die beschriebenen und ans Licht geholten Erinnerungen machen das Leben leichter,
trotz allem.

Sie nahmen sich Zeit

Sie saßen einander gegenüber
rührten sich Nichtworte in den Kaffee
und lächelten leer.
Sie nahmen einander die Zeit.

Hintergründige Sprache.
Manchmal nur ein Wort oder zwei – „Nichtworte“ und „leer“
– und in meinem Kopf verschiebt sich der Sinn.
Ich bin verwirrt – und lächle.
Ja so ist es.

Bittertropfend
– steht über dem mittleren Abschnitt.
Harte, ehrliche Worte, die sich mir erst beim zweiten, dritten, vieren Lesen erschließen:

meine mutter
(…)
sie wurde inkontinent
mit der hand fing ich ihren wortschwall auf

und wusste nicht
den tag zu entsorgen

Wer jetzt, die Mutter oder die Autorin?
Ich habe mich anfangs schwer getan mit dem Lesen.
Das hier ist keine Poesie, die „man“ so einfach mal weg liest.
Es hat gedauert, bis ich der Sprache auf die Spur kam.
Bis in mir etwas wiederklang.
Das lag nicht an den Texten, nein.
Sondern an meiner Unerfahrenheit, Poesie zu lesen –
zu atmen, zu verstehen oder was auch immer.
Ich bin dankbar, dass ich etwas schreiben musste.
Und so den Band immer und immer wieder hervorzog.
Diese Erfahrung wäre mir sonst entgangen.

Rückwärts im zug zu fahren
verübelt mir alles –

pausenlos drückt sich
mein ziel verfehlt in den augenblick

Ich habe keine Ahnung, wie „man“ Poesie analysiert.
Habe daher bisher auch den Anhang im Band nicht gelesen.
Aus Angst, er trübte meinen Blick oder verengt ihn verfrüht.
Wer weiß, vielleicht wird verwiesen auf wunderbare Wortschöpfungen

– erinnerungsberg, zahnlückenglücklichsein, buchstabenbrot, wortvorratsschränkchen –

oder auf überraschende Wortwendungen

im rezessiven blau deiner augen schwimmen die schnittpunkte unserer blicke –

oder auf den Verlauf der Jahreszeiten im Reigen der Gedichte
und den Hauch der Vergänglichkeit, der sich hindurch zieht.
Vielleicht steht das dort oder anderswo.
Mir ist wichtig:
Ich fühle der Sprache auf die Spur gekommen zu sein.

sie schenkte mir
still
ein paar kostbare worte

Irgendwann begann etwas zu schweben.
Worte hoben mich von der Erde empor
– nicht weit –
und ich sah, ahnte, spürte Leben zwischen den Zeilen.

Vorsichtig schauen wir
durch die Dunkelzeit
aufwärts

Manchmal raunte mir fremdes entgegen,
manchmal nahes, wie eben im rückwärts fahrenden Zug.
Und so ende ich zustimmend nickend mit den letzten zarten takten (so der Titel des letzten Teils):

aufbruch

lass dich nicht fesseln
von deinen wurzeln
sie reichen zurück
in die zeit
die dich nicht mehr
nähren kann

nimm wenig mit
außer dir –
gedanken zu tragen
die du nicht brauchst
wiegt zu schwer

lerne für dich
eine neue sprache:

wo freiheit ist
schmeckt das brot süß


Marlies Blauth, zarte takte tröpfelt die zeit, NordPark, 6,50 €

Hier zu haben (und in jeder guten Buchhandlung): http://www.nordpark-verlag.de/Blauth-Marlies-Zarte-Takte.html

Rezension: Komplexithoden – Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität

buchhandel.de/

Komplexithoden, eine Wortschöpfung.

„Das sind Organisationswerkzeuge, die so lebendig sind wie heutige Märkte und heutige Arbeit. Das Buch stellt clevere, in unsere Zeit passende Vorgehensweisen für die Entwicklung von Unternehmen unter deren realen Bedingungen vor.“

So stellen die Autoren Niels Pfläging und Silke Hermann ihr kleines, quadratisches, gerade mal 144 Seiten umfassendes Büchlein „Komplexithoden“ vor.
Und die ersten Sätze lauten:

„Kompliziert ist nicht gleich komplex.
Kompliziertheit ist das Maß unserer Unwissenheit, Komplexität ist das Maß für die Menge der Überraschungen, mit denen man rechnen muss.“

Das macht schon neugierig.
Obwohl ich vorher schon neugierig war.

Ich bin auf Niels Pfläging aufmerksam geworden, indem ich ihn – verpasst habe.
Mit meiner Frau nahm ich im Juni in Hannover am freiraum.camp 2015 teil.
Leider konnten wir nur am zweiten Tag.
Aber jede/r Teilnehmer/-in erhielt Pfläging´s Vorgängerbüchlein „Organisation für Komplexität“.
Eine Kollegin von mir hat seinen Vortrag am ersten Tag gehört und war begeistert.
Also las ich neugierig das kleine Buch.
Fand ich toll.
Dann hörte ich, dass ein zweites, ganz neues Buch erscheinen sollte.
Ich fragte, ob ich ein Rezensionsexemplar erhalten könnte.
Das war kein Problem.

Ich habe „Komplexithoden“ mit den Augen eines „Kirchenmanns“ gelesen .
Ich arbeite als Pfarrer in der evangelischen Kirche.
Zunächst 25 Jahre in in einer Kirchengemeinde am Niederrhein.
Genauso lange erst nebenamtlich und seit 10 Monaten hauptamtlich im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA).
Wenn man mich fragt, was das denn sei und was ich da mache, sage ich:

„Ich bin so eine Art kirchlicher Experte für alles, was mit Arbeit und Ökonomie zu tun hat.
Ich bringe Themen aus der Ökonomie in die Kirche und Kirche in die Ökonomie.“

Ich bin nicht in Unternehmen tätig.
Wachstum und Quartalszahlen, Marktorientierung und so weiter interessieren mich nur im Rahmen meiner Expertentätigkeit.
Obwohl, so ganz stimmt das nicht:
Die Ökonomisierung macht auch vor den Türen der Kirche nicht halt.

Zurück zu „Komplexithoden“.
In einem Satz gesagt, das Buch ist:
Quadratisch, praktisch, gut.
Aber es schmeckt sicher nicht jeder/jedem so gut wie Schokolade.

Wohlschmeckend sind die Grafiken.
Sie sind für mich der Kern des Büchleins.
Vielleicht ist manches karikierend, verkürzend und in der Gegenüberstellung platt.
Aber genau das hilft mir als Brille, um auf eigene Zusammenhänge und Verwicklungen zu schauen.
Und das schmeckt dann – zumindest im ersten Moment – nicht mehr so süß.

Das liegt daran, dass viele gängige Muster in Frage gestellt werden.
Denn Hermann und Pfläging geht es um die Abgrenzung von tayloristischen, hierarchischen und in Zuständigkeiten denkenden Strukturen.
Genau die sind noch weit verbreitet in Unternehmen und Organisationen.
Und die sind zugleich oftmals mit der Komplexität der Herausforderungen in der Gegenwart (noch) heillos überfordert.

Ein Beispiel.
Frage:
Wie können sinnvoll Entscheidungen in komplexen Situationen gefällt werden?
Antwort:
Nicht durch Regeln, aber durch Prinzipien.
Denn Regeln passen zu bekannten Problemen, mit Prinzipien aber lassen sich überraschende Probleme lösen.
In Bildersprache ausgedrückt: „Grundgesetz statt Schilderwald.“ (66)

Solche einprägsamen Überschriften finden sich immer wieder:
„Vom Tisch zur Tafel.“
„Vorderbühne und Hinterbühne.“
„Planung versus Vorbereitung.“
„Strategie versus Sphäre der Geschäftigkeit.“
Das Buch bietet so viele Hilfestellungen, eigene Unternehmen, aber auch Organisationen zu analysieren.
Oder/und auch meine eigene Rolle im Betrieb, wenn ich nicht zu den „Führungskräften“ gehöre.
Zugleich enthält es Beschreibungen aktueller Entwicklungen und Vorschläge zum konkreten Handeln.

Manchmal sind die Autoren provozierend in der Formulierung:

„Der Arbeitsplatz ist tot, hoch lebe das intelligente Arbeitssetting.“ (97)

Das bedeutet aber keineswegs Homeoffice.
Denn Arbeitsorte können überall sein – aber:

„Menschliche Zusammenarbeit braucht ‚Face Time‘, braucht gelegentliches ‚Sich-riechen-können‘. Nicht nur, aber auch. Arbeitsplatzauflösung soll nicht Begegnung und Durchmischung reduzieren, sondern dramatisch erhöhen!“ (97)

Wenn ich mir mit diesen Sätzen so manche kirchliche Einrichtung in meiner Erinnerung vor Augen stelle, dann muss ich erst mal schmunzeln.
Ja, das ist provozierend.
Wenn ich da nur an die üblichen Arbeitsplatzbeschreibungen denke, die zumindest in kirchlichen Zusammenhängen nach wie vor üblich sind …

Ich höre schon:
„Völlig absurd!“
„Realitätsfern!“
„Das geht ja gar nicht!“
Warum eigentlich nicht?

Die Antwort der Autoren:
Es ist zum einen die Angst, Kontrolle zu verlieren.
Zum anderen geht man so vom Misstrauen gegenüber den Mitarbeitenden aus.
Hier knüpfen Hermann und Pfläging an die (nicht neue) Gegenüberstellung von Theorie X und Y (McGregor) an:

„Theorie X: Menschen arbeiten nicht gern, versuchen Arbeit zu vermeiden, müssen extrinsisch motiviert, verführt, gezwungen werden.
Theorie Y: Menschen müssen zwar arbeiten, streben dabei aber nach Selbstentfaltung. Sind intrinsisch motiviert und wollen leisten.“ (25)

Finde ich gut.
Dem christlichen Menschenbild entspricht Theorie Y.
Obwohl wir das an vielen Stellen in der Kirche auch noch nicht begriffen haben.
Was folgt daraus?

Ich bleibe beim dem Bereich Arbeitsplatzbeschreibungen
Und mache einen kleinen Schlenker in das Vorgängerbuch „Organisation für Komplexität“.
Denn dort führt Pfläging eine Liste von überflüssigen „X-Tools“ auf (29):
Dazu zählen:
Überstunden.
Urlaubsregelungen.
Reisekostenrichtlinien.
Stellenbeschreibungen.
Zielverhandlungen.
Kompetenzprofile.
Mitarbeitergespräche.
Bereichsleitersitzungen.
Strategische Planung.
Chef-Entscheidungen.

Wow.
Erst mal tief durchatmen.

Ich gestehe, es fällt mir schwer, Alternativen für die innerkirchliche Praxis zu formulieren.
Gleichzeitig finde ich das spannend.
Und bin erst mal froh, momentan in keiner Weise hier Führungsverantwortung tragen zu müssen.
Wie all die Jahre zuvor.
Ich kann also „entspannter“ darüber nachdenken:
Was folgt denn nun daraus?

Es ist eine Einladung.
Für „Führungskräfte“.
Nämlich ihr eigenes Führungsverhalten in den Blick zu nehmen.
Pfläging und  Hermann schreiben:
Gegenwart und Zukunft brauchen keine „Helden“.
Man kann nicht „gleichzeitig Führung wollen und formelle Macht (Hierarchie) ausüben.“ (30)

Denn:

„Menschen zu motivieren ist unmöglich. Sie zu demotivieren dagegen ist leicht.“ (60)

Das war für mich vielleicht die zentrale Erkenntnis.

Ich kann nur den Rahmen beeinflussen, damit sich intrinsische Motivation entfalten kann.
„Direkt“ habe ich keine Möglichkeit.

Relativ ausführlich wird z.B. die Bedeutung der Kulturbeobachtung beschrieben.
Die These lautet auch hier:
An der Kultur in einem Unternehmen kann ich nie direkt arbeiten, nur an der Organisation.

Immer wieder wird betont, wie entscheiden Transparenz ist.

„Transparenz ist wie Licht anmachen.“ (79)

Und weiter geht es um solche Fragen:
Wie geschieht Innovation?
Wo liegt der Unterschied von Gruppe und Team?
Wie rekrutiert ein Unternehmen sinnvoll Mitarbeitende?

Ich habe eine Fülle von Anregungen erhalten.
Anders formuliert:
Die Brille, die ich auf der Nase trage, hat neue Gläser bekommen.
Im Blick auf innerkirchliche Führung.
Aber auch, wenn ich demnächst wieder Betriebe besuche.
Oder mit Menschen über Gegenwart und Zukunft sinnvoller Ökonomie ins Gespräch komme.

Ich kann das kleine Büchlein nur empfehlen.
Quadratisch, praktisch, gut.
Der süße Geschmack kommt hier aber erst später.


Niels Pfläging/Silke Hermann: Komplexithoden. Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität
Redline Verlag
Papierausgabe: 12,99 – Ebook: 10,99