Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Vom Verlierer Thomas Müntzer lernen

Zugegeben: Es ist keine einfache Kost. Doch wer sich auf das akribisch recherchiert und eng an den Quellen entlang aufgebaute Werk von Siegfried Bräuer und Günter Vogler einlässt, wird reich belohnt. Das Buch bietet einen tiefen Einblick in die turbulente Zeit, die wir heute Reformation nennen und bringt dabei eine seit 500 Jahren höchst umstrittene Person näher: Thomas Müntzer. Drei Aspekte bleiben mir aus der Lektüre nachhaltig in Erinnerung.

I.

„Als Theologen und Historiker Luther und seine Förderer zur alleinigen Norm für die Beurteilung des Reformationsgeschehens erhoben, wurden abweichende Auffassungen und konkurrierende Bewegungen zumeist als ihre Lehren verworfen und Müntzer als ‚Außenseiter‘ abgestempelt. Doch in den frühen Jahren, als sie die reformatorischen Bewegungen erst allmählich Konturen gewannen, war die Situation noch offen und waren unterschiedliche Optionen möglich.“ (14)
„Im Reich herrschte zu dieser Zeit eine angespannte Situation: Die Befürworter reformatorischer Erneuerungen suchten die bisher erreichten Ergebnisse zu sichern, radikalere Kräfte drängten auf eine energische Weiterführung des reformatorischen Prozesses, und altgläubige Bischöfe und Fürsten formierten sich zum Gegenschlag, um diese Entwicklung zu stoppen.“ (250)

Geschichte ist immer die Geschichte der Sieger. Das ist zwar banal, aber gerät schnell im Tagesgeschäft aus dem Blick. Das gilt auch für die Reformation und wir tun gut daran, uns gerade in diesem Jahr daran ausdrücklich zu erinnern. Bei der Lektüre der Biografie Müntzers habe ich mich mehr als einmal gefragt: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Geschichte anders ausgegangen wäre? Wenn Martin Luther keine mächtigen Fürsprecher gehabt hätte? Was wäre geworden, wenn einer der Landesherren durch die leidenschaftlichen Predigten Müntzers sich auf dessen Seite geschlagen hätte und ihn bei seinem Versuch einer Neuordnung der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse unterstützt hätte? Wie wäre die Geschichte weitergegangen, wenn die Bauernaufstände erfolgreich gewesen wären und sich ein Umsturz der politischen Verhältnisse in Deutschland vollzogen hätte? Natürlich ist es müßig, darüber zu spekulieren. In einer turbulenten Zeit, in der alles drunter und drüber ging, in der die verschiedensten Ideen theologischen Ansätze nebeneinander existierten, hat sich am Ende Martin Luther durchgesetzt und seine Theologie prägt unsere evangelische Kirche bis heute. Müntzer ist dagegen der Verlierer.

II.

Die Rolle von Macht und Politik in dieser Zeit, in diesen religiösen und kirchlichen Umbruch, ist mir an einer Stelle besonders aufgefallen. Bekannt ist schon lange, dass die Erfindung des Buchdrucks wesentlich dazu beigetragen hat, die Gedanken der Reformation rasant zu verbreiten. Die Reformatoren haben erkannt, welche Macht ihnen diese neue Technik gibt und sie genutzt. Neu war für mich, das schon zur Zeit Luthers die Druckereien in den Städten die zu druckenden Bücher und Flugblätter häufig der Obrigkeit (dem Rat, dem Landesherren) vorlegen mussten und diese eine Druckgenehmigung erteilten – oder auch nicht. Die Autoren zeigen sehr gut auf, mit welchen Hindernissen hier Thomas Müntzer zu kämpfen hatte. Bereits gedruckte Texte wurden wieder eingezogen, Buchhändlern „bei Leibesstrafe“ verboten, Traktate zu verkaufen. Seine Ideen waren zu Beginn der Bauernaufstände weit weniger bekannt und verbreitet als die Texte Luthers. Technischer Fortschritt war auch schon zur Zeit der Reformation auch eine Frage der Macht: Wer besitzt, wer erteilt das Recht, Texte zu veröffentlichen und zu verbreiten? Welche Interessen sind damit verbunden? Und welchen Preis hat Martin Luther dafür gezahlt und wir als protestantische Kirche in seiner „Nachfolge“? Und was folgt aus dieser Beobachtung oder Erkenntnis für die Beurteilung aktueller Technik, zB im Bereich der Digitalisierung? Wer hat hier Macht?

III.

„Die Befreiung von sozialen Lasten und die Vertreibung der sie verursachenden Tyrannen waren für Münzer Voraussetzungen, um eine ‚unüberwindliche Reformation‘ in der Gestalt vollziehen zu können, wie er sie aus seinem Glaubensverständnis abgeleitet und verkündet hatte.“ (374)

Müntzer hat im Unterschied zu Luther sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Glaube praktisch wird. Glaube ohne Praxis ist kein Glaube. Nun aber stellte Münzer fest, dass ihm nirgends gelungen ist, dies umzusetzen. Seine Predigt war in dieser Hinsicht nicht erfolgreich. Am Ende wird er radikal, weil er für sich die Konsequenz zieht: Die Menschen sind nicht in der Lage zu glauben, bei der Lebensverhältnisse so bedrückend sind, dass sie sich der Evangelium nicht öffnen können. Daraus folgt für ihn:

„Münzer respektierte die Obrigkeiten, wenn sie ihrer Pflicht nachkommen, die Untertanen zu schützen. Doch angesichts der Erfahrung, dass viele Regentin ihre Pflichten verletzten, tyrannisch handeln, Gläubige wegen ihres Glaubens verfolgen und das Evangelium missachten, vertrat er ein Widerstandsrecht.“ (393)

Manches, was ich hier von und über Müntzer gelesen habe, erinnerte mich an die Diskussion um den Widerstand gegen Hitler und die Möglichkeit der christlich legitimierten Beteiligung am Tyrannenmord. Dietrich Bonhoeffer haben diese Fragen immens beschäftigt und er war sich am Ende darüber im Klaren, dass seine Kirche ihm nicht folgt. Die Frage bleibt aber doch virulent: Ist jede Obrigkeit von Gott legitimiert? Und wenn nein, welche Kriterien legen wir an? Angesichts der „Krise“ von Demokratien und dem Wiedererstarken diktatorischer Regime und Tendenzen eine hochaktuelle Fragestellung.

„Müntzers Aufforderung, der Welt eine neue Ordnung zu geben, ist so aktuell wie zu seiner Zeit. Luther sprach den Bauern das Recht und die Macht ab, die Verhältnisse zu verändern. Müntzer hingegen sah die Zeit gekommen, sie grundlegend neu zu gestalten, und das hieß auch, dem auserwählten Volk die Gewalt dazu zu geben.“ (400)

Erst muss die Welt neu werden, erst muss eine neue Ordnung herbeigeführt werden, erst muss die Ausbeutung durch die Fürsten muss beendet werden, damit die Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, sich der Predigt zu öffnen. Was bedeutet dies für Predigt, Gemeindeaufbau und Mission? Muss sich Kirche nicht viel stärker um die Verbesserung von Lebensverhältnissen einsetzen, damit Menschen darauf „vorbereitet“ werden, glauben zu können? Und welche Vision von lebenswerten Umständen haben wir bzw. entwickeln wir aus der Schrift, zB aus den visionären Texten in den Prophetenbüchern, der Bergpredigt oder der Offenbarung des Johannes? Gibt es so etwas wie eine biblisch fundierte Vision des „guten Lebens für alle“? Und versündigen wir uns an uns selbst und an der Gesellschaft, wenn wir diese Fragen ausblenden, dies nicht verkündigen in Wort und Tat? Die Autoren jedenfalls ziehen am Ende dieses Fazit:

„(Müntzers) Blick war auf die Zukunft gerichtet, in dem er die Veränderung der Welt im Blick hatte. Mit der Verurteilung seiner Lehre wurde auch das Verdikt über seine Vision gesprochen. Wenn jedoch religiöse, soziale oder politische Visionen als nicht opportun abgetan werden, versinkt die Gesellschaft in reinen Pragmatismus. Doch die Menschen leben auch von Hoffnungen und Fragen, was zukünftig sein wird.“ (400)

Die nächsten Jahren werden noch voller 500jähriger Jubiläen sein. Ich hoffe, dass dann auch die Person und Theologie von Thomas Müntzer ähnlich kritisch gewürdigt wird, wie das in diesem Jahr mit seinem großen Kontrahenten Martin Luther geschehen ist. Es wäre lohnenswert – für Kirche im Besonderen und unsere Gesellschaft im Allgemeinen, um der Gefahr zu wehren, in reinem Pragmatismus zu versinken, hüben wie drüben.


Siegfried Bräuer/Günter Vogler: Thomas Müntzer: Neu Ordnung machen in der Welt. Eine Biographie. Gütersloher Verlagshaus 2016, 58 €

Zwischen den Stühlen. Vom Wandern und Wundern

Zwischen den Stühlen.  Vom Wandern und Wundern

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich eine kleine Besprechung zu dem Buch „Vom Wandern und Wundern“ schreiben. Aber letzte Woche kam mit Christian Hennecke zuvor. Und ich dachte, ja, das sieht du praktisch alles genauso, kannst dir also deine Rezension sparen. Aber da waren noch so viele andere Gedanken mittlerweile im Kopf. Die habe ich jetzt aufgeschrieben.

„Sie werden viel unterwegs sein.“
Sagte mein Direktor Ralf Tyra bei meiner Einführung als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Ende 2014, in Osnabrück.
Und ich strahlte.
Durfte ich doch fortan den ganzen Tag machen, was ich immer schon gerne gemacht habe:
Wandern.

Zwischen den Stühlen, das war irgendwie schon immer mein Platz.
In der Gemeinde waren die spannendsten Tage solche:
morgens in Duisburg mit den KDA-Kollegen reflektieren,
mittags auf den Friedhof in der Mittagshitze eine Familie begleiten,
nachmittags im Konfirmandenunterricht mich den Fragen der 14jährigen stellen,
abends auf dem Rad all das hin und her bewegen.

Oder so:
Als einer von zwei Männern unter siebzig Frauen auf der Denkumenta 2013, Differenz und Verbundenheit hochzwei.
In Hildesheim im Cafe mit Birgit sitzen, quatschen, Kakao und am Ende eine Projektidee.
Morgen für Morgen nach der Zeitung mit Christine über Gott und die Welt reflektieren und staunen, was da immer wieder bei herauskommt.
Mich im Zug zum Kirchentag spontan mit Klaus Motoki Tonn (dem neuen Kommunikationschef unserer Landeskirche) verabreden und mit ihm zwei Stunden hinter den Hackschen Höfen unterwegs sein, zu Fuß und gedanklich.
Und so weiter und so fort.
Offenheit für das Neue, das Fremde, das Staunen.

Wundern ist für mich ein neues Wort.
Ich habe dafür meist Staunen gesagt.
Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle gesagt.
Staunen trifft mich, betrifft mich.
Nimmt mich an der Hand und führt mich weg.

Wandern, hin und her.
Ich liebe es, im Zug zu schreiben.
Die Landschaft fliegt vorbei.
Meine Gedanken kommen auf Trab.
Und dann beginnt das Ringen um Sprache.
Um Worte und Wörter und deren Beziehung.
Poesie befreit.
Poesie verbindet.

Wie beschreibe ich dieses Gefühl, um eine eigene Sprache zu ringen?
Oder von Worten anderer getroffen berührt zu werden?
Eine Landschaft in flimmernder Sommerhitze.
Die Luft vibriert.
Gleißendhelles Licht.
Schweiß auf der Haut.
Lebendigkeit, kaum auszuhalten.

Dieses Gefühl stellte sich beim Lesen der persönlichen Skizzen im Buch: „Vom Wandern und Wundern“ ein.
Menschen sind unterwegs.
Auf der Suche, neugierig und offen.
Verletzlich und verletzt.
Fremd und nah.
Frei und verbunden.

„Am gläubigsten sind Menschen in Verbundenheit und Freiheit.“

Schreibt Hannah Buiting (45).
Tiefe Weisheit in acht Worten.

Ich lese weiter.

„Die Kirche hat eine eigene Dynamik, welche Personen in wenigen Jahren zu domestizieren vermag. Du hast dich dagegen gewehrt und stehst wahrscheinlich auch heute in dieser Spannung zwischen Orientierungslosigkeit, Fremdheit und kirchlicher Verbundenheit. Ringst damit, kirchlich dazuzugehören und doch nicht hineinzupassen. Genau das ist aber dein Potential.“ (185f.)

So Sabrina Müller.
Ich habe mich nie so fremd gefühlt, aber eine skeptische Distanz zur „Kirche“ war (und ist) immer auch da.
Bei aller Vertrautheit und Verbundenheit.
Daher kann ich nicht anders als zu wandern und mich zu wundern.
Mal freudig erregt, mal sprachlos entsetzt, mal zwischendrin.

Markus Kalmbach erzählt von einer Sehnsucht, die zu entwickeln ist:
Von der Sehnsucht nach den 99 Schafen.

„Kirche geht hin zu den Menschen, dort wo sie leben. In unseren gewohnten kirchlichen Strukturen ist das leider schwer umsetzbar. Darum wäre es sinnvoll, Menschen für eine solche Aufgabe als ‚Pioniere‘ freizustellen.“ (108)

Hingehen, dazwischensein, Inter-esse zeigen.
Ein Weg ist der Um-Weg über die Arbeit.
Die (Erwerbs-) Arbeit, die Menschen leisten.
Die sie freut und belastet, glücklich macht und quält.
Wir im KDA, im Kirchlichen Dienst IN der Arbeitswelt, sind „Pionier/-innen“, die da hingehen.

Denn meine, unsere Erfahrung ist immer wieder aufs Neue:
Wir kommen in viele Betriebe.
Manchmal werden wir eingeladen, meist aber klopfen wir an und sagen:
Wir möchten euch besuchen.
Fast immer öffnet sich die Tür für uns.
Und dann geht es ganz oft so:
Die Tür geht hinter uns zu, Kaffee steht auf dem Tisch oder Tee und Wasser.
Und unsere Gastgeber/-innen fangen an zu erzählen.
Erst mal nicht über ihr Unternehmen.
Sondern ob sie in der Kirche sind oder nicht.
Welche Erfahrungen sie mit Gemeinde und Pastoren gemacht haben.
Was sie aus ihrem Glauben heraus ethisch umtreibt, wenn sie an den Arbeitsalltag denken.
Oft kommen auch Kränkungen auf den Tisch, wie diese:
„Kirche interessiert sich nur für die Arbeitswelt, wenn sie Spenden haben möchte.“
Erst später sehen wir dann die Powerpoint, die uns den Betrieb näher bringt und gehen durch die Hallen.

Sebastian Baer-Henney schreibt über die Milieus, die Kirche nahe stehen und andere, die abseits stehen.
Ich bin da ganz bei ihm und seinen Überlegungen.
Es gilt die Grenzen durchlässig zu machen.
Da müssen wir mittendurch und zwischendrin sein.
Aber der Weg ist weit…
Und wohin führt er?
Letzte Woche traf ich mich mit Kollegin und Kollege mit Ulrich Kasparick.
Pfarrer in Hetzdorf.
Googelt ihn mal oder sucht ihn auf Facebook.
Er erzählt viel vom Wandern und Wundern.
Zum Beispiel:
Da sind zwei Nonnen aus der Schweiz hierher gezogen.
Er hat sie gefragt:
Warum kommt ihr ausgerechnet hierher ins entchristlichste Gebiet Europas?
Antwort:
Wir wollen gucken, wo der Herrgott hier schon unterwegs ist.
Wandern – und sich wundern über die Wunder.

Teamwork, anders geht Kirche nicht.
Schreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk.
Das glaube ich auch.
Dass wir als Pfarrer/-innen oft so einsam unterwegs sind, ist furchtbar.
Heute bin ich Teil eines Teams im Haus kirchlicher Dienste in Hannover.
Und genieße die Gemeinschaft, die Unterstützung, die kreativen Anregungen, kollegiale Beratung. Inspiration durch Verschiedenheit.
Dankbar bin ich auch für die Philosophie des Hauses:
Scheitert erfolgreich!
Probiert aus, testet, seid mutig, macht euch auf, geht mittenrein und dazwischen.
Ermutigt, provoziert, verbindet.
Anders gesagt:
Wandert los und wundert euch!

Hier und da habe ich mich auch gewundert beim Lesen.
Die Erfahrung vom digitalen Wandern und Wundern kommt nur am Rand vor.
Hannah Buiting schreibt Zum Beispiel von ihrer „Netzgemeinde“.
Für mich ist das Netz in den letzten Jahren der Ort, in dem ich ständig unterwegs bin und wundersame Erfahrungen gemacht habe:
Kollegiale Beratung.
Theologische Reflexion.
Ringen um Verkündigung.
Ideen entwickeln, Projekte schmieden.
Das Glücksgefühl, auf Gleichgesinnte zu treffen.
Ich habe in der digitalen Welt Menschen gefunden, die ich nie gesehen und die mir doch wunderbar vertraut sind.
Denn wenn wir uns dann doch eines Tages analog begegnen, liegen wir uns sofort in den Armen.
Das Leben ist bunt und wir sind gemeinsam unterwegs.
Analog, aber auch digital.
Ohne diese Erfahrung, da bin ich hundertprozentig sicher wäre ich heute nicht in Hannover.
An einem Ort, der mir erlaubt, wunderbar wundernd zu wandern.

Sozialanwaltschaft – Barmherzigkeit drängt auf Gerechtigkeit

Sozialanwaltschaft – Barmherzigkeit drängt auf Gerechtigkeit

Anlass und Absicht

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag von Alexander Dietz über Sozialanwaltschaft. Dieser in der Diakonie schon lange beheimatete Begriff ist für mich ganz neu. Ich recherchiere etwas und stoße auf einen Sammelband, den Alexander Dietz mit Stefan Gillich zusammen herausgegeben hat. Er trägt den Titel: Barmherzigkeit drängt auf Gerechtigkeit (erschienen in der EVA Leipzig).

Die hier versammelten Aufsätze umkreisen Sozialanwaltschaft theoretisch und praktisch. Ich beginne zu ahnen, dass dieser Begriff geeignet ist, wie durch ein Brennglas Fragestellungen zu bündeln, zu präzisieren und in die Weite zu führen. In diesem Beitrag versuche ich Einsichten aus der Lektüre festzuhalten. Ich sortiere diese unter verschiedenen Überschriften mit Reflexionen oder Kommentare, am Ende nehme ich noch einen Gedanken aus dem Vortrag auf von Alexander Dietz auf.

Sozialanwaltschaft aus Herausforderung für die verfasste Kirche

Es ist die Lage der Schwächsten, an der sich entscheidet, ob von Gerechtigkeit die Rede ist. (36 – ich verzichte darauf, die einzelnen Autor/-innen anzugeben und nenne nur die Seitenzahlen aus dem Band)

Sozialanwaltschaft knüpft an die Tradition des Blicks von unten (Bonhoeffer) oder an die „Option für die Armen“ an. Das ist nichts Neues, nur der Begriff ist ein anderer. In der Gegenwart kommt nun allerdings eine neue Perspektive hinzu. Alexander Dietz schreibt dazu:

Die ökonomische Abhängigkeit von einem Staat, der die Verbände nicht mehr als Partner auf Augenhöhe, sondern als austauschbare Dienstleister betrachtet, stellt die Verbände in eine Situation und umgänglicher strategischer Entscheidungen. (…) Sollen sich die Verbände als Anwälte organisatorisch stärker von ihren Einrichtungen als Dienstleister trennen? Welche strategischen Partnerschaften mit weniger abhängigen Akteuren sind möglich? Für die kirchlichen Wohlfahrtsverbände bietet sich an dieser Stelle eine stärkere Vernetzung mit den Kirchen an. Kirchenkreis-Referenten, Dekane oder Pfarrer können möglicherweise dort sozialpolitische Forderungen öffentlich vertreten, wo örtlichen Verbandsfunktionären die Hände gebunden sind. (123f.)

Hier bin ich zunächst ganz konkret als Pfarrer mit einer Funktionspfarrstelle im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) angesprochen. Sozialanwaltschaft ist Teil meiner Tätigkeit dort. Wenn ich das weiter denke, ergeben sich aber viele weitere Denk- und Handlungsmöglichkeiten. Und Anknüpfungspunkte, zum Beispiel an die Gemeinwesendiakonie, die in den letzten Jahren versucht, Kirche und Diakonie in ihrer Vielfalt stärker in die Kommunikation und Kooperation mit der Zivilgesellschaft zu führen.

Sozialanwaltschaft und Lobbyismus

Eins der echten „Aha“-Erlebnisse beim Lesen war die Erkenntnis, dass Lobbyismus ein sinnvoller und notwendiger Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft ist.

Es ist zu betonen, dass ein demokratisches System Lobbyismus braucht, um zu funktionieren. Es geht darum, Politiker (und andere Adressaten) für wichtige Themen zu sensibilisieren und mit Informationen zu versorgen, auf die sie angesichts der Komplexität vieler Themen und ihres begrenzten Mitarbeiterstabs angewiesen sind. Lobbyisten tragen dazu bei, dass politische Interessenvertreter kontrolliert werden, dass Meinungen von Bevölkerungsgruppen mit ähnlichen Interessen gebündelt werden und dass auf Missstände hingewiesen wird. Sozialverträgliche Lobbyarbeit berät Politik mit dem Ziel, dass ausgegrenzten Menschen Teilhabe ermöglicht wird. (125)

Lobbyarbeit ist also Kommunikation zwischen Gesellschaft und Politik. Wenn diese offen, transparent, unbestechlich und mit klarer Rollenverteilung erfolgt, profitieren Politik und Gesellschaft. (133)

Das hat mir sehr eingeleuchtet und ich fand die verschiedenen Aufsätze zu dieser Thematik im Rahmen von Sozialanwaltschaft sehr erhellend. Sozialanwaltschaft ist Lobbyismus. Ich schlucke allerdings immer noch, wenn ich das laut ausspreche, die Prägungen sitzen tief.

Sozialanwaltschaft und Macht

Ein positives Verständnis von Lobbyarbeit ist insofern von allergrößter Bedeutung, weil es in der Sozialanwaltschaft immer darum geht, Veränderungen zum Besseren zu erreichen. Das geht nicht ohne den Willen zur Macht. Machtbewusstsein ist in kirchlichen, diakonischen und anderen Raum häufig negativ besetzt. Wer Macht ausüben möchte, gilt als verdächtig. Allerdings, und das wird im Sammelband an einem Zitat von Martin Luther King deutlich, lässt sich diese negative Bestimmung auflösen, wenn Macht in bestimmter Weise auf Liebe bezogen wird:

Um Macht und Einfluss zu generieren, braucht es Einigkeit und Stärke. (…) Hören wir hier zu Martin Luther King: „Macht, richtig verstanden, ist die Fähigkeit, etwas zu erreichen. Es ist die Stärke, die man braucht, um soziale, wirtschaftliche und politische Veränderungen herbeizuführen. In diesem Sinne ist macht nicht nur erwünscht, sondern auch notwendig, um die Forderungen von Liebe und Gerechtigkeit zu erfüllen. Eines der größten Probleme der Geschichte ist es, dass die Begriffe Liebe und Macht als polare Gegensätze gegenübergestellt werden. Liebe wird mit dem Verzicht auf Macht und macht mit der Verneinung von Liebe identifiziert. (…) Was wir brauchen, ist die Erkenntnis, dass Macht ohne Liebe rücksichtslos und schimpflich ist und dass Liebe ohne Macht sentimental und blutleer ist. Macht im besten Sinne ist Liebe, die alles ändert, was sich der Liebe entgegenstellt.“ (53)

Sozialanwaltschaft als Haltung

Sozianwaltschaft ist eine Haltung. Eine Haltung der Parteilichkeit, die sich in anwaltliche Handlungen übersetzt:

Die Parteilichkeit mit den Betroffenen ist eine der Grundvoraussetzungen für die Idee des anwaltschaftlichen Handelns. Der Anwalt ergreift Partei für seinen Klienten und vertritt sie gegen die Vertreter einer anderen Partei. Zwischen diesen Parteien herrscht ein Konflikt. Es gibt unterschiedliche Interessen, und es gibt Regeln und Verfahren, wie diese Konflikte zu bewältigen sind. (49)

Parteilich ist eine Person, die an jemandes Seite steht, vorurteilsfrei und wertfrei den Zustand akzeptiert, wertschätzt und die (benachteiligte) Personen unterstützt, ihre Interessen zu vertreten – wo notwendig und gemeinsam. Ein Anwalt hat eine Vertretungsfunktion. Er ist Fachmann für die Durchsetzung von Interessen und vertritt – sprachmächtig und strategisch versiert – seinen Klienten. Er hat den besseren Überblick, steuert das Verfahren und ist in der Lage, sich angemessen zu artikulieren. Es ist, für einen befristeten Zeitraum, ein Über- und Unterordnungsverhältnis. (22)

Entscheidend für mich ist das Bewusstsein, dass der Anwalt, die Anwältin (der Sammelband verzichtet auf gendergerechte Sprache) sich seiner Rolle und Position im Geschehen bewusst ist – und der Tatsache, dass diese Rolle nicht an seine Person dauerhaft gebunden ist, sondern befristet. Ich habe eine bestimmte Sprachfähigkeit, Über- und Einblick und strategisches Geschick, mich in einem bestimmten Kontext – hier im weitesten Sinn im öffentlichen und politischen Raum angemessen bewegen zu können, um etwas zu bewegen. In anderen Kontexten bin ich vielleicht der- oder diejenige, der/die Anwaltschaft anderer bedarf. So verstanden, eröffnet der Begriff der Sozialanwaltschaft die Möglichkeit, eigenes Denken, Reden und Handeln im politischen und öffentlichen Raum immer wieder zu überprüfen und in verschiedenen Reflexionsschleifen zu präzisieren bzw. abzugrenzen.

Sozialanwaltschaft und mediale Formate

In einem Nebensatz hat Alexander Dietz in seinem Vortrag eine Frage gestellt, an der ich hängen geblieben bin:

Wer hat denn heute (noch) die Zeit, sich hinzusetzen und einen Leserbrief zu schreiben?

Es ging ihm in diesem Moment um die Frage, wie die Wahrnehmung von Sozialanwaltschaft in Arbeitsplatzbeschreibungen und Dienstanweisungen verankert werden kann. Ich dachte allerdings, ach, schau an, ein Leserbrief gehört vielleicht auch dazu… Was bedeutet das, wenn ich es weiter denke?

Sozialanwaltschaft ist dann in viel mehr Formaten denkbar und möglich und verteilt sich so auch auf mehr Schultern. Dies geschieht ja auch längst unter uns. Christ/-innen bloggen, twittern, veröffentlichen Fotos auf Instagram, schreiben Leserbriefe, diskutieren auf Facebook, verteilen Flugblätter in Fußgängerzonen usw. Wir erheben unsere Stimme in einer Vielfalt von Netzwerken – aber dies bekommt vielleicht noch einmal einen neuen Schwung, wenn ich all diese Aktivitäten und Formate unter die Überschrift: „Wahrnehmung von Sozialanwaltschaft“ einordne.

Es motiviert vielleicht den einen oder die andere noch einmal anders und neu, die eigenen Netzwerkaktivitäten unter einem verbindenden Begriff zu verstehen. Zugleich befreit dieser Gedanke, im Schwarm aktiv zu sein mich auch dorthin, die „Kunst des Nebenbei“ zu pflegen, die außerordentlich erleichternd ist, weil sie mich vom Druck befreit, „auch das noch“ machen zu müssen.

Das entlastet dann auch diejenigen, die sich qua ihrer Ämter und Zuständigkeiten in den politischen Netzwerken bewegen und dort Lobbyarbeit leisten. Sie können auch auf andere zugehen und sie um Unterstützung in der sozialanwaltschaftlichen Arbeit bitten, durch einen Leserbrief, eine Aktion, eine Facebook-Aktion usw. Auch dies geschieht längst unter uns, es könnte aber noch mehr werden.

Gute Begriffe sind für mich in solchen Zusammenhängen immer geeignet, wie in einem Brennglas die Dinge zunächst auf den Punkt zu bringen und dann von dort ausgehend zu öffnen. Sozialanwaltschaft ist für mich solch ein Begriff, den es lohnt, aus dem Raum der Diakonie in den Bereich der (verfassten) Kirche zu führen.

Schlichtweg weniger konsumieren. Gedanken zu „Fairarscht“ von Sina Trinkwalder

buchhandel.de/

Ich gestehe, der Titel hat mich erst mal abgeschreckt.
Erstens fand ich ihn (zu) reißerisch.
Zweitens dachte ich, was soll fair mit „Verarsche“ zu tun haben?!

Klar, Sina Trinkwalder, die sagte mir was.
Und ich folge ihr schon länger auf Twitter.
Dann las ich die Rezension meines Kollegen Heiko Kuschel und dachte:
Okay, vielleicht solltest du das Buch doch lesen.

Gesagt, gekauft, gelesen.
Fast in einem Zug (in einem Zug).

Vieles kannte ich schon:
Händler, die Produzenten mit Preisen unter Druck setzen.
Discounter, die nur auf Gewinnmaximierung aus sind.
Immer niedrigere Einkünfte für landwirtschaftliche Betriebe, von Kaffeebauern ganz zu schweigen.
Siegel und ihre Probleme.
Die Wegwerf-Mentalität.
Die damit verbundene mangelnde Wertschätzung von Produkten.
Und der menschlichen Arbeit, die dahinter steht.
Das Sich-gegenseitig-die-Schuld-zu-schieben.
Die mangelnde Transparenz, nicht nur der Lieferketten.
Das Gefühl der Überforderung bei mir als Konsumenten.
Obwohl es doch angeblich immer nur um unsere Wünsche als Konsument/-innen geht.
Und so weiter und so fort.

Das Buch ist ein guter und leichter Einstieg.
Für Menschen, die sich bislang nicht oder wenig mit solchen Fragen beschäftigt haben.

Aber auch für mich als Insider war es lesenswert.
Sehr lesenswert.
Aus Gründen.
Vier Gründen.

1. Zum Beispiel die Beispiele.

Beispiele sind immer gut.
Sie sind anschaulich und prägen sich ein.

Schön fand ich die Geschichte von Mon Cherie und der Piemont-Kirsche.
Die Kirschen waren nämlich gar nicht frisch im Herbst, nach der langen Sommerpause.
Sondern kamen aus dem letzten Jahr, aus Polen oder Chile.
Tiefgekühlt.
Der Rest war geniales Marketing.

Oder die Geschichte vom Analogkäse, in dem gar kein Käse war.
Dafür auf unseren TK-Pizzen landete.
Aufdeckung, Aufschrei, vom Markt verschwunden.
Dann vegan umdefiniert und mit Gewinn weiterverkauft.
Geschickt gemacht, keine Frage.

Oder die Tatsache:
Vieles, was ich beim Discounter kaufen kann, ist nach Bio-Normen hergestellt.
Denn es stammt aus den Überschüssen der Bio-Produktion.
Wenn  die der Bio-Handel nicht mehr nimmt, nehmen kann, nimmt es gerne der Discounter.
Zum Vorzugspreis, versteht sich.

Fairarsche nennt Trinkwalder solche und ähnliche Vorgehensweisen.
Manches lässt mich schmunzeln, anderes überrascht und ärgert mich.

2. Bio und fair, fair oder bio oder was?

Überzeugend finde ich die These:
Wenn fair und bio geht, dann fair und bio, klar.
Wenn aber nur fair oder bio möglich ist, dann bio.
Denn:

Fairness ist jederzeit änderbar und einführbar. Der Raubbau an der Natur, das Zerstören unserer fruchtbaren Böden durch Pestizide und Monokulturen, hingegen ist irreparabel. Flora und Fauna, die verloren ging, kann man nicht einfach so wiederherstellen. Bio ist demnach wichtiger. (102)

Leuchtet mir ein.

3. Die zwiespältige Rolle von NGOs und Fairtrage

Mich hat sehr nachdenklich gemacht, was Sina Trinkwalder über NGOs und Fairtrade schreibt.
Als Christ, Theologe, Pfarrer und Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Klar, Brot für die Welt, Greenpeace, Campact oder wer auch immer –
sie verfolgen immer auch eigene Interessen.
Es geht um Ansehen, und, ja, auch um Arbeitsplätze.
Erschreckt hat mich aber, dass sich viele dieser Institutionen offenbar die Hände selbst mit schmutzig machen.
Trinkwalder wirft ihnen vor:
An manchen (oder vielen?) Stellen seid ihr bereits Teil des Systems.
Ihr tut das, um weiter Projektgelder zu erhalten und euren Einfluss in der Öffentlichkeit nicht zu verlieren.
Doch so verliert ihr die kritische Distanz.

Da wird die Autorin manchmal spitz, ja böse.
Sie hat ihre Erfahrungen gemacht.

Dennoch:
Ich vermute, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.

Und:
Zukünftig werde ich hier genauer hinsehen und nachfragen.
Bei meinen Kontakten zu und Projekten mit NGOs in diesem Feld.
Das ist für mich der wesentliche Erkenntnisgewinn dieses Buches.

4. Die ehrliche und authentische Schreibweise

Sina Trinkwalder schreibt authentisch.
Sie hat ein Textilunternehmen aufgebaut hat, das ausschließlich und alles in Deutschland produziert.
Daher nimmt man ihr ab, was sie schreibt.
Wenn man so will, sie hat das Recht so zu schreiben.
Sie „darf“ das.

Aber sie ist auch ehrlich.
Gibt Einblicke in ihr Seelenleben.
Und ich entdecke mich wieder.

Wenn sie meint, auf dem richtigen Weg gewesen zu sein –
nur um dann festzustellen, dass sie doch wieder nur verarscht worden ist.
Wenn sie erzählt, dass die Verzweiflung wieder einmal in ihr mächtig ist.
Wenn sie aufzeigt, wo und an welchen Stellen auch sie keine Alternativen sieht.
Manchmal mit Augenzwinkern und Humor.
Also, ein Trikot vom FCA, das muss im Stadion schon sein.
Gibt es aber nicht in bio und/oder fair.

Ich schlage mich ja auch ständig mit der Frage herum:
Wie kann das gehen mit bio und/oder fair?
Daher finde ich das Buch nicht nur ehrlich und authentisch –
sondern auch entlastend einerseits und mutmachend andererseits.
Denn einfache Lösungen gibt es nicht.
Kröten müssen wir weiter schlucken, viele.
Es bleibt schwierig für uns Kunden, wie Sina Trinkwalder an einer Stelle schreibt, aber auch:

Wenn man wirklich will, findet man Wege, sonst kracht uns die Kiste um die Ohren! (175)

Ja, wahrscheinlich gilt es nicht zu entscheiden zwischen schwarz und weiß,
richtig und falsch,
gut und böse.
Von Schattierungen spricht die Autorin.

Ich würde das so sagen:
Die Wahrheit, der Weg und das Leben liegen eher im grauen Bereich.
Im mausgrauen Alltag.
Langweilig.
Zäh.
Widersprüchlich.
Anstrengend.
Überhaupt nicht medienwirksam.
Aber genau da liegen Wahrheit, Weg und Leben.

Am Ende läuft es auf einen simplen Satz hinaus:

Schlichtweg weniger konsumieren. (178)

So einfach.
So schwierig.
So sinnig.
So befreiend.