Klimawandel, Gewebe und Sünde. Fragmentarisches Gespräch mit Schellnhuber, Arendt und Luther

Klimawandel

Vor mir liegt „Selbstverbrennung“ von Hans Joachim Schellnhuber.
Grad erschienen, beschreibt es die Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch, und Kohlenstoff.
Es fällt mir schwer, das Buch zu lesen.
Ich bin erst auf Seite 123.
Es tut weh, sauweh.

Weil auf bald jeder Seite sichtbar wird:
Ich kann tun und lassen, was ich will –
die fatalen Verstrickungen meines Alltags machen mich ununterbrochen und unabwendbar mitschuldig.
Strukturelle Sünde, selten wurde mir klarer vor Augen gestellt, was das ist.

Ich schiebe das Buch weg, ziehe es wieder ran.
Und frage mich:
Ist das Gefühl ähnlich dem, das Martin Luther umtrieb auf der Suche nach dem gnädigen Gott?
Ich kann tun und lassen was ich will, die Waagschale wird sich immer Richtung ewiger Verdammnis neigen?

Martin Luthers Erkenntnis bestand in der Einsicht, dass ich Gnade nicht verdienen kann.
Gnade ist ein Geschenk, befreit mich zum frohen und dankbaren Dienst an der Geschöpfen Gottes.
So weit Luther, so weit, so gut.

Für mich beginnt es da aber erst mit den Fragen:

Was heißt eigentlich „Gnade“ im Blick auf strukturelle Sünde?
Wie „vergibt“ Gott diese Sünde?
Wie erlöst er daraus?
Und wen?
Gilt auch hier Luthers Diktum: „Pecca fortiter“, „Sündige kräftig“ – statt dich im Stand der Gnade selbst zu zerfleischen?
Wobei, ich kann ja auch gar nicht anders, aber die Frage bleibt: wo sündigen und wo besser nicht?
Anders gesagt: Wo anfangen, was besser lassen?
Welche Konzepte unterstützen?
Oder sind wir schon längst im Zustand der Apokalypse angekommen, in der es eigentliche keine Handlungsoptionen mehr gibt?
Und der kollektive unentrinnbare Wahnsinn uns nach und nach in den kollektiven Suizid treibt?

Ich merke, diese alten religiösen Worte bringen in mir etwas zum klingen:
Sünde.
Erbsünde.
Sündenvergebung.
Erlösung.

Sie stehen in Verbindung zu dem wunderbaren Bild von Hannah Arendt:
All unser Tun ist Fäden in ein Gewebe zu schlagen, das andere vor uns gewebt haben.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger
Ich habe das stets positiv gehört.
Ich stehe in einem Geflecht aus Beziehungen und Bezogenheiten.
Das „entlastet“ meine eigene Tat, weil sie eingebunden ist.
Sie macht mich dankbar für dieses Gewebe, dass mich hält und trägt.
Und ich verändere es durch mein Tun.

Aber nun ahne ich, es gibt eine dunkle Seite dieses Bildes.
Das Gewebe, dass Schellnhuber in aller Konsequenz und Tiefe beschreibt, hat ein selbstzerstörerisches Muster.
„Die Menschheit“ hat dieses Muster über Jahrtausende gewebt.
Theologisch-religiös gesprochen ist das Erbsünde.
Arendts Bild macht auch sofort deutlich, dass die einzelne „Tatsünde“, nein jede (!) eingeflochten ist in dieses Muster.
Das ist der große Irrtum aller individualistischen Sündenerkenntnistheorien, die Sünde auf Moral reduzieren.
Und damit der Verschleierung des tatsächlichen Ausmaßes Vorschub leisten.

In früheren Zeiten wurden Beichtspiegel geschrieben, anhand deren Listen ich mein alltägliches, individuelles Versagen durchbuchstabieren konnte.
Vielleicht ist Schnellnhubers Buch ein moderner Beichtspiegel?

Was lässt aufatmen, ohne wegzuschauen?
Was lässt mich handeln, ohne Schuldgefühle?
Wie leben mit dem Schmerz angesichts der untergehenden Schönheit?
Auch mal fünfe grade sein lassen?
Mich selbst beruhigen, ach, du tust doch schon so viel?
Und „genug“ wird es eh nie sein (können)?

Ich schaue aus dem Fenster, sehe den Himmel und schon meldet sich die nächste Frage:
Vergebung und Gnade ist ja gut und schön, aber…?
Ja, aber was?
Aussteigen kann ich nicht.
Und das Gewebe haben andere vor mir gewebt, mein Handeln ist untrennbar darauf bezogen.
Was bringt mir die Gnade, so ganz konkret?
Spitz gefragt – was habe ich davon?
Gehört es vielleicht zum Wesen der Gnade, diesen Schmerz aushalten zu müssen und zu können?
Wird so meine Wahrnehmung weicher und das Handeln klarer, trotz allem oder grade deswegen?

Weiter bin ich noch nicht.
Passt alles nicht recht zusammen.
Fragmentarisch eben, unfertig, holprig und wir.
Es liegen noch 600 Seiten vor mir.

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