Klimawandel, Gewebe und Sünde. Fragmentarisches Gespräch mit Schellnhuber, Arendt und Luther

Klimawandel

Vor mir liegt „Selbstverbrennung“ von Hans Joachim Schellnhuber.
Grad erschienen, beschreibt es die Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch, und Kohlenstoff.
Es fällt mir schwer, das Buch zu lesen.
Ich bin erst auf Seite 123.
Es tut weh, sauweh.

Weil auf bald jeder Seite sichtbar wird:
Ich kann tun und lassen, was ich will –
die fatalen Verstrickungen meines Alltags machen mich ununterbrochen und unabwendbar mitschuldig.
Strukturelle Sünde, selten wurde mir klarer vor Augen gestellt, was das ist.

Ich schiebe das Buch weg, ziehe es wieder ran.
Und frage mich:
Ist das Gefühl ähnlich dem, das Martin Luther umtrieb auf der Suche nach dem gnädigen Gott?
Ich kann tun und lassen was ich will, die Waagschale wird sich immer Richtung ewiger Verdammnis neigen?

Martin Luthers Erkenntnis bestand in der Einsicht, dass ich Gnade nicht verdienen kann.
Gnade ist ein Geschenk, befreit mich zum frohen und dankbaren Dienst an der Geschöpfen Gottes.
So weit Luther, so weit, so gut.

Für mich beginnt es da aber erst mit den Fragen:

Was heißt eigentlich „Gnade“ im Blick auf strukturelle Sünde?
Wie „vergibt“ Gott diese Sünde?
Wie erlöst er daraus?
Und wen?
Gilt auch hier Luthers Diktum: „Pecca fortiter“, „Sündige kräftig“ – statt dich im Stand der Gnade selbst zu zerfleischen?
Wobei, ich kann ja auch gar nicht anders, aber die Frage bleibt: wo sündigen und wo besser nicht?
Anders gesagt: Wo anfangen, was besser lassen?
Welche Konzepte unterstützen?
Oder sind wir schon längst im Zustand der Apokalypse angekommen, in der es eigentliche keine Handlungsoptionen mehr gibt?
Und der kollektive unentrinnbare Wahnsinn uns nach und nach in den kollektiven Suizid treibt?

Ich merke, diese alten religiösen Worte bringen in mir etwas zum klingen:
Sünde.
Erbsünde.
Sündenvergebung.
Erlösung.

Sie stehen in Verbindung zu dem wunderbaren Bild von Hannah Arendt:
All unser Tun ist Fäden in ein Gewebe zu schlagen, das andere vor uns gewebt haben.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger
Ich habe das stets positiv gehört.
Ich stehe in einem Geflecht aus Beziehungen und Bezogenheiten.
Das „entlastet“ meine eigene Tat, weil sie eingebunden ist.
Sie macht mich dankbar für dieses Gewebe, dass mich hält und trägt.
Und ich verändere es durch mein Tun.

Aber nun ahne ich, es gibt eine dunkle Seite dieses Bildes.
Das Gewebe, dass Schellnhuber in aller Konsequenz und Tiefe beschreibt, hat ein selbstzerstörerisches Muster.
„Die Menschheit“ hat dieses Muster über Jahrtausende gewebt.
Theologisch-religiös gesprochen ist das Erbsünde.
Arendts Bild macht auch sofort deutlich, dass die einzelne „Tatsünde“, nein jede (!) eingeflochten ist in dieses Muster.
Das ist der große Irrtum aller individualistischen Sündenerkenntnistheorien, die Sünde auf Moral reduzieren.
Und damit der Verschleierung des tatsächlichen Ausmaßes Vorschub leisten.

In früheren Zeiten wurden Beichtspiegel geschrieben, anhand deren Listen ich mein alltägliches, individuelles Versagen durchbuchstabieren konnte.
Vielleicht ist Schnellnhubers Buch ein moderner Beichtspiegel?

Was lässt aufatmen, ohne wegzuschauen?
Was lässt mich handeln, ohne Schuldgefühle?
Wie leben mit dem Schmerz angesichts der untergehenden Schönheit?
Auch mal fünfe grade sein lassen?
Mich selbst beruhigen, ach, du tust doch schon so viel?
Und „genug“ wird es eh nie sein (können)?

Ich schaue aus dem Fenster, sehe den Himmel und schon meldet sich die nächste Frage:
Vergebung und Gnade ist ja gut und schön, aber…?
Ja, aber was?
Aussteigen kann ich nicht.
Und das Gewebe haben andere vor mir gewebt, mein Handeln ist untrennbar darauf bezogen.
Was bringt mir die Gnade, so ganz konkret?
Spitz gefragt – was habe ich davon?
Gehört es vielleicht zum Wesen der Gnade, diesen Schmerz aushalten zu müssen und zu können?
Wird so meine Wahrnehmung weicher und das Handeln klarer, trotz allem oder grade deswegen?

Weiter bin ich noch nicht.
Passt alles nicht recht zusammen.
Fragmentarisch eben, unfertig, holprig und wir.
Es liegen noch 600 Seiten vor mir.

10 theologische Thesen zu Gegenwart und Zukunft der Arbeit

Vortrag auf einer Veranstaltung der Evang. Bildungsstätte Arbeit und Gesellschaft in Kaiserslautern am 22. Oktober 2012

1. Christlicher Glaube bekennt sich zum bedingungslos liebenden Gott und erkennt darin zugleich die Gebrochenheit der menschlichen Existenz.

Christlicher Glaube erkennt den in der biblischen Tradition bezeugten und in Jesus bedingungslos liebenden Gott. Diese bedingungslose Annahme eröffnet zugleich den unverstellten Blick auf mich selbst und die Welt: Mensch und Welt sind gebrochen und keineswegs nur durch Liebe, sondern vor allem durch Angst, Egoismus und Zerstörung gekennzeichnet (Sünde/Erbsünde). Diese doppelte Grunderfahrung des Glaubens führt zur kritischen Dimension von Kirche und Theologie: Sie bezeugen die Liebe Gottes, beklagen die Sünde, protestieren gegen das Unrecht und laden ein bzw. fordern auf zu einem Verhalten, das der bedingungslose Liebe Gottes entspricht.

2. Arbeit ist in ihrer Vielgestaltigkeit immer Chance und Risiko, Schöpfung und Zerstörung, Beanspruchung und Beeinträchtigung.

Menschliches Leben vollzieht sich daher aus christlicher Perspektive immer in Gebrochenheit. Leben beinhaltet Chancen und Risiken, eröffnet Gestaltungsformen und verhindert sie, nimmt Menschen in Anspruch mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten, kann sie aber auch beeinträchtigen, ja zerstören. Wir sind eingebunden in ein Geflecht von Beziehungen und Bezogenheiten, fangen nie bei Null an und können doch neue Anfänge setzen. Dies gilt für alle Lebensbereiche, auch für die Arbeit des Menschen.

3. Arbeit ist in der Gegenwart durch eine umfassende Entgrenzung gekennzeichnet.

In der Gegenwart ist »Arbeit« vielfältigen Veränderungen ausgesetzt. (Scheinbar) vertraute Muster lösen sich auf: Dies gilt insbesondere für das »männliche Normalerwerbsarbeitsverhältnis«, das in den letzten Jahrzehnten zumeist gemeint war, wenn man(n) von Arbeit sprach. Zudem sind wir alle mehr oder weniger, aber zunehmend (mit-) arbeitende Kundinnen und Kunden. Die klassische Unterscheidung zwischen Unternehmen und Kunden löst sich auf, das fängt bei IKEA und ist mit der Fahrkartenbestellung im Internet noch lange nicht ans Ende gekommen. Auch die Digitalisierung unseres gesamten Lebens verändert unser Arbeiten permanent, rasant und unumkehrbar. Mit dem Begriff »Entgrenzung« scheint ein innerer Kern all dieser Veränderungsprozesse benannt zu sein, mit seiner Hilfe lassen sich die Veränderungen aufspüren und wahrnehmen.

4. Arbeit kann in der Gegenwart nicht mehr definiert werden.

Die Wissenschaft – gleich welcher Couleur – ist sich weitgehend darüber einig, dass es derzeit nicht (mehr?) möglich ist, »Arbeit« zu definieren. Jeder Begriff ist entweder zu weit (und damit unscharf) oder zu eng (und blendet wesentliche Aspekte bewusst oder unbewusst aus). Für die Diskussion muss daher immer (!) gefragt werden, was jeweils gemeint ist, wenn von »Arbeit« die Rede ist. Geschieht dies nicht, sind Missverständnisse unvermeidlich.

5. Hilfreiche Wahrnehmungskategorien gegenwärtiger Arbeit sind: Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck.

In den wissenschaftlichen Disziplinen wird heute von kontextbezogenen Beschreibungen oder von Wahrnehmungskategorien gesprochen, wenn über Arbeit nachgedacht wird. Auch hier gibt es eine große Bandbreite in der Unterscheidung der Begriffe. Ich selber spreche von Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck.

a) Arbeit soll, kann und muss meinen Lebensunterhalt sichern
Menschen benötigen Güter zu ihrem Lebensunterhalt: Nahrung, Kleidung, Wohnung. Der Mensch hat Recht und Pflicht, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Kann er dies nicht (Krankheit, Alter, Jugend), so ist er von der Gemeinschaft zu unterstützen. Einen auskömmlichen Lebensunterhalt zu erarbeiten und zu erhalten ist ein Menschenrecht, theologisch folgt dies aus der bedingungslosen Annahme Gottes. Die Kategorie Lebensunterhalt markiert daher eine untere Grenze: es gibt Lebensbedingungen, in denen Menschen der Lebensunterhalt verweigert wird. Dies ist ethisch inakzeptabel. Wo diese Grenze verläuft, ist gesellschaftlich immer wieder neu auszuhandeln.

b) Arbeit soll, kann und muss zu meiner Lebensfülle beitragen
Jenseits des gesicherten Lebensunterhaltes beginnt das Reich der Lebensfülle. Leben ist mehr als nur Nahrung, Kleidung und ein Dach über den Kopf. Vereinfacht gesagt, ist die Kultur die Domäne der Lebensfülle. Es gibt auch eine obere Grenze, der Mensch kann nur ein bestimmtes Maß an Lebensfülle gestalten. Hortet er mehr Güter (Geld oder Sachwerte), als er selbst benötigt bzw. nutzen kann, verletzt er diese Grenze nach oben. Theologisch ist dies als Sünde zu qualifizieren. Andre Gorz war schon der Meinung: »Genug ist das Beste, was es gibt« und Nikolaus Schneider spricht von einer heute notwendigen »Ethik des Genug«. Dies zeigt schon an, dass auch die Grenze nach oben auszuhandeln ist, »genug« ist eine Wertaussage.
Zwischen oberer und untere Grenze verläuft, ethisch gesprochen, das gute Leben aller. Die biblische Verheißung lautet: Es ist genug für alle da (vgl. die Kirchentagslosung 2013: »Soviel du brauchst«). Anders gesagt: Sozialethisch ist ist mehr anzustreben als »nur« die Absicherung des Lebensunterhalts. Für diejenigen, die unter dieser Grenze leben müssen, lautet die Herausforderung, ihnen zunächst hier die entsprechenden Möglichkeiten und Ressourcen zur Verfügung zu stellen – ist dies erreicht oder gewährleistet, ist die »Arbeit« aber noch nicht zu Ende.
Einsatz für die Sicherung des Lebensunterhaltes und für die Gestaltung der Lebensfülle benötigt Ressourcen, nicht nur finanzieller, sondern auch Zeit und Kraft. Wo der Kampf um den Lebensunterhalt zu viel Zeit und Kraft verschlingt, so dass für die Lebensfülle kein Raum mehr bleibt, ist das Verhältnis aus der Balance.

c) Arbeit soll, kann und muss mir Lebensausdruck ermöglichen
Arbeit hat auch eine höchst individuelle Komponente. Ganz gleich, ob von Gaben und Begabungen, Kompetenzen und Fähigkeiten usw. gesprochen wird, in meiner Arbeit will ich mich ausdrücken, gesehen und anerkannt werden. Ich spreche hier nicht von »Selbstausdruck« wie Dorothee Sölle, weil ich dies für eine Verengung halte. Manche Arbeit mag Selbstausdruck sein, aber ich drücke mein »Selbst« auch in gemeinschaftlicher Arbeit aus, in der ich Teil eines größeren Ganzen bin. Als Beispiel mag ein Orchester oder eine Band gelten: jede/r Musiker/in trägt zum Gelingen das seine/ihre bei, aber nur im Zusammenspiel erklingt Musik als Lebensausdruck. Lebensausdruck zielt stärker als Selbstausdruck auf die Beziehungen und Bezogenheiten, in denen ich stehe.

Es ist leicht erkennbar, dass Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck keineswegs nur durch Erwerbsarbeit erreicht werden können. Ebenso klar ist, dass nicht jede Tätigkeit immer allen drei Kategorien zugeordnet werden kann, um als Arbeit gelten zu können. Umgekehrt aber gilt: wird Menschen dauerhaft nicht ermöglicht, in gesichertem Lebensunterhalt zu leben, sich an Lebensfülle zu beteiligen und Lebensausdruck erleben zu können, dann ist dies aus christlich-ethischer Perspektive nicht hinnehmbar – und ist als Sünde zu qualifizieren.
Aus dem Bekenntnis zu dem mich, uns, die Welt bedingungslos liebenden Gott entsteht aus theologischer Perspektive der Anspruch, dass Menschen in gesicherten Lebensunterhalt leben und darüber hinausgehend an der Lebensfülle teilhaben und in ihrer Arbeit auch (immer wieder) Lebensausdruck erleben können. Hier hat Kirche sich auf all ihren Ebenen entsprechend in die Gesellschaft einzumischen. Dies erwächst zugleich die Selbstverpflichtung, alle innerkirchliche Arbeit unter diesem Dreiklang zu betrachten.

6. Die vielfältigen Arbeitsformen sind aus theologischer Perspektive alle gleichwertig.

Entscheidend für die Diskussion in der Gesellschaft ist nun aber, dass alle Arbeitsformen – im Sinne dieses Dreiklangs – gleichwertig sind. Erwerbsarbeit ist nicht »besser« und »wichtiger« als Hausarbeit oder private oder ehrenamtliche Arbeit. Es gibt keine theologische Begründung, Erwerbsarbeit vorzuordnen, im Gegenteil, wenn überhaupt gewertet werden soll aus christlicher Perspektive, dann wäre die »ursprüngliche« Arbeit im Haushalt mit Grundversorgung und Betreuung von Kindern und Alten »vorzuziehen« (nach den Untersuchungen von Christof Arn handelt es sich hier immerhin um mindestens 60% aller »Arbeit«). Theologie und Kirche haben sich an dieser Stelle für die Aufwertung aller Nicht-Erwerbsarbeitsformen einzusetzen.

7. Vorherrschendes Arbeitssystem ist nach wie vor und wohl noch auf lange Zeit die Erwerbsarbeit und damit der pragmatische Bezugsrahmen.

Trotz aller Entgrenzung und Veränderung ist und bleibt das Erwerbsarbeitssystem nach wie vor und noch auf lange Zeit das vorherrschende und am höchsten geschätzte Arbeitssystem. Bei aller Kritik muss von dieser Tatsache ausgegangen werden. Zugleich erleben wir immer mehr Unzufriedenheit mit dem System: die Erwerbsarbeitslosigkeit ist in Europa auf einem Höchststand, die Motivation der Arbeitnehmenden ist weltweit (!) in den letzten Jahren gesunken. Und die Zahl derer steigt, die in prekären Arbeitsverhältnissen leben und ihren Lebensunterhalt ungesichert sehen – ebenso wie es immer mehr Menschen gibt, die trotz Vollzeitstelle keine auskömmliche Entlohnung erhalten.
Bei der sozialethischen Betrachtung und Bewertung darf nicht der Fehler gemacht werden, aufgrund der vorhandenen Probleme alles auf die Schaffung von Erwerbsarbeit (-splätze) zu konzentrieren. Dies ist weder sinnvoll und geht auch an der Realität vorbei. Arbeitsplätze als »Omniwert« (Frithjof Bergmann) übersehen die Frage nach der Ausgestaltung der Erwerbsarbeitsplätze (»Humanisierung der Arbeitswelt«). Arbeit ist vielgestaltiger, zunehmend auch (klein-) selbständige und unternehmerische Arbeit. Zugleich besinnen sich Menschen auf Rückkehr zu Nicht-Erwerbsarbeitsformen. Hier muss Kirche darauf achten, dass sie nicht in ihrer (berechtigten ) »Sorge für die Armen« einseitig wahrnimmt und handelt. Der aus pragmatischen Gründen zu betrachtende Bezugsrahmen Erwerbsarbeit darf nicht dazu führen, andere Arbeitsformen auszublenden und zu vernachlässigen.

8. Utopie von einem anderen Arbeitssystem: Grundeinkommen vor Entlohnung.

Menschen brauchen Träume, Visionen und Utopien, auch in ihrer Arbeit. Utopien eröffnen Denk-räume, verändern den Blick auf die Gegenwart. Aus theologischer Perspektive besteht hier in der Gegenwart die Chance, an die Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen anzuknüpfen.
Weil wir von Gott bedingungslos geliebt sind, entspricht ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das Menschen einen »Vorschuss« gibt, eher dieser Liebe als ein auf nachgängige Be- oder Entlohnung setzendes Prinzip. In der Gegenwart ist dieses andere Arbeits- und Sozialsystem noch u-topisch, ohne Ort. Die Diskussion darüber verändert aber auch den verengten Blick auf Erwerbsarbeit, da es die Frage aufwirft, welchen »Wert« unsere Arbeit hat. Zugleich stellt es die heute vorherrschende Marktlogik in Frage und regt dazu an, das Marktgeschehen in ein umfassenderes Leitbild einzugliedern. Hier bietet sich das Bild des Haushalts an: Haushalte sind »ursprünglicher« als Märkte, diese haben ihren Sinn und Ort, aber sie erheben in der Gegenwart zu Unrecht häufig den Anspruch, das gesamte Leben bestimmen zu können, zu sollen, zu müssen (»homo oeconomicus«). Ein Grundeinkommen wäre ein Vorschuss auf die künftige Leistung und könnte das Lohn- und Leistungsprinzip umhüllen wie der Haushalt den Markt.

9. Zwischen sinnvoller und unsinniger Arbeit (und Gütern) ist zu unterscheiden.

Bereits das Postulat der Gleichwertigkeit jeder Arbeit stellt die Frage nach sinnvoller und unsinniger Arbeit, vor allem muss innerhalb des Erwerbsarbeitssystem diese Frage aufgeworfen werden. Hier liegt der Übergang zu wirtschaftsethischen Fragen: welche Güter sollen wo, wie und vom wem produziert werden? Was dient dem »guten Leben aller« und was nicht? Ohne diese Rückfrage wird die Forderung nach Lebensunterhalt, -fülle und -ausdruck »ideologisch« und einseitig: Selbstverständlich kann mir die Produktion von Waffen meinen Lebensunterhalt sichern und Lebensfülle ermöglichen, ja vielleicht liegt in der kreativen Suche nach immer präziseren Waffen auch die Möglichkeit, Lebensausdruck zu erleben – sinnvoll ist diese Arbeit dennoch keineswegs.
Diese Frage, welche Güter sinnvoll sind und dem guten Leben aller dienen ist einerseits gesellschaftlich stets neu auszuhandeln und politisch umzusetzen – andererseits richtet sie sich auch an Unternehmen, die über gegenwärtige und künftige Güter entscheiden. Nicht zuletzt besteht die Chance, durch Bürgerbeteiligung und -protest Macht auszuüben, der/die arbeitende Kunde/Kundin verändert und beeinflusst auch die Entscheidungswege der Güterproduktion.

10. Notwendige Abgrenzung: Arbeit ist begrenzt, sie hat ein Ende und ist umfangen von der Ruhe (Sabbattradition).

Teil der biblischen Tradition ist die Erinnerung an den Sabbat und an die damit verbundene Ruhe. Wie auch immer diese konkret ausgestaltet wird, Ruhe ist in christlicher Perspektive mehr als nur die Regeneration für neuerliche Arbeit. Der Sabbat erinnert daran, dass Arbeit eine Grenze hat und a ihr Ende kommt. Sabbat bzw. Sonntag erschöpfen sich auch nicht in der »Gottesdienstpflicht«, sondern implizieren Vergewisserung über den Glauben (und damit über das Menschsein), Unterbrechung des Alltags, Feier, Spiel und mehr. Ohne diese Dimension der Ruhe wird Arbeit schnell zum einzigen Lebensinhalt und Ziel (vielleicht neben der Liebe) und damit hoffnungslos überfrachtet (ebenso wie die Liebe wird sie dann zum einzigen Lebensinhalt). Die Frage nach heilsamer individueller und gemeinsamer Ruhe ist Teil des Nachdenkens über die Arbeit, aus christlicher Sicht kann nicht abschließend über Arbeit gesprochen werden, wenn die Ruhe ausgeklammert wird.

(Leicht überarbeite Fassung des mündlichen Vortrags, Anregungen aus der Diskussion wurden eingearbeitet.)

Mit kommentierter Literaturliste hier als PDF erhältlich:

Zehn Thesen zu Gegenwart und Zukunft der Arbeit

Lähmende Gewohnheiten überwinden. Anmerkungen zum Transformationskongress am 8./9. Juni in Berlin

zukunftHermann Hesse schreibt in seinem Gedicht »Stufen« von der lähmenden Gewohnheit, die es zu überwinden gilt, wenn Leben gelingen soll. Dazu braucht es den stetigen Neuanfang, genauer die Bereitschaft, stets neue Anfänge zu suchen. Das schließt auf der einen Seite gut an das an, was Ina Praetorius und andere im Anschluss an Hannah Arendt über die Bedeutung des Neuanfangs aus der Haltung der Geburtlichkeit sagen und schreiben. Mir stellt sich allerdings zunehmend die Frage, wie ändern wir Gewohnheiten, nicht nur individuell, sondern auch in Gruppen, Institutionen, der Gesellschaft, ja weltweit.

Das klingt jetzt ziemlich groß. Ausgelöst hat diese Frage ein Workshop auf dem Transformationskongress in Berlin, an dem ich diese Woche teilgenommen habe. Es ging um die Frage, wie Innovationen in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft zum Wohl der Menschheit und dieses Planeten gefördert werden können. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass es dringend an der zeit ist, etwas zu tun, Vorschläge gibt es auch en massse – aber es gelingt nicht, sie umzusetzen. Immer wieder wird – wenn überhaupt – kurzfristig statt langfristig gehandelt. Paradoxe Forderungen kommen dazu – einerseits wird ein »starker Staat« gefordert, um zum Beispiel die Auswüchse des deregulierten Weltfinanzsystems eindämmen zu können, andererseits soll der Staat nichts einfach nur so gegen die Bürger durchsetzen, auch dann nicht, wenn er meint, im Sinne des Gemeinwohl zu handeln. Im Detail gibt es für beides gute Argumente, ich frage mich nur, wie soll das gehen und wer entscheidet am Ende, wo der Staat »stark« sein soll und muss und wo schwach.

Interessanterweise tauchte dann irgendwann das Stichwort Gewohnheiten auf, das mich schon länger in anderen Kontexten beschäftigt. Das wurde als eine (Bildungs-?) Aufgabe angesehen, der sich Staat und Zivilgesellschaft stellen müssen.

Ich habe darauf keine konkrete Antwort. Die Bereitschaft zum stetigen Neuanfang ist aus der biblischen und sicher auch außerchristlichen Literatur gut bekannt, motiviert durch die Zukunftsorientierung. Aber was ist mit der Gewohnheit? Die lähmende Gewohnheit verführt zum Stehenbleiben, Nichtstun. Theologisch gesprochen hat Gewohnheit viel gemein mit dem Begriff der Sünde. Nicht der moralischen verstandenen Tatsünde, sondern mit Machtstrukturen, die vor allem auf Angst beruhen und deshalb lähmen, hindern, stören, zerstören. Meine These lautet daher, sich die gegenwärtigen Gewohnheitsstrukturen mit der theologischen Tradition des Sündenbgeriffs zu betrachten, also überall da, ich von »Sünde« spreche, mal versuchsweise »Gewohnheit(en)« einzusetzen. Und umgekehrt – überall da, wo ich von Gewohnheit(en) spreche, das Wort Sünde zu verwenden. Wahrscheinlich werde ich feststellen, dass das nicht überall passt, aber vielleicht passt es viel häufiger als gedacht und führt so zu einem Erkenntnisgewinn.

Das hat die Schwierigkeit, dass der Sündenbegriff so ohne weiteres nicht anschlussfähig ist. Aber für die interne theologische Reflexion ist auch wichtig, diesen »alten« Begriff nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn denn Sünde und Gewohnheit vieles gemeinsam haben, dann kann in einem weiteren Schritt – der ja auch parallel verlaufen kann – nach biblischen Motiven gesucht werden, Gewohnheiten im Kontext des Sündenbegriffs zur Sprache zu bringen und mit dem vertrauensvollen Neuanfang in Verbindung zu setzen. Neuanfang ist auch eine »Übersetzung«, Interpretation oder Auslegung des Begriffs Auferstehung.

Allerdings fällt mir dabei natürlich sofort ein, dass es auch gute Gewohnheiten gibt, die ich gar nicht ändern will. Deswegen gefällt diese Begriff »lähmende Gewohnheiten« von Hesse so gut. Lähmen, gelähmt sein, gelähmt werden, festgenagelt a Boden sein, keinen Schritt mehr gehen können, das hat alles mit Handlungsunfähigkeit und Unbeweglichkeit zu tun, und dahinter steckt oft Angst und Sorge und damit verbunden Gier, Egoismus, Gewalt.

Gewohnheiten erkennen ist das eine, neue Anfänge wagen das andere. Wie könnte eine Brücke aussehen, eine ganz praktische Brücke? Wie kommen wir vom Erkennen ins Tun? Theologisch gesprochen: wie kommt es zu heilsamen Handlungen der Liebe aus dem vertrauensvollen Glauben heraus, der die Sünde überwindet?

Auf dem Kongress wurde mehrfach sehr massiv vorgetragen, Menschen wollen Veränderungen, wir wollen Veränderungen. Dazu schließen wir uns nun zusammen. Soweit so gut, es bleibt aber die Macht der lähmenden Gewohnheiten, die sich in der alltäglichen Versandung von Impulsen, Initiativen und Aufbrüchen zeigt.

Der Philosoph Frithjof Bergmann wirbt seit Jahren für seine Konzept der »Neuen Arbeit«. Sein Ansatz besteht darin zusagen, wenn Menschen eine Arbeit haben, finden, ausüben können, die sie »wirklich, wirklich wollen«, dann ist die stärkste Motivation, die Menschen in ihrer Arbeit haben können. Der Weg, heraus zu finden, was ich »wirklich, wirklich will«, ist dabei keineswegs einfach zu begehen. Aber er lohnt sich, das bezeugen Menschen, die sich von Bergmann anregen lassen, immer wieder. Ich frage mich nun, ob dieses »wirklich, wirklich wollen« nicht auch über den Begriff der Arbeit hinaus (den Bergmann allerdings schon sehr weit fasst) für die anstehenden Fragen der Veränderungen unserer Gesellschaft und der globalen Problemlagen hilfreich gemacht werden kann. Was will ich, was wollen wir hier wirklich? Antworten darauf zu finden ist sicher noch schwierigere Herausforderung als eine Arbeit zu finden, die ich »wirklich, wirklich will«. Aber vielleicht doch eine lohnenswerte Frage?

Gedankenschnipsel zu Gott als »Macht in Beziehung« (Carter Heyward)

Ich frage mich:
Wenn »Gott« nach Carter Heyward »Macht in Beziehung« ist, wäre dann »Gottlosigkeit« die »Macht der Beziehungslosigkeit«?

Und weiter:
Wäre »Glaube« dann Vertrauen auf die Macht in Beziehung  und somit das sehnsüchtige, offene, neugierige Erhoffen der Begegnung mit dem/der Anderen?

Und wieder weiter:
Wäre »Unglaube« dagegen Mißtrauen dieser Macht gegenüber und somit das verzweifelte Festhalten an sich selbst (homo incurvatus in se, der in sich selbst verkrümmte Mensch)?

Und noch weiter:
Wäre »Sünde« dann das Aus- und/oder Er-Leben der verkrümmenden, verhängnisvollen, zerstörerischen Macht der Beziehungslosigkeit?

Und schließlich:
Wäre »Heil« (»in Gott leben«) dann das – fragmentarische – Er- und Aus-Leben aufrichtender, heilsamer,  guttuender Beziehungen in einer Welt, die durch die Macht der Beziehungslosigkeit geprägt ist?