Noch haben wir die Wahl. Rezension des Dialogs von Luisa Neubauer und Bernd Ulrich

Das Buch ist schon im Juli erschienen, gezielt vor der Bundestagswahl. Ich bekam es geschenkt, es lag länger im Bücherstapel auf meinem Schreibtisch. Während eines heftigen Infekts fand ich jetzt Zeit, hineinzuschauen – und habe es kaum noch aus der Hand gelegt.

Dabei tut die Lektüre weh. Die fünfundzwanzigjährige Studentin und Aktivistin und der Journalist in meinem Alter haben sich entschieden, einen Dialog aufzuschreiben. Das macht es ihnen leichter, einander „Wahrheiten“ sagen, die schmerzen. Luisa Neubauer (LN) und Ulrich (BU) schenken sich nichts, bei einigen Passagen habe ich die Luft angehalten und mich gefragt, wie wollen sie da jetzt einen Ausweg finden. BU versucht immer wieder zu erklären, warum wir heute hier stehen, trotz aller Bemühungen und Erfolge. LN kontert ein ums andere Mal: zu wenig, zu kurz, zu schwach, versagt. Der Mann meiner Generation ist weithin in der Defensive, LN lässt ihn und die „Boomer“ nicht aus der Verantwortung, gesteht nur hier und da Punkte zu, denn der eigene Schmerz ist zu groß: die Perspektive, das ganze eigene Leben unter dem Vorzeichen der Klimakrise leben zu müssen.

Es ist ein emotionales Buch, auch wenn BU hier und da ein wenig viel doziert. Aber er hat auch mehr zu erklären, ringt um die eigene Biografie, erhofft Verständnis und prallt immer wieder an der Zeitansage ab: Ihr habt uns die Zukunft gestohlen. Trauer, Schuld und Scham auf der einen Seite, Trauer, Wut und Verzweiflung auf der anderen Seite. Trotzdem reist der Dialog nicht ab, die beiden finden auf Augenhöhe immer wieder zurück. Sie erzählen sich und befragen einander im Blick auf die biografischen Erfahrungen, da macht der Altersabstand keinen Unterschied. Das ermutigt. Und das Buch liest sich locker-leicht, ist eingängig – den spitzen Angelhaken der Erkenntnis spüre ich mehrfach erst, wenn ich den Wurm geschluckt habe, um es im Bild zu sagen.

Inhaltlich gibt es im Blick auf das Kernanliegen von Fridays for Future (FFF) keine wirklichen Neuigkeiten, nach zwei Jahren Pandemie ist es wenig überraschend und vielfach beschrieben, dass zwischen Corona, Artensterben und Erderwärmung enge Beziehungen beschrieben werden. Aufschlussreich fand ich die Passagen, in denen LN beschreibt, wie bei ihr und FFF ausgehend von den Schulstreiks angesichts einer gescheiterten Klimapolitik nach und nach und mehr und mehr auch die anderen Gerechtigkeitsfragen mit in den Blick gekommen sind und kommen: Geschlechtergerechtigkeit, Verteilungsfragen, imperiales Denken.

Wirklich spannend war die Lektüre für mich, wo die beiden sich ausführlich über die deutsche Politik, Angela Merkel und die Parteien unterhalten, genauer: CDU, SPD, Grüne und FDP durchdeklinieren. LN und BU gehen dabei im Frühjahr 2021 davon aus, dass höchstwahrscheinlich im Herbst eine schwarz-grüne Koalition ansteht und entwickeln von dort aus Befürchtungen und Hoffnungen. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie der Dialog verlaufen wäre, wenn sie ihn mit der Perspektive der Ampel geführt hätten – aber eigentlich ist es so viel schöner, ich höre den beiden zu und setze ihre Gedanken in Beziehung zu dem, was sich gerade entwickelt.

Gibt es kritische Beobachtungen? Wer mit spitzem Bleistift die Positionen der beiden zu beschreiben sucht, wird auf Widersprüche stoßen. Das ist aus meiner Sicht allerdings für einen Dialog völlig normal, wenn ich an eigene Gespräche mit anderen denke, es geht immer um das suchende, tastenden Formulieren und Reflektieren. „Dialog bedeutete, sich gegenseitig beim Denken zu helfen“, heißt es in der Einleitung (S. 9).

Länger nachgedacht habe ich über Passagen in Kapitel 14 (Hunger nach Sinn). BU beschreibt dort u.a. zwei menschheitsgeschichtliche Entwicklungssprünge, die in ihrer Zwiespältigkeit dazu geführt haben, wo wir heute stehen: der Übergang zur Seßhaftigkeit und die damit erforderlichen Anpassungen und der Übergang in der Industrialisierung von einer zyklisch denkenden Agrargesellschaft zu einer linear denken und arbeitenden Menschheit. Zitat BU: „Unsere ganze Kultur ist geprägt von diesen beiden Umpolungen des Menschen durch den Menschen und deswegen sehen wir ihn als widerspenstiges Wesen, das eingespannt werden muss zwischen Belohnung und Bedrohung“ (S. 215). LN antwortet ein paar Seiten später: „Mein Eindruck ist der: Menschen wollen eigentlich gut sein und Gutes tun , nur bekommen sie – mittlerweile – sehr selten die Gelegenheit dazu. (…) Es funktioniert nicht einfach nicht: Es gibt kein nachhaltiges Leben in einer nicht nachhaltigen Welt“ (S. 219f.). Ich habe mich gefragt, was daraus folgt: Der eine erhofft die Re-Umpolung des Menschen – aber durch wen? Und die andere hofft auf – den Umsturz der Verhältnisse und dann wird alles neu, der Mensch befreit und alles wird gut? Das klingt mir zu knapp und zu einfach. Wie würdest du hier argumentieren, habe ich mich dann umgekehrt gefragt – und bin nicht weit gekommen. Könnte es sein, dass „wir“ hier an dieser Stelle, wo es um „das Menschenbild“ geht, gerade nicht viel mehr können, als uns gegenseitig stotternd und stammelnd unsere Vermutungen und Hoffnungen mitzuteilen, weil wir in dieser Multiumbruchzeit sonst nur ideologischen Un-Sinn von uns geben, der jeden Dialog beendet, bevor er begonnen hat?

Noch mal zurück zu den Emotionen. Bei aller Unterschiedlichkeit, beide empfinden Trauer. Was lässt sich aus dieser Gemeinsamkeit entwickeln? Finden „wir“ Räume und Anlässe, gemeinsam zu trauern, auch öffentlich? Und was kann aus solcher Trauer entstehen? Diese Frage treibt mich schon länger um und in einem Buch, das meine Frau Christine und ich im März veröffentlichen werden, wird es dazu ein Essay geben.

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