Tu deinen Mund für die Stummen auf.

Rede am Volkstrauertag 2013 am Soldatenfriedhof in Voerde

In dieser Woche kommen wir vom 9. November 1938 her.
75 Jahre ist es her, dass Synagogen brannten.
75 Jahre ist es her, dass um 23.55 Uhr ein Gestapo-Befehl über die Fernschreiber ging und zu Übergriffen auf deutsche Frauen, Männer und Kinder jüdischer Herkunft aufforderte.
Nächstes Jahr werden wir uns am 1. September daran erinnern, dass vor 75 Jahren Deutschland Polen überfallen hat.
68 Jahre ist es her, dass Amerikaner am Rhein standen und auch Voerde beschossen.
68 Jahre ist es her, dass junge Soldaten beim Rheinübergang starben und hier auf diesem Friedhof beerdigt wurden.

Walter Abendroth, 50 Jahre alt wurde er.
Rudi Jakob starb mit 30.
Hans Thönissen kurz vor seinem 18. Geburtstag.

Manchmal wird mir noch von dem Grauen erzählt.
Von Menschen, die heute noch um die achtzig sind.
Vom Sprung in den Straßengraben.
Von der Flucht ins Hinterland.
Von ersten Begegnungen mit amerikanischen Soldaten.

68 Jahre ist es her, dass die russische Armee Auschwitz erreicht und die Überlebenden befreit.
Auch junge Menschen aus Voerde waren in diesem Jahr wieder dort, weil sie sich erinnern wollen.
Nicht an eigene Erfahrungen, sondern an das Leid anderer Menschen.

Auf Twitter lief in diesen Tagen ein Experiment.
Die Ereignisse am und um den 9. November 1938 wurden in 140-Zeichen-Nachrichten veröffentlicht.
Wie in einem Live-Ticker gingen die Synagogen in Flammen auf.
In Münster, in Köln, an der Lahn und anderswo.
Und das KZ in Buchenwald füllte sich innerhalb von 24 Stunden.
Es war beklemmend.

Erinnern ist schmerzhaft.
Erich Halang liegt hier, 43 Jahre.
Und Wilhelm Heller, 25 Jahre.
Hans-Georg von Grünwald auch, 37 Jahre.
Helmuth Müller, 16 Jahre und fünf Tage.

Könnt ihr nicht vergessen?
Kann nicht die Vergangenheit ruhen?
Muss es nicht einmal ein Ende haben mit dem Erinnern?
Nein.
Die Vergangenheit kann nur ruhen, wenn wir nicht vergessen.
Und mit dem Erinnern nicht aufhören.
Wegschieben hilft nicht.

Was ich wegschiebe, kommt anderswo wieder hoch.
Wer sich aber erinnert, darf auch vergessen.
Vergessen heißt dann nicht mehr, aber auch nicht weniger als:
Die Qual der Erinnerung braucht mich nicht zu lähmen.
So kann ich hier und heute das Richtige, das Gute zu tun.

Wir werden in den nächsten Wochen hier in Voerde erneut diskutieren, wie es mit der Unterbringung der Flüchtlinge weitergehen soll.
Als ich die Diskussion um den Kempkenskath verfolgte, fiel mir ein Buch ein, dass ich als Jugendlicher gelesen habe:
Als Hitler das rosa Kaninchen stahl.
Geschrieben von Judith Kerr, die mit ihrer Familie noch rechtzeitig aus Deutschland fliehen kann und als Flüchtling in der Schweiz, in Paris und London zu überleben sucht.
Willkommen waren sie nicht.
Der wenige Wohnraum, die eingeschränkten Lebensmittel, der Hass auf alles Deutsche führte auch dort zu Ablehnung und Anfeindung.
Nicht bei allen, Gott sei Dank.
Aber es war ein Kampf, selten gab es offene Arme.

Hier liegen:
Gerhard Scheibe, gerade 17 Jahre alt.
Matthias Burrenkopf, 57 Jahre.
Und viele, deren Namen wir nicht kennen.

Wenn wir hier auf diesem Gräberfeld stehen, sagen wir betroffen:
Nie wieder Krieg.
Aber die Flüchtlinge aus Syrien sollen schön außerhalb von Europa bleiben.
Frontex soll ermächtigt werden, Schiffe zurückzuleiten.

Ich erinnere mich daran, dass Schiffe mit Deutschen jüdischer Herkunft vor der Hafeneinfahrt in New York ankerten und dann zurück nach Bremerhaven fahren mussten.
Später suchten englische Truppen Überlebende des Holocaust daran zu hindern, nach Palästina zu gelangen.
Ich habe als Pfarrer auch erzählt bekommen, dass keineswegs alle Flüchtlinge nach dem Krieg hier mit offenen Armen empfangen wurden.

Krieg und seine Folgen.
Wir erschrecken.
Er verschlägt uns dem Atem.
Macht ratlos.

Ich habe keine Lösungen für die vertrackten und komplizierten Probleme.
Aber ich freue mich, dass unsere Kirchen sich dafür einsetzen, vermehrt Flüchtlinge aufzunehmen.

Nikolaus Schneider hat in dieser Woche in seinem Ratsbericht auf der EKD-Synode gesagt:

»Lassen Sie uns endlich das ›Dublin–System‹ grundlegend reformieren. Die Verantwortung für Schutzsuchende muss unter den Mitgliedstaaten gerecht verteilt werden. Und für die Europäischen Außengrenzen muss gelten: Eine ad-hoc-Rückschiebung von auf hoher See aufgegriffenen Migranten ohne das Einräumen eines individualisierten Prüfverfahrens und ohne Rechtsbehelf darf es nicht mehr geben. Jeder einzelne Flüchtling hat das Recht gehört zu werden, so hat es der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in einem wegweisenden Urteil postuliert.«

http://www.ekd.de/synode2013/berichte/90328.html

Die EKD-Synode hat am Ende festgehalten:

»Wir danken der Bundesregierung, dass Deutschland als erstes Land Europas aus humanitären Gründen zur Aufnahme eines größeren Kontingents von syrischen Kriegsflüchtlingen bereit war. Wir halten den Umfang des Kontingents allerdings dennoch für zu gering.«

http://www.ekd.de/synode2013/beschluesse/s13_i_10_beschluss_syrische_fluechtlinge.html

Wir können mehr.
In der Vorlage des Stadtrats standen Zahlen.
1996 waren dreimal so viel Menschen aus anderer Herren Länder hier untergebracht als heute.
Nicht Angst muss unser Leben regieren, sondern die Freude, die Offenheit, die Neugier.
Nicht die verschränkten, sondern die offenen Arme machen froh, mich und die anderen.
Ich bin überzeugt, wir schaffen das.
Einen Standort zu finden, eine Lösung.
Dieser Ort hier mahnt uns alle, Rat und Verwaltung in ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Aufgabe zu unterstützen.
Dieser Ort mahnt uns, über unsere eigenen Ängste nachzudenken und ihnen ins Auge zu blicken.

Nie wieder Krieg, das ist leicht gesagt.

Schnell gesagt, und da ist auch kein Zweifel, das ist ernst gemeint –
wenn ich hier über diesen Friedhof gehe und die Namen lese:
Paul Schall.
Johann Albers.
Emil Zender.
Wilhelm Eggers.
Josef Ruland.
Walter Kleemann.
Gottfried Goetz.
Franz Baier.

Wenn ich von den Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Voerde und ihren Eindrücken aus Auschwitz höre.
Wenn wir uns Jahr um Jahr hier an diesem Tag versammeln und innehalten.
Das ist gut so und richtig.
Aber viel entscheidender ist, was wir tun, wenn wir den Friedhof nachher verlassen.
Wenn wir da vorne gleich wieder auf der Friedhofstraße stehen.
Wenn aus dem Gedenktag wieder der Alltag wird.

Was braucht es dort?

In der hebräischen Bibel, in dem gemeinsamen Erbe von Juden und Christen heißt es an einer Stelle:

„Tu deinen Mund für die Stummen auf,
und verfolge die Rechtsfälle aller schwachen Frauen und Männer!
Tu deinen Mund auf, richte gerecht,
und sei Anwalt der Rechtlosen und Armen.“
(Sprüche 31, 8 – Bibel in gerechter Sprache)

Tu deinen Mund auf für die Stummen.
Das fängt hier unter uns an.
Nicht an den Kabinettstischen in Berlin, Washington und Moskau.
Ein modernes Wort für das, was das Wort aus der Bibel meint, ist Zivilcourage.
Das können wir einüben, wir alle, ob alt und jung.
Dazu mahnt dieser Friedhof wie alle anderen Ehrenmäler hier in Voerde und anderswo.
Und die Menschen, die hier und anderswo liegen.
Bruno Laminski, 21 Jahre.
Paul Peter Friedle, 33 Jahre
Und immer wieder unbekannt, unbekannt, unbekannt.

In einem Lehrbuch habe ich gelesen, dass drei Charaktereigenschaften von Nöten sind, um zivilcouragiert handeln zu können:

Empörung, wenn soziale Regeln nicht eingehalten werden,
Einfühlsamkeit in den Anderen, die Andere, gerade auch in den oder die Fremde,
Selbstbewusstsein, um aufrecht und angemessen handeln zu können.

Zivilcourage, ein Beitrag zum Frieden.
Drei typische Situationen gibt es, in denen Zivilcourage gefragt ist:
Parole, Pöbelei und Prügelei.

Bürgerinnen- und Bürgermut tut also not,
wenn über eine nicht anwesende Person abfällig gesprochen wird,
wenn eine anwesende Person mit Worten angegriffen wird,
wenn eine Person tätlich angegriffen wird.

Zivilcourage, ein Beitrag zum Frieden.

Es gibt genug zu tun auf dem Weg zum Frieden.
Für uns alle, ob jung, ob alt, ob Mann, ob Frau.
Da vorne, wenn wir gleich den Friedhof wieder verlassen.

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Die Ausführungen zur Zivilcourage stammen aus:

Tu deinen Mund auf für die Stummen. Arbeitshilfe zum 75jährigen Gedenken an die Progromnacht 1938 (http://www.ekir.de/www/downloads/ekir2013tu_deinen_mund_auf.pdf)

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