Herr, mein Gott…

Vor einer Woche habe ich hier eher nebenbei eine Diskussion angestoßen, die sich in Twitter und Facebook rasend schnell ausgebreitet hat und zu vielen differenzierten Äußerungen geführt hat. Antje Schrupp hat die Diskussion durch ihren  Blogbeitrag noch mal befeuert. Drei Gedanken sind mit in dieser Woche besonders durch den Kopf gegangen.

Die Unaussprechlichkeit des Gottesnamens

Die hebräische Tradition geht von der Unaussprechlichkeit des Gottesnamens aus. Wenn ich die vielen Für und Wider zur Verwendung, Anwendung des Wortes »Herr« (oder auch »HERR«) auf Gott (oder besser: »Gott«) in unserer Sprache lese, dann liegt in der hebräischen Zurückhaltung eine große Weisheit. Für meinen eigenen Sprachgebrauch finde ich daher die Vorgehensweise der Bibel in gerechter Sprache (BigS) angemessen: eben für »Gott« verschiedene Lesarten anzubieten. (Zur Unübersetzbarkeit und den Lesevorschlägen: Bibel in gerechter Sprache, verbesserte Auflage 2011, S. 14-18). Damit halte ich für mich das Problem offen und löse es zugleich auf: Von etwas zu sprechen, sprechen zu wollen, sprechen zu müssen, sprechen zu können, von dem eigentlich nicht gesprochen werden kann. Oder, wie es einst Karl Barth formulierte:

»Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.« ›(Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1924, S. 158)

Es ist schon viel gewonnen, wenn diese grundlegende Unmöglichkeit im Bewusstsein gehalten wird.

Herr, Herrin, Herrschaft

Antje Schrupp vertritt in ihrem Blogbeitrag die Auffassung:

»Gott heute noch als ›Herrn‹ zu bezeichnen, macht das Konzept von Gott klein und lächerlich. Und zwar deshalb, weil sich die Bedeutung und der Kontext des Begriffs ›Herr‹ inzwischen völlig verändert hat. (…) Das Konzept der Herrschaft wird nirgendwo mehr geteilt. Es gibt Herrschaft natürlich (leider) nach wie vor, aber die Herrschenden müssen sich heute rechtfertigen: Sie seien demokratisch legitimiert, sie hätten sich ihre Macht durch Leistung erarbeitet, sie täten mit ihrer Herrschaft der Welt etwas Gutes oder dergleichen. Niemand kann sich einfach darauf berufen, eben ›der Herr im Haus zu sein‹ und basta. Herrschaft einfach nur so, aus sich selbst heraus, hat als Konzept ausgedient.«

Da ist sicher was dran. Aber ich frage mich, ob ich die Konsequenz teile, dass heute »Herr« Gott klein macht.

Ich habe mich in dieser Woche gefragt: Macht es eigentlich einen Unterschied für dich, ob ich von Herr oder Herrin spreche? Und ich muss zugestehen: Ja.

Wenn ich vom »Herr« spreche, ist es so, dass ich hier kaum Herrschaft mit in Verbindung bringe. Herr ist Anrede, tendiert in meinem Sprachempfinden im Blick auf Gott eher zu einem Eigennamen. Bei Herrin erlebe ich das gänzlich anders. Da dieser Begriff in unserer Kultur im alltäglichen Sprachgebrauch selten vorkommt (anders als Herr/Frau), assoziiere ich hier sofort Herrschaft mit.

Letztlich stützt dies auf der einen Seite die These von Antje, auf der anderen Seite frage ich mich, ob die Gefahr, die auch die BigS sieht, wirklich zum Tragen kommt:

»Es bestand schon innerbiblisch die Notwendigkeit, dieses Ersatzwort für den Gottesnamen in eine andere Sprache, das Griechische, zu übersetzen.. In den alten griechischen Übersetzungen der hebräischen Bibel geschah dies häufig (…) durch eine Übertragung mit dem Wort kyrios (das dann im Deutschen meist als HERR wiedergegeben wurde und wird), wodurch der Charakter als Eigenname verloren ging und gleichzeitig die Konnotation von Autorität und ›Herrschaft‹ verstärkt wurde. In den Schriften des Neuen Testaments wurde diese Praxis fortgeführt.« BigS, S. 15, Hervorhebung von mir).

Pointiert formuliert:

Weil der Begriff von Herrschaft verschliffen ist und daher die Verwendung des Begriffs Herr für Gott zu einem Eigennamen tendiert, kann ich den Begriff Herr für Gott im Rahmen des Vorbehaltes, den ich unter oben beschrieben habe, heute unproblematischer als früher (wieder) verwenden. Und zwar paradoxerweise in einem unverfänglichen Sinn, wie ich sonst auch andere Männer mit »Herr…« anrede. Auf einer Ebene des Respekts, der Achtung, der Höflichkeit – aber nicht der Unterordnung.

Das ist allerdings reichlich subjektiv, vermutlich missverständlich und vielleicht provozierend formuliert. Und ich erlebe zugleich: Meine Frau sieht das schon anders. Ich bin daher meiner eigenen Argumentation skeptisch gegenüber eingestellt. Und verwende in meinem Sprachgebrauch das Wort Herr für Gott nur in traditioneller, geprägter Sprache. Damit bin ich beim dritten Gedanken:

Die Rede von »Herr, mein Gott…« ist kontextbezogen zu betrachten

Antje Schrupp schrieb:Antje

Das kann ich so nicht teilen.

Einmal:

Wer ist »die Kirche«? Die vielen und vielfältigen Gedanken, Kommentare, die ich in der letzten Woche zu dieser Diskussion gelesen habe, zeigen doch, dass »Kirche« ein vielschichtiges, verzweigtes Konglomerat von Menschen unterschiedlichen Alters, Milieu, Geschlechts und so weiter darstellt, in dem die Erfahrungen mit den Begriffen »Herr« und »Gott« so zahlreich und verschieden sind wie Sandkörner am Meer. Für mich ziehe ich da die doppelte Konsequenz, mir stets über meinen eigenen Sprachgebrauch im Klaren zu sein und zugleich den Anderen, die Andere in seinem zu respektieren. Teils erlebe ich es so, dass der von Antje angemahnte kritische Sprachgebrauch selbstverständlich ist, andere sind Lichtjahre entfernt, ja.

Zum anderen:

Ich bewege mich als Mensch und Mann, Christ und Zweifler, Theologe und Pfarrer in unterschiedlichsten Kontexten. Ich stehe in Beziehung zu Menschen – inner- wie außerhalb von Kirche –, die das Wort Gott verwenden, an Gott glauben, sich an Gott reiben. Als Prediger, Seelsorger usw. muss ich den Kontext beachten, wenn ich über Glauben rede oder zu reden habe. Es gilt, zur rechten Zeit an der rechten Stelle gut zu reden.
Ich kann – selbst wenn ich es möchte – nicht einfach aussteigen und so tun, als gäbe es die Tradition nicht, in der ich stehe. Ich handle nicht verantwortlich, wenn ich hingehe und grundsätzlich in jeder Situation, an jedem Ort, zu jedem Anlass das Wort »Herr« für Gott nicht mehr verwende.
Etliche Lieder aus dem Gesangbuch kann ich dann nicht mehr im Gottesdienst singen, die Psalmen nicht mehr beten, die im Gesangbuch weitgehend noch in der Lutherfassung stehen, und da heißt es Herr für Gott.
Bei aller notwendigen Sprachkritik muss ich respektieren und akzeptieren, dass es für viele Menschen nach wie vor nicht nur unproblematisch ist, Herr, mein Gott zu sagen, sondern sogar selbstverständlich und angemessen. Wenn ich mit ihnen zusammen sprechen, singen, beten möchte, muss ich hier Kompromisse eingehen.
Für kirchliche Verlautbarungen ist es aus meiner Erfahrung pragmatisch sinnvoll, biblische Zitate nach Luther zu verwenden, sonst habe ich neben dem Streit um den Inhalt des Wortes – z.B. zum Umgang mit Flüchtlingen in Europa – auch noch die Verwendung der »rechten« Bibelübersetzung zu klären. Keine Frage, diese Auseinandersetzungen sind zu führen, aber nicht immer und nicht überall.
Und ich lasse auch meine Konfirmand_innen den Psalm 23 nach Luther auswendig lernen, nicht ohne mit ihnen über diesen Text zu sprechen und die Bilder zu klären. Die Tradition zu kennen und zu achten ist Teil der Wertschätzung unseres Lebens, unserer Kultur, und dazu zählen die Dinge, die Menschen, Frauen und Männer, vor uns geschaffen, geglaubt, erkämpft haben.

Hannah Arendt hat dieses wunderbare Bild geprägt, dass all unser Sprechen und Handeln nur Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden. Weiter schreibt sie:

»Weil dies Bezugsgewebe mit den zahllosen, einander widerstrebenden Absichten und Zwecken, die in ihm zur Geltung kommen, immer schon da war, bevor das Handeln zum Zug kommt, kann der Handelnde so gut wie niemals die Ziele, die ihm ursprünglich vorschwebten in Reinheit verwirklichen.« (Vita Activa oder Vom tätigen Leben, Taschenbuchausgabe 2002, S. 226)

Das erlebe ich auch bei der Verwendung Herr für Gott.

Und ich erlebe auch:

Die Dinge ändern sich im Lauf der Zeit.
Als die Bibel in gerechter Sprache heraus kam und ich sie hier und da in Gottesdiensten verwendete, gab es neben Zustimmung und Neugier auch Stirnrunzeln und Kritik.
Die ist heute verstummt.
Das Gewebe »Kirche« wandelt sich also, auch wenn es oft nicht so aussieht und viel zu langsam geht. Wer weiß, wie wir in zehn Jahren von Gott reden.

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