Rezension: Social Media in der Gemeinde

Vorweg gesagt: Der Titel ist mir zu nüchtern-protestantisch. Dem Inhalt entspräche viel eher:

»Social Media in der Gemeinde? Social Media in der Gemeinde!«

Mechthild Werner (Social Media Pfarrerin in der Pfalz) und Ralf-Peter Reimann (Internetpfarrer der rheinischen Landeskirche) führen im Dialog durch das Buch. Ihr Anliegen ist vor allem: Werbung machen für das Engagement von Kirche in den sozialen Netzwerken.

In den ersten beiden Kapiteln beantworten die beiden authentisch und erfahrungsgetränkt viele Fragen:

Was sind, sollen, dürfen soziale Netzwerke?
Warum und vor allem wie kann oder gar soll ich mich als Mensch der Kirche dort engagieren?
Wie ist das mit Risiken und Nebenwirkungen?

Ich greife einige Antworten heraus, um die inhaltliche Linie deutlich zu machen. Und als »Appetitanreger«.

Frage:
Warum überhaupt netzwerken?

Antwort:

»Eigentlich ist das ja keine Frage mehr, oder? Christenmenschen leben seit jeher vernetzt, in der Gemeinde, in Gemeinschaft miteinander und mit Gott. Und mehr noch: Wer als Christin mit Gott auf Sendung ist – ›Geht hin in alle Welt‹, so der Sendungsbefehl –, die kann sich nur dankbar ins World Wide Web begeben. Wer Christi Zusage hat – ›Ich will euch zu Menschenfischern machen‹ –, kann zu einem weltweiten sozialen Netzwerk nur Ja sagen. Und wer bei Luther gelernt hat, was ›Christum treibet‹ und wie Medien dazu jederzeit willkommen sind, wird sich kaum einer Vermittlungsform verschließen wollen.« (S. 30)

Frage:
Wer soll es denn machen?

Antwort:
Diejenigen, die Lust und Spaß dran haben. Zwingen kann und sollte man niemand dazu.
Ich kann dem nur zustimmen, aber die Frage ist aber doch eigentlich eine andere. Es gab mal – im Blick auf das Pfarramt – vor Jahren die Aussage, Pfarrersleute seien Universaldilettantisten. Eine furchtbare (Selbst-) Überforderung. Die neuen sozialen Netzwerke stellen erneut die Frage, ob es nicht viel mehr Sinn macht, mehr nach Begabungen, Interessen und Schwerpunkten zu fragen und sich darin gegenseitig zu unterstützen (sich also zu »vernetzen«). Ansätze gibt es auch dazu, die Ausbreitung von Social Media beschleunigt dies (vielleicht). Ganz nach Römer 12,4-8.

Frage:
Noch eine Aufgabe, wie soll ich das denn (noch) alles leisten?!

Antwort:
Es geht (nur) nebenbei:

»Gott sei Dank und manchmal sei´s ihm auch geklagt läuft vieles nebenbei. Nach der ersten Eingewöhnung wird tatsächlich schnell nebenbei gechattet, gemessagt, gepostet, gesimst, oder die E-Mails werden gecheckt. Smartphone und Tablet machen es möglich. (…) Ja, Netzwerken ist ein Zeitvertreib im wahrsten Sinne. Es kostet Zeit, macht zumeist Spaß und spart immerhin auch manchmal Zeit. Schnell mal die Predigtperikope nachgesehen oder gefragt: ›Hat jemand ein passendes Foto zu …‹ Hier bekommt man des Öfteren schnell geholfen. (…) Ganz abgesehen von dem netten Geplänkel mit den Friends oder Followern um Mitternacht. Doch die eigene Freiheit zum Ausschalten nehme ich mir auch (…).. Nein, gegen beginnende Sucht hilft mir stets das Wissen: Ich verpasse nichts im Stream. Was wichtig ist, wird schon zu mir schwimmen.« (S. 37)

Wer hier die Stirn runzelt, den/die frage ich: »Hast du ein Handy?« (Ja.) »Hattest du vor zehn, fünfzehn Jahren auch schon ein Handy?« (Nein.) »Siehste.«
Was ich damit meine: Die sozialen Netzwerke werden in wenigen Jahren auch für die heute noch zurückhaltenden Menschenkinder selbstverständlich sein, so nebenbei. Wann man damit anfängt, muss jede/r selber wissen.

Frage:
Und was kann, soll, muss ich zeigen?

Antwort:

»Werdet persönlich, bleibt professionell« (S. 46).

Sehe ich genauso:
»Privat, öffentlich, persönlich, dienstlich« (Blogbeitrag vom 18.02.2013)

Frage:
Die wollen doch nur Geld verdienen, können wir das unterstützen?

Antwort:

»Wer sich in sozialen Netzen bewegt, sollte sich klarmachen: Anders als eine Website, deren Domain ich besitze oder deren Server ich betreibe, bin ich hier nicht Hausherr. Ich bin Gast auf der jeweiligen Plattform. Die Regeln erlassen die Betreiber. Ich kann mich darauf einlassen oder nicht. Dazu muss ich mich jeweils bewusst entscheiden.« (S. 21)

Im Unterschied zur eigenen Website, die auf einem eigenen Server läuft oder wo Serverrechte eingekauft (!) wurden, ist es in den sozialen Netzwerken immer und überall so: »Wir« sind nur Gäste. Wir, das sind in den Fall wir Kirchensleute, aber grundsätzlich gilt das für alle User. Die Netzwerke werden mit dem Ziel betrieben, Geld zu verdienen. Das ist nicht verwerflich (auch die Telefongesellschaft meines Festnetzanschlusses will/muss Geld verdienen). Diesen Unterschied muss man im Auge behalten, eine kritische Konsumentenhaltung ist hier gefragt – wie eigentlich überall da, wo wir uns im Bereich der Ökonomie und des »Markts« bewegen.

Teil 3 entfaltet und vertieft.

Heiko Kuschel schreibt über Blogs, Markus Eisele über Facebook, Knut Dahl-Ruddies über Twitter, Maja Schäfer und Claudine da Rocha über Youtube, Alexander Ebel über Apps und Co.

Das mag in der Fülle verwirren – und das ist notwendig. Denn die sozialen Netzwerke sind verzweigt und ständig in Bewegung.

Redaktionsschluss für das Buch war Februar 2013. Jetzt im Mai sind wir schon wieder weiter. Tumblr, auf dem Kirchentag in Hamburg ein aufstrebendes Netzwerk – nicht erwähnt. Zu Facebook habe ich dieser Tage gelesen, es sei ein »Oma-Netzwerk«, die Jugend wende sich ab und versuche bei path.com wieder unter sich zu sein. Fragt sich, wie lange. Jede/r, der oder die sich auf Social Media einlässt, muss mit dieser Schnelllebigkeit rechnen und umgehen lernen, sonst klappt es nicht. Alles auf Facebook zu setzen ist wenig hilfreich, wer weiß, ob in zwei, drei Jahren noch eine/r über Facebook redet…

Im Schlusskapitel gibt Anna Neumann einen kurzen Überblick über rechtliche Fragen. Das ist als Grundinformation für Neulinge gut,  richtig und hilfreich, mehr aber auch nicht. Weil die Materie komplex und kompliziert ist – und daher kann die Autorin in aller Ruhe auch auf weiterführende Literatur verweisen.

Mein Fazit.

Die 75 Seiten sind ansprechend geschrieben und lassen sich schnell »weg lesen«. So kommt der werbende Unterton gut zur Geltung. Alle Autor/inn/en sind »Überzeugungstäter/innen«. Man mag sich daran reiben und drüber ärgern. Hauptsache, es hilft zur eigenen Meinungsbildung.

Wenn ich (als »Fortgeschrittener«) eine kritische Anmerkung machen möchte, dann frage ich, wie Gemeinden, Institutionen, Teams in den sozialen Netzwerken gemeinsam auftreten können. Persönlich und professionell soll es sein, ja, aber wie geht das, wenn ich »für« eine Gemeinde schreibe, alleine oder mit anderen? Sind die sozialen Netzwerke nicht sehr/zu stark auf die Beteiligung von Individuen ausgerichtet, viel stärker als das Web 1.0, in dem Inhalte eingestellt und veröffentlicht werden? Hier und da gibt es einzelne Hinweise im Buch, doch wahrscheinlich hätte die intensivere Beschäftigung mit dieser Thematik den Umfang gesprengt. Doch da hilft das Netz dann weiter, z.B. Erik Wegener: »Drücken Sie den Knopf für Gemeinde 2.0«

Also:
Ein Buch für Neugierige, die dann als Anfänger diesen Leitfaden nutzen und später hier als Fortgeschrittene auch noch Anregungen finden.

Deswegen:
Kauft es schnell, lest es schnell und fangt an, denn in einem halben Jahr ist dieses Buch leider schon wieder veraltet, das liegt in der Natur der Sache.

Und:
Wenn ihr »drin« seid, (erinnert sich noch jemand an Boris Becker und AOL?), dann sucht und vernetzt euch mit den Autor/innen, sie freuen sich über eure Rückmeldungen. 🙂

176459804770

Social Media in der Gemeinde

Herausgegeben von Mechthild Werner und Ralf-Peter Reimann.
Erschienen bei eteos. 9,90 €
Bestellung und Auslieferung:
Medienverband der Evangelischen Kirche im Rheinland gGmbH
Kaiserswerther Straße 450, 40474 Düsseldorf
Tel. 0211 43690-422, Fax 0211 43690-400
shop@medienverband.de
http://www.medienverbandshop.de

9 Gedanken zu “Rezension: Social Media in der Gemeinde

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