»Das Gespräch, das wir ›sind‹ und nicht ›führen‹, nennt uns Antwortende, die immer schon angesprochen sind.«

Ich bin heilfroh, dass ich »Mystik und Widerstand« erst jetzt gelesen habe, nachdem ich mit meinem Buch fertig war. Seit mehreren Jahren stand Sölles Werk in meinem Regal, ich hatte es mal angefangen zu lesen, aber nach wenigen Seiten abgebrochen.

Je länger ich an »Unverbundenes verbinden« schrieb, desto mehr verlagerte sich mein Blickwinkel von sozialethischen Erwägungen hin zu geistlich-spirituellen Gedanken. Charles Eisenstein, Joanna Macy, Luise Schottroff und Birgit Mattausch haben daran wesentlichen Anteil, aber nicht Dorothee Sölle.

Immer wieder mal fiel mein Blick beim Schreiben auf »Mystik und Widerstand«, weil der Begriff Mystik mehr und mehr in mir Raum gewann. Doch das Buch blieb, wo es war. Ich meldete mich aber zu einer Tagung in Neudietendorf im September an, in der es um Mystik und Widerstand ging und wo auch Thomas Müntzer auf der Tagesordnung erschien, das reizte mich. Auf der Tagung zeigt Rüdiger Sünner seinen Film über Dorothee Sölle und danach fing ich an zu lesen.

In »Unverbundenes verbinden« bin ich Fragen nachgegangen: Wo und wie kann Spiritualität im beruflichen Alltag eine Rolle spielen? Im Rahmen der sozial-ökologischen Transformation? Wie kann ich »verbrauchte« Begriffe wie »Glauben«, »Schöpfung« oder »Sünde« für mich neu zum Leben erwecken, sodass ich nicht nachplappere, was andere vor mir dazu geschrieben habe, sondern »es« in meinen Worten sage? Wie können dialogische Brücken zwischen Menschen, aber auch zwischen Kulturen aussehen?  Kann eine poetische Sprache hier wegweisend sein?  Wie verändert, verschärft, präzisiert das Corona-Virus all diese Fragen? Ich ahnte bis August mehr, dass ich in der Mystik hier Hinweise, Anregungen, »Antworten« finden könnte.

Dorothee Sölle formuliert vor mehr als zwanzig Jahren in ihrem wunderbaren (leider nach 2013 nicht mehr aufgelegten) Buch sehr viele Gedanken, die ich mitsprechen kann. Ihr Kontext war seinerzeit an vielen Stellen anders, Digitalisierung noch kein Thema, die Klima-Krise noch lange nicht so präsent wie heute. Aber sie schreitet konsequent die Mystiker:innen durch die Jahrhunderte ab und beschreibt, welche Rolle Natur, Erotik, Leiden, Freude in der Mystik spielen und was das für Leben in der Gegenwart bedeutet und zwar so, dass durch die mystische Erfahrung das Leben »menschlicher« wird, werden kann.

Es sind Sätze wie diese, die ich voll und ganz mitsprechen kann und in denen ich Gedanken widergespiegelt finde, die ich selbst in diesem Jahr »gedacht« und geschrieben habe:

»Es geht darum, weder eine introvertierte Mystik noch eine extravertierte Zeitkritik allein zu leben, sondern in diesem Sinn eine vita mixta zwischen Kontemplation und Aktivität zu finden.« (270)

»Der Widerstand braucht nicht notwendig die Gestalt radikaler Besitzlosigkeit anzunehmen, aber die Erinnerungen an die Verrücktheiten der mystischen Tradition hilft dabei, Wege aufzuspüren, die zumindest ein Verständnis dafür offen halten, dass einiges im Leben nicht besessen, gekauft oder verkauft werden kann.« (337)

»Es ist die Mystik des Einsseins mit allem Lebendigen. Eine der mystischen Grunderkenntnisse in den verschiedensten Religionen geht auf die Einheit aller Menschen, ja aller Lebewesen, hinaus. (…) Dass das Leben (…) ein Geheimnis des Verbundenseins und der Zugehörigkeit zueinander (ist), ist eine der älteste Weisheiten der Religion.« (3439

»Die Gefahr, Religion als das Opium des Volkes zu missbrauchen, scheint mir heute sehr viel kleiner als die andere, die Menschen der Sprache ihrer Sehnsucht und ihrer Mystik entwöhnt und sie auf die Erfüllung materieller Bedürfnisse zusammenschrumpft.« (373)

»Was geschieht wirklich in der Einübung der Seele mit Gott – an Befreiung, an Heilung? Es ist eine Einübung in die Sichtweise Gottes, es ist die Wahrnehmung des Kleinen, des Unerheblichen, das Hören auf das Geschrei der Kinder Gottes, die in Ägypten in Sklaverei sind.« (383f.)

»Das Gespräch, das wir ›sind‹ und nicht ›führen‹, nennt uns Antwortende, die immer schon angesprochen sind. (…) Wechselseitige Abhängigkeit ist das Grundmodell, das die Mystik an die Stelle der Herrschaft gesetzt hat. (…) Ich werde schöner, wenn ich meine Schönheit nicht mir oder meinen Spiegeln verdanke, sondern dem anderen, der mich schön nennt und den ich brauche.« (386f)

Das Buch von Dorothee Sölle bestätigt, ermutigt, irritiert, provoziert mich. Und wirft viele neue Fragen auf, zeigt Pfade auf. Viel Stoff zum Nachspüren. »Gott sei Dank« habe ich es erst jetzt gelesen. Mein Buch wäre anders geworden – und nicht bis Ende August fertig.

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