Sonntagnachmittag, blaue Stunde

Sonntagnachmittag, blaue Stunde

Zeit meines Lebens begleitet mich ein Gefühl der Schwermut,
dass sich immer nur am Sonntagnachmittag meldet.

Erstmals bewusst in meiner späten Jugend,
so mit fünfzehn oder sechzehn.
Die Szene steht mir vor Augen, als wäre es gestern.
Ich sitze im Wohnzimmer meiner Eltern auf einem Sessel.
Licht flutet durch das große Fenster mit den Blumen herein.
Und dann bricht sie mit einem Mal in mir auf.
Diese Wehmut.
Der Wunsch zu vergehen und zu bleiben gleichermaßen.
Trauer und Glück in einem Moment,
verwirrend für mich als jungen Menschen.

Sonntagnachmittag,
die geschäftige Welt ruht.
Noch.
Morgen früh geht es weiter,
endlich.
Das normale Leben beginnt wieder und lenkt ab.
Das Wochenende ist fast vorbei.
Es ist getan,
was zu tun ist.
Schlafen,
Erledigungen,
Menschen treffen.
Nur noch diese eine Stunde.
Nur zwischen vier und sieben.
Nicht länger.
Danach ist es wieder vorbei.

Neunzehndreiundneunzig,
auf meiner ersten Radreise in Südtirol.
Ich stand mit meinem Zelt in Toblach.
Hatte an diesem Sonntagvormittag eine kleine Tour gefahren,
meinen allerersten Berg bezwungen.
Ich müsste eigentlich glücklich sein und völlig zufrieden.
Und da schlägt sie zu,
diese Stunde,
die ich die blaue nenne.
Eine Stunde,
aus der Zeit gefallen.

Damals ging ich den Gefühlen in Gedanken nach,
notierte am Abend:

Der Grund für meine Traurigkeit ist mir eingefallen.
Es ist die Erinnerung an lange vergangene Tage.
Als ich vorher mit dem Rad zum Toblacher See fuhr,
überkam mich die Traurigkeit massiv.
Der nicht mehr vorhandene Campingplatz am See,
das kleine Gasthaus an der Straße,
Toblach im Regen – ein Nachmittag im Cafe,
das alles muss vierzehn Jahre her sein.
Kaum zu glauben.
Wo ist die Zeit geblieben?
Ich merke daran, dass ich älter werde.
Das tut weh.
Vor allem bei so schönen Erinnerungen…

Mittlerweile schon eine Ewigkeit her.
Abschiede fallen mir seit eh und je schwer.
Ist es der verzweifelte Wunsch etwas Schönes festhalten zu wollen?
Ist es die bittere Erkenntnis eben nichts festhalten zu können?
Oder beides?
Oder keins von beiden,
sondern –
Leben eben,
ungefiltert,
ungeschminkt –
in all seiner vergänglichen Schönheit?

Sie meldet sich seltener als früher,
warum auch immer.
Und sowieso nicht jeden Sonntag,
so zwischen vier und sieben.
Aber heute klopfte sie wieder einmal an –
und ich ging in Gedanken meinen Gefühlen nach.

Vielleicht ist die blaue Stunde am Sonntagnachmittag –
ein Bild,
ein Symbol,
eine Verdichtung?
Nichts lenkt mich ab.
Es ist getan,
was getan werden musste
oder konnte.
Die neue Woche steht bevor.
Mit all ihrem Trubel,
mit all ihren Ablenkungen.
Noch ein kleiner Moment,
noch einmal innehalten,
durchatmen,
mich lebendig fühlen in diesem merkwürdigen Hier und Jetzt,
in dieser Wehmut.
Die voller Sehnsucht und Glück ist.

Ich gehe in Gedanken meinen Gefühlen nach.
Es ist wie im Paradiesgarten –
doch schon verbunden mit der Ahnung,
die Vertreibung naht…

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