Sieh doch eine junge Frau wird schwanger werden

Sieh doch eine junge Frau wird schwanger werden

gedanken zur christnacht zu jesaja 7

jerusalem im jahr 733 vor der zeitenwende
eine stadt in angst
soldaten stehen vor den mauern
trommeln dröhnen tag und nacht
gleich zwei herrscher fordern die kapitulation
von könig ahas
alle augen richten sich auf ihn
was soll er tun
standhalten oder die tore öffnen
wenn mann doch wüsste was wäre wenn

in jerusalem lebt ein mann
jesaja ist sein name
einen propheten nennen sie ihn
er ist schon ein wenig wundersam
seine kinder heißen
einrestwirdumkehren
eilebeuteraubebald
und seinen leuten schleudert er  entgegen
glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht

die heerscharen vor augen
sagt er zu ahas
du darfst dir ein zeichen fordern
von gott
doch ahas glaubt jesaja nicht
und der prophet antwortet
im namen gottes

höre doch du haus davids
ist es euch nicht genug menschen zu ermüden
müsst ihr jetzt nicht auch noch mich ermüden
deshalb wird euch meine herrschaft selbst ein zeichen geben
sieh doch
eine junge frau ist schwanger
sie wird ein kind gebären
und es gottistmituns nennen
butter und honig wird es essen müssen
bis es eines tages versteht
das schlechte abzulehnen
und das gute zu wählen
doch noch bevor das kind versteht
wird der ackerboden verlassen sein
von den beiden königen
vor denen du heute angst hast
und dann wird gott dir tage bringen
wie sie lange nicht gekommen sind
den assyrerkönig und seine herrschaft

und so kommt es

*

galiläa im jahr 33 nach der zeitenwende
all ihre hoffnungen haben sie auf ihn gesetzt
er hat sie nicht enttäuscht
wunderbare worte sprach er
vom reich gottes
das jetzt beginnt
mit ihm und in ihm
geheilt hat er
frauen männer kinder
krank an leib oder seele
oder beidem
allein durch worte
und berührungen

gehasst haben sie ihn
die macht haben
macht über waffen und gesetze und gefängnisse
aber nicht über seelen und hoffnungen
daher fürchteten sie ihn
brachten ihn um
einfach so
mit einem federstrich
wie tausend andere auch
die nicht aufhören nach gerechtigkeit zu fragen
nun ist er tot

doch einige sagen
nein
wir haben ihn gesehen
mit ihm geredet
er ist nicht im tod geblieben
und unsere herzen brannten
als er mit uns sprach

sie suchen in den heiligen schriften
nach hinweisen
die licht in das dunkel der geschichte bringen
denn dort
in den schriften
ist die hoffnung lebendig
das einst einer kommen wird
und alles wird neu
lebendig und farbenfroh

sie werden fündig
in betlehem soll er geboren werden
mit löwe und schaf gleichermaßen spielen

und bei jesaja lesen sie
sieh doch
eine junge frau wird schwanger werden
und ein kind zur welt bringen
die macht wird auf seinen schultern ruhen
zahlreich werden seine namen sein
wunderrat
gottheld
ewigvater
friedefürst
und vor allem
immanuel
gottistmituns

die teile fügen sich zusammen
ihre erinnerungen
und das was sie lesen

vertraut dem
der da kam
im namen gottes
mutter und vater gleichermaßen
und predigte furchtlos von frieden und gerechtigkeit
rührte herzen an allein mit worten
ließ körper zur ruhe kommen
weckte sehnsucht
nach einem anderen leben
wich nicht zurück
als es um sein leben ging

einer von ihnen
lukas mit namen
hatte ein bild vor augen
und schreibt es auf
worte
jahrhundertelang wiederholt
in der mitte der nacht

*

hannover im jahr 2017 nach der zeitenwende
eine stadt vielleicht nicht in angst
aber doch in unruhe
belagert durch zukunftssorgen und glühweinstände
die trommeln rechter parolen lassen niemand zur ruhe kommen
betonklötze schützen weihnachtsmärkte
eine stabile regierung haben wir auch nicht
und die wirtschaft produziert sich lemmingen gleich dem abgrund entgegen
wir wissen
so geht es nicht weiter
und schnüren uns doch den ring der belagerung immer enger um den hals
tag für tag
jahr um jahr
bis wir ersticken
in zukunftsangst plastikmüll und dummen Worten

eine stadt sehnt eine unterbrechung herbei
ein paar tage so tun als wäre alles wie früher
heilig abend unter dem brennenden baum in der kindheit
und alles war gut

wir hören die botschaft alle jahre wieder
jesaja und lukas liegen uns in den ohren
glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht
da ist kein jnglebellsmerrychristmasodufröhliche
da ist ansage für die welt

siehe
eine junge frau ist schwanger
und sie bringt ein kind zur welt
die macht wird auf seinen schultern ruhen
seine namen werden zahlreich sein
wunderrat
gottheld
ewigvater
friedefürst
und vor allem
und immer wieder
immanuel
gottistmituns

die welt wird neu
mit ihm und durch ihn

die rechten parolen verpuffen
die wirtschaftswunderplastikmüllproduktion löst sich in luft auf
und vielleicht
ja vielleicht
wird eines tages auch der himmel dieselabgasfrei
über hannover und dem ganzen land
friede und gerechtigkeit küssen sich
und wir tanzen gemeinsam
nicht nur an den feiertagen unter dem tannenbaum
wenn wir dem glauben
der uns ein kind geschenkt hat

glaubt doch
und bleibt

Sonntagnachmittag, blaue Stunde

Sonntagnachmittag, blaue Stunde

Zeit meines Lebens begleitet mich ein Gefühl der Schwermut,
dass sich immer nur am Sonntagnachmittag meldet.

Erstmals bewusst in meiner späten Jugend,
so mit fünfzehn oder sechzehn.
Die Szene steht mir vor Augen, als wäre es gestern.
Ich sitze im Wohnzimmer meiner Eltern auf einem Sessel.
Licht flutet durch das große Fenster mit den Blumen herein.
Und dann bricht sie mit einem Mal in mir auf.
Diese Wehmut.
Der Wunsch zu vergehen und zu bleiben gleichermaßen.
Trauer und Glück in einem Moment,
verwirrend für mich als jungen Menschen.

Sonntagnachmittag,
die geschäftige Welt ruht.
Noch.
Morgen früh geht es weiter,
endlich.
Das normale Leben beginnt wieder und lenkt ab.
Das Wochenende ist fast vorbei.
Es ist getan,
was zu tun ist.
Schlafen,
Erledigungen,
Menschen treffen.
Nur noch diese eine Stunde.
Nur zwischen vier und sieben.
Nicht länger.
Danach ist es wieder vorbei.

Neunzehndreiundneunzig,
auf meiner ersten Radreise in Südtirol.
Ich stand mit meinem Zelt in Toblach.
Hatte an diesem Sonntagvormittag eine kleine Tour gefahren,
meinen allerersten Berg bezwungen.
Ich müsste eigentlich glücklich sein und völlig zufrieden.
Und da schlägt sie zu,
diese Stunde,
die ich die blaue nenne.
Eine Stunde,
aus der Zeit gefallen.

Damals ging ich den Gefühlen in Gedanken nach,
notierte am Abend:

Der Grund für meine Traurigkeit ist mir eingefallen.
Es ist die Erinnerung an lange vergangene Tage.
Als ich vorher mit dem Rad zum Toblacher See fuhr,
überkam mich die Traurigkeit massiv.
Der nicht mehr vorhandene Campingplatz am See,
das kleine Gasthaus an der Straße,
Toblach im Regen – ein Nachmittag im Cafe,
das alles muss vierzehn Jahre her sein.
Kaum zu glauben.
Wo ist die Zeit geblieben?
Ich merke daran, dass ich älter werde.
Das tut weh.
Vor allem bei so schönen Erinnerungen…

Mittlerweile schon eine Ewigkeit her.
Abschiede fallen mir seit eh und je schwer.
Ist es der verzweifelte Wunsch etwas Schönes festhalten zu wollen?
Ist es die bittere Erkenntnis eben nichts festhalten zu können?
Oder beides?
Oder keins von beiden,
sondern –
Leben eben,
ungefiltert,
ungeschminkt –
in all seiner vergänglichen Schönheit?

Sie meldet sich seltener als früher,
warum auch immer.
Und sowieso nicht jeden Sonntag,
so zwischen vier und sieben.
Aber heute klopfte sie wieder einmal an –
und ich ging in Gedanken meinen Gefühlen nach.

Vielleicht ist die blaue Stunde am Sonntagnachmittag –
ein Bild,
ein Symbol,
eine Verdichtung?
Nichts lenkt mich ab.
Es ist getan,
was getan werden musste
oder konnte.
Die neue Woche steht bevor.
Mit all ihrem Trubel,
mit all ihren Ablenkungen.
Noch ein kleiner Moment,
noch einmal innehalten,
durchatmen,
mich lebendig fühlen in diesem merkwürdigen Hier und Jetzt,
in dieser Wehmut.
Die voller Sehnsucht und Glück ist.

Ich gehe in Gedanken meinen Gefühlen nach.
Es ist wie im Paradiesgarten –
doch schon verbunden mit der Ahnung,
die Vertreibung naht…