Wie kam es zu „Zeitsprung – Gemeinde 2030“? Ein Interview.

 

Das Gespräch mit mir führte Laura Freimuth. Vielen Dank!

Laura Freimuth:

Lieber Herr Jung, wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?

Matthias Jung:

Im Juni 2012 nahm ich für meine Landeskirche an einem Kongress in Berlin teil. Es ging um gesellschaftliche und globale Herausforderungen. In der Diagnose gab es viel Übereinstimmung, aber wenn es darum ging, konkrete Schritte zu bedenken, dann herrschte viel Ratlosigkeit vor. Nachdenklich fuhr ich nach Hause und dachte: Auch in der Kirche stehen wir vor großen Herausforderung, aber die Zielperspektive wird fast nur negativ bestimmt: Sparen, kürzen, abbauen. Das hatte mich schon lange unterschwellig umgetrieben, nun war ich richtig unzufrieden, rat- und mutlos.

Laura Freimuth:

Welche Konsequenzen haben Sie aus dieser Erfahrung gezogen?

Matthias Jung:

Ich habe angefangen, mich mit Zukunftsforschung zu beschäftigen. Ich wollte wissen, ob es nicht vielleicht doch Ansätze gibt, die sich mit den kommenden Herausforderungen beschäftigen. Aber dabei keine Science Fiction schreiben, sondern faktengestützte Prognosen erstellen, die seriöser sind als die Wettervorhersage oder der Bericht der fünf „Wirtschaftsweisen“.

Laura Freimuth:

Und, war Ihre Recherche erfolgreich?

Matthias Jung:

Ja, es gibt solche Ansätze. Es war, als würde sich eine ganz neue Welt öffnen. Sowohl im Blick auf die Klimawandel als auch die Veränderungen in der Arbeitswelt, im Verkehr, in der Digitalisierung und vielen anderen Bereichen gibt es Methoden, die zu sinnvollen Zukunftsszenarien führen. Die machen mögliche Zukünfte anschaulich und lenken den Blick nach vorn, weg von der negativen Spar- und Verlustmentalität, die einfach nur demotivierend und deprimierend ist, zumindest für mich.

Laura Freimuth:

Aber es ist doch richtig, dass wir sparen müssen und dass uns ein Wohlstandsverlust droht, oder noch Schlimmeres, wenn ich an den neuesten Weltklimabericht denke.

Matthias Jung:

Ja, aber ich fühle mich dabei unbehaglich. Wir geraten so in einen permanenten Trauerprozess, der uns nicht nach vorne blicken lässt. Andere verfahren sogar nach der Meinung: Wenn morgen die Welt untergeht, lasst uns doch heute verprassen, was noch da ist. Beides ist überspitzt formuliert, trifft aber auf Einstellungen, die mir begegnen. Auch in mir finde ich solche Empfindungen. Als Christ sage ich mir aber: Das kann doch nicht alles sein, wo bleibt denn die Hoffnung? Was ist mit den biblischen Visionen eines Jesaja? Was ist mit der Predigt Jesu vom kommenden, aber bereits unter uns anbrechenden Reich Gottes? Auch früher hatten Menschen in Israel reichlich Grund zu Klage, zur Sorge, zur Angst vor der Zukunft, und doch vertrauten sie diesen großartigen Bildern. Diese wollte ich zunächst für mich und später auch für andere lebendig werden lassen, um anders mit der Zukunft um- und auf sie zugehen zu können.

Laura Freimuth:

Nun ist Ihr Buch aber kein Sachbuch (bis auf das einleitende Kapitel), sondern eine Erzählung. Wieso haben Sie diese Form gewählt?

Matthias Jung:

Eines Tages stieß ich Harald Welzer und seinen „Futurezwei Allmanach“. Er vertritt die Auffassung, dass Zukunft „Spaß“ machen muss, bei allem Realismus. Dazu greift er auf Methoden zurück, die anderswo unter dem Stichwort „Storytelling“ bekannt sind. Faktengestützt, detailreich und hinreichend realistisch erträumt er Erzählungen einer möglichen Zukunft. Als ich diese bei ihm las, hatte ich eine Idee. Es war in der Zeit vor Weihnachten und ich stellte mir vor, wie „Heilig Abend 2023“ in einer Gemeinde gefeiert werden könnte. Ich stellte die Skizze auf mein Blog. Die Reaktionen waren sehr positiv und mehr als einmal hieß es: „Da musst du mehr draus machen!“

Laura Freimuth:

Ich habe die Skizze vom Heilig Abend 2023 gelesen und festgestellt, dass die Personen dort sehr zurückgenommen sind. In Ihrem Buch ist das nun ganz anders.

Matthias Jung:

Das ist die wunderbare Erfahrung, die ich gemacht habe. Je länger ich über die Trinitatis-Gemeinde in dem fiktiven Ort Rheinbeek nachdachte, desto mehr drängten sich die handelnden Personen in den Vordergrund. Sie erzählten mir ihre Geschichten und begannen miteinander zu sprechen, so wie wir beide uns jetzt hier unterhalten. Sie setzten sich angesichts vieler Herausforderungen mit ihrem Glauben neu auseinander, befragten die biblische Tradition und diskutierten untereinander. Und sie blieben trotz aller Schicksalsschläge offen für die Zukunft. Ihre Biografien sind das Herz der Erzählung. Das hatte ich anfangs so nicht geplant. Am Ende fiel es mir schwer, das Manuskript abzuschließen weil ich wusste, damit gebe ich auch die Menschen dort aus der Hand und das Gespräch mit ihnen endet.

Laura Freimuth:

Und wie sind Sie auf den Garamond-Verlag gekommen?

Matthias Jung:

Ich habe verschiedene Verlage angefragt. Es gab verschiedene Interessenten, aber alle anderen wollten das Buch für mehr als 20 € auf den Markt bringen. Nur der Garamond-Verlag lag mit 16,90 € darunter. Auf ein Autorenhonorar habe ich auch verzichtet, um Preis und Kosten niedrig zu halten. Ich habe es auch nicht bereut, die Betreuung war sehr gut, ich habe eine Menge über Satz und Layout gelernt.

Laura Freimuth:

Können Sie in einem Satz sagen, was Sie für sich aus der Arbeit an diesem Buch gelernt haben?

Matthias Jung:

(Lacht) Nun, in einem Satz ist das schwer, aber vielleicht in drei oder vier. Die Zukunft ist nicht mehr so düster und undurchsichtig. Ich rede viel weniger vom Schrumpfen als von Veränderungen und es macht mir wieder Freude, über die Zukunft meiner Gemeinde und der Kirche nachzudenken, trotz allem. Meine Einstellung hat sich geändert, ich habe mich umgedreht, schaue zuversichtlicher nach vorne und die biblischen Visionen sind anschaulicher und konkret geworden. Das ist vielleicht das größte Geschenk.

Laura Freimuth:

Lieber Herr Jung, vielen Dank für dieses Gespräch.

Matthias Jung:

Ich habe zu danken und ich bin jetzt sehr gespannt, wie das Buch bei den Leserinnen und Lesern ankommt.

 

Links:

Shop des Garamond-Verlags

Oder auch auf Fairbuch oder natürlich im Buchhandel.

Oder auf Amazon: Zeitsprung 2030 auf Amazon

Als E-Book ist das Buch ebenfalls erhältlich.

 

Zeitsprung Cover mittel

 

 

 

4 Gedanken zu “Wie kam es zu „Zeitsprung – Gemeinde 2030“? Ein Interview.

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