40 Jahre Führerschein

Das ist er, mein Lappen.
Heute vor genau vierzig Jahren habe ich ihn bekommen.
Die Spuren der Zeit sind an ihm nicht vorübergegangen.

Damals war es völlig selbstverständlich:
Mit dem 18. Geburtstag wurde der Führerschein gemacht.
Die Zeit des Fahrradfahrens war vorbei.
Der Lappen war Ausweis des Erwachsenseins.
Autofahren vermittelte das Gefühl, unabhängig zu sein.
Zugfahren war für mich damals exotisch.
Doch nun schien jeder Ort erreichbar zu sein.

Mein erstes Auto bekam ich ein Jahr später.
Einen roten VW-Golf.
Ich habe ihn geliebt.
Autofahren war Freiheit und Lebenslust.
Und Abenteuer.
Vor allem im Urlaub.
Mit Golf, Christine und Zelt ging es erstmals in die Alpen.
Viel später fand ich das Gefühl von Philipp Poisel gut beschrieben in seinem Lied: Durch die Nacht.

So richtig gelernt habe ich Autofahren auf einem VW-Bulli im Zivildienst.
Morgens und nachmittags war ich in der Umgebung von Wetzlar unterwegs.
Holte mehrfach behinderte Kinder zur KiTa und brachte sie wieder nach Hause.
Bullifahren war toll.
So toll, dass wir kurze Zeit einen uralten dunkelblauen Campingbus besaßen.
Wir fuhren mit ihm bis nach Schweden und zurück.
Danach trennte uns der TÜV für immer.

Die Jahre kamen und gingen.
Ein Auto hatten wir immer.
Drei Kinder, Pfarrstelle am Niederrhein in eher ländlichem Umfeld.
Ohne Auto undenkbar.
Ich fuhr seit den frühen Neunzigern zwar sehr viel Rad.
Ich wollte mir den Traum von Radreisen in die Alpen erfüllen.
Der Alltag aber hatte andere Regeln.

Wann fing es an, anders zu werden?
Ein konkretes Datum gibt es nicht.
Die Veränderung kam schleichend.
Ich stellte zum Beispiel fest:
Rechts neben der Fahrerin zu sitzen hat was.
Zumal Christine ausgesprochen gerne Auto fährt.

Ab der Jahrtausendwende war ich für den KDA Rheinland in Deutschland unterwegs.
Meist mit dem Zug.
Erstmals erlebte ich:
Zugfahren ist unglaublich inspirierend.
Auf einem frühen Netbook tippte ich unterwegs Texte.
Beim Autofahren ging das nicht.
Ich habe es als Beifahrer versucht.
Ohne Erfolg.

Der Transformationsprozess 2012 in Berlin bedeutete für mich eine gedankliche Zeitenwende.
Es kann nicht mehr so weitergehen wie bisher.
Da waren sich Gewerkschaften, Naturschutzverbände und Kirchen einig.
Aber wie kann es weitergehen?
Da herrschte Ratlosigkeit.
Das machte mich unruhig.
Ökologische Aspekte traten als Perspektive in meinen Fokus.
Damit auch das Autofahren.
Ich stieß auf Harald Welzer.
Schrieb ein Buch.
Und fuhr weiter Auto.

Erst in Osnabrück dachten wir erstmals über Carsharing nach.
Doch das Angebot war mau.
Und es war ja auch bequem so in Urlaub zu fahren.
Alles hinten rein und los geht es.
Und wir reisen gerne.
Aber die finanziellen Aspekte beschäftigten uns.
Autofahren ist teuer.
Vor allem wenn du wenig fährst.
Und in Niedersachsen war ich nun vor allem mit der Bahn unterwegs.

Ein Jahr pendelte ich mit der Bahn zwischen Osnabrück nach Hannover.
Es ging.
Gut sogar.
Rein in den Zug, Buch oder Laptop auf.
Und die Bahncard 100 war traumhaft.
Freiheit und Abenteuer.
Ach?!
War da nicht mal was…?

Wir zogen nach Hannover.
Das Auto stand nun in der Tiefgarage.
Stand und stand und stand.
Und kostete Geld.
Anfang 2018 verkauften wir es.

Seither fahre ich, fahren wir kaum noch Auto.
Ich vermisse es nicht.
Das Durch-die-Welt-bewegen hat sich entschleunigt.
Es dauert alles etwas länger.
In unserer hektischen Zeit finde ich das eher angenehm.
Wir mussten und müssen aber auch lernen:
Wie geht Urlaub ohne Auto?
Da zahlen wir immer noch Lehrgeld.

Heute vor vierzig Jahren habe ich meinen Führerschein erhalten.
In ein paar Jahren muss ich ihn abgeben.
Eintauschen gegen eine Plastikkarte.
Ich werde bis zuletzt warten.
Denn dieser uralte Lappen ist ein Symbol.
Ein Symbol für etwas, dass mir immer wichtig war und weiterhin ist:
Mobilität.

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