Kennt ihr das auch?
Ihr hört ein Lied in einer bestimmten Zeit oder Situation und die Musik verbindet sich untrennbar mit der Situation. Höre ich das Stück später wieder, habe ich sofort Bilder und Gefühle aus der Situation oder der Zeit vor Augen.
Ich bin meine Biografie durchgegangen und mir sind eine ganze Reihe solcher Musikstücke eingefallen.
Westernhagen, Mit 18
Es beginnt Ende der siebziger Jahre mit Marius Müller-Westernhagen. Wir sind jung, sind aktiv in der Jugendarbeit der Kirchengemeinde und fahren jedes Jahr an Pfingsten zu einem großen, sehr frommen Treffen von Christ:innen nach Aidlingen in Baden-Württemberg. Einige sind schon achtzehn, haben schon ein Auto. Ich sehe uns noch auf dem riesigen Parkplatz stehen, Heckklappe ist offen und wir hören von Westernhagen „Mit 18“. Schon ein wenig schräg, das Stück passte nicht so wirklich zu der Musik, die in Aidlingen auf der Bühne lief. Ich glaube, wir fühlten uns etwas verwegen.
Bap – 10. Juni
Vermutlich im Radio habe ich erstmals dieses Stück von Bap gehört, es war so Mitte der achtziger Jahre während der Friedensbewegung. Bis heute bin ich großer Fan von Bap, auch wenn ich mir die Texte auf Hochdeutsch übersetzen lassen muss, weil ich den kölschen Dialekt nicht verstehe. „10. Juni“ ist für mich die Hymne der Friedensbewegung. Sie trafen für mich einfach den Punkt.
Peter Gabriel – Don´t give up
Ich weiß nicht mehr, wie ich auf Peter Gabriel aufmerksam wurde. Aber ich weiß noch sehr genau, dass ich seinen Song „Don´t give up“ in der frühen Zeit der Zwillingsschwangerschaft von Christine 1986 hörte, als sie wochenlang im Bett liegen musste wegen Blutungen. „Don´t give up“ klang für mich damals wie eine Zusage, dass alles gut gehen wird. So richtig erklären kann ich das nicht, aber so war es. Und so geschah es.
Phil Collins – Colours
Es ist das Jahr 1990. Unser Sohn Philipp wird im Juni geboren, im Sommer wird Deutschland Fußballweltmeister. Ich bin nach dem Studium im Vikariat, wie es mit uns weitergehen wird, stand noch in den Sternen. In diesen Monaten hören wir im Wohnzimmer immer und immer wieder „Colours“ von Phil Collins, Philipp schlief dazu gut ein. Wir haben ihn später mal gefragt, ob es sich an den Song „erinnern“ kann, aber das hat er verneint …
Gianna Nannini – I Masci
Wenige Monate später ziehen wir in Voerde ins Pfarrhaus – die Zukunft scheint geklärt. In dieser Zeit, im Winter 1990/91 droht erst und bricht dann der zweite Golfkrieg. Ich kann mich daran erinnern, die große Sorge war, die ganzen Ölquellen könnten in Brand geraten und zu einer globalen Katastrophe führen. Ich weiß noch, dass ich morgens als Erstes den Fernseher anmachte, um zu schauen, wie die Lage war. An einem dunklen Wintermorgen war es so weit, der Krieg hatte begonnen. Mich bewegte die Sorge, ob aus all den Träumen, die ich als junger Familienvater und Pfarrer hatte, nun noch etwas werden würde … In dieser Zeit hörte ich immer wieder von Gianna Nannini „I maschi“.
Scorpions – Wind of Change und Dire Straits – Telegraph Road
Diese beiden Stücke hörte ich immer wieder auf meiner allerersten Radreise im Juni 1993 in Südtirol. Mit dieser Radreise ging ein Traum in Erfüllung, den ich über zehn Jahre träumte, mit dem Rad durch und über die Berge zu fahren. Wenn ich insbesondere „Telegraph Road“ heute höre, sehe ich mich wieder mit meinem Zelt auf dem Campingplatz am Lago di Caldaro sitzen.
Meredith Brooks – Bitch
Es gibt Songs, die sich überraschend und zugleich dauerhaft in meine Erinnerungen eingebrannt haben. „Bitch“ von Meredith Brooks gehört dazu. 2003 war ich mit dem Auto auf dem Weg in die Schweiz, um ein paar Pässe mit dem Rad zu fahren. Bis heute habe ich eine Stelle in den Schweizer Bergen vor Augen, wo er im Auto lief. Warum diese Stelle? Ich weiß es nicht.
Dido – Life for Rent
Etwa um das Jahr 2004 spielte ich mit meinen Söhnen das Onlinespiel „War of Galaxy“. Manchmal musste ich da aus spieltechnischen Gründen abends länger aufbleiben, um noch eine Aufgabe abschließen zu können. Mit diesen nächtlichen Sitzungen vor dem Computer im Arbeitszimmer (einen Laptop hatte ich noch nicht) verbindet sich das Stück „Life of Rent“, was ich immer und immer wieder gespielt habe.
Rosenstolz – Willkommen
2006. Christine und ich sind auf dem Weg nach Südtirol, um dort Urlaub zu machen. Es ist der erste Sommerurlaub ohne unsere Kinder. In diesen Jahren höre ich viel von Rosenstolz. Christine sitzt am Steuer, wir fahren über den Reschenpass Richtung Meran. Wir fahren am Nachmittag nach Italien hinein, am Reschensee vorbei. In diesem Moment läuft auf meinem CD-Player „Willkommen“, das Bild und die Stimmung haben sich mir tief eingebrannt. Es markierte für mich zugleich den neuen Abschnitt in meinem Leben: Alle drei Kinder sind „groß“.
Philipp Poisel – Durch die Nacht
Im Sommer 2012 sitze ich im Juli und August am späten Abend auf der Terrasse unserer Wohnung in der Bahnhofstraße in Voerde. Aus dem Pfarrhaus sind wir Jahre zuvor ausgezogen, nun hatte ich die Chance, abends länger draußen zu sitzen, ohne die anderen Familienmitglieder zu stören. In diesen Wochen warte ich auf Nachricht aus dem Diakonissenhaus Berlin-Teltow-Lehnin, bei dem ich mich auf eine Pfarrstelle beworben habe. Der Prozess dauert eine längere Zeit, erst im letzten Moment bekommt der letzte verbliebene Konkurrent die Stelle. Immer wieder sitze ich abends noch lange draußen, schaue in den Sternenhimmel und höre „Durch die Nacht“ von Philipp Poisel. Hier ist interessant, dass das Lied zugleich Erinnerungen wachrief (und wachruft) an lange nächtliche Autofahrten Richtung Süden mit Christine in unseren frühen Ehejahren – auch in dem Song geht es Richtung Genua …
Andreas Bourani – Auf uns
2014, Sommer, Fußballweltmeisterschaft. In diesen Wochen entscheidet sich mein beruflicher Wechsel zum Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der hannoverschen Landeskirche. Die Entscheidung fällt zwischen dem legendären Halbfinale gegen Brasilien und dem Endspiel. Als kurz nach Mitternacht Deutschland als Sieger feststeht, gratulieren mir zahlreiche Gemeindemitglieder, denn wir haben wie so oft in den vergangenen Jahren Public Viewing im Gemeindehaus gemacht. „Das ist ein das tollste Geburtstagsgeschenk“, höre ich mehr als einmal. Doch noch weiß im Raum außer Christine und mir niemand, dass ich die Zusage aus Hannover habe. „Auf uns“, wie oft gespielt und gehört in diesen Wochen der Fußball-WM, es war die Hymne dieser Wochen, gefühlt lief es pausenlos im Radio. Und hat irgendwie die Stimmung aufgenommen und bestimmt.
Lukas Uecker – Vernünftig
Im Sommer bin ich mit einigen jungen Menschen in Katerini in Griechenland zu einem Arbeitseinsatz bei O topos mou, einer großartigen Bürgerinitiative, die ich zwei Jahre zuvor kennengelernt habe. Es ist kochend heiß in Griechenland, die Wälder weiter im Süden brennen, wir sind mittendrin in einer Hilfsaktion, die von der Initiative gestartet wird. Bei meinen jungen Mitstreiter:innen höre ich erstmals Musik von Lukas Uecker – „Vernünftig“ gefällt mir besonders und es verbindet sich mit diesen Tagen. Gefühlt steht mir heute noch sofort der Schweiß auf der Stirn, wenn ich es höre.
Peter Maffay und Johannes Oerding – Blinde Passagiere
Das Live-Album „We love Rock´n Roll“ von Peter Maffay erscheint im Herbst 2024. Ich höre es direkt nach unserer Radreise nach Slowenien und Triest und der anschließenden Studienfahrt nach Paris auf der Rückfahrt im Eurostar zwischen Paris und Köln. Mir geht es dreckig an diesem Nachmittag. Als ich nach Mitternacht endlich zu Hause bin, ist der Corona-Test positiv. Nichtsdestotrotz haben sich einige Songs auf dem Album mit diesen Wochen verbunden, vor allem „Blinde Passagiere“ von Johannes Oerding, das Maffay und Oerding zusammen singen. Es passt vom Text auch in diesen düsteren Herbst, vor der Trump-Wahl und in der Ampelkrise, von Ukraine-Krieg, Gaza und Klimakatastrophe ganz zu schweigen.
Ich freue mich über eure Kommentare – habt ihr auch Songs, die in eurer Biografie eine besondere Rolle spielen?