Sieh doch eine junge Frau wird schwanger werden

Sieh doch eine junge Frau wird schwanger werden

gedanken zur christnacht zu jesaja 7

jerusalem im jahr 733 vor der zeitenwende
eine stadt in angst
soldaten stehen vor den mauern
trommeln dröhnen tag und nacht
gleich zwei herrscher fordern die kapitulation
von könig ahas
alle augen richten sich auf ihn
was soll er tun
standhalten oder die tore öffnen
wenn mann doch wüsste was wäre wenn

in jerusalem lebt ein mann
jesaja ist sein name
einen propheten nennen sie ihn
er ist schon ein wenig wundersam
seine kinder heißen
einrestwirdumkehren
eilebeuteraubebald
und seinen leuten schleudert er  entgegen
glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht

die heerscharen vor augen
sagt er zu ahas
du darfst dir ein zeichen fordern
von gott
doch ahas glaubt jesaja nicht
und der prophet antwortet
im namen gottes

höre doch du haus davids
ist es euch nicht genug menschen zu ermüden
müsst ihr jetzt nicht auch noch mich ermüden
deshalb wird euch meine herrschaft selbst ein zeichen geben
sieh doch
eine junge frau ist schwanger
sie wird ein kind gebären
und es gottistmituns nennen
butter und honig wird es essen müssen
bis es eines tages versteht
das schlechte abzulehnen
und das gute zu wählen
doch noch bevor das kind versteht
wird der ackerboden verlassen sein
von den beiden königen
vor denen du heute angst hast
und dann wird gott dir tage bringen
wie sie lange nicht gekommen sind
den assyrerkönig und seine herrschaft

und so kommt es

*

galiläa im jahr 33 nach der zeitenwende
all ihre hoffnungen haben sie auf ihn gesetzt
er hat sie nicht enttäuscht
wunderbare worte sprach er
vom reich gottes
das jetzt beginnt
mit ihm und in ihm
geheilt hat er
frauen männer kinder
krank an leib oder seele
oder beidem
allein durch worte
und berührungen

gehasst haben sie ihn
die macht haben
macht über waffen und gesetze und gefängnisse
aber nicht über seelen und hoffnungen
daher fürchteten sie ihn
brachten ihn um
einfach so
mit einem federstrich
wie tausend andere auch
die nicht aufhören nach gerechtigkeit zu fragen
nun ist er tot

doch einige sagen
nein
wir haben ihn gesehen
mit ihm geredet
er ist nicht im tod geblieben
und unsere herzen brannten
als er mit uns sprach

sie suchen in den heiligen schriften
nach hinweisen
die licht in das dunkel der geschichte bringen
denn dort
in den schriften
ist die hoffnung lebendig
das einst einer kommen wird
und alles wird neu
lebendig und farbenfroh

sie werden fündig
in betlehem soll er geboren werden
mit löwe und schaf gleichermaßen spielen

und bei jesaja lesen sie
sieh doch
eine junge frau wird schwanger werden
und ein kind zur welt bringen
die macht wird auf seinen schultern ruhen
zahlreich werden seine namen sein
wunderrat
gottheld
ewigvater
friedefürst
und vor allem
immanuel
gottistmituns

die teile fügen sich zusammen
ihre erinnerungen
und das was sie lesen

vertraut dem
der da kam
im namen gottes
mutter und vater gleichermaßen
und predigte furchtlos von frieden und gerechtigkeit
rührte herzen an allein mit worten
ließ körper zur ruhe kommen
weckte sehnsucht
nach einem anderen leben
wich nicht zurück
als es um sein leben ging

einer von ihnen
lukas mit namen
hatte ein bild vor augen
und schreibt es auf
worte
jahrhundertelang wiederholt
in der mitte der nacht

*

hannover im jahr 2017 nach der zeitenwende
eine stadt vielleicht nicht in angst
aber doch in unruhe
belagert durch zukunftssorgen und glühweinstände
die trommeln rechter parolen lassen niemand zur ruhe kommen
betonklötze schützen weihnachtsmärkte
eine stabile regierung haben wir auch nicht
und die wirtschaft produziert sich lemmingen gleich dem abgrund entgegen
wir wissen
so geht es nicht weiter
und schnüren uns doch den ring der belagerung immer enger um den hals
tag für tag
jahr um jahr
bis wir ersticken
in zukunftsangst plastikmüll und dummen Worten

eine stadt sehnt eine unterbrechung herbei
ein paar tage so tun als wäre alles wie früher
heilig abend unter dem brennenden baum in der kindheit
und alles war gut

wir hören die botschaft alle jahre wieder
jesaja und lukas liegen uns in den ohren
glaubt ihr nicht so bleibt ihr nicht
da ist kein jnglebellsmerrychristmasodufröhliche
da ist ansage für die welt

siehe
eine junge frau ist schwanger
und sie bringt ein kind zur welt
die macht wird auf seinen schultern ruhen
seine namen werden zahlreich sein
wunderrat
gottheld
ewigvater
friedefürst
und vor allem
und immer wieder
immanuel
gottistmituns

die welt wird neu
mit ihm und durch ihn

die rechten parolen verpuffen
die wirtschaftswunderplastikmüllproduktion löst sich in luft auf
und vielleicht
ja vielleicht
wird eines tages auch der himmel dieselabgasfrei
über hannover und dem ganzen land
friede und gerechtigkeit küssen sich
und wir tanzen gemeinsam
nicht nur an den feiertagen unter dem tannenbaum
wenn wir dem glauben
der uns ein kind geschenkt hat

glaubt doch
und bleibt

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Ermutigung zur Frage: Was glaubst du?

Rezension von: Generation Y – wie wir glauben, lieben und hoffen (Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein)

Das Buch ist eigentlich unmöglich. Es versucht die Frage zu beantworten: Was glaubt die Generation Y, eine Generation, die so vielfältig ist, dass sie nicht zu beschreiben ist?

Stephanie Schwenkenbecher und Hannes Leitlein haben sich dennoch auf den Weg gemacht. Sie haben Fragebögen verschickt und ausgewertet, Interviews gemacht und christliche Aufbrüche besucht, haben mit der Eltern- und Großelterngeneration diskutiert (konkret: mit Christina Brudereck und Fulbert Steffensky), sind auf Spurensuche in der Musik gegangen und haben eine Fotografin mit der Kamera losgeschickt. Und am Ende formulieren sie auf zwanzig Seiten das, was eigentlich unmöglich scheint: Eine Sicht auf den Glauben der Generation Y. Herausgekommen ist dieses Buch. Und Stephanie hat ein paar Exemplare verschenkt an Menschenkinder, die es nicht nur lesen, sondern auch darüber schreiben wollten. So kam es auch zu mir. Danke Stephanie!

Ich habe es an zwei Wochenenden, also nicht einem Zug, sondern in zwei Zügen, gelesen. Ich fand es spannend, anregend, überraschend. Und es lässt mich nachdenklich, hoffnungsfroh und zugleich ratlos zurück. Aber das sagt nichts über die Qualität der Arbeit der beiden Autorinnen aus, sondern liegt im Thema begriffen.

Die Ratlosigkeit liegt für mich daran, dass ich mich gefragt habe: Worin unterscheidet sich denn jetzt der Glaube der jungen Frauen und Männer von dem, was ich einst glaubte und heute glaube? Ich bin Mitte 50, also Elterngeneration der Generation Y (ganz buchstäblich: wir haben drei Kinder zwischen 27 und 30). Ziemlich weit hinten, auf Seite 202, beschreiben die beiden Autorinnen den Glauben in aller Kürze – und ich finde mich dort Wort für Wort wieder (bis vielleicht die letzte Passage, die auf Ostdeutschland bezieht, die Mauer fiel, als ich 28 war).

Ich teile auch die Unruhe über die innerkirchlichen, innergemeindlichen „Zustände“, die ich 25 Jahre als Gemeindepfarrer selbst in allen Schattierungen erlebt habe. Ich teile den Schmerz von Stephanie und Hannes:

„Wir sind auf der Reise zu unserem Buch nämlich auch jungen Menschen begegnet, die sich nicht mehr als Christen sehen, weil sie sich mit christlichen Gemeinden nicht identifizieren können und nicht etwa, weil sie nicht mehr glauben würden. Das zerreißt uns das Herz“ (209).

Auf der anderen Seite blitzt hier und da aber auch Ehrfurcht und Hochachtung vor der, ich sag mal augenzwinkernd „großen, alten Dame“ Kirche, die in ihrer langweiligen Beständigkeit der Garant dafür ist, dass sich pausenlos und immer und immer wieder neue Aufbrüche ergeben, aus der Unruhe über Traditionen und Strukturen heraus (2017 denken wir grade über so einen Unruhestifter intensiv nach).

Beides gehört für mich zusammen: Die große, alte Dame „besitzt“ die Kirchräume, die zum Staunen und innehalten einladen, sie verbindet über Texte und Lieder Menschen über Generationen hinweg. Dazu Taize und Kirchentag, die mittlerweile eigentlich auch schon zur Tradition gehören. Und dann eben Versuche wie Exodus, polylux oder Stadtveränderer. Ich fand es interessant, dass Christina Brudereck erzählt, dass sie das Wort Verwobenheit von der Generation Y gelernt hat. Ich kenne es auch, aber von Hannah Arendt her. Vielleicht sind wir uns viel näher als vermutet? Ich folge dieser Spur noch etwas weiter in Gedanken und versuche für mich eine Antwort zu finden: Was ist denn nun wirklich neu?

Neu scheint mir, dass wir in dieser Zeit vermehrt gefragt werden: Was glaubst du? Im Buch kommt es nur am Rand hier und da vor, aber wir leben zunehmend nicht nur in einer religiös pluralen Gesellschaft, sondern auch in einer Zeit, in der Menschen beginnen, genau diese Frage stellen: Was glaubst du eigentlich? Und wir – Christinnen und Christen – sind es nicht gewohnt, darauf eine Antwort zu geben. In einem Vortrag hat der ehemalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber genau dies beschrieben: Da kommen Menschen muslimischen Glaubens und fragen: Was glaubst du? Manchmal ganz offen, manchmal aber auch nur durch die Tatsache, dass viele – keineswegs alle – Muslime stärker auch in ihrem Alltag den Glauben praktizieren und zur Sprache bringen. Und das trifft auf Menschen in der Volkskirche, in der wir es nicht gewöhnt sind, über unseren Glauben zu sprechen, häufig nicht mal mit der eigenen Familie, schon gar nicht mit der Pastorin, dem Pastor. Und das löst auch Angst aus, aber das ist ein anderes Thema.) Daher bin ich ganz nahe bei Stephanie und Hannes, wenn sie schreiben:

„Wir haben den Verdacht, dass das noch viel zu wenig passiert: dass Christen laut und deutlich von ihrem Glauben reden, welche Rolle er in ihrem Leben spielt und was er ihnen bedeutet (oder auch nicht). Und dabei reden wir nicht mehr nur von unserer Generation. Es braucht die Ermutigung, die eigene Meinung zu sagen und ein eigenes Glaubensbekenntnis zu formulieren“ (205).

Genau! Und an vielen Orten fängt das an, wenn zB in diesem Jahr 2017 an vielen Orten Wände aufgestellt werden und die Menschen eingeladen werden, ihre Thesen öffentlich (!) zu formulieren. Auf der anderen Seite erleben wir das im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) immer wieder, dass wir von Menschen in Betrieben auf unseren Glauben hin angesprochen werden. Und keineswegs nur wir Spezialisten! Vor einiger Zeit berichtete mir eine Theologiestudentin von einem Praktikum in einem Industriebetrieb. Sie wurde pausenlos auf Kirche und Glaube angesprochen, „nur“ weil sie Theologie studierte. Ich glaube, es existiert so viel Sehnsucht in unserem Land, über Glaube, Religion und ja, auch über Kirche zu sprechen, aber wir trauen uns zu selten, oder wir trauen uns auch nicht, zu fragen: Was glaubst du? Das könnte doch eine Chance sein.

Wenn uns das verbindet, und wir die Fäden miteinander verweben, so dass Verwobenheit nicht nur entsteht sondern sichtbar gemacht wird, artikuliert wird in Worten, in Musik, in Bildern und Zeichenhandlungen, toll. Und dann, das ist meine Hoffnung, wird es so sein, dass wir unseren eigenen Glauben viel schöner in Händen halten, achten und feiern können. Und mit einer klareren Identität freuen wir uns über all die wunderbaren neuen Versuche und beginnen vielleicht am Ende auch die große alte Dame Volks- oder Landeskirche neu schätzen zu lernen, weil wir wissen, was wir an ihr haben.

Und ja, vielleicht werden auch die Fragen an der etablierten Kirchen präziser und drängender, zB: Was genau ist eigentlich eine Gemeinde? Im volkskirchlichen Setting scheint das ganz klar: das ist die örtliche Parochie, die gilt es unter allen Umständen zu erhalten. Doch – stimmt das denn? Es existieren doch jetzt schon viele Gemeinden an einem Ort nebeneinander, nicht nur evangelische und katholische „Gemeinden“. Könnte da nicht eine kreative Unruhe in unsere verunsicherte und um ihre Zukunft ringende Volkskirche kommen? Die hannoversche Landeskirche arbeitet gerade an einer neuen Verfassung, und die Öffnung des Gemeindebegriffes ist eine der zentralen Vorschläge, ich bin gespannt, wie das weitergeht.

Liebe Stephanie (und lieber Hannes), vielen Dank für das Geschenk, dass ich mit Eurem Buch erhalten habe. Es hat mich angeregt, einer Spur zu folgen, einer Spur, die Ihr so beschreibt:

„Vielleicht fangen wir damit an, dass wir uns gegenseitig fragen: Worauf setzt du deine Hoffnung? Was ist deine Sehnsucht? Was beflügelt dich? Wie verantwortest du dein Leben? Was glaubst, worauf hoffst und wen liebst du?“ (220)

Räume, die Spielräume schaffen oder: Was wir wirklich brauchen in dieser Zeit

Räume, die Spielräume schaffen oder: Was wir wirklich brauchen in dieser Zeit

Wir leben in einer Zeit, in der alles im Fluss scheint. Vertraute und gewohnte Wege brechen weg, scheinen in Sackgassen oder auf Irrwege zu führen. Viele Menschen ahnen, dass Durchhalteparolen nicht die rechte Antwort auf die massiven vorhandenen, sich entwickelnden oder abzeichnenden Krisen darstellen. Und die Einsicht dämmert mehr und mehr herauf, dass derzeit und auf längere Zeit niemand verlässliche Antworten hat. Der verbreitete und verständliche Reflex, sich in Rückzugsräumen zu verbarrikadieren, ähnelt dem Vogel, der seinen Kopf in den Sand steckt. Und das an manchen Orten gefeierte Motto: „Machen wir einfach weiter mit der Party, bis sie vorbei ist, nach uns die Sintflut!“ erinnert mich an den Zug der Lemminge auf die Klippe zu.

Ich bin davon überzeugt, dass für die Mehrzahl der Frauen, Männer und Kinder beide Wege keine Lösungen darstellen. Sie fragen:
Wie wollen und wie können wir trotzdem in Zukunft gut leben?
Wie gestalten wir das Zusammenleben?
Wie organisieren wir die Herstellung sinnvoller und notwendiger Dienstleitungen und Güter im Rahmen der zur Verfügung stehenden Ressourcen?
Wie finden wir Lösungen trotz aller Unterschiede in Wertehaltungen und Zielvorstellungen?
Wie gehen wir in und durch die Konflikte, die sich durch die Vielzahl von Meinungen und Überzeugungen ergeben?
Und sie stellen diese Frage in der Hoffnung, dass sich trotz allem Trampelpfade in die Zukunft finden und begehen lassen.

Ich teile diese Hoffnung und bin überzeugt: Es braucht dazu verschiedenartige Räume, die wir miteinander schaffen und mit Leben füllen müssen, aber auch können. Räume bieten Schutz und zugleich einen Rahmen. Und sie eröffnen Spielräume, ohne die es keine Zukunft gibt. Wir brauchen in diesem Sinn Wahrnehmungsräume, Begegnungsräume und Gestaltungsräume.

Wahrnehmungsräume
Über Jahrzehnte hinweg sind uns zwei Dinge eingebläut worden: „Anything goes“ und „Letztlich muss jede und jeder selber entscheiden.“ Einerseits wurden Leitplanken eingerissen, die moralische Orientierung gaben (mit allen Nachteilen, die damit auch verbunden waren), andererseits wurde das Projekt des Individualismus in allen Lebensbereichen auf die Spitze getrieben. Margret Thatcher brachte es auf den Punkt: So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, es gibt nur Individuen. Zurück bleiben wir, vereinzelt, verunsichert, orientierungslos und darauf getrimmt, uns in endlosen Konkurrenzkämpfen zu behaupten.

Wir leben in einer Welt, die uns unzählige Möglichkeiten anbietet, zwischen denen wir uns pausenlos entscheiden müssen, damit wir nur nichts falsch machen. Das Projekt der Selbstoptimierung des eigenen Lebens (mehr haben wir ja nicht) müssen wir endlos und effektiv voran treiben. Der Kauf einen simplen Smartphones kann mich angesichts der Fülle der Geräte und Konfigurationen zur Verzweiflung treiben, ich will ja nichts falsch machen – und mir hinterher Vorwürfe machen. (Fatalerweise werden wir dabei immer gleichförmiger, da wir aus Angst, das Falsche zu wählen, uns einfach der Mehrheit anschließen… The winner takes it all, und da will ich dabei sein. Oder muss es gar, um vor mir selbst bestehen zu können.).

Wir alle haben Brillen auf, mit denen wir auf die Welt schauen. Normalerweise ist uns das nicht bewusst, der Blick durchs Glas auf die Welt ist vertraut und gewohnt. Aber jede/r Brillenträger/-in weiß, mit neuen Gläsern sieht die Welt erst mal anders aus. Vielleicht sehe ich viel mehr und schärfer, vielleicht aber wird mir auch erst einmal schwummerig. Oder wehe, die Brille geht kaputt und Ersatz ist gerade nicht zur Hand.

Es geht um die Frage, wie wir das wahrnehmen, was geschieht. Das neoliberale Projekt hat uns allen eine Brille auf die Nase gesetzt, die den Fokus auf mich allein und meinen Vorteil, mein Fortkommen lenkt und dabei vieles ausblendet. Die Folgen sind mittlerweile zu spüren. Nötig ist die Bereitschaft, mir zuallererst einzugestehen, dass ich eine Brille auf der Nase habe. Wie alle anderen auch. Aber ich kann entscheiden zu sagen: Ja, ich habe eine Brille auf – aber die Sehschärfe kann ich verändern. Was passiert, wenn ich die Brille wechsle? Dann sehe ich ander(e)s. Oder schärfer. Und/oder weiter. (Oder im umgekehrten Fall, unschärfer, weniger weit. Auch das ist eine Entscheidung.) Es braucht einen Wahrnehmungsraum, in dem ich mich und meine Welt so wahrnehmen kann, in dem ich mir erlauben kann, den Schleier wegzureißen, eine neue Brille auszuprobieren.

Es gilt, den Krisen ins Auge sehen, auch wenn es weh tut. Nicht wegschauen, hinschauen. Trotz der Angst, die mir das vielleicht macht. Ohne schmerzhaftes Erkennen ist die Wahrnehmung der Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht möglich. Paradoxerweise heißt dies zuallererst „Ich“ zu sagen, zu meiner Wahrnehmung zu stehen und zugleich dieser meiner Wahrnehmung zu „misstrauen“, also mir bewusst zu machen, dass es immer mehrere Perspektiven geben kann und geben wird.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, solche Räume zu schaffen und mich hinein zu begeben. In solch einem Wahrnehmungsraum kann ich alleine meinen Beobachtungen nachgehen, bekannte Muster in Frage stellen. Es geht mit anderen zusammen, um gemeinsam die Wahrnehmung zu schärfen, zu schulen. Bin ich dazu bereit, die Brille zu wechseln? Bin ich bereit, meine Wahrnehmung der Welt die Wirklichkeit immer wieder in Frage zu stellen zu überprüfen, meinen Vorurteilen ins Gesicht zu schauen? Bin ich bereit, nicht weg-, sondern hinzuschauen und am Ende „Ich“ sagen zu können, zu wollen, Position zu beziehen?

Kriterien für solche Begegnungsräume könnten sein: Offenheit und Achtsamkeit, Kooperationsbereitschaft, Vertrauensvorschuss, Bereitschaft auf das „Fremde“ und das „andere“ zu zugehen.

Wo das gelingt, ergeben sich im Raum der Wahrnehmung Spielräume. Gedanklich, emotional. Die Angst wird vielleicht, wahrscheinlich nicht kleiner, sondern eher erst einmal größer. Weil mir die möglichen Abgründe, Sackgassen und Widersprüche umso deutlicher vor Augen stehen. Und doch stellt sich zugleich sich das Gefühl ein, nicht mehr der Welt und ihren Krisen völlig hilflos ausgeliefert zu sein. Solche Wahrnehmung zeigt mir in diesem geschützten Raum, dass die Welt vielfältiger, bunter und widersprüchlicher ist als ich bisher gedacht habe. Und sie führt mich so aus der Vereinzelung heraus und auf andere zu, solche Wahrnehmung strebt nach Begegnung. Sie sehnt sich neugierig nach Begegnung mit dem/der/den Anderen, sie hat Lust an der Wahrnehmung des „Fremden“, weil sie ahnt, ich entdecke hier Gemeinsamkeiten.

Begegnungsräume
Solche Wahrnehmung hat immer schon mit Begegnung zu tun, und sei es, dass ich mir selbst begegne in der Selbstreflexion. Wenn ich hier begrifflich zwischen Wahrnehmungs- und Begegnungsräumen unterscheide, dann ist das nicht additiv zu verstehen, sondern ich wechsle jeweils die Blickrichtung. Es sind unterschiedliche Modi, die miteinander verknüpft sind, sich gegenseitig durchdringen und Wechselwirkungen besitzen.

In einer komplexen Welt voller komplizierter, miteinander verbundenen Krisen gilt es Begegnungsräume zu schaffen. Begegnungsräume, in denen sich unterschiedliche Menschen gezielt begegnen und unterhalten über ihre Werte, und Träume, Ängste und Hoffnungen. Kurz: Sich über die Fragen austauschen und ins Gespräch kommen, die ich eingangs genannt habe: Wie wollen wir in Zukunft gut leben? Und was heißt „gut“ – für dich, für mich, für uns? Können wir uns zum Beispiel darauf verständigen, dass die Kernpunkte lauten:

„Die anderen Menschen dürfen nicht als Bedrohung oder als Objekte betrachtet werden, die es zu besiegen und zu instrumentalisieren gilt. Und die Natur darf nicht nur als Ausbeutungsobjekt verstanden werden“ (Alberto Acosta, Buen vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben, 74f.).

Und wenn ja, was heißt denn das konkret für mich, für dich, für uns…?

Überall, auf allen Ebenen menschlichen Zusammenlebens können und müssen solche Räume geschaffen werden. Sie sind sowohl im lokalen Bereich (Dorf, Stadt, Stadtteil), regional, national, im europäischen und im globalen Kontext zu verorten. Und wir müssen uns künftig noch viel mehr als bisher als Wander/-innen zwischen den Räumen verstehen. Vor allem aber, und das ist die Kunst und die Herausforderung, gilt es diese Räume mit unterschiedlichen Menschen zu füllen, die sich hier begegnen können und sollen. Es geht eben nicht darum, dass sich beispielsweise Gewerkschaftler/-innen oder Kirchenleute sowohl lokal, regional und national treffen. Das ist sicher auch nötig – aber das geschieht ja immer schon eher. Angesichts der multifaktoriellen Krisen liegt die Hoffnung vor allem darin, dass sich in den verschiedenen Räumen Menschen mit unterschiedlichen Kontexten – biografisch, beruflich, religiös usw. – begegnen, sich einander wahrnehmen und an den genannten Fragen arbeiten. In Betrieben und Dienstellen, Verbänden, Nachbarschaften usw. Überall dort, wo Menschen zusammenleben.

Man könnte sagen, ist das nicht banal? Geschieht das nicht längst in Betrieben und durch eine hohe Reisetätigkeit? Ich glaube nicht. Auf jeden Fall nicht ausreichend. Es geschieht hier und da und immer wieder und ist beglückend, wenn es zu echter Begegnung und Erkenntnisgewinn kommt. Ich bin aber der Überzeugung, dass wir in Zukunft noch viel mehr solche Räume gezielt schaffen müssen. Und zwar zuallererst analoge Räume, denn diese besitzen eine besondere Stärke:

„Analoge Debatten haben eine großen Vorteil gegenüber digitaler Kommunikation: Man muss sich zeigen (…), und man muss nach Möglichkeit belastbare Argumente haben und kann nicht, wie im Netz, irgendeinen Quatsch behaupten. Denn in der analogen Welt ist mit Sicherheit jemand da, der dem Quatsch sofort widersprechen würde.“ (Harald Welzer, Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft, S. 117f.)

Wo aus der Begegnung eine Beziehung geworden ist, vermag dann die digitale Begegnung die analoge unterstützen und ergänzen, um Entfernungen zu überbrücken. (Ausnahmen, in denen diese Bewegung umgekehrt zum Ziel führt, bestätigen nur die Regel.)

Wir brauchen Begegnungsräume für Menschen im Stadtteil. Zwischen den Stadtteilen. Zwischen Städten und Regionen. Für uns in Europa vor allem in der Begegnung zwischen den Völkern, ohne die das Projekt Europa, das Leben im Haus Europa eine leere bürokratische Hülle bleibt. Machen wir uns nichts vor: Das kostet Zeit und das kostet Geld. Aber in solcher Begegnung erwächst Wahrnehmung und Achtsamkeit vor dem Anderen, dem Fremden. Es erwachsen Spielräume, zuallererst in Kopf und Herz. Es erwächst die Einsicht, dass die Parole vom „anything goes“ verführerisch, aber falsch war. Weil sie uns in eine orientierungslose Verwirrung geführt hat, die wir mit Konsum übertünchen. Weil wir Leitplanken brauchen im Zusammenleben, die in der Diskussion miteinander gefunden, verabredet, gestaltet werden müssen. Es erwächst die Einsicht, dass das „ICH zuerst“ nicht weiter als in die gnadenlose Konkurrenz führt, die alles zu vernichten droht, weil wir uns an unseren Gütern verschlucken (manchmal buchstäblich). Das geht nur in der Achtung voreinander.

Hier entscheidet sich für mich auch die Zukunft des demokratisch gestalteten Gemeinwesens, in dem eben nicht eine/r oder eine kleine Gruppe die Regeln und Ziele des Zusammenlebens diktiert, in aller Regel auf Kosten vieler Möglichkeiten, gemeinsames Leben gut zu gestalten. Und Befragungen zeigen, dass dieser Wunsch, dieser Traum von den allermeisten Frauen, Männern und Kindern geteilt wird. Die Angstmacher/-innen sind in der Minderheit, so laut sie tönen mögen.

Es gilt, eine Kultur der Begegnung zu entwickeln und dafür die Räume zur Verfügung stellen. Das beginnt mit der Bereitschaft, solche Räume zu schaffen, zu öffnen, zu füllen. Der Begegnungsraum kann sich auch spontan auf dem Bahnsteig inmitten von Menschen öffnen oder digital vermittelt über verschiedenste mediale Wege. Vor allem aber müssen solche Räume organisiert und/oder angeregt werden, in denen es zu Begegnungen der Unterschiedlichen kommt und ich nicht in meiner Filterbubble bleibe. Das Ziel ist Verbundenheit herzustellen oder zu bestätigen. Verbundenheit meint nicht die Nivellierung von Unterschieden oder das Ausblenden von Gegensätzen. Verbundenheit zielt auf die tiefer liegenden gemeinsamen Werte, die wir uns gegenseitig zugestehen. Zur Verbundenheit, gehört bewusst „Ich“ zu sagen, Positionen zu beziehen. Aber nicht aus dem Gefühl der Überlegenheit (eines „Ich zuerst!“), sondern aus dem Wissen heraus, dass es (m)ein „Ich“ immer nur in Beziehungen und Bezogenheiten gibt, ohne die niemand existieren kann. Und aus solch neu geschaffener oder bestätigter Verbundenheit erwachsen Spielräume, zunächst in Kopf und Herz, dann aber auch im Blick auf Handlungsoptionen.

Handlungsräume
Das Gefühl, handlungsunfähig zu sein oder zu werden, ist für viele Menschen eine der größten Bedrohungen in ihrem Leben. Dieses Gefühl scheint sich immer weiter auszubreiten, wie ein Gift, dass unsere Gesellschaft(en) immer mehr durchdringt. Medien neigen dazu, Schreckensszenarien zu verbreiten, denn Möglichkeitsräume verkaufen sich schlechter. So entsteht der Eindruck von einem großen Brei von Problemen, der sich mit dem Gefühl verbindet: Macht doch alles keinen Sinn mehr, sich irgendwo zu engagieren. Die Vielzahl der Krisen macht einfache Lösungen unmöglich und die unendliche Zahl der Möglichkeiten im Anything-goes-Universum lähmt die Handlungsfähigkeit – denn wenn alles möglich ist, was ist dann richtig? Und etwas falsch machen, das wäre das Schlimmste, was passieren kann. Vor mir selbst und vor den „Anderen“, die mir jeden Fehler gerne und mit Lust gnadenlos um die Ohren hauen.

Die Auswirkungen dieses Giftes sehen wir an vielen Orten. Der Ruf nach einfachen Lösungen, die Verweigerung, Realitäten anzuerkennen, zunehmend das Bestreben alternative Fake-Welten zu schaffen und sich darin aufzuhalten, die Bereitschaft, gegen Andersdenkende mit Gewalt vorzugehen und Freiheitsräume einzuschränken. So verspielen wir die Möglichkeiten, aus und durch die Krisen der Gegenwart hindurch Trampelpfade für ein gutes Leben aller in der Zukunft zu finden. Und wir übersehen die Möglichkeiten, die sich uns gerade in Deutschland in unserem demokratischen Gemeinwesen nach einer über siebzigjährigen Periode des Friedens eröffnen.

Ich bin davon überzeugt: Der Aufenthalt in Wahrnehmungs- und Begegnungsräumen eröffnet Handlungs(spiel)räume, auf vielen Ebenen, von lokal über regional und national hin zu globalen Perspektiven. Es braucht die Bereitschaft, den Mut, solche Handlungsräume zu definieren und sie sich anzueignen, ja, auch im Kampf die Hoheit über Räume wiederzugewinnen, die verloren scheinen. Es braucht dann den Mut, aus Wahrnehmung und Begegnung heraus Entscheidungen zu treffen, ohne zu wissen, ob sie sich am Ende als „gut“ erweisen. Ich kann individuell beginnen – kein Auto, kein Flieger, und wenn doch, dann mit Klimakollekte, möglichst Bio und so weiter. Hauptsache, ich sage „Ich“ und beziehe eine Position in einer offenen, neugierigen Haltung, die sich ihrer Verbundenheit und Bezogenheit bewusst ist. Aber gleiches gilt aus der Wahrnehmung und Begegnung auch für Gruppen, in Betrieben, in Verbänden, in Kirche und ja, auch in der Politik. Solche Handlungsoptionen sind grundsätzlich gekennzeichnet durch die Bereitschaft, den Denkrahmen möglichst weit, die Handlungen zugleich für die jeweiligen Räume so konkret wie möglich zu gestalten.

Ron Hopkins, der die Transition Town Bwegung ins Leben gerufen hat, definiert sehr präzise den äußeren Raum, in denen Menschen primär in der Lage sind, sich zu orientieren und gemeinsam zu handeln, er spricht von einer Fläche von ca. 400 Metern Durchmesser. Sein Bestreben, möglichst lokale Wirtschaftsräume zu schaffen, erwächst aus der Überzeugung, dass Menschen handlungsfähig sein wollen. Aber auch auf anderen Ebenen gilt es die Handlungsräume in den Blick zu nehmen und zu gestalten. Und dabei ebenso die Frage zu verfolgen, wie lokale und regionale, nationale und europäische Handlungsräume so ausgestattet werden können, dass Handlungsspielräume entstehen, die uns Mut und Hoffnung machen, dass die große Transformation, um nur mal dieses Stichwort zu nennen, gelingen kann. Also: Wie ist der „Durchmesser“ einer Region, eines Landes zu definieren, so dass Handlungsfähigkeit bestehen bleibt oder wieder gewonnen wird? Und vor allem, es gilt dabei, das alles nicht atomistisch nebeneinander zu denken und zu gestalten, sondern miteinander und untereinander verbunden. Die Beziehungen und Bezogenheiten sind sichtbar und stark zu machen. Handlungsräume brauchen also Wahrnehmungs- und Begegnungsräume.

Otto Scharmer gibt in seiner Theorie U (die geeignet ist, den gesamten inneren Prozess der Gestaltung von Wahrnehmung über Begegnung hin zum Handeln zu beschreiben) einen guten Hinweis, wie das konkret gestaltet werden kann. Auf dem Weg zwischen dem „Nichts“ und dem guten Weg in die Zukunft liegen die Prototypen. Ein Prototyp ist eine Idee, eine Vorstellung, wie es gehen kann, ohne das es bereits Sicherheit gibt, dass es wirklich funktioniert. Im Gegenteil, der Prototyp geht davon aus, dass es „so“ noch nicht geht, aber ein Experiment Aufschluss gibt über mögliche künftige Wirksamkeit.

Zugegeben, angesichts der multiplen Krisen klingt es zynisch, Prototypen zu erdenken und auszuprobieren, weil es kein Zurück auf Null gibt. Jeder „Fehler“ vernichtet Chancen und Ressourcen, (be-)schädigt Menschen. Und das ist so. Doch was ist die Alternative? Nichts zu tun heißt ja keineswegs nichts zu tun, sondern das Nichtstun ergibt sich dann lediglich dem „Immer-weiter-so.“ Wir brauchen eine Haltung, die Menschen ermutigt und befähigt, an Handlungsoptionen zu arbeiten, auf allen Ebenen unseres Lebens und dann spielerisch-kreativ nach konkreten Handlungsschritten Ausschau zu gehen und diese nach Möglichkeit auch zu gehen.

Im privaten Bereich und im Dorf oder Stadtteil mag das einfacher sein als in größeren Räumen. Aber wenn es aus den bereits genannten Kulturhaltungen der Wahrnehmung und der Begegnung und des Handlungsmuts heraus geschieht, dann vermag es zu gelingen. An vielen Orten finden solche Prozesse längst statt. Ich bin als Mitarbeitender im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt immer wieder überrascht, was es schon alles als Ideen und konkreten Projekten (in der Wirtschaft) gibt. Oder, um nur ein anderes Beispiel zu nennen: der Film „Tomorrow“ ist für mich ebenfalls von solchen Grundhaltungen bestimmt und zeigt Menschen, die in verschiedensten Orte und Räumen so tätig sind. Sich hier in Wahrnehmung und Begegnung zu verbinden, schafft die Voraussetzung, mutig entscheiden zu können.

Und Mut braucht es, denn es gibt auch die anderen Kräfte, die auf das „Immer weiter so“ oder die Abschottung zu setzen. Harald Welzer erinnert immer wieder daran, dass die Wege in eine „gute“ Zukunft nicht ohne Konflikte und Kampf zu bekommen sind. Es geht immer auch um Macht im Sinne von Durchsetzungsmacht. Es gilt zu erkennen, dass wir selbst die Akteur/-innen sind, die Macht haben, Dinge zu verändern und Zukunft zu gestalten.

 

Ab nach Hause! Gedanken zu Ostern über Matthäus 28

Ab nach Hause! Gedanken zu Ostern über Matthäus 28

(Gedanken zum Predigttext.
Ohne die Notwendigkeit, am Ende eine Predigt haben zu müssen.
Daher spielerisch, fließend, fragmentarisch, unfertig…)

I
Sie haben ihren Alltag hinter sich gelassen.
Männer und Frauen, vielleicht auch Kinder, wer weiß.
Er will in die große Stadt.
Ins Zentrum.
Der Macht.
Sie ziehen mit ihm.
Gern, denn sie hoffen.
Dass er König wird.
Oder das Ende der Zeit anbricht.
Oder…
… dass einfach ihr mausgrauer Alltag vorbei ist.
Etwas Neues beginnt.
Das Hoffnung gibt.
So sind sie unterwegs, die lange Strecke.
Andere schließen sich ihnen an auf dem Weg.
Er lässt es zu, ist mit seinen Gedanken ganz woanders.
Sie sehen es nicht.
Hören nicht, was er sagt.
Können es nicht, wollen es nicht.

II
So kommen sie an.
Triumphal der Einzug.
Adrenalin pur.
Dann die eiskalte Dusche.
Verhaftung, Prozess, Hinrichtung, Beerdigung.
Ernüchterung.
Aus Jubel wird Angst.
Aus Tanz Verstecken.
Träume platzen.
Auseinander fliegt die Hoffnungsgemeinschaft.

III
Nur ein paar Frauen machen sich auf den Weg zum Grab.
Sie wissen, was sich gehört.
Trauen sich was.
Und hören:
Er ist nicht tot.
Er ist auferstanden.
Geht nach Galiläa, dort werdet ihr in sehen.
In die Heimat.
Zurück in den Alltag.
Ab nach Hause.

IV
Heimat hat einen schlechten Klang.
Und Alltag noch mehr, wie langweilig.
Und zuhause, ach, zwei Zimmer Küche Bad…
Der Kampf ums Überleben.
Mit dem Geld auskommen.
Angst vor dem Briefträger.
Und der Krach von oben, das Geschrei von unten.
Der Fernseher von der Seite und das junge Pärchen Nacht für Nacht.
Zuhause?
Heimat?
Komm mir nicht mit Alltag.
Dort werdet ihr ihn sehen.
Dort?!

V
Ostern macht keinen Spaß.
Da ist nichts mit Jubel, Trubel, Heiterkeit.
Ostern ist kein Auftritt vor dem Brandenburger Tor.
Wo wir jubeln wenn Deutschland Fußballweltmeister wird.
Oder Barack Obama zum Kirchentag kommt.
Ostern gibt es keine Übertragung in HD.
Und #auferstehung schafft es nicht in den Deutschlandtrend.
Ab nach Hause, dort werdet ihr ihn sehen.
Das soll Hoffnung geben, das ist Auferstehung?
Boah ne, wie langweilig.

VI
Was um alles in der Welt gibt der Welt Hoffnung?
Nicht die kleinsten Zeichen der Annäherung zwischen Putin und Trump.
Nicht der Bilderglanz der Netflix-Serien.
Und schon gar nicht die Mutter aller Bomben.
Hoffnung gibt es nur in meinem Alltag.

VII
Birgit und ich sitzen im Kaffee beim Kakao.
Reden übers Predigen.
Plötzlich steht der Gedanke im Raum.
Nicht die vielen Worte sind es.
Es reicht der eine Satz, der sich in Kopf und Herz eines anderen Menschen festsetzt.
Aus der Fülle einer 20-Minuten-Predigt.
Und er wirkt über Jahre.
So erzählt es Birgit.
Und ich kann das nur bestätigen.
Evangelium in nuce, das Evangelium in der Nuss, so nannten das die Alten mal.
Ein Gedanke, eine Geschichte, ein Vers.
Reicht, um ein Leben zu verändern.
Das gibt Hoffnung.
Nur ein Beispiel.
Ich könnte viele erzählen, andere auch.
Aus dem Alltag.
(Und, ja – manchmal gehört auch das Brandenburger Tor zum Alltag.)

VIII
Geht nach Galiläa hören die Frauen.
Dort werdet ihr ihn sehen.
Vielleicht auch hören und schmecken.
Oder er berührt euch in der Gestalt einer, eines anderen.
Im Alltag gibt es Begegnung.
Begegnung schafft Hoffnung.
Hoffnung ist Heimat.
Himmel auf Erden.
Auferstehung.
Neues Leben, immer wieder.
Und es geschieht.
Der Geist weht wo er will.
Aber er weht.
Schafft neues Leben, Aufbruch.
Ostern eben.
Zuhause, in der Heimat, im Alltag.
Also, ab nach Hause!