Räume, die Spielräume schaffen oder: Was wir wirklich brauchen in dieser Zeit

Räume, die Spielräume schaffen oder: Was wir wirklich brauchen in dieser Zeit

Wir leben in einer Zeit, in der alles im Fluss scheint. Vertraute und gewohnte Wege brechen weg, scheinen in Sackgassen oder auf Irrwege zu führen. Viele Menschen ahnen, dass Durchhalteparolen nicht die rechte Antwort auf die massiven vorhandenen, sich entwickelnden oder abzeichnenden Krisen darstellen. Und die Einsicht dämmert mehr und mehr herauf, dass derzeit und auf längere Zeit niemand verlässliche Antworten hat. Der verbreitete und verständliche Reflex, sich in Rückzugsräumen zu verbarrikadieren, ähnelt dem Vogel, der seinen Kopf in den Sand steckt. Und das an manchen Orten gefeierte Motto: „Machen wir einfach weiter mit der Party, bis sie vorbei ist, nach uns die Sintflut!“ erinnert mich an den Zug der Lemminge auf die Klippe zu.

Ich bin davon überzeugt, dass für die Mehrzahl der Frauen, Männer und Kinder beide Wege keine Lösungen darstellen. Sie fragen:
Wie wollen und wie können wir trotzdem in Zukunft gut leben?
Wie gestalten wir das Zusammenleben?
Wie organisieren wir die Herstellung sinnvoller und notwendiger Dienstleitungen und Güter im Rahmen der zur Verfügung stehenden Ressourcen?
Wie finden wir Lösungen trotz aller Unterschiede in Wertehaltungen und Zielvorstellungen?
Wie gehen wir in und durch die Konflikte, die sich durch die Vielzahl von Meinungen und Überzeugungen ergeben?
Und sie stellen diese Frage in der Hoffnung, dass sich trotz allem Trampelpfade in die Zukunft finden und begehen lassen.

Ich teile diese Hoffnung und bin überzeugt: Es braucht dazu verschiedenartige Räume, die wir miteinander schaffen und mit Leben füllen müssen, aber auch können. Räume bieten Schutz und zugleich einen Rahmen. Und sie eröffnen Spielräume, ohne die es keine Zukunft gibt. Wir brauchen in diesem Sinn Wahrnehmungsräume, Begegnungsräume und Gestaltungsräume.

Wahrnehmungsräume
Über Jahrzehnte hinweg sind uns zwei Dinge eingebläut worden: „Anything goes“ und „Letztlich muss jede und jeder selber entscheiden.“ Einerseits wurden Leitplanken eingerissen, die moralische Orientierung gaben (mit allen Nachteilen, die damit auch verbunden waren), andererseits wurde das Projekt des Individualismus in allen Lebensbereichen auf die Spitze getrieben. Margret Thatcher brachte es auf den Punkt: So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, es gibt nur Individuen. Zurück bleiben wir, vereinzelt, verunsichert, orientierungslos und darauf getrimmt, uns in endlosen Konkurrenzkämpfen zu behaupten.

Wir leben in einer Welt, die uns unzählige Möglichkeiten anbietet, zwischen denen wir uns pausenlos entscheiden müssen, damit wir nur nichts falsch machen. Das Projekt der Selbstoptimierung des eigenen Lebens (mehr haben wir ja nicht) müssen wir endlos und effektiv voran treiben. Der Kauf einen simplen Smartphones kann mich angesichts der Fülle der Geräte und Konfigurationen zur Verzweiflung treiben, ich will ja nichts falsch machen – und mir hinterher Vorwürfe machen. (Fatalerweise werden wir dabei immer gleichförmiger, da wir aus Angst, das Falsche zu wählen, uns einfach der Mehrheit anschließen… The winner takes it all, und da will ich dabei sein. Oder muss es gar, um vor mir selbst bestehen zu können.).

Wir alle haben Brillen auf, mit denen wir auf die Welt schauen. Normalerweise ist uns das nicht bewusst, der Blick durchs Glas auf die Welt ist vertraut und gewohnt. Aber jede/r Brillenträger/-in weiß, mit neuen Gläsern sieht die Welt erst mal anders aus. Vielleicht sehe ich viel mehr und schärfer, vielleicht aber wird mir auch erst einmal schwummerig. Oder wehe, die Brille geht kaputt und Ersatz ist gerade nicht zur Hand.

Es geht um die Frage, wie wir das wahrnehmen, was geschieht. Das neoliberale Projekt hat uns allen eine Brille auf die Nase gesetzt, die den Fokus auf mich allein und meinen Vorteil, mein Fortkommen lenkt und dabei vieles ausblendet. Die Folgen sind mittlerweile zu spüren. Nötig ist die Bereitschaft, mir zuallererst einzugestehen, dass ich eine Brille auf der Nase habe. Wie alle anderen auch. Aber ich kann entscheiden zu sagen: Ja, ich habe eine Brille auf – aber die Sehschärfe kann ich verändern. Was passiert, wenn ich die Brille wechsle? Dann sehe ich ander(e)s. Oder schärfer. Und/oder weiter. (Oder im umgekehrten Fall, unschärfer, weniger weit. Auch das ist eine Entscheidung.) Es braucht einen Wahrnehmungsraum, in dem ich mich und meine Welt so wahrnehmen kann, in dem ich mir erlauben kann, den Schleier wegzureißen, eine neue Brille auszuprobieren.

Es gilt, den Krisen ins Auge sehen, auch wenn es weh tut. Nicht wegschauen, hinschauen. Trotz der Angst, die mir das vielleicht macht. Ohne schmerzhaftes Erkennen ist die Wahrnehmung der Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht möglich. Paradoxerweise heißt dies zuallererst „Ich“ zu sagen, zu meiner Wahrnehmung zu stehen und zugleich dieser meiner Wahrnehmung zu „misstrauen“, also mir bewusst zu machen, dass es immer mehrere Perspektiven geben kann und geben wird.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, solche Räume zu schaffen und mich hinein zu begeben. In solch einem Wahrnehmungsraum kann ich alleine meinen Beobachtungen nachgehen, bekannte Muster in Frage stellen. Es geht mit anderen zusammen, um gemeinsam die Wahrnehmung zu schärfen, zu schulen. Bin ich dazu bereit, die Brille zu wechseln? Bin ich bereit, meine Wahrnehmung der Welt die Wirklichkeit immer wieder in Frage zu stellen zu überprüfen, meinen Vorurteilen ins Gesicht zu schauen? Bin ich bereit, nicht weg-, sondern hinzuschauen und am Ende „Ich“ sagen zu können, zu wollen, Position zu beziehen?

Kriterien für solche Begegnungsräume könnten sein: Offenheit und Achtsamkeit, Kooperationsbereitschaft, Vertrauensvorschuss, Bereitschaft auf das „Fremde“ und das „andere“ zu zugehen.

Wo das gelingt, ergeben sich im Raum der Wahrnehmung Spielräume. Gedanklich, emotional. Die Angst wird vielleicht, wahrscheinlich nicht kleiner, sondern eher erst einmal größer. Weil mir die möglichen Abgründe, Sackgassen und Widersprüche umso deutlicher vor Augen stehen. Und doch stellt sich zugleich sich das Gefühl ein, nicht mehr der Welt und ihren Krisen völlig hilflos ausgeliefert zu sein. Solche Wahrnehmung zeigt mir in diesem geschützten Raum, dass die Welt vielfältiger, bunter und widersprüchlicher ist als ich bisher gedacht habe. Und sie führt mich so aus der Vereinzelung heraus und auf andere zu, solche Wahrnehmung strebt nach Begegnung. Sie sehnt sich neugierig nach Begegnung mit dem/der/den Anderen, sie hat Lust an der Wahrnehmung des „Fremden“, weil sie ahnt, ich entdecke hier Gemeinsamkeiten.

Begegnungsräume
Solche Wahrnehmung hat immer schon mit Begegnung zu tun, und sei es, dass ich mir selbst begegne in der Selbstreflexion. Wenn ich hier begrifflich zwischen Wahrnehmungs- und Begegnungsräumen unterscheide, dann ist das nicht additiv zu verstehen, sondern ich wechsle jeweils die Blickrichtung. Es sind unterschiedliche Modi, die miteinander verknüpft sind, sich gegenseitig durchdringen und Wechselwirkungen besitzen.

In einer komplexen Welt voller komplizierter, miteinander verbundenen Krisen gilt es Begegnungsräume zu schaffen. Begegnungsräume, in denen sich unterschiedliche Menschen gezielt begegnen und unterhalten über ihre Werte, und Träume, Ängste und Hoffnungen. Kurz: Sich über die Fragen austauschen und ins Gespräch kommen, die ich eingangs genannt habe: Wie wollen wir in Zukunft gut leben? Und was heißt „gut“ – für dich, für mich, für uns? Können wir uns zum Beispiel darauf verständigen, dass die Kernpunkte lauten:

„Die anderen Menschen dürfen nicht als Bedrohung oder als Objekte betrachtet werden, die es zu besiegen und zu instrumentalisieren gilt. Und die Natur darf nicht nur als Ausbeutungsobjekt verstanden werden“ (Alberto Acosta, Buen vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben, 74f.).

Und wenn ja, was heißt denn das konkret für mich, für dich, für uns…?

Überall, auf allen Ebenen menschlichen Zusammenlebens können und müssen solche Räume geschaffen werden. Sie sind sowohl im lokalen Bereich (Dorf, Stadt, Stadtteil), regional, national, im europäischen und im globalen Kontext zu verorten. Und wir müssen uns künftig noch viel mehr als bisher als Wander/-innen zwischen den Räumen verstehen. Vor allem aber, und das ist die Kunst und die Herausforderung, gilt es diese Räume mit unterschiedlichen Menschen zu füllen, die sich hier begegnen können und sollen. Es geht eben nicht darum, dass sich beispielsweise Gewerkschaftler/-innen oder Kirchenleute sowohl lokal, regional und national treffen. Das ist sicher auch nötig – aber das geschieht ja immer schon eher. Angesichts der multifaktoriellen Krisen liegt die Hoffnung vor allem darin, dass sich in den verschiedenen Räumen Menschen mit unterschiedlichen Kontexten – biografisch, beruflich, religiös usw. – begegnen, sich einander wahrnehmen und an den genannten Fragen arbeiten. In Betrieben und Dienstellen, Verbänden, Nachbarschaften usw. Überall dort, wo Menschen zusammenleben.

Man könnte sagen, ist das nicht banal? Geschieht das nicht längst in Betrieben und durch eine hohe Reisetätigkeit? Ich glaube nicht. Auf jeden Fall nicht ausreichend. Es geschieht hier und da und immer wieder und ist beglückend, wenn es zu echter Begegnung und Erkenntnisgewinn kommt. Ich bin aber der Überzeugung, dass wir in Zukunft noch viel mehr solche Räume gezielt schaffen müssen. Und zwar zuallererst analoge Räume, denn diese besitzen eine besondere Stärke:

„Analoge Debatten haben eine großen Vorteil gegenüber digitaler Kommunikation: Man muss sich zeigen (…), und man muss nach Möglichkeit belastbare Argumente haben und kann nicht, wie im Netz, irgendeinen Quatsch behaupten. Denn in der analogen Welt ist mit Sicherheit jemand da, der dem Quatsch sofort widersprechen würde.“ (Harald Welzer, Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft, S. 117f.)

Wo aus der Begegnung eine Beziehung geworden ist, vermag dann die digitale Begegnung die analoge unterstützen und ergänzen, um Entfernungen zu überbrücken. (Ausnahmen, in denen diese Bewegung umgekehrt zum Ziel führt, bestätigen nur die Regel.)

Wir brauchen Begegnungsräume für Menschen im Stadtteil. Zwischen den Stadtteilen. Zwischen Städten und Regionen. Für uns in Europa vor allem in der Begegnung zwischen den Völkern, ohne die das Projekt Europa, das Leben im Haus Europa eine leere bürokratische Hülle bleibt. Machen wir uns nichts vor: Das kostet Zeit und das kostet Geld. Aber in solcher Begegnung erwächst Wahrnehmung und Achtsamkeit vor dem Anderen, dem Fremden. Es erwachsen Spielräume, zuallererst in Kopf und Herz. Es erwächst die Einsicht, dass die Parole vom „anything goes“ verführerisch, aber falsch war. Weil sie uns in eine orientierungslose Verwirrung geführt hat, die wir mit Konsum übertünchen. Weil wir Leitplanken brauchen im Zusammenleben, die in der Diskussion miteinander gefunden, verabredet, gestaltet werden müssen. Es erwächst die Einsicht, dass das „ICH zuerst“ nicht weiter als in die gnadenlose Konkurrenz führt, die alles zu vernichten droht, weil wir uns an unseren Gütern verschlucken (manchmal buchstäblich). Das geht nur in der Achtung voreinander.

Hier entscheidet sich für mich auch die Zukunft des demokratisch gestalteten Gemeinwesens, in dem eben nicht eine/r oder eine kleine Gruppe die Regeln und Ziele des Zusammenlebens diktiert, in aller Regel auf Kosten vieler Möglichkeiten, gemeinsames Leben gut zu gestalten. Und Befragungen zeigen, dass dieser Wunsch, dieser Traum von den allermeisten Frauen, Männern und Kindern geteilt wird. Die Angstmacher/-innen sind in der Minderheit, so laut sie tönen mögen.

Es gilt, eine Kultur der Begegnung zu entwickeln und dafür die Räume zur Verfügung stellen. Das beginnt mit der Bereitschaft, solche Räume zu schaffen, zu öffnen, zu füllen. Der Begegnungsraum kann sich auch spontan auf dem Bahnsteig inmitten von Menschen öffnen oder digital vermittelt über verschiedenste mediale Wege. Vor allem aber müssen solche Räume organisiert und/oder angeregt werden, in denen es zu Begegnungen der Unterschiedlichen kommt und ich nicht in meiner Filterbubble bleibe. Das Ziel ist Verbundenheit herzustellen oder zu bestätigen. Verbundenheit meint nicht die Nivellierung von Unterschieden oder das Ausblenden von Gegensätzen. Verbundenheit zielt auf die tiefer liegenden gemeinsamen Werte, die wir uns gegenseitig zugestehen. Zur Verbundenheit, gehört bewusst „Ich“ zu sagen, Positionen zu beziehen. Aber nicht aus dem Gefühl der Überlegenheit (eines „Ich zuerst!“), sondern aus dem Wissen heraus, dass es (m)ein „Ich“ immer nur in Beziehungen und Bezogenheiten gibt, ohne die niemand existieren kann. Und aus solch neu geschaffener oder bestätigter Verbundenheit erwachsen Spielräume, zunächst in Kopf und Herz, dann aber auch im Blick auf Handlungsoptionen.

Handlungsräume
Das Gefühl, handlungsunfähig zu sein oder zu werden, ist für viele Menschen eine der größten Bedrohungen in ihrem Leben. Dieses Gefühl scheint sich immer weiter auszubreiten, wie ein Gift, dass unsere Gesellschaft(en) immer mehr durchdringt. Medien neigen dazu, Schreckensszenarien zu verbreiten, denn Möglichkeitsräume verkaufen sich schlechter. So entsteht der Eindruck von einem großen Brei von Problemen, der sich mit dem Gefühl verbindet: Macht doch alles keinen Sinn mehr, sich irgendwo zu engagieren. Die Vielzahl der Krisen macht einfache Lösungen unmöglich und die unendliche Zahl der Möglichkeiten im Anything-goes-Universum lähmt die Handlungsfähigkeit – denn wenn alles möglich ist, was ist dann richtig? Und etwas falsch machen, das wäre das Schlimmste, was passieren kann. Vor mir selbst und vor den „Anderen“, die mir jeden Fehler gerne und mit Lust gnadenlos um die Ohren hauen.

Die Auswirkungen dieses Giftes sehen wir an vielen Orten. Der Ruf nach einfachen Lösungen, die Verweigerung, Realitäten anzuerkennen, zunehmend das Bestreben alternative Fake-Welten zu schaffen und sich darin aufzuhalten, die Bereitschaft, gegen Andersdenkende mit Gewalt vorzugehen und Freiheitsräume einzuschränken. So verspielen wir die Möglichkeiten, aus und durch die Krisen der Gegenwart hindurch Trampelpfade für ein gutes Leben aller in der Zukunft zu finden. Und wir übersehen die Möglichkeiten, die sich uns gerade in Deutschland in unserem demokratischen Gemeinwesen nach einer über siebzigjährigen Periode des Friedens eröffnen.

Ich bin davon überzeugt: Der Aufenthalt in Wahrnehmungs- und Begegnungsräumen eröffnet Handlungs(spiel)räume, auf vielen Ebenen, von lokal über regional und national hin zu globalen Perspektiven. Es braucht die Bereitschaft, den Mut, solche Handlungsräume zu definieren und sie sich anzueignen, ja, auch im Kampf die Hoheit über Räume wiederzugewinnen, die verloren scheinen. Es braucht dann den Mut, aus Wahrnehmung und Begegnung heraus Entscheidungen zu treffen, ohne zu wissen, ob sie sich am Ende als „gut“ erweisen. Ich kann individuell beginnen – kein Auto, kein Flieger, und wenn doch, dann mit Klimakollekte, möglichst Bio und so weiter. Hauptsache, ich sage „Ich“ und beziehe eine Position in einer offenen, neugierigen Haltung, die sich ihrer Verbundenheit und Bezogenheit bewusst ist. Aber gleiches gilt aus der Wahrnehmung und Begegnung auch für Gruppen, in Betrieben, in Verbänden, in Kirche und ja, auch in der Politik. Solche Handlungsoptionen sind grundsätzlich gekennzeichnet durch die Bereitschaft, den Denkrahmen möglichst weit, die Handlungen zugleich für die jeweiligen Räume so konkret wie möglich zu gestalten.

Ron Hopkins, der die Transition Town Bwegung ins Leben gerufen hat, definiert sehr präzise den äußeren Raum, in denen Menschen primär in der Lage sind, sich zu orientieren und gemeinsam zu handeln, er spricht von einer Fläche von ca. 400 Metern Durchmesser. Sein Bestreben, möglichst lokale Wirtschaftsräume zu schaffen, erwächst aus der Überzeugung, dass Menschen handlungsfähig sein wollen. Aber auch auf anderen Ebenen gilt es die Handlungsräume in den Blick zu nehmen und zu gestalten. Und dabei ebenso die Frage zu verfolgen, wie lokale und regionale, nationale und europäische Handlungsräume so ausgestattet werden können, dass Handlungsspielräume entstehen, die uns Mut und Hoffnung machen, dass die große Transformation, um nur mal dieses Stichwort zu nennen, gelingen kann. Also: Wie ist der „Durchmesser“ einer Region, eines Landes zu definieren, so dass Handlungsfähigkeit bestehen bleibt oder wieder gewonnen wird? Und vor allem, es gilt dabei, das alles nicht atomistisch nebeneinander zu denken und zu gestalten, sondern miteinander und untereinander verbunden. Die Beziehungen und Bezogenheiten sind sichtbar und stark zu machen. Handlungsräume brauchen also Wahrnehmungs- und Begegnungsräume.

Otto Scharmer gibt in seiner Theorie U (die geeignet ist, den gesamten inneren Prozess der Gestaltung von Wahrnehmung über Begegnung hin zum Handeln zu beschreiben) einen guten Hinweis, wie das konkret gestaltet werden kann. Auf dem Weg zwischen dem „Nichts“ und dem guten Weg in die Zukunft liegen die Prototypen. Ein Prototyp ist eine Idee, eine Vorstellung, wie es gehen kann, ohne das es bereits Sicherheit gibt, dass es wirklich funktioniert. Im Gegenteil, der Prototyp geht davon aus, dass es „so“ noch nicht geht, aber ein Experiment Aufschluss gibt über mögliche künftige Wirksamkeit.

Zugegeben, angesichts der multiplen Krisen klingt es zynisch, Prototypen zu erdenken und auszuprobieren, weil es kein Zurück auf Null gibt. Jeder „Fehler“ vernichtet Chancen und Ressourcen, (be-)schädigt Menschen. Und das ist so. Doch was ist die Alternative? Nichts zu tun heißt ja keineswegs nichts zu tun, sondern das Nichtstun ergibt sich dann lediglich dem „Immer-weiter-so.“ Wir brauchen eine Haltung, die Menschen ermutigt und befähigt, an Handlungsoptionen zu arbeiten, auf allen Ebenen unseres Lebens und dann spielerisch-kreativ nach konkreten Handlungsschritten Ausschau zu gehen und diese nach Möglichkeit auch zu gehen.

Im privaten Bereich und im Dorf oder Stadtteil mag das einfacher sein als in größeren Räumen. Aber wenn es aus den bereits genannten Kulturhaltungen der Wahrnehmung und der Begegnung und des Handlungsmuts heraus geschieht, dann vermag es zu gelingen. An vielen Orten finden solche Prozesse längst statt. Ich bin als Mitarbeitender im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt immer wieder überrascht, was es schon alles als Ideen und konkreten Projekten (in der Wirtschaft) gibt. Oder, um nur ein anderes Beispiel zu nennen: der Film „Tomorrow“ ist für mich ebenfalls von solchen Grundhaltungen bestimmt und zeigt Menschen, die in verschiedensten Orte und Räumen so tätig sind. Sich hier in Wahrnehmung und Begegnung zu verbinden, schafft die Voraussetzung, mutig entscheiden zu können.

Und Mut braucht es, denn es gibt auch die anderen Kräfte, die auf das „Immer weiter so“ oder die Abschottung zu setzen. Harald Welzer erinnert immer wieder daran, dass die Wege in eine „gute“ Zukunft nicht ohne Konflikte und Kampf zu bekommen sind. Es geht immer auch um Macht im Sinne von Durchsetzungsmacht. Es gilt zu erkennen, dass wir selbst die Akteur/-innen sind, die Macht haben, Dinge zu verändern und Zukunft zu gestalten.

 

Ab nach Hause! Gedanken zu Ostern über Matthäus 28

Ab nach Hause! Gedanken zu Ostern über Matthäus 28

(Gedanken zum Predigttext.
Ohne die Notwendigkeit, am Ende eine Predigt haben zu müssen.
Daher spielerisch, fließend, fragmentarisch, unfertig…)

I
Sie haben ihren Alltag hinter sich gelassen.
Männer und Frauen, vielleicht auch Kinder, wer weiß.
Er will in die große Stadt.
Ins Zentrum.
Der Macht.
Sie ziehen mit ihm.
Gern, denn sie hoffen.
Dass er König wird.
Oder das Ende der Zeit anbricht.
Oder…
… dass einfach ihr mausgrauer Alltag vorbei ist.
Etwas Neues beginnt.
Das Hoffnung gibt.
So sind sie unterwegs, die lange Strecke.
Andere schließen sich ihnen an auf dem Weg.
Er lässt es zu, ist mit seinen Gedanken ganz woanders.
Sie sehen es nicht.
Hören nicht, was er sagt.
Können es nicht, wollen es nicht.

II
So kommen sie an.
Triumphal der Einzug.
Adrenalin pur.
Dann die eiskalte Dusche.
Verhaftung, Prozess, Hinrichtung, Beerdigung.
Ernüchterung.
Aus Jubel wird Angst.
Aus Tanz Verstecken.
Träume platzen.
Auseinander fliegt die Hoffnungsgemeinschaft.

III
Nur ein paar Frauen machen sich auf den Weg zum Grab.
Sie wissen, was sich gehört.
Trauen sich was.
Und hören:
Er ist nicht tot.
Er ist auferstanden.
Geht nach Galiläa, dort werdet ihr in sehen.
In die Heimat.
Zurück in den Alltag.
Ab nach Hause.

IV
Heimat hat einen schlechten Klang.
Und Alltag noch mehr, wie langweilig.
Und zuhause, ach, zwei Zimmer Küche Bad…
Der Kampf ums Überleben.
Mit dem Geld auskommen.
Angst vor dem Briefträger.
Und der Krach von oben, das Geschrei von unten.
Der Fernseher von der Seite und das junge Pärchen Nacht für Nacht.
Zuhause?
Heimat?
Komm mir nicht mit Alltag.
Dort werdet ihr ihn sehen.
Dort?!

V
Ostern macht keinen Spaß.
Da ist nichts mit Jubel, Trubel, Heiterkeit.
Ostern ist kein Auftritt vor dem Brandenburger Tor.
Wo wir jubeln wenn Deutschland Fußballweltmeister wird.
Oder Barack Obama zum Kirchentag kommt.
Ostern gibt es keine Übertragung in HD.
Und #auferstehung schafft es nicht in den Deutschlandtrend.
Ab nach Hause, dort werdet ihr ihn sehen.
Das soll Hoffnung geben, das ist Auferstehung?
Boah ne, wie langweilig.

VI
Was um alles in der Welt gibt der Welt Hoffnung?
Nicht die kleinsten Zeichen der Annäherung zwischen Putin und Trump.
Nicht der Bilderglanz der Netflix-Serien.
Und schon gar nicht die Mutter aller Bomben.
Hoffnung gibt es nur in meinem Alltag.

VII
Birgit und ich sitzen im Kaffee beim Kakao.
Reden übers Predigen.
Plötzlich steht der Gedanke im Raum.
Nicht die vielen Worte sind es.
Es reicht der eine Satz, der sich in Kopf und Herz eines anderen Menschen festsetzt.
Aus der Fülle einer 20-Minuten-Predigt.
Und er wirkt über Jahre.
So erzählt es Birgit.
Und ich kann das nur bestätigen.
Evangelium in nuce, das Evangelium in der Nuss, so nannten das die Alten mal.
Ein Gedanke, eine Geschichte, ein Vers.
Reicht, um ein Leben zu verändern.
Das gibt Hoffnung.
Nur ein Beispiel.
Ich könnte viele erzählen, andere auch.
Aus dem Alltag.
(Und, ja – manchmal gehört auch das Brandenburger Tor zum Alltag.)

VIII
Geht nach Galiläa hören die Frauen.
Dort werdet ihr ihn sehen.
Vielleicht auch hören und schmecken.
Oder er berührt euch in der Gestalt einer, eines anderen.
Im Alltag gibt es Begegnung.
Begegnung schafft Hoffnung.
Hoffnung ist Heimat.
Himmel auf Erden.
Auferstehung.
Neues Leben, immer wieder.
Und es geschieht.
Der Geist weht wo er will.
Aber er weht.
Schafft neues Leben, Aufbruch.
Ostern eben.
Zuhause, in der Heimat, im Alltag.
Also, ab nach Hause!

Der Worte der AfD der kapern

Der Worte der AfD der kapern

Carsten Leinhäuser schrieb vor ein paar Tagen auf Facebook einen Beitrag, der auf hohe Resonanz und Zustimmung stieß:

Sollten wir nicht einfach beginnen, die Schlüsselbegriffe der AFD zu kapern: Patriotismus, Heimat, Christliches Abendland, Alternative?
Wir könnten zeigen, dass wahrer PATRIOTISMUS sich für ein Land stark macht, das bunt und offen ist. Dass wahrer Patriotismus für ein Land steht, welches der Welt zeigt, was Menschlichkeit und Einsatz für Benachteiligte bedeutet – und darauf mit Recht stolz sein kann.
WIR SIND PATRIOTEN.
Wir könnten zeigen, dass unsere HEIMAT so schön, reich und groß ist, dass wir sie gerne mit Menschen teilen, die ihre Heimat verloren haben und nun Zuflucht suchen. Dass Heimat nur dann wirklich schön und reich und groß ist, wenn sich Freunde und Fremde willkommen und sicher fühlen.
WIR LIEBEN UNSERE HEIMAT.
Wir könnten zeigen, dass das CHRISTLICHE ABENDLAND den Bezug zu seinen Wurzeln – zur Frohen Botschaft – nicht vergessen hat. Dass wir den Auftrag Jesu, unseren Nächsten zu lieben, ernst nehmen. Auch, wenn’s nicht immer leicht und bequem ist.
WIR BEWAHREN DAS CHRISTLICHE ABENDLAND.
Wir könnten zeigen, dass es ALTERNATIVEN gibt zu verschlossenen Türen und Herzen. Zu Fremdenhass, Angst vor der Zukunft und platten ideologischen Parolen.
WIR STEHEN FÜR ALTERNATIVEN ZU RECHTSPOPULISMUS.
Sollten wir nicht einfach beginnen, DAS Schimpfwort, mit dem die AFD uns belegt, mit Stolz zu tragen: Gutmenschen?
Wir könnten zeigen, dass GUTMENSCHEN tatsächlich das Gute in der Welt suchen. Und alles geben, um diese Welt wirklich besser zu machen. Dass es die Gutmenschen waren und sind, die Frieden, Fortschritt und Freiheit in die Welt gebracht haben.
WIR SIND GUTMENSCHEN (und lieber links-grün-Versifft als Kackbraun).
Sollten wir das? Könnten wir das? So viele Gedanken, die durch meinen Kopf schwirren…

Der Beitrag von Carsten hat spontan sehr viel Zustimmung auf Facebook gefunden und wurde etliche Male geteilt, auch von mir. Heiko Kuschel schrieb:

Ich danke dir für diese Gedanken, die mich seitdem nicht mehr loslassen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich damit weiterarbeiten kann. Aber das ist für mich ein sehr sehr wichtiger Post.

Das waren auch meine Gedanken. Es hakte sich etwas in mir fest und ich habe mich gefragt: Was ist das? Ich habe mal aufgeschrieben, was mir so unsortiert in einem Kopf herumschwirrt. Das ist unfertig und spontan.

Diese „Kaperfahrt“ ist eine Möglichkeit, dem Rechtspopulismus entgegenzutreten. Nur eine, wohlgemerkt. Denn die Ursachen müssen genauso erkannt und bekämpft werden. Hier geht es um die Frage, wie Sprache Welt schafft und durch verbale Irritation die mediale Inszenierung der Rechten (und das gilt umgekehrt auch für Linke) – nein, nicht zerstört, aber doch irritiert werden kann.

Carsten fragt: Sollten wir das? Könnten wir das?
Im Sollen steckt für mich die Frage nach der Sinnhaftigkeit, im Können die Frage nach der wirksamen Umsetzung.

Zum Sinn:

Worte allein reicht nicht, weil sich Worte immer verbinden mit einer Sicht auf die Welt, einem Weltbild. Es gilt also, sozusagen unser Weltbild mit den Worten der Gegner formulieren. Der Populismus will an die Macht, um ein bestimmtes Lebensgefühl ablösen zu können. Weil das westlich-liberal-christliche Bild (um es so vereinfacht zu sagen, aber anders geht es nicht, das ist ein Teil des Problems) für viele keine Hoffnung mehr beinhaltet, sondern nur noch Angst vor dem Untergang, Verlust der Sicherheit, und, vor allem, das Gefühl, ausgegrenzt zu sein und nicht dazuzugehören. Wo gehöre ich hin? Wem kann ich vertrauen? Mit wem mich verbunden fühlen? Wer gibt mir Zuversicht? Weil die Rechten noch nicht regieren mussten, können sie das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Wenn sie regieren, setzen sie ihren ausgrenzenden Ton in Fakten um, das kann in der Türkei und leider, so scheint es, auch in den USA beobachtet werden.

Doch ich finde, wir müssen ehrlich sein: Das ist ein Reflex auf die ausgrenzenden und übersehende Politik der letzten Jahrzehnte. Die Mittelschicht glitt und gleitet allmählich Richtung Hartz IV ab (ich vereinfache, aber nur so kommen wir weiter), während es der anderen Hälfte gut und einigen wenigen immer besser ging. Oder: Langzeitarbeitslose haben keine Lobby in Deutschland, seit ewigen Zeiten nicht, ihnen hängt das Schild „Selber schuld“ um und sie wissen zugleich ganz genau, dass das nicht stimmt. Gut, jetzt wählen Langzeitarbeitslose vermutlich nicht die AfD (weil sie vielfach überhaupt nicht wählen), aber genau dieses Gefühl, abzugleiten zerstört bei der Hälfte der Gesellschaft (nicht nur in unserer Gesellschaft) das Gefühl, wie gehören dazu, wir werden gesehen, um uns wird sich gekümmert.

Also, die Worte kapern macht Sinn, ja. Aber wir müssen die Uminterpretation mit anderen politischen Inhalten verbinden, sonst entlarven unsere Gegner uns – zu Recht! – als naiv. Dabei geht es, glaube ich, gar nicht darum, ein ausgefeiltes politisches Programm zu haben, sondern einen Entwurf für eine Weltsicht, ein Weltbild zu formulieren. Und vielleicht entdecken wir dann Gemeinsamkeiten in den Problembeschreibungen (wenn auch nicht in den Antworten)?

Ein Beispiel:
Amerika first, Deutschland zuerst – ich halte regionale Konzepte ebenfalls für höchst sinnvoll. Ich war gestern auf der Grünen Woche ein Berlin und bin durch die Hallen gestreift. Jedes Bundesland war vertreten, auch viele andere Länder. Ich dachte: Was für eine Strauß lokaler, regionaler, nationaler Schätze war zu sehen, zu schmecken, zu riechen (es war unglaublich, an jeder Ecke roch ich wieder neue Gewürzdüfte). Heimatverbundenheit? Ja! Patriotismus? Ja! Sonst geht das alles verloren in einem globalen Einheitsbrei. Aber: Das geht alles auch mit- und nebeneinander, statt nur abgrenzend und abwertend. Und, ja, natürlich konkurrieren die Anbieter/-innen auch um die Euros in unseren Taschen, aber das ist Teil des Marktgeschehens. Aber sie konkurrieren auch gegen immer weniger und immer größere globale Handelsketten, die uns ihren Angebot zu Dumpingpreisen unterjubeln – und im Namen der freien Marktwirtschaft Märkte zerstören. Dagegen grenze ich mich gerne ab. Wo stehen eigentlich die Gegner/-innen, wo ich, wir? (Ich vermute, dass Sarah Wagenknecht auch auf dieser Spur denkt und redet, aber irgendwie sehr missverständlich.) Soweit, so gut. Dann war ich abends mit meinen Kindern in einem türkischen Restaurant. Überaus wohlschmeckende Speisen, teils türkisch, teils international. Aber keinen Alkohol im Ausschank. Ich dachte, geht doch, selbstbewusst die eigene Identität leben, ohne auszugrenzen.

Klar, es besteht hier immer die Gefahr der Vereinfachung. Aber das ist unumgänglich. Die extreme Komplexität dieser Welt macht doch auch uns zu schaffen. Macht es Sinn, dies immer wieder jammernd und bedeutungsschwer vor uns her zu tragen? Was gibt mir eigentlich Hoffnung und Zuversicht in dieser Hyerkomplexität? Sicher nicht der endlose, höchst differenzierte Vortrag (der ermüdet, verängstigt und lähmt doch auch mich), sondern eingängige Bilder, die mein Herz berühren und eben mehr sagen als Worte. Der #WomansMarch ist so ein Bild, gerade weil er viele Bilder schuf, die das eine Bild bekräftigten. Wenn wir also Aufmerksamkeit erreichen wollen, müssen wir mutig (!) vereinfachen. Wenn wir die Aufmerksamkeit haben, dann gilt es differenziert Auskunft zu geben. Aber das schaffen wir, oder?

Zur Wirksamkeit:

Worte lösen Bilder und Emotionen aus. Heimat, Patriotismus, Alternative, christliches Abendland, diese Worte finden Zustimmung bei denen, die der AfD nahe stehen, weil sie das Sicherheitsbedürfnis ansprechen, Verbundenheit schaffen, ja Hoffnung wecken. Die Frage ist, ob die gekaperten Begriffe eine ähnliche Wirksamkeit erreichen können. D.h., sind sie tendenziell geeignet, als Träger von Botschaften zu dienen? Das Ziel wäre ja, Anhänger/-innen der AfD ein Gegenbild vor Augen zu malen, andere Perspektiven aufzuzeigen. Und so das Alleinstellungsmerkmal der Verwendung dieser Begriffe in der medialen Öffentlichkeit zu durchbrechen. Dazu müssen diese Begriff auch für uns positiv besetzt sein. Carsten hat dazu einen Aufschlag gemacht und ich gestehe, mit den Begriffen tue ich mich erst mal emotional schwer. Am Heimatbegriff habe ich das vor einigen Jahren schon mal durchgekaut und eine Deutung gefunden, mit der ich leben kann – nur: Ich verwende den Begriff in meiner alltäglichen Sprache nicht. Und das ist der entscheidende Punkt: Nur wenn wir bereit sind, die gekaperten Begriffe ständig (!) zu verwenden, haben wir eine Chance, zu irritieren. Sie müssen meine Worte werden.

Die Gefahren lauern dabei gleich um die Ecke – in unserer überhitzt und kurzfristig reagierenden medialen Welt steht jede/r schnell in der braunen Ecke, wenn er oder sie von Heimat, Patriotismus und so weiter spricht. Damit müssen wir rechnen. Okay, notiert, weiter.

Wirksamkeit erreichen wir durchs Kapern der Worte vielleicht eher, als uns ständig über AfD-Rhetorik zu empören. Empören ist ja so einfach. Machen auch Herr Höcke und die Frauen Storch und Petry ständig. Und gut. Und sie wollen auch etwas verteidigen, etwas, das verloren ging. Vielleicht müssen wir erst mal aufwachen und feststellen, hey, unsere so vertraute Welt existiert auch nicht mehr oder ist höchst gefährdet. Es macht doch Sinn, über Heimat, das christliche Abendland und vor allem, über Alternativen zu reden. Vielleicht liegt die Herausforderung und die Chance darin, unsere Antworten auf die gegenwärtigen zahlreichen Probleme in die Worte zu kleiden, die unsere Gegner/-innen verwenden. Uns eint dabei sogar, dass wir alle ahnen und wissen, so kann und wird es nicht weitergehen. So ein wenig leuchtet das für mich in der Zustimmung auf, die Bernie Sanders im US-Wahlkampf erhielt.

Ich werde es mal in den nächsten Tagen weiter bedenken und versuchen, wie das im Alltag gehen kann, diese Worte zu verwenden, sie in meine Sprache und meine Weltsicht zu integrieren. Vielleicht machen ja noch mehr mit.

Den Ritterschlag gibt’s, wenn die AfD reagiert auf die Kaperfahrt.

Ein neuer Geist, ein neues Herz. Gedanken zur Jahreslosung 2017

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch

2016 war ein Jahr, das viele geschafft hat.
Auch in anderen Jahren erschreckten schier unvorstellbare Ereignisse.
Aber diesmal schien sich endlos eins ans andere zu reihen.

Und nun 2017.
Mit welchen Erwartungen gehen wir ins neue Jahr?
Mit welchen Hoffnungen und Sehnsüchten, Zweifeln und Befürchtungen?

Es gibt in der evangelischen Kirche eine Tradition:
Jedes Jahrs aufs Neue wird ein Wort aus den biblischen Schriften als „Losung“ gewählt und bedacht.
Die Worte werden Jahre zuvor festgelegt.
Manchmal staunt man nur, wie aktuell sie plötzlich sind.
So als hätte bei der Auswahl unsichtbar jemand Fäden gezogen.
Für 2017 sind es die Worte auf dieser Bildkarte:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch, spricht Gott.

Die Losung spricht eine Sehnsucht an, tief in uns verwurzelt.
Ein neuer Geist wird uns versprochen, sogar ein neues Herz.
Das Herz, das Kraftzentrum, das den Takt vorgibt.
Geist, der wie ein frischer Wind beflügelt und den Kurs anzeigt.

Immer wieder haben diese vor Jahrtausenden gesagten und festgehaltenen Worte inspiriert und ermutigt.
Sie wurden neu gehört und weitergedacht.
Besonders radikal und provozierend bei Jesus, wenn er von der Feindesliebe spricht.
Und davon, die Wange hinzuhalten statt draufzuschlagen.

Mit dieser Bildkarte zur Jahreslosung nehme ich eine eigene Tradition auf, die ich als Gemeindepfarrer lange gepflegt habe:
Das Jahreswort zu verknüpfen mit einem Foto, das ich irgendwann und irgendwo gemacht habe.

Im Mai 2016 zog ich mit meinem Rad in Berlin auf dem Tempelhofer Feld meine Kreise.
Mit einem Mal blieb mein Blick an dem Drachen hängen.
Hart steht er im Wind, zugleich von einer kaum sichtbaren Schnur sicher gehalten.
Und schön sieht er aus, berührt mein Sehnen.

2016 hat viele von uns geschafft, 2017 macht vielen noch mehr Angst.
Wie wird es weitergehen?
Wie gut leben in einer Welt, in der kaum ein Stein auf dem anderen zu bleiben scheint?
Viele neue Geister sind gerade unterwegs, versprechen mitunter erschreckten Herzen das Blaue vom Himmel.
Was gibt Hoffnung und Zuversicht, ja – Sicherheit?
Nur eins scheint sicher:
Nur immer so weiter, das geht nicht mehr.
Aber wie dann?
Wie die Geister unterscheiden?
Und von welchem Geist ist der Geist, von dem in den uralten Worten bei Ezechiel die Rede ist?
Der mir, dir, uns ein neues Herz verspricht?

Die Jahreslosung regt an, darüber nachzudenken, wie und wo dieser neue Geist gefunden werden kann.
Und wie er unter uns wirksam werden kann.
Unsere Herzen neu macht und sie in einem neuen Takt schlagen lässt.
Kräftig, mutig, hoffnungsfroh.
Wenn es gelingt, wäre es ein Segen.