Was ist der Mensch…

Ansprache im Gottesdienst anlässlich meiner Einführung als Pastor in der Pestalozzi-Stiftung am 2. Dezember 2022

Was ist der Mensch,
dass du an ihn denkst,
das Menschenkind, 
dass du dich seiner annimmst?
Kaum geringer als Gott – so hast du den Menschen geschaffen.
Du schmückst ihn mit einer Krone – so schenkst du ihm Herrlichkeit und Würde.
(Psalm 8, 5+6)

Was ist der Mensch…?

Eine Frau in einem Sessel mit einem Buch. 
Sie liest und hat alles um sich herum vergessen.

Männer im Schützengraben. 
Sie krallen sich in die Erde während über ihnen Granaten heulen.

Ein Junge hier in der Förderschule. 
Konzentriert versucht er die Anfangsbuchstaben von Wörtern zu identifizieren und aufzuschreiben.

Zwei Frauen im Meer. 
Sie sind aus einem völlig überladenen Boot gesprungen und schwimmen neben dem Boot auf die Insel Lesbos zu.

Eine Frau und ein Mann in Liebe versunken. 
Eng umschlungen sitzen sie am Strand und schauen auf den Sonnenuntergang.

Ein Mann gezeichnet von Multipler Sklerose. 
Er hat sich entschieden, sich begleitet das Leben zu nehmen.

Junge Frauen und Männer in einem Klassenraum in unserem Seminar. 
Leidenschaftlich diskutieren sie über Sinn und Unsinn von Religion in unserer Zeit.

Eine Frau mit müden Augen. 
Von Depressionen gequält versucht sie jeden Morgen aus dem Bett zu kommen.

Ein Mann am Samstagabend. 
Seine Schicht geht noch bis 22 Uhr und doch liefert er mir voller Freundlichkeit ein Paket.

Ein kleiner Junge. 
Voller Stolz läuft er die ersten Schritte frei von Mama zu Papa.

Ein Mann mit einem Einkaufswagen voller Plastiktüten. 
Tag für Tag sitzt er hustend auf einer Mauer in der Nähe meiner Wohnung.

Menschen, die mir in den letzten Tagen begegnet sind.
In Präsenz, in Büchern, in Filmen.

Was ist der Mensch, dass Gott an ihn denkt?

Gute Frage in diesen Tagen. 
Im Advent.

Advent:
Gott kommt zu mir, zu dir, zu uns. 
Er nimmt sich unser an.
So hören wir es Jahr für Jahr. 

Gott kommt in eine Welt, die schön ist. 
Und schrecklich. 
Oft schrecklich schön. 
Und dann wieder ganz schön schrecklich. 

Das ist schon in der Weihnachtsgeschichte so.
Nach Matthäus eine Geschichte voller Leid, Blut und Gewalt.
Jesus wird geboren und überlebt. 
Viele andere Kinder lassen derweil ihr Leben. 

Der Kindermord in Betlehem.
Putingleich schlägt König Herodes zu. 
Was ist der Mensch? 
Für Herodes:
Nichts. 
Wer ihm im Weg steht, muss weg. 
Einfach so.
Weil er die Macht hat, zu morden.
Und Angst, seine Macht zu verlieren.

Die Weihnachtsgeschichte ist eine menschliche Geschichte.
Tausendfach erlebt. 
Sie erzählt von Tod und Trauer. 
Von Leid und Hoffnung
Von Flucht und Rettung.
Von Mitgefühl und Verachtung.

Eine Geschichte von Menschen.
Von Menschen wie du und ich. 
Da hinein und da hindurch kommt Gott in Jesus.
Zu uns, zu dir, zu mir.

Er denkt an die Menschen.
Nimmt sich ihrer an.
Schmückt sie mit einer Krone.

Eine Krone:
Adelt. 
Und macht schön.

Die Verliebten und die Soldatinnen und Soldaten. 
Die sogenannten Starken und die mit den sogenannten Einschränkungen. 
Die Fröhlichen und die Traurigen.

Das ist unerhört. 
In den Ohren und Augen vieler Menschen in dieser Welt.

Denn hier geht es nicht nach Leistung oder Herkunft oder Macht. 
Kaufen kann ich diese Krone nicht. 
Und mich selbst krönen wie einst Napoleon auch nicht. 

Diese Krone ist ein Geschenk. 
An die Menschen. 
Gott sieht meine Schönheit. 
Deine Schönheit.
Unsere Schönheit.
In aller Verletzlichkeit und trotz aller Verletzungen. 

Er krönt alle. 
Alle. 
Alle…!

Jedes einzelne Kind in der Förderschule.
Jede und jeden Beschäftigten in den Werkstätten in Burgwedel, in Mellendorf, in Großburgwedel.
Jeden Bewohner und jede Bewohnerin in 24e und 9b. 
Die Vorstände, den Kirchenmusiker und den Superintendenten.-
Jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeitenden.
Die Angehörigen und die Nachbar:innen.
Und so weiter und so fort.

Er krönt.
Dich.
Und mich.
Uns alle.

Das ist unerhört.
Und wunderschön.

Die Krone auf meinem Kopf zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. 
Ich bin schön. 
Ich. 
Trotz allem. 
Und du auch.

Weil Gott sich meiner annimmt und an mich denkt. 
An mich. 
Und dich.
Das tut gut.

Und gibt Mut und Kraft zu widerstehen. 
Gegen all diejenigen, die Menschen ihre Krone absprechen. 
Gegen all diejenigen, die abwerten. 
Ausgrenzen. 
Ausbeuten. 
Morden.

Die Krone auf meinem Kopf zwingt mich zum Widerspruch. 
Zu Solidarität und Mitgefühl.
Sie ist ein Geschenk und kostenlos.
Aber nicht:
Folgenlos.
Amen.

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