15 aus 30 – Schlaglichter aus dreißig Jahren KDA

Im September 2022 endet für mich eine dreißigjährige durchgängige Tätigkeit im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA). Bis 2014 nebenamtlich im Rheinland, in den letzten acht Jahren hauptamtlich in Niedersachsen in der hannoverschen Landeskirche.

In den Monaten vor meinem Wechsel zur Pestalozzi-Stiftung habe ich zurückgeschaut, reflektiert, geschmunzelt, nachdenklich den Kopf geschüttelt.

15 Begebenheiten und Einsichten stelle ich vor. Manches Detail ist vielleicht nur für mich interessant, aber in der Zusammenschau ergibt sich für ein Mosaik. Über die Entwicklung des KDA, meine eigene Geschichte, aber auch im Blick auf Veränderungen in Arbeitswelt und Wirtschaft.

Da dies ein sehr umfangreicher Beitrag geworden ist, füge ich zu Anfang eine Übersicht ein, über die Links kann sofort in den Text gesprungen werden.

Der Beginn auf der Kreissynode Dinslaken (1991)

Auf meiner ersten Kreissynode im November 1991 fragt Superintendent Ulrich Bendokat kurz vor Ende der Tagung, wer Lust hat, im neu gegründeten KDA in der Region Duisburg-Niederrhein mitzuwirken. Minuten später stehe ich nach dem Schlusssegen vor ihm und melde mein Interesse an. Ich bin Unternehmersohn, wurde geprägt in der Friedensbewegung und durch den damals noch jungen Professor für Sozialethik Wolfgang Huber, da passte Kirche und Arbeitswelt für mich sofort.

Zur Unterstützung der beiden hauptamtlichen Pfarrer Hans-Peter Lauer und Jürgen Widera wurden in den sechs beteiligten Kirchenkreisen Fachausschüsse gebildet. Im Protokoll lese ich die bis heute immer noch aktuelle Bemerkung von Hans-Peter Lauer:

„Lauer weist darauf hin, daß Kirche und Arbeitswelt meist als getrennte Bereiche emp­funden werden. Dabei seien die Menschen in den Gemeinden doch Arbeitnehmer, die täglich viele Stunden an ihrem Arbeitsplatz zubringen und von ihrer Arbeit mitgeprägt werden. Erste Aufgabe des KDA sei daher, Arbeitswelt mit all ihren Facetten wahrzunehmen, Kontakte zu Betrieben aufzubauen, Besuche zu machen und Gespräche zu führen. Ein weiterer Schritt sei dann, zu überlegen, wie wir dann die Arbeitswelt aus biblisch-sozialethischer Sicht beurteilen.“

In der Rückschau war dieser Novembermoment ein mein Berufsleben bis heute prägender Moment. Nie habe ich die Entscheidung bereut. Sie ermöglichte mir Begegnungen, Einsichten und Handlungsmöglichkeiten in einem Feld, das Menschen umtreibt und beschäftigt, buchstäblich.

Vor allem hat sie mich davon bewahrt, in der „Filterblase“ des Gemeindepfarramts zu verharren, äußerlich wie innerlich. Ich fand die teils krassen Wechsel toll: Morgens Schulgottesdienst, dann zu einem Gespräch auf einer Zeche, nachmittags Beerdigungsgespräch und abends eine Zusammenkunft im Kirchenkreis zum Thema Strukturwandel.

Wichtig war mir dabei immer das Anliegen, dass meine Sprache hier wie dort verständlich und stimmig ist und zugleich authentisch: Ich wollte nicht hier ander(e)s reden als dort und umgekehrt. Dieses Hin und Her wurde zu einer mich prägenden Haltung, bis heute.

Gründung des Vereins für Berufshilfe e.V. (1994)

Relativ schnell nach Gründung des KDA in der Region erhalte ich den Auftrag, eine Kreissynode zum Thema: „Strukturwandel bei Kohle und Stahl“ zu organisieren. Ich mache von Anfang an deutlich, dass es aus meiner Sicht nicht ausreicht, ein paar Vorträge zu hören und eine Erklärung zu verabschieden. Zusammen mit der Diakonie bringen wir den Vorschlag ein, ein Beschäftigungsprojekt zu gründen, in dem schwer vermittelbare Frauen und Männer (wieder) an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. Die Synode Dinslaken beschließt die Gründung des Vereins für Berufshilfe.

Wenige Monate später nimmt eine Sozialpädagogin, finanziert aus einem Projekttopf der rheinischen Landeskirche ihre Arbeit auf. Der KDA ist prominent mit zwei Sitzen im Vorstand des Vereins vertreten, Jürgen Widera und ich nehmen diese Aufgabe über viele Jahre wahr.

Die Teilnehmer:innen arbeiten im GaLaBau (Garten- und Landschaftsbau). Teilweise für Kirchengemeinden, aber auch für die Stadt Dinslaken. Hier wurde ein Vertrag geschlossen, dem auch Unternehmen im GaLaBau zustimmten, da die Aufträge der Stadt gesplittet wurden: jeweils ein Teil wurde öffentlich vergeben, z.B. Arbeiten mit schwerem Gerät, ein anderer Teil wurde vom Verein erledigt.

Der Verein arbeitet erfolgreich, d.h. mit einer überdurchschnittlichen Vermittlungsquote mit ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen).

Schließlich stoppt die Einführung der Hartgesetze das Projekt, da keine hinreichenden Übergangslösungen für derartige Einrichtungen vorgesehen waren. Das war ärgerlich, weil auch die Sozialpädagogin ihre Anstellung verlor. Nach einer mehrjährigen Pause konnte der Verein mit Ein-Euro-Jobs erneut starten, aber die Verhältnisse waren nicht mehr so gut.

Der Verein existiert bis heute unter dem Namen „Diakonieverein“. Er hat inzwischen etliche andere Aufgaben mit übernommen. Kurz vor meinem Wechsel nach Osnabrück bin ich 2014 noch bei den Feierlichkeiten zum zwanzigjährigen Bestehen des Vereins dabei und darf auch eine kleine Rede halten. Ich erinnere an die Anfänge: „Reden allein reicht nicht aus, Kirche muss auch sichtbar handeln!“

Gottesdienst am Ort der Arbeit tausend Meter unter Tage an Heiligabend (1996)

Gottesdienste an Orten der Arbeit zu feiern war stets eine großartige Herausforderung und Chance, sowohl für mich als Gemeindepastor als auch im KDA. Ein Klassiker ist dabei der Gottesdienst auf dem Bauernhof, aber wir waren auch auf Halden und in Schreinereien oder Schmieden. Die Arbeit von Menschen tritt so ganz anders in den Fokus des Gottesdienstes, der „andere“ Raum bietet zugleich den Rahmen, um anderes im Licht biblischer Texte und Gebete zu sehen, zu hören, zu riechen.

Ein Highlight in all diesen Jahren war der Gottesdienst an Heilig Abend 1996 auf Schacht Lohberg, angeregt von Ortspfarrer Harro Düx und mitorganisiert vom KDA. Wolfgang Clement, damals Wirtschaftsminister in NRW, nahm höchstpersönlich teil. Ein sichtbares Zeichen der Solidarität mit dem Bergbau und den Bergleuten und ihren Familien.

Wenige Jahre später ist nichts mehr davon übrig. Der Rahmenbetriebsplan für den künftigen Kohleabbau durch das Bergwerk Duisburg-Walsum spaltet die Bevölkerung. Am Ende wird das Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland beschlossen. Der KDA war mittendrin in den Auseinandersetzungen und suchte in der Phase, in der die Emotionen besonders hochkochten, zu vermitteln. Mit Erfolg, wie alle später sagten. Es gelang, hinter verschlossenen Türen die Konfliktparteien an einen Tisch zu holen. In der Sache ging es hart weiter, aber nicht mehr so emotional aufgeladen.

Heute ist der Ort dieses Gottesdienstes nicht mehr zugänglich. Er ist in der Rückschau für mich zu einem Symbol geworden. Ein Symbol der Solidarität, die damals bereits anfing zu bröckeln.

Über diesen Gottesdienst habe ich vor Jahren schon einmal gebloggt:

Der Rechtsstreit mit der Citibank (1999)

Als ich den Anruf von Hans-Peter Lauer, einem der beiden hauptamtlichen KDA-Pastoren in der Region, erhielt, erschrak ich erst mal: „Die Citi-Bank wird mich verklagen“, sagte er. Mit anderen zusammen hatte er während einer Auseinandersetzung um Arbeitsplatzverlagerung und Einkommenskürzungen mit dazu aufgerufen: „Eröffnet kein Konto bei der Citi-Bank!“ Die Geschichte wäre es wert, in allen Details erzählt zu werden. Hier nur so viel: Am Ende gewann der KDA den Rechtsstreit, die Klage wurde abgewiesen. Bedeutsam war folgende Passage in der Urteilsbegründung des Landgerichts:

„(Die Kirchen beschränken sich) rechtmäßigerweise von jeher nicht auf die reine Pflege religiöser Gedanken und Bräuche, sondern beteiligen sich aktiv am öffentlichen, politischen Leben und an der Gestaltung von Staat, Gesellschaft und Rechtsordnung. Ihnen wird daher ein politischer Öffentlichkeitsanspruch zuerkannt. Es ist geradezu die natürliche Aufgabe der Kirche, sich im sozialen Bereich für die Benachteiligten einzusetzen. Es ist daher nicht nur das Recht der Kirche, sondern ihre vom Verfassungsgeber im öffentlichen Interesse begründete Pflicht, zu negativen sozialen Entwicklungen Stellung zu nehmen. Gerade um diese öffentliche Aufgabe im sozial so relevanten Bereich wie der Arbeitswelt wahrzunehmen, wurde der KDA geschaffen.“

Wir waren von diesen Worten begeistert – ein staatliches Gericht beschreibt die Aufgabe der Kirche im Rahmen der staatlichen Ordnung.

Begegnung mit Frithjof Bergmann auf dem Kirchentag in Köln (2007)

Ich habe die Geschichte schon so oft erzählt. Auf dem Kirchentag in Köln stolpern Christine und ich über den uns bis dahin unbekannten Frithjof Bergmann. Sein Vortrag fasziniert uns so stark, dass wir nicht nur sein Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ lesen, sondern uns auch dem New Work Netzwerk anschließen. Eine lebensverändernde Begegnung. Verkürzt gesagt: Ohne Frithjof Bergmann hätte ich wohl nie promoviert und ich kann mir schwer vorstellen, dass unser Weg uns dann Richtung Niedersachsen geführt hätte.

Die intensive Suche auf die Frage, was Arbeit ist und was sie für Menschen bedeutet, ist maßgeblich von Frithjofs Thesen und prägnanten Aussagen geprägt: die Suche nach dem, was ich wirklich wirklich tun will, die Armut der Begierde, die erlernte Selbstunkenntnis, das calling – der „Urvater von New Work“ hat eine Menge in Bewegung gebracht, auch bei mir. Ich hätte vermutlich ohne diese Begegnung nie den Mut gefasst, im Alter von 47 Jahren bei Traugott Jähnichen mit einer Dissertationsidee vorstellig zu werden.

Auch die Entscheidung, jetzt noch einmal die Stelle zu wechseln, hängt wieder mit der Frage zusammen, was für eine Arbeit ich „wirklich, wirklich will“.

Ein Anruf von Ralf Tyra: Mein Wechsel vom Neben- ins Hauptamt (2014)

Am Freitag, dem 11. Juli 2014 finde ich nachmittags einen Anruf auf meinem Handy, in dem er mir eine „gute Nachricht“ ankündigt. Einen Tag zuvor war ich in Hannover zum Bewerbungsgespräch für die KDA-Stelle in Osnabrück, wenige Monate später ziehen Christine und ich in die Stadt des westfälischen Friedens.

Der 11. Juli markiert in meiner KDA-Biografie den Wechsel vom Neben- ins Hauptamt. Im Rheinland gab es keinerlei Chancen, jemals auf einer KDA-Pfarrstelle tätig werden. Die Landespfarrstelle wurde lediglich einmal mit Ludwig Rieber besetzt und nach seinem Ruhestand wieder aufgehoben.

Mit dem Wechsel nach Niedersachsen und damit in die hannoversche Landeskirche wurde mein Traum von der hauptamtlichen KDA-Tätigkeit Wirklichkeit. Zwei Jahre war ich im Raum Osnabrück, Emsland bis hoch nach Ostfriesland aktiv, dann wurde ich Landessozialpfarrer und Fachbereichsleiter im Haus kirchlicher Dienste. Die Bedingungen waren gut, es gab ein großes Team und die Ressourcen waren vorhanden.

Die knapp zwei Jahre, in denen ich als KDA-Referent in Osnabrück wirken konnte, waren schöne Jahre. Ich war viel in der Region bis hinauf nach Ostfriesland unterwegs. Da die Stelle länger unbesetzt gewesen war, gab es kaum etwas, an das ich anknüpfen konnte. Das war toll, es war reine Aufbauarbeit. Zudem hatte ich kaum Gremienverpflichtungen und saß erstmals seit vielen Jahren in keinem Vorstand einer Kirchengemeinde oder einer Einrichtung.

Es war spannend zu sehen, wo ich Resonanz erzielen konnte und wo nicht. In dieser Zeit entstand aus einer spontanen Idee heraus der Satz: „Ich komme auch gerne nur mal auf einen Kaffee vorbei“ – und ich erhielt zu meiner Überraschung daraufhin Einladungen. Das wurde dann zu einer Art Markenzeichen, ich bin der, der sich gerne im Café zum Kaffee mit Menschen trifft.

Eine Studienreise nach Griechenland und deren Folgen (2015 – heute)

Manchmal sind es eher die Zufälle, die in der Rückschau Weggabelungen darstellen.

Als meine ehemaligen KDA-Kollegen in Duisburg im Frühjahr 2015 eine Studienreise nach Thessaloniki anboten, habe mit dem damaligen Landessozialpfarrer Michael Klatt überlegt, ob es Sinn ergibt, dass ich mitfahre. Damals war es noch eher ein Bauchgefühl, dass Wirtschaft und Arbeit im europäischen Kontext nur durch persönliche Begegnung und Anschauung wirklich zu verstehen sind.

Ich fuhr mit und war fasziniert, in positiver wie negativer Hinsicht. Mein Bauchgefühl wurde betätigt, aber die Abgründe, in die wir in Folge der sogenannten „Finanzkrise“ in Griechenland schauten, waren tief und teilweise alptraumhaft. Suizide von Familienvätern, solidarisches Teilen von Medikamenten, kein Geld mehr für den Kaffee im Café oder der fast schon irre Kampf in der besetzen Fabrik bio.me – die Reise verschaffte mir Einblicke in ein mir bis dahin fernes und fremdes Land, ins Erleben der Menschen.

In Osnabrück schloss ich mich anschließend der Griechenland-Solidaritäts-Gruppe an, 2019 organisierte ich eine weitere Studienfahrt und kam erstmals nach Katerini zu O topos mou. Die Workcamps für junge ehrenamtliche Mitarbeitenden der Ev. Jugend in Hannover, die ich 2020 und 2021 (trotz Corona!) organisierte, führten mich Jahr für Jahr wieder nach Griechenland.

Aus der einmaligen Begegnung im Jahr 2015 wurde so nach und nach eine Tiefenbohrung, da ich mit immer mehr Menschen in Kontakt kam. Dabei lag mein Engagement hier immer auf der Schwelle zwischen KDA und ehrenamtlicher Tätigkeit, sodass diese Beziehungen auch durch meinen Wechsel zur Pestalozzi-Stiftung nicht abbrechen werden.

Wertewelten Arbeiten 4.0 (2016)

Am 15. März 2016 bin ich in Berlin dabei, als auf der Halbzeitkonferenz des Dialogprozesses „Arbeiten 4.0“ die Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0“ vorgestellt wurde. Der Prozess war von Andrea Nahles initiiert und wurde vom BMAS organisiert und durchgeführt.

Ich fand diesen Prozess sehr spannend. Er markiert für mich den Übergang von den Begriffen „Industrie 4.0“ zu „Arbeit 4.0“. Anders gesagt: stand zunächst vor allem die technische Seite der Digitalisierung im Vordergrund, rückten nun die Beschäftigten und ihre Bedarfe nach vorn.

Die in der Studie präsentierten Ergebnisse, aber auch das Design der Studie selbst, waren für mich ein großer Erkenntnisgewinn. Die durch Tiefeninterviews gewonnen Wertewelten fand ich anschaulich, auch wenn es ähnliche Untersuchungen auch schon vorher gab.

Mir wurde bei der Vorstellung schlagartig bewusst, warum es in vielen unternehmen oder Abteilungen nur schwer möglich ist, sich zB auf eine gemeinsame Weihnachtsfeier oder einen Betriebsausflug zu einigen – die Bedarfe, die Wünsche und vor allem die Einstellung der Arbeit gegenüber sind unter uns Menschen so unterschiedlich, dass sie kaum unter einen gemeinsamen Hut zu bekommen sind.

Mich hat diese Studie lange beschäftigt, eigentlich bis heute. Was folgt daraus für Unternehmen, für Betriebsräte, für Verbände, für die Beschäftigten, für Führungskräfte? Heute spricht man davon, dass Unternehmen mit Diversität umgehen müssen, wenn sie erfolgreich sein oder bleiben wollen.

Was mich zusätzlich damals sehr gefreut hat war die Tatsache, dass die für die Verantwortlichen mir auf meine Rückmeldung mit kritischen Fragen – so wurde zB wenig zwischen Frauen und Männern in den Ergebnissen differenziert – schnell und ausführlich antworteten. Zur Frage, wie sich die Wertewelten zwischen den Geschlechtern verteilten, stellten sie mir auf Daten zur Verfügung, die in die Broschüre und die Präsentation keinen Eingang gefunden hatten. Sie begründeten das auch, das hat mich allerdings wenig überzeugt. Der offene Umgang mit meinen kritischen Fragen dagegen schon.

Bis heute habe ich die von der Studie beschriebenen sieben Wertewelten mehr oder weniger präsent. Sie fallen mir immer wieder ein, wenn ich mit Menschen über ihre Arbeit, genauer: über die Werte spreche, die sie mit ihrer Arbeit verbinden. Ich habe auch noch einmal den Selbsttest gemacht, der auf der Seite von nextpractice nach wie vor zu finden ist: ich bewege mich zwischen den Wertewelten „Selbstverwirklichung durch Arbeit“ und „Balance zwischen Arbeit und Leben“ – passt, auch nach Corona immer noch. Hier die grafische Darstellung meines Ergebnisses:

Besuch der U5-Baustelle in Berlin mit dem Bundesausschuss „Arbeit und Technik“ (2016)

Über einen Freund haben wir die Chance, 2016 einen einmaligen Einblick in die Baustelle der U5 in Berlin zu werfen. Wir, das ist in diesem Fall der „Bundesausschuss Arbeit und Technik“, dem ich seit 2014 angehöre. Der Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt in der EKD unterhält mehrere solcher Arbeitsausschüsse. Aus den verschiedenen Landeskirchen nehmen daran KDA-Mitarbeitende teil, bearbeiten in der Regel über etwa jeweils zwei Jahre ein Thema, indem sie sich an verschiedenen Orten in Deutschland treffen. Betriebsbesuche, Diskussionen mit Wissenschaftler:innen oder Gewerkschaftler:innen gehören zu den Arbeitsweisen des Ausschusses.

In „Arbeit und Technik“ mitwirken zu können, war ein besonderes Highlight meiner hauptamtlichen KDA-Tätigkeit – vorher war mir das im Nebenamt zeitlich nicht möglich. Ob „Industrie 4.0“, „Digitalisierung in der Pflege“ oder zuletzt die Frage, wie sich die Große Transformation auf Branchen wie die Automobilwirtschaft oder die chemische Industrie auswirken, die Themen und vor allem der Austausch haben mich bereichert und ich habe viel gelernt.

Der Besuch der U5-Baustelle geschah eher neben unserem damaligen Hauptthema, zu dem wir uns in Berlin trafen und u.a. im Wirtschafts- und Arbeitsministerium Hintergrundgespräche führten. Aber es passte doch, denn die Baustelle ist ein faszinierender Ort moderner Technik im Tunnelbau.

Unglaublich, das Modell der Tunnelbohrmaschine …

Ein irres Gefühl, auf der Decke der heutigen Haltestelle Museumsinsel zu stehen. Jahre später bin ich hier ausgezogen und habe mir den damaligen Moment vergegenwärtigt. Wenn ich da heute ein- oder aussteige, habe ich keine Ahnung von dem, was an Planung und Aufwand nötig war, diesen U-Bahnhof zu bauen. Diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht: als „normaler Bürger“ habe ich in aller Regel keinen oder kaum Einblicke in die technischen Möglichkeiten, die Menschen entwickelt und erschaffen haben.

Und so ganz nebenbei erfahren wir auf der Baustelle, dass es dort wie im Bergbau jedes Jahr im Dezember am Barbara-Tag auch eine kleine Feier gibt.

Zu diesem Besuch habe ich schon einmal gebloggt:

Später, als ich den Bahnhof Museumsinsel besuchte, habe ich einige Bilder und Gedanken gepostet:

„Geliehen ist der Stern auf dem wir leben“, eine ausgefallene Veranstaltung … (2019)

Am 20. September 2019 rief Fridays for Future zum ersten Weltklimastreiktag auf und Millionen folgten ihnen. Das war ein großartiges Erlebnis, für den KDA hatte es allerdings zur Folge, dass eine lange geplante Veranstaltung kurzfristig abgesagt werden musste.

Die EKD hatte ein Impulspapier veröffentlicht: „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben“, in dem es auch um das Engagement der Kirche im Kampf gegen die menschengemachte Klimakrise ging. Wir nahmen das zum Anlass, eine große Veranstaltung mit Landesbischof und Sven Giegold, einem der Mitverfasser, zu planen. Etliche Workshops konzipierten wir, alle zu Themen, die wir anschließend weiterbearbeiten wollten. Es ging um Genossenschaften und biofaire Kantinenbewirtschaftung, ethische Geldanlagen und zukunftssicheres Bauen.

Als der Weltklimastreiktag ausgerufen wurde, ahnte ich sofort, was kommen würde. Nach und nach bröckelten die Anmeldungen. Alle wollten lieber mit zum Streik gehen, ich eigentlich auch. So sagten wir die Veranstaltung ab. Leider gelang es anschließend aber nicht, kurzfristig einen neuen Termin zu finden oder die Themen einzeln aufzugreifen. Das war sehr bedauerlich, weil so viele erhoffte Impulse und Effekte im Vorfeld verpufften. Da ich 2016 mit der Ansage angetreten war, Fragen des Klimawandels prioritär zu behandeln, war das ein schwerer Rückschlag. Auch das gehört mit zu meiner „KDA-Geschichte“.

Zukunftskunst – Literarische Begegnung mit Uwe Schneidewind (2019)

Ich habe immer viel gelesen neben allen Gesprächen, Veranstaltungen, Seminaren oder Tagungen, an denen ich teilnahm als KDA-Pastor oder die ich selbst organisierte.

In besonderer Weise haben mich in den letzten Jahren Bücher von Harald Welzer nachdenklich gemacht. Zu seiner Stiftung FuturZwei habe ich seit langem Kontakt. Seine Art und Weise, über Zukunft zu denken und zu sprechen, haben mich geprägt. Optimistische Zukunftsszenarien sind hilfreicher als pessimistische Weltuntergangsszenarien, das leuchtete mir von Anfang an ein, und ich sehe hier eine enge Verbindung zur christlichen Ethik.

2019 war es dann das dicke Buch von Uwe Schneidewind über die Große Transformation, das ich spannend fand, weil er dort praktisch ein Kompendium geschaffen hat für den Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft. Vor allem aber war es das schöne Wort „Zukunftskunst“, das mich faszinierte. Es ist eine Kunst, Zukunft zu gestalten. Dazu gehört Kreativität, Leidenschaft, Visionen. Ich habe viel über dieses Wort nachgedacht, in meinem Ende 2020 erschienenen Buch „Unverbundenes verbinden“ nimmt es einen zentralen Platz in meinen Reflexionen ein. Arbeitswelt und Wirtschaft brauchen Zukunftskunst.

Heute, als Pastor in einer diakonischen Stiftung, bekommt das Wort noch einmal einen neuen Klang. Ich bin gespannt, wohin mich die Reise mit der Zukunftskunst noch führen wird.

Corona und die Folgen für mich (2020 -2022)

16. März 2020. Ich sehe die Szene noch vor mir, als wäre es gestern gewesen. Ich stehe auf dem Gang im Haus kirchlicher Dienste und erkläre meinen anwesenden Teammitgliedern, dass ab sofort das Haus geschlossen ist wegen der Corona-Pandemie und wir alle ins Home-Office gehen. Ein Gefühl in diesem Moment ist mir noch präsent: Das ist das Ende des Lebens, das ich bis dahin geführt habe.

Das klingt pathetisch, aber Gefühle lassen sich im ersten Moment nicht diskutieren, ich kann ihnen nur nachspüren. Bewahrheitet hat sich das Gefühl allemal, auch wenn mir an diesem Märzmorgen die Einzelheiten natürlich noch nicht vor Augen standen. Wenn ich heute zurückschaue, markiert dieser Tag – symbolisch – für mich den Bruch mit dem KDA. Von Stunde an funktionierte nichts mehr wie gewohnt. Zoom-Konferenzen und -veranstaltungen lagen in weiter Ferne. Kooperationspartner hatten keine Zeit und/oder Lust, mit mir zu reden. Auch die Kirche(n) kamen unter Druck, in vielerlei Hinsicht. Corona verschärfte wie ein Kontrastmittel vieles von dem, was unter dem Vorzeichen Klimakrise schon lange schwellte, aber aus Angst nicht angegangen wurde. Angst vor Protesten, Angst vor dem Verlust schöner Gewohnheiten, Angst vor einer ungewissen Zukunft, Angst vor dem mehr oder minder überraschenden „Zurückschlagen der Natur“, um es bildlich-poetisch zu formulieren.

Im Sommer 2021 ermöglichte mir meine Landeskirche eine dreimonatige Auszeit, in der ich über vieles nachdenken konnte. Am Ende stand u.a. eine These im Raum, die ich im Herbst in Gesprächen testete und bestätigt bekam: Corona führte bei einer nicht kleinen Zahl von Menschen zu einer „Sinnkrise“ in dem Sinn, dass sich ihre Wertvorstellungen mehr oder weniger stark veränderten. Diese Verschiebungen führten bei dieser Gruppe häufig zu der Erkenntnis: Du kannst das nicht mehr weiter beruflich machen, was du bis jetzt gemacht hast, es passt nicht mehr. Ich gehöre zu diesen Menschen. Ich habe das Gefühl, haarscharf neben dem KDA zu stehen. Die Aufgabe ist immer noch toll, aber nicht mehr für mich.

Ich überprüfte diese Gedanken und Gefühle in einem Coaching. Im Jahresgespräch sprach ich mit meinem Direktor darüber und damit kam mein Wechsel ins Rollen.

Ausstellung Use-less – Fast Fashion gegen Verschwendung und häßliche Kleidung (2021-2022)

Die Beteiligung des KDA Hannover an der Ausstellung „use-less – Fast Fashion gegen Verschwendung und häßliche Kleidung“ ist ein schönes Beispiel dafür, wie KDA-Arbeit aus meiner Sicht Sinn macht.

Bei einer Veranstaltung lernen meine Kollegin Laura Bekierman und ich Martina Glomb, Professorin für Design an der Hochschule in Hannover, kennen. Wir treffen uns einige Zeit später zum Austausch und erfahren, dass sie eine Ausstellung in Bremen mitorganisiert hat und hofft, diese Ausstellung auch nach Hannover holen zu können.

In Bremen ist auch der dortige KDA Kooperationspartner. Über einen mehrjährigen Prozess kommt es schließlich im Spätherbst 2021 zur Eröffnung der Ausstellung im August-Kestner-Museum. Der KDA ist Partner und vor allem Laura steckt viel Zeit und Kraft in die Koordination des Begleitprogramms, da ich mich im Sommer in meiner dreimonatigen Studienzeit befinde.

Auch wenn am Ende das ein und andere aus dem Programm durch die Einschränkungen in der Pandemie nicht stattfinden kann, war es eine tolle Erfahrung. Und das Logo des KDA prangte monatelang auf dem offiziellen Plakat. 🙂

Scheitern in unternehmerischer Verantwortung – eine Herausforderung für den KDA (2012-2022)

Etwa zehn Jahre lang hat mich dieses Thema begleitet, seit wir im Rheinland in einem Arbeitskreis anfingen, uns damit zu beschäftigen. Schnell merkten wir, dass sich hier für viele Frauen und Männer emotionale Abgründe auftun. Hier auf meinem Blog habe ich immer wieder darüber geschrieben. „Fertig“ bin ich mit dem Thema nicht, wenn ich nun den KDA verlasse.

Die Erfahrungen waren zwiespältig, von Anfang an bis heute. Einerseits gab es viel positive Resonanz. „Wie gut, dass ihr das Thema aufgreift!“ Das habe ich oft gehört. Ich bekam Anrufe von Menschen, die ich nicht kannte, die sich ausdrücklich dafür bedankten, dass wir das Scheitern als Unternehmer:in in der Öffentlichkeit ansprachen. Menschen, die eben genau solche Erfahrungen gemacht hatten und erleben mussten, wie allein sie dabei blieben.

Andererseits war es äußerst schwierig, das Thema in der Öffentlichkeit zu verankern. Zu Hintergrundgesprächen kamen Betroffene gerne, zu öffentlichen Workshops, Vorträgen nicht. Scheu und die Scham verhinderten dies. Die „Fuckup Nights“ waren sehr hilfreich, aber sie sprachen das Scheitern eher auf einer oberflächlichen Schiene an. Nur selten habe ich es erlebt, dass es hier Berichte von Menschen gab, denen ihr Scheitern massiv weh getan hat.

In der Corona-Zeit nutze ich das „neue“ Medium Zoom und führe mehrere Gespräche mit Betroffenen und Expert:innen, die auf YouTube (im Channel des KDA Hannover)n veröffentlicht werden. Das war eine gute Möglichkeit, das Thema in der Öffentlichkeit aufzugreifen.

Lange war mein Ziel, eine Gruppengründung der „Anonymen Insolvenzler“ in Hannover zu unterstützen. Corona hat mich und uns da leider sehr ausgebremst. So wie es aktuell aussieht, geht es bei den Anonymen Insolvenzlern erst einmal eher in digitalen Gruppen weiter. Das ist nicht schlecht, aber mein, unser Ziel war der präsentische Austausch. Damit lasse ich mit meinem Wechsel dieses Thema als offene Baustelle zurück.

Betriebsbesuche, DAS Herzstück des KDA

Dreißig Jahre lang hatte ich als Pastor das Privileg, unzählige Betriebe zu besuchen und hinter die Kulissen schauen zu können. Normalerweise haben wir als Pfarrer:innen mit industrieller Produktion direkt wenig zu tun. Unsere Begegnungen mit Wirtschaft beschränken sich zumeist auf Handwerk, den öffentlichen Dienst oder den Einzelhandel. Viele Menschen in unseren Gemeinden arbeiten aber in der Automobilindustrie, bei Logistikfirmen, im Maschinenbau, bei Energieversorgern und vielen anderen Betrieben.

Vor Jahren war ich einmal mit Pastor:innen bei VW in Emden. Die menschenleere, aber robotervolle Fabrikhalle des Karosseriebaus verschlug den Atem. Auf riesigen Förderbändern wandert ein „Auto“ nach dem nächsten durch die Hallen, Roboterarme fügen wie von Geisterhand in Windeseile die Teile zusammen. „Hier könnte ich nicht arbeiten, das wäre mir zu einsam“, so lautete die spontane Aussage einer Teilnehmerin.

Kaum anders in der nächsten Halle. Hier werkelten zwar mehr Menschen und etwas weniger Maschinen, dafür waren die Tätigkeiten eintönig. Manch eine, einer der Kolleg:innen dachte laut darüber nach, was das bedeutet, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr um Jahr hier sein Geld verdienen zu müssen – oder zu können. Der Kontrast zu unserer kirchlichen Arbeitswelt, sehr an Menschen orientiert und mit viel weniger Technik, war unübersehbar und führte zu einer gemischten Gefühlswelt. Sie reichte von Staunen über Anerkennung und Bauschmerzen bis zu Kopfschütteln. Beim Mittagessen meinte schließlich eine Pfarrerin: „Jetzt habe ich endlich mal eine Vorstellung, wenn ich bei einem Trauerbesuch wieder höre, wie sehr er oder sie die Arbeit bei VW geschätzt oder gar geliebt hat.“

Diese Aussage bringt es auf den Punkt. Deswegen finde ich Betriebsbesuche eine tolle Möglichkeit, in der sich die Lebenswelten von Kirche und industrieller Arbeit begegnen können. Was bedeutet es für Menschen, hier zu arbeiten? Das frage ich mich in solchen Momenten immer wieder und bei Begegnungen in den Gemeinden, bei Taufbesuchen, Traugesprächen oder der Vorbereitung von Traueransprachen haben mir diese Eindrücke geholfen, ins Gespräch zu finden oder die rechten Worte zu finden.

Umgekehrt freuen sich viele Unternehmen, wenn Kirche sich für sie interessiert. Denn sie wissen, dass viele ihrer Mitarbeitenden Gemeindeglieder sind. Religion spielt in vielen Betrieben eine Rolle, weil eben Christ/-innen neben Muslim/-innen und anderen arbeiten und die Kulturen manchmal auch aufeinanderstoßen.

Häufig kommt es „auf dem Weg“ durch die Fabrikhallen zu Gesprächen, die für beide Seiten aufschlussreich und bereichernd sind. Die „dummen“ Fragen, die oft aus dem Staunen heraus gestellt werden, eröffnen spannende Dialog, die nicht selten ins Persönliche umschlagen. Dann, wenn in einer offenen Atmosphäre plötzlich auch von Sorgen, Ängsten und Belastungen die Rede ist, die in den Hochglanzbroschüren oder einführenden Powerpointpräsentationen über das Unternehmen nicht vorkommen. Umgekehrt gibt es oft überraschende Antworten, wenn gefragt wird, was ein Betrieb, seine Führung oder die Mitarbeitenden von Kirche erwarten.

Ich schließe diese Reihe von Highlights aus meiner KDA-Tätigkeit mit diesem Plädoyer für kirchliche Betriebsbesuche. Ich werde diese Einblicke vermissen, nehme aber unzählige Bilder und Geschichten mit.

Betriebsbesuch mit Pastor:innen im Emsland

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