Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen?

Vortrag beim Landesvorstand der Christlich demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) Hannover am 10. November 2017

  • 1. Annäherung

Technik wird von Menschen geschaffen und eingesetzt. Wird sie zum Wohle anderer eingesetzt? Oder um ihnen zu schaden? Oder um mich zu verteidigen? Wir Menschen haben verschiedene Gesichter. Gier, Gewalt und Egoismus gehören zum Alltag genauso wie Liebe, Mitgefühl und Kooperation. Waffentechnik und Kriegstechnik, mit der Menschen über Menschen herrschen können, waren immer schon ein großer Antreiber in der Technikentwicklung neben dem Interesse, das Leben mir selbst und/oder der Gemeinschaft leichter zumachen. Und der Neugier, sich neue Horizonte zu erschließen. Technik hat zugleich mit Macht zu tun, sie gibt Macht, es braucht Macht, sie einzusetzen. Beherrscht die Technik den Menschen oder der Mensch die Technik?

  • 2. Evangelische Kriterien ethischer Betrachtung

Luthers Ethik setzt bei der Freiheit eines Christenmenschen an, die ihm von Gott geschenkt wurde und wird und die den Christenmenschen damit direkt aus dankbarer Liebe an seinen Nächsten wendet. In dieser Zuwendung geht es darum, miteinander so zu leben und zu wirtschaften, dass das Allgemeinwohl gestärkt und erhalten wird. Evangelisch ist es für Luther, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Nichts liegt ihm ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge im Wesentlichen auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Evangelisch ist es aber zugleich, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, diese im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Individualethik und Sozialethik behandeln sozusagen alle Themen und Fragestellungen aus einer je doppelten, aber aufeinander bezogenen Art und Weise. Das eine ohne das andere endet entweder in einer Art von gesinnungsethischen Weltvergessenheit oder in blanker Ideologie. Dabei gibt es keine Eigengesetzlichkeiten.

Evangelische Ethik ist grundsätzlich pragmatisch und abwägend, aber überall dort, wo die grundsätzliche Freiheit bedroht und gefährdet ist, auch durch Widerspruch. So konnte Luther u.a. Jakob Fugger und seine Zins- und Wucherpolitik auf das heftigste verbal attackieren. Luthers Kontrahent Müntzer zog aus der Beobachtung der massiven Armut und Unterdrückung der bäuerlichen Bevölkerung durch die Obrigkeit eine andere Konsequenz, für ihn gab es eine Grenze, nach der nicht nur Widerspruch, sondern Widerstand ethisch geboten sei. Für unsere Fragestellung: Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen ist diese Grenze zumindest immer mitzudenken: wo besteht die Gefahr, dass Technik den Menschen so beherrscht, dass nicht nur Widerspruch angesagt, sondern Widerstand geboten sein könnte? Höchstwahrscheinlich, hoffentlich in der Gegenwart eine theoretische Grenze, die aber dennoch immer mitgedacht werden muss, damit wir nicht am Ende feststellen, dass wir uns pragmatisch-abwägend in die totale Abhängigkeit begeben haben – ohne es zu merken. Ich komme ganz am Ende noch einmal darauf zurück.

  • 3. Technik in der Gegenwart

Wir Menschen heute sind in einer Art und Weise von Technik abhängig, wie das für frühere Generationen undenkbar gewesen ist und teils in vielen Regionen der Welt bis heute undenkbar ist. In dem Roman „Blackout“ von Marcus Elsberg wird anschaulich geschildert, was geschieht, wenn der Strom in Mitteleuropa ausfällt. Nach spätestens vierzehn Tagen sind die meisten von uns tot. Kommunikation, Kühlschrank und vor allem die Klospülung funktionieren nicht mehr und das führt innerhalb kürzester Zeit zu massiven Ausfällen in unserer Infrastruktur. Beherrscht die Technik den Menschen? Nun, zumindest sind wir abhängig von Technik, und das frei gewählt – auch und vor allem, weil uns der technische Fortschritt erhebliche Wohlstandsgewinne verschafft hat. Das löst zwiespältige Gefühle aus, wenn ich anfange, hier tiefer nachzudenken. Und es gibt ja das keineswegs neue Phänomen einer Ambivalenz zwischen Technikbegeisterung und Technikangst, zwischen Euphorie und Apokalyptik. Bei Erfindungen wie Fahrrad, Auto, Film, Telefon, Fernsehen und Computer konnte diese Ambivalenz immer wieder beobachtet werden, oft bis in die Worte hinein mit den gleichen Argumenten, dass der Untergang unserer Zivilisation mit dieser neuen Technik eingeläutet wird, während andere den Himmel auf Erden nahe wähnten.

Es kommt aber heute noch etwas hinzu.

Früher verlief der technologische Fortschritt langsamer und eher über Generationen hinweg. Meistens gab es eine Schlüsseltechnologie – heute dagegen sind wir mit etlichen technologischen Umwälzungen gleichzeitig beschäftigt, die auch noch aufeinander einwirken und uns in ihrer Komplexität und Schnelligkeit als Gesellschaft und als Einzelne überfordern. Das führt dazu, dass wir das Gefühl haben, die Folgen unseres Handelns nicht mehr im Griff haben. Wir sehen uns nicht mehr als gestaltende Akteure gesellschaftlicher Veränderungen, sondern versuchen nur noch auf die irrwitzig schnellen Änderungen zu reagieren. Kein Wunder, dass die Entwicklungen uns zwischen Begeisterung und Angst hin und her schleudern. Ich nenne nur mal einige Errungenschaften jüngster Zeit und Sie können ja mal mitzählen, was Ihnen davon bekannt ist (die Liste folgt Lars Jaeger, Supermacht Wissenschaft, S. 22-24 u. 129)

• Die Medizintechnik kann Querschnittsgelähmte heute schon wieder gehen lassen.
• Allein mithilfe unserer Gedanken können Roboter gesteuert werden.
• Menschen können sich mithilfe von Neuro- und Bewusstseinstechnologien in Maschinen verkörpern und haben dabei das Gefühl, sie seien selbst die Maschine.
• Im Tierversuch gelang es bereits, Gehirne so zusammen zu schalten, so dass sie als ein einziges Gehirn agieren.
• Erinnerungen konnten in tierische Gehirne transferiert werden.
• Mithilfe neuer gentechnologische Methoden können bereits gezielt Augenfarbe, Körpergröße oder Intelligenz von Tieren manipuliert werden, theoretisch ist das auch beim Menschen möglich.
• Bakterien können zu 100 % künstlich hergestellt werden.
• So genannte Quantencomputer sind in der Entwicklung, welche in ihrer Leistungsfähigkeit heutige Computer um das Millionenfache überschreiten werden.
• Nanobots, Roboter so groß wie Viren, werden in lebenden Organismen eingesetzt, um dort beispielsweise Krebszellen zu bekämpfen.
• Fleisch und funktionsfähige Organe können heute schon in 3-D Druckern ausgedruckt werden.
• Das Twittern von Hirn zu Hirn ist bereits in Einzelfällen gelungen.
• Das autonome Fahren ist technisch ebenfalls möglich, wird erprobt und die rechtlichen bzw. ethischen Implikationen werden diskutiert.

All diese Entwicklungen – und es gibt ja noch viel mehr – haben erhebliche Konsequenzen für unser Zusammenleben und sie sind komplex verschränkt. Sie eröffnen Chancen und beinhalten Risiken. Und sie haben mit Machtfragen zu tun, mit Herrschaftsfragen.

  • 4. Zwei Beispiele

a) CRISPR/Cas9 (Genomchirugie)

Das Editieren von Genen im Erbgut war lange Zeit aufwendig, teuer und fehleranfällig. Das lag vor allem an der Schwierigkeit, den DNA-Strang exakt an der erwünschten Zielsequenz aufzuschneiden. Die Gentechnologie konnte neue DNA-Sequenzen nur mit einer Art „Schrotflinten-Methode“ in das zu behandelnde Genoms einbringen. Das war eher eine ungenaue Vorgehensweise. Genau hier lieferte die neue Methode den entscheidenden Durchbruch. Ursprünglich stammt das CRISPR/Cas9-System aus Bakterien. Es dient ihnen als eine Art Immunsystem, mit dem sie Angriffe von Viren erkennen und abwehren können. Vor fünf Jahren hatten zwei Wissenschaftlerinnen die geniale Idee, daraus ein molekularbiologisches Werkzeug zu entwickeln. Zur großen Überraschung funktioniert es nicht nur bei Bakterien, sondern universal bei allen lebenden Zellen – in denen von Tieren und Pflanzen, aber auch in menschlichen Zellen.

Wie genau funktioniert CRISPR/Cas9? Zunächst muss im riesigen Genom einer Zelle punktgenau die Stelle gefunden und angesteuert werden, bei der eine Änderung durchgeführt werden soll. Dazu konstruiert man eine geeignete „Sonde“, die der DNA-Abfolge der jeweiligen Zielsequenz entspricht. Wenn die Sonde diese Stelle „gefunden“ hat, dockt sie dort an, um den DNA-Doppelstrang genau an dieser Stelle mit einer molekularen „Schere“ zu durchschneiden – bei CRISPR ist es das Cas9-Protein, welches an die RNA-Sonde gekoppelt ist. Anschließend treten die zelleigenen Reparatursysteme in Aktion: Sie flicken den durchtrennten DNA-Strang wieder zusammen – allerdings in der Regel mit kleinen Fehlern. Die Folge: Das betreffende Gen kann nicht mehr richtig abgelesen werden und ist so blockiert. Ein Gen mit einem Krankheitsträger wird also nicht mehr richtig gelesen, die Krankheit bricht nicht aus. Möglich ist auch, einzelne DNA-Bausteine auszutauschen oder kurze Sequenzen neu in den DNA-Strang einzubauen, also z.B. blaue Augen durch graue zu ersetzen.

Die Anwendungsmöglichkeiten liegen auf der Hand: Heilung von Erbkrankheiten, Ausrottung von Krankheiten wie Krebs, Züchtung von Pflanzen mit bestimmten Merkmalen und so weiter und so fort. Ein spannendes Werkzeug also, in viele Richtungen zu gebrauchen, aber es kommt noch etwas hinzu:

„Trotz ihrer unvergleichlichen Potenz ist die CRISPR-Technik so einfach Hand zu haben, dass sie jedem Genlabor, ja bald vielleicht gar gymnasialen Schulklassen zu Verfügung stehen könnte. Das liegt im Wesentlichen daran, dass lediglich ein Erbgutabschnitt mit etwa 20 Nukleotiden (‚Buchstaben‘) synthetisiert werden muss statt ein vollständiges Protein, um die Ziel-Schnittstelle festzulegen. Die Herstellung eines geeigneten CRISPR-Komplexes für eine bestimmte Gensequenz dauert nur ca. drei Tage und kostet um die 20 €. Zuvor betrugen Dauer und Kosten Vielfaches davon.“ (Jaeger 81)

Der sich selbst so bezeichnende „Bio-Hacker“ Josiah Zayner verkauft bereits „Biologie-Baukästen“ mit denen Sie und ich zuhause Bakterien manipulieren können.1
Wahrscheinlich läuft Ihnen wie mir ein Schauer über den Rücken, wenn Sie von dieser Methode hören. Vielen Wissenschaftler/-innen ging es ähnlich, und sie setzten sich für eine Art Moratorium ein, um die ethischen Implikationen zu diskutieren: Wann und unter welchen Voraussetzung könnte CRISPR/Cas9 hilfreich und sinnvoll sein, welche begründeten Bedenken und Grenzen sind erkennbar?

Wolfgang Huber ist in einem Aufsatz diesen Fragen im Sinne evangelisch abwägender Ethik nachgegangen. Huber geht dabei davon aus, dass grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen der Genomchirurgie an Körperzellen und an Keimzellen:

„Genomchirurgie an somatischen Zellen ist in ihren Auswirkungen auf das jeweilige Individuum beschränkt; Eingriffe in die Keimbahn haben, wenn sich daraus Individuen entwickeln, Konsequenzen für alle Nachkommen dieser Individuen. Die lebensgeschichtlichen Implikationen von Keimbahneingriffen für die einzelne davon betroffene Person wie für ihre möglichen Nachkommen greifen unvergleichlich viel weiter, als dies bei genomchirurgischen Eingriffen in die somatischen Zellen eines Menschen der Fall ist.“ (Wolfgang Huber, Eine neue Ära? Ethische Fragen zur Genomchirurgie. In: Zeitschrift für evangelische Ethik 60/2016, S. 273)

Beim Einsatz dieser Technik stellt sich also die Frage: Wie viel Macht geben wir einer Technik, ggf. die ganze Menschheitslinie zu verändern?
Huber diskutiert die ethischen Probleme der Genomchirurgie an vier in der Medizinethik häufig angewendeten Prinzipien: Fürsorge, Schadensvermeidung, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. Ich will das nicht im Einzelnen durchgehen, nur zwei Aspekte herausgreifen.
Huber argumentiert zum einen mit dem „Vorsichtsprinzip“:

„Je präziser wir die künftigen Wirkungen möglichen Handelns einschätzen und eingrenzen können, desto klarer können wir dessen Verantwortbarkeit beurteilen. Je undeutlicher diese künftigen Wirkungen sind, desto mehr ist Vorsicht geboten. (…) Mit der Anwendung auf die menschliche Keimbahn (…) können sich langfristige Auswirkungen ungewisser Art und ungewisser Reichweite verbinden. (…) So lange solche Risiken weder ausgeschlossen noch in ihrem Ausmaß beschrieben werden können, ist ein international vereinbartes Verbot gentechnischer Eingriffe in die Keimbahn in einer moralischen Perspektive vergleichbar plausibel wie ein Verbot des Klonens.“ (Huber 277f.)

Damit ist ethisch eine Grenze gezogen, die im Blick auf gentechnische Eingriffe in Keimzellen Vorsicht angeraten sein lässt.

Zweitens: Huber fragt unter diesem Gesichtspunkt Gerechtigkeit nach der Unterscheidung von Therapie und Heilung einerseits und Verbesserung und Perfektion durch gentechnische Eingriffe und deren Finanzierung durch die Krankenkassen. Ausgehend von der Einsicht, dass Heilung und Therapie nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind, formuliert er:

„Der Gemeinschaft der Versicherten wird man nur die Finanzierung von Behandlungen zumuten, die zur Behebung von Krankheiten notwendig, medizinisch effektiv und in ihren Kosten vertretbar sind. Maßnahmen des Enhancement würden, wenn sie überhaupt zugelassen würden, nach meiner Vermutung auf absehbare Zeit von der Kassenfinanzierung ausgenommen sein. Sie wären dann also nur für Menschen erschwinglich, die sich diese zusätzlichen Kosten im eigenen Interesse oder im Interesse ihrer Kinder leisten könnten und wollten. Nehmen wir an, die Förderung von musikalischer Begabung, sportlichem Vermögen, wissenschaftlicher Exzellenz oder beruflicher Leistungsfähigkeit wäre tatsächlich durch positive Eugenik zu erreichen, dann würde gesellschaftliche Ungleichheit durch gentechnische Mittel verschärft. Befähigungsgerechtigkeit und daraus folgend Beteiligungsgerechtigkeit würden, zusätzlich zu ohnehin bereits gravierenden sozialen Unterschieden, auch noch durch den ungleichen Zugang zu Möglichkeiten des Enhancement beeinträchtigt.“ (Huber 279f.)

Wem gibt diese Technik welche Macht? Was kostet sie – und wen? Wer profitiert von ihr und in welcher Weise? Ich komme auf die Frage noch zurück, vorher aber noch das zweite Beispiel.

b) Quantencomputer und KI

Bei der Genomchirurgie taucht im Hintergrund die Frage auf: Wann ist der Mensch ein Mensch? Und wie lange bleibt der Mensch Mensch? Diese Frage ist auch im Blick zu halten in meinem dritten und letzten Beispiel technischer Entwicklung: der Quantentechnologie und der künstlichen Intelligenz (KI).
Diese Entwicklung ist zum Teil noch Science Fiction, weil noch niemand einen Quantencomputer gebaut hat, der funktioniert. Aber die Forschung ist dran und nach Einschätzungen von IBM wird es in ca. zehn Jahren Quantenprozessoren geben, die die Rechenkapazität heutiger Superrechner um ein Millionenfaches übertreffen. Ich verzichte darauf, an dieser Stelle die Hintergründe der Quantentechnologie zu erläutern, mir geht es um die ethischen Fragen, die solch eine dramatische Erweiterung der Datenverarbeitung aufwerfen. Denn KI bekäme einen ungeheuren Entwicklungsschub. Die Forschung unterscheidet zwischen schwacher und starker KI:

Schwache KI „löst konkrete Anwendungsprobleme des menschlichen Denkens, wofür sie komplexe Algorithmen anwendet. Sie erkennt zum Beispiel Gesetzmäßigkeiten in Mustern, Zeichen oder Sprache, erlernt und automatisiert einfache Handgriffe, (…) entwickelt Lösungsstrategien in Spielen wie Schach oder Go und findet Informationen in großen, ungeordneten Datensets. Indem sie mit Algorithmen intelligentes Verhalten in Maschinen simuliert, unterstützt sie in Einzelbereichen unser Denken. (…);

starke KI dagegen simuliert keine Intelligenz, sondern sie ist intelligent. Sie kann wie der Mensch kreativ nachdenken und dadurch etwas Originelles, vorher nicht dagewesenes Neues schaffen. In ihr finden somit echte geistige Prozesse statt.“ (Jaeger 212)

Nun ist es so, dass starke KI noch Zukunft ist und sich derzeit noch nicht erkennen lässt, ob und wann sie möglich ist, die Forscherinnen und Forscher sind hier unterschiedlicher Auffassung. Ich kann nachvollziehen, dass es eines „Sprungs“ bedarf, der aus reiner Datenverarbeitung geistige Prozesse werden lässt. Viele Forscher/innen halten dies derzeit unmöglich für „machbar“. Nun ist aber genau dieser Sprung irgendwann und irgendwie im Lauf der Evolution geschehen. Von daher fällt es mir schwer, grundsätzlich auszuschließen, dass es eines Tages Computersysteme geben könnte, die genau solche „Rechenleistungen“ wie sie in unseren Gehirnen ablaufen, möglich machen. Eine Grenze zwischen starker KI in diesem Sinn und dem Menschen, wie wir ihn kennen, könnte in der Emotionalität liegen, die untrennbar mit dem Körperempfinden und unseren sinnlichen Wahrnehmungen verbunden ist. Hier stellen sich viele Fragen, alles rein hypothetisch – aber es macht Sinn, allein die Möglichkeiten und Konsequenzen heute ethisch mit zu reflektieren, um vorbereitet zu sein, wenn doch möglich wird, was unmöglich scheint.

Aber allein im Bereich der schwachen KI sind bereits heute atemberaubende Fortschritte gemacht worden, die sich mit Hilfe der Quantentechnologie noch einmal in nicht vorhersehbarer Weise exponentiell ausweiten werden. Nach und nach wird uns bewusst, dass KI bereits heute erheblich auf unseren sozialen Alltag einwirkt. Facebook präsentiert mir maßgeschneiderte Nachrichten aus meiner Filterbubble, Google schlägt nach einem für mich nicht nachvollziehbaren Algorithmus Suchergebnisse vor, Bots nehmen in Wahlkämpfen Einfluss auf Wählerinnen und Wähler oder versuchen es zumindest. Und mit jeder Erfahrung „lernen“ die Systeme hinzu. Da geht es dann um die Frage: Welche Macht wird mit dieser Technik ausgeübt? In welchen Händen liegen die Machtmittel? Und wer kontrolliert, reguliert diese Machtmittel?

Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie durch Techniken „beherrscht“ werden, aber auch, dass sie sich ihnen verweigern können. Nun kann jede und jeder für sich entscheiden, nein, Alexa lasse ich nicht in mein Wohnzimmer und schon gar nicht in mein Schlafzimmer und WhatsApp installiere ich nicht auf meinem Smartphone. Aber insgesamt kann ich mich in dieser Gesellschaft diesen Entwicklungen nicht entziehen und zugleich ahnen wir, dass wir die Technik nur bedingt kontrollieren können. Aber hinter der Technik stehen Menschen, die Technik interessengeleitet einsetzen, aus ökonomischen, politisch-strategischen, militärischen Erwägungen. Wer kontrolliert diese Menschen?

Evangelisch abwägend drehe ich mich nun aber um und sage:

Auf der anderen Seite könnte aber KI vielleicht zu rationalen, vernünftigen, pragmatischen Lösungen für Probleme wie Klimaerwärmung, soziale Ungerechtigkeit, Ernährung der Weltbevölkerung kommen, auf die wir Menschen „allein“ nicht kommen. Beim autonomen Fahren wird das zB diskutiert mit der Hoffnung auf weniger Unfälle intelligentere Streckennutzung und somit CO2-Vermeidung, alles Auswirkungen, die uns Menschen zugute kommen (können/könnten), ein Beitrag zum guten Leben, zum Allgemeinwohl? Warum nicht auch Technologie auf andere Problemfelder ansetzen? Wohlgemerkt, alles noch im Bereich der schwachen KI, in denen Menschen Maschinen programmieren, ihnen Fragestellungen vorgeben.

Die Problematik liegt insbesondere in der Tatsache, dass sich der technologische Fortschritt atemberaubend schnell entwickelt, sowohl exponentiell als auch in komplexer Verschränkung, so dass wir Menschen mit unseren geistigen Fähigkeiten, der ethischen Reflexion und der Suche und Vereinbarung nach politischen Regelungen nicht mehr hinterherkommen.

Chancen und Risiken im Bereich der prognostizierten Entwicklungen von schwacher und starker KI scheinen alptraumhaft komplex zu sein, so dass sich die Frage stellt, ob sie überhaupt ethisch angemessen reflektiert werden können. Ich sehe die Gefahr, dass sich die Dinge „einfach so“ entwickeln, weil gesetzliche Regelungen nicht mehr hinterherkommen, zugleich es vermutlich immer jemanden geben wird, der ein Interesse daran hat, dass Mögliche auch Wirklichkeit werden zu lassen. Im Bereich von schwacher KI beherrscht immer noch der Mensch die Technik, fragt sich nur welche Menschen und mit welchen Interessen. Erst wenn es doch eines Tages den Sprung zu starker KI geben sollte, dann allerdings stellt sich Frage nach Herrschaft durch Technik „an sich“ über Menschen in neuer Form.

  • 5. Schlussbetrachtung

Ich möchte zum Schluss zwei Aspekte eher grundsätzlicher Natur mit Ihnen bedenken.

a) Was ist der Mensch, was soll er sein?

Mit einer Gruppe von Männern habe ich im letzten Jahr die Roboter-Ausstellung des DASA in Dortmund besucht und wir hatten dabei das Glück, einen exzellenten Führer zu haben. Er sagte zu Beginn: „Zunächst werden Sie begeistert sein, von dem, was Sie hier sehen und was ich Ihnen nahe bringe. Doch glauben Sie mir, in einer Stunde, am Ende der Führung werden Sie sehr nachdenklich die Ausstellung verlassen.“ Und genauso kam es. Sehr schweigsam setzten wir uns erst einmal reichlich mit uns selbst beschäftigt ins Cafe. Was war geschehen? Nun, unser Führer zeigte uns am Ende die Möglichkeiten der Verbesserung und der Perfektionierung des Menschen durch Prothesen, künstliche Organe usw. auf. Und er fragte: „Was ist denn, wenn künstliche Beine uns wesentlich schneller und länger laufen lassen als meine eigenen Beine? Was ist, wenn künstlich gezüchtete Herzen, Nieren und Lebern leistungsfähiger sind als meine eigenen? Was ist, wenn die Wahrnehmungsfähigkeit meiner Augen und Ohren erheblich verbessert werden kann? Bin ich dann am Ende ein besserer, weil leistungsfähiger Mensch? Besteht nicht recht schnell nicht nur der Wunsch, sondern auch die moralische Verpflichtung, sich so verbessern zu lassen, auch im Blick auf meine Leistungsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber? Und vor allem, ist der Mensch dann noch ein Mensch, wenn z.B. mehr als die Hälfte seiner inneren Organe, äußeren Glieder und Wahrnehmungsorgane durch bessere ersetzt wurden?“

Hier wird eine ganz neue Entwicklung erkennbar:

„Hat der Mensch in den letzten 250 Jahren durch Wissenschaft und Technologie seine Umwelt und seine Lebensbedingungen massiv verändert, so waren dabei das biologische und psychisch-geistige Fundament seines Wesens und seiner Subjekthaftigkeit weitestgehend unberührt geblieben. Aber nun wird der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte tatsächlich selbst Gegenstand technologischer Entwicklungen. (…) Diese Eingriffe in unsere Psyche, unsere Genetik und unser Denken stellen jeden von uns, unsere Kinder und Kindeskinder in unserem Wesen als Mensch grundlegend in Frage: unseren Körper in seiner eigenständigen Individualität, unsere Freiheit, unser Erleben und Fühlen, (…) also all das, worüber wir uns bisher als menschliche Subjekte definiert haben. Wir sind auf dem Weg, einen neuen Menschen zu schaffen. Eine grundlegende Veränderung unserer Biologie, unserer Psyche und Wahrnehmung, unseres Bewusstseins und unserer gesamten Identität zeichnet sich bereits ab.“ (Jaeger 156f.)

Es geht weniger in Zukunft um die Frage: Was ist der Mensch?, sondern um die Frage: Was soll er denn sein? Und wann und wie lange ist ein Mensch (noch) ein Mensch? Wenn er durch vielfältige „Verbesserungen“ aufgebohrt und getunt wird, sagen wir zu 50, 70, 80% durch technische Gerätschaften, „Ersatzteile“…? Und für wen wird das zugänglich, wer bezahlt die Verbesserung des Menschen? Und herrschen diese verbesserten Menschen aufgrund ihrer erworbenen Fähigkeiten dann über das „normale“ Volk, dass sich das nicht leisten kann?

Diese Fragen haben auch mit einer Traditionslinie zu tun, die mit Luther und der Reformation begann, der Ausrichtung an einem egozentrischen Individualismus:

„Diente das anthroprozentrische Weltbild seit Jahrhunderten der Befreiung von dogmatischen Zwängen religiöser und intellektueller Unterdrückung und ermöglichte dabei ebenso eine bedeutende Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen, so schuf es zugleich den Legitimationsraum für einen egozentrischen Individualismus und eine ichbezogene Vorstellung von Freiheit, die eine kollektiv-vernünftige Reaktion auf Bedrohungen wie die drohenden globalen ökologischen Umwälzungen sehr schwierig erscheinen lässt.“ (Jaeger 324)

An vielen Stellen bricht der Gedanke derzeit auf, und vielleicht ist es Hoffnungszeichen, dass wir wieder mehr vom Ich zum Wir kommen müssen, ein Gedanke der absolut mit dem Grundverständnis evangelischer Ethik übereinstimmt, der Orientierung am Nächsten und damit am Allgemeinwohl statt am Egoismus, sei es auf individueller Ebene oder im Blick auf Regionen und Nationen – „America first!“ ist aus evangelischer Sicht undenkbar.

b) Dürfen wir alles, was wir können? Und wenn nein, was folgt daraus?

Letztlich stehen wir wieder vor einer grundlegenden Frage: Dürfen wir überhaupt alles machen, was wir technisch machen können? Schon im Bereich der Nutzung der Atomenergie standen wir aufgrund der möglichen langfristigen Auswirkungen vor dieser Frage und wir haben auch dort gelernt: Leider gibt es keine einfache Antwort. Und heute?

Doch können wir überhaupt noch die Büchse der Pandora geschlossen halten? Ist sie vielleicht längst in geheimen Laboren geöffnet? In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hieß es in der letzten Woche:

„Das Pentagon und der Internetkonzern Google planen offenbar enorme Investitionen in die künstliche Intelligenz, um gemeinsam die Militärtechnik zu revolutionieren. In einer Debatte der Washingtoner Denkfabrik ‚Center for a New American Security‘ betonte Eric Schmidt, Vorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet, dass die Sicherheit künftig in entscheidendem Maße von der künstlichen Intelligenz abhänge. Selbsthandelnde und selbstentscheidende Roboter würden zu einer enormen Herausforderung werden. Und die Vereinigten Staaten, die für sich in Anspruch nehmen, die schlagkräftigste Armee der Welt zu unterhalten, seien in Gefahr, ihren Vorsprung in dieser Technologie zu verlieren. Ganz offen spricht Schmidt den stärksten Mitbewerber an: Das chinesische Militär habe ein Programm zur künstlichen Intelligenz aufgelegt, das bis 2020 auf Augenhöhe mit den amerikanischen Neuentwicklungen stehen soll. ‚Die chinesische Führung prescht energisch voran. Bis 2025 will sie in dieser Technologie das US-Militär überrunden und ab 2030 den Markt der künstlichen Intelligenz dominieren‘, so Schmidt. Es sei daher höchste Zeit, dass die eigene Armee entsprechende Aufträge an die private Industrie vergibt, um in diesem Wettlauf auch weiterhin die Nase vorn zu behalten.“ (HAZ vom 3. November 2017)

Was folgt daraus?

Aus protestantischer Ethik, die vom Dienst am Nächsten ausgeht, muss trotzdem zuallererst ein sachgerechter Pragmatismus gefordert werden. Dieser beinhaltet die Bereitschaft, sich auf die komplexen Fragestellungen einzulassen und auch die Machtfragen mit im Blick zu halten: Wer hat die Macht die Technik? Wem gibt Technik Macht? Dienst als Zuwendung zum Nächsten aus Liebe heraus ist keineswegs voraussetzungslos, sondern höchst anspruchsvoll. Es geht nicht um Gesinnung und nicht um Ideologie, nicht um einfache Antworten, sondern um die Frage: Wie können heute und in Zukunft und unter welchen Voraussetzungen Menschen gut leben? Welche Regelungen und Haltungen sind dafür erforderlich, wo ist ggf. auch Widerspruch oder gar Widerstand zu leisten?
So weit so gut – doch was ist, wenn das „Programm“ evangelischer Sozialethik mit seinem abwägenden und sich an einem vernünftigen Maß orientierendem Pragmatismus selbst an seine Grenzen kommt angesichts der Herausforderungen, vor denen wir heute stehen?

In der ZEIT stand vor zwei Wochen ein Artikel von Bernd Ulrich „Die Wahrheit auf sechs Beinen“ (ZEIT 44/2017, S. 3). Dort ging es um das Insektensterben und die Frage, warum die Politik diese Thematik nicht aufgreift. Bernd Ulrichs Antwort lautet: Die Politik hat den Sinn fürs Radikale verloren, weil ihr ein breiter Konsens und die mittlere Vernunft wichtiger sind. Zitat:

„Unglücklicherweise zeigen sich die demokratischen Dilemmata der mittleren Vernunft, der kleinen Schritte, des maßvollen Kompromisses heute nicht nur bei der Ökologie. Auch das globale Bevölkerungswachstum, die explodierenden Ansprüche der Menschen aus den früheren Demutszonen der Erde – alles führt in dasselbe Problem: dass nämlich sehr oft nur das Radikale das Realistische, nur das Rasche besonnen und nur das Riesige groß genug ist.“

Es bleibt für uns als Menschen eine offene Frage, wo die Grenzen zu ziehen sind zwischen dem vernünftigen Maß und der Abwägung verschiedener Alternativen einerseits und dem Widerstand und Protest gegenüber Entwicklungen andererseits, die uns als Menschheit und im Blick auf das Leben auf diesem Planeten insgesamt im Blick auf künftige Generationen menschlichen, tierischem und pflanzlichen Lebens bedrohen.

Ich wechsle ein letztes Mal die Perspektive und frage:

Bleibt aber nicht umgekehrt zugleich die beunruhigende Frage, ob wir uns nicht an der Schöpfung „versündigen“, wenn wir die uns bietenden Möglichkeiten nicht einsetzen, um Lösungswege für die Herausforderung allein des Klimawandels und seiner Folgen für das Leben auf diesem Planeten zu finden, Lösungen, auf die wir als Menschen „allein“ nicht kommen. Ist dann nicht aus evangelischer, schöpfungstheologischer Sicht geradezu Widerspruch, ja Widerstand gegen das Prinzip des mittleren, vernünftigen Maß angesagt – weil es um die Zukunft der Lebensmöglichkeiten von Menschen, Tieren und Pflanzen geht?

Viele Fragen, schwierige Fragen. Wer hat Antworten?

Manchmal ist es erst mal einmal wichtig und richtig, die Fragen über zu identifizieren und zu stellen, um die es geht. Beherrscht der Mensch die Technik oder die Technik den Menschen? Aus meiner Sicht ist dies eine Frage, die immer wieder zu stellen ist, damit sie wach gehalten wird und wir wachsam bleiben.

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Thesenreihe zur Disputation: Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit

0. Vorbemerkung

Die Thesenreihe habe ich für die mündliche Promotionsprüfung im Februar 2012 erstellt. Am Ende gehe ich kurz auf die Diskussion um dem „Dritten Weg“ im Arbeitsrecht der evangelischen Kirche ein. In einer Diskussion auf Twitter wurde ich von Ina Praetorius nach meiner Meinung dazu befragt, das war für mich der Anlass, den Text jetzt online zu stellen. Manches akzentuiere ich mittlerweile etwas anders, ich habe dennoch am Text nichts geändert..

1. Arbeit in systematisch-theologischer Perspektive

Theologische Rede von Arbeit geht von der grundlegenden Erfahrung des Glaubens aus, durch den Gott sich selbst dem Menschen erschließt. Durch den von Gott gewirkten Glauben wird dem Menschen ein Gottesverständnis zuteil, welches auf der einen Seite die Erkenntnis der Sünde einbezieht und zum anderem dem Menschen ein Welt- und Selbstverständnis vermittelt. Aus diesem Welt- und Selbstverständnis erwächst die Aufgabe, anthropologische Grundaussagen zu formulieren. Im Blick auf die menschliche Arbeit ist ein arbeitsorientierter Arbeitsbegriff1 zu beschreiben, der die Vorordnung des Menschen vor allen anderen Zwecken der Arbeit betont. In der Gegenwart kann Arbeit aufgrund der vielfältigen Veränderungen (Entgrenzung) nicht mehr »definiert« werden. Daher scheint es heute sinnvoll, von Arbeit in drei Dimensionen zu sprechen, die als Wahrnehmungskategorien gelten können: Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck.

2. Das Verständnis von Arbeit in den Schöpfungsberichten von Gen 1-3

Biblische Aussagen sind nicht bruchlos in eine Lehre von Arbeit zu übersetzen. Die Aussagen des AT zur Arbeit sind daher in ihrem historischen Entstehungszusammenhang zu reflektieren. Konkret bedeutet dies, sie – soweit als möglich – in den jeweiligen ökonomischen Rahmenbedingungen zu interpretieren. Grundsätzlich gilt: Arbeit ist im AT selbstverständlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens, aber kein eigenständiges Thema.2 Mit einer Ausnahme: der Paradiesgeschichte (Gen 2/3),

»da in ihr grundsätzlich und mit dem Anspruch auf einen über die konkrete Erzählsituation hinausgehenden Gültigkeitsanspruch über den Menschen und seine Bestimmung zur Arbeit nachgedacht wird.«3

Die Paradiesgeschichte und die dort formulierte Beschreibung menschlicher Arbeit kann als »utopische Erinnerung« gelesen werden, der »Rückblick« wird zum Ausblick und zur Gestaltungsperspektive:

»Bebaue den Garten, tu das im Einklang mit den Regeln der Natur, leiste die Arbeit, die erforderlich ist, sorge für das Fruchttragen der Bäume – ferner: sichere den Garten und schütze ihn vor dem Verfall, aber – bleibe in dem gegebenen Lebensraum, bewahre seine Grenzen!«

Die Arbeit wird zugleich nach dem priesterschriftlichen Schöpfungsbericht durch die Ruhe abgeschlossen (Gen 2,2)5, so dass die (Sabbat-) Ruhe konstitutiv mit zur Arbeit gehört. Somit wird in den beiden Schöpfungsberichten der Rahmen für ein Verständnis von Arbeit abgesteckt – zum Lebensraum gehört neben der räumlichen Ausdehnung somit auch die zeitliche Einordnung.

3. Die Mittelpunktstellung des Menschen in der Verkündigung Jesu

Auch im NT ist Arbeit kein eigenständiges Thema, für Jesus ist Arbeit ist selbstverständlicher Teil des menschlichen Lebens. Aus Mk 2,27 folgt aber eine Abgrenzung von Arbeit und Ruhe und zugleich eine inhaltliche Bestimmung von Arbeit.6 Die sich hier zeigende Mittelpunktstellung des Menschen wird an Jesu Haltung zum Sabbat erkennbar:

»Nicht nur in Ausnahmefällen, sondern grundsätzlich ist das Gesetz Geschenk Gottes an den Menschen, dem Treppengeländer vergleichbar, das niemand verwehrt, ohne seine Hilfe hinaufzusteigen, den, der es nötig hat, aber davor bewahrt über die Treppe hinauszustürzen. Die pharisäische Ehrfurcht vor Gottes Gesetz, die nicht mehr zu fragen wagt, warum oder wozu das Gebot erlassen wird, ist also gerade nicht gefordert. (…) Im Menschensohn ist der Wille Gottes zum Menschen, sein ganzes, volles Schenken Wirklichkeit geworden. Darum ist er so Herr über den Sabbat, daß er ihn wieder zur Hilfe schenkt, nicht als Last auflegt.«

Jesus übernimmt – ähnlich wie beim dreifachen Liebesgebot – die Tradition Israels und interpretiert sie lebens- und menschendienlich.8 Der Sabbat ist für den Menschen geschaffen, nicht der Mensch für den Sabbat. Damit wird zugleich eine implizite normative Aussage über Arbeit gemacht, da die sabbatliche Ruhe konstitutiv zur Arbeit hinzu gehört.

4. Das Verständnis von Arbeit in der protestantischen Tradition als Korrektiv für die lebensweltorientierte Auseinandersetzung mit Arbeit in der Gegenwart

Ein lebensweltbezogener Ansatz steht immer in Gefahr, gegenwärtige Phänomene isoliert zu betrachten und zu verabsolutieren – oder wesentliche Aspekte nicht wahrzunehmen. So hat jüngst Traugott Jähnichen danach gefragt, ob die Parallelität von gesellschafts- und kirchenreformerischen Diskursen ein Beispiel für die »Zeitgeistanfälligkeit« des deutschen Protestantismus sei.9 Zumindest partiell bejaht er diese Frage und konstatiert seit den 1990er Jahren parallel zu Entwicklungen im staatlichen Bereich das Eindringen ökonomischer Denkmuster und Modelle in kirchliches Handeln. Diese Parallelität lässt kritisch fragen, wie unter solchen Vorzeichen innerkirchlich von Arbeit gesprochen wird (vgl. dazu These 6). Im Blick auf Arbeit weist dies aber darüber hinaus grundsätzlich darauf hin, dass in der kirchengeschichtlichen Tradition nach früheren evangelischen Arbeitsverständnissen gefragt werden muss, die entweder bis in die Gegenwart weiter wirken oder ein Korrektiv zur gegenwärtigen Diskussion darstellen können. In jüngster Zeit hat sich Torsten Meireis dieser Aufgabe gewidmet, in dem er das protestantische Arbeitsverständnis in der Reformationszeit über Ritschl und Barth bis in die Gegenwart nachzeichnet. Dieser historische Blick aus der »Vogelperspektive« ergänzt die »Makroaufnahme« des Lebensweltansatzes – und umgekehrt.

Der Rückgriff auf Luthers Berufsverständnis könnte z.B. hilfreich sein, verkrustete Argumentationsstrukturen im Blick auf die Diskussion über Veränderungen im Berufskonzept (duales Ausbildungssystem), welche durch die Öffnungen der Ländergrenzen im europäischen, aber auch globalen Horizont ausgelöst werden10, aufzubrechen. Meireis formuliert im Anschluss an Luthers Unterscheidung von vocatio externa und vocatio interna:

»Der ›Beruf‹, die Tätigkeit des Menschen, sichert nicht das Heil, sondern sein Bereich ist das Wohl«.

Diese Unterscheidung wehrt jeglicher neuzeitlicher Überhöhung des Berufs12 und macht frei, Vor- und Nachteile des deutschen Berufssystems in der Gegenwart zu reflektieren. Denn:

»Das Berufskonzept (Luthers, M.J.) sanktioniert (…) einerseits die (…) an der Mannigfaltigkeit menschlicher Individualität orientierte Vielfalt von Tätigkeiten, (…) sodass etwa eine Begrenzung auf die Form der Erwerbsarbeit nicht begründbar erscheint, wertet aber andererseits die Tätigkeiten weder nach ihrem Wirkungsgrad noch nach ihrem gesellschaftlichen Status, sodass das Konzept eine antielitäre Pointe hat.«

Mit anderen Worten: Entgrenzungsphänomene von Arbeit können so als Chance und als Herausforderung begriffen werden, »Arbeit« im anthropologischen Sinn neu zu werten und auszurichten, weil sowohl der Überhöhung von jeglicher Arbeit als auch der verengten Sicht auf das Berufs- und Erwerbsarbeitssystem entgegengetreten werden kann.

5. Sozialethik als vom »summum bonum« ausgehende Leitbildethik

Sozialethik fragt nach Kriterien des Handelns, die als Konkretionen des Glaubens in der jeweiligen Gegenwart gelten können. Ich schließe mich Härle an, der es sinnvoll hält, sich dabei an den Bestimmungen des Menschen zu orientieren und sich für eine Leitbildethik ausspricht:

»Eine an den Bestimmungen des Menschen orientierte Leitbildethik knüpft damit an den Gedanken an, dass Ethik vom Gedanken des höchsten Gutes (summum bonum) aus zu entwerfen und zu entfalten ist. Die Ethik wandelt damit (…) ihren gebietenden in einen einladenden Ton und Stil.«

Es bietet sich an, als summum bonum im Blick auf Arbeit vom Ziel des »guten Lebens aller«15 auszugehen. Die Welt kann dann – im Anschluss an Praetorius16 – als Haushalt beschrieben werden, dieses Leitbild ist Rahmen und Vision gleichermaßen. In der Gegenwart gilt es mit Hilfe der Dimensionen Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck Kriterien zur Bewertung von »Arbeit« zu entwickeln, die aus der Glaubens- und Sündenerkenntnis folgen. Die Herausforderung liegt darin, Arbeit aus der Engführung des Normalerwerbsarbeitsbegriffs herauszuführen, um die – unbewussten, übersehenen, vernachlässigten – Potentiale der menschlichen Arbeit für das gute Leben aller heben zu können. Sie müssen anschlussfähig formuliert sein und bedürfen somit des interdisziplinären Dialogs. Sozialethik ist daher öffentliche Theologie.17

6. Kirche als Arbeitgeberin – der »Dritte Weg« in der Diskussion

Sozialethische Reflexion zielt zum einen auf den Dialog mit den gesellschaftlichen Gruppen, muss aber in gleicher Intensität auch den innerkirchlichen Umgang mit Arbeit reflektieren und ihre eigenen Arbeitsverhältnisse überprüfen. Dies gilt sowohl für die ehrenamtliche Arbeit als auch die hauptamtlichen Arbeits- und Dienstverhältnisse. Ein Sonderfall in mehrfacher Hinsicht stellt dabei der Pfarrberuf dar, der in den letzten Jahren zunehmend in die Diskussion geraten ist, wohl auch als Folge einer sich entgrenzenden Arbeitswelt.

Aktuell ist der »Dritte Weg« in der Diskussion. Es wird zum einen um das Streikrecht für kirchliche Mitarbeitende gestritten, zum anderen werden erstmals Einrichtungen aus der Diakonie ausgeschlossen (Wichernstift/Ganderkesee). Die Synode der EKD hat sich 2011 ausdrücklich mit dem »Kirchengesetz über die Grundsätze zur Regelung der Arbeitsverhältnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakonie«18 zum Dritten Weg bekannt. Dennoch stellen sich verschiedene Fragen: Ist der konsensorientierte »Dritte Weg« noch geeignet, die arbeitsrechtlichen Probleme in der Gegenwart19 angemessen lösen zu können? Wie ist das Verhältnis von Persönlichkeitsrechten der Mitarbeitenden20 einerseits und dem Verständnis der Dienstgemeinschaft in Kirche und Diakonie andererseits in der Gegenwart zu beschreiben, vielleicht auch neu zu justieren? Anders gefragt: Welche Chancen und Risiken bietet die Entgrenzung der Arbeitswelt auch für die kirchlichen Arbeitgeber und ihre Mitarbeitenden? Welcher Weg mag eher in die Zukunft führen und zum Ziel des guten Lebens aller beitragen – eine Reform des Dritten Weges oder eine Annäherung an das System von Tarifverträgen (inkl. Streikrecht)? Und wie ordnet sich der Pfarrberuf in diesen Fragen ein? Die drei Dimensionen der Arbeit können bei der Wahrnehmung und Bewertung der komplizierten und komplexen Materie helfen, sowohl den Anspruch allen kirchlich-diakonischen Handelns als auch die Interessen der hauptamtlichen Mitarbeitenden im Blick halten.

Voerde, den 16.02.2012

7. Literatur

Arn, Christof 2000: HausArbeitsEthik. Zürich: Rüegger

Arnold, Rolf (2003): Berufsbildung ohne Beruf? (Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung Bd. 34). Hohengehren: Schneider

Becker, Uwe 2006: Sabbat und Sonntag. Plädoyer für eine sabbattheologisch begründete kirchli­che Zeitpolitik. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag

Bedford-Strohm, Heinrich 2009: Dietrich Bonhoeffer als öffentlicher Theologe. In: Evangelische Theologie (69. Jahrgang, Heft 5), S. 329-341

Dschulnigg, Peter 2007: Das Markusevangelium (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament Band 2). Stuttgart: Kohlhammer

Ebach, Jürgen 1980: Zum Thema: Arbeit und Ruhe im Alten Testament. In: Zeitschrift für evan­gelische Ethik (ZEE), 24. Jahrgang. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, S. 7-21

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 2011: Beschluss zum Kirchengesetz über die Grundsätze zur Regelung der Arbeitsverhältnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakonie (Arbeitsrechtsregelungsgrundsätzegesetz der EKD –ARGG-Diakonie-EKD). Online: http://www.ekd.de/synode2011/beschluesse/beschluss_XI_5_argg_diakonie-ekd.html

Frey, Christofer 1983: Die Reformation Luthers in ihrer Bedeutung für die moderne Arbeits– und Berufswelt, in: Löwe, Hartmut/Roepke, Claus-Jürgen: Luther und die Folgen. München: Christian Kaiser , S. 110–134.

Gertz, Jan Christian 2009: »Im Schweiße deines Angesichts…« Alttestamentliche Perspektiven zum Thema »Sinn der Arbeit – Ethos der Arbeit«. In: Alttestamentliche Wissenschaft und kirchliche Praxis. S. 267-283

Härle, Wilfried 2010: Ethik. Berlin/New York: Walter de Gruyter

Jähnichen, Traugott 2009: Die Parallelität von gesellschafts- und kirchenreformerischen Diskursen im 20. Jahrhundert : ein Beispiel der Zeitgeistanfälligkeit des deutschen Protestantismus? In: Karle, Isolde (Hrsg.): Kirchenreform. Interdisziplinäre Perspektiven. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, S. 81-96

Kreß, Hartmut 2011: Das kirchliche Arbeitsrecht und der Schutz der individuellen Grundrechte : ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hat einen Impuls zugunsten individueller Grundrechte gesetzt. – In: Zeitschrift für evangelische Ethik. 55. Jahrgang. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, S. 3-10

Lührs, Hermann 2011: Die Zukunft der Arbeitsrechtlichen Kommissionen. Arbeitsbeziehungen in den Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden im Umbruch. Online: http://www.ev-akademie-rheinland.de/Downloads/Vortrag_Luehrs.pdf

Meireis, Torsten 2008: Tätigkeit und Erfüllung. Protestantische Ethik im Umbruch der Arbeits­gesellschaft. Tübingen: Mohr Siebeck

Moltmann, Jürgen 1979: Der Sinn der Arbeit. In: Brakelmann, Günter/Klappert, Berthold/Moltmann, Jürgen/Zimmerli, Walther (Hrsg.): Recht auf Arbeit, Sinn der Arbeit. München: Christian Kaiser, S. 59-83

Praetorius, Ina 2002: Die Welt als Haushalt und der Haushalt Gottes. In: Praetorius, Ina: Die Welt: ein Haushalt. Texte zur theologisch-politischen Neuorientierung. Mainz: Matthias Grü­newald, S. 21-42

Schweizer, Eduard 1978: Das Evangelium nach Markus (Das Neue Testament Deutsch – Neues Göttinger Bibelwerk), 15. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

8. Anmerkungen

1 Der Begriff stammt ursprünglich von Jürgen Moltmann und wird in Abgrenzung zu einem »produktorientierten« Arbeitsbegriff formuliert. (1979,80)

2 Gertz 2009, 268

3 Gertz 2009, 279

4 Ebach 1980, 15. »Erinnerung ist die utopische Erinnerung an die alttestamentarische Rede von Arbeit und Ruhe, weil sie Vergangenes benennt, utopisch (nicht illusionär) ist sie, weil sie vergangene Hoffnung festhält.« (ebd., 16). – Gertz folgt Ebach weitgehend in seiner Interpretation von Arbeit und Ruhe, so dass ich seine Kritik, Ebach überhöhe mit dem Begriff der utopischen Erinnerung den alttestamentlichen Text, nicht nachvollziehen kann. (Vgl. Gertz 2009, 278)

5 Ebach weist darauf hin, dass O. H. Steck seinerzeit hier übersetzte: »Gott brachte seine Arbeit zum Abschluss, indem er am siebten Tage ruhte von aller seiner Arbeit.« (Ebach 1980, 19 Anm. 55)

6 »(Das Wort) besagt positiv, dass der Schabbat (von Gott) zum Heil der Menschen geschaffen wurde und betont ergänzend negativ, dass der Mensch nicht für den Schabbat geschaffen sei. Der Schabbat und seine Anordnungen dienen also grundsätzlich dem Heil und der Wohlfahrt der Menschen, er ist aber nicht dazu da, Menschen Lasten aufzubürden, die sie nicht tragen können und ihrem Wohlergehen nicht dienen.« (Dschulnigg 2007, 105f.)

7 Schweizer 1978, 35f.

8 »Gegen eine kasuistisch verengte Sabbatobservanz betont er (Jesus, M.J.) mehrfach, dass die kasuistische Ausgestaltung des Sabbats sich am Prinzip des Lebensdienlichen und Gutestun der Mosetora (…) zu orientieren und das Humanum in Form der Befreiung von Not und der Gewährleistung einer lebenshilfreichen sozialen Praxis zu bewahren hat« (Becker 2006, 274).

9 Jähnichen 2009

10 Vgl. hierzu z.B. die Aufsätze des Sammelbandes: »Berufsbildung ohne Beruf?« (Arnold 2003)

11 Meireis 2008, 89. Ähnlich formuliert Christofer Frey: »‹Beruf‹ ist die theologische Ortsanweisung für den in der Welt tätigen sich in der Welt verhaltenen Menschen. Sie setzt bei Gott an. Er ist nicht jenes höchste Gut, das alle Güter der Welkt auf sich hinordnet.« (Frey 1983, 118)

12 »Neuzeitliches Verständnis der Arbeit setzt voraus, daß Menschen nicht nur eine Welt zur Bearbeitung vorfinden, sondern daß sie ihre Welt durch Arbeit herstellen.« (Frey 1983, 123f.) Verknüpft sich dieses Verständnis noch mit der Vorstellung eines Normalerwerbsarbeitsverständnisses, wird schnell erkennbar, warum die Entgrenzung der Arbeit in der Gegenwart für das deutsche Berufskonzept bedrohlich wirken muss.

13 Meireis 2008, 90

14 Härle 2010, 206. Und weiter: »Eine an den Bestimmungen des Menschen orientierte Leitbildethik, die nach dem summum bonum fragt und von da aus argumentiert, orientiert sich (…) eher an kontinuierlichen Übergängen, bei denen es neben richtig/falsch, gut/böse, erstrebenswert/nicht erstrebenswert immer auch um das mehr oder weniger Erstrebenswerte, gute oder weniger Gute geht. In einer solchen Ethik ist Raum für Abstufungen und Komparative.« (ebd.)

15 Arn 2000, 242

16 Praetorius 2002

17 »Öffentliche Theologie ist der Versuch, im interdisziplinären Austausch mit anderen Wissenschaften an der Universität und im kritischen Gespräch mit Kirche und Gesellschaft in gesellschaftlichen Grundfragen Orientierung zu geben und dabei Ressourcen der Kommunikation zu erarbeiten, die die Relevanz religiöser Orientierungen in der pluralistischen Gesellschaft deutlich machen.« (Bedford-Strohm 2009, 331)

18 EKD 2011

19 Lührs (2011, 2f.) zeichnet die Entwicklung in Folge der veränderten staatlichen Sozialpolitik seit den 90er Jahren (»Ökonomisierung des Sozialen«) nach, die – durch die Trennung vom BAT – zu einer Aufgabenverschiebung in den arbeitsrechtlichen Kommissionen geführt hat: statt die vorher vereinbarten Regelung für den BAT zu übernehmen gilt es nun auszuhandeln. »An die Stelle der früheren Koordination von Sachentscheidungen (tritt) nun Schritt um Schritt der Konflikt von Interessen.« (3)

20 Hartmut Kreß hat jüngst in einem Aufsatz zu der Entscheidung des europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte zum Grundrechtsschutz im kirchlichen Arbeitsrecht vom 23.09.2010 geschrieben: »Der Staat hat das korporative Selbstbestimmungsrecht einer Kirche (…) hinsichtlich der arbeitsrechtlichen Regelungen zweifellos zu respektieren, wenn es um geistliche oder religiöse Belange im engeren Sinn sowie um Mitarbeiter geht, die kirchliche (…) Kernfunktionen ausüben. Dabei ist aber genauer zu durchdenken und zu plausibilisieren, welche Inhalte den kirchlichen (…) Kernfunktionen tatsächlich zuzurechnen sind und inwieweit die Persönlichkeitsrechte von Mitarbeitern auch in diesem engen Sinn zu wahren sind. (…) Darüber hinaus ist ernst zu nehmen, dass der Staat ›Heimstatt aller Staatsbürger‹ ist. Die Rechtsordnung hat die Gerechtigkeit, insbesondere den Grundrechtsschutz zu gewährleisten, für Rechtssicherheit zu sorgen und die Rechtsgüter zweckmäßig abzusichern. Dies soll allen Bürgern gleicherweise zugutekommen. Daher besitzen ebenfalls Kirchenmitglieder und kirchliche Arbeitnehmer ein Anrecht auf Justizgewährleistung und auf wirksamen Rechtsschutz. Das Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (…) hat gezeigt, dass in der Bundesrepublik Deutschland in dieser Hinsicht Klarstellungsbedarf besteht. Im demokratischen Rechtsstaat kann Kirchen auch bei arbeitsrechtlichen Konflikten keine unüberprüfbare Definitionshoheit über Inhalte, Geltung und Reichweite der von ihnen gesetzten Normen mehr zukommen.« (2011, 8f)

Philipp Gessler: Wolfgang Huber. Ein Leben für Protestantismus und Politik – Eine biografisch gefärbte Rezension

Philipp Gessler hat es unternommen in diesem Jahr eine Biografie von Wolfgang Huber zu verfassen, dem ehemaligen Bischof und EKD-Ratsvorsitzenden. Er ist dabei so vorgegangen, dass er insbesondere Interviews mit Huber selbst und mit Menschen geführt hat, die mit ihm mehr oder weniger eng verbunden sind. Das macht die Sache reizvoll, eine ausführliche Bewertung des Lebenswerks Hubers ersetzt das nicht, dazu ist es aber vielleicht noch zu früh, schließlich wirkt er im Ruhestand weiter.

Ich habe das Buch zum Geburtstag geschenkt bekommen und innerhalb kürzester Zeit gelesen. Es war spannend – weil ich dabei meiner eigenen Geschichte begegnet bin, die im Blick auf mein theologisches Denken untrennbar mit dem Namen Hubers verbunden ist. Ich habe das Buch aus meiner Perspektive gelesen und dabei noch einmal diese Jahre an mir vorbei ziehen gelassen. Denn meine »Kirchengeschichte« beginnt in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einer Zeit, in der Wolfgang Huber in die Öffentlichkeit dringt, in der Friedensbewegung und als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Ich habe das Glück gehabt, ihm in meinem Studium in seinen ersten Professorenjahren in Marburg zu begegnen. Daher habe ich zuallererst das Kapitel über Marburg aufgeschlagen. Die Theologin Helga Kuhlmann schreibt dort:

»Er war schwungvoll. Er war begeistert von seinen Anliegen. (…) Dieser Stil hat mir mehr imponiert als eine Theologie, die nur Fakten vermittelte. Hubers Theologie hat die bestärkt, die davon überzeugt waren, dass Christsein nicht nur in der Kirche oder nur im Privaten stattfindet. (…) Er hat nicht abgelehnt, dass Theologie auch Frömmigkeit bedeutet, aber er hat deutlich gemacht, dass Frömmigkeit allein nicht ausreicht.« (S. 133)

Diesen Worten kann ich mich voll und ganz anschließen. Meine bis heute andauernde Begeisterung für sozialethische Themenstellungen geht zurück auf die Vorlesungen und Seminare bei Huber. Das Buch »Folgen christlicher Freiheit«, das in der Zeit in Marburg erschien, habe ich damals sofort gekauft, ziemlich zerlesen steht es in meinem Regal. Neben dem Gemeindepfarramt habe ich mich von Anfang an im KDA (Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt) engagiert. Einen vorläufigen Höhepunkt hat diese »Anstiftung zur Sozialethik«  in meiner Dissertation (»Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit«) gefunden, die 2012 abgeschlossen wurde. Diese beginnt auch mit einem Huber-Zitat, allerdings eher zufällig und nicht als Hommage »geplant«.

Als Huber nach Heidelberg zurück ging, habe ich seinen weiteren Weg aus der Ferne beobachtet. Von daher ist Gesslers Biografie spannend, um diese Stationen und den inhaltlichen Werdegang Hubers aus anderer Sicht dargestellt zu bekommen.

Etwas überraschend, wenn auch nicht ganz neu, war für mich die Erkenntnis, dass Huber schon früh in seiner Zeit bei der FEST in Heidelberg interdisziplinär ausgerichtet war. Ich kann mich zwar daran erinnern, dass er z.B. in der Friedensfrage mahnte, sehr genau hinzuschauen und die Details zu berücksichtigen. »Gesinnungsethik« reicht nicht, bläute er uns ein. Als Plädoyer für interdisziplinäres Arbeiten habe ich das damals dennoch nicht verstanden. Dennoch war auch mir immer wichtig, über den Tellerrand der theologischen Wissenschaft hinaus zu schauen. Dies führte dann später auch zu der Entscheidung, noch einmal an der Fernuni in Hagen Erziehungswissenschaften und Sozialpsychologie zu studieren. Ich frage mich jetzt, ob Huber hier einen Einfluss auf meine Einstellung hatte, der mir bislang verborgen geblieben ist.

Der Durchgang durch die letzten 35, 40 Jahre lässt dann auch eigene Erinnerungen an friedensbewegte Zeiten, an die Kirchentage ein den achtziger Jahre oder an die intensiven Diskussionen in Pfarrkonvent und Gemeinde in den letzten Jahren um das Impulspapier »Kirche der Freiheit« aufkommen. Ich verstehe auch besser den Prozess, den manche als »Nachdunkeln« bezeichnet haben und von dem Huber selber sagt,

»dass man im Laufe der Jahre ein besseres Verständnis für die Bedingungen und Zwänge entwickelt, unter denen Handeln in der Politik und auch in der Kirche steht.« (S. 166)

Vor diesem Hintergrund ist es spannend zu lesen, wie Huber sich zu Themen der Ökumene, zum Streit um den Religionsunterricht in Berlin, zum Islam und anderen, z.T. immer noch aktuellen Themen geäußert hat. Egal, wie ich im Einzelfall selber denke, mir hat immer der Mut und Klarheit imponiert, sich stets zu äußern aus einer theologischen Verantwortung heraus. Dies hat der »Fast-Nicht-Theologe« Gessler (vgl. S. 11), wie ich finde, gut deutlich gemacht.

Zum Schluss eine kleine Begebenheit, in der ich Wolfgang Huber so erlebt habe, wie er auf vielen Seiten dieses Buches von Weggefährten beschrieben wird. Im Jahr 2003 wird er zum Ratsvorsitzenden gewählt, im gleichen Jahr feiert die KDA-Regionalstelle Duisburg-Niederrhein ihr zehnjähriges Bestehen. Prediger im Festgottesdienst war Präses Nikolaus Schneider, den Festvortrag in der Lohnhalle des Bergwerks West in Kamp-Lintfort hält Jürgen Schmude. Ich selber stand damals dem Geschäftsführenden Ausschuss der Regionalstelle vor, es erscheint eine Festschrift. Dieses kleine Heft packe ich nach der Wahl Hubers in einem Umschlag, zusammen mit einem Brief, in dem ich ihm zur Wahl gratuliere und darauf verweise, dass mein Engagement für den KDA auf die »Anstiftung« zur Sozialethik durch ihn zurückgeht. Etliche Wochen später kommt ein Brief aus Hannover von Jens Kreuter, dem Referenten Hubers bei der EKD. Kreuter schrieb mir sinngemäß: Wolfgang Huber hat eine Vielzahl von Glückwünschen zu seiner Wahl erhalten, die er in der Regel mit einem Formbrief beantwortet ließ. Meine Gratulation hätte er aber gezielt herausgezogen und ihn, Jens Kreuter, gebeten eine Antwort zu schreiben – weil er wusste, dass auch Kreuter maßgebliche Anstöße von ihm erhalten habe.