Zwischen den Stühlen. Vom Wandern und Wundern

Zwischen den Stühlen.  Vom Wandern und Wundern

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich eine kleine Besprechung zu dem Buch „Vom Wandern und Wundern“ schreiben. Aber letzte Woche kam mit Christian Hennecke zuvor. Und ich dachte, ja, das sieht du praktisch alles genauso, kannst dir also deine Rezension sparen. Aber da waren noch so viele andere Gedanken mittlerweile im Kopf. Die habe ich jetzt aufgeschrieben.

„Sie werden viel unterwegs sein.“
Sagte mein Direktor Ralf Tyra bei meiner Einführung als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Ende 2014, in Osnabrück.
Und ich strahlte.
Durfte ich doch fortan den ganzen Tag machen, was ich immer schon gerne gemacht habe:
Wandern.

Zwischen den Stühlen, das war irgendwie schon immer mein Platz.
In der Gemeinde waren die spannendsten Tage solche:
morgens in Duisburg mit den KDA-Kollegen reflektieren,
mittags auf den Friedhof in der Mittagshitze eine Familie begleiten,
nachmittags im Konfirmandenunterricht mich den Fragen der 14jährigen stellen,
abends auf dem Rad all das hin und her bewegen.

Oder so:
Als einer von zwei Männern unter siebzig Frauen auf der Denkumenta 2013, Differenz und Verbundenheit hochzwei.
In Hildesheim im Cafe mit Birgit sitzen, quatschen, Kakao und am Ende eine Projektidee.
Morgen für Morgen nach der Zeitung mit Christine über Gott und die Welt reflektieren und staunen, was da immer wieder bei herauskommt.
Mich im Zug zum Kirchentag spontan mit Klaus Motoki Tonn (dem neuen Kommunikationschef unserer Landeskirche) verabreden und mit ihm zwei Stunden hinter den Hackschen Höfen unterwegs sein, zu Fuß und gedanklich.
Und so weiter und so fort.
Offenheit für das Neue, das Fremde, das Staunen.

Wundern ist für mich ein neues Wort.
Ich habe dafür meist Staunen gesagt.
Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle gesagt.
Staunen trifft mich, betrifft mich.
Nimmt mich an der Hand und führt mich weg.

Wandern, hin und her.
Ich liebe es, im Zug zu schreiben.
Die Landschaft fliegt vorbei.
Meine Gedanken kommen auf Trab.
Und dann beginnt das Ringen um Sprache.
Um Worte und Wörter und deren Beziehung.
Poesie befreit.
Poesie verbindet.

Wie beschreibe ich dieses Gefühl, um eine eigene Sprache zu ringen?
Oder von Worten anderer getroffen berührt zu werden?
Eine Landschaft in flimmernder Sommerhitze.
Die Luft vibriert.
Gleißendhelles Licht.
Schweiß auf der Haut.
Lebendigkeit, kaum auszuhalten.

Dieses Gefühl stellte sich beim Lesen der persönlichen Skizzen im Buch: „Vom Wandern und Wundern“ ein.
Menschen sind unterwegs.
Auf der Suche, neugierig und offen.
Verletzlich und verletzt.
Fremd und nah.
Frei und verbunden.

„Am gläubigsten sind Menschen in Verbundenheit und Freiheit.“

Schreibt Hannah Buiting (45).
Tiefe Weisheit in acht Worten.

Ich lese weiter.

„Die Kirche hat eine eigene Dynamik, welche Personen in wenigen Jahren zu domestizieren vermag. Du hast dich dagegen gewehrt und stehst wahrscheinlich auch heute in dieser Spannung zwischen Orientierungslosigkeit, Fremdheit und kirchlicher Verbundenheit. Ringst damit, kirchlich dazuzugehören und doch nicht hineinzupassen. Genau das ist aber dein Potential.“ (185f.)

So Sabrina Müller.
Ich habe mich nie so fremd gefühlt, aber eine skeptische Distanz zur „Kirche“ war (und ist) immer auch da.
Bei aller Vertrautheit und Verbundenheit.
Daher kann ich nicht anders als zu wandern und mich zu wundern.
Mal freudig erregt, mal sprachlos entsetzt, mal zwischendrin.

Markus Kalmbach erzählt von einer Sehnsucht, die zu entwickeln ist:
Von der Sehnsucht nach den 99 Schafen.

„Kirche geht hin zu den Menschen, dort wo sie leben. In unseren gewohnten kirchlichen Strukturen ist das leider schwer umsetzbar. Darum wäre es sinnvoll, Menschen für eine solche Aufgabe als ‚Pioniere‘ freizustellen.“ (108)

Hingehen, dazwischensein, Inter-esse zeigen.
Ein Weg ist der Um-Weg über die Arbeit.
Die (Erwerbs-) Arbeit, die Menschen leisten.
Die sie freut und belastet, glücklich macht und quält.
Wir im KDA, im Kirchlichen Dienst IN der Arbeitswelt, sind „Pionier/-innen“, die da hingehen.

Denn meine, unsere Erfahrung ist immer wieder aufs Neue:
Wir kommen in viele Betriebe.
Manchmal werden wir eingeladen, meist aber klopfen wir an und sagen:
Wir möchten euch besuchen.
Fast immer öffnet sich die Tür für uns.
Und dann geht es ganz oft so:
Die Tür geht hinter uns zu, Kaffee steht auf dem Tisch oder Tee und Wasser.
Und unsere Gastgeber/-innen fangen an zu erzählen.
Erst mal nicht über ihr Unternehmen.
Sondern ob sie in der Kirche sind oder nicht.
Welche Erfahrungen sie mit Gemeinde und Pastoren gemacht haben.
Was sie aus ihrem Glauben heraus ethisch umtreibt, wenn sie an den Arbeitsalltag denken.
Oft kommen auch Kränkungen auf den Tisch, wie diese:
„Kirche interessiert sich nur für die Arbeitswelt, wenn sie Spenden haben möchte.“
Erst später sehen wir dann die Powerpoint, die uns den Betrieb näher bringt und gehen durch die Hallen.

Sebastian Baer-Henney schreibt über die Milieus, die Kirche nahe stehen und andere, die abseits stehen.
Ich bin da ganz bei ihm und seinen Überlegungen.
Es gilt die Grenzen durchlässig zu machen.
Da müssen wir mittendurch und zwischendrin sein.
Aber der Weg ist weit…
Und wohin führt er?
Letzte Woche traf ich mich mit Kollegin und Kollege mit Ulrich Kasparick.
Pfarrer in Hetzdorf.
Googelt ihn mal oder sucht ihn auf Facebook.
Er erzählt viel vom Wandern und Wundern.
Zum Beispiel:
Da sind zwei Nonnen aus der Schweiz hierher gezogen.
Er hat sie gefragt:
Warum kommt ihr ausgerechnet hierher ins entchristlichste Gebiet Europas?
Antwort:
Wir wollen gucken, wo der Herrgott hier schon unterwegs ist.
Wandern – und sich wundern über die Wunder.

Teamwork, anders geht Kirche nicht.
Schreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk.
Das glaube ich auch.
Dass wir als Pfarrer/-innen oft so einsam unterwegs sind, ist furchtbar.
Heute bin ich Teil eines Teams im Haus kirchlicher Dienste in Hannover.
Und genieße die Gemeinschaft, die Unterstützung, die kreativen Anregungen, kollegiale Beratung. Inspiration durch Verschiedenheit.
Dankbar bin ich auch für die Philosophie des Hauses:
Scheitert erfolgreich!
Probiert aus, testet, seid mutig, macht euch auf, geht mittenrein und dazwischen.
Ermutigt, provoziert, verbindet.
Anders gesagt:
Wandert los und wundert euch!

Hier und da habe ich mich auch gewundert beim Lesen.
Die Erfahrung vom digitalen Wandern und Wundern kommt nur am Rand vor.
Hannah Buiting schreibt Zum Beispiel von ihrer „Netzgemeinde“.
Für mich ist das Netz in den letzten Jahren der Ort, in dem ich ständig unterwegs bin und wundersame Erfahrungen gemacht habe:
Kollegiale Beratung.
Theologische Reflexion.
Ringen um Verkündigung.
Ideen entwickeln, Projekte schmieden.
Das Glücksgefühl, auf Gleichgesinnte zu treffen.
Ich habe in der digitalen Welt Menschen gefunden, die ich nie gesehen und die mir doch wunderbar vertraut sind.
Denn wenn wir uns dann doch eines Tages analog begegnen, liegen wir uns sofort in den Armen.
Das Leben ist bunt und wir sind gemeinsam unterwegs.
Analog, aber auch digital.
Ohne diese Erfahrung, da bin ich hundertprozentig sicher wäre ich heute nicht in Hannover.
An einem Ort, der mir erlaubt, wunderbar wundernd zu wandern.

Betriebsbesuch des KDA auf der Baustelle U5 in Berlin

Betriebsbesuch des KDA auf der Baustelle U5 in Berlin

Berlin, an einem warmen Montagnachmittag in Berlin.
Mitten drin stehen wir vor der Einfahrt zum Zentrum der U5-Baustelle.
Wir, das sind acht Mitglieder des Bundesausschusses Arbeit und Technik des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) auf EKD-Ebene.
Uns interessiert, was hier geschieht und warum hier die Arbeiten voran schreiten.
Auf einer Großbaustelle im Herzen der Hauptstadt.

Zustande gekommen ist diese Besichtigung eher zufällig.
Ich kenne privat Reinhold Theiss, Mitarbeiter von ISP Ziviltechnik GmbH und damit einer der Firmen, die gemeinsam das Projekt planerisch begleiten.
Ich hatte ihn mal irgendwann gefragt, ob er mich mal mit auf die Baustelle nimmt.
Dann verabredete sich unser Bundesausschuss in Berlin (eigentlich zu ganz anderen Themen) und so kam eins zum anderen.

Man sieht oberirdisch nicht allzu viel.
Bauzäune, Kräne, eine Baustelle wie tausend andere.
Immerhin, auf den Zäunen wird U-Bahn-Geschichte erzählt.
Und verschiedentlich auch über das Bauprojekt informiert.
„Das ist wichtig für die Akzeptanz einer so langen Bauzeit, das macht die BVG gut“, meinte auch einer der Mitarbeiter, die uns führen.

Doch im Container öffnet sich auf der Leinwand eine ganz andere Welt.
Jahrzehntelange Planung wird sichtbar, zum Teil an hundert Jahre alte Vorhaben anknüpfend.
Eine Bauzeit von mehr als sechs Jahren für die 1600 Meter lange Verbindung vom Roten Rathaus bis zum Brandenburger Tor.
Unter Spree und Spreekanal hindurch und unterhalb der Paradestraße „Unter den Linden“
So soll die Lücke geschossen werden und später die Züge von Hönow über den Alexanderplatz und das Brandenburger Tor bis zum Hauptbahnhof fahren.
2020 muss alles fertig sein, sonst fordert der Bund wohl sein Geld zurück.
So steht es in den Verträgen, hören wir.

Es ist faszinierend, welche Welt sich vor unseren Augen auftut.
Das Leistungsverzeichnis umfasst ca. 1500 Seiten.
Das ist dann noch mal in mehr als 6000 Einzelpläne aufgeschlüsselt.

Am Beispiel der Tunnelvortriebsmaschine wird das ganze Ausmaß für uns an einem Detail sichtbar.
70 Meter lang, hat sich die Maschine 1600 Meter durch den Berliner Untergrund gefressen.
Dann musste sie komplett zurückgezogen werden.
Wenden wie sonst üblich ging nicht – da ist am anderen Ende schon ein Bahnhof.
Und dann beginnt das Ganze noch mal von vorne.
Dieser spektakuläre Teil wird uns erläutert an einer Grafik der Vortriebsmaschine.
Ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit von Technik in Kombination mit menschlichem Erfindungsgeist.

Nach dem Vortrag über das Gesamtvorhaben werfen wir einen Blick in die Gleiswechselanlage, die gerade im Rohbau entsteht.
Anschließend laufen wir mit Gummistiefeln, Warnwesten und Helmen etwa 500 Meter mitten durch Berlin.
An der Baustelle Humboldtforum vorbei zum Einstieg Mui-West.
Wir ernten erstaunte und belustigte Blicke.
„Seid ihr auf einem Junggesellenabschied?“, fragt uns jemand.
Nein, wir wollen dorthin, wo der Bahnhof Museumsinsel entsteht.
Wir steigen 15 Meter in die Tiefe und stehen auf den bereits gebohrten Röhren.
Momentan werden die Bohrungen für die Vereisung des Bodens durchgeführt.
Später wird über ein Rohrsystem der gesamte Boden unter Tage vereist und dann der Bahnhof herausgebrochen.
Zu sehen ist in dem Loch außer ein paar Löchern und dem Durchbruch der Decken der Tunnelröhren noch nichts.
Es wird nachvollziehbar, warum das alles so lange dauert – und „oben“ der Eindruck entsteht, da wird doch gar nicht gearbeitet…

Ich stehe hier unten, sehe oben den Giebel des Kommandantenhaus (Bertelsmannstiftung) und stelle mir vor:
2020 steige ich hier aus einer Bahn und fahre mit der Rolltreppe nach oben.
Eine skurrile Vorstellung.

So nebenbei erfahren wir, dass auch hier im Tunnelbau Gottesdienste zur Tradition gehören:
Am Anfang gab es einen großen ökumenischen Gottesdienst.
Und jährlich am Barbaratag wieder.
Die Verbindung zum Bergbau wird erkennbar – und auch mancher Kumpel hat ja im Lauf des Zechensterbens im Tunnelbau eine neue Aufgabe gefunden.
Wer sich im Bergbau etwas auskennt, bemerkt hier auf der Baustelle schnell die technischen, aber auch mentalen und „kulturellen“ Gemeinsamkeiten.

In der Diskussion geht es auch um die Frage:
Warum gelingt dieses Großvorhaben und andere tun sich so schwer?
Warum laufen solche Projekte zeitlich und finanziell schnell aus dem Ruder?
Auf die erste Frage ist es schwer, eine Antwort zu finden – jedes Projekt ist anders.
Die zweite Frage ist „einfach“:
Es gibt bei aller Planung unvorhergesehene Entwicklungen.
Je nach Umfang der Schwierigkeiten stoppen sie die gesamte Arbeit, z.B. aus Gründen der Sicherheit.
Dann muss neu geplant werden und die Finanzierung geklärt werden.
Auch hier gab es eine Entwicklung, die die Bauzeit um ein halbes Jahr verlängert hat.

Finanziell, so hören wir, ist es so:
In Deutschland bekommt am Ende der billigste Anbieter den Zuschlag.
Am Gotthardtunnel wurde dagegen eine Medianlösung ausgeschrieben:
Der mittlere Anbieter bekam den Auftrag.
Dadurch entfiel der „Zwang“, Kosten unbedingt klein zu rechnen.
Es scheint geklappt zu haben, der Tunnel in der Schweiz ist wohl finanziell und zeitlich im Rahmen geblieben.

Nach drei Stunden verlassen wir nachdenklich das Gelände.
Beim Abendessen diskutieren wir noch intensiv mit Reinhold Theiss weiter, bevor dieser nach Tegel aufbricht, um seinen Flieger nach Wien zu bekommen.
Denn er ist nur etwa einen Tag im Monat hier vor Ort (und legt viel Wert darauf!), alles andere geht heutzutage auf digitalem Weg…

Hier noch einige Bilder, die ersten sind aus der Baustelle Gleiswechselanlage, die weiteren aus der Baustelle Museumsinsel. Teils sind dort die aufgebrochenen Decken der bereits gebohrten Tunnelröhren zu sehen, der Bahnhof wird also noch einige Meter unter dem derzeitigen Niveau liegen.

Im Kontext der Lebenswelt von mir selbst ausgehen

Im Kontext der Lebenswelt von mir selbst ausgehen

In der letzten Woche stellte ich in einem meiner Antrittsbesuche als Landessozialpfarrer in einem Gespräch fest, dass mein Gegenüber wie ich seinerzeit in Marburg studierte und ebenso wie ich stark von Wilfried Härle geprägt wurde.
Spannend war dabei zu sehen, dass wir beide sehr unterschiedliche Wege im Pfarramt und in den kirchlichen Strukturen gegangen sind, aber die grundlegende Ausrichtung der theologischen Perspektive durch unseren Lehrer bis heute anhält.
Im Gespräch kamen wir kurz auf einen für Härle zentralen Begriff zu sprechen:
Die Lebensweltorientierung.
Damit ist gemeint, dass der christliche Glauben sinnvoll nur dargestellt wer­den kann mit Worten und Bildern, deren Bedeutung aus der gegenwärti­gen Lebenswelt vertraut sind und in denen zugleich die Be­deutung des Glaubens für das Leben der Menschen sichtbar und nachvollziehbar wird.

Härle nennt für diese Aufgabe drei Probleme, die zu berücksichtigen sind: Momentaufnahmen sind logisch unmöglich; niemand kann die Lebenswelt in ihrer Gesamtheit wahrnehmen und jeder Versuch, die Lebenswelt wahrzunehmen, stellt immer schon eine Interpretation derselben dar. Daraus zieht er die Konsequenz:

»Diese Probleme ernst zu nehmen heißt, die Aufgabe der Erkenntnis der Lebenswelt auf einer möglichst breiten Kommunikati­onsbasis in Angriff zu nehmen, denn nur durch eine multiperspektivische Wahrnehmung und Deutung wird die Gefahr ungeschichtlicher selektiver oder ideologischer Fehldeu­tungen reduziert.« (Dogmatik, 175)

In meiner Dissertation habe ich seinerzeit daraus gefolgert:
Theologie ist immer auch theologisches Nachdenken konkreter Menschen, daher ist der Lebensweltbezug orts-, zeit– und sprachgebunden – ich lebe zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und spreche eine bestimmte Sprache.
Zugleich habe ich eine mir eigene Geschichte, mit der ich auf mein Leben und die Welt schaue, daher ist Lebensweltbezug immer auch biografiegebunden.
Diese vier Aspekte gilt es in der theologischen Arbeit im Blick zu halten.

In diesen Tagen denke ich darüber nach, was diese vierfache Ausrichtung hier und jetzt für mich bedeutet, wo sich in den letzten beiden Jahren erhebliche Wechsel vollzogen haben und gerade erneut vollziehen:

  • 2014 wechsle ich nach fünfundzwanzig Jahren Gemeindepfarramt auf eine Funktionspfarrstelle im Kirchlichen Dienst in der Arbeitwelt (KDA);
  • damit verbunden ist ein Umzug von Voerde (Niederrhein) nach Osnabrück, also ein Wechsel des Bundeslandes;
  • zugleich findet innerkirchlich ein Wechsel statt aus der rheinischen in die hannoversche Landeskirche.

Und nun, keine zwei Jahre später, im August 2016:

  • ich wechsle auf die Stelle des Landessozialpfarrers und werde zugleich Leiter für des Fachbereichs Kirche.Wirtschaft.Arbeitswelt im Haus kirchlicher Dienste;
  • damit verbunden ist zum einen (neben den „üblichen“ Leitungsaufgaben) eine Art Gesamtzuständigkeit für den Bereich der hannoverschen Landeskirche in meinem Fachgebiet;
  • zugleich aber auch die regionale Zuständigkeit für den KDA im Großraum Hannover;
  • und perspektivisch steht, nicht heute oder morgen, aber irgendwann wohl ein Umzug nach Hannover an.

Während ich das jetzt für mich notiere, macht es in mir: „uff!!“
Das ist doch eine ganze Menge an Veränderungen.
Was bedeutet es für meine Sicht der Welt und auf die Welt?
Wie also verändert sich gerade meine Lebensweltorientierung?
Und was bedeutet für mein theologisches Denken?

Während ich darüber so nachdenke, fällt mir wieder ein Workshop auf der Denkumenta 2013 in St. Arbogast ein.
Dorothee Markert versuchte uns nahezubringen, was mit Denken in Präsenz gemeint ist, einem zentralen Begriff in der postpatriarchalen Bewegung, der sich die Organisatorinnen der Denkumenta verbunden fühlen.
Vor allem ein Satz hat sich mir tief eingeprägt:
„Denken in Präsenz beginnt immer damit, von sich selbst auszugehen!“
Und ich frage mich:
Von mir selbst ausgehen als Ausgangspunkt theologischer „Standortbestimmung“, was heißt das für mich hier und heute?

Ich versuche das Geflecht wahrzunehmen, in dem ich mich beginne zu bewegen.
Es ist vielfach verwoben mit dem, was vorher war.
Das Erste, was mir ein- und auffällt, ist genau die Beobachtung vom Anfang dieses Textes:
Meine Sicht auf die Welt ist geprägt durch die Neugier, ja die Lust an der möglichst breiten Kommunikationsbasis und der multiperspektivischen Denkweise, wie Härle das formuliert.
Den Kontext wahrnehmen und mich auf ihn einlassen, das fand ich immer schon spannend:
KDA-Arbeit habe ich nebenamtlich auch in der Gemeinde immer schon gemacht.
Ich habe es in den letzten anderthalb Jahren sehr genossen, dies nicht nur „nebenbei“, sondern „voll und ganz“ machen zu können.
Ich fing an, für mich und mit anderen zu reflektieren:
Was heißt das, was ich da sehe, wir da sehen, für unseren Glauben, unser theologisches Denken, für unsere Arbeit in Kirche und Diakonie?

Die Beobachtungen waren vielfältig:

  • da gibt es die Spannung zwischen Gemeindepfarrdienst und funktionalen Diensten, die ich nun aus spiegelverkehrter Weise wahrnehme;
  • mir sprang die Spannung zwischen „Hannover“ und dem „Rest von Niedersachsen“ ins Auge, um es spitz zu sagen, die mir im Gegensatz zum Rheinland mit seinem Ruhrgebiet und den vielen Großstädten besonders markant auffiel;
  • ich wurde konfrontiert mit einer für mich vorher unvorstellbaren Vielfalt arbeitsweltlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge, die mir jegliches schwarz/weiß Denken verbietet;
  • und all das war und ist eingebettet in die „großen“ Entwicklungen unserer Zeit, ich nenne für mich die Stichworte Klimawandel/Paris, Flüchtlingskrise, Populismus und der Zug zu autokratischen Regierungen.

Theologisches Denken, Reflektieren und Sprechen fokussiert sich für mich in der Aufgabe, auf der Kanzel das Evangelium zu verkünden. Und da frage ich mich:

  • Wie predigen in einer Welt in der sich alles immer schneller zu ändern scheint?
  • Wie predigen, während wir auf einer schiefen Ebene ins Chaos welcher Art auch immer abzudriften drohen?
  • Wie predigen in einer Zeit, in der immer mehr in Gewalt und Abgrenzung die einzige Chance sehen, sich dem Abgrund entgegenstemmen zu können?
  • Wie predigen, dass ich (theoretisch) dabei auch der Mutter, dem Vater am Grenzzaun in Idomeni ins Gesicht schauen kann? Eine Frage, die mich im letzten Jahr sehr beschäftigte.

Die Fragen der Gegenwart verbanden sich mit Frage:

  • Was wird aus mir ab Sommer?
  • Und was mache ich dann mit all den Fragen?
  • Also: Wie gegebenenfalls dann predigen?

Nun ist es entschieden.
Und ich beginne von Neuem, von Tür zu Tür zu gehen, um mit Menschen „Kaffee zu trinken“, wie ich das salopp, aber mit Ernst formuliere.
Es gibt dabei einen wesentlichen Unterschied zu meinem Start vor zwei Jahren in Osnabrück und Co.:
Nun bin ich (wieder) viel stärker innerkirchlich eingebunden.
Mein Blick richtet sich in der Reflexion wieder mehr auch auf die kirchlichen Strukturen, Traditionen und Kulturen.
Da war ich zwei Jahre lang ziemlich weit draußen.

Dieser Abstand hat mir gut getan.
Doch nun stellen sich mir neue Fragen:

  • Was bedeuten die Entwicklungen in Arbeitswelt und Ökonomie für unser innerkirchliches Arbeiten und Wirtschaften?
  • Wo stehen wir als KDA, als funktionaler Dienst, in den politischen und gesellschaftlichen Wirren dieser Tage?
  • Und, ja, dies vermischt sich mit Gedanken und Gefühlen, Hoffnungen und Befürchtungen im Blick auf mein eigenes, „privates“ Leben, meine Ehe, meine Familie – wie und wo will ich leben, wohnen, wirken, zur Ruhe kommen, Kraft schöpfen?

Von mir selber ausgehen.
Immer wieder zurück zu schauen auf mich selbst, meine Geschichte, meine Verflechtungen in Räumen.
Die Lebenswelt wahrnehmen, den Kontext.
Was hat mir die Arbeit an diesem Beitrag gebracht?
Das Feld steht mir klarer vor Augen.
Der diffuse Nebel hat sich gelichtet, etwas.
Demnächst darf ich wieder einmal predigen.
Ich bin gespannt.

Grubenfahrt in Ibbenbüren oder: Meine Geschichte mit dem Steinkohlebergbau von 1992-2016

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Grubenlampe, erhalten am 24.12.1996 auf Lohberg-Osterfeld

Abwärts

Ein grauer, stürmischer Februarnachmittag.
Es dämmert schon.
Vor mir eine schmale Öffnung.
Mit den schweren Stiefeln stolpere ich hinein.
Vierzehn Menschen stehen schließlich eng gedrängt.
Die Abdeckung fällt herunter und schon geht es los.
Mit acht Meter in der Sekunde stürzen wir hinab.
Es ist dunkel.
Keiner redet.
Jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt.
Allmählich wird es wärmer.
Nach zwei Minuten bremst der Korb.
Wir sind auf 1300 Metern.
Tief unten im Nordschacht von RAG Anthrazit in Ibbenbüren.

Meine ersten Begegnungen mit dem Bergbau

Laut meinem Kalender bin ich am 24. Februar 1996 in Lohberg erstmals eingefahren, am Tag des Apostels Matthias. Ich weiß noch, wie mich die Größe der Anlage unter Tage faszinierte, die breiten Gänge und die Menge an Technik.

Damals war ich am Niederrhein als Gemeindepfarrer nebenamtlich im KDA tätig. Im Kirchenkreis Dinslaken gab es zwei Zechen, in Dinslaken Lohberg-Osterfeld und in Duisburg Walsum. Der Bergbau war noch allgegenwärtig, ebenso wie die Stahlindustrie. Der Strukturwandel an Rhein und Ruhr war im Gang und er sollte sozialverträglich durchgeführt werden. In unseren synodalen Arbeitskreisen saßen wie selbstverständlich Bergleute und Gewerkschaftler der IGBE (später fusioniert zu IGBCE). Die Bevölkerung hatte große Sympathien mit den Bergleuten, verschiedenste Solidaritätsaktionen wurden von vielen mit getragen, sichtbarster Ausdruck war vielleicht das „Band der Solidarität“, eine Menschenkette durchs Revier im Jahr 1997. Es gab regionale Arbeitskreise Kirche und Kohle und die GSA (Gemeinsame Sozialarbeit von Kirche und Bergbau) war äußeres Zeichen der engen Verbundenheit wie auch manche Barbarafeier. Vielleicht haben einige es bereits geahnt, aber so richtig vorstellen konnte sich damals niemand, dass es knapp zwanzig Jahre später vorbei sein sollte mit dem Steinkohlebergbau in Deutschland.

All das war wichtig für mich als Gemeindepfarrer, denn ich habe etliche Bergmänner zu ihren Geburtstagen besucht und viele von ihnen später beerdigt. Ihre Geschichten ähnelten sich, viele kamen alleine oder mit ihren Familien nach dem Krieg an den Niederrhein, angeworben von den Zechen, die immensen Personalhunger hatten.

Tief unten

Wir verlassen den Förderkorb.
Kein Mensch ist zu sehen, dafür Leitungen, Rohre, Förderbänder, Treppen…
Langsam setzen wir uns in Bewegung.
Mit der Grubenlampe leuchte ich voraus.
Es ist uneben, streckenweise rutschig.
Etwa drei Kilometer liegen vor uns.
Die Füße tun mir jetzt schon weh in den ungewohnten Stiefeln.
Es ist angenehm warm, um die 25 Grad.
Noch haben wir Luft.
Ab und zu machen wir Halt.
Wir bekommen die Belüftung erläutert.
Erfahren, wie lange der Notarzt im Ernstfall braucht.
Ich verliere jedes Zeitgefühl.
Der Schweiß fängt langsam an zu laufen.
Wir begegnen lange keinem Kumpel.
Nur die Maschinen sind zu hören und das Rattern des Förderbands.

Heilig Abend auf Lohberg-Osterfeld

Wenn ich an Heilig Abend 1996 zurückdenke, dann ist der erste Impuls immer: Das wäre heute überhaupt nicht mehr vorstellbar. Auf Lohberg findet auf der vierten Sohle in 845 Meter Tiefe ein Gottesdienst am 24.12. vormittags statt. Selbst der spätere Ministerpräsident von NRW und damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement ist höchstpersönlich angereist. Ein Zeichen der Solidarität und der Verbundenheit in schwierigen Zeiten. Ein Signal soll von hier aus nach Bonn ausgehen, wo über die Zukunft der Zechen debattiert wird, wieder einmal. Noch ist die Unterstützung für den Bergbau vorhanden, in einigen Jahren wird sich der Wind radikal drehen.

Ein Bergmannschor singt, die Pfarrer Harrro Düx (evangelisch) und Wihelm Lepping (katholisch) zelebrieren die Andacht. Es gibt Grubenlampen für die anwesenden Vertreter/-innen mit der Bitte, diese mit in die Gottesdienste an Heilig Abend zu nehmen und von diesem ungewöhnlichen Gottesdienst zu erzählen. Im Gemeindehaus Rönskenhof steht die Grubenlampe in der Christvesper und anschließend in meinem Arbeitszimmer. Nach meinem Wechsel nach Osnabrück steht sie nun in meinem Büro.

Hier einige Zeitungsartikel, die ich noch in meinem Archiv gefunden habe, mit freundlicher Genehmigung der NRZ Dinslaken:

Pause

Irgendwann kommen wir zu ein paar Bänken.
Pause.
Helm runter, Schweiß abwischen.
Trinkflasche raus und ich nehme einen großen Schluck.
Komisch, es fühlt sich nicht so an als seien wir mehr als einen Kilometer unter Tage.
Wie ist das wohl Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr um Jahr hier unten zu arbeiten?
Hochachtung vor der Arbeit der Kumpel macht sich breit.
Nur kurz, es ist keine Zeit für tiefere Gedanken.
Unser Begleiter gibt schon wieder das Zeichen zum Aufbruch.

Die Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan Walsum

2001 kippt die Stimmung. Jedes Bergwerk muss Rahmenbetriebspläne für den Abbau der nächsten Jahre einreichen und genehmigen lassen. Walsum hatte keine Chance, zwischen zwei anderen Bergwerken blieb in der Nordwanderung nur der Weg unter die Stadt Voerde und den Rhein. Das löste Angst in der Bevölkerung und eine ungeheure Gegenbewegung aus. Die Anhörung fand in einer riesigen Halle statt. Und ich war überrascht, als ich merkte, dass auch eher konservative Gemeindeglieder Tag für Tag dort saßen. Sicher, der Bergbau hat auch Fehler gemacht und dachte, dieser Plan wird auch wieder wie alle anderen zuvor ruckzuck genehmigt sein. Weit gefehlt, am Ende führte die Geschichte zur „Walsumer Verständigung“ von 2005 und zur vorzeitigen Schließung der Zeche.

Erschreckend war die aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung zwischen Befürwortern und Gegnern. Es gab Beschimpfungen und durch manche Familien gingen Risse. Plakate wurden von hüben und drüben abgerissen. Veranstaltungen gab es unzählige, in denen in der Regel aufeinander eingeprügelt wurde oder nur eine Gruppe zu Wort kam. Eine haben wir vom KDA organisiert und es sollte die einzige sein, in der einigermaßen sachlich miteinander gesprochen wurde (unter diesem Link findet sich mehr zu der ganzen Geschichte der Auseinandersetzungen um diesen Rahmenbetriebsplan). Es war vor allem die Angst vor der Absenkung des Rheins und dessen Folgen (höhere Deiche), aber auch der Wertverlust von Eigenheimen. Dazu meldete sich das Umweltbewusstsein. Naturschutzverbände machten auf die Folgen aufmerksam und Politiker/-innen sprachen von der Notwendigkeit, „die Schöpfung zu bewahren“. Interessanterweise spielte der CO2-Ausstoß und die Folgen für das Klima noch keine Rolle. Es wurde eher kurzsichtig, „egoistisch“, genauer aus einem nationalen Blickwinkel heraus argumentiert. Denn es war klar, wenn die Kohle nicht aus der heimischen Erde geholt wird zur Verstromung, dann kommt sie eben aus China – und wird dort unter menschlich und ökologisch noch ganz anderen Umständen gefördert. Doch das spielte alles keine Rolle.

Im Streb

Irgendwann sind wir am Ziel.
Vor mir ein Loch.
76 Zentimeter hoch.
Der Streb liegt vor uns.
Jetzt heißt es krabbeln.
Erst noch die Lampe am Helm befestigen.
Dann hinein in die Enge.
Rechts von mir und über mir das schützende Schild.
Links das Transportband.
300 Meter soll der Streb lang sein.
Die Kumpel machen diesen Weg pro Schicht mehrmals.
Kaum zu glauben.
Wir müssen uns nur 25 Meter hindurch winden.
Mir reicht das auch.
Dann heißt es hinsetzen.
Gegenüber an der Wand glitzert es.
Das ist sie, die Kohle.
Ein Moment der Ehrfurcht.
Millionen Jahre lag sie in der Dunkelheit, jetzt kommt sie ans Licht
Der Hobel kommt von links heran gerauscht.
Ein Riesending, vielleicht fünf Meter lang.
3 cm hobelt er ab pro Vorbeifahrt.
Nach einer Weile kommt er von rechts zurück.
Dann bewegt sich etwas.
Ich erschrecke kurz, dann merke ich:
Das Förderband gleitet nach vorn, 6 cm.
Und das Schild über mir ebenso.
10 Meter pro Tag fräst sich die Maschine durch den Berg.
Und hinter ihr fällt in kürzester Zeit wieder alles zusammen.
Wahnsinn.

Es ist nicht erlaubt, unter Tage Fotos zu machen. Auf Youtube gibt es aber ein Video aus dem Jahr 2002, das die Atmosphäre und die Abläufe gut wieder gibt.Das beeindruckende Abhobeln der Kohle im Streb wird ab 17:16 beschrieben.
(Warum das Video bei 17:20 und nicht am Anfang beginnt, keine Ahnung…)

Zehn Jahre KDA in der Lohnhalle des Bergwerks West

2002 feiert die Regionalstelle für den KDA Duisburg-Niederrhein ihr zehnjähriges Bestehen. Auf Einladung der DSK (Deutsche Steinkohle AG) findet die Feier in der Lohnhalle des Bergwerks West in Kamp-Lintfort statt. Ein deutliches Zeichen für die Verbundenheit zwischen Kirche und Kohle und das Engagement der Regionalstelle in diesem Bereich. Jürgen Schmude, damals Präses der EKD-Synode, hält den Festvortrag. Neben Horst Manja als 1. Bevollmächtigter der IG Metall Duisburg und mir als Vorsitzendem des Geschäftsführenden Ausschusses spricht noch Bernd Tönnjes, Vorstandsvorsitzender der DSK . Ein kleiner Auszug aus meiner Rede:

„Wir feiern heute in der Lohnhalle des Bergwerks West in Kamp-Lintfort. Sie haben sich schnell und überaus einsatzbereit bereit erklärt, uns den Raum und auch Ihre Mitarbeiter für diese Feier zur Verfügung zu stellen. Das hat uns sehr gefreut, zeigt es doch, dass z. B. zum Bergbau in diesen Jahren intensive Kontakte entstanden sind, die hier einmal exemplarisch Früchte tragen. Dabei ist es keineswegs so, dass der KDA dem Bergbau unkritisch gegenüber stände. Gerade in den heftigen Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan des Bergwerks Walsum in den letzten beiden Jahren gelang es dem KDA, mit allen Konfliktparteien gleichermaßen im Gespräch zu bleiben. Diese Haltung hat dem KDA nicht nur Freunde, sondern auch Kritiker eingebracht. Aber in manchen Situationen muss man vermitteln, in anderen ohne Wenn und Aber Partei ergreifen, so wie es der KDA in vielen Auseinandersetzungen um Arbeit auch getan hat.
Also: wir sind gerne Ihrer Einladung gefolgt, heute hier in Kamp-Lintfort zu feiern. In einer Stadt, in der 1995 Bergarbeiterfrauen mehrere Wochen lang Zuflucht in der Christuskirche gesucht und gefunden haben.“

Rückmarsch

Wir kriechen zurück.
Das geht überraschend flott.
Aufrichten, strecken, durchatmen.
Das war schon eng …
Kurze Pause.
Dann geht es zurück durch die endlosen Gänge.
An einer Aufstiegstation machen wir halt.
Unser Begleiter stoppt das Förderband.
Wir steigen auf, legen uns auf den Bauch.
Mit einem kleinen Ruck geht es los und wir rasen durch den Berg.
Das macht Laune!
Zweimal heißt es umsteigen.
Stoppen, runter vom Band.
Ein paar Meter weiter bis zum nächsten laufen, hochklettern und weiter.
Das ist echt irre.
Viel zu schnell ist es vorbei.

Der Bergbau gerät aus dem Blick

Mit den Auseinandersetzungen um den Rahmenbetriebsplan und den Vereinbarungen zu den Zechenschließungen setzen zwei Entwicklungen ein, die für mich als KDAler dazu führen, dass der Bergbau nach und nach aus dem Fokus gerät.

Einerseits werden viele Kumpel durch die sozialverträgliche Abwicklung der Schließungen von hier nach dort versetzt. Sie wohnen nicht mehr dort, wo sie einfahren. Das lockert die vormals engen Beziehungen zu den Orten und auch die Verbindung Kirche und Kohle. Und die Schließung von Lohberg und Walsum gehen auch verhältnismäßig geräuschlos über die Bühne. In Lohberg entsteht unter Einbeziehung etlicher Gebäude ein Kreativpark auf dem ehemaligen Zechengelände, ein Naherholungsgebiet und ein Neubaugebiet. Der Schacht Voerde, zur Zeche Walsum gehörend, wird zurück gebaut, dadurch werden auch Flächen frei, die einst meine Kirchengemeinde an die Ruhrkohle verpachtet hatte. Unvergessen bleibt mir ein Geburtstagsbesuch, wo zum 85. Jubelfest eines Kumpels der Bergmannchor kommt und im Garten drei Lieder singt, mit Stolz und Wehmut gleichermaßen in der Stimme.

Andererseits ziehen wir im KDA am Niederrhein aus den Diskussionen die Konsequenz, uns mit anderen Formen Energieversorgung und -gewinnung zu beschäftigen. Eng damit verbunden ist die Frage nach Ersatzarbeitsplätzen, denn nicht jeder Bergmann kann z.B. bei der Tunnelbaustelle am Gotthardt eine neue Beschäftigung finden. So besuchen wir u.a. die Firma Winergy in Voerde, die rasant wächst und mittlerweile ein Beschäftigungsmotor in der Stadt ist mit ihren Antriebskomponenten für Windkraftanlagen.

Aufwärts

Müde und hungrig quetschen wir uns erneut in den engen Korb.
Abdeckung runter und es geht hinauf.
Es wird schnell kälter.
Und schon ist es vorbei.
Der Korb hält, wir steigen aus.
Dunkel ist es hier oben geworden.
Es regnet und ist ziemlich frisch.
Unsere Grubenfahrt hat ein Ende.
Es geht zurück zum Hauptgelände.
Foto, klar, das muss sein.
Stiefel aus, Helm runter, Gürtel ab.
Dann Imbiss, mit ungewaschenen Händen.
Vor der Dusche und der Heimfahrt.

Ende 2018

Neu kommt der Bergbau erst wieder Ende 2014 in mein Blickfeld, als ich nach Osnabrück ziehe und nun als Referent im KDA der hannoverschen Landeskirche arbeite. Ibbenbüren liegt nur ein paar Kilometer jenseits der nahen Landesgrenze. Ich erinnere mich daran, dass der heutige Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann 1992 Gründungsmitglied des synodalen Fachausschusses des KDA im Kirchenkreis Dinslaken war. Und den Öffentlichkeitsbeauftragten Uwe Reichow kenne ich auch noch vom Niederrhein her. So entstand die Idee einer Grubenfahrt speziell für Menschen, die an verschiedenen Stellen in Kirche tätig sind, aber noch nie unter Tage waren. Erst später, als die Grubenfahrt längst ausgemacht war, stoße ich auf die reichhaltige Bergbautradition in Osnabrück und Georgsmarienhütte und besuche das Industriemuseum am Piesberg.

Noch einmal einfahren zu können, war für mich eine Reise in die Vergangenheit. Vieles stand mir wieder vor Augen, was ich seit 1992 erlebt habe, seit ich im KDA anfing. Zuhause habe ich nachgelesen in meinen Aufzeichnungen und fand auch die verschiedenen Zeitungsartikel. Während ich das nun aufgeschrieben habe, war ich beeindruckt von der Fülle der Ereignisse und Diskussionen, die sich für mich in der Begegnung mit dem Steinkohlebergbau und den Kumpels ergeben haben.

Die Grubenfahrt im Februar 2016 war eine der letzten Einfahrten für Besuchergruppen, da die Abbaugebiete demnächst noch weiter vom Nordschacht entfernt sein werden und nicht mehr erreicht werden können. Aber die Idee kommt auf, die Schließung der Zeche in Ibbenbüren 2018, die zugleich das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus bedeutet, zum Anlass nehmen, dies aufzugreifen und mit der Tradition in Niedersachsen zu verbinden. Den Spuren finden sich sowohl in der Landschaft als auch in den Köpfen und Herzen – und auch die Zeche in Ibbenbüren gehörte einst zur Preussag bzw. zu TUI, also Konzernen mit niedersächsischer Geschichte. Wir werden diese Idee weiter verfolgen.