25 Jahre Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Duisburg-Niederrhein: Mein persönlicher Rückblick auf die Festveranstaltung

25 Jahre Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Duisburg-Niederrhein: Mein persönlicher Rückblick auf die Festveranstaltung

Gestern war ich in Duisburg und Dinslaken, also in meiner alten Heimat. Anlass waren die Feierlichkeiten zum 25jährigen Bestehens der Regionalstelle des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) Duisburg-Niederrhein. Seinerzeit hatte ich mich als junger Gemeindepfarrer entschieden, nebenamtlich im KDA mitzuwirken, eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Ich habe zwar die Verhandlungen zur Gründung der Regionalstelle nicht miterlebt, war aber vom ersten Tag an mit im Geschäftsführenden Ausschuss, dem ich später acht Jahre vorstand. Daher war es gar keine Frage, dass ich mich auf den weiten Weg aus Hannover an den Rhein gemacht habe.

Und mit „weit“ meine ich weniger die realen Kilometer. Der Gottesdienst mit „Alt-Präses“ und ehemaligen Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider (auch ein Gründungsmitglied) und die Festveranstaltung im Ledigenheim in Lohberg, in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Zechengelände, waren zunächst einmal eine Art Klassentreffen vieler ehemaliger Weggenoss/-innen. Ja, auch wenn in Gottesdienst und Festakt nur eine einzige Frau aktiv beteiligt war – im Saal waren viele und es wäre spannend, die Rolle der Frauen in den 25 Jahren Regionalstelle mal gesondert zu betrachten, es gab nicht nur mehrere hauptamtliche Mitarbeiterinnen und zwei Vorsitzende im Geschäftsführenden Ausschuss (seit langem jetzt schon Pastorin Karin Dembek), auch in den Auseinandersetzungen bei Kohle und Stahl im Strukturwandel spielten Frauen immer wieder eine wesentliche Rolle, herausragend sicher die „Besetzung“ der Christuskirche durch Bergarbeiterfrauen in Kamp-Lintfort über mehrere Wochen in den neunziger Jahren.

Damit bin ich bei dem Gefühl, eine weite Reise unternommen zu haben. Es gab eine Podiumsdiskussion mit Nikolaus Schneider und dem Bochumer Sozialethiker Traugott Jähnichen, die neben vier Männer aus Kohle und Stahl teilnahmen. Und diese vier zeichneten eine Welt im Übergang, die mit viel Untergang verbunden ist. Die hohe soziale Verantwortung vor allem bei der Kohle wurde mehrfach, fast schon gebetsmühlenartig betont, wenn es um die Frage ging, wie der Strukturwandel bewältigt worden ist – nämlich ohne betriebsbedingte Kündigungen. Darauf ist man stolz, zu Recht. Und es ist sicher vorbildhaft auch für andere Branchen und Regionen, wenn ich da zum Beispiel an die Herausforderung denke, die auf Niedersachsen zu kommt, wenn es um den Umbau des VW-Konzerns geht. Massiv wurde dann auch Siemens attackiert als aktuelles Beispiel, wie Konzerne Milliardengewinne machen und gleichzeitig Standortschließungen verkünden – ohne Sozialplan für die Städte und Regionen. An dieser Stelle ist der Gedanke der Familie noch sehr lebendig im Ruhrgebiet, sicher auch der Tatsache geschuldet, dass bei Kohle und Stahl ohne Solidarität am Hochofen und unter Tage die anstrengende und oft auch gefährliche Arbeit nicht zu bewältigen war und ist.

Das trifft dann auch die Seele vieler Menschen hier an der Ruhr. Auf die – naive – Frage des Moderators, ob denn die Digitalisierung den Strukturwandel unter Tage und bei den Stahlkochern hätte aufhalten können, reagierten die Diskutanten empört und zeigten auf, wie hochtechnisiert bei Kohle und Stahl seit langem gearbeitet wurde und wird. Und überhaupt, es sei völlig unverständlich, dass der Steinkohlebergbau ausläuft, wo doch so viele Menschen dort gute Arbeit geleistet haben. Jetzt auch noch die neue Diskussion um die Braunkohle, das ginge doch überhaupt, was soll aus den Menschen werden, die dort ihren Lohn verdienen für sich und ihre Familien…

Wohl wahr, das schreit nach einem Rahmen, nach einem Woraufhin, damit klar ist, was und warum gestaltet werden muss. Da war ich schon überrascht, dass keine der sechs Personen auf dem Podium, auch nicht Nikolaus Schneider und Traugott Jähnichen, das Stichwort Klimawandel und die Transformation der Ökonomie überhaupt nur erwähnte. Da fühlte ich mich dann plötzlich ganz nah und zuhause – denn in der letzten Woche konnten Stephan Weil und Bernd Althusmann, inzwischen immerhin Ministerpräsident und Wirtschaftsminister, neunzig Minuten beim Tag der Niedersächsischen Wirtschaft über die drängendsten Zukunftsaufgaben für Niedersachsen und unser Land insgesamt sprechen, ohne das Wort „Klimawandel“ auch nur einmal in den Mund zu nehmen. Es war dann Landesbischof Ralf Meister, der anschließend vor den Unternehmer/-innen und Politiker/-innen an dieser Stelle deutliche Worte fand.

Und damit wird dann manches hohl und schräg. Natürlich hat Traugott Jähnichen recht, wenn er aus evangelischer Perspektive Solidarität in der Ökonomie einfordert und neben dem Trend zu mehr Selbstbestimmung in der (Erwerbs-) Arbeit die Entwicklung einer Sozialkultur fordert, die den Rahmen für die individuelle Entwicklung abgeben muss, damit nicht alles auseinander läuft, im übertragenen Sinn, aber auch wortwörtlich. So plädierte Traugott Jähnichen entschieden dafür, den Sonntagsschutz nicht weiter auszuhöhlen und forderte Kirche und Gewerkschaften auf, hier kämpferisch zu sein. So weit, so gut. Aber all das muss doch heute eingebettet werden in den großen Rahmen der Herausforderungen, in denen wir heute schon stehen. Der Klimawandel ist Fakt und wenn wir nichts oder zu wenig tun, dann haben unsere Kinder und Enkel noch ganz andere Probleme. Gute Arbeitsplätze in der Braunkohle sichern Menschen ihr Auskommen, doch zu welchem Preis? Ich bin davon überzeugt, dass die Erfahrungen, die in den letzten dreißig Jahren im Ruhrgebiet gemacht wurden im Übergang von Kohle und Stahl zu einer neu aufgestellten Industrieregion sehr hilfreich sein können, wenn wir uns der Frage stellen, was getan werden muss.

Strukturwandel braucht Zeit, Solidarität und Hoffnung – so lautete einmal das Motto, unter dem im Ruhrpott am Strukturwandel gearbeitet wurde. Gestern hat diese Trias niemand ausdrücklich in den Mund genommen, aber sie war da, unausgesprochen in fast allen Redebeiträgen. Und sie ist hilfreich als Kriterien für eine sozialverträglich Umgestaltung unsere Lebenswelt, in den privaten Bezügen genauso wie in Arbeitswelt und Ökonomie. Als gemeinsam verstandene solidarisch gestaltete Aufgabe, die Menschen die nötige Zeit und zugleich Hoffnung gibt.

Einige der Diskutanten beim Jubiläum in Dinslaken-Lohberg

Einige der Diskutanten beim Jubiläum in Dinslaken-Lohberg

Zwischen den Stühlen. Vom Wandern und Wundern

Zwischen den Stühlen.  Vom Wandern und Wundern

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich eine kleine Besprechung zu dem Buch „Vom Wandern und Wundern“ schreiben. Aber letzte Woche kam mit Christian Hennecke zuvor. Und ich dachte, ja, das sieht du praktisch alles genauso, kannst dir also deine Rezension sparen. Aber da waren noch so viele andere Gedanken mittlerweile im Kopf. Die habe ich jetzt aufgeschrieben.

„Sie werden viel unterwegs sein.“
Sagte mein Direktor Ralf Tyra bei meiner Einführung als Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Ende 2014, in Osnabrück.
Und ich strahlte.
Durfte ich doch fortan den ganzen Tag machen, was ich immer schon gerne gemacht habe:
Wandern.

Zwischen den Stühlen, das war irgendwie schon immer mein Platz.
In der Gemeinde waren die spannendsten Tage solche:
morgens in Duisburg mit den KDA-Kollegen reflektieren,
mittags auf den Friedhof in der Mittagshitze eine Familie begleiten,
nachmittags im Konfirmandenunterricht mich den Fragen der 14jährigen stellen,
abends auf dem Rad all das hin und her bewegen.

Oder so:
Als einer von zwei Männern unter siebzig Frauen auf der Denkumenta 2013, Differenz und Verbundenheit hochzwei.
In Hildesheim im Cafe mit Birgit sitzen, quatschen, Kakao und am Ende eine Projektidee.
Morgen für Morgen nach der Zeitung mit Christine über Gott und die Welt reflektieren und staunen, was da immer wieder bei herauskommt.
Mich im Zug zum Kirchentag spontan mit Klaus Motoki Tonn (dem neuen Kommunikationschef unserer Landeskirche) verabreden und mit ihm zwei Stunden hinter den Hackschen Höfen unterwegs sein, zu Fuß und gedanklich.
Und so weiter und so fort.
Offenheit für das Neue, das Fremde, das Staunen.

Wundern ist für mich ein neues Wort.
Ich habe dafür meist Staunen gesagt.
Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle gesagt.
Staunen trifft mich, betrifft mich.
Nimmt mich an der Hand und führt mich weg.

Wandern, hin und her.
Ich liebe es, im Zug zu schreiben.
Die Landschaft fliegt vorbei.
Meine Gedanken kommen auf Trab.
Und dann beginnt das Ringen um Sprache.
Um Worte und Wörter und deren Beziehung.
Poesie befreit.
Poesie verbindet.

Wie beschreibe ich dieses Gefühl, um eine eigene Sprache zu ringen?
Oder von Worten anderer getroffen berührt zu werden?
Eine Landschaft in flimmernder Sommerhitze.
Die Luft vibriert.
Gleißendhelles Licht.
Schweiß auf der Haut.
Lebendigkeit, kaum auszuhalten.

Dieses Gefühl stellte sich beim Lesen der persönlichen Skizzen im Buch: „Vom Wandern und Wundern“ ein.
Menschen sind unterwegs.
Auf der Suche, neugierig und offen.
Verletzlich und verletzt.
Fremd und nah.
Frei und verbunden.

„Am gläubigsten sind Menschen in Verbundenheit und Freiheit.“

Schreibt Hannah Buiting (45).
Tiefe Weisheit in acht Worten.

Ich lese weiter.

„Die Kirche hat eine eigene Dynamik, welche Personen in wenigen Jahren zu domestizieren vermag. Du hast dich dagegen gewehrt und stehst wahrscheinlich auch heute in dieser Spannung zwischen Orientierungslosigkeit, Fremdheit und kirchlicher Verbundenheit. Ringst damit, kirchlich dazuzugehören und doch nicht hineinzupassen. Genau das ist aber dein Potential.“ (185f.)

So Sabrina Müller.
Ich habe mich nie so fremd gefühlt, aber eine skeptische Distanz zur „Kirche“ war (und ist) immer auch da.
Bei aller Vertrautheit und Verbundenheit.
Daher kann ich nicht anders als zu wandern und mich zu wundern.
Mal freudig erregt, mal sprachlos entsetzt, mal zwischendrin.

Markus Kalmbach erzählt von einer Sehnsucht, die zu entwickeln ist:
Von der Sehnsucht nach den 99 Schafen.

„Kirche geht hin zu den Menschen, dort wo sie leben. In unseren gewohnten kirchlichen Strukturen ist das leider schwer umsetzbar. Darum wäre es sinnvoll, Menschen für eine solche Aufgabe als ‚Pioniere‘ freizustellen.“ (108)

Hingehen, dazwischensein, Inter-esse zeigen.
Ein Weg ist der Um-Weg über die Arbeit.
Die (Erwerbs-) Arbeit, die Menschen leisten.
Die sie freut und belastet, glücklich macht und quält.
Wir im KDA, im Kirchlichen Dienst IN der Arbeitswelt, sind „Pionier/-innen“, die da hingehen.

Denn meine, unsere Erfahrung ist immer wieder aufs Neue:
Wir kommen in viele Betriebe.
Manchmal werden wir eingeladen, meist aber klopfen wir an und sagen:
Wir möchten euch besuchen.
Fast immer öffnet sich die Tür für uns.
Und dann geht es ganz oft so:
Die Tür geht hinter uns zu, Kaffee steht auf dem Tisch oder Tee und Wasser.
Und unsere Gastgeber/-innen fangen an zu erzählen.
Erst mal nicht über ihr Unternehmen.
Sondern ob sie in der Kirche sind oder nicht.
Welche Erfahrungen sie mit Gemeinde und Pastoren gemacht haben.
Was sie aus ihrem Glauben heraus ethisch umtreibt, wenn sie an den Arbeitsalltag denken.
Oft kommen auch Kränkungen auf den Tisch, wie diese:
„Kirche interessiert sich nur für die Arbeitswelt, wenn sie Spenden haben möchte.“
Erst später sehen wir dann die Powerpoint, die uns den Betrieb näher bringt und gehen durch die Hallen.

Sebastian Baer-Henney schreibt über die Milieus, die Kirche nahe stehen und andere, die abseits stehen.
Ich bin da ganz bei ihm und seinen Überlegungen.
Es gilt die Grenzen durchlässig zu machen.
Da müssen wir mittendurch und zwischendrin sein.
Aber der Weg ist weit…
Und wohin führt er?
Letzte Woche traf ich mich mit Kollegin und Kollege mit Ulrich Kasparick.
Pfarrer in Hetzdorf.
Googelt ihn mal oder sucht ihn auf Facebook.
Er erzählt viel vom Wandern und Wundern.
Zum Beispiel:
Da sind zwei Nonnen aus der Schweiz hierher gezogen.
Er hat sie gefragt:
Warum kommt ihr ausgerechnet hierher ins entchristlichste Gebiet Europas?
Antwort:
Wir wollen gucken, wo der Herrgott hier schon unterwegs ist.
Wandern – und sich wundern über die Wunder.

Teamwork, anders geht Kirche nicht.
Schreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk.
Das glaube ich auch.
Dass wir als Pfarrer/-innen oft so einsam unterwegs sind, ist furchtbar.
Heute bin ich Teil eines Teams im Haus kirchlicher Dienste in Hannover.
Und genieße die Gemeinschaft, die Unterstützung, die kreativen Anregungen, kollegiale Beratung. Inspiration durch Verschiedenheit.
Dankbar bin ich auch für die Philosophie des Hauses:
Scheitert erfolgreich!
Probiert aus, testet, seid mutig, macht euch auf, geht mittenrein und dazwischen.
Ermutigt, provoziert, verbindet.
Anders gesagt:
Wandert los und wundert euch!

Hier und da habe ich mich auch gewundert beim Lesen.
Die Erfahrung vom digitalen Wandern und Wundern kommt nur am Rand vor.
Hannah Buiting schreibt Zum Beispiel von ihrer „Netzgemeinde“.
Für mich ist das Netz in den letzten Jahren der Ort, in dem ich ständig unterwegs bin und wundersame Erfahrungen gemacht habe:
Kollegiale Beratung.
Theologische Reflexion.
Ringen um Verkündigung.
Ideen entwickeln, Projekte schmieden.
Das Glücksgefühl, auf Gleichgesinnte zu treffen.
Ich habe in der digitalen Welt Menschen gefunden, die ich nie gesehen und die mir doch wunderbar vertraut sind.
Denn wenn wir uns dann doch eines Tages analog begegnen, liegen wir uns sofort in den Armen.
Das Leben ist bunt und wir sind gemeinsam unterwegs.
Analog, aber auch digital.
Ohne diese Erfahrung, da bin ich hundertprozentig sicher wäre ich heute nicht in Hannover.
An einem Ort, der mir erlaubt, wunderbar wundernd zu wandern.

Betriebsbesuch des KDA auf der Baustelle U5 in Berlin

Betriebsbesuch des KDA auf der Baustelle U5 in Berlin

Berlin, an einem warmen Montagnachmittag in Berlin.
Mitten drin stehen wir vor der Einfahrt zum Zentrum der U5-Baustelle.
Wir, das sind acht Mitglieder des Bundesausschusses Arbeit und Technik des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) auf EKD-Ebene.
Uns interessiert, was hier geschieht und warum hier die Arbeiten voran schreiten.
Auf einer Großbaustelle im Herzen der Hauptstadt.

Zustande gekommen ist diese Besichtigung eher zufällig.
Ich kenne privat Reinhold Theiss, Mitarbeiter von ISP Ziviltechnik GmbH und damit einer der Firmen, die gemeinsam das Projekt planerisch begleiten.
Ich hatte ihn mal irgendwann gefragt, ob er mich mal mit auf die Baustelle nimmt.
Dann verabredete sich unser Bundesausschuss in Berlin (eigentlich zu ganz anderen Themen) und so kam eins zum anderen.

Man sieht oberirdisch nicht allzu viel.
Bauzäune, Kräne, eine Baustelle wie tausend andere.
Immerhin, auf den Zäunen wird U-Bahn-Geschichte erzählt.
Und verschiedentlich auch über das Bauprojekt informiert.
„Das ist wichtig für die Akzeptanz einer so langen Bauzeit, das macht die BVG gut“, meinte auch einer der Mitarbeiter, die uns führen.

Doch im Container öffnet sich auf der Leinwand eine ganz andere Welt.
Jahrzehntelange Planung wird sichtbar, zum Teil an hundert Jahre alte Vorhaben anknüpfend.
Eine Bauzeit von mehr als sechs Jahren für die 1600 Meter lange Verbindung vom Roten Rathaus bis zum Brandenburger Tor.
Unter Spree und Spreekanal hindurch und unterhalb der Paradestraße „Unter den Linden“
So soll die Lücke geschossen werden und später die Züge von Hönow über den Alexanderplatz und das Brandenburger Tor bis zum Hauptbahnhof fahren.
2020 muss alles fertig sein, sonst fordert der Bund wohl sein Geld zurück.
So steht es in den Verträgen, hören wir.

Es ist faszinierend, welche Welt sich vor unseren Augen auftut.
Das Leistungsverzeichnis umfasst ca. 1500 Seiten.
Das ist dann noch mal in mehr als 6000 Einzelpläne aufgeschlüsselt.

Am Beispiel der Tunnelvortriebsmaschine wird das ganze Ausmaß für uns an einem Detail sichtbar.
70 Meter lang, hat sich die Maschine 1600 Meter durch den Berliner Untergrund gefressen.
Dann musste sie komplett zurückgezogen werden.
Wenden wie sonst üblich ging nicht – da ist am anderen Ende schon ein Bahnhof.
Und dann beginnt das Ganze noch mal von vorne.
Dieser spektakuläre Teil wird uns erläutert an einer Grafik der Vortriebsmaschine.
Ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit von Technik in Kombination mit menschlichem Erfindungsgeist.

Nach dem Vortrag über das Gesamtvorhaben werfen wir einen Blick in die Gleiswechselanlage, die gerade im Rohbau entsteht.
Anschließend laufen wir mit Gummistiefeln, Warnwesten und Helmen etwa 500 Meter mitten durch Berlin.
An der Baustelle Humboldtforum vorbei zum Einstieg Mui-West.
Wir ernten erstaunte und belustigte Blicke.
„Seid ihr auf einem Junggesellenabschied?“, fragt uns jemand.
Nein, wir wollen dorthin, wo der Bahnhof Museumsinsel entsteht.
Wir steigen 15 Meter in die Tiefe und stehen auf den bereits gebohrten Röhren.
Momentan werden die Bohrungen für die Vereisung des Bodens durchgeführt.
Später wird über ein Rohrsystem der gesamte Boden unter Tage vereist und dann der Bahnhof herausgebrochen.
Zu sehen ist in dem Loch außer ein paar Löchern und dem Durchbruch der Decken der Tunnelröhren noch nichts.
Es wird nachvollziehbar, warum das alles so lange dauert – und „oben“ der Eindruck entsteht, da wird doch gar nicht gearbeitet…

Ich stehe hier unten, sehe oben den Giebel des Kommandantenhaus (Bertelsmannstiftung) und stelle mir vor:
2020 steige ich hier aus einer Bahn und fahre mit der Rolltreppe nach oben.
Eine skurrile Vorstellung.

So nebenbei erfahren wir, dass auch hier im Tunnelbau Gottesdienste zur Tradition gehören:
Am Anfang gab es einen großen ökumenischen Gottesdienst.
Und jährlich am Barbaratag wieder.
Die Verbindung zum Bergbau wird erkennbar – und auch mancher Kumpel hat ja im Lauf des Zechensterbens im Tunnelbau eine neue Aufgabe gefunden.
Wer sich im Bergbau etwas auskennt, bemerkt hier auf der Baustelle schnell die technischen, aber auch mentalen und „kulturellen“ Gemeinsamkeiten.

In der Diskussion geht es auch um die Frage:
Warum gelingt dieses Großvorhaben und andere tun sich so schwer?
Warum laufen solche Projekte zeitlich und finanziell schnell aus dem Ruder?
Auf die erste Frage ist es schwer, eine Antwort zu finden – jedes Projekt ist anders.
Die zweite Frage ist „einfach“:
Es gibt bei aller Planung unvorhergesehene Entwicklungen.
Je nach Umfang der Schwierigkeiten stoppen sie die gesamte Arbeit, z.B. aus Gründen der Sicherheit.
Dann muss neu geplant werden und die Finanzierung geklärt werden.
Auch hier gab es eine Entwicklung, die die Bauzeit um ein halbes Jahr verlängert hat.

Finanziell, so hören wir, ist es so:
In Deutschland bekommt am Ende der billigste Anbieter den Zuschlag.
Am Gotthardtunnel wurde dagegen eine Medianlösung ausgeschrieben:
Der mittlere Anbieter bekam den Auftrag.
Dadurch entfiel der „Zwang“, Kosten unbedingt klein zu rechnen.
Es scheint geklappt zu haben, der Tunnel in der Schweiz ist wohl finanziell und zeitlich im Rahmen geblieben.

Nach drei Stunden verlassen wir nachdenklich das Gelände.
Beim Abendessen diskutieren wir noch intensiv mit Reinhold Theiss weiter, bevor dieser nach Tegel aufbricht, um seinen Flieger nach Wien zu bekommen.
Denn er ist nur etwa einen Tag im Monat hier vor Ort (und legt viel Wert darauf!), alles andere geht heutzutage auf digitalem Weg…

Hier noch einige Bilder, die ersten sind aus der Baustelle Gleiswechselanlage, die weiteren aus der Baustelle Museumsinsel. Teils sind dort die aufgebrochenen Decken der bereits gebohrten Tunnelröhren zu sehen, der Bahnhof wird also noch einige Meter unter dem derzeitigen Niveau liegen.

Im Kontext der Lebenswelt von mir selbst ausgehen

Im Kontext der Lebenswelt von mir selbst ausgehen

In der letzten Woche stellte ich in einem meiner Antrittsbesuche als Landessozialpfarrer in einem Gespräch fest, dass mein Gegenüber wie ich seinerzeit in Marburg studierte und ebenso wie ich stark von Wilfried Härle geprägt wurde.
Spannend war dabei zu sehen, dass wir beide sehr unterschiedliche Wege im Pfarramt und in den kirchlichen Strukturen gegangen sind, aber die grundlegende Ausrichtung der theologischen Perspektive durch unseren Lehrer bis heute anhält.
Im Gespräch kamen wir kurz auf einen für Härle zentralen Begriff zu sprechen:
Die Lebensweltorientierung.
Damit ist gemeint, dass der christliche Glauben sinnvoll nur dargestellt wer­den kann mit Worten und Bildern, deren Bedeutung aus der gegenwärti­gen Lebenswelt vertraut sind und in denen zugleich die Be­deutung des Glaubens für das Leben der Menschen sichtbar und nachvollziehbar wird.

Härle nennt für diese Aufgabe drei Probleme, die zu berücksichtigen sind: Momentaufnahmen sind logisch unmöglich; niemand kann die Lebenswelt in ihrer Gesamtheit wahrnehmen und jeder Versuch, die Lebenswelt wahrzunehmen, stellt immer schon eine Interpretation derselben dar. Daraus zieht er die Konsequenz:

»Diese Probleme ernst zu nehmen heißt, die Aufgabe der Erkenntnis der Lebenswelt auf einer möglichst breiten Kommunikati­onsbasis in Angriff zu nehmen, denn nur durch eine multiperspektivische Wahrnehmung und Deutung wird die Gefahr ungeschichtlicher selektiver oder ideologischer Fehldeu­tungen reduziert.« (Dogmatik, 175)

In meiner Dissertation habe ich seinerzeit daraus gefolgert:
Theologie ist immer auch theologisches Nachdenken konkreter Menschen, daher ist der Lebensweltbezug orts-, zeit– und sprachgebunden – ich lebe zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und spreche eine bestimmte Sprache.
Zugleich habe ich eine mir eigene Geschichte, mit der ich auf mein Leben und die Welt schaue, daher ist Lebensweltbezug immer auch biografiegebunden.
Diese vier Aspekte gilt es in der theologischen Arbeit im Blick zu halten.

In diesen Tagen denke ich darüber nach, was diese vierfache Ausrichtung hier und jetzt für mich bedeutet, wo sich in den letzten beiden Jahren erhebliche Wechsel vollzogen haben und gerade erneut vollziehen:

  • 2014 wechsle ich nach fünfundzwanzig Jahren Gemeindepfarramt auf eine Funktionspfarrstelle im Kirchlichen Dienst in der Arbeitwelt (KDA);
  • damit verbunden ist ein Umzug von Voerde (Niederrhein) nach Osnabrück, also ein Wechsel des Bundeslandes;
  • zugleich findet innerkirchlich ein Wechsel statt aus der rheinischen in die hannoversche Landeskirche.

Und nun, keine zwei Jahre später, im August 2016:

  • ich wechsle auf die Stelle des Landessozialpfarrers und werde zugleich Leiter für des Fachbereichs Kirche.Wirtschaft.Arbeitswelt im Haus kirchlicher Dienste;
  • damit verbunden ist zum einen (neben den „üblichen“ Leitungsaufgaben) eine Art Gesamtzuständigkeit für den Bereich der hannoverschen Landeskirche in meinem Fachgebiet;
  • zugleich aber auch die regionale Zuständigkeit für den KDA im Großraum Hannover;
  • und perspektivisch steht, nicht heute oder morgen, aber irgendwann wohl ein Umzug nach Hannover an.

Während ich das jetzt für mich notiere, macht es in mir: „uff!!“
Das ist doch eine ganze Menge an Veränderungen.
Was bedeutet es für meine Sicht der Welt und auf die Welt?
Wie also verändert sich gerade meine Lebensweltorientierung?
Und was bedeutet für mein theologisches Denken?

Während ich darüber so nachdenke, fällt mir wieder ein Workshop auf der Denkumenta 2013 in St. Arbogast ein.
Dorothee Markert versuchte uns nahezubringen, was mit Denken in Präsenz gemeint ist, einem zentralen Begriff in der postpatriarchalen Bewegung, der sich die Organisatorinnen der Denkumenta verbunden fühlen.
Vor allem ein Satz hat sich mir tief eingeprägt:
„Denken in Präsenz beginnt immer damit, von sich selbst auszugehen!“
Und ich frage mich:
Von mir selbst ausgehen als Ausgangspunkt theologischer „Standortbestimmung“, was heißt das für mich hier und heute?

Ich versuche das Geflecht wahrzunehmen, in dem ich mich beginne zu bewegen.
Es ist vielfach verwoben mit dem, was vorher war.
Das Erste, was mir ein- und auffällt, ist genau die Beobachtung vom Anfang dieses Textes:
Meine Sicht auf die Welt ist geprägt durch die Neugier, ja die Lust an der möglichst breiten Kommunikationsbasis und der multiperspektivischen Denkweise, wie Härle das formuliert.
Den Kontext wahrnehmen und mich auf ihn einlassen, das fand ich immer schon spannend:
KDA-Arbeit habe ich nebenamtlich auch in der Gemeinde immer schon gemacht.
Ich habe es in den letzten anderthalb Jahren sehr genossen, dies nicht nur „nebenbei“, sondern „voll und ganz“ machen zu können.
Ich fing an, für mich und mit anderen zu reflektieren:
Was heißt das, was ich da sehe, wir da sehen, für unseren Glauben, unser theologisches Denken, für unsere Arbeit in Kirche und Diakonie?

Die Beobachtungen waren vielfältig:

  • da gibt es die Spannung zwischen Gemeindepfarrdienst und funktionalen Diensten, die ich nun aus spiegelverkehrter Weise wahrnehme;
  • mir sprang die Spannung zwischen „Hannover“ und dem „Rest von Niedersachsen“ ins Auge, um es spitz zu sagen, die mir im Gegensatz zum Rheinland mit seinem Ruhrgebiet und den vielen Großstädten besonders markant auffiel;
  • ich wurde konfrontiert mit einer für mich vorher unvorstellbaren Vielfalt arbeitsweltlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge, die mir jegliches schwarz/weiß Denken verbietet;
  • und all das war und ist eingebettet in die „großen“ Entwicklungen unserer Zeit, ich nenne für mich die Stichworte Klimawandel/Paris, Flüchtlingskrise, Populismus und der Zug zu autokratischen Regierungen.

Theologisches Denken, Reflektieren und Sprechen fokussiert sich für mich in der Aufgabe, auf der Kanzel das Evangelium zu verkünden. Und da frage ich mich:

  • Wie predigen in einer Welt in der sich alles immer schneller zu ändern scheint?
  • Wie predigen, während wir auf einer schiefen Ebene ins Chaos welcher Art auch immer abzudriften drohen?
  • Wie predigen in einer Zeit, in der immer mehr in Gewalt und Abgrenzung die einzige Chance sehen, sich dem Abgrund entgegenstemmen zu können?
  • Wie predigen, dass ich (theoretisch) dabei auch der Mutter, dem Vater am Grenzzaun in Idomeni ins Gesicht schauen kann? Eine Frage, die mich im letzten Jahr sehr beschäftigte.

Die Fragen der Gegenwart verbanden sich mit Frage:

  • Was wird aus mir ab Sommer?
  • Und was mache ich dann mit all den Fragen?
  • Also: Wie gegebenenfalls dann predigen?

Nun ist es entschieden.
Und ich beginne von Neuem, von Tür zu Tür zu gehen, um mit Menschen „Kaffee zu trinken“, wie ich das salopp, aber mit Ernst formuliere.
Es gibt dabei einen wesentlichen Unterschied zu meinem Start vor zwei Jahren in Osnabrück und Co.:
Nun bin ich (wieder) viel stärker innerkirchlich eingebunden.
Mein Blick richtet sich in der Reflexion wieder mehr auch auf die kirchlichen Strukturen, Traditionen und Kulturen.
Da war ich zwei Jahre lang ziemlich weit draußen.

Dieser Abstand hat mir gut getan.
Doch nun stellen sich mir neue Fragen:

  • Was bedeuten die Entwicklungen in Arbeitswelt und Ökonomie für unser innerkirchliches Arbeiten und Wirtschaften?
  • Wo stehen wir als KDA, als funktionaler Dienst, in den politischen und gesellschaftlichen Wirren dieser Tage?
  • Und, ja, dies vermischt sich mit Gedanken und Gefühlen, Hoffnungen und Befürchtungen im Blick auf mein eigenes, „privates“ Leben, meine Ehe, meine Familie – wie und wo will ich leben, wohnen, wirken, zur Ruhe kommen, Kraft schöpfen?

Von mir selber ausgehen.
Immer wieder zurück zu schauen auf mich selbst, meine Geschichte, meine Verflechtungen in Räumen.
Die Lebenswelt wahrnehmen, den Kontext.
Was hat mir die Arbeit an diesem Beitrag gebracht?
Das Feld steht mir klarer vor Augen.
Der diffuse Nebel hat sich gelichtet, etwas.
Demnächst darf ich wieder einmal predigen.
Ich bin gespannt.