Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand (Harald Welzer) – Gedanken aus der Sicht eines Christen, eines Theologen, eines Pfarrers

zukunftI.

Kaum etwas ist neu. Aber manchmal ist es die Mixtur, die einen Cocktail attraktiv macht. Mich hat das  Buch jedenfalls sehr angeregt. Genauer: so zwanzig Seiten, ab S. 132.

a) Selbst denken. Achtsamkeit als Anleitung zum Widerstand

Es gibt eine Bruchstelle. Da habe ich mich gewundert, dann geärgert und erst viel später habe ich verstanden. Das ist die Geschichte mit dem Thunfisch. Welzer berichtet davon, dass er von einem Lunch in einem tollen Restaurant einen kurzen Vortrag zu halten hatte. Danach wurde Thunfisch serviert.

»Aus meiner Sicht gehört es zum kategorischen Imperativ gelebter Zukunftsfähigkeit, sich nicht schuldiger zu machen als unvermeidlich. Und Thunfisch zu essen geht heute einfach nicht mehr. Nun saß ich also da mit einem harten Interessenkonflikt. Sollte ich tatsächlich die soziale Konvention verletzen und die Vorspeise ostentativ nicht anrühren?« (227)

Ich habe mich gefragt: Was soll das jetzt? Erst schreibt Welzer seitenlang vom Selber-denken und serviert dann so eine moralische Geschichte, die mir eigentlich keine Wahl lässt? Thunfisch geht heute nicht mehr. Punkt. Aus. Fertig.
Irgendwann ging mir ein Licht auf. Welzer erzählt einfach vom eigenen Selber-denken und überlässt es mir als Leser, es ihm gleich zu tun. Und nicht einfach nur seine Einsichten zum Kapitalismus, Klimawandel und Konsumismus »einfach so« zu übernehmen, nachzuplappern. Ich kam drauf, als ich einige kritische Kommentare zum Buch las, die darauf hinaus liefen: Gute Darstellung der Problematik, aber wenig substantielle Handlungsvorschläge… Selbst denken.
Das ist anstrengend, spannend, widerständig, riskant. Leicht ist dieser Weg nicht zu haben, er muss erkämpft werden. Gängige Muster, auch (und vor allem) die im eigenen Kopf und Herz (»mentale Infrastrukturen«), halten heftig dagegen. Es braucht daher eine Anleitung zum Widerstand. Als Grundhaltung hält Welzer sinvoll:

»Nicht Effizienz, sondern Achtsamkeit, nicht Schnelligkeit sondern Genauigkeit, nicht Weitermachen, sondern Innehalten, wären Maximen für den Weg in die reduktive Moderne.« (141)

Es gilt, Gegengeschichten zu erzählen. Und dann anfangen, entsprechend zu handeln. Durch »praktiziertes Nichteinverstandensein« (287). Dazu braucht es eine Vision vom guten Leben in der Zukunft und ein Handwerkszeug zum Träumen.

b) Utopien ohne Masterplan

»Utopien sind ein großartiges Mittel, um Denken und Wünschen zu üben: sich einen wünschbaren Zustand in einer denkbaren Zukunft zu imaginieren, macht den Status quo zu lediglich einer Variante von vielen möglichen Wirklichkeiten. (…) Utopien werden gefährlich, wenn sich jemand daran macht, einen Masterplan zu entwickeln, um direkt umzusetzen, was wünschbar erscheint.« (136f.)

Wir sind es gewohnt, Pläne zu entwerfen, Finanzen und Entwicklungen zu berechnen und daraus Kennzahlen für die Entscheidungsfindung zu entwerfen. Masterpläne eben. Auch in der Kirche. Dahinter verbirgt sich die Übernahme des Fortschrittsglaubens der Moderne, dass mit Planung und Entwicklung »alles« erreicht werden kann, konkret: ein immer besseres Leben. Gescheitert ist dieses Projekt schon lange, aber unser Handeln richten wir (noch) nicht danach aus, die sozialpsychologischen Ursachen seziert Welzer an verschiedenen Stellen ausführlich.
Es scheint widersinnig und löst erst einmal Abwehr aus, auch bei mir, auf Masterpläne zu verzichten. Aber Welzer hat schon recht:

»Die Zukunft wird nur auf einem Weg zu erreichen sein, der selbst durch Irr- und Abwege, unpassierbare Stellen, gute Passagen, Steigungen und Gefälle, kurz: durch alles andere als Gradlinigkeit gekennzeichnet ist. (…) Die Heuristik einer nachhaltigen Moderne ist deshalb ein Utopisches-bis-auf-Weiteres und kennt daher auch Handlungsmaximen, die der nichtnachhaltigen Moderne völlig wesensfremd sind: probieren, abbrechen, aufhören, innehalten, pausieren. Kein Masterplan also, sondern immer nur ein Patchwork aus unterschiedlichen Experimenten.« (139)

Klingt beängstigend und befreiend zugleich. Dennoch scheint mir hier mehr Leben und Hoffnung drinzustecken als in der Blutleere des Immer-weiter-konsumieren. Aber es braucht auch ein Woraufhin, eine Richtung.

c) Geschichte(n) vom hypothetischen Leben in Future Zwei erzählen

Welzer erzählt hintereinander zwei unterschiedliche Zukunftsgeschichten, eine »optimistischere« (154ff.) und eine »pessimistischere« (160ff.). Beide beziehen sich auf Eckdaten heutiger Wissenschaft. Beide Geschichten sind, so Welzer, gleich wahrscheinlich. Es kommt darauf an, was ich, was wir aus meinen, unseren Möglichkeiten machen. Welche Geschichte ich erzähle, hängt dabei stark von meinen Wertvorstellungen ab. Welzer schlägt als Handwerkszeug vor, solche Zukunftsgeschichten im Future Zwei zu erträumen:

»Stellen Sie sich selbst im Tempus Future Zwei vor: Wer werde ich gewesen sein? Das hilft: Vieles von dem, was im einfachen Futur als unbequem und lästig erscheint, wird im Future zwei plötzlich interessant und attraktiv. Future-zwei-Imaginationen verändern Wertigkeiten. Sie fangen an, zu überlegen, wie Sie gut gewesen sein werden.« (133)

»Vorerinnerungen« nennt Welzer das im Anschluss an Edmund Husserl,

»das sind mentale Vorgriffe auf etwas erst in der Zukunft Existierendes. Sie spielen als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart eine mindestens so wichtige Rolle wie der Rückgriff auf real oder vorgestellt erlebte Vergangenheiten. (…) Sich nach vorwärts zu erinnern – darin besteht die Heuristik des Zukünftigen, und das wird mehr sein als eine banale ›Gegenwart plus‹, die ein bisschen technologisch aufgepimpt ist. Es muss schon besser, gerechter, schöner und nachhaltiger zugehen in unserer vorerinnerten Zukunft.« (136f.)

Es handelt sich im Kern um eine Vision, eine Vorstellung vom guten Leben in der Zukunft. Geträumt und erzählt wirkt sie zurück auf die Gegenwart. Auf meine Wahrnehmung, mein Handeln.

II.

Noch mal: Selbst denken. Nun bin ich dran.
Kirche (und Religion) kommt in Welzers Buch (fast) nicht vor. Das ist gut so.
Zum einen wird so sehr deutlich, dass von Kirche und Theologie an vielen Stellen keine wegweisenden Impulse mehr für die Bewältigung der Zukunft erwartet werden. Das ist schmerzlich, aber ehrlich. Und hilft »uns« zum zweiten, uns nicht darauf auszuruhen, dass wir als Faktor berücksichtigt werden. Das wäre ja die Gefahr, wenn Kirche und Theologie eine Rolle zugeschrieben werden. Wir könnten sagen: Da ist unser Platz, unsere Nische. Die füllen wir aus. Und sind zufrieden.
Ich sage: Nein. Das wäre zu viel und zu wenig.
Vielleicht ist es ja eher ein Hoffnungsschimmer, dass wir in der Analyse eine verkorksten Gegenwart nicht vorkommen. So nährt sich die Hoffnung, dass Kirche doch nicht so untrennbar dem Kapitalismus verbunden ist, wie es manchmal, zumal und vor allem in unseren reichen Kirchen in Deutschland erscheint. Aber vor allem wird eine Herausforderung beschrieben. Wir haben ja schon etwas zu sagen. Aber wir sind nicht mehr automatisch oben auf dem Podium, da, wo die Musik spielt. Nein, wir stehen unten. Unter den Menschen. Sitzen nicht in den Sesseln von Jauch, Maischberger und Co. Wie gesagt, das ist vielleicht ganz gut so. Freier sind wir, werden wir zu denken, zu handeln und zu träumen. Selbst denken eben.
Daher nun drei Gedanken eines Christen, eines Theologen, eines Pfarrers.

a) Der Christ als Selber-Denker

Die Formulierung klingt urprotestantisch. Traditionell gesprochen: der/die rechtfertigte Sünder/in ist befreit zum dankbaren Dienst an der Welt. Keine Macht der Welt hat mir etwas zu sagen, meine Anbindung liegt im Himmel. Das ureigene Gottesverhältnis im Glauben befreit und ermöglicht Widerstand. Die Formulierung »Selbst denken« eröffnet die Möglichkeit des Gesprächs über Werte und Letztbegründungen. Ich meine das nicht im Sinne eines Überbietens, Korrigierens, Zurechtrückens, sondern als offene Frage: Woran machst du dich letztendlich fest? Was treibt dich in der Tiefe an? Welche Werte und Grundüberzeugungen lassen dich offenbar zu ähnlichen Handlungsweisen wie mich kommen?
Als Christ sage ich: Ich darf selbst denken. Ich kann selbst denken. Ich muss es aber auch! Glaube eröffnet einen Horizont (»Utopie«), der mir den Protest ermöglicht, mich dazu auffordert. Der Protestantismus ist eine Widerstandsbewegung. Vielleicht muss ich mir das heute als Teil einer der reichsten Kirchen dieser Welt erst einmal selber sagen lassen. Und es ist eine Frage an mich – wo ist, wo bleibt dein glaubensmotivierter Widerstand? Wo ist, wo bleibt dein Selbst-denken? Es ist gefährlich, riskant, denn:

»Man kann nicht bequem eigener Meinung sein, es sei denn, sie wäre identisch mit der aller anderen.« (239)

In einem zweiten Schritt eröffnet dies dann den Dialog. Ich weiß nun, was ich selber denke. Habe selber nachgedacht, in aller Vorläufigkeit.
Ich würde Harald Welzer dann z.B. fragen, was er von subversivem Widerstand hält. Mir fiel beim Lesen auf, dass er den sozialen Netzwerken wie Facebook nicht nur misstraut, sondern sie als Werkzeuge eines geschmeidigen Kapitalismus versteht, dem es so gelingt, uns alle freiwillig dazu zu bringen, unsere Daten preiszugeben. Das mag und wird so sein. Aber dennoch sage ich: Wenn mir das bewusst ist, dann kann ich dies auch subversiv nutzen. Um jetzt mal bei Facebook zubleiben, selbst denken heißt: Dieses Medium nutzen, um mich mit anderen zu verbinden, auszutauschen, zu vernetzen, zu organisieren und zu lernen. Wohl wissend, das Facebook mithört. Aber genau darin liegt der entscheidende Widerstandspunkt: Wohl wissend. Widerstand braucht Kanäle und die vorhandenen muss ich nutzen. Widerstandskämpfer/innen haben zu allen Zeiten gewusst, sich zu tarnen und zu bewegen vor den Augen der Öffentlichkeit.
Selbst denken ist entscheidend. Und Handeln da, wo ich es kann – und wo ich meine, mir einigermaßen über meine Beweggründe und mögliche Konsequenzen bewusst zu sein. Ich drücke mich da bewusst vorsichtig aus, weil ich schon damit rechne, dass die andere Seite auch Gegenspionage ins Feld führt. Scheitern, Fehler und Irrwege sind erlaubt, sagt Welzer, wenn ich das als evangelischer Christ nicht unterschreiben kann. Pecca fortiter machte Luther seinen Zeitgenossen Mut, sündige tapfer! Jawohl. Und dann neu anfangen. Immer wieder.

b) Der Theologe als Utopist

Utopie ohne Masterplan. Ende des Fortschrittsglaubens. Ende der Zeit zielgerichteter Planung zur Verbesserung von Lebensverhältnissen aller Menschen. Ende eines Traums, der einige Jahrhunderte geträumt wurde, viele Verbesserung von Lebensumständen geschaffen hat, aber auf Kosten der Zukunftsfähigkeit. Von einer Wachstumsreligion spricht Welzer, die auch die Innenwelt der Menschen infiziert hat (59). Ich glaube, auch die Theologie hat sich von dieser Hoffnung infizieren lassen. Der Mensch als Krone der Schöpfung. Schöpfung wurde lange als fortschreitender Transformationsprozess aufgefasst, der nie an ein Ende kommt. Bewahrung der Schöpfung, so lautete einer der innerkirchlichen Parolen, die aber häufig so missverstanden wurde, als sei es Aufgabe des Menschen, die Schöpfung zu bewahren, ein theologischer Irrtum (Vgl. in meinem Buch »Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit«, S. 217-219). Diese theologische Erkenntnis, genauer: Unterscheidung gilt es heute auf allen Ebenen unseres kirchlichen und theologischen Lebens neu durchzubuchstabieren. Wir stehen da noch sehr am Anfang, fürchte ich. Und hoffe es.
Die Diskussionen um die »Große Transformation«, die z.B. 2012 auf dem Transformationskongress in Berlin geführt wurden, haben mir das vor Augen geführt. Wir suchen nach Plänen, nach einem Schlüssel, der uns die Zukunft zielgerichtet aufschließt. Wir sehen den Untergang kommen – und verfallen in mehr oder weniger hektische Aktivität, die letztlich ins Leere führt. Der direkt nach dem Kongress stattfindende Gipfel in Rio hat dies wieder deutlich gemacht. Utopie ohne Masterplan – der Ansatz des Kongresses war gar nicht verkehrt: Bündnispartner zu suchen. Im Denken, im Handeln. Und dabei um die eigenen Begrenzungen wissen, so schmerzlich sie sind. Aber Weltrettung ist nicht verheißen. Damit bin ich wieder ganz nach bei Welzer. Widerstands-Regel 8: Schließen Sie Bündnisse. 10: Sie haben keine Verantwortung für die Welt. 11/12: Wie ihr Widerstand aussieht, hängt von ihren Möglichkeiten ab. Und dem was Ihnen Spaß macht.
Spaß ist nun in der Kirche und in der Theologie ein verdächtiges Wort. Traditionell reden wir lieber von Pflicht. Allerdings meine ich, dass »Spaß« ein sehr schillerndes Wort ist. Es franst aus zu »Fun« und »Freude« und »Leidenschaft«. In den letzten beiden Begriffen sehe ich die Brücke. Spaß macht das, was mich zutiefst antreibt und zum Denken und Handeln bringt. Nach meinen Möglichkeiten, versteht sich. Für mich gehört dazu der Spaß an der Theologie. Am Schreiben. Anregen. Reflektieren, kommentieren, verbinden. Auch eine Form von Handeln. Eine von meinen.

c) Der Pfarrer als geschichtenerzählender Träumer

Und damit bin ich beim letzten Punkt. Als Pfarrer habe ich die wunderbare Möglichkeit, Sonntag für Sonntag auf der Kanzel die uralten Traditionen und Texte der Bibel auszulegen. Über Glaube und Gott und die Konsequenzen zu reden, die daraus folgen. Und unsere biblischen Traditionen sind voller Utopien und Visionen, die Menschen seit Jahrtausenden inspiriert und fasziniert haben. Es gilt »lediglich« die alten Schätze zu heben, den Texten zuzuhören und dann Geschichten von der Zukunft zu erzählen. Die biblische Tradition steht dabei in der Spannung zwischen »Schon jetzt« und »noch nicht«. Eine unauflösbare Spannung, die aber stets Menschen angetrieben hat und weiter antreibt.
»Schwerter zu Pflugscharen« eine Parole der Friedensbewegung.
Die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, die Vision vom friedlichen Zusammenleben in der Schöpfung (Jürgen Ebach sprach einmal vom Paradiesgarten als »utopischer Erinnerung«).
Die scharfen Bildworte eines Amos und Jesajas und Ezechiels, die Menschen den Atem verschlugen, sie aber nicht losließen.
Die Provokationen von Jesus von Nazareth, der von den Arbeitern im Weinberg genauso sprach wie vom Weltgericht, wo alle nicht an ihrem Glauben, sondern an ihrem Handeln gemessen werden.
Und all dies immer wieder verbunden mit scharfer, manchmal beißender Kritik an Herrschaftsverhältnissen, am Verhalten von Reichen, Königen und Priestern.
Wir haben als Pfarrerinnen und Pfarrer Schätze, die wir auslegen dürfen. Und auch gegen uns selbst ins Feld zu führen haben. In und durch diese Tradition sind wir aufgefordert, herausgefordert, ermächtigt, befähigt, geschichtenerzählende Träumer/innen zu sein. Nicht nur als Pfarrer/in. Kaum überbietbar einst in den Worten von Martin Luther-King formuliert – I have a dream. Bis heute faszinierend und anregend. Zum Träumen von – wenn nicht einer besseren Welt, dann doch – einem guten Leben. Die Bibel, der Glaube erzählen Gegen-Geschichten. Vielleicht sollten wir als Christinnen und Christen auf dieser Grundlage mehr Mut fassen als bisher, von einer guten Zukunft zu träumen und die Sorge und die Angst vor dem Untergang nicht in den Vordergrund zu stellen. Angst motiviert nicht.

»Es ist die Zukunft, die die Kriterien bestimmt, nach der in einer Gegenwart zu handeln ist,und da wir wissen, dass wir diese Zukunft nicht mit Expansion meistern werden, hätten wir schon mal ein Kriterium für das, was wir nicht mehr gebrauchen und aus dem Möglichkeitsraum aussortieren können. (…) Dieses Ziel, der gute Umgang mit der Welt, lässt sich rational nicht begründen und hat mit Wissen nicht viel zu tun: Es ist ein normatives Ziel. (…) Es gründet sich auf Hoffnungen, Wünsche, Träume und Gefühle – und auf eine Praxis, die solche Produktivkräfte des Zukünftigen ernster nimmt als alle Technik- und Machbarkeitsphantasien.« (246f.)

Bedingungslos geliebt. Leistung zwischen Vorschuss und Bewährung

Das Bedingungslose Grundeinkommen – ein aktuelles theologisches Leitbild?

(Ursprünglich verfasst im Dezember 2012 als überarbeitete und erweiterte Fassung des Blogbeitrags vom Oktober 2012. Sprachlich und sachlich leicht überarbeitet im Juli 2015. Mit weiteren Anmerkungen und Literaturverzeichnis hier als Download erhältlich: Bedingungslos geliebt.)

1. Luthers Glaubenserkenntnis: Bedingungslos geliebt
Ina Praetorius hat in einem Interview auf die Frage geantwortet, wie sie theologisch ihr Engagement für das Bedingungslose Grundeinkommen begründet: Gott liebt bedingungslos und diese Liebe ist ein Vorschuss, dem entspricht das Prinzip eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diesen Satz halte ich für bemerkenswert einfach, präzise und zutreffend. Luthers reformatorische Erkenntnis bestand in der Einsicht, dass Gott mir seine Gnade bedingungslos schenkt. So schreibt er in seiner Schrift: »Vn der Freiheit eines Christenmenschen«:

Die Person »wird aber nicht durch Gebote und Werke, sondern durch Gottes Wort (das ist durch seine Verheißung der Gnade) und den Glauben gerecht und selig, damit die göttliche Ehre Bestand habe, in der er uns nicht durch unser Werk, sonder durch sein gnädiges Wort umsonst und in reiner Barmherzigkeit selig mache.« (Abschnitt 24)

Mit eigener Leistung, mit »Werken«, kann diese Liebe niemals verdient und Gott mir gnädig gestimmt werden. Ich kann es nicht, ich muss es nicht und ich brauche es nicht, denn seine Liebe ist der Vorschuss, mit dem ich das Licht der Welt bereits betrete. Diese Grunderkenntnis des Glaubens kann und muss immer wieder für das Leben der Menschen fruchtbar gemacht werden. In diesen Jahren wird die reformatorische Glaubenserfahrung in der EKD im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 ins Auge gefasst. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, schreibt dazu in einem Aufsatz zur Vorbereitung der EKD-Synode 2012:

»Das Reformationsjubiläum will ein angstfreieres Selbstbewusstsein des heutigen Menschen bestärken. (…) Mit dem Jahr 2017 soll ein Prozess der Neuentdeckung Gottes verbunden werden, der sich im Unterbrechenlassen der eigenen Geschäftigkeit, im Staunen über die Geheimnisse des Lebens und im Innehalten vor Gottes Wort konkretisieren soll. (…) Mit dem Jahr 2017 soll ein Prozess der Stärkung des werteorientierten Selbstbewusstseins verbunden werden, der die Menschenwürde für jeden Einzelnen achtet und zugleich die Solidarität mit allen stärkt. Das Reformationsjubiläum will die wertvolle, werthaltige Verantwortlichkeit des heutigen Menschen befördern.« (Gundlach, Eine existentielle Lesart der Reformation, S. 97)

Angstfreiheit, Selbstbewusstsein, Achtung der Menschenwürde und Solidarität als zentrale Stichworte liegen auch in der Idee eines BGE angelegt. Daher scheint es mir sinnvoll, die reformatorische Erkenntnis von der bedingungslosen Liebe Gottes auf die innere Logik des BGE hin zu befragen.

2. Leistung und Lohn
Zunächst gilt es zu klären: Was ist Leistung? Und was Lohn? Und wie hängen beide zusammen? Leistung ist in verschiedensten Formen notwendig für unser Leben und Überleben. Menschen müssen arbeiten, Anstrengungen erbringen, um ihr Überleben zu sichern, um Kultur zu schaffen, kurz: um das gute Leben aller als Ziel anzustreben – und Menschen wollen sich auch einbringen, teilhaben, arbeiten. Allerdings begibt man sich mit dieser Fragestellung sofort in einen unübersichtlichen Dschungel der Begrifflichkeiten. Was »Arbeit« ist, kann kaum mehr definiert werden und wie Arbeit von Tätigkeiten abgegrenzt werden kann, ist ebenso umstritten. Zugleich wird nach wie vor mit Arbeit und Arbeitsleistung immer zuallererst Linie Erwerbsarbeit assoziiert und andere »(Arbeits-) Leistungen« ausgeblendet oder als unbedeutender erachtet. Von daher macht es Sinn,vom allgegenwärtigen und gewohnten Verständnis des Leistungsbegriffs in der Ökonomie auszugehen – ohne die genannte Einengung aus dem Blick zu verlieren.
In den Wirtschaftswissenschaften wird mit Arbeitsleistung »das Ergebnis einer zielgerichteten Anstrengung von Menschen in Verbindung mit dem Einsatz von Betriebsmitteln pro Zeiteinheit bei bestimmter Arbeitsqualität« bezeichnet. (Wikipedia »Arbeitsleistung«) Allerdings lässt sich dieser ökonomische Begriff durchaus erweitern auf die Tätigkeiten, die nicht der Erwerbsarbeit zuzuordnen sind. So definiert Eberhard Ulich im ersten Satz seiner Arbeitspsychologie Arbeit als eine »Tätigkeit, durch deren Ausführung der oder die Arbeitstätige zur Schaffung materieller oder immaterieller Werte für sich und/oder andere beiträgt.« (Ulich, Arbeitspsychologie S. 1)
Ohne Leistung ist Leben nicht möglich, materielle und immaterielle Güter gilt es zu erarbeiten. Hier liegt auch nicht das Problem, denn Leistung will der Mensch erbringen. Den faulen Schmarotzer wird es geben, aber er ist zahlenmäßig zu vernachlässigen. Er ist vielmehr ein Zerrbild gegenwärtiger Ökonomie, das gerne herangezogen wird, wenn sich Menschen unwürdigen, schlechten Arbeiten (zu Recht!) entziehen möchten. Und hier liegt auch der Übergang zur grundlegenden Frage: Was motiviert, bewegt mich zur Leistung? Menschen wollen arbeiten, werken, schaffen, sich ausdrücken und einbringen, das steht außer Frage. Da Arbeit und unser Leben insgesamt (»arbeitsteilig«) organisiert werden muss, stellt sich die Frage nach den grundlegenden Bewegungsprinzipien. Ein Arbeits- und Wirtschaftssystem braucht eine innere Antriebslogik. Hier sehe ich, vereinfacht gesprochen, zwei gegensätzliche Prinzipien »am Werk«: Eine Vorschusslogik und eine Bewährungslogik. Beide hängen untrennbar mit Menschenbildern zusammen, beide sind daher auch theologisch zu reflektieren und zu bewerten. Ich werde sie kurz skizzieren. Die Gegenüberstellung mag überzeichnet wirken, das scheint mir aber akzeptabel zu sein. Die alltägliche Realität ist immer komplex und kompliziert, daher brauchen wir »Brillen«, um im Dickicht etwas  zu eerkennen.

3. Bewährungslogik
Die Bewährungslogik (hier nehme ich Gedanken von Ulrich Oevermann auf) ist das heute gängige Bewegungsprinzip des gegenwärtigen Arbeits- und Wirtschaftssystems. Es besagt: Leistung muss sich lohnen, Leistung muss belohnt werden, Leistung spornt daher an. Jede/r ist verpflichtet sich mit ihren/seinen Möglichkeiten an der Leistungserbringung zu beteiligen, und zwar um der Gemeinschaft willen. Es gilt sich zu bewähren und dafür den Lohn zu erhalten. Wer keine Leistung erbringen kann, weil er zu alt, zu jung oder krank ist, der/die wird von der Gemeinschaft abgesichert. Nur deshalb. Auf dem »nur« liegt der Akzent. Abgesehen davon hat sich jeder Mensch zu bewähren und einzubringen, Leistung zu bringen. Und zwar in dieser Reihenfolge: Erst Leistung, dann Lohn. Ganz selbstverständlich wird heute von Hartz-IV-»Leistungen« gesprochen. Auch die Absicherung ist eine »Leistung« des Staates, der Gemeinschaft. Diejenigen, die darauf angewiesen sind, werden so schon mit dem Begriff daran erinnert, wo sie in der Gesellschaft stehen, nämlich außen oder unten, weil sie nichts leisten können, sondern Leistungen »empfangen« müssen. Dies führt dann in der Praxis zu den bekannten, oft quälenden Überprüfungen (warum, wieso, wie lange) und zu der Tendenz, Schuld und Versagen dem oder der Einzelnen zuzuschreiben: nicht das System ist verkehrt, sondern du bist es, weil du deine Leistung nicht erbringst. Schäm dich. (»blame the victims«).
So wird eine verhängnisvolle Schieflage erkennbar: Es geht hier zwar nicht um die Selbstrechtfertigung vor Gott (»Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?«) sondern um die Rechtfertigung in und vor der Gesellschaft (»Wie werde/bleibe ich leistungsfähig?«). Ich bin nichts wert, wenn ich nichts leisten kann, ich bin nichts wert, weil ich nichts leisten kann. Luther empfand und formulierte Gott gegenüber, der heutige sog. säkulare Mensch gegenüber »der Gesellschaft«: Wie bekomme ich eine gnädige Gesellschaft? Durch Leistung im System, das mir für meine Anstrengung die Belohnung erteilt. Ich muss Leistung erbringen, und möglichst immer noch mehr, weil dieses Wirtschaftssystem auf Wachstum hin angelegt ist. Ein »Mehrwert« muss erzielt werden, sonst funktioniert das System nicht. Die Anerkennung gibt es nachgängig, weil ich mich sonst aus dem System verabschiede und Schmarotzer/-in sein will, der/die auf Kosten anderer lebt…
Anders gesagt: Leistung bestimmt unsere Welt und macht unseren Wert aus. Daran hängen wir unser Herz, an die Leistung, wir glauben an die belohnende Gerechtigkeit. Wir glauben an den Gott der Leistung. Dieser Leistungsgott ist ein gnadenloser Gott: er belohnt die Tüchtigen, diejenigen, die sich bewährt haben und stößt alle anderen in den Abgrund. Er sagt: du bist schuld, hättest du dich mehr angestrengt, dann… Und am Ende glaube ich es und denke, ja, ich bin schuld, ich habe mich nicht genug angestrengt…
Fatalerweise führt das Prinzip zwangsläufig zum Vergleichen, das »immer mehr, immer besser« zwingt zur Konkurrenz. Unbezweifelbar klingt in diesem Prinzip auch ein Ansporn zum Wettbewerb an und viele Errungenschaften sind auf Basis dieses Prinzips in den letzten Jahrhunderten entstanden. Nun aber kommt es an Grenzen und die Rückseite eines auf Wachstum basierenden nachgängigen Leistungs- und Belohnungssystems wird erkennbar: Der fortschreitende Ressourcenverbrauch und eine Unzahl unsinniger Güter, die nach Begrenzung schreien. Das Bewährungsprinzip durchdringt mehr und mehr unsere ganze Lebenswirklichkeit. Der viel beschworene »homo oeconomicus« sucht tendenziell alle Lebensbereiche unter der Bewährungslogik zu vereinnahmen: Bring Leistung, nimm so am Leben teil und investiere die Belohnung erneut ins System, um noch »besser« zu werden, dir noch mehr »leisten« zu können, du hast es dir ver-»dient«.

4. Vorschusslogik
Die Vorschusslogik als Anerkennungs- und Motivationsprinzip sagt dagegen: Du bist gut und lebenswert. Du hast ein Recht auf Leben und Unterhalt und Fülle. Und zwar bedingungslos. Dieser Gedanken entspricht der Vorstellung des bedingungslos liebenden Gott, der unverdient ins Leben ruft, einen »Vorschuss« gibt und mich/uns wirken lassen möchte. Bedingungsloser Vorschuss setzt auf Hoffnung statt auf Bewährung, auf Motivation zur Leistung statt auf Forderung von Leistung. Sein Menschenbild baut auf Vertrauen und Zutrauen (»Du kannst«) und nicht auf Kontrolle und Zwang (»Du musst«).
In diesem Prinzip erkaufe ich mir nicht mit Leistung welcher Art auch immer Anerkennung, muss mich nicht zuerst bewähren und werde darin und danach anerkannt. Ich bekomme meinen »Lohn« als Vorschuss. Und zwar bedingungslos. Bringe ich die Leistung nicht, bewähre ich mich nicht, warum auch immer, so muss ich den Vorschuss nicht zurückzahlen. Es gibt Sicherheit, wenn mein Lebensunterhalt gesichert ist und ich nicht mit schlechtem Gewissen wegen meiner mangelnden Leistungsfähigkeit durchs Leben laufen muss. Hier bietet sich als gesellschaftliches Modell und theologisches Leitbild das BGE an. Aufgabe von Theologie ist es auch, Leitbilder für das Leben zu finden, welche auf gegenwärtige Herausforderungen angemessen »antworten«: Sie müssen sich mit der biblischen Tradition verbinden lassen und anschaulich sein.
An allen Ecken und Enden ist heute die Rede davon, dass wir ein anderes, nachhaltiges Wirtschaftssystem benötigen, auf eine Postwachstumsgesellschaft zugehen müssen, wenn die »multiplen Krisen« der Gegenwart bewältigt werden sollen. In der Analyse sind sich viele Fachleute – bei allen Unterschieden im Detail – einig. Es stellt sich aber – neben dem Streit um die richtigen Entscheidungen – immer wieder die Frage nach dem inneren Gestaltungsmotiv. Die Idee des BGE könnte solch ein Leitbild darstellen, weil es offen und anschlussfähig zugleich ist und zum Handeln motiviert, weil es eine Zukunftsperspektive so aufspannt und zugleich an die biblische Tradition anknüpfen lässt.
Die Bibel spricht davon, dass ein Leben in Fülle Geschenk Gottes ist, stellt den Rahmen dar, in dem sich Leben vollzieht.

»Gott gehört die Erde und ihre Fülle, die Welt und die in ihr leben.« (Psalm 24,1 BigS)

Der Mensch ist nicht Eigentümer der Erde, sondern er soll und darf von ihr und auf ihr leben, er darf sie nutzen, aber nicht verbrauchen. Eigentümer der Erde bleibt Gott, das ist eine erste Begrenzung allen menschlichen Denken und Handelns.

»GOTT, bis über den Himmel hinaus reicht deine Freundlichkeit, deine Verlässlichkeit bis zu den Wolken. Mensch und Tier befreist du, GOTT. Wie kostbar ist deine Freundlichkeit, GOTT! Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel. Sie sättigen sich an der Fülle deines Hauses. Vom Bach deiner Freude lässt du sie trinken. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens.« (Ps 36, 6-10a BigS)

Gott ist Quelle des Lebens, er stellt Fülle zur Verfügung, von der alle leben können, zugleich wird diese schöpferische und erhaltende Wirksamkeit Gottes eingeordnet in die Qualifizierung Gottes als freundliches, verlässliches Gegenüber.
Die Logik einer bedingungslosen Liebe Gottes, die jedem das gibt, was er braucht, wird von Jesus formuliert und zugespitzt. Als Beispiel mag das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg gelten. Zwar verbleibt die Erzählung in der Logik, dass für Arbeit ein Lohn gezahlt wird, also die Bewährung (zeitlich) der Entlohnung voraus geht. Und doch wird diese Logik (sachlich) von der Vorschusslogik durchbrochen, die jedem Arbeitenden zuspricht, was er fürs Leben braucht, einen Denar. Als diejeinigen aufbegehren, die länger gearbeitet haben, mehr Leistung bringen konnten, antwortet der Weinbergbesitzer:

»Ich tue dir kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm, was dir gehört und geh! Ich will nämlich diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder ist es etwa nicht erlaubt, mit meinem Eigentum zu machen, was ich will? Bist du etwa neidisch, weil ich gütig bin?« (Mt. 20,13 BigS)

Auch hier wird der aufrechnende Zusammenhang von Arbeit und Entlohnung durchbrochen, Gottes Güte will jedem/jeder geben, was er/sie zum Leben braucht.
Von der bedingungslosen Liebe als Grundprinzip Gottes spricht reflektierend auch Paulus:

»Denn ich verlasse mich darauf: Weder Tod noch Leben, weder himmlische noch staatliche Mächte, weder die gegenwärtige Zeit noch das, was auf uns zukommt, weder Gewalten der Höhe noch Gewalten der Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf können uns von der Liebe GOTTES trennen, die im Messias Jesus lebendig ist, dem wir gehören.« (Röm 8, 38f, BigS)

Diese biblischen Aussagen sind kompatibel mit Luther und seiner Rede vom gnädigen Gott, der mich (und uns) bedingungslos liebt:

»Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen.« (Freiheit eines Christenmenschen, Abschnitt 27)

Hier geschieht eine vorgängige Anerkennung meiner Person und meines Wertes, den ich mir nicht verdienen muss. Diese Anerkennung der menschlichen Würde ist auch Grundprinzip des Grundeinkommens, das in vielen Diskursen bereits eine wesentliche Rolle spielt. So ist dieses aus dem Glauben begründete und motivierte Erkenntnis-, Gestaltungs- und Handlungsprinzip anschlussfähig an alle Initiativen, die sich um die Zukunft sorgen und nach Wegen im Blick auf die »Große Transformation« und einen neuen Gesellschaftsvertrag suchen. Angeboten wird eine Einordnung meiner Person, meiner Möglichkeiten, in einen realistischen begrenzten und begrenzenden Rahmen. Die »Ethik des Genug«, für die der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider wirbt, erinnert uns auch an unsere Begrenzungen im Handeln. Überforderung fließt nicht aus dem Evangelium, eher die schmerzhafte Einsicht, nicht alles zu können – und am Ende eventuell zu scheitern. Im Grundeinkommen liegt daher auch der Gedanke des »Lassen-Können« mit angelegt: Weil ich abgesichert bin und zwar auf Vorschuss, kann ich auch meine Grenzen erkennen und anerkennen, weil die Leistung nicht über mein Wohl und Wehe entscheidet. Das BGE bietet sich daher als Antwort auf die Krise des heutigen Arbeitssystem an, die sich in diesen Tagen in Presseberichten spiegelt, das die Arbeitsmotivation weltweit (!) in den letzten Jahren gesunken ist.

5. Bedingungslose Liebe Gottes und bedingungsloses Grundeinkommen
Mit dem Reformationsjubiläum 2017 besteht schon allein pragmatisch gesehen die Chance, die Sprengkraft der reformatorischen Grunderfahrung auf vielen Feldern in Kirche und Gesellschaft neu durch zu buchstabieren. Und das gilt auch für die drängende gesellschaftliche und globale Herausforderung, ein neues Arbeits- und Wirtschaftssystem zu finden, das den »Wirtschaftswachstumswahnsinn« (Frithjof Bergmann) überwinden kann. Theologisch muss sich solch eine Neuorientierung an einem Menschenbild orientieren, das Menschen vom Vorschuss her leben lässt und nicht von der Bewährung. Entspricht nicht einer in die Leere laufenden Werkgerechtigkeit (die zur Reformationszeit auch wirtschaftliche Implikationen beinhaltete) heute eine in die Leere führende »Werk«- Gerechtigkeit, die mir vorgaukelt, du bist nur etwas, wenn du etwas tust, ja, du bist nur das, was du leistest? Luthers Kampf galt dem Versuch, durch »Werke« Gott gnädig zu stimmen und erkannte, dass dieser Weg und das dahinterstehende Menschenbild in die Irre führt. Unser Kampf muss heute vielleicht darin liegen, die bedingungslose Liebe Gottes gegen ein anderes in die Irre führendes System von Werkgerechtigkeit ins Feld zu führen. Glaube an den mich, uns und die Welt bedingungslos liebenden Gott impliziert ein neues Selbst- und Weltbild. Bedingungslos geliebt zu sein impliziert ein anderes Selbst- und Weltbild als auf Bewährung angewiesen zu sein.
Das BGE ist ein alternatives Modell zum heutigen Arbeitssystem. Als Denkalternative eröffnet es Perspektiven des Handelns, ebenso wie die Postwachstumsökonomie von Nico Paech. Beide – und es gibt sicher noch mehr – zeigen zunächst und vor allem Alternativen im Kopf auf, das (all-)gegenwärtige, neoliberal ausgerichtete Wirtschaftssystem mit seinen katastrophalen, demotivierenden und zerstörerischen Folgen überhaupt sinnvoll in Frage stellen zu können. Dies eröffnet Freiheit zunächst im Kopf, befreit aus der Öde einer alternativlosen Resignation.
Ein vorschießendes Grundeinkommen lässt mich durch- und aufatmen – und dann Leistungen erbringen, wo ich will und wie ich will. Denn es steht außer Frage, dass der Mensch im Grund seines Herzens tätig sein will. Luther hat diese Logik in der Freiheit des Christenmenschen verortet, der von Gott alles geschenkt bekommt und in Folge nicht anders kann, als sich dem Nächsten tätig zuzuwenden. Menschen wollen Leistung bringen, wollen sich einbringen und bewähren. Entscheidend ist aber das Setting, der Rahmen, in dem dies geschieht. Kaum etwas macht Menschen so sehr zufrieden wie eine Arbeit, die ich wirklich, wirklich will, meint der Philosoph Frithjof Bergmann (und er bezieht dies keineswegs nur auf die Erwerbsarbeit) – und wenn ich eine solche Arbeit habe, vergesse ich Raum und Zeit. Und dafür steht mir dann auch »Lohn« zu, in welcher Form auch immer. Wenn wir heute nach einem anderen System von Arbeit, Wirtschaften und Leben suchen, dann müssen wir auch nach den inneren Antriebsmotiven des bisherigen und möglicher künftiger Systeme fragen. Und hier empfinde ich den Gegensatz von vor- und nachgängiger Anerkennung im Gegenüber von vorschießendem Grundeinkommen und belohnendem Bewährungsprinzip als hilfreiche Denk- und Erkenntnisperspektive. Auch die bedingungslose Liebe Gottes bleibt nicht folgenlos, sie erwartet die Bewährung in der Leistung. Torsten Meireis zieht hier den Dienstbegriff heran:

»Die Motivation dieses Dienstes stammt aus den Einsichten des Glaubens, der Wirkung der Liebe und dem Geschenk der Hoffnung. Die Dienst impliziert keine heteronome Unterordnung, er erzwingt keine Selbstverleugnung oder Selbstaufgabe, aber er erfordert Selbstbestimmung in höchstem Maße. (… Dieser Dienst) wird grundsätzlich durch die Fülle der auf die Schöpfung hin durchsichtigen Natur, aus er wir leben, ermöglicht. Ein Leben, in dem wir – jeder und jede für sich – über das Vermögen zu demjenigen Dienst verfügen, zu dem wir individuell berufen sind, können wir ein ›Leben in Fülle‹ nennen.« (Meireis, Tätigkeit und Erfüllung, S. 537)

Als theologisches Gegenargument wird hier zuweilen auf eine andere Tendenz in der evangelischen Tradition verwiesen, die dem Gedanken eines BGE grundsätzlich zu widersprechen scheint: Das »protestantische Arbeitsethos«, das auf Pflichterfüllung, dauerhafte Leistungsbereitschaft und ruhelose Tätigkeit setzt. Dieser Gedanke wird zumeist mit Max Webers großer Untersuchung »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« in Verbindung gebracht – zu Unrecht, wie nicht nur Meireis weiß:

»Die ›protestantische Arbeitsethik‹ lebt – zwar schon lange nicht mehr im Protestantismus, wie bereits Max Weber wusste, aber im Baukasten der Stereotype, die den Protestantismus beschreiben.« (Meireis, S. 538)

Ganz abgesehen davon handelt es sich bei dem Verweis auf das protestantische Arbeitsethos um ein doppeltes Missverständnis. Zum einen geht es nicht darum, das Leistungsprinzip auszuhebeln, sondern es wird die Frage nach der grundlegenden sinnvolleren Motivation gestellt. Zum anderen geht es beim BGE nicht um ein finanzielles Schlaraffenland, sondern um eine grundlegende Absicherung des zum Überleben Nötigen und um darüber hinaus in bescheidenem Maß an Kultur und Gesellschaft dort teilnehmen zu können, wo dies nur mit finanziellen Mitteln möglich ist. Nicht der/die auf der faulen Haut liegende Schmarotzer/-in folgt theologisch aus der bedingungslosen Liebe und einer auf Vorschuss setzenden Motivation zur Leistung, sondern der einsatzbereite Mensch. Wer sich hier auf dem BGE ausruht, verfehlt den von Gott gedachten Sinn des Lebens – es sei denn, er oder sie versteht eine Lebensphase als Sabbat-Zeit, ein Gedanke, der sich auch, eher marginal, im Rahmen des heutigen Arbeitssystems findet. Anders gesagt: »Sünde« (als Verfehlung des Lebenszieles, der Lebensbestimmung) ist nicht nur im Rahmen des gegenwärtigen Arbeits- und Wirtschaftssystem denkbar, selbstverständlich in jedem anderen System genauso, denn kein System ändert den Menschen, nur der Zuspruch und die Annahme der bedingungslosen Liebe im Glauben.
Die Diskussion um das BGE ist mittlerweile unübersehbar und unübersichtlich. Hilfreich scheint mir zunächst die Erkenntnis Reitters, dass die Idee des Grundeinkommens sich in den dreißig Jahren unabhängig von den »großen« gesellschaftlichen Institutionen entwickelt hat. Es ist nicht die politische Idee einer Partei, sondern ein Reflex auf die Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Siegeszug einer neoliberal ausgerichteten Wirtschaft weltweit vollzogen haben. Daher liegt im BGE gerade die Chance, »überparteilich« eine Diskussion zu führen, die sich nicht an den gängigen Mustern von rechts, links, grün oder wie auch immer orientiert (wenn auch verschiedene Parteien anfangen, sich der Diskussion zu öffnen).
Martin Booms (»Ideal und Konzept des Grundeinkommens«) hat in der Diskussion um ein BGE drei Potentiale ausgemacht: das Potential der Denkraumerschließung, das utopische und das politisch-diskursive Potential. Denkraumerschließung meint, dass alle Konzepte des Grundeinkommens die gemeinsame Idee der Entkoppelung von Einkommen und Erwerbsarbeit verfolgen und diese als »Gegenbild« in die Diskussion einbringen. Das utopische Potential erwächst aus der Erkenntnis, dass das Grundeinkommen derzeit noch u-topisch, noch ohne Ort in der Gesellschaft sei – letztlich aber in jedem Gesellschaftsmodell ein utopisches Element aufleuchtet, das sich in der jeweiligen Gestaltungsherausforderung konkretisiert. Die Chance des politisch-diskursiven Potentials schließlich liegt darin, ein anderes Modell von Kultur in die Diskussion einzubringen und zugleich mit dieser Diskussion einen Teil dieser Kultur in der Gesellschaft bereits zu schaffen.
Booms zeigt so auf, dass die Idee des Grundeinkommens viel mehr ist als »nur« ein anderes, vereinfachtes Sozialversicherungssystem. Es zielt auf eine umfassende Veränderung des Denken, Lebens und Arbeitens. Es ist keinesfalls eine rein und schon gar nicht primär eine sozialpolitische oder wirtschaftsethische Fragestellung, sondern im Kern ist das Grundeinkommen eine anthropologische Frage: Wie wollen wir leben und arbeiten? Und darin verborgen liegt die Frage, welche Menschenbilder hinter unseren Handlungssystemen stehen und wie wir diese bewerten. Das Grundeinkommen schlägt einen Perspektivwechsel von der Fixierung auf Belohnung als Folge von Bewährung hin zu einer Logik des Vorschusses und buchstabiert diesen Wechsel auf allen Ebenen unserer gesellschaftlichen Lebens durch.
Am Anfang steht das Potential der Denkraumerschließung. Booms verweist darauf, dass die sehr unterschiedlichen Konzepte eine gemeinsame Idee in die Diskussion einbringen: die Idee einer prinzipiellen Entkopplung von Einkommen und Erwerbsarbeit. Er verweist auf die Tatsache, dass auch hinter der heute gängigen Verknüpfung von Erwerbsarbeit und Einkommen, zugespitzt in der Leitidee des Normalarbeitsverhältnisses, normative Vorentscheidungen stehen. Kurz gesagt: Auch das heute so gewohnt und vertraut scheinende Arbeits- und Wirtschaftssystem ist nicht naturhaft vorgegeben, sondern beruht auf menschlichen Entscheidungen. Diese Idee eröffnet einen Denkraum, in dem es zunächst darum geht, diese Idee der Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Entlohnung zu verstehen (d.h. nicht, sie gleichzeitig zu akzeptieren) und sie grundsätzlich auch als veränderbar zu erkennen. Eine Entkoppelung von Arbeit und Einkommen ist auch in der biblischen Tradition mit angelegt, genauer gesagt, es wird dem Recht des Menschen auf ein gutes Leben jenseits der eigenen Leistungsfähigkeit das Wort geredet. Kritik an unmäßigen Reichtum, an Fremdherrschaft, an Ausbeutung und unmenschlichen Steuerlasten sowie lebenslanger Schuldversklavung durchzieht die prophetischen Bücher der hebräischen Bibel. Im Namen Gottes haben Amos, Jesaja und andere gesagt: So soll es nicht sein – und eröffneten somit einen Denkraum, indem sie ihre Gegenwart in den weiteren Rahmen von Gottes Gerechtigkeitsvorstellungen hinein stellten. Reichtum und Fremdherrschaft sind nicht gottgegeben, sondern veränderbar. Von hier führt der Weg zu den Visionen und Utopien, die wir ebenfalls in der prophetischen Tradition finden, Vorstellungen, wie die Welt im Sinne Gottes aussehen könnte, ja müsste – und am Ende der Zeit auch aussehen wird. Utopien wie Jesaja 65 eröffnen Denk- Möglichkeiten, lassen träumen und machen Hoffnung, weil ich weiß, hinter diesen Utopien stehen nicht nur Träume, sondern der bedingungslos liebende Gott, der Menschen aus und in der Fülle leben lassen möchte.
Bemerkenswert ist daher, dass auch Boom auf das utopische Potential des BGE verweist. Er erinnert daran, dass Gesellschaft immer in Bewegung ist und sich verändert. Zu diesem Prozess gehört immer der Blick zurück auf das Nicht-mehr und der Blick nach vorn auf das Noch-nicht. Hier haben Utopien ihren Ort. Booms zitiert Annemarie Pieper, die Utopien als »Bausteine einer zeitgemäßen Wirtschaftsethik« versteht:

»Utopien (…) haben eine innovative Kraft und zugleich eine gesellschaftskritische Funktion. (…) Was (…) heute not tut, sind praktische Gedankenexperimente, in denen auf dem Boden einer zeitkritischen Analyse ein Stück Zukunft antizipatorisch vorweggenommen wird.« (Pieper bei Booms, S. 16)

Mit dem Vorschlag des BGE wird an die grundlegende Veränderbarkeit der Gesellschaft erinnert und durch die (noch) utopische Möglichkeit ein Ausweg aus einer systemimmanenten Sachzwangdiskussion eröffnet. Damit aber weist die Idee des BGE zum einen über sich hinaus, zum andern auf den gegenwärtigen politischen Kontext zurück. Das eröffnete Denken ist wie ein Fenster, durch das frische Luft in einen Raum strömt und neue Lebenskräfte weckt.
Das Anknüpfen an Utopie ist gute biblische Tradition. Unsere Verheißung hat hier keinen Ort, sie kommt auf uns zu und liegt uns voraus und aktualisiert sich unter uns im Glauben. Die Verheißung des kommenden Reiches Gottes, das fragmentarisch unter uns bereits Realität annimmt, fordert uns auf, zeitkritische Analysen aufzunehmen und unsererseits ein Stück Zukunft vorwegzunehmen. Genau dieser kritische Impuls findet sich bei den Propheten Israels wieder, die ausgehend von einer vielfach unguten gesellschaftlichen Situation es wagten, im Namen Gottes Hoffnungsbilder von einem anderen Leben zu malen. Hier können wir anschließen. Das utopische Potential des BGE weist darauf hin, dass unser heutiges Arbeits- und Wirtschaftssystem keineswegs immer und überall zum guten Leben aller führt, im Gegenteil. Es nimmt aber das Bild eines anderen Arbeitens, Lebens und Wirtschaftens auf und stellt diese Möglichkeit der Gegenwart gegenüber. Einfach gesagt: Es geht darum, vom Standort des Glaubens an den bedingungslos liebenden Gott – zu träumen: Was wäre, wenn…? Enno Schmidt führt dazu aus:

»Die Vorstellung eines zum Leben ausreichenden Einkommens ohne Abzug der Lebensleistung befreit die Seele. Und zwar noch ohne viele Gedanken und Details. Weil diese Vorstellung die Verhältnisse umkehrt. Ich bin nicht da, um mich einzufügen in die Verhältnisse, sondern die Verhältnisse sind für mich da. Und ich bin für die Welt da, dafür, dass meine Liebe Einfluss nehmen kann auf die Erde. Darin liegt etwas Kindliches, eben nicht Kindisches, nicht Nichtiges, auch nicht Vergreistes, nicht Verkrustetes. Für die Seele ist das Grundeinkommen Befreiung für die Welt und Verantwortung für mich. Es stellt die Frage nach der Lebensführung nicht aus Angst, sondern aus Ermöglichung. Die Seele fühlt sich zuhause und frei, von den Früchten des Gewesenen zu leben und von den Leistungen der Anderen, freigestellt und hineingestellt in die eigene Intention. Sie fühlt Handlungsfähigkeit.« (Enno Schmidt, Grundeinkommen für die Seele S. 2)

Das so eröffnete Denken, das zu träumen wagt, wie eine andere, »bessere« Welt aussehen könnte, muss sich aber der konkreten Gegenwart und der Frage nach ersten Schritten stellen, will es nicht als Schwärmerei abgetan werden. Daher stellt das politisch-diskursive Potential schließlich die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft leben wollen. Das ist nach Booms keine Frage für Politiker/-innen oder Experten/-innen, sondern eine Frage an alle Bürger/-innen, denn nur sie können die Frage beantworten in einem demokratischen Gemeinwesen, wie das gute Leben konkret aussehen soll. Diese Prozesse der Partizipation müssen aber organisiert und ermöglicht werden. Es ergibt sich folgende doppelte Chance und Aufgabe:

»Im Blick auf ihr politisches Aktivierungspotential in förmlicher Hinsicht hat die Idee des Grundeinkommens daher die Chance, einen ergebnisoffenen Diskurs über gesellschaftliche Orientierungsfragen aufzuwerfen, der eine vom Inhalt dieser Idee unabhängige Wertigkeit an sich aufweist. Zugleich erhebt das Grundeinkommen im Sinne eines soziopolitischen Konzepts aber Anspruch darauf, innerhalb dieses Diskurses als inhaltlich-konkrete Antwort in Konkurrenz zu anderen gesellschaftspolitischen Konzepten zu überzeugen.« (Booms, S. 20)

Der Gedanke, das Grundeinkommen als ein Erkenntnis-, Gestaltungs- und Handlungsprinzip auf der Basis eines Menschenbildes zu verstehen, das auf Vorschuss setzt, bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, an aktuelle Diskussionen anzuknüpfen – wenn die Engführung vermieden wird und der Dreiklang von Denkraumerschließung, utopischem bzw. politisch-diskursivem Potential wenn auch nicht immer zwingend direkt zur Sprache gebracht wird, aber zumindest immer mitgedacht bleibt.

6. Fazit: Dialog- und Kooperationsmöglichkeiten
Das BGE als theologisch reflektiertes und begründetes Leitbild eröffnet eine Vielfalt von Dialog- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen Kirche, Theologie und anderen gesellschaftlichen Kräften. Nur ein Beispiel möchte ich nennen.
Steffen Andrea und Matthias Grundmann haben vor einigen Monaten das kleine Büchlein »Gemeinsam! Eine reale Utopie. Wenningen 2025« veröffentlicht. Die Autoren gehen u.a. davon aus, dass es Modellprojekte geben könnte, in denen sich einzelne Regionen oder Orte für einen Systemwechsel auf der Basis des Grundeinkommens entscheiden, diese Projekte öffentlich finanziert und von der Bevölkerung vor Ort mehrheitlich akzeptiert werden und dieser Prozess dann wissenschaftlich begleitet wird.
Auffallend war aber für mich, dass in der erzählenden Utopie die Kirche mit keinem Wort vorkommt. Ich habe die Autoren daraufhin angeschrieben und gefragt: »Wo ist die Kirche?« Ihre Antwort lautet: »Das fragen wir uns auch. Wo ist die Kirche, warum geht sie nicht mehr auf Gruppen zu, die sich mit dem Gemeinschaftsgedanken befasst?« Ich bin sicher: es gibt solche Gruppen. Aber die Rückfrage zeigt an, dass hier noch viel zu tun ist und auch viele Möglichkeiten bestehen. Insofern sehe ich im christlich begründeten Einsatz für die Idee des Grundeinkommens eine doppelten Chance: Einmal eröffnet sich die Chance, unsere genuine Glaubenserfahrung in das Nachdenken über ein anderes Gesellschaftsprinzip einzubringen und zugleich sehe ich in der Diskussion über das vorschießende Grundeinkommen Ansatzpunkte für Gespräche, neue Koalitionen, Bündnisse und gemeinsame Projekte zwischen kirchlichen und anderen Initiativgruppen, die an den gleichen Fragen »dran« sind wie wir.

10 theologische Thesen zu Gegenwart und Zukunft der Arbeit

Vortrag auf einer Veranstaltung der Evang. Bildungsstätte Arbeit und Gesellschaft in Kaiserslautern am 22. Oktober 2012

1. Christlicher Glaube bekennt sich zum bedingungslos liebenden Gott und erkennt darin zugleich die Gebrochenheit der menschlichen Existenz.

Christlicher Glaube erkennt den in der biblischen Tradition bezeugten und in Jesus bedingungslos liebenden Gott. Diese bedingungslose Annahme eröffnet zugleich den unverstellten Blick auf mich selbst und die Welt: Mensch und Welt sind gebrochen und keineswegs nur durch Liebe, sondern vor allem durch Angst, Egoismus und Zerstörung gekennzeichnet (Sünde/Erbsünde). Diese doppelte Grunderfahrung des Glaubens führt zur kritischen Dimension von Kirche und Theologie: Sie bezeugen die Liebe Gottes, beklagen die Sünde, protestieren gegen das Unrecht und laden ein bzw. fordern auf zu einem Verhalten, das der bedingungslose Liebe Gottes entspricht.

2. Arbeit ist in ihrer Vielgestaltigkeit immer Chance und Risiko, Schöpfung und Zerstörung, Beanspruchung und Beeinträchtigung.

Menschliches Leben vollzieht sich daher aus christlicher Perspektive immer in Gebrochenheit. Leben beinhaltet Chancen und Risiken, eröffnet Gestaltungsformen und verhindert sie, nimmt Menschen in Anspruch mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten, kann sie aber auch beeinträchtigen, ja zerstören. Wir sind eingebunden in ein Geflecht von Beziehungen und Bezogenheiten, fangen nie bei Null an und können doch neue Anfänge setzen. Dies gilt für alle Lebensbereiche, auch für die Arbeit des Menschen.

3. Arbeit ist in der Gegenwart durch eine umfassende Entgrenzung gekennzeichnet.

In der Gegenwart ist »Arbeit« vielfältigen Veränderungen ausgesetzt. (Scheinbar) vertraute Muster lösen sich auf: Dies gilt insbesondere für das »männliche Normalerwerbsarbeitsverhältnis«, das in den letzten Jahrzehnten zumeist gemeint war, wenn man(n) von Arbeit sprach. Zudem sind wir alle mehr oder weniger, aber zunehmend (mit-) arbeitende Kundinnen und Kunden. Die klassische Unterscheidung zwischen Unternehmen und Kunden löst sich auf, das fängt bei IKEA und ist mit der Fahrkartenbestellung im Internet noch lange nicht ans Ende gekommen. Auch die Digitalisierung unseres gesamten Lebens verändert unser Arbeiten permanent, rasant und unumkehrbar. Mit dem Begriff »Entgrenzung« scheint ein innerer Kern all dieser Veränderungsprozesse benannt zu sein, mit seiner Hilfe lassen sich die Veränderungen aufspüren und wahrnehmen.

4. Arbeit kann in der Gegenwart nicht mehr definiert werden.

Die Wissenschaft – gleich welcher Couleur – ist sich weitgehend darüber einig, dass es derzeit nicht (mehr?) möglich ist, »Arbeit« zu definieren. Jeder Begriff ist entweder zu weit (und damit unscharf) oder zu eng (und blendet wesentliche Aspekte bewusst oder unbewusst aus). Für die Diskussion muss daher immer (!) gefragt werden, was jeweils gemeint ist, wenn von »Arbeit« die Rede ist. Geschieht dies nicht, sind Missverständnisse unvermeidlich.

5. Hilfreiche Wahrnehmungskategorien gegenwärtiger Arbeit sind: Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck.

In den wissenschaftlichen Disziplinen wird heute von kontextbezogenen Beschreibungen oder von Wahrnehmungskategorien gesprochen, wenn über Arbeit nachgedacht wird. Auch hier gibt es eine große Bandbreite in der Unterscheidung der Begriffe. Ich selber spreche von Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck.

a) Arbeit soll, kann und muss meinen Lebensunterhalt sichern
Menschen benötigen Güter zu ihrem Lebensunterhalt: Nahrung, Kleidung, Wohnung. Der Mensch hat Recht und Pflicht, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Kann er dies nicht (Krankheit, Alter, Jugend), so ist er von der Gemeinschaft zu unterstützen. Einen auskömmlichen Lebensunterhalt zu erarbeiten und zu erhalten ist ein Menschenrecht, theologisch folgt dies aus der bedingungslosen Annahme Gottes. Die Kategorie Lebensunterhalt markiert daher eine untere Grenze: es gibt Lebensbedingungen, in denen Menschen der Lebensunterhalt verweigert wird. Dies ist ethisch inakzeptabel. Wo diese Grenze verläuft, ist gesellschaftlich immer wieder neu auszuhandeln.

b) Arbeit soll, kann und muss zu meiner Lebensfülle beitragen
Jenseits des gesicherten Lebensunterhaltes beginnt das Reich der Lebensfülle. Leben ist mehr als nur Nahrung, Kleidung und ein Dach über den Kopf. Vereinfacht gesagt, ist die Kultur die Domäne der Lebensfülle. Es gibt auch eine obere Grenze, der Mensch kann nur ein bestimmtes Maß an Lebensfülle gestalten. Hortet er mehr Güter (Geld oder Sachwerte), als er selbst benötigt bzw. nutzen kann, verletzt er diese Grenze nach oben. Theologisch ist dies als Sünde zu qualifizieren. Andre Gorz war schon der Meinung: »Genug ist das Beste, was es gibt« und Nikolaus Schneider spricht von einer heute notwendigen »Ethik des Genug«. Dies zeigt schon an, dass auch die Grenze nach oben auszuhandeln ist, »genug« ist eine Wertaussage.
Zwischen oberer und untere Grenze verläuft, ethisch gesprochen, das gute Leben aller. Die biblische Verheißung lautet: Es ist genug für alle da (vgl. die Kirchentagslosung 2013: »Soviel du brauchst«). Anders gesagt: Sozialethisch ist ist mehr anzustreben als »nur« die Absicherung des Lebensunterhalts. Für diejenigen, die unter dieser Grenze leben müssen, lautet die Herausforderung, ihnen zunächst hier die entsprechenden Möglichkeiten und Ressourcen zur Verfügung zu stellen – ist dies erreicht oder gewährleistet, ist die »Arbeit« aber noch nicht zu Ende.
Einsatz für die Sicherung des Lebensunterhaltes und für die Gestaltung der Lebensfülle benötigt Ressourcen, nicht nur finanzieller, sondern auch Zeit und Kraft. Wo der Kampf um den Lebensunterhalt zu viel Zeit und Kraft verschlingt, so dass für die Lebensfülle kein Raum mehr bleibt, ist das Verhältnis aus der Balance.

c) Arbeit soll, kann und muss mir Lebensausdruck ermöglichen
Arbeit hat auch eine höchst individuelle Komponente. Ganz gleich, ob von Gaben und Begabungen, Kompetenzen und Fähigkeiten usw. gesprochen wird, in meiner Arbeit will ich mich ausdrücken, gesehen und anerkannt werden. Ich spreche hier nicht von »Selbstausdruck« wie Dorothee Sölle, weil ich dies für eine Verengung halte. Manche Arbeit mag Selbstausdruck sein, aber ich drücke mein »Selbst« auch in gemeinschaftlicher Arbeit aus, in der ich Teil eines größeren Ganzen bin. Als Beispiel mag ein Orchester oder eine Band gelten: jede/r Musiker/in trägt zum Gelingen das seine/ihre bei, aber nur im Zusammenspiel erklingt Musik als Lebensausdruck. Lebensausdruck zielt stärker als Selbstausdruck auf die Beziehungen und Bezogenheiten, in denen ich stehe.

Es ist leicht erkennbar, dass Lebensunterhalt, Lebensfülle und Lebensausdruck keineswegs nur durch Erwerbsarbeit erreicht werden können. Ebenso klar ist, dass nicht jede Tätigkeit immer allen drei Kategorien zugeordnet werden kann, um als Arbeit gelten zu können. Umgekehrt aber gilt: wird Menschen dauerhaft nicht ermöglicht, in gesichertem Lebensunterhalt zu leben, sich an Lebensfülle zu beteiligen und Lebensausdruck erleben zu können, dann ist dies aus christlich-ethischer Perspektive nicht hinnehmbar – und ist als Sünde zu qualifizieren.
Aus dem Bekenntnis zu dem mich, uns, die Welt bedingungslos liebenden Gott entsteht aus theologischer Perspektive der Anspruch, dass Menschen in gesicherten Lebensunterhalt leben und darüber hinausgehend an der Lebensfülle teilhaben und in ihrer Arbeit auch (immer wieder) Lebensausdruck erleben können. Hier hat Kirche sich auf all ihren Ebenen entsprechend in die Gesellschaft einzumischen. Dies erwächst zugleich die Selbstverpflichtung, alle innerkirchliche Arbeit unter diesem Dreiklang zu betrachten.

6. Die vielfältigen Arbeitsformen sind aus theologischer Perspektive alle gleichwertig.

Entscheidend für die Diskussion in der Gesellschaft ist nun aber, dass alle Arbeitsformen – im Sinne dieses Dreiklangs – gleichwertig sind. Erwerbsarbeit ist nicht »besser« und »wichtiger« als Hausarbeit oder private oder ehrenamtliche Arbeit. Es gibt keine theologische Begründung, Erwerbsarbeit vorzuordnen, im Gegenteil, wenn überhaupt gewertet werden soll aus christlicher Perspektive, dann wäre die »ursprüngliche« Arbeit im Haushalt mit Grundversorgung und Betreuung von Kindern und Alten »vorzuziehen« (nach den Untersuchungen von Christof Arn handelt es sich hier immerhin um mindestens 60% aller »Arbeit«). Theologie und Kirche haben sich an dieser Stelle für die Aufwertung aller Nicht-Erwerbsarbeitsformen einzusetzen.

7. Vorherrschendes Arbeitssystem ist nach wie vor und wohl noch auf lange Zeit die Erwerbsarbeit und damit der pragmatische Bezugsrahmen.

Trotz aller Entgrenzung und Veränderung ist und bleibt das Erwerbsarbeitssystem nach wie vor und noch auf lange Zeit das vorherrschende und am höchsten geschätzte Arbeitssystem. Bei aller Kritik muss von dieser Tatsache ausgegangen werden. Zugleich erleben wir immer mehr Unzufriedenheit mit dem System: die Erwerbsarbeitslosigkeit ist in Europa auf einem Höchststand, die Motivation der Arbeitnehmenden ist weltweit (!) in den letzten Jahren gesunken. Und die Zahl derer steigt, die in prekären Arbeitsverhältnissen leben und ihren Lebensunterhalt ungesichert sehen – ebenso wie es immer mehr Menschen gibt, die trotz Vollzeitstelle keine auskömmliche Entlohnung erhalten.
Bei der sozialethischen Betrachtung und Bewertung darf nicht der Fehler gemacht werden, aufgrund der vorhandenen Probleme alles auf die Schaffung von Erwerbsarbeit (-splätze) zu konzentrieren. Dies ist weder sinnvoll und geht auch an der Realität vorbei. Arbeitsplätze als »Omniwert« (Frithjof Bergmann) übersehen die Frage nach der Ausgestaltung der Erwerbsarbeitsplätze (»Humanisierung der Arbeitswelt«). Arbeit ist vielgestaltiger, zunehmend auch (klein-) selbständige und unternehmerische Arbeit. Zugleich besinnen sich Menschen auf Rückkehr zu Nicht-Erwerbsarbeitsformen. Hier muss Kirche darauf achten, dass sie nicht in ihrer (berechtigten ) »Sorge für die Armen« einseitig wahrnimmt und handelt. Der aus pragmatischen Gründen zu betrachtende Bezugsrahmen Erwerbsarbeit darf nicht dazu führen, andere Arbeitsformen auszublenden und zu vernachlässigen.

8. Utopie von einem anderen Arbeitssystem: Grundeinkommen vor Entlohnung.

Menschen brauchen Träume, Visionen und Utopien, auch in ihrer Arbeit. Utopien eröffnen Denk-räume, verändern den Blick auf die Gegenwart. Aus theologischer Perspektive besteht hier in der Gegenwart die Chance, an die Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen anzuknüpfen.
Weil wir von Gott bedingungslos geliebt sind, entspricht ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das Menschen einen »Vorschuss« gibt, eher dieser Liebe als ein auf nachgängige Be- oder Entlohnung setzendes Prinzip. In der Gegenwart ist dieses andere Arbeits- und Sozialsystem noch u-topisch, ohne Ort. Die Diskussion darüber verändert aber auch den verengten Blick auf Erwerbsarbeit, da es die Frage aufwirft, welchen »Wert« unsere Arbeit hat. Zugleich stellt es die heute vorherrschende Marktlogik in Frage und regt dazu an, das Marktgeschehen in ein umfassenderes Leitbild einzugliedern. Hier bietet sich das Bild des Haushalts an: Haushalte sind »ursprünglicher« als Märkte, diese haben ihren Sinn und Ort, aber sie erheben in der Gegenwart zu Unrecht häufig den Anspruch, das gesamte Leben bestimmen zu können, zu sollen, zu müssen (»homo oeconomicus«). Ein Grundeinkommen wäre ein Vorschuss auf die künftige Leistung und könnte das Lohn- und Leistungsprinzip umhüllen wie der Haushalt den Markt.

9. Zwischen sinnvoller und unsinniger Arbeit (und Gütern) ist zu unterscheiden.

Bereits das Postulat der Gleichwertigkeit jeder Arbeit stellt die Frage nach sinnvoller und unsinniger Arbeit, vor allem muss innerhalb des Erwerbsarbeitssystem diese Frage aufgeworfen werden. Hier liegt der Übergang zu wirtschaftsethischen Fragen: welche Güter sollen wo, wie und vom wem produziert werden? Was dient dem »guten Leben aller« und was nicht? Ohne diese Rückfrage wird die Forderung nach Lebensunterhalt, -fülle und -ausdruck »ideologisch« und einseitig: Selbstverständlich kann mir die Produktion von Waffen meinen Lebensunterhalt sichern und Lebensfülle ermöglichen, ja vielleicht liegt in der kreativen Suche nach immer präziseren Waffen auch die Möglichkeit, Lebensausdruck zu erleben – sinnvoll ist diese Arbeit dennoch keineswegs.
Diese Frage, welche Güter sinnvoll sind und dem guten Leben aller dienen ist einerseits gesellschaftlich stets neu auszuhandeln und politisch umzusetzen – andererseits richtet sie sich auch an Unternehmen, die über gegenwärtige und künftige Güter entscheiden. Nicht zuletzt besteht die Chance, durch Bürgerbeteiligung und -protest Macht auszuüben, der/die arbeitende Kunde/Kundin verändert und beeinflusst auch die Entscheidungswege der Güterproduktion.

10. Notwendige Abgrenzung: Arbeit ist begrenzt, sie hat ein Ende und ist umfangen von der Ruhe (Sabbattradition).

Teil der biblischen Tradition ist die Erinnerung an den Sabbat und an die damit verbundene Ruhe. Wie auch immer diese konkret ausgestaltet wird, Ruhe ist in christlicher Perspektive mehr als nur die Regeneration für neuerliche Arbeit. Der Sabbat erinnert daran, dass Arbeit eine Grenze hat und a ihr Ende kommt. Sabbat bzw. Sonntag erschöpfen sich auch nicht in der »Gottesdienstpflicht«, sondern implizieren Vergewisserung über den Glauben (und damit über das Menschsein), Unterbrechung des Alltags, Feier, Spiel und mehr. Ohne diese Dimension der Ruhe wird Arbeit schnell zum einzigen Lebensinhalt und Ziel (vielleicht neben der Liebe) und damit hoffnungslos überfrachtet (ebenso wie die Liebe wird sie dann zum einzigen Lebensinhalt). Die Frage nach heilsamer individueller und gemeinsamer Ruhe ist Teil des Nachdenkens über die Arbeit, aus christlicher Sicht kann nicht abschließend über Arbeit gesprochen werden, wenn die Ruhe ausgeklammert wird.

(Leicht überarbeite Fassung des mündlichen Vortrags, Anregungen aus der Diskussion wurden eingearbeitet.)

Mit kommentierter Literaturliste hier als PDF erhältlich:

Zehn Thesen zu Gegenwart und Zukunft der Arbeit

»Neue Arbeit, neue Kultur« (NANK) im Rahmen meiner Dissertation »Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit«

2007 auf dem Kirchentag in Köln hörten meine Frau und ich einen Vortrag von Frithjof Bergmann. Anschließend habe ich mir sein Buch »Neue Arbeit, Neue Kultur« gekauft, es über etliche Alpenpässe mit dem Rad geschleppt, abends und im Zug darin gelesen. Nach zehn Tagen wieder zurück, habe ich das Buch meiner Frau gegeben und gesagt, das musst du auch lesen. Seither beschäftigen wir uns mit NANK, unterschiedlich akzentuiert.

2008 hatte ich die Gelegenheit, vier Monate aus dem pfarramtlichen Alltag auszusteigen und noch mal ein Semester an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Ruhruniversität Bochum Veranstaltungen zu besuchen. In dieser Zeit entstand die Idee, zu promovieren und die Erfahrungen aus vielen Jahren nebenamtlicher Tätigkeit im »Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt« (KDA) zu verknüpfen mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit NANK, einem Desiderat nicht nur in der theologischen Disziplin.

Die ursprüngliche Idee, die Philosophie von NANK im Rahmen der evangelischen Theologie zu reflektieren, habe ich auf Zuraten meines Betreuers Traugott Jähnichen aufgegeben, weil er zu Recht darauf verwies, dass ich mich dann auch mit theologisch hoch umstrittenen und weit verzweigt diskutierten Begriffen wie dem »freien Willen« oder der »Freiheit« auseinandersetzen müsste. Jähnichen lenkte meinen Blick darauf, eher vom Arbeitsbegriff auszugehen. Zum einen wegen meiner langjährigen Praxiserfahrungen. Zum anderen, weil die theologische Literatur der letzten Jahrzehnte zum Arbeitsbegriff doch überschaubar sei. Daher sei diese Konzentration nicht nur für mich im Rahmen einer berufsbegleitenden Dissertation händelbar, sondern auch sinnvoll.

Die Problematik, der sich nicht nur die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem, was Arbeit ist, (sein kann, sein sollte,) heute stellen muss, ist die Tatsache, dass »Arbeit« in der Gegenwart nicht (mehr) definiert, sondern nur noch beschrieben werden kann. Hier sind sich Autorinnen und Autoren aus den unterschiedlichsten Disziplinen weitgehend einig. Für die Beschreibung von Arbeit müssen dennoch oder gerade deswegen Kriterien benannt werden, damit das Nachdenken nicht beliebig wird, ich mein eigenes Denken selbstkritisch überprüfen kann und andere meine Überlegungen nachvollziehen und ihrerseits kritisch reflektieren können. Ich habe daher drei Dimensionen von Arbeit beschrieben: Arbeit sichert Lebensunterhalt, eröffnet Lebensfülle und ermöglicht Lebensausdruck. In der Weite dieser Begriffe wird leicht erkennbar, dass es keineswegs nur um Erwerbsarbeit geht. Sondern alle Tätigkeiten, die im Sinne dieser Dimensionen »Arbeit« sind, können aufgegriffen, reflektiert und wertgeschätzt werden, ein Anliegen, das auch für NANK von großer Bedeutung ist. Eingebettet sind diese Dimensionen in umfangreiche Reflexionen gegenwärtiger Entwicklungen, wie sie neben Frithjof Bergmann z.B. Günter Voß und seine Mitarbeitenden beschrieben haben (»Arbeitskraftunternehmer«) oder wie sie sich im Zuge der digitalen Wende darstellen.

»Entgrenzung und Begrenzung von Arbeit« hat einen anthropologischen, keinen wirtschaftsethischen Fokus. Sie reflektiert die Bedeutung der Arbeit für uns Menschen aus Sicht des Individuums. Hier wird ein erster Einfluss von NANK erkennbar: Ich untersuche die Rolle, die Arbeit für uns Menschen, individuell und gesellschaftlich, spielen kann aus dem Blickwinkel der Einsicht Bergmanns, dass es kaum etwas anderes gibt, das Menschen so motiviert, antreibt und begeistert wie eine »Arbeit, die ich wirklich, wirklich will«.

Daher setzt meine Untersuchung ausgehend von Bergmanns erfahrungsgetränkter These einen Schwerpunkt bei der Frage nach lustfördernden, kreativen Anteilen in der menschlichen Arbeit. Über die Lasten von Arbeit ist aus theologischer Sicht schon viel geschrieben worden, zu Recht. In der protestantischen Tradition war es vor allem Dorothee Sölle, die auf diese anderen Aspekte menschlicher Arbeit hingewiesen hat. Umgekehrt komme ich bei meiner Analyse von NANK zu dem Schluss, dass Bergmann sehr starke Anleihen bei der evangelischen Theologie genommen hat, ohne auf diese Wurzeln dezidiert zu verweisen. Daher bezeichne ich seinen Ansatz als eine Art »säkularisierte Rechtfertigungstheologie« und in dieser Nähe wird für mich auch erkennbar, dass und warum NANK mit vielen Gedanken evangelischer Sozialethik kompatibel ist.

Neben Bergmanns Philosophie ist es vor allem der theologische Ansatz von Ina Praetorius, den sie postpatriarchal nennt und der viele Anleihen bei Hannah Arendt genommen hat, der mein eigenes Denken maßgeblich beeinflusst hat. Ihr Vorschlag, die »Welt als Haushalt« zu verstehen, weil Haushalte ursprünglicher sind als Märkte, gibt einen sinnvollen Rahmen für heutiges Denken über Arbeit ab und eignet sich auch für eine »Einordnung« von NANK in einen weiteren Horizont.

Mit Hilfe der drei Dimensionen Lebensunterhalt, -fülle und -ausdruck und den Konzepten von Bergmann und Praetorius wage ich einige Konkretionen. Ich untersuche den – nicht nur in der Kirche hoch bedeutsamen – Dienstbegriff. Ich frage nach Belastungen und Beeinträchtigungen, die Arbeit mit sich bringt, bringen kann und gehe insbesondere Frage nach, welche Belastung es bedeutet, keine (Erwerbs-) Arbeit zu besitzen. Besondere Aufmerksamkeit widme ich der Suche nach lustfördernden und kreativen Anteilen von Arbeit. Hier sehe ich gute Chancen, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen (entsprechend ausgestattet) viele negative Zuspitzungen von (Erwerbs-) Arbeitsverhältnissen überwinden helfen kann. Ich reflektiere in besonderer Weise die »Arbeit« von Selbstständigen, ebenfalls ein Desiderat in der evangelischen Sozialethik der Gegenwart. Aber ich frage auch nach den Grenzen des Arbeitens, nach der Rolle von Ruhe, indem ich die biblische Sabbattradition aufgreife. Ebenso nehme ich die »Arbeit« von Kindern und Menschen im sog. Ruhestand in den Blick, gleiches gilt für Hausarbeit und Ehrenamt.

Da mir als Pfarrer und damit auch als Arbeitgeber und Dienstvorgesetzter immer die innerkirchlichen Arbeitsverhältnisse in Kirche und Diakonie am Herzen lagen (und liegen), habe ich abschließend exemplarisch einen Berufsstand mit Hilfe der Arbeitsdimensionen reflektiert: meinen eigenen, das Pfarramt. Auch wenn es hier Spezifika gibt, die für andere Berufe so nicht gelten, bin ich dennoch überzeugt, dass manche der Einsichten und Beobachtungen auch auf andere Berufsstände und Arbeitsverhältnisse im kirchlichen Raum übertragbar sind.

Das Buch endet mit Gedanken zur Begrenzung unser aller Arbeiten im Rahmen der ökologischen Problematik. Welt als Haushalt gibt auch hier einen Rahmen, ein Ziel, eine Vision ab.
Meine »Arbeit« ist eine theologische Dissertation und daher sicher an manchen Stellen für Nicht-Theolog/inn/en nicht ganz einfach zu lesen, da bestimmte »Standards« zu erfüllen waren. Der interdisziplinäre Blick ist aber für mich wesentlich und vertraut, die Erfahrungen aus meinem erziehungswissenschaftlichen und sozialpsychologischen Studium fließen hier ebenso ein wie Praxisbeispiele. Ich verstehe dieses Buch daher als einen Versuch, evangelisches Denken und Reden über menschliche Arbeit auch anderen Disziplinen nahezubringen, nicht zuletzt und vor allem auch den Mitdenkerinnen und -denkern in NANK.

(Das Buch gibts hier: http://www.lit-verlag.de/isbn/3-643-11853-0. Oder im Buchhandel.)