Erntedank, Care-Ökonomie und ein Haufen Gold

Bern, am letzten Freitag. Die »Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen« inszeniert die Übergabe von 126.000 Unterschriften medienwirksam, indem sie acht Millionen goldglänzende Fünfräppler auf dem Bundesplatz aufschüttet. Die Bilder gehen um die Welt.

Mit dabei sind an diesem Tag einige Frauen mit Plakaten. Sie werden von den Kameras der großen Medienanstalten weitgehend übersehen. Schade, denn sie weisen auf einen wichtigen Aspekt in der ganzen Debatte um das Grundeinkommen hin: »Bedingungsloses Grundeinkommen nur mit Care-Ökonomie!«

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Die Plakate in Bern weisen auf einen Konflikt hin, der in der Schweiz in einen noch nicht entschiedenen Rechtsstreit mündete. Im Kern geht es um die Frage, ob die Medien sachgerecht berichten, wenn sie die unterschiedlichen Auswirkungen eines Grundeinkommens auf Frauen und Männer nicht zur Sprache bringen. Der Hinweis auf die Care-Ökonomie lenkt in diesem Zusammenhang den Blick auf die Tatsache, dass sich ein Grundeinkommen auf Männer und Frauen unterschiedlich auswirken würde.

Care-Arbeit, immer noch überwiegend in den Händen von Frauen.

Das Allensbacher Institut hat in der letzten Woche eine Umfrage veröffentlicht, dass den Männern die Gleichberechtigung mittlerweile auf den Nerv geht, und sie gleichzeitig nach wie vor davon überzeugt sind, dass Frauen besser bügeln können als sie.

Hat diese Wertung ihren Grund auch darin, dass solche Arbeit nicht finanziell entlohnt wird?

Ein Grundeinkommen würde dies ändern. Unbezahlte Arbeit würde honoriert, während der gut verdienende Mann von einem Grundeinkommen nichts oder zumindest weniger hätte.

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Was hat das alles mit Erntedank zu tun? Viel, eigentlich alles.

Die christliche Gemeinde feiert seit je her an diesem Fest den Ertrag der Ernte. Zu einer Zeit, in der 90% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig waren, war der existentielle Bezug offensichtlich. Heute ist dieser verloren gegangen, zumindest in den Wohlstandsnationen mit ihren Supermärkten, in denen es immer Erdbeeren gibt.

Daher ist der Gedanke des Festes erweitert geworden, was z.B an der modernen Strophe des Liedes »Wir pflügen und wir streuen« abgelesen werden kann.:

Auch Autos und Maschinen,

die kommen her von Gott,

wenn sie dem Menschen dienen

und lindern Last und Not.

Fabriken und Behörden,

wenn menschlich sie gelenkt

und uns zur Hilfe werden,

sind uns von ihm geschenkt.

(Karlheinz Geil, in: Schneider/Vicktor, Alte Choräle – neu erlebt, S. 200)

Oder, noch deutlicher:

Das meiste, was wir essen,

das hat ein andrer g´sät.

Wie leicht ist der vergessen,

der pflanzte, der´s gemäht.

Von anderen Völkern nehmen

wir Kaffee, Obst und Wein.

Hat jeder was zum Leben?

Das Brot muss allen sein.

(Joachim Ritzkowsky,in: Menschenskinderlieder, Nr. 62)

Hier wird deutlich, dass wir als Menschen in Bezügen leben, die wir als Einzelne weder geschaffen haben noch erhalten können. Ein autarkes Leben ist nicht möglich, wir sind soziale Wesen und so eingebunden in (Wirtschafts-) Kreisläufe unterschiedlichster Ausprägung. Und so haben wir als Einzelne auch Teil an der weltweiten Zerstörung und Ausbeutung von Natur und Mensch, wie exemplarisch an dieser Website aufgezeigt werden kann: www.slaveryfootprint.org

Erntedank heißt dann, mich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ich in Geflechte verflochten bin, die mich am Leben erhalten, die aber gleichzeitig Leben bedrohen und zerstören. Erntedank öffnet sich so einmal zum Dank der Macht gegenüber, die unser aller Leben durchdringt und erhält und zum anderen zur Klage, zum Schuldbekenntnis gegenüber Gott, dem Eingeständnis, bewusst und/oder unbewusst, aktiv/passiv verstrickt zu sein in ungerechte Verhältnisse und in Leid oder gar Tod bringende Strukturen.

Diese Erkenntnis ebnet den Weg, auch den Gedanken der Care-Ökonomie in das Erntedankfest einzubeziehen und so den Blick auf die unterschiedliche, genauer: ungerechte Bewertung der Arbeit/Tätigkeiten von Männern und Frauen zu lenken.

Lange bekannt ist die Tatsache, dass die Summe der unbezahlten Tätigkeiten in unserem Land in etwa der Summe der Leistungen im Bereich der Erwerbsarbeit entspricht. Ins Bruttoszialprodukt einbezogen, würde sich dieses verdoppeln.

Keineswegs müssen/sollten alle Tätigkeiten zwingend bezahlt werden. Aber in einer Zeit, in der alles und jedes in Geld aufgewogen wird, gelten bezahlte Tätigkeiten eben mehr als unbezahlte Arbeit. Und auch innerhalb des Systems der Erwerbstätigkeiten werden Arbeiten unterschiedlich gewertet. Die Reinigungshilfe bezahle ich deswegen, weil ich meine, dass meine anderen Tätigkeiten wichtiger sind als die Drecksarbeit. (Für Haushaltshilfen bei Krankheit oder anderen Einschränkungen gilt dies selbstverständlich nicht.)

An dieser Stelle setzt der Hinweis der Frauen auf dem Bundesplatz in Bern ein. Und es ist mehr, es ist ein Protestruf: Kein Grundeinkommen ohne Care-Ökonomie!

Keine Diskussion um das Grundeinkommen ohne die spezifische Lage von Frauen mit in den Blick zunehmen. Der Frauen, die eben immer noch einen Großteil der Care-Ökonomie leisten – was offensichtlich, so die genannte Umfrage, viele Männer völlig richtig finden. Ein Grundeinkommen würde ihre Situation verbessern, ihre Tätigkeiten im Rahmen der herkömmlichen Ökonomie finanziell zumindest bedingt würdigen und den Preis für manche Drecksarbeit »realistischer« gestalten. Die Sorge, dass unser Leben zusammenbricht, wenn ein Grundeinkommen gezahlt wird und sich niemand für die Reinigung, den Müllwagen usw. findet, ist völlig unberechtigt und zeigt die Verlogenheit: Wir müssten der Reinigungsfrau und dem Müllmann mehr »bieten«, wenn die pure Not sie und ihn nicht mehr zwingt, für einen Hungerlohn zu arbeiten.

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Hier schließt sich der Kreis zum Erntedankfest. Die Erkenntnis, ich kann nicht allein leben und ich mich immer dem funktionierenden System von Natur, Kultur und Wirtschaft verdanke stellt die Frage nach dem Wert jeder Arbeit. Theologisch gesprochen sind sie alle gleichwertig. Von daher gilt es am Erntedanktag auch denjenigen Dank zu sagen, die durch ihre Care-Tätigkeit die Hälfte unseres Systems am Leben halten. Und darüber zu klagen, dass hier durch schiefe Bewertung ungerecht gedacht und gehandelt wird. Der Protest eines Amos und eines Jesaja würden sich heute auch gegen die Ausbeutung von Frauen in der Care-Ökonomie richten, da bin ich mir sicher.

Im Blick auf eine theologische Wertung des Grundeinkommens vertrete ich daher die Auffassung: Der bedingungslosen Liebe Gottes entspricht ein vorschießendes bedingungsloses Grundeinkommen für jede Frau, jeden Mann. Das habe ich aber an anderer Stelle ausführlich dargestellt: Bedingungslos geliebt. Leistung zwischen Vorschuss und Bewährung.

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(Die Bilder wurden von Ina Praetorius – auf dem Foto 2. von rechts – zur Verfügung gestellt.)

5 Gedanken zu “Erntedank, Care-Ökonomie und ein Haufen Gold

  1. In der Bibel steht. im „Schweisse Deines Angesichts sollst du Dein Brot essen“ wieso soll uns jetzt der Staat mit BGE das Geld für das Brot schenken? ich finde es empörend, dass man nun auch noch Gott in diese Kampagne reinzieht, und das was in der Bibel tatsächlich steht, einfach ausklammert und selbst was reininterpretiert.

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  2. Pingback: Ein postpatriarchaler Beitrag zum Erntedankfest | Denkumenta

  3. @Frau Selimi, z. Zt. ist es wohl so, daß viele von uns ihr Brot im Schweisse des Angesichts der Anderen essen. Daher ist das BGE wohl eher ausgleichend für all die, die für viel schwere Arbeit sehr wenig erhalten, sowohl Geld als auch Anerkennung bzw. Wertschätzung… und bitte denken Sie nochmals darüber nach wer „der Staat“ eigentlich ist. MfG, Danièle Brown

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    • @Frau Brown: Der Staat ist nur scheinbar noch das Volk. Mit dem BGE führt man die erste Phase des bargeldlosen Systems ein, das BGE bringt das „einfache Volk“ in eine totale Staats-Abhängigkeit, das Volk verliert noch mehr den Bezug zum Geld, den Selbständigen nützt es gar nichts, und für die Schweiz bedeutet es einen weiteren Schritt Richtung EU-Abhängigkeit. Warum versuchen die Befürworter das BGE mit der Bibel und Gott zu rechtfertigen? MfG, Monika Selimi, Schweiz

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  4. Pingback: Essayistische Anmerkungen zu: Macht Kapital Politik. Die Zerstörung der Demokratie (Harald Trabold) | neubegehren entfacht das feuer

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