Wertewelten im Grundeinkommen

I. – Einleitung

2015 war ich Berlin dabei, als auf dem Kongress Arbeiten 4.0 die Studie „Wertewelten“ von nextpractice vorgestellt wurde. Ich saß im Auditorium, lauschte fasziniert den Ausführungen und den Beschreibungen der sieben idealtypischen Wertewelten, die vorgestellt wurden. Schlagartig wurde mir klar, warum es zB in Büros Streit über Weihnachtsfeiern oder Betriebsausflüge gibt, um nur „einfache“ Beispiele zu nennen: Es liegt oft „nur“ daran, dass wir Menschen sehr unterschiedliche Werte mit unserer Arbeit verbinden. Seither begleitet mich diese Studie und ich habe verschiedentlich in Vorträgen und Beiträgen auf sie verwiesen.

Im Sommer und Herbst letzten Jahres (2017) schwappte die Diskussion um das Bedingungslose Grundeinkommen wieder einmal stärker an die Oberfläche. Das geschieht offenbar in periodischen Abständen. Auslöser war eventuell die sehr vage Absicht im Koalitionsvertrag der Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein, über Alternativen zum heutigen System nachzudenken oder auch die Tatsache, dass die Ein-Punkt-Partei „Bündnis Grundeinkommen“ zur Bundestagswahl antrat. Schon früher habe ich verschiedentlich Texte zum Grundeinkommen verfasst, zur Zeit beschäftige ich mich wieder intensiver mit dieser Diskussion.

II. – Wertewelten im Grundeinkommen

Die Gespräche und Diskussionen um das Grundeinkommen werden in der Regel äußerst differenziert geführt. Irgendwann dachte ich, das liegt doch auch daran, dass Menschen sehr verschiedene Werte mit dem Grundeinkommen verbinden und von dort aus Sehnsüchte oder Befürchtungen formulieren. Von da war es nicht weit zu der Frage: Wie sehen die Menschen in den sieben Wertewelten das Grundeinkommen? In diesem Beitrag möchte ich dazu eine Antwort in Form von „Ich-Aussagen“ geben.

Ich beschreibe jeweils kurz die Wertewelt und orientiere mich dabei an den veröffentlichten Unterlagen. Dazu steht in Klammern zum einen der Prozentanteil dieser Wertewelt an der Gesamtzahl der befragten 1000 Personen und danach die jeweilige prozentuale Verteilung innerhalb der jeweiligen Gruppe auf Männer und Frauen. Diese beruht auf eigenen Berechnungen, die Autoren der Studie differenzieren nicht zwischen den Geschlechtern, haben mir aber auf Nachfrage die Rohdaten zur Verfügung gestellt. Dies ist auch für das Grundeinkommen von Bedeutung, weil von einer Einführung Männer und Frauen unterschiedlich profitieren würden. Nach der jeweiligen Skizze der Wertewelt folgt dann die Stellungnahme eines fiktiven Menschen zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Ziel ist es, mich aus Sicht der sieben Wertewelten ins Grundeinkommen hineinzudenken, zu -fühlen. Damit verbunden soll deutlich werden, dass Arbeit, Leistung und Einkommen je nach Wertewelt in unterschiedlicher Weise aufeinander bezogen sind, die jeweilige Be-Wert-ung des Grundeinkommens ist ein Spiegel dieses Verhältnisses.

Streng genommen müsste ich zu jeder der sieben idealtypischen Wertewelten jeweils zwei fiktive Ich-Aussage aus weiblicher und männlicher Sichtweise formulieren, für ein erstes Herantasten soll dieser Versuch erst einmal genügen, zumal ich die Gefahr sehe, dass dies zu schnell in Klischees abgleitet. Evtl. überarbeite und erweitere ich den Text zu einem späteren Zeitpunkt in dieser Hinsicht.

III. – Fiktive Ich-Aussagen zum Grundeinkommen

a) Sorgenfrei von der Arbeit leben können (28% aller Befragten – 48% Männer, 52% Frauen)

Die Befragten dieser Wertewelt kritisieren vor allem den subjektiv zunehmenden Konkurrenzdruck und den erlebten Zwang, immer mehr arbeiten zu müssen. Sie erleben eine Gesellschaft, die sich zunehmend in Arme und Reiche spaltet. Das von diesen Befragten wahrgenommene Bild der heutigen Arbeitswelt entspricht nicht mehr ihren Vorstellungen von einer wünschenswerten Arbeitswelt, die durch finanzielle Sicherheit, Fürsorge und Abwesenheit von Druck geprägt ist. Auch der Blick in die Zukunft gibt diesen Befragten kaum Hoffnung auf Verbesserungen. Im Gegenteil befürchten sie eher eine weitere Verschlechterung.

„Ein Grundeinkommen würde mir einen Teil der Sorgen um mich und meine Familie nehmen, die mich stets begleitet. Es wäre so eine Art emotionale Grundsicherung und ich bekäme Luft zum durchatmen. Keinesfalls würde ich meine Berufstätigkeit aufgeben, wahrscheinlich würde ich das Grundeinkommen auf ein Sparkonto packen, für schlechte Zeiten. Und wenn diese nicht kommen, dann würde ich mir später vielleicht von diesem Ersparten einige Monate, ja, ein Jahr als Auszeit nehmen. Um mich mit mir selbst zu beschäftigen und mein Verhältnis zur Arbeit neu zu bestimmen.“

b) In einer starken Solidargemeinschaft leben (9% aller Befragten – 58% Männer, 42% Frauen)

Nach Einschätzung der Befragten in dieser Wertewelt werden Konkurrenz, soziale Isolation und mangelndes Sinnerleben weiter zunehmen, Wertschätzung und Loyalität an Bedeutung verlieren. Die Befragten aus dieser Wertewelt finden ihre Identität gerade in der Berufswelt, durch die sie sich als Teil der Gesellschaft erleben. Der Verlust an gesellschaftlicher Bindung und Anerkennung durch die Arbeit ist für diese Befragten ähnlich beängstigend wie das Infragestellen ihrer materiellen Grundlagen für die Befragten der ersten Gruppe.

„Mir ist es wichtig, dazuzugehören. Erwerbsarbeit für alle gibt es einfach nicht mehr, immer mehr Männer und Frauen sind abgehängt, seit Jahren arbeitslos ohne jede Perspektive. Ich bin mir unsicher, ob ein Grundeinkommen hier etwas ändert, die Menschen wollen doch nicht nur Geld, sie wollen teilhaben, mitwirken. Ja, die materiellen Sorgen wären vielleicht geringer, aber ich wünsche mir viel stärker noch, dass der Staat und die Unternehmen viel mehr dafür tun, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Denn Arbeit für alle hält die Gesellschaft zusammen, nicht 1000 € ohne Gegenleistung für jede und jeden.“

c) Den Wohlstand hart erarbeiten (15% aller Befragten – 57% Männer, 43% Frauen)

Im Unterschied zu den zwei ersten Wertewelten stellen diese Befragten nicht das Funktionieren des Systems als Ganzes infrage. Auch ihre Ansprüche an die Gesellschaft sind deutlich geringer ausgeprägt. Es gilt lediglich Voraussetzungen zu schaffen, damit sich die Anstrengungen des Individuums auch lohnen. Zwar beschreiben auch diese Interviewpartner eine Arbeitswelt, in der sie gerade mit ihren menschlichen Interessen weniger Platz finden als früher. Sie sehen es aber letztlich als Aufgabe des Einzelnen, sich unter den neuen Bedingungen zu behaupten.

„Ich halte nichts von einem Grundeinkommen, und ganz ehrlich, ich fände es befremdlich, wenn ich solch ein Geschenk vom Staat bekommen sollte. Ich arbeite gerne und ich weiß, dass meine Arbeit auch ihren Lohn wert ist. Wer nicht arbeitet, soll dafür nicht auch noch belohnt werden. Wo ist denn der Anreiz zu arbeiten, wenn mein Auskommen gesichert ist?! Und umgekehrt frage ich die Befürworter eines Grundeinkommensw: Wertet ihr so nicht Arbeit und Leistung ab?“

d) Engagiert Höchstleistungen erzielen (11% aller Befragten – 63% Männer, 37 % Frauen)

Die Befragten dieser Wertewelt fühlen sich also in der heutigen Arbeitswelt gut aufgehoben und nehmen die bisherige Entwicklung als sehr positiv wahr. Mit Blick auf die Zukunft wird kaum korrigierender Handlungsbedarf gesehen. Lediglich in der Sorge um den Erhalt der Gesundheit der Erwerbstätigen haben diese Befragten noch unerfüllte Erwartungen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sie eine zunehmende Spaltung am Arbeitsmarkt wahrnehmen, ohne zu großen Anstoß daran zu nehmen.

„Mich interessiert die Diskussion um ein Grundeinkommen nicht. In einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft brauchen wir das nicht. Viel wichtiger finde ich, dass der Staat Menschen dabei unterstützt, sich stetig weiterzubilden und weiter zu entwickeln. Für die eine oder den anderen mag dafür so etwas wie ein Sabbatjahr hilfreich sein, und auf Antrag sollte das auch ermöglicht werden, damit jede und jeder dazu ermutigt wird, seine Potentiale voll ausschöpfen zu können. Und unser Gesundheitssystem sollte noch stärker auf Prophylaxe und das Angebot von Kuren ausgerichtet sein, also greifen, bevor wir krank werden durch unsere Berufstätigkeit.“

e) Sich in der Arbeit selbst verwirklichen (10% aller Befragten – 56% Männer, 44% Frauen)

Die Mitglieder dieser Wertewelt konzipieren die Gegenwart als Umbruchphase auf dem Weg in eine Arbeitswelt, in der sich alle ihre Vorstellungen realisieren lassen. Für diese Befragten werden starre, konventionelle Muster zugunsten individueller beruflicher Gestaltungsmöglichkeiten immer weiter zurückgedrängt. Was heute noch nicht ist, wird für die Zukunft erwartet. Diese Wertewelt unterscheidet sich von allen bisher dargestellten vor allem durch ihren Optimismus. Auch scheinen die Themenfelder Absicherung und Anerkennung, die für die bisher dargestellten Wertewelten wichtig waren, in dieser Wertewelt hinter individuellen Anliegen nach beruflicher Entfaltung zurückzustehen.

„Ich fände es gut, wenn es ein Grundeinkommen gäbe, das würde mich darin sehr unterstützen, mich in meiner Arbeit wiederzufinden. Arbeit ist ein spannender, wesentlicher und unverzichtbarer Teil meines Lebens, ich würde nie darauf verzichten. Und es gibt heute auch unglaublich viele Möglichkeiten und Herausforderungen, denen ich mich gerne widmen möchte. Ein Grundeinkommen würde mir aber helfen, Übergänge zu gestalten, vielleicht mal ein paar Monate arbeitslos sein zu können, bis ein gutes neues Angebot kommt. Oder ohne materiellen Verlust einige Zeit meine Arbeit zu reduzieren, um mehr mit meinen Kindern zusammen sein zu können. Ein Grundeinkommen passt für mich in eine Gesellschaft, die in Zukunft menschliche Potentiale in allen Bereichen unseres Zusammenlebens ausschöpfen möchte.“

f) Balance zwischen Arbeit und Leben finden (14% aller Befragten – 50% Männer, 50% Frauen)

Diese Interviewpartner sehen sowohl die frühere als auch die heutige Arbeitswelt sehr kritisch. Ihre Vorstellungen von einer idealen Arbeitswelt haben kaum etwas mit den bisher bekannten Verhältnissen zu tun. Aufgrund der enorm optimistischen Erwartungen an die Zukunft können die Befragten dieser Wertewelt zunächst als Treiber einer zukünftigen Entwicklung gesehen werden. Es besteht allerdings auch das Risiko eines Rückzuges, wenn sich die Realität als zu widerständig für die Ideale dieser Menschen erweisen sollte.

„Ein Grundeinkommen? Ja, bitte, unbedingt! Erwerbsarbeit ist nicht das ganze Leben, ganz im Gegenteil. Mit einem Grundeinkommen würde es mir wesentlich leichter fallen, die verschiedenen Bereiche meines Lebens in der Balance zu halten. Vielleicht brauche ich das Grundeinkommen nicht heute, aber dann kann ich das Geld für später sparen, wenn ich zB meine Eltern pflegen muss oder meine Kinder Unterstützung in der Schule benötigen können. Oder ich könnte meine Erwerbstätigkeit reduzieren, wenn mir ein spannendes Ehrenamt über den Weg läuft. Ich würde aufatmen, denn ich habe oft ein schlechtes Gewissen, weil meine Erwerbstätigkeit oft so viel von mir fordert, dass wenig Zeit und Kraft für anderes bleibt. Und es gibt so viel zu tun!“

g) Sinn außerhalb seiner Arbeit finden (13% aller Befragten – 48% Männer, 53% Frauen)

Für diese Befragten sind Aspekte relevant, die sich teilweise nicht mit den gängigen Vorstellungen der Arbeitswelt und klassischer Erwerbstätigkeit in Verbindung bringen lassen. Diese Gruppe unterscheidet sich damit prinzipiell von allen anderen bisher dargestellten Wertewelten. Denn alle anderen Wertewelten haben entweder in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft der Arbeitsgesellschaft ihre Anknüpfungspunkte gefunden, diese Wertewelt dockt in zentralen Fragen des Lebens außerhalb der Erwerbstätigkeit an.

„Das heutige System von sozialer Sicherung orientiert sich ausschließlich an der Erwerbsarbeit. Alle sollen erwerbstätig sein, nur Kinder oder Ältere und kranke Menschen sind davon ausgenommen. Leider gilt dabei: Erwerbsarbeit ist wertvoller und wichtiger als Carearbeit. Warum eigentlich? Ein Grundeinkommen, nein, es muss heißen: ein Grundauskommen dreht diese Logik um, gibt Menschen ihren Wert durch ihre reine Existenz und bindet ihn nicht an das, was wir leisten. Darauf kann eine Gesellschaft besser aufgebaut werden als auf dem Leistungsprinzip. Erwerbstätigkeit ist doch nicht der Sinn des Lebens, den finde ich an anderen Orten. Ein Grundauskommen würde diese Sichtweise bestätigen und ernst nehmen.“

IV. – Fazit

Diese fiktiven Ich-Aussagen spiegeln Werte im Feld von Arbeit/Tätigkeit, Leistung und Entlohnung und machen verständlich, warum es in vielen Diskussionen um das Grundeinkommen emotional, ja, leidenschaftlich zugeht: meine Haltung zum Grundeinkommen spiegelt meine Einstellung zu (Erwerbs-) Arbeit, und Tätigsein ist ein zentraler Aspekt unseres Menschseins.

Ergänzt werden könnten diese Aussagen nun noch mit Menschen, die nicht im Erwerbsleben stehen, aber auch ein Grundeinkommen erhalten würden: Kinder und Ältere, Menschen in der Ausbildung, Erwerbslose und Nicht-Erwerbsfähige wie Menschen mit Beeinträchtigungen. Mein Eindruck ist, dass die Debatte häufig aus Sicht dieser Personengruppen geführt wird, die ohne Zweifel mit einem Grundeinkommen finanziell vermutlich anders da stehen, weil ihr finanzielles Auskommen bedingungslos (!) gesichert wäre. Diesen Text verstehe ich als einen Beitrag dazu, auch die heute Erwerbsfähigen differenzierter in der Diskussion in den Blick zu nehmen. Wenn euch  Ergänzungen, Erweiterungen, Korrekturen zu den Ich-Aussagen einfallen, dann schickt sie mir oder schreibt sie als Kommentar unter den Beitrag, das würde mich freuen.

4 Comments

  1. Juergen Rettel

    Natürlich gibt es beliebig viele Perspektiven, aber immer nur eine Realität !
    Und beim bedingungslosen Grundeinkommen ist es ganz einfach, das Wertesystem der Bundesrepublik ist das GG, es garantiert Hilfebedürftigen eine Grundsicherung und deshalb Erwerbstätigen einen Grundfreibetrag mindestens in gleicher Höhe (Urteile des BVerfG).
    Hilfebedürftig ist also JEDER, dessen Einkommen unter dem Freibetrag liegt !
    Es ist am einfachsten und am kostengunstigsten, JEDEM VORAB seinen Freibetrag als bGE auszuzahlen und zum Ausgleich alle Einkommen ab dem ersten Cent zu besteuern !
    Nur Gegner unseres GG führen eine „Wertediskussion“ über das GG..

    Gefällt mir

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