Laufen macht glücklich

Irgendwann hinter Kilometer 20.
Endlich sehe ich das Brandenburger Tor.
Kurz schießen mir Tränen in die Augen.
Ich bin fast im Ziel.

Hätte mir vor zwei Jahren jemand prophezeit, du läufst 2019 in Berlin den Halbmarathon, dann hätte ich schallend gelacht. Laufen und ich, das passt nicht zusammen. So dachte ich viele Jahre, nachdem ich am Ende meines Studiums in Marburg mal einen kurzen Versuch unternommen hatte.

Gleich geht es los.
Ich sehe die Startlinie.
Wunderbares Wetter und tolle Stimmung.
Es bleibt die bange Frage:
Was macht der Schnupfen?

Über zwanzig Jahre war das Rad mein Sportgerät. Alle möglichen Alpenpässe habe ich abgefahren. Dafür habe ich mich am Niederrhein ab Januar durch Schnee und Kälte gequält, das Jahresziel schon vor Augen. Gescheitert bin ich nie, auch wenn es hier und da knapp wurde.

Ernst-Reuter-Platz.
2,5 Kilometer liegen hinter mir.
Ich ziehe mein zweites Shirt aus und werfe es meiner Familie zu.
Mir ist zu warm.
Aber es läuft.

In all den Jahren auf dem Rad habe ich gelernt: Ich brauche Sport. Bewegung. Anstrengung. Training. Ein Ziel vor Augen. Einen Kontrapunkt. Einen Ausgleich zu meinem beruflichem Leben.

Es geht bergan Richtung Schloss Charlottenburg.
Und danach noch eine Weile weiter aufwärts.
Das ist mässig anstrengend.
Ich merke schnell:
Mit der Erkältung ist die vorher angepeilte Zeit unerreichbar.
Das ist aber nicht so wichtig.
Denn die Zuversicht wächst von Schritt zu Schritt.

Seit wir nach Osnabrück und dann nach Hannover gezogen sind, hat es mit dem Radfahren nicht mehr so geklappt wie früher. Der Arbeits- und Lebensrhythmus war ein anderer. Ich fing an, nachzudenken.

Endlich geht es bergab.
Kurfürstendamm.
Tauentzienstraße.
An jeder Verpflegungsstelle trinke ich mehrere Becher.
Aber jetzt fängt es an Spaß zu machen.

Im Herbst 2017 war es dann soweit. Könnte Laufen eine Alternative sein? Laufschuhe lassen sich leichter im Zug nach hier und dort mitnehmen. Ich kaufte mir ein Paar und fing an.

Potsdamer Platz.
Ein Lächeln spielt in meinem Gesicht.
Das Ziel kommt näher.

Die ersten Runden waren ernüchternd. Nach drei Kilometern war ich platt. Aber es ging schnell voran. Anders als beim Radfahren spürte ich den ganzen Körper. Das war interessant. Alles mögliche tat mir weh, aber zugleich machte es – Spaß. Sehr, sehr seltsam.

Checkpoint Charlie.
Eigentlich wäre da ein Foto wert.
Aber das ist mir jetzt egal.
So langsam wird es anstrengend.
Zwischendurch tut es mal hier mal da weh.

Die Idee, den Halbmarathon in Berlin zu laufen, kommt irgendwie zwölf Monate zuvor auf. Mit meinen drei ebenfalls laufenden Kindern laufen, dass ist das Ziel. Treibt mich an. Durch den Winter und das beginnende Frühjahr. Am Ende klappt das nicht ganz, weil zwei aus gesundheitlichen Gründen passen müssen.

Kilometer 20.
Meine Familie schreit sich die Kehle heiser nach mir.
Ich höre und sehe nichts.
Sehne das Brandenburger Tor herbei.
Noch eine Kurve.
Und noch eine.
Wie lange denn noch?!

Ich schaffe das Training super. Bin fit – bis eine Woche vor dem großem Tag. Da kommt die Erkältung. Hoffen und Bangen. Zum Glück bleibt sie nur im Kopf, die Bronchien bleiben frei. Ich gehe an den Start.

Den Rest erlebe ich im Tunnel.
Laufe durch Brandenburger Tor.
Dann durchs Ziel.
Geschafft.

In der Vorbereitung auf Berlin habe ich mich gefragt: Was ist das Besondere für dich am Laufen, was der Unterschied zum Radfahren? Im Winter friere ich nicht so schnell, ich muss mich nicht so dick anziehen. Der ganze Körper wird anders gefordert. Kleine Fortschritte sind schneller erkennbar als auf dem Rad. Das führt mich zu der Erkenntnis: Beim Radfahren habe ich über die Jahre Geduld gelernt. Ich peile ein Ziel an und dann gehört viel Ausdauer und Abwarten, aber auch Disziplin dazu, im Sommer als Flachländler fit für die Berge zu sein. Laufen hat dagegen viel mehr noch mit Haltung zu tun. Arme, Oberkörper, Beine, die jeweilige Haltung hat Auswirkungen auf das Ergebnis. Und mit entsprechendem Training stellt sich ein Flow ein, es läuft einfach. Und die äußere Haltung wirkt auf die innere zurück und umgekehrt. Der Gedanke ist noch frisch, mal schauen, wohin er mich noch führt.

Ich bin nicht so platt wie geschafft.
Erst mal sehr zufrieden und erleichtert.
Ein Selfie muss jetzt sein.
Und ein alkoholfreies Bier.
Dann begebe ich mich auf den langen Weg zu meiner Familie.

Zwei Wochen nach dem Halbmarathon ziehe ich die Laufschuhe wieder an und mache mich auf den Weg in mein Revier in den Georgengarten. Ich habe tatsächlich etwas vermisst. Laufen macht doch glücklich.

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