Zukunftsszenarien können in Bewegung bringen

Impuls für die Sitzung des Fachbereichs Kirche. Wirtschaft. Arbeitswelt am 16. Mai 2018

1. Allgegenwart von Zukunftsszenarien

Wir alle sind tagtäglich mit Zukunftsszenarien zugange. Jedes Nachdenken über das, was in der nahen oder ferneren Zukunft passiert, beruht auf Erwartungen und bestimmten Vorstellungen. Beispiel: Am Wochenende ist Pfingsten, das ist ein langes Wochenende. Unser Sohn kommt uns besuchen. Ich denke nach. Wie wird das Wetter? Wie viel Erholung brauche ich, wie viel Bewegung habe ich nötig? Ach ja, da ist das Pokalfinale Frankfurt gegen Bayern, das ist ein Fixpunkt. Und weiter: Freue ich mich auf das Wochenende oder stehen eventuell ernste Themen mit unserem Sohn an?

Tag für Tag, Woche für Woche sind wir mit solchen Planungen für die Zukunft beschäftigt. Klar, vieles lässt nicht planen, das Wetter sowieso nicht. Und Unvorhersehbares kann immer dazwischen kommen. Aber wir planen auf Zukunft hin, weil wir gar nicht anders können. Auch wenn ich sage: „Nächstes Wochenende nehme ich mir mal nichts vor und lebe in den Tag hinein“ – dann ist das ein Szenario mit bestimmten Erwartungen.

Warum planen wir? Wir sind so gestrickt, dass wir über Vergangenheit und Zukunft nachdenken. Wir haben oftmals Lebenspläne, Lebensziele, und wir malen uns das aus, wie es sein könnte. Das hilft Durststrecken überwinden, lehrt Disziplin. Wir setzen uns Ziele und leben darauf hin. Ich habe viele Jahre im Januar, Februar bei Temperaturen knapp über Null Grad meine Runden mit dem Rad gedreht, weil ich wusste, wenn du nicht früh anfängst mit dem Training, dann kommst du im Juni keinen Alpenpass hinauf.

Im persönlichen Bereich, im familiären Bereich, auch in kleineren Einheiten ist uns das vertraut. Es läuft vielfach aber nebenbei, mehr oder weniger reflektiert. Planen ist selbstverständlicher Teil unseres alltäglichen Lebens. Ziehen wir den Kreis aber weiter, wird die Sache schwieriger. Logisch, weil immer mehr Handelnde mitzudenken sind. Und doch, wir verwenden in Kirche und Gesellschaft pausenlos Szenarien, weil zum Menschsein dazu gehört, in Erwartungshorizonten zu denken und zu leben. Daher kann die gezielte Entwicklung von Szenarien für unterschiedlichste Räume, Institutionen und Anlässe außerordentlich hilfreich sein, wenn wir ein paar Dinge berücksichtigen.

2. Sinn und Unsinn von Zukunftsszenarien

a) Szenarien sagen keine Zukunft voraus

Zukunftsszenarien sagen keine Zukunft voraus. Das ist unmöglich. Deshalb halten viele die Entwicklungen von Szenarien für Zeitverschwendung. Ich glaube aber, hier werden zumeist Szenarien mit Prognosen verwechselt. Szenarien sind aber keine Prognosen. Szenarien haben einen erzählerischen Charakter, Sie malen ein mögliches Bild von Zukunft. Sie können, ja sollten durchaus auf Prognosen beruhen, denn manches lässt sich ganz gut prognostizieren. Wie viele Kinder z.B. in bestimmten Jahren in der Schule sein werden, das kann aus Statistiken entnommen werden. Versicherungen sind sehr geübt darin, Prognosen für Schadensentwicklungen usw. aufzustellen, weil das Teil ihres Geschäftsmodells ist. Und es gibt mittlerweile recht raffinierte Modelle, mit denen Klimawandelszenarien entwickelt werden.

b) Dekonstruktion von Erwartungshorizonten

Der zentrale Punkt aus meiner Sicht ist zunächst einmal die Erkenntnis, dass wir Tag für Tag unbewusst von bestimmten Annahmen über die Zukunft ausgehen und unser Denken und Handeln darauf abstimmen. Und es macht viel Sinn, diesen unbewussten Annahmen auf die Spur zu kommen.

„2030 wird es nur noch die Hälfte der Kirchengemeinden und nur noch 800 Pfarrer/innen im Rheinland geben“.

So lautete eine Prämisse, eine Prognose, die im Rheinland lange kolportiert wurde, und zwar mit einem ganz bestimmten Unterton, nämlich: Das wird ganz schrecklich. Diese emotional gefärbte Prämisse wurde einfach immer weiter geteilt und setzte sich in unseren Köpfen und Herzen fest. Und dort entwickelten sich Schreckensszenarien, weil wir auf den Unterton reagierten. Wir fingen an, uns das vorzustellen, auszumalen. Wir begaben uns auf den Trip: Die Zukunft wird schlechter als die Gegenwart und wir werden viele Verluste hinnehmen müssen. Aber – ist das Szenario realistisch? Dazu müsste erst mal die Prognose genau unter die Lupe genommen werden. Doch selbst wenn die valide ist – folgt zwangsläufig ein Schreckensszenario daraus? Lässt sich nicht auch eine hoffnungsfrohe, optimistische Sicht auf die Dinge einnehmen? Wer sagt denn, dass das Gemeindeleben nicht geradezu aufblüht, wenn es weniger Pfarrer/innen gibt? Allein der Unterton macht hier die Melodie aus und öffnet eine ganze Welt von Erwartungen. Hier gilt zu fragen: Wer hat ein Interesse und welches, in uns ein Szenario wachzurufen, dass von Angst, Schrecken und Verlust geprägt ist? Und geht es nicht auch anders?

Da wir Menschen ohne Zukunftserwartungen nicht leben können, können wir davon ausgehen, dass auch in Planungen von Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen, in Unternehmen, in Wirtschaft und Gesellschaft überall Szenarien unterwegs sind. Sie prägen uns zumeist, ohne dass wir es merken. Für mich hat die Beschäftigung mit Zukunftsszenarien zunächst vor allem damit zu tun, die Szenarien, die heute handlungsleitend sind, zu erkennen, zu identifizieren und zu reflektieren.

c) Bewusst Szenarien entwickeln und einsetzen

2012 habe ich für rheinische Kirche am Transformationsprozess teilgenommen, einem großen Zukunftskongress, veranstaltet von Gewerkschaften, Naturschutzverbänden sowie evangelischer und katholischer Kirche. Da hatte ich ein Aha-Erlebnis. In der Diagnose: „So geht es nicht weiter“ waren sich alle einig. Aber über die Frage, wohin könnte denn die Reise konkret gehen, da herrschte großes Schweigen. Dies hat mich umgetrieben. Ich dachte, das kann doch nicht sein. Unsere Welt geht den Bach runter und wir haben keine Antworten, wie gegengesteuert werden kann? Ich ging auf die Suche und fand die Zukunftsforschung. Anfangs mit den gleichen Vorurteilen, die ich eben beschrieben habe. Unseriös, Kaffeesatzleserei, sinnlos. Doch ich fand hochinteressante Ansätze, faszinierende Modelle in der Klimaforschung oder wie eben schon angedeutet, im Versicherungswesen. Richtig spannend wurde es, als ich auf Harald Welzer stieß.

Welzer nennt Zukunftsszenarien Vorerinnerungen, mentale Vorgriffe auf die Zukunft. Sie spielen als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart eine wichtige Rolle. Denn:

„Jeder Entwurf, jeder Plan, jede Projektion, jedes Modell enthält einen Vorgriff auf einen Zustand, der in der Zukunft vergangen sein wird. Und genau aus diesem Vorentwurf eines künftigen Zustands speisen sich Motive und Energien.“ (Welzer 137)

Jetzt ahnt ihr schon, wo ich meine Überlegungen vom Anfang her habe. Noch einmal: Jeder Plan, jedes Vorhaben enthält eine Perspektive auf Zukunft hin. Häufig ist sie uns nicht bewusst. Ich kann sie mir aber bewusst machen oder auch gezielt nach den Rahmenbedingungen, den prägenden Hoffnungsbildern, dem gewünschten Zustand in der Zukunft Ausschau halten. Welzer verwendet hier den Begriff Utopie, man könnte auch sagen Vision oder Leitbild. Das ist momentan nicht entscheidend. Welzer verwendet, wie gesagt, den Begriff Utopie, um sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen:

„Utopien sind ein großartiges Mittel, um Denken und Wünschen zu üben. (…) Und die Imagination einer wünschbaren Zukunft zieht natürlich auch gleich Überlegungen nach sich, wie das Zusammenleben der Menschen, die Organisation der Städte und des Verkehrs, das Bildungswesen und die Wirtschaft besser eingerichtet werden könnten.“ (Welzer 136)

Wie könnte das konkret aussehen? Harald Welzer fand einen Ansatz zusammen mit Stefan Rammler in der Idee, dass Erzählungen von einer gelingenden Zukunft hilfreich sein können. Erzählungen, die mir eine mögliche Zukunft ausmalen. So kann Vertrautheit mit der Zukunft hergestellt werden. Mögliche Veränderungen werden spielerisch durchgegangen, anschaulich gemacht und so verändert sich etwas in meinem Kopf.

Wie bedeutsam das ist, veranschaulichen die beiden an zwei unterschiedlichen Entwürfen eines Zukunftsszenarios. Beide sind gleich wahrscheinlich, gehen von den gleichen Annahmen aus. Das eine bringt in Bewegung, das andere lähmt. Für mich wurde das an dem bereits geschilderten Beispiel aus der rheinischen Kirche deutlich: Bis 2030 nur noch 800 Pfarrer/innen und die Hälfte der Gemeinden. Gehe ich das pessimistisch ran, macht es nicht nur schlechte Laune, sondern es verengt den Blick direkt aufs Sparen und Abbauen. Gehe ich da realistisch ran (Welzer spricht sogar von optimistisch), male mir Zukunft aus, erzähle eine Geschichte, dann öffnet das meinen Blick.

Ich will das noch etwas deutlicher machen. Es heißt sicher nicht zufällig „Geschichte“, weil sie darin besteht, dass Geschichte(n) erzählt wird. Geschichte folgt nicht Naturgesetzen, sondern menschlichen Entscheidungen – und ist daher auch veränderbar in der Zukunft. Und Geschichte will erzählt werden. Im Blick auf Vergangenheit ist uns das selbstverständlich und vertraut, wir erzählen vom letzten Wochenende oder Urlaub, von der Geburt des Enkelkindes oder allen möglichen Krankheiten. Aber auch im Blick auf Zukunft erzählen wir Geschichte(n), wir formulieren Hoffnungen und Erwartungen. Und aus eigener Erfahrung wissen wir doch alle, dass wir unsere persönlichen Geschichten so oder so erzählen, mit verschiedenen Untertönen oder Färbungen. Wir haben Interessen und Absichten. Wie dem aber auch sei: Im Blick auf Zukunft macht das Spielen mit Möglichkeiten mehr Spaß oder Freude und motiviert eher zum Handeln als schier unabänderliche Horrorszenarien.

Welzer und Rammler haben auch ein Handwerkszeug für Zukunftsszenarien entwickelt, um sie zu erden. Denn es geht ja nicht um Science-Fiction oder Träumereien, sondern letztlich sollen diese Szenarien motivierend wirken können und zwar auch im öffentlichen Raum, nicht nur im privaten Bereich. Damit dies gelingen kann, müssen aus ihrer Sicht vier Kriterien erfüllt sein:

„Zukunftsbilder gelingender Transformation sollten (a) narrativ und emotional anschlussfähig, (b) hinreichend konkret und detailreich, (c) konstruktiv und positiv, dabei aber nicht unrealistisch sein“ (Welzer/Rammler 312)

Wenn ich solche Szenarien für mich oder andere oder auch mit anderen entwerfe, sind entsprechende Vorarbeiten zu leisten.

3. Zukunftsszenarien konkret

Was könnte das jetzt für uns im Fachbereich, in unseren Arbeitsfeldern bedeuten?

a) Evangeliumsgemäße Perspektiven einnehmen

Wir leben in einer Welt, einer Gesellschaft, einer Kirche, in denen permanent Zukunftsszenarien vorhanden sind, die uns prägen und beeinflussen. Aus meiner Sicht hilft es für die Reflexion unserer Arbeit enorm, wenn wir uns diese Zusammenhänge klar machen. Und uns dann auf die Suche machen, vor allem auch nach den versteckten Untertönen oder den emotionalen Erwartungshorizonten. Überlegt nur mal, an wie vielen Stellen allein in der Kirche vom nötigen Abbau, Schrumpfen, Verzicht die Rede ist. Die Erzählung: „Wir müssen kleiner werden“ impliziert Angst, schlechte Laune und Lähmung, wenn sie mit dem Bild des Verzichts und des Abbaus verbunden ist. Aus meiner Sicht entspricht dies dem Tatbestand der Sünde. Weil wir als Christinnen und Christen doch von einer anderen Geschichte herkommen, die uns erzählt wird. Da ist von Hoffnung die Rede, von Auferstehung, von neuem Leben, vom Reich Gottes, das auf uns zukommt und unter uns bereits anbricht, wenn auch unvollkommen und umgeben von einer vielfach todbringenden Umwelt. Wie sehen Szenarien für die Zukunft unserer Kirche unter dieser Perspektive aus? Welche Bilder passen zu unserer Botschaft? Verzicht, Stagnation, Rückbau oder doch eher Aufbruch, Vielfalt und Hoffnung?

Solche Bilder transportieren Botschaften, Untertöne, Rahmen von Szenarien. Sie lösen Emotionen, Erwartungen aus und beeinflussen konkrete Planungen. Ein Beispiel. Stellt euch vor, ein Mensch hält einen Vortrag mit dem Titel: „Die Zukunft der Kirche“ und illustriert den Vortrag entweder mit der linken, der mittleren oder der rechten Grafik. Muss ich noch etwas erläutern?

Wenn ich diese Brille auf der Nase habe und damit auf meine Umgebung schaue, dann kann ich eine Menge erkennen, was ich vorher nicht gesehen habe. Ich erkenne die Erwartungen. Entdecke Szenarien und wie sie Handeln und Planen beeinflussen. (In den letzten Tagen ist mir aufgefallen, wie oft im Alltag Menschen von Szenarien sprechen, meist so nebenbei.) Das gilt für eure Beratungen in den Kirchengemeinden im Blick auf Energie und Beschaffung, im KiTa-Projekt und im Friedhofsprojekt. Ihr begegnet Menschen und Gemeinden, die einen bestimmten Blick auf Zukunft haben, denn sie planen ja alle. Unsere theologische Aufgabe besteht darin, bei all diesen Planungen eine Sprache und damit einen Blickwinkel zu verwenden, die dem Evangelium entspricht. Wir wollen und sollen doch Hoffnung vermitteln und wir wollen und sollen motivieren.

Und das gilt für uns in den arbeitsweltbezogenen Diensten gleichermaßen. Wir begegnen in Betrieben, Gewerkschaften, Verbänden, in der Politik und in den unterschiedlichsten Diskursen – Szenarien, Zukunftsentwürfen. Sie spiegeln sich in Worten und Begriffen, die ganze Landschaften hinter sich herziehen. „Wohlstand durch Wirtschaftswachstum.“ „Der Klimawandel ist unabwendbar/eine Erfindung.“ Überall wird geplant auf Zukunft hin und es gibt dort Szenarien, Leitbilder, Visionen. Sind sie angemessen für die Herausforderungen der Zukunft? Wie können alternative Denkmodelle und Bilder aussehen? Was motiviert und bringt in Bewegung, was demotiviert und lähmt?

b) Geschichten erzählen lohnt

Es hilft dabei Geschichten zu erzählen. Geschichten vom Gelingen oder auch vom Misslingen. Storytelling heißt das seit längerem in Journalismus und Werbebranche. Und auch dort werden Bilder transportiert. Es lohnt, Erzählungen einzubauen in unsere Reden und Gespräche, in Planungen, auch in Kirchengemeinden. Ja, vielleicht auch für die Zukunft dieses Hauses? Es könnte ja Sinn und vielleicht sogar Spaß machen, für den KDA, für Klima- und Umweltschutz oder auch fürs ganze HkD zwei oder drei mögliche Szenarien zu entwickeln. Wie könnte unsere Arbeit in fünf oder sieben Jahren aussehen? Welche Parameter aus Prognosen kann ich dafür heranziehen? Und vor allem, welches Bild von Zukunft leitet uns da? Und dann eine Geschichte zu erzählen: „Eine Woche im Leben der KDA-Referentin XYZ im Jahr 2023“.Wie werden wir vielleicht arbeiten? Und vor allem, wie wollen wir arbeiten?

c) Auf Szenarien hinweisen

Damit bin ich auch schon beim letzten Punkt. Es wird für uns nur selten Sinn machen, solche ausgefeilte Szenarien zu entwickeln und aufzuschreiben. Aber vielleicht ist es hier und da interessant, in Gesprächen und Dialogen und Begegnungen in Kirche und Gesellschaft auf die Möglichkeit solcher Szenarienentwicklung hinzuweisen, genauso wie auf längst vorhandene Szenarien, aufgeschriebene oder nur in Köpfen und Herzen existierende. Es ist schon sehr sinnvoll immer wieder den Blick zu weiten über Zahlen und scheinbare Fakten hinaus und zu fragen: Was wäre denn, wenn und wie könnte das konkret aussehen? Denn das Spiel mit Möglichkeiten schafft Raum, in Kopf und Herz.

4. Literatur

Welzer, Harald: Selbst denken (2013)
Welzer, Harald/Rammler, Stephan: Futurezwei Zukunftsalmanach (2012)

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