tazlab 2018 – Wie wollen wir arbeiten?

Heute war ich in Berlin bei meinem ersten tazlab. Es stand unter der Überschrift: Wie wollen wir arbeiten? Vorab: Es war ein toller Tag mit vielen Eindrücken und Einsichten.

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Der Vormittag begann für mich mit Wolfgang Ertel, der über Künstliche Intelligenz referierte. Seine These: Maschinelles Lernen durch Algorithmen löst heute Probleme in einem Tempo, hinter dem wir Menschen nicht mehr hinterherkommen, weil die Mathematik, die hinter den Problemen steht, so kompliziert ist. Beispiel ist der Computer AlphaGo, der die besten Spieler/innen der Welt schlägt, aber auch in der Alltagspraxis haben diese Systeme in den letzten Jahren dramatische Fortschritte gemacht.

Ertel ist Überzeugungstäter, die Forschung lässt sich für ihn nicht aufhalten, aber er fordert den ethischen Diskurs und Regelungen, die Veränderungen abzufedern. Als Beispiel nennt er das autonome Fahren, das aus seiner Sicht in den nächsten Jahren die Mobilität revolutionieren wird. Er spricht von Roboter-Taxis, die erhebliche Arbeitsplätze bei Taxi- und Berufskraftfahrer/innen vernichten müssen werden, aber zugleich, trotz zu erwartender Rebound-Effekte sich unter dem Strich positiv auf die Ökobilanz auswirken werden, weil weniger Autos, Parkplätze usw. gebraucht werden.

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Danach ging ich zu einem Gespräch mit Stephan Rammler zur Zukunft der Automobilindustrie („Arbeit ohne Diesel?“). Das Gespräch litt darunter, dass der Moderator meinte, die Hälfte der Redezeit mit mehr oder weniger klugen Gedanken anreichern zu müssen. Zwei Gedanken blieben dennoch hängen, bevor ich vorzeitig wieder ging:

„In Deutschland haben wir im Blick auf die Automobilindustrie, ehrlich gesagt, doch gar keine Demokratie, Die Lobby ist viel zu eng an der Politik dran. Im Blick auf Berlin habe ich für die nächsten viel Jahre null Hoffnung, aber ich setze auf die Kommunen, dass die das Thema voran bringen.“

„Man muss Lösungen zum Beispiel für die Mobilität im ländlichen Raum denkerisch vorbereiten und in Diskussionen einspielen, nachdem hundert Jahre in Deutschland allein die Devise galt: Rein ins Auto! Erst dann kann daran gedacht werden, auf politische Entscheidungen hinzuwirken. Und kleine Schritte sind vonnöten, es geht nicht alles auf einmal, auch wenn wir uns das wünschen oder ersehnen.“

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Ich verirrte mich eher zufällig zu „200 Jahre Marx“, weil ich da bequeme und freie Sessel sah. Ich habe es nicht bereut. Ulrike Herrmann von der taz und Wolfgang Plumpe (Wirtschaftshistoriker) lieferten sich ein brillantes Feuerwerk darüber, wie Marx denn nun zu verstehen sein und wer von beiden Marx „richtig“ versteht. So richtig viel ist bei mir nicht hängen geblieben, vor allem aber der Gedanke, dass die Rezeption von Marx bis heute nicht einfach ist und ganz oft nicht Marx drin ist, wo Marx drauf steht.

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Ich traf meine Kollegin Gudrun Nolte von der Nordkirche, Sie wollte zu Heinz Bude. Ich ging mit und es wurde wieder ein Volltreffer. Witzig und spannend zugleich nahm er uns mit in die Gegenwart und Zukunft von Arbeit, anhand der Spaltung in lovely und lousy jobs. Andere sprechen hier von der Rückkehr der Tagelöhner, er vom neuen Dienstleistungsproleteriat. Neu war mir hier wenig, aber es war mehr als unterhaltsam. Drei Gedanken blieben hängen:

a) Gamifizierung ist im Vormarsch, Motivation und Kontrolle von Menschen im High-level-Bereich laufen auf absehbare Zeit über spielerische Elemente, Software usw. Die Menschen im Low-level erleben dagegen direkte personale Kontrolle, Feedback und Kritik werden verstärkt im Blick auf den Körper geäußert („Du stinkst!“ du kannst dich kaum bücken!“) und werten Menschen massiv ab.

b) Wer einmal in den Bereich „low“ abgerutscht ist (oder sich von Geburt an dort vorfindet) hat in aller Regel keine Chance mehr, da wieder heraus zu kommen.

c) Immer weitere Bereiche in der Mittelschicht sind davon bedroht, auch Menschen mit hohen akademischen Abschlüssen (Ärzt/innen, Rechtsanwält/innen, Coaches und Berater/innen z.B.) Und er erwartet für uns alle (!) eher eine Zunahme von Arbeitszeit im Lebensverlauf: bei den Menschen im oberen Teil, weil sie länger arbeiten wollen, bei den Menschen in unteren Teil, weil sie arbeiten müssen…

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Gudrun und ich blieben dann gleich im Raum sitzen, tauschten zwischendurch ein paar Ideen für gemeinsame Veranstaltungen aus und dann kam Nico Paech. Ich habe ihn zuletzt vor ein paar Jahren gehört, ich finde, er ist weniger moralisch, aber noch klarer als früher. Beispiele:

„Wer bin ich denn, dass ich meine, ich hätte ein Recht auf meinen zerstörerischen Lebensstil?“

„Die Lösungen sind alle bekannt. Und sie sind einfach. Vielleicht zu einfach? Wollen wir es am Ende kompliziert und schwierig?“

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Ich gönne mir einen Kaffee und eine Stunde bei Sonne, angenehmen Temperaturen und leichtem Wind an der Spree, bevor ich noch zu Robert Habeck ging. Ich hatte ihn in Hannover als Zaungast beim Bundesparteitag der Grünen gehört und ich war auch diesmal beeindruckt. Das ist jemand ehrlich und visionär, drückt sich aber auch nicht vor komplizierten und schwierigen Themen wie die sog. Flüchtlingskrise. Ich habe nichts mitgeschrieben, aber einige Tweets abgesetzt bzw. retweetet:

Viele Themen sind kampagnenfähig, man muss nur die Relevanz deutlich machen.

Man muss politische Debatten mehr mit Lebenswirklichkeit verknüpfen. Wenn du sagst, die Flüchtlinge sind das Problem, dann bekämpfe den Klimawandel!

Wenn wir schon scheitern, dann wenigstens für etwas, das sich lohnt.

Es geht nicht nur um materielle Sicherheit, es geht auch um die Würde.

Zugegeben: Das sind Tweets. Und manches klingt knapp und vielleicht pathetisch. Aber es wirkt authentisch. Und die beiden Moderatoren Peter Unfried und Jan Feddersen von der taz haben viel Spaß mit ihm und das macht die Sache entspannt. Politischer Diskurs über wichtige, dramatische und problematische Herausforderungen kann auch Spaß machen, das tut gut, und so kommt die Debatte erst gar nicht in die Nähe von Moralismus. Dieses Gefühl einer aufgeklärten entspannten und konzentrierten Sachlichkeit hat mich den ganzen Tag begleitet. Das tut in diesen Zeiten gut.

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