Soll Kirche auf Amazon Seelsorge gegen Cash anbieten?

Sozialethische Anmerkungen zur Plattformökonomie

I.

Als ich die Frage zum ersten Mal hörte, musste ich erst mal tief durchatmen. Seelsorge gegen Cash? Auf Amazon? Als Kirche? Mein Gesprächspartner meinte trocken: „Wenn wir es nicht machen, die Esoteriker/innen machen es bestimmt, wenn es möglich wird – wollen wir denen einfach so das Feld überlassen?“

In der Tat, Amazon plant zukünftig, Arbeitsleistungen zu vermitteln. Handwerk und andere können dann Leistungen auf der Plattform anbieten, so wie heute bereits etliche Händler/innen in Shops ihre Waren über Amazon. Künftig auch Seelsorge? Hinter der Frage zeigen sich eine ganze Reihe von ethischen und theologischen Fragen. Letztlich haben sie alle einen gemeinsamen Kern: das Verhältnis von Kirche zu Digitalisierung und Plattformökonomie.

Ich nähere mich dem Verhältnis anhand eines anderen Beispiels, das weniger Emotionen weckt und daher den Einstieg in die ethische Reflexion erleichtert.

Es gibt in der hannoverschen Landeskirche das Tool anmeldung-e., mit dem Anmeldungen zu kirchlichen Veranstaltungen gemanagt werden können. Das ist hilfreich, denn vielfach laufen bis heute Anmeldungen über Telefon und Email oder auch über das gute alte Fax. Und das macht Verwaltungsmitarbeitenden Arbeit. Nun kann ich sagen, das ist doch zu begrüßen, so helfen wir Arbeitsplätze sichern, niemand braucht anmeldung-e. So weit, so gut. Richtig praktikabel ist das aber nicht (mehr). Es müssen umständlich Listen geführt werden und ich als Verantwortlicher für eine Veranstaltung muss rückfragen, wie der Stand der Anmeldungen ist. In Zeichen von Handy und Internet ist das schon etwas aufwändig. Und lästig, hier verändern sich durch die fortschreitende Digitalisierung unserer Lebenswelt Gewohnheiten. Diese Prozesse sind auch in der Kirche nicht mehr aufzuhalten, spätestens wenn aus der jüngeren Generation mehr und mehr Mitarbeitende zuwachsen. Ein klares Plädoyer also zunächst für das Tool.

Allerdings ist dies eine rein innerkirchliche Betrachtungsweise. Weiten wir den Blick. Wir schaffen ein eigenes Tool, das in Entwicklung und Unterhaltung Geld kostet, obwohl es längst die Möglichkeit gibt, über XING-Event oder Meetup Veranstaltungen einzustellen und Menschen sich dann dort anmelden können. Diese dort platzierten Veranstaltungen lassen sich zudem in den sozialen Medien leicht teilen und verbreiten. Meine Veranstaltung steht dann zugleich in umfangreichen Veranstaltungskalendern (auf einem „Markt“), kann unter Suchbegriffen gefunden werden. Wäre es nicht sinnvoller, Kirche nutzt diese Plattformen und wird von den dort anwesenden Gemeinschaften wahrgenommen? Zumindest bei Veranstaltungen, die sich an die breite Öffentlichkeit richten? [1]

Im Kern wird die Frage bereits länger diskutiert. Ralf-Peter Reimann, Internetpfarrer der rheinischen Kirche hat schon vor einigen Jahren formuliert: „Wir sind nur Gast auf Facebook.“[2] Er meint damit: Wenn wir uns als Kirche auf diesen Plattformen bewegen, müssen wir nach deren Spielregeln spielen. Da ist vielen unwohl, zu Recht. Datenschutzfragen sind problematisch, Facebook ändert ständig seine Bedingungen, Reichweite bekomme ich nur über gesponserte Nachrichten. Das viel gerühmte Bauchgefühl sagt, nein, das passt nicht zu uns als Kirche. Im Umkehrschluss heißt das dann allerdings: Bewusster Verzicht auf Reichweite, Werbung für unsere Anliegen und Veranstaltungen muss anders organisiert werden. Das wird zumeist in Kauf genommen, Kirche bleibt bei gerne auf vertrauten Wegen. Gleichzeitig beklagen wir vielfach Relevanzverlust und abnehmende Teilnehmer/innenzahlen bei Veranstaltungen.

Nun kann niemand sagen, ob unsere Veranstaltungen voller wären, wenn wir über Xing oder Meetup.com (sucht man dort nach christlichen Veranstaltungen, finden sich derzeit deutschlandweit gut zwei bis drei Formate) zu ihnen einladen. Doch grundsätzlich gefragt: Woher kommt diese Scheu, sich auf „fremden“ Plattformen zu bewegen oder dies auch nur in Erwägung zu ziehen? Aus meiner Sicht ist es ein ganzes Bündel von Gründen, das hier zum Tragen kommt und sozialethisch diskutiert werden muss. Folgende Leitlinien sind für mich hier wichtig:

  1. Kirche will von ihrem Auftrag her nah bei den Menschen sein. Dazu ist es erforderlich, sich auf der Höhe der Zeit mit den Fragen und Entwicklungen zu befassen, die in der Gesellschaft aktuell sind, weil sie Menschen bewegen.
  2. Evangelische Sozialethik bezieht sich auf den Glauben, der das Leben als ein Geschenk Gottes versteht. Dies bedeutet, das Leben in Freiheit und Verantwortung zu gestalten und so miteinander zu leben und zu wirtschaften, dass das Allgemeinwohl gestärkt und erhalten wird. Evangelische Sozialethik argumentiert weder gesinnungsethisch noch ideologisch, sondern lässt sich auf Sachfragen intensiv ein, argumentiert pragmatisch und abwägend, sucht nach Kriterien, die gutes Leben heute und in Zukunft ermöglichen. Es gibt einen Korridor akzeptabler Verhaltensweisen. Kennzeichen dieses Pragmatismus ist die Tatsache, dass in fast allen Parteien Menschen aktiv sind, die sich als Christinnen und Christen verstehen. Zugleich fragt Sozialethik aber nach den Grenzen des Korridors, aktuell wird das u.a. an der Frage diskutiert, ob Christenmenschen in der AfD aktiv sein können.
  3. Kirche hat bei allem pragmatischen Abwägen einen Hang zu den Menschen, die am Rand stehen, es gibt eine „Option für die Armen“. Bonhoeffer hat hier den Begriff „Blick von unten“ geprägt.[3] Am Rand stehen heißt für mich die Welt aus der Perspektive der Benachteiligung, der Armut, der Ungerechtigkeit in den Blick zunehmen, eher aus der Perspektive der Verlierer/innen als der Erfolgreichen Fragestellungen zu betrachten.
  4. Diesem Gedanken von Bonhoeffer folgend („Kirche für andere“) eröffnet Theo Sundermeier mit dem Begriff „Konvivenz“ eine weitere Perspektive. Konvivenz interpretiert den christlichen Auftrag als ein dialogisches Zusammenleben verschiedener Kulturen, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren. Im Gegenteil, die eigene Identität bewährt und schärft sich gerade in der Begegnung. Aus sozial-diakonischer und missionaler Sicht besteht hier die Chance, dass sich Gemeinschaften ohne Gefälle begegnen und missionarische und diakonisch ausgerichtete Handlungen keine Abhängigkeitsverhältnisse begründen (im Sinne von „Wir haben etwas, was Dir fehlt“). Es handelt sich um Begegnung auf Augenhöhe, bei aller Unterschiedlichkeit.[4] Das führt zur Bereitschaft, zur Haltung, mich auf Augenhöhe in Diskurse einzulassen und Begegnungen zu suchen.

Mit diesen vier Leitlinien versuche ich mich nun dem Bündel von Themenfeldern zu nähern.

II.

a) Kirche als Akteur in der Wirtschaft

Man könnte fragen: Warum sollen wir uns als Kirche überhaupt in fremden Gefilden bewegen und am Ende auch noch uns anvertrautes Geld dafür ausgeben? Dies übersieht, dass wir als Kirche Teil dieser Gesellschaft sind und damit immer schon als Akteur im Wirtschaftsprozess unterwegs sind und dort uns anvertraute Kirchensteuermittel ausgeben. Kirche kauft Strom und Autos, wir beschäftigen Handwerk und Architekturbüros. Wir nutzen Angebote von Telefonanbietern. Überall dort spielen wir nach den Regeln der Anbieter. Wir sind Marktakteure und bewegen uns mehr oder weniger reflektiert, als Beispiele nenne ich nur die Fragen der Geldanlage, Ökostrom und das weite Feld des Beschaffungswesens. Von daher gibt es keinen Grund, Plattformökonomie von vornherein abzulehnen.

b) Gehstruktur, Komm-Struktur oder einfach nur „Da-Sein“?

Kirche war immer „gesetzt“. Menschen kamen zu Gottesdiensten und Kasualien, zu Seelsorge, zu Konfirmandenunterricht und Veranstaltungen und Feiern im Gemeindezentrum. Eine Gehstruktur ist in der Volkskirche immer noch wenig verbreitet, obwohl seit Jahrzehnten darüber diskutiert und gestritten wird. Es fällt uns schwer, uns auf dem Markt der Möglichkeiten zu bewegen. Wir reagieren eher regressiv. Wir beklagen Relevanzverluste. Wir sind häufig eher bereit, uns selbst die Schuld dafür zu geben, dass Veranstaltungen usw. nicht mehr so nachgefragt werden „wie früher“ als nach strukturellen Veränderungen zu fragen und diese zu reflektieren. In den letzten Jahren ist zwar in der evangelischen Kirche viel in Bewegung gekommen, gleichzeitig sind Beharrungsdruck und Abwehr gegenüber Veränderungen an vielen Orten nach wie vor spürbar.

„Lieber unter uns bleiben wollen“ ist eine weit verbreitete Haltung innerhalb der Kirche. Warum? Zum einen sicher aus reiner Gewohnheit, zum anderen aus Unsicherheit oder Angst vor der Begegnung mit „der Welt da draußen“. Dort steht Kirche im Wind und muss sich auf einem Markt der Religionen und Weltanschauungen behaupten. Das sind wir nicht gewohnt, und somit haben wir hier vielfach einen „blinden Fleck“, wir kommen gar nicht auf die Idee, uns auf Märkte zu begeben. Das ist bedauerlich, weil vielfach in der Gesellschaft der Wunsch geäußert wird, Kirche möge sich in Diskussionen stärker einmischen. Meine Kolleg/innen und ich hören diesen Wunsch als Referent/innen im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) immer wieder. Aber es gilt, diese Einmischung nicht patriarchal, von oben herab, sondern offen und neugierig im Dialog zu leisten und dabei sowohl auskunftsfähig über die eigene Position und Haltung zu sein als auch gesprächsfähig gerade auch in ethischen Diskursen (Konvivenz). Zugleich werden wir in Gesprächen und Besuchen schnell in persönliche Gespräche hineingezogen, nicht selten mit Beratungscharakter oder auch mit dezidiert seelsorgerlichem Charakter. Es gibt also „auf dem Markt“ außerhalb kirchlicher Mauern offenbar schon eine Nachfrage nach Seelsorge und Beratung aus kirchlicher Perspektive.

Anders formuliert: Es gibt nach wie vor einen großen Vertrauensvorschuss gegenüber Kirche und kirchlichen Vertreter/innen in der Gesellschaft, parallel dazu aber Skepsis und Zurückhaltung gegenüber unseren seit Jahrzehnten geübten und vertrauten „Angeboten“ von Kirche(ngemeinden). Steffen Schramm hat zuletzt im Pfarrerblatt so formuliert, Kirche müsse zukünftig weniger in Angeboten denken sondern vom „Da-Sein“ her:

„Die Kirche von Morgen lässt sich nicht mit den Konzepten von gestern bauen. Die Trägermilieus der bisherigen kirchlichen Sozialformen werden älter und kleiner. Neue, junge Milieus lassen sich für die bisherigen ‚Angebote‘ kaum noch gewinnen. Für Menschen, die anders leben, muss Kirche anders sein. (…) Statt von der Kirche zur Welt hin zu denken, wird von der Welt auf die Kirche hin gedacht: Wie wollen wir als Kirche auf die sozialen und politischen Entwicklungen in unserer Kommune, unserer Region reagieren? Wie können wir die Bedürfnisse und Nöte der Menschen aufnehmen und mit ihnen zusammen damit umgehen?“[5]

Von daher sollte die Frage „Seelsorge auf Amazon?“ nicht vorschnell abgetan werden. Vielleicht entscheiden wir uns am Ende mit guten Gründen gegen Amazon – doch die Frage bleibt: Wo und wie befriedigen wir Bedürfnisse und Sehnsüchte von Menschen jenseits der Kirchenmauern? Wo und wie sind wir bereit, Menschen jenseits vertrauter Orte und Angebote nah zu sein? Und „Da-Sein“ – heißt das einfach, die Kirche im Dorf sein zu lassen oder bewege ich mich auch an Orte, um dort Kirche zu repräsentieren? Spitz gefragt: Kann Kirche auf Amazon (oder anderen Plattformen) einfach „da sein“? Oder vom Gedanken der Konvivenz her gefragt: Wir sind grundsätzlich dazu berufen und gesandt, uns als Kirche in fremden Gefilden zu bewegen. Kann daher ein Agieren auf Amazon oder anderen Plattformen bereits durch die reine Tatsache als „missional“ verstanden werden, im Sinne von: „Kirche ist da“?

c) Kirche als sinnvoller Rückzugsort

Kirche war und ist für viele Menschen ein Garant von Sicherheit. Sie steht für Verlässlichkeit, ist ein Rückzugort in schwierigen Zeiten.[6] Es ist auch ein Wert, über lange Zeit stabil zu sein und nicht jedem Trend hinterherzulaufen. Vielfach beobachte ich eine Haltung: „Wenn sich in der Welt um mich/uns herum schon so unglaublich viel so rasend schnell ändert, dann soll doch wenigstens in der Kirche alles so bleiben, wie es ist!“ Hinter dieser Sehnsucht verbirgt sich die wichtige Haltung, eben nicht blind jeder Mode hinterher zu rennen, sondern auch abzuwarten, wie sich Entwicklungen „entwickeln“. Was manchmal in einem Hype in den Himmel gehoben wird, ist morgen schon wieder vergessen. Fatal wird es aber, wenn diese Sehnsucht nach Sicherheit dazu führt, dass keine Veränderung mehr gewünscht wird. Evangelische Sozialethik tut daher zwar gut daran, vorsichtig abzuwägen – aber sich nicht zu schnell zu verschließen und Diskurse auf Augenhöhe mit den Entwicklungen erst gar nicht zu führen. Verweigerung von Diskursen ist das Gegenteil davon, Menschen nah sein zu wollen.

d) Kirche und Zeitgeist

Es gibt eine latente Technikfeindlichkeit in der evangelischen Kirche, die Entwicklung hat Ralph Charbonnier nachgezeichnet.[7] In den siebziger und achtziger Jahren gab es zudem eine Linie, die sich im Rahmen der Friedensbewegung äußerst kritisch mit dem „militärisch-industriellem Komplex“ auseinandergesetzt hat.[8] Dies hat die Skepsis gegenüber technologischer Entwicklung aus meiner Sicht noch verstärkt. Die Welt der Industrie ist Kirche nah wie vor sehr fremd.

Wir schätzen – zu Recht! – die „analoge“ Begegnung in der Kirche hoch. Allerdings stehen wir in der Gefahr, diese einseitig überzubewerten, indem wir schlussfolgern, das Analoge sei (daher) mehr wert als das Technische und heute sei Digitalisierung nur eine Steigerung von Technik. Diese Vorurteile, gespeist aus unserer Kultur und Tradition, sitzen tief und verhindern vielfach eine – notwendige und von vielen außerhalb von Kirche gewünschte – inhaltliche Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Digitalisierung. Anders gesagt: wir hören viel zu früh auf, uns im Detail mit den Entwicklungen zu befassen, weil wir schon schnell zu der Auffassung kommen, „unsere“ analoge Welt sei sowieso besser und dem Evangelium angemessener als alle neuen Entwicklungen, die auch nicht selten wie Modephänomene kommen und wieder gehen. Wenn wir aber nicht auf der Höhe der Zeit argumentieren, sondern weit darunter, sind unsere Stellungnahmen und Positionen nicht hilfreich. Diejenigen, die mit den jeweils aktuellsten Entwicklungen zu tun haben in Unternehmen, in Betriebsräten, in Wissenschaft und Forschung und auch im politischen oder zivilgesellschaftlichem Umfeldern sehen daher sehr schnell, dass unsere Argumentationen buchstäblich „von gestern“ und damit nicht weiterführend sind. So sind wir nicht nah dran an den Menschen und nicht in der Lage, den „Blick von unten“ einzunehmen und angemessen, auf Augenhöhe, für die Rechte und Belange derjenigen einzutreten, die angesichts der dramatischen Veränderungen durch die Digitalisierung in unterschiedlichster Art und Weise unter die Räder zu kommen drohen.

e) Kostenpflichtige Angebote von Kirche?

Wir sind es nicht gewohnt in der Kirche, unsere Angebote gegen Geld zur Verfügung zu stellen. Unsere Angebote sind in aller Regel kostenfrei[9], das ist Konsequenz aus dem volkskirchlichen Modell und der Kirchensteuer, zumindest in der verfassten Kirche. Die Diakonie ist heute an vielen Stellen unternehmerisch unterwegs und erwartet für ihre Leistungen entsprechende Entlohnung, um Mitarbeitende bezahlen zu können. Aber auch im Rahmen der diakonischen Einrichtungen gibt es das Prinzip, (einzelne) Leistungen und Angebote kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Kostenfrei signalisiert z.B.: Seelsorge und Beratung sind für jede und jeden frei zugänglich. Grundsätzlich ist dies richtig und wichtig. Allerdings nimmt der Anteil der Evangelischen an der Bevölkerung ab. Es gibt einen „Markt“ für nicht-evangelische Menschen, Dienstleistungen der Kirche gegen Bezahlung in Anspruch nehmen zu wollen, ohne Mitglied zu werden. Hier stellen sich eine Menge von theologischen und praktischen Fragen, ekklesiologischer Art ebenso wie praktisch-theologisch. Wir müssen sie diskutieren, eben aus unserem Anspruch heraus, nahe bei den Menschen sein zu wollen.

f) Kirchensteuermittel in Werbung investieren?

Gleichzeitig fühlt es sich für kirchliche Einrichtungen oft „falsch“ an, für Veranstaltungen, Angebote usw. gegen Geld zu werben. Bestimmte öffentliche Kampagnen wie z.B. die Plakatierung im Reformationssommer 2017 sind höchst umstritten. Hier wird Kirchensteuer verschleudert, so lautet der Vorwurf. Wir schalten in der Regel keine Anzeigen in Zeitungen oder im Kino. Und daher tun wir uns auch schwer damit, Reichweite auf Facebook und Twitter zu „erkaufen“, obwohl es durchaus erste positive Erfahrungen und Rückmeldungen gibt. Andererseits haben wir über Jahre und Jahrzehnte, zum Teil bis heute, kirchliche Zeitungen finanziell unterstützt, um deren Erscheinen zu sichern. Und ist nicht auch der Gemeindebrief, den es in nahezu jeder Kirchengemeinde gibt, eine Art von „Werbung“ und Kirchenmarketing, in die wir viel Geld stecken? „Ja, aber der richtet sich doch an unsere Gemeindeglieder!“, höre ich schon als Entgegnung. Nun lesen vielfach auch katholische und nicht-konfessionell gebundene Menschen gerne unseren Gemeindebrief, so gesehen ist der ein missionales Projekt. Aber auch nach innen ist der Gemeindebrief eine Marketingaktion im Sinne von Mitgliederbindung der Kirche, den sie mit Kirchensteuern bezahlt. Vielleicht ist der Gemeindebrief uns so sehr vertraut, dass wir diese Zusammenhänge nicht klar sehen (können). Und auch an anderer Stelle machen wir „Werbung“ in der Welt, wir freuen uns darüber, dass Zeitungen unsere Gottesdienstnachrichten drucken. Ehrlich gesagt, wir erwarten es, weil es „ja schon immer so war“. Wären wir bereit dafür zu zahlen, wenn dies eines Tages nicht mehr kostenfrei möglich ist?

g) Verschwiegenheit, Vertrauen und Datenschutz

Ein letzter Aspekt. Speziell Seelsorge ist eine höchst vertrauliche Beziehung, die auf Verschwiegenheit beruht, mit dem Beichtgeheimnis als Spezialfall. Das digitale Zeitalter mit seinen bereits heute allgegenwärtigen Algorithmen bedroht diese Vertraulichkeit an allen Ecken und Enden. Von daher sind Form und Inhalt von seelsorgerlichen Beziehungen in der analogen Welt „sicherer“. Ein Angebot über Amazon nicht nur anzubieten, sondern auch anzubahnen, erscheint mir im ersten Moment unter diesem Gesichtspunkt nicht vorstellbar, da Amazon (wie andere Anbieter) meine Daten ausliest und sie zu Werbezwecken nutzt. Wir werden allerdings die Diskussion um Algorithmen und Vorhersagen weiter beobachten müssen. Schon heute gibt es das Beispiel, das entsprechende Programme Einbrüche „vorhersagen“ können. Und die Leistungsfähigkeit der Algorithmen und der Hardware wird sich in den nächsten Jahren explosionsartig weiter verstärken. Spielt es vielleicht irgendwann keine Rolle mehr, ob ich auf Amazon meine/n Seelsorger/in buche, weil der Algorithmus das „sowieso“ schon weiß?[10]

Natürlich, wir bewegen uns bei Amazon im Raum eines global agierenden Konzerns, dessen Arbeitsmethoden und Bezahlung der Mitarbeitenden immer wieder heftig kritisiert wird. Die moralische Entrüstung, die sich gegenüber Amazon erhebt, verstummt aber schnell oder wird zumindest leiser, wenn wir uns verdeutlichen, an wie vielen Stellen wir alle jeden Tag mit unserem Konsum bewusst oder unbewusst an ausbeuterischen Strukturen beteiligt sind: bei unseren Lebensmitteln, unserer Kleidung, den seltenen Erden n unseren Handys usw. Halte ich mir dies vor Augen, dann gilt es immer wieder abzuwägen zwischen Gewinn und Verlust, ein moralisch einwandfreies Leben ist niemandem möglich. Das darf nicht als Entschuldigung verstanden werden, aber umgekehrt hilft moralische Entrüstung, die schnell zu Totschlagargumenten greift, auch nicht. Moralische Entrüstung ist eher ein Zeichen von Schwäche, wenn ein Diskurs aus Angst oder Unkenntnis zu früh beendet oder erst gar nicht begonnen wird.

Datenschutzfragen und die damit verbundenen „digitalen Menschenrechte“ sind in entsprechenden Diskursen dringend ethisch zu reflektieren, und zwar nicht ein für allemal abschließend, sondern permanent fortschreitend parallel zur Entwicklung auf Höhe der Zeit. Gerade Kirche mit ihren sensiblen Beziehungen muss ein Interesse an diesen Diskursen haben, da sie unsere „Angebote“ tagtäglich berühren. Hier zeigt sich: Verweigerung gegenüber den Phänomenen der Digitalisierung kann der Weg nicht sein in einer Welt, die auf die Digitalisierung aller Lebensbereiche zugeht, sonst sind wir eines Tages nicht nur zahlenmäßig marginalisiert, sondern thematisch mit unseren Formaten nur noch in sektiererischen Nischen unterwegs. Von unserem Auftrag her kann dies nicht sein, das wäre das Gegenteil von Konvivenz, die wir von unserem Auftrag her der Welt und den Menschen schulden (vgl. Mt 28,20).

III.

Seelsorge gegen Cash auf Amazon? Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sage ich: Nein, das lässt sich für mich zum gegenwärtigen Zeitpunkt ethisch nicht rechtfertigen. Doch wer weiß, was morgen sein wird? Zugleich aber gibt es aus meiner Sicht viele gute Gründe, zu überlegen: An welchen Stellen und mit welchen Formaten können wir in der Plattformökonomie „da sein“, Dialogbereitschaft zeigen und welche Bedürfnisse von Menschen in einer zunehmend digitalisierten Welt können wir so befriedigen?


Hier kann der Text als PDF heruntergeladen werden: Soll Kirche Seelsorge auf Amazon anbieten?


[1]      Das Tool anmeldung-e ist so konzipiert, dass persönliche Daten höchst sicher transferiert werden. Dies ist für Veranstaltungen, die rein innerkirchlich ausgeschrieben werden, von großer Bedeutung: anmeldung-e garantiert, dass sensible Daten von Personen oder Kirchengemeinden, die für Workshops abgefragt werden, um eine optimale Vorbereitung zu gewährleisten, mit größtmöglicher Sicherheit übermittelt und gespeichert werden. Hier ist das Tool sinnvoll. Für „offene“ Veranstaltungen werden in aller Regel Daten in solchem Umfang nicht abgefragt.

[2]      Zuletzt: „Auf eines ist Verlass: Auf Facebook sind wir nur Gast“, https://theonet.de/2018/02/04/auf-eines-ist-verlass-auf-facebook-sind-wir-nur-gast/ (14.04.18)

[3]      Dietrich Bonhoeffer,  Widerstand und Ergebung Neuausgabe 1977, S. 27

[4]      Die Gedanken Sundermeiers habe ich bei Henning Wrogemann kennengelernt: „Die eigene Identität bewährt sich dabei nur in der Begegnung mit den Anderen und Fremden, sie wird dadurch verändert, in Frage gestellt, herausgefordert und bereichert. (…) Im Kontext des Pluralismus leistet dieses Model einen unverzichtbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wo verschiedene Gruppen innerhalb einer Zivilgesellschaft sich selbst zu verabsolutieren oder abzuschotten drohen, stellt die christliche Sendung immer wieder neu Verbindungen her. Es wird geradezu als der Auftrag der christlichen Sendung empfunden, Gemeinschaftsprozesse zu initiieren oder zu fördern, ohne jedoch die Unterschiedlichkeit in Abrede zu stellen oder als nur marginal oder zeitbedingt unter zu bewerten.“ Henning Wrogemann, Den Glanz widerspiegeln. Vom Sinn der christlichen Mission, ihren Kraftquellen und Ausdrucksgestalten 2012, S. 230-232

[5]      Steffen Schramm: Ecclesia semper reformanda – wie werden wir diesem Anspruch heute gerecht? In: Deutsches Pfarrerblatt 1/2018, S. 14-19 (Zitat S. 17f.)

[6]      Wrogemann spricht hier vom „lebensweltlichen Selbstverständlichkeitskapital“ und vom „Kapital des Unspektakulär-seins.“ A.a.O., S. 259

[7]     Ralph Charbonnier: Technik. Reformation heute. Sozialwissenschaftliches Institut der EKD, 2016

[8]      Pointiert hat diese Kritik immer wieder Dorothee Sölle vorgetragen. Sie konnte in diesem Komplex dämonische Züge finden.

[9]      Natürlich gibt es auch Freizeiten, Konzerte, Lesungen usw.

[10]    In die Richtung geht das Vorgehen von Facebook, auch über Nichtmitglieder Daten zu sammeln. Diesen Vorgang kann ich paradoxerweise nur dadurch „einschränken“, indem ich mich bei Facebook anmelde und bestimmte Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre anklicke. Vgl: https://www.nzz.ch/digital/facebook-sammelt-ihre-daten-auch-wenn-sie-kein-profil-besitzen-ld.1376634 (14.04.18)

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