Hetzdorfer Anregungen

Gestern wollten meine Frau und ich auf der Fahrt von Lassan nach Berlin eigentlich den Rosengarten in Hetzdorf besichtigen. Das fiel ins Wasser, buchstäblich. So hatten wir aber Gelegenheit, uns länger mit Ulrich Kasparick zu unterhalten. Aus speziellen Wunsch einer Dame aus dem süddeutschen Raum blogge ich mal schnell drei Gedanken, die mir auf der Weiterfahrt durch den Kopf gingen.

Ulrich Kasparick nutzte und nutzt das Internet seit seinem ersten Tag in Hetzdorf vor drei Jahren konsequent und intensiv. Kommunikation und Dialog sind alles und in einer entvölkerten (nach EU-Richtlinien „unbewohnten“) Gegend bietet die Datenleitung die Chance dazu. Ich hatte davon schon auf dem Uckerland-Blog gelesen, aber die mündliche Schilderung ist noch mal ganz anders eindrücklich. Dialog heißt: ich bin da und interessiere mich für dich und deine Geschichte(n). Ich bin da meint: Ich zeige mich. Erst mal im Netz. Das ermöglicht die „heimliche“ Kontaktaufnahme, ich kann erst mal gucken, wer ist denn das?! Das zweite ist das Interesse an der Gegend, der Geschichte, der Tradition. Wertschätzung auf Augenhöhe. Mir fiel ein, dass viele Pfarrer in früheren Zeiten als Heimatforscher tätig waren. Vermutlich ist es der gleiche Blick, Interesse an den Geschichten der Menschen haben und zeigen und diese dann aufschreiben. Ulrich Kasparick dokumentiert „alles“ mit Bild und Text auf Facebook. Der Erfolg gibt ihm recht, wobei er uns gestern die Geschichte aus der Erfolgsperspektive erzählt hat, logisch, Rückschläge und Scheitern gehören auch dazu, aber da fehlte die Zeit, hier blieb es bei Anregungen.
Für mich war es noch einmal eine Ermutigung, Social Media konsequent (weiter) zu nutzen. Es ist schwieriger, Menschen von den Vorteilen zu überzeugen, weil die Gewohnheiten anders sind und die finanziellen Ressourcen noch größer. Vier Stunden nach Emden fahren für ein Planungsgespräch von 90 Minuten ist normal. Noch.

Wir kamen auf die Frage zu sprechen, wie Pfarrer/-innen konkret vorgehen können in einer Situation, in der nichts vorhanden ist. Keine Anknüpfungspunkte, keine gemeindliche Infrastruktur, wie ich sie aus dem Rheinland oder neuerdings auch Niedersachsen kenne. Kasparicks Antwort: Pfarrer/-innen sollten ermutigt werden, sich zu fragen: Was kann ich am besten? Wo liegen meine Leidenschaften im Leben? Wenn ich für Dinge brenne, strahlt dies aus. Und wenn ich als Mensch erkennbar werde, dann sehen andere: Ah, der/die Pfarrer/-n hat Spaß an … Unsere Kirche ist ganz oft nicht so. Wenn ich Stellenausschreibungen von Gemeindepfarrstellen lese (einer meiner Leidenschaften, vielleicht auch nur eine Macke), dann denke ich oft: Mein Gott (!), wer soll das denn alles leisten?! Nur selten habe ich das Gefühl, dass eine Gemeinde einen Mann, eine Frau sucht und sagt, hey, zeig uns doch mal, was du drauf hast und womit du hier andere begeistern willst. Vor Jahren schrieb mal eine Landeskirche in einem Text über die Zukunft des Pfarrberufs: Pfarrer/-innen sind Universaldilettantisten – sie müssen „alles“ können. Wie schade. Dietrich Bonhoeffer schrieb in seinen Gefängnisbriefen: „Die Pfarrer sollten künftig einen weltlichen Beruf ausüben.“ Ich habe das immer so verstanden, dass es nicht gut ist, wenn Pfarrer/-innen „nichts“ anderes tun als das Pfarramt. Der weltliche Beruf umgekehrt würde den/die Pfarrer/-in interessant machen und zugleich von der Fixierung auf die Gemeinde ablenken. Wir sind davon (immer noch) meilenweit entfernt, das Problem ist immer die Frage, was lässt der/die Pfarrer/in, wenn er/sie sich auf bestimmte Schwerpunkte – beschränkt? Ich hatte in meiner Gemeindezeit über lange Phasen das Glück, dass sowohl meine Kolleg/-innen als auch das Presbyterium meine Spezialaufgabe KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) unterstützt haben. Und auch meine Leidenschaft für Social Media zumindest toleriert wurde.

Das gleitet dann schon hinüber zum dritten Punkt. Kasparick sprach vom Sinn einer „ekklesiologischen Umkehr“: Es geht nicht darum, die Menschen mit Angeboten welcher Art auch immer zu uns locken zu wollen und deswegen als Kirche so attraktiv wie möglich sein/werden zu wollen. Sondern es gilt, die Blickrichtung umzukehren: Was kann Kirche/Gemeinde für die Menschen, die Stadt, die Region tun. „Sucht der Stadt Bestes!“ – dieses Bibelwort zitierte Kasparick und mir fiel dazu Bonhoeffers bekanntes Wort von der „Kirche für andere“ ein. Was können wir als kirchliche Gemeinde für die Stadt, das Dorf tun? Wo können wir unsere Stärken, ja unsere – auch finanziellen – Ressourcen für das Gemeinwesen einsetzen? Ansätze gibt es, z.B. in der Gemeinwesendiakonie. Es gilt, diese Umkehr aber auch hinsichtlich der funktionalen Dienste, wie z.B. den KDA, durchzubuchstabieren. Nicht: Was hat Kirche davon? Sondern: Was hat die Gesellschaft, oder spezifischer: die Arbeitswelt, die Ökonomie davon, dass es theologische wie nicht-theologische Referent/-innen im KDA gibt? Bezahlt aus Kirchensteuermitteln, beauftragt, in die „Welt zu gehen und dort zu wirken, sagen wir: Für das gute Leben aller? Und dann nicht danach zu fragen, wie diese Arbeit der Kirche zugute kommt?
Wahrscheinlich stellen wir bei näherem Hinsehen fest, dass beides zusammengehört, der Blick nach außen wie der nach innen. Aber dann bleibt die Frage nach der primären Blickrichtung. Ulrich Kasparick würde wohl sagen, das ist doch klar, er muss zuallererst nach draußen gehen. Ich glaube, er hat Recht. Ungewohnt ist es trotzdem.

3 Gedanken zu “Hetzdorfer Anregungen

  1. Die „ekklesiologische Umkehr“ ist doch das alte Lied von Komm-Struktur und Geh-Struktur. Es ist aktueller als damals.

    Den Anregungen kann ich zustimmen. Seitdem ich weiß, dass ich bestimmte Dinge nicht gut kann, sind die guten um so erfreulicher. Und das sind nicht immer die Dinge der ersten Wahl.
    Im übrigen denke ich schon seit ein paar Jahren, Gottes Geist wird unsere Konfession verlassen, wegen unserer Schwerlastigkeit und dem dauernden Festhalten am Bewährten. Und wenn er weiter weht, dann trotz dieser beiden….

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  2. Ja, hier klingt die Geh-Struktur hier an. Ich glaube aber, es ist nicht nur aktueller, sondern auch grundsätzlicher. Mit der Geh-Struktur geht die Kirche mit ihren Angeboten auf die Welt zu in der Hoffnung, die mit ihren Angeboten anzukommen. Sie versteht sich aber nicht als Teil der Welt, sondern als ihr Gegenüber. Bonhoeffer hat das radikaler gedacht, und ich hatte den Eindruck in Hetzdorf, dass es nicht darum geht, der Kirche zu dienen (das steht, bei aller Liebe, auch hinter der Geh-Struktur), sondern der Welt. Das ist ein Unterschied, auch wenn das jetzt sehr holzschnittartig klingt.
    Gottes Geist macht sowieso was er will, Gott sei Dank! Schwerlastigkeit und Tradition – ich habe grade eine Bonhoeffer-Biografie gelesen, seine Kritik an der Ortsgemeinde klingt so wie heute…

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  3. Diesen Austausch habe ich gern gelesen. Es steckt soviel drin. Kirche sollte viel beweglicher sein. Aber es ist eben auch wichtig und nicht einfach, die Balance zu halten zwischen altem Bewährten und sich auf Neues einzulassen. Und dabei die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen, macht es nicht leichter. Aber vielleicht gelingt es mir als Presbyterin besser, weil ich einen „einfacheren“ Blick darauf habe? Ich weiß es nicht.
    Manchmal ist es allerdings auch eine kleine Herausforderung gegen festgefügte Meinungen zu argumentieren 😉

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