The Second Machine Age (Rezension)

Waze ist ein digitaler Dienst, der es Autofahrer/-innen ermöglicht, schneller ans Ziel zu kommen. Er verbindet Kartenmaterial, GPS-Ortung, Rückmeldungen aus aktuellen Verkehrsdaten und die sozialen Daten, die Nutzer freiwillig zur Verfügung stellen in einer App und hilft bei der Umfahrung von Staus und anderen Verkehrsstörungen. Für Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, die beiden Autoren des Buches The Second Machine Age ist Waze ein Beispiel für die ungeahnten Möglichkeiten, die sich durch die fortschreitende Digitalisierung unserer Welt und der Wirtschaft eröffnen. (87f.) Diesen Wandel empfinden die Autoren als „durch und durch positiv“, weil er geeignet ist Wohlstand zu vermehren. (19)

Die Digitalisierung ist für die Autoren eine Basistechnologie wie seinerzeit die Dampfmaschine oder Elektrizität. (93ff.) Eine Basistechnologie stellt eine Entwicklung im Verlauf der Menschheitsgeschichte dar, die sich nicht auf einen Punkt oder ein Segment von Wirtschaft bezieht, sondern geeignet ist, alle Bereiche zu durchdringen und zu verändern.

Mit der Digitalisierung stehen wir nach Ansicht und Überzeugung der Autoren am Beginn einer dramatischen, traumhaften Entwicklungsperiode, da sich Basistechnologien stets exponentiell entwickeln. Durch die im Prinzip kostenfrei und weltweit vorhandenen Unmengen an Daten, die zudem immer mehr Menschen auf unserem Erdball zugänglich werden, steigen die Chancen für Innovationen. Die Autoren verweisen auf Beispiele aus dem Crowdsourcing, in dem Probleme ins Netz gestellt wurden und sich im Prinzip jedermann an der Lösungssuche beteiligen kann. Häufig mit dem Effekt, dass die besten Lösungen nicht von Fachmenschen oder speziellen Forschungsabteilungen eingereicht werden. Dabei gilt nicht nur hier die Erfahrung:

„In der Wirtschaft hieß es früher ‚Zeit ist Geld‘. Das Erstaunliche am modernen Internet ist aber, wie viele Menschen bereitwillig Zeit opfern, um Online-Inhalte zu produzieren, ohne dafür Geld zu verlangen.“ (81)

Die Autoren gehen aber auch der Frage nach, in welchen Bereichen der Mensch nach wie vor den Computertechnologien (bis auf Weiteres) überlegen bleibt. Computer können gut Regeln befolgen, aber schlecht Muster erkennen. (27f. u. 233) Sie können viele Routineaufgaben erledigen, sind aber nicht kreativ. Im „Kollektiv von Gehirnen und Maschinen, das durch vernetzte digitale Geräte entstanden ist“ (99), besteht nun heute die Chance für eine Fülle von Innovationen, die in der Kombination oder Rekombination von Ideen beruhen. Denn, wie schon Paul Romer schrieb:

„Etwas erfinden heißt, es in etwas bereits Bestehenden zu entdecken.“ (Zitat 98)

Bei allem Optimismus verschweigen die Autoren nicht die Kehrseite. Ihrer Einschätzung nach wird die rasant fortschreitende Digitalisierung (bislang verdoppeln sich die Datenmengen in kurzen Zeitabständen und ein Ende ist nicht absehbar) die Schere zwischen Reichtum und Armut weiter verschärfen. Nicht nur wird die rasant fortschreitende Zahl von Innovationen weiter Arbeitsplätze vernichten. Das ist nicht neu, hier verweisen die Autoren auf Schumpeters Diktum von der schöpferischen Zerstörung. Noch recht neu sind allerdings die „Alles-oder-Nichts“-Märkte, welche Einzelnen ungeheure Einnahmen verschaffen. Facebook und Google sind derzeit solche Märkte, jede und jeder nutzt das beste vorhandene Angebot, das zweit- oder drittbeste hat keine Chance, auch wenn es nur qualitativ geringfügig schlechter ist. Der Grund hierfür liegt in den geringen Kosten, die für den Nutzer entstehen:

„Auf vielen Märkten bevorzugen Käufer, die zwischen Produkten oder Dienstleitungen wählen können, jeweils die beste Qualität. Liegen Kapazitätsengpässe oder höhere Transportkosten vor, kann auch der beste Verkäufer nur einen Bruchteil des Gesamtmarktes abdecken (…). Daher finden selbst weniger gefeierte Anbieter einen Markt für ihre Produkte. Doch was passiert, wenn eine Technik entwickelt wird, die es jedem Anbieter ermöglicht, seine Dienste zu replizieren und zu gar keinen oder geringen Kosten weltweit zu offerieren? Dann kann der beste Anbieter den gesamten Markt an sich reißen. Der zweitbeste Anbieter mag fast genauso gut sein, doch das spielt keine Rolle. Mit jedem weiteren Schritt zur Digitalisierung des Markts setzt sich diese Alles-oder-Nichts-Wirtschaft etwas stärker durch.“ (185)

Im letzten Drittel ihres Buchs scheuen sich die Autoren nicht, – bei aller Vorläufigkeit – Vorschläge zu unterbreiten, wie sich Einzelne, Gesellschaft und Politik angemessen auf die kommende Epoche vorbereiten können. Die richtige Bildung ist ihre Kernforderung, dem widmen sie anderthalb Kapitel (12 und 13), in dem sie mit dem heutigen Bildungssystem in den USA (und es gilt vermutlich für weite Teile der sog. „westlichen“ Welt ins Gericht gehen, weil es kreatives Denken nicht lehrt und fördert. Im Aufkommen von zahlreichen, oft kostenlosen Online-Lernangeboten sehen sie einen Ansatz und geben Studierenden und Eltern die Empfehlung mit:

„Lernt fleißig, nutzt dabei die Technologie und alle anderen verfügbaren Ressourcen, um ‚euer Instrumentarium zu erweitern‘, und eignet euch Fähigkeiten und Kompetenzen an, die im zweiten Maschinenzeitalter gebraucht werden.“ (239)

Empfehlungen an die Politik werden ebenfalls ausgesprochen, sie reichen von der Verbesserung bzw. Veränderung in der Entlohnung von Lehrern an Schulen und Universitäten, dem Einsatz für ein freundliches Aufnehmen fremdländischer fähiger Arbeitnehmer/-innen, der Forderung nach Deregulierung überbordender Bürokratien, Einführung von Pigou-Steuern (Besteuerung von Umweltbelastungen) und einem bedingungslosen Grundeinkommen in Form der negativen Einkommensteuer, um Armutsfallen zu überwinden.

Die Autoren beschreiben das beginnenden Zeitalter der Digitalisierung optimistisch, aber nicht euphorisch. Damit heben sie sich von anderen Ansätzen wohltuend ab, die in der weltweiten Vernetzung eher pessimistisch den Niedergang der Menschheit wittern.

Ihre These lautet dabei, dass durch die Digitalisierung unser Leben „leichter“ macht und zu mehr Lebensqualität führt. (113 u. 116) Für Blinde, die wieder sehen oder Taube, die wieder hören können trifft dies mit Sicherheit zu. Aber ich finde, der Begriff „leichter“ klingt verräterisch. Er suggeriert, dass Digitalisierung und durch sie gesteuerte Maschinen uns zukünftig noch viel mehr an „ungeliebten“ Alltagsarbeiten abnehmen könnten. Dahinter ist die alte Auffassung zu erkennen, dass Arbeit (vielfach) mühselig und anstrengend ist. Dies bezweifle ich nicht, stelle aber die Frage in den Raum, ob dies nicht mit einem fortschreitenden Verlust an Sinnlichkeit im Alltag einhergeht, der unser Empfinden und Verhalten einschränkt und verarmen lässt. Damit rede ich nicht einer Technologiefeindlichkeit das Wort, die Sinnlichkeit des Alltags ist parallel zu gestalten.

Kritisch bleibt weiter anzumerken, dass das Denken der Autoren im Rahmen herkömmlicher Wirtschaftswissenschaft verbleibt. Die Hoffnung, dass ein weitgehend deregulierter Markt letztlich die Probleme der Menschheit löst, ist ungebrochen. Wenn es anders kommt, ist die Politik mit ihren übermäßigen Behinderungen der sich frei entfalten wollenden Wirtschaft schuld – oder der Mensch, wenn er aus Bosheit, Rachgier oder anderen Motiven terroristisch versucht auch und gerade das weltweite Datennetz für Anschläge und Akte der Zerstörung zu nutzen. Das ist für mich zu kurz gegriffen. Aktuelle Problemlagen wie der aggressive Finanzkapitalismus werden nur am Rand gestreift, ähnliches gilt für die Fragen von Umweltzerstörung und Rohstoffverbrauch.

Zwar schimmert hier und da die Hoffnung durch, dass die allgegenwärtig Vernetzung auch für Umweltzerstörung und Klimawandel Problemlösungen finden wird. Dass aber unser heutiges Wirtschaften zu einem ungeheuren Raubbau an Rohstoffen führt und der ökologische Fußabdruck schon länger nicht mehr auf unserem Planeten Platz hat, wird nicht benannt. Ebenso wenig wird die Frage gestellt, in welcher Weise gerade auch die fortschreitende Digitalisierung diesen Prozess dramatisch voran treibt. Ja, die einzelne Mail, die einzelne Suchabfrage bei Google, die kooperative Zusammenarbeit in Projekten erdteilübergreifend mag billig sein, aber kostenlos ist sie nicht. Fragen zu Abfall und Recycling, zum Energieverbrauch zur Kühlung der riesigen Server werden von den Autoren nirgends benannt. Das ist für mich ein blinder Fleck, umso erstaunlicher, weil die Autoren insgesamt eine äußerst detailreiche und mit vielen Beispielen untermauerte Untersuchung vorgelegt haben.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen habe ich das Buch mit großem Gewinn gelesen. Für die aktuell beginnende Diskussion unter der Überschrift „Industrie 4.0“ bzw. „Wirtschaft 4.0“ gibt es einen guten Ein- und Überblick. Die Beschränkung auf die Verhältnisse in den USA stört dabei nicht, Leser/-innen erkennen leicht Parallelen und Unterschiede zu den Verhältnissen in Deutschland.

Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee: The Second Machine Age. Plassen. 24,99 €

Ein Gedanke zu “The Second Machine Age (Rezension)

  1. Hat dies auf Θ TheoNet.de rebloggt und kommentierte:
    Die ungeheuere Flut an Daten verändert unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft. Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom MIT stellen mit dem Buch „The Second Machine Age“ ihre Prognosen vor.

    Gefällt mir

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