Segne unser Lassen

„Gott, segne unser Tun und Lassen.“
Diesen Satz sprach ich im Segen spontan und unüberlegt am Ende des Gottesdienstes anlässlich meiner Einführung als Referent für Arbeit und Wirtschaft in der Katharinenkirche in Osnabrück.
Er kam so aus mir heraus, schien zum Verlauf und den Inhalten zu passen.
Hinterher bin ich mehrfach darauf angesprochen worden.
Eine Frau erzählte mir Tage später noch, diese Worte hätten sie ins Herz getroffen und sie wäre mit dem Nachdenken darüber noch nicht fertig.
Das wiederum gab mir zu Denken.

„Gott, segne unser Tun“ – das klingt selbstverständlich und vertraut.
Wir wünschen uns, erhoffen uns Segen auf dem, was wir tun.
Auf unseren Vorhaben und Projekten, Aktionen und Programmen.
Wir wünschen und erhoffen uns Segen, weil wir wissen Erfolg (auch im Scheitern) ist nie garantiert.
Im Segnen verbinden wir uns mit der Macht, die uns durchdringt und umfängt.
Im Segen schwingt das Glaubensbekenntnis mit, dass all unser Tun gesegnet von Gott sein möge, so das Gutes für uns und andere dabei heraus kommt.

Aber:
„Segne auch unser Lassen?“
Worin soll der Segen liegen, wenn ich Dinge unterlasse, die doch zu meinem oder unserem guten Leben beitragen sollen?
Dennoch ahne, spüre ich, dass dieser Satz stimmt.
Doch der Gedanke ist unvertraut.
So habe ich in den letzten Tagen versucht, ihm nachzuspüren.
Zwei Aspekte sind mir eingefallen, besser gesagt, zwei Blickwinkel, aus deren Sicht es lohnt, auf unser Lassen zu schauen.

Unter quantitativen Gesichtspunkt geht es beim Lassen um die Frage des Genug.
Natürlich kann ich arbeiten ohne Ende, genug zu tun gibt es immer.
Die Arbeit wird uns keineswegs ausgehen, wie Hannah Arendt zu unrecht einst unkte.
Vielleicht die Arbeit, die bezahlt wird, ja.
Aber die Arbeit an und für sich, nein.
„Gott, segne unser Lassen“ hat daher eine Nähe zur Frage der Sonntagsruhe oder zur Work-Life-Balance.
Irgendwann ist genug gearbeitet, jedes mehr Tun schadet nur.
Mir oder anderen, früher oder später.
Diese Gedanken sind mir und vermutlich anderen nicht fremd.
Beim Nachdenken stieß ich auf einen Blogbeitrag von Brigitte Becker und das ließ mich fragen, ob es nicht auch einen qualitativen Blickwinkel gibt.

Brigitte Becker erzählt von einer Pfarrerin, die aufgehört hat, vieles „einfach“ zu tun und stattdessen die Gemeindeglieder fragte: Was braucht ihr eigentlich von mir, von der Kirche? Diese Frage trifft mich genau in meiner aktuellen Lebenssituation.

Als „Arbeitsweltpastor“, als Referent für Arbeit und Wirtschaft bin ich seit wenigen Wochen „zuständig“ für ein Gebiet, das von Nord nach Süd in etwa dem Durchmesser der Schweiz entspricht.
Das ist eine ziemlich große Fläche.
Und da die Stelle länger unbesetzt war, fange ich mehr oder weniger bei Null an.
„Gott, segne mein Tun“, ja, klar.
Und ich weiß schon heute:
Langweilig wird mir nicht werden, zu tun gibt es genug.
Unter quantitativem Blickwinkel gilt da ganz sicher auch der Stoßseufzer:
„Gott, segne auch mein Lassen“.
Im Blick auf das, das was ich nicht schaffe(n werde).

Doch es gibt auch den qualitativen Aspekt.
„Segne mein Lassen“ bitte ich hier nicht aus Überforderung, sondern weil andere Dinge vielleicht sinnvoller sind als das, was mir so ein- und auffällt.
Was wäre, wenn ich bei den vielen Antrittsbesuchen und Erstgesprächen, die ich momentan und im nächsten Jahr mache, vor allem frage:
Was braucht ihr denn von Kirche?
Was erwartet ihr von Kirche?
Vielleicht auch:
Was erhofft ihr euch von Kirche (und mir)?

Ich merke, das grummelt.
In mir.
Denn ich will ja etwas tun, habe auch viele Ideen im Kopf.
Aber ist es das, was Menschen von mir als Arbeitsweltpastor erwarten, erhoffen, brauchen, ersehnen?
Oder beschleicht mich die Angst, dass die Antwort lauten könnte:
Von Kirche etwas erwarten – ja, was denn?

„Gott, segne mein Lassen“ – das ich höre hier ganz neu.
Als Ermutigung, zunächst einmal „nichts“ zu tun.
Außer: Neugierig bleiben und aufmerksam, achtsam zuhören.
Weil ich vermute, ahne, glaube, hoffe (…?!), dass vielleicht noch ganz anderes Tun von mir erwartet wird, werden könnte.
Das ich übersehe, wenn ich „nur“ bitte:
„Gott, segne mein Tun“.

Nein, ich will es ernst nehmen:
„Gott, segne mein Lassen“.
Und schauen was passiert, wenn ich vor allen die Frage stelle:
Was braucht ihr?
Was erwartet ihr?
Was ersehnt ich euch?
Von mir, von Kirche, von… Gott?

Ein Gedanke zu “Segne unser Lassen

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