Das schlechte Gewissen von Günter Jauch und die vergebene Chance von Nikolaus Schneider

Ich hab´s getan. Ich hab mir eine ganze Sendung von Jauch angeschaut, am Sonntagabend. Aus reiner Neugier. Ist die Kirche noch lebensnah? Eine Antwort interessiert mich nicht nur aus beruflichen Gründen.

Einen Dämpfer gab es schon bei der Gästeliste. Vier Katholiken (davon eine Frau), ein Protestant. Immerhin „unser“ oberster Repräsentant und bis vor kurzem auch noch mein „Chef“. So weit, so schlecht. Es geht wieder mal und vor allem um die katholische Kirche, trotz des offenen Titels.

Und so lief die Sendung dann auch. Ich weiß jetzt, dass Herr Lafontaine ein Papstbild im Büro hängen hat und die Reaktionen seiner Gäste beobachtet. Ich weiß, dass der Bruder von Matin Lohmann manches anders sieht. Ich höre und sehe auch wieder Beispiele aus der katholischen und eins aus der evangelischen Kirche, die mich gruseln lassen. Aber was hat das alles mit dem Thema zu tun? Nichts. Je länger die Sendung dauert, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, als wollte Herr Jauch nach dem letzten Sonntag mit seiner Kirchenschelte zurückruden. Hat er etwa ein schlechtes Gewissen? Ich hab die Sendung über den Konzern Kirche nicht gesehen, aber die Reaktionen waren ja heftig.

Gestern ein klarer und  zugewandter katholischer Bischof Jaschke aus Hamburg. Ein abgewogener Herr Lafontaine. Herr Kerner und Frau Löhrmann, sorry, es ist mir nichts im Gedächtnis geblieben.

Und Nikolaus Schneider. Klar und moderat wie immer. Manchmal wünsche ich mir, er würde etwas lauter werden. Er kommt erst so richtig ins Gespräch, als es um die Arbeitsverhältnisse bei der Diakonie geht. Ja, es gibt schwarze Schafe unter den evangelischen Einrichtungen und vieles gefällt ihm nicht. Und er weist auch  darauf hin, dass vielfach Kirche und Diakonie besser bezahlen als andere Träger.  Zu leise,  fand ich. Ich hätte mir gewünscht, er hätte das noch deutlicher getan. Und so ein Beispiel erzählt, wie ich es vom Leiter meines örtlichen Diakonischen Werkes gehört habe.

Eine kirchliche Sozialstation sucht händeringend Personal und wirbt auf ihren Autos dafür. Lange Zeit ohne besonderen Erfolg, obwohl die kleinen Flitzer im Alltag überall zu sehen sind. Dann änderte man die Taktik und schrieb drauf – sinngemäß -: „Mitarbeitende gesucht, Gehalt XXX €“. Seither mehren sich die Anrufe und Bewerbungen. Warum? Weil Pflegerinnen und Pfleger vergleichen. Und feststellen: Oh, da würde ich mehr verdienen.

Solche Geschichten würde ich gerne mehr in der Öffentlichkeit hören. Natürlich: jeder Einzelfall, in dem es anders läuft, ist einer zuviel. Aber ich würde auch gerne auch von den anderen Geschichten hören. Weil ich nämlich meine Kirche genau in der Zwiespältigkeit wahrnehme, zwischen „ganz-nah-dran“ und „ganz-weit-weg“. Wie wäre es, Herr Jauch, wenn Sie mal engagierte Katholik/inn/en und Protestant/inn/en von der Basis zu einer Runde über die Lebensnähe von Kirche einladen? Zu positiv? Bringt keine Quote? Schade.

Was bleibt? Ich weiß jetzt, dass bei Oskar Lafontaine neben dem Papst auch Luther hängt. Uff.

6 Gedanken zu “Das schlechte Gewissen von Günter Jauch und die vergebene Chance von Nikolaus Schneider

  1. Genau diese Feststellung von Nikolaus Schneider, auf die Sie sich so positiv beziehen, hat mich sehr irritiert. Ich habe Nikolaus Schneider bis jetzt sehr geschätzt, habe ihn auch schon bei einer anderen Talkshow erlebt, wo es um das Sterben und den Tod seiner Tochter ging.

    Gestern jedoch war ich sehr enttäuscht. Ich kenne durch meine Arbeit sehr viele kirchliche Mitarbeitende aus den unterschiedlichen Berufsgruppen. Bei der Bezahlung von Pfarrern, Diakonen, Gemeindepädagogen, Katecheten hat die Kirche – das liegt in der Natur der Sache – ein Monpol.

    Wenn Herr Schneider nun davon spricht, der Kirchentarif sei – und dabei bezog er sich auf andere Berufsgruppen – (oft?) besser, so trifft das erst für die Zeit zu, wo es im Bereich Pflege Leiharbeit gibt, die wie in allen anderen Bereichen schlechter bezahlt ist als ein Vollzeitarbeitsplatz in fester Stelle.

    Wenn wir aus der Diskussion den ganzen Leiharbeitssektor rausnehmen, kann man mitnichten davon sprechen, daß der Kirchentarif ein besserer sei als der kommunale. AVR (Arbeitsvertragsrichtlinien) der Diakonischen Werke waren immer nur angeglichen an den BAT und das wird jetzt in Zeiten des Tarifvertrags des öffentlichen Dienstes auch nicht anders sein.

    Eine neuere Tendenz bei kirchlichen Großeinrichtungen, die mit der Betreuung erwachsener geistig Behinderter befaßt sind, läuft in die Richtung,daß auch hier – wie in der ambulanten und stationären Altenpflege – die Arbeit mit Leiharbeitern in den Blick genommen wird und Vollzeitarbeitsplätze nicht mehr besetzt sondern eingespart werden..

    Insgesamt fand ich die zweite Sendung besser als die am vorherigen Sonntag und stimme ihnen zu, daß die evangelische Kirche etwas kurz weg kam.

    Schade, daß ich keinen RSS-Feed bei Ihnen finde.

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  2. Das Thema ist hoch komplex und ich bin kein Experte dafür. Ich bestreite auch nicht die Problematik mit Leiharbeit, Outsourcen usw. Mich stört aber die Einseitigkeit der Berichterstattung – denn so wird (und vermutlich auch „soll“) der Eindruck erweckt werden, es sei überall so bei Kirchens. Und das stimmt nicht.
    Und einfache Lösungen für das Gesamtproblem, darauf verweist auch der geannnte Leiter des DW im gleichen Atemzug, gibt es aufgrund der Zersplitterung der „Landschaft“ leider auch nicht…

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