Hoffnungsgeschichten. Predigt am 1. Mai 2022

Predigt in der Marktkirche in Hannover über Markus 4, 26-32

Arbeitswelt und Wirtschaft sind in Aufruhr.
Zwei Jahre Corona und nun der Krieg in der Ukraine.
Fest geglaubte Strukturen bröseln.
Was lange undenkbar schien, wird plötzlich möglich.
Mittendrin Millionen erwerbstätiger Männern und Frauen.
Und Hunderttausende von Unternehmensleitungen und Führungskräften.

Die Arbeit hat sich verändert.
Und damit verändern sich die Menschen.

Pflegekräfte sind plötzlich hochgeschätzt.
Trotzdem weiterhin schlecht bezahlt.
Genauso die Paketzusteller:innen, Lieferandofahrer:innen, Beschäftigte in der Gastronomie und viele andere.

Hochbezahlte Menschen in verschiedenen Branchen mussten erfahren, dass ihre Tätigkeit nicht mehr gefragt war.
Unzählige Künstler:innen erlebten das Gleiche.
Nur trieb es viele von ihnen in den finanziellen Ruin.
Die staatlichen Unterstützungsleistungen gingen an ihnen oft vorbei.
Heute trauen sich viele Menschen noch nicht wieder in Theater und Opernhäuser.
Wie wird das weiter gehen?

Beim Einkaufen habe ich mich oft gefragt:
Was geht in der Frau oder dem Mann an der Kasse vor?
Hinter der Plexiglasscheibe.
Davor ein Strom von Menschen.
Viele freundlich, manche aggressiv, nicht wenige verdächtig hustend.

Da hat jemand ein Café eröffnet, mutig, trotz Corona.
Hat die Zwangspausen erlebt und finanziell durchgestanden.
Und stellt heute fest, ich finde kein Personal.
Mein Traum könnte daran scheitern.

Und immer und immer wieder höre ich es in Gesprächen und lese davon:
Frauen und Männer merken, Corona, Klimakrise und jetzt der Krieg – das verändert mich.
Ich schaue anders auf die Welt.
Und auf meine Arbeit.
Sie stellen fest:
So toll ich meinen Arbeitsplatz bislang fand, es geht hier nicht weiter für mich.
Und nun?

Bei den Unternehmensleitungen sieht es nicht anders aus.
Märkte brechen weg, neue entstehen.
Erst für Masken und Desinfektionsmittel, jetzt für Waffen.
Planungssicherheit?
Ein Fremdwort.
Es gilt vielerorts Risiken einzugehen, den Nichtstun bedeutet vermutlich das Aus.
Aber welche?

Es gibt aber auch zahlreiche positive Erfahrungen.
Menschen, die vorher in der Gastronomie tätig waren und dann z.B. in die Logistik gewechselt sind, sagen heute:
Jedes Wochenende freihaben ist auch schön.

Durch den vor zwei Jahren unvorstellbaren Schub der Digitalisierung entstehen neue Berufe oder Arbeitsplätze.
Oder mein eigener verändert sich.
Relativ früh im Jahr 2020 erzählte mir eine Führungskraft:
„Ich kann das kaum noch glauben.
Bis vor einem halben Jahr bin ich für eine Vorstandssitzung von zwei Stunden morgens nach Berlin und abends wieder zurückgefahren.
Für zwei Stunden!
Was für eine Zeitverschwendung!“

Großartige Möglichkeiten eröffnen sich durch die digitalen Geräte und Tools.
Nicht nur bei uns.
Staunend lese ich, wie Menschen in der Ukraine über ihre Handys die eigenen Soldat:innen unterstützen, in dem sie Positionen von russischen Streitkräften durchgeben.
Oder Lehrer:innen stellen übers Netz Materialien für den Unterricht geflüchteter Kinder zur Verfügung.
Menschen rücken auch näher zusammen durch die digitalen Möglichkeiten.

Arbeitswelt und Wirtschaft sind in Aufruhr.
Nichts spricht dafür, dass es bald wieder in ruhigere Gewässer geht.

Ich habe mich in den letzten beiden Jahren immer wieder gefragt:
Welche biblischen Texte sprechen dich gerade an?
Welche Worte, welchen Geschichten lösen etwas in dir aus?
Es sind vor allem die Gleichnisse, in denen Jesus vom Reich Gottes erzählt.

Vom Sämann erzählt er gleich zwei.
Das eine haben wir eben gehört.
Das andere kennen wir als das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld.
Samen fällt auf unterschiedlichen Boden.

Die Gleichnisse vom Reich Gottes sind Hoffnungsgeschichten für mich.
In diesen Gleichnissen nimmt Jesus das Bild des Landwirts oder der Landwirtin auf.
Um zu verdeutlichen, wie das Reich Gottes in dieser Welt wirksam wird.
Er wählt ein Bild aus der Arbeitswelt.
Harte, körperliche Arbeit.
Was er erzählt, ist seinen Zuhörer:innen vertraut.

Im Gleichnis vom vierfachen Acker erzählt er:
Mancher Samen fällt auf harten Untergrund, anderer wird vom Unkraut erstickt.
Traurige Realität.
Mancher Samen geht auf und bringt einen hohen Ertrag.
Wunderbare Realität.

Nun sind manche Theolog:innen der Meinung:
Jesus nimmt hier eine vertraute Begebenheit, um etwas über den Glauben und das Wirken des Heiligen Geistes zu sagen.
Der Glaube, gesät wie ein Weizenkorn.
Trifft auf Menschen mit harten Herzen.
Andere sind offen und nehmen das Evangelium an.
Mit der realen Welt hat das nichts zu tun, es geht nur um den Glauben und das Gottvertrauen.
Es ist ein Bild, ein Symbol, ein Vergleich.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Deutung so stimmt.
Es mir auf jeden Fall zu einseitig.
Denn Jesus spricht immer wieder vom Reich Gottes, das sehr real unter uns anbricht.
In unserer Welt.
In seiner Person wurde das deutlich durch die Menschen, die er geheilt hat.
Glaube, Gottvertrauen und das Wirken des göttlichen Geistes haben sehr reale Folgen in unserer Welt, in allen Lebensbezügen.

Daher verstehe ich das Gleichnis so:
Im Vertrauen auf den Urgrund, der mich liebt, kann ich auch dunklen, unruhigen unübersichtlichen Zeiten mutig nach vorne schauen und gehen.
Samen säen.
In meiner Umgebung.
In der Familie, bei Freund:innen, im Ehrenamt in Kirche und Gesellschaft und natürlich auch in der Arbeitswelt.
Es liegt eine Verheißung darauf:
Sät – und ihr werdet ernten.
Aber es bleibt die Offenheit, dass ich das nicht machen und erzwingen kann, auch nicht aus meinem Glauben heraus.
Und ich weiß nicht im voraus, welcher Samen wo und wie aufgeht.

Das wird für mich in dem eben gehörten zweiten Gleichnis vom Sämann deutlich.
Für mich eins der provozierendsten Worte Jesus.
Der Landwirt, die Landwirtin geht aufs Feld und wirft den Samen aufs Feld.
Dann geht es nach Hause.
Der Mensch schläft und steht auf.
Schläft und steht auf.
Er oder sie tut nichts.
Nichts!
Und der Samen wächst von ganz alleine.
Ist das nicht wunderbar?

Und zugleich so, wie soll ich sagen – ein wenig kränkend?
Kränkend, das ist vielleicht nicht das richtige Wort.
Aber es ist doch so:
Ohne Planung, ohne Strukturen, ohne den Wunsch nach Effektivität kämen wir in dieser Welt nicht wirklich weit.

Und doch sagt Jesus:
Die Saat wächst von ganz alleine, der Landwirt, die Landwirtin weiß nicht wie.
Und er schließt mit der Geschichte vom Senfkorn an.
Aus etwas ganz Kleinem wie dem Senfkorn kann etwas ganz Großes entstehen.
Wie entlastend.
Wie schön.
Reich Gottes.
Es geschieht.
Neues.

Auch in unserer Arbeit, in unserer Wirtschaft.
Im Zusammenleben in unserer Stadt, im Quartier, in der Kirchengemeinde.
In unseren Liebesbeziehungen und Familien.
Es lässt sich nicht machen, nicht planen, nicht erzwingen.
Nur hoffen und empfangen.
Mit weit ausgebreiteten Armen und offenen Herzen:

Komm heiliger Geist!
Komm zu mir, zu uns, zu allen.
Pflanze Mut und Hoffnung.
Und lass diese Saat aufgehen.
Schenke Ideen, zeige Pfade.
Und lass diese Saat aufgehen.
Verbinde, was getrennt ist.
Und lass diese Saat aufgehen.
Amen.

4 Gedanken zu “Hoffnungsgeschichten. Predigt am 1. Mai 2022

  1. Honestly speaking:

    Ich finde genial, wie du dich aus der Beschreibung aktueller gesellschaftlicher Phänomene zunächst an eine Textgruppe und dann an den einen, auserwählten herantastest und schließlich gar nicht mehr viel „auslegen“, sondern nur noch Bündeln musst, weil die Situation schon alles zur Auslegung gesagt hatte.

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  2. Muehlstein

    Das mit dem „Samen aufs Geld“ ist entweder einer apokryphen Schrift entsprungen oder einem ziemlich kreativen Geist. Ich neige zu Letzterem und lass mich anregen,

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  3. Der Vollkommene
    aus dem Ursprung
    der Gedankenwelt
    der spirituellen Männern

    ich zweifle den Worten
    die viel versprechen
    und nichts halten

    die Seele
    der Geist
    ist in uns
    nicht da draussen

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