Warum es ein Jammer ist, dass kaum jemand die Anonymen Insolvenzler kennt

Anonyme Insolvenzler? Schon mal gehört? Nein? Dann geht es dir wie 99,9% der Bevölkerung. Das ist schade, hat aber (gute) Gründe.

Die Anonymen Insolvenzler sind eine Selbsthilfegruppe, die sich an Frauen und Männer richtet, die in irgendeiner Weise von Insolvenz bedroht sind, eine Insolvenz hinter sich haben oder mitten drin stecken. Die Gruppen können in sehr begrenztem Maß auch juristische und logistische Unterstützung bieten, in allererster Linie sind sie aber als Raum zum Reden und Verstehen gedacht und in dieser Hinsicht äußerst sinnvoll und hilfreich. Denn es gibt gute Anwält/-innen und Schuldner/-beraterinnen, die in juristischen und finanziellen Fragen helfen können. Aber in aller Regel sind sie nicht in der Lage, die psychischen Belastungen aufzufangen. Von Insolvenz bedrohte und betroffene Menschen haben ein dringendes Bedürfnis, mit anderen Menschen, die sie verstehen, zu reden. Sie suchen Halt, Wertschätzung, Verständnis, vielleicht auch Widerspruch, wenn der Teufelskreis der Gefühle und Gedanken sie immer tiefer in den Abgrund zerrt. Hier können die Anonymen Insolvenzler helfen. Und sie tun es. Warum aber sind sie so unbekannt? Aus meiner Sicht hat das zwei Gründe.

Zum einen ist das eine logische Folge der Anonymität. Es gibt zwar Gruppen in vielen größeren Städten, aber nicht immer ist der oder die Gruppenleiter/-in bereit oder in der Lage, mit dem eigenen Namen für die Gruppe zu stehen. Das kann darin liegen, dass die Leiter/-innen noch selbst mit ihren Unternehmen in der Insolvenz stecken oder vielleicht auch neue Unternehmen gegründet haben bzw. eine Anstellung anderswo gefunden haben oder suchen. Es ist verständlich, dass sie ihren Namen dann nicht öffentlich machen in einer Zeit, in der über Google alles und jede/r zu finden ist. Insolvenz und Scheitern ist nach wie vor ein Tabuthema, damit will man in der Regel nicht identifiziert werden, weil es mich in ein schlechtes Licht stellt. Und damit bin ich schon beim zweiten Grund.

Scheitern ist verpönt und daher tabuisiert. Es haftet gerade auch im unternehmerischen Bereich der Insolvenz das persönliche Scheitern an, auch wenn die Gründe für eine Pleite objektiv oft an ganz anderer Stelle liegen. Daher tun sich viele schwer damit, Scheitern öffentlich oder auch nur im Freundes- und Bekanntenkreis zuzugeben. Die Fuckup-Nights sind hier ein Versuch, dies zu durchbrechen, im Rheinland war ich vor einigen Jahren in einem Arbeitskreis, der verschiedene Tagungen zum unternehmerischen Scheitern durchgeführt hat, um das Thema öffentlich akzeptierter zu machen („Angst frisst Seele auf…“). Einmal wurde ich im Bonner Generalanzeiger interviewt und der Artikel erschien auch am Niederrhein. Nie zuvor und nie danach bin ich von wildfremden Menschen so häufig angesprochen worden: „Wie gut, dass Kirche sich diesem Thema jetzt widmet und es öffentlich aufgreift, weil da so viel verborgenes Leid mit verbunden ist!“

Nun bin ich in Niedersachsen, in Osnabrück habe ich das Thema schon angesprochen und jetzt bin ich in Hannover. Es wird Zeit, dass das versteckte Leiden von Frauen und Männern aufhört und sie offen über ihre Erfahrungen sprechen können und Zuhörer/-innen finden. Die Anonymen Insolvenzler können und tun das, und das ist ein Segen. Aber wenn das Scheitern insgesamt in unserer Gesellschaft aus der Schamecke herauskommt, dann hilft es noch mehr. Ich suche Menschen, die ähnlich denken und die Lust haben, mit mir hier an Ideen zu stricken. Meldet euch gerne bei mir.

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