Zwei Tage Wittenberg im Juni 2017

Wir, also meine Frau Christine und ich, waren in Wittenberg. Zwei Tage lang. Im Juni 2017, während des Reformationssommers, der sich im Dauerregen allerdings wenig sommerlich präsentierte. Ein klitzekleines Fotoprotokoll.

Zunächst nahmen wir am KWA-Forum: „Wenn jedes Maß verloren geht“ teil. Axel Noack ließ vor allem Luther zu Wort kommen…

… Sahra Wagenknecht blieb in den berliner Regenfluten stecken, so dass sich diese fünf Herren leider schon zu einig waren.

Natürlich haben wir die berühmte Tür der Schlosskirche besucht, an der alles anfing (oder auch nicht).

Auch innen drin gibt es sehr schöne Blickwinkel.

Einen kleinen Abstecher machten wir zur Berufungsfabrik, die unter anderem diese interessante Frage stellt.

Und das Asisi-Panorama durfte auch nicht fehlen.

Aber „eigentlich“ waren wir hier, um einen Workshop zum Bedingungslosen Grundeinkommen anzubieten. Wir haben ihn unter die Überschrift gestellt: „Bedingungsloses Grundeinkommen – Wie wollen wir als (Arbeits-)Gesellschaft leben?“ und verschiedene Stationen angeboten.

Zum Beispiel zur Maschinensteuer …

… oder zum Zusammenhang von Grundeinkommen und Care.

Am Ende hat uns Friedrich Kramer, Direktor der Akademie in Wittenberg, nach einem kurzen, aber intensiven Austausch noch zusammen fotografiert. Danach ging es ab in den Urlaub!

 

 

Erntedank, Care-Ökonomie und ein Haufen Gold

Bern, am letzten Freitag. Die »Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen« inszeniert die Übergabe von 126.000 Unterschriften medienwirksam, indem sie acht Millionen goldglänzende Fünfräppler auf dem Bundesplatz aufschüttet. Die Bilder gehen um die Welt.

Mit dabei sind an diesem Tag einige Frauen mit Plakaten. Sie werden von den Kameras der großen Medienanstalten weitgehend übersehen. Schade, denn sie weisen auf einen wichtigen Aspekt in der ganzen Debatte um das Grundeinkommen hin: »Bedingungsloses Grundeinkommen nur mit Care-Ökonomie!«

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Die Plakate in Bern weisen auf einen Konflikt hin, der in der Schweiz in einen noch nicht entschiedenen Rechtsstreit mündete. Im Kern geht es um die Frage, ob die Medien sachgerecht berichten, wenn sie die unterschiedlichen Auswirkungen eines Grundeinkommens auf Frauen und Männer nicht zur Sprache bringen. Der Hinweis auf die Care-Ökonomie lenkt in diesem Zusammenhang den Blick auf die Tatsache, dass sich ein Grundeinkommen auf Männer und Frauen unterschiedlich auswirken würde.

Care-Arbeit, immer noch überwiegend in den Händen von Frauen.

Das Allensbacher Institut hat in der letzten Woche eine Umfrage veröffentlicht, dass den Männern die Gleichberechtigung mittlerweile auf den Nerv geht, und sie gleichzeitig nach wie vor davon überzeugt sind, dass Frauen besser bügeln können als sie.

Hat diese Wertung ihren Grund auch darin, dass solche Arbeit nicht finanziell entlohnt wird?

Ein Grundeinkommen würde dies ändern. Unbezahlte Arbeit würde honoriert, während der gut verdienende Mann von einem Grundeinkommen nichts oder zumindest weniger hätte.

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Was hat das alles mit Erntedank zu tun? Viel, eigentlich alles.

Die christliche Gemeinde feiert seit je her an diesem Fest den Ertrag der Ernte. Zu einer Zeit, in der 90% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig waren, war der existentielle Bezug offensichtlich. Heute ist dieser verloren gegangen, zumindest in den Wohlstandsnationen mit ihren Supermärkten, in denen es immer Erdbeeren gibt.

Daher ist der Gedanke des Festes erweitert geworden, was z.B an der modernen Strophe des Liedes »Wir pflügen und wir streuen« abgelesen werden kann.:

Auch Autos und Maschinen,

die kommen her von Gott,

wenn sie dem Menschen dienen

und lindern Last und Not.

Fabriken und Behörden,

wenn menschlich sie gelenkt

und uns zur Hilfe werden,

sind uns von ihm geschenkt.

(Karlheinz Geil, in: Schneider/Vicktor, Alte Choräle – neu erlebt, S. 200)

Oder, noch deutlicher:

Das meiste, was wir essen,

das hat ein andrer g´sät.

Wie leicht ist der vergessen,

der pflanzte, der´s gemäht.

Von anderen Völkern nehmen

wir Kaffee, Obst und Wein.

Hat jeder was zum Leben?

Das Brot muss allen sein.

(Joachim Ritzkowsky,in: Menschenskinderlieder, Nr. 62)

Hier wird deutlich, dass wir als Menschen in Bezügen leben, die wir als Einzelne weder geschaffen haben noch erhalten können. Ein autarkes Leben ist nicht möglich, wir sind soziale Wesen und so eingebunden in (Wirtschafts-) Kreisläufe unterschiedlichster Ausprägung. Und so haben wir als Einzelne auch Teil an der weltweiten Zerstörung und Ausbeutung von Natur und Mensch, wie exemplarisch an dieser Website aufgezeigt werden kann: www.slaveryfootprint.org

Erntedank heißt dann, mich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ich in Geflechte verflochten bin, die mich am Leben erhalten, die aber gleichzeitig Leben bedrohen und zerstören. Erntedank öffnet sich so einmal zum Dank der Macht gegenüber, die unser aller Leben durchdringt und erhält und zum anderen zur Klage, zum Schuldbekenntnis gegenüber Gott, dem Eingeständnis, bewusst und/oder unbewusst, aktiv/passiv verstrickt zu sein in ungerechte Verhältnisse und in Leid oder gar Tod bringende Strukturen.

Diese Erkenntnis ebnet den Weg, auch den Gedanken der Care-Ökonomie in das Erntedankfest einzubeziehen und so den Blick auf die unterschiedliche, genauer: ungerechte Bewertung der Arbeit/Tätigkeiten von Männern und Frauen zu lenken.

Lange bekannt ist die Tatsache, dass die Summe der unbezahlten Tätigkeiten in unserem Land in etwa der Summe der Leistungen im Bereich der Erwerbsarbeit entspricht. Ins Bruttoszialprodukt einbezogen, würde sich dieses verdoppeln.

Keineswegs müssen/sollten alle Tätigkeiten zwingend bezahlt werden. Aber in einer Zeit, in der alles und jedes in Geld aufgewogen wird, gelten bezahlte Tätigkeiten eben mehr als unbezahlte Arbeit. Und auch innerhalb des Systems der Erwerbstätigkeiten werden Arbeiten unterschiedlich gewertet. Die Reinigungshilfe bezahle ich deswegen, weil ich meine, dass meine anderen Tätigkeiten wichtiger sind als die Drecksarbeit. (Für Haushaltshilfen bei Krankheit oder anderen Einschränkungen gilt dies selbstverständlich nicht.)

An dieser Stelle setzt der Hinweis der Frauen auf dem Bundesplatz in Bern ein. Und es ist mehr, es ist ein Protestruf: Kein Grundeinkommen ohne Care-Ökonomie!

Keine Diskussion um das Grundeinkommen ohne die spezifische Lage von Frauen mit in den Blick zunehmen. Der Frauen, die eben immer noch einen Großteil der Care-Ökonomie leisten – was offensichtlich, so die genannte Umfrage, viele Männer völlig richtig finden. Ein Grundeinkommen würde ihre Situation verbessern, ihre Tätigkeiten im Rahmen der herkömmlichen Ökonomie finanziell zumindest bedingt würdigen und den Preis für manche Drecksarbeit »realistischer« gestalten. Die Sorge, dass unser Leben zusammenbricht, wenn ein Grundeinkommen gezahlt wird und sich niemand für die Reinigung, den Müllwagen usw. findet, ist völlig unberechtigt und zeigt die Verlogenheit: Wir müssten der Reinigungsfrau und dem Müllmann mehr »bieten«, wenn die pure Not sie und ihn nicht mehr zwingt, für einen Hungerlohn zu arbeiten.

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Hier schließt sich der Kreis zum Erntedankfest. Die Erkenntnis, ich kann nicht allein leben und ich mich immer dem funktionierenden System von Natur, Kultur und Wirtschaft verdanke stellt die Frage nach dem Wert jeder Arbeit. Theologisch gesprochen sind sie alle gleichwertig. Von daher gilt es am Erntedanktag auch denjenigen Dank zu sagen, die durch ihre Care-Tätigkeit die Hälfte unseres Systems am Leben halten. Und darüber zu klagen, dass hier durch schiefe Bewertung ungerecht gedacht und gehandelt wird. Der Protest eines Amos und eines Jesaja würden sich heute auch gegen die Ausbeutung von Frauen in der Care-Ökonomie richten, da bin ich mir sicher.

Im Blick auf eine theologische Wertung des Grundeinkommens vertrete ich daher die Auffassung: Der bedingungslosen Liebe Gottes entspricht ein vorschießendes bedingungsloses Grundeinkommen für jede Frau, jeden Mann. Das habe ich aber an anderer Stelle ausführlich dargestellt: Bedingungslos geliebt. Leistung zwischen Vorschuss und Bewährung.

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(Die Bilder wurden von Ina Praetorius – auf dem Foto 2. von rechts – zur Verfügung gestellt.)

Angst frisst die Seele auf….

Freitagabend, Evangelische Akademie Rheinland, Bad Godesberg, Tagung: Wenn Angst die Seele frisst – Das Risiko beruflichen Scheiterns als Herausforderung für Einzelne und die Unternehmenskultur.

 

Nach zwei Vorträgen von Stefan Zahlmann (Historiker) und Joachim von Soosten (Theologe) sitze ich zwischen zwei Frauen und zwei Männern und soll gleich ein Podiumsgespräch mit ihnen moderieren.

 

Allerdings liegt nach den beiden gehaltvollen Vorträgen des Nachmittags der Wunsch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Luft, nun auch selbst zu Wort kommen zu wollen.

 

Dies ist auch so gedacht, nach einigen einführenden Fragen soll es schnell zur Beteiligung des Publikums kommen. Als ich dies zu Beginn so mitteile, geht un(über)hörbar ein Seufzer der Erleichterung durch den Raum. Da es zu Beginn der Tagung keine Vorstellungsrunde gab, schlage ich nun vor, dass zunächst einmal jede und jeder ganz kurz ein paar Worte zu sich sagt und warum er oder sie sich zu dieser Tagung angemeldet hat, worin der eigene Zugang zur Thematik besteht.

 

Was nun passiert, macht aus einer »reinen« akademischen Tagung eine Begegnung in großer Offenheit. Denn es wird schnell klar, dass nahezu jede und jeder intensive, teils drastische Erfahrungen mit Scheitern in unternehmerischen Zusammenhängen gemacht hat. Und die Bewältigung dieser Erfahrung ist sehr unterschiedlich weit fortgeschritten. Die Bereitschaft, sich persönlich zu äußern und damit auch verletzlich zu zeigen, steckt an und zieht sich durch die Runde.

 

Zum Podiumsgespräch kommt es anschließend  nicht so wie geplant, weil auch Anne Kliebisch und Katrin Faensen (beide Ideen3) sowie Thomas Egelkamp (Künstler, Coach, Hochschullehrer) und Holger Linderhaus (Rechtsanwalt, u.a. Schwerpunkt auf Insovenzverfahren) sich in ihrer etwas ausführlicheren Vorstellung ebenfalls persönlich äußern. Es schließt sich ein knapp anderthalbstündiges Rundgespräch mit allen Teilnehmenden an, in dem alle möglichen Facetten, Erfahrungen und Bewertungen von Scheitern ausgetauscht werden. Am Ende stand bei vielen das Gefühl, gerade einen besonderen Moment miterlebt zu haben, unverhofft und ungeplant und vielleicht deswegen so berührend und bewegend.

 

Die Tagung »Wenn Angst die Seele frisst«  wurde von einem Arbeitskreis in der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) organisiert, unter Federführung von Peter Mörbel (Studienleiter an der Akademie). Holger Linderhaus stellte vor längerer Zeit im Sozialethischen Ausschuss der EKiR aus seiner beruflichen Erfahrung heraus die Frage nach der Seelsorge an Menschen, die von Insolvenz betroffen sind. 2012 gab es eine erste Tagung, die sich eher den praktischen und juristischen Fragen widmete, diesmal sollte das Thema weiter gefasst und aus anthropologischer Sicht in den Blick genommen werden. Impulsvorträge sollten das Nachdenken anregen, das Podiumsgespräch die Diskussion miteinander befördern und am Samstagvormittag standen Workshops auf dem Programm, in denen die Teilnehmenden unter der Moderation von Arndt Berlin, Christine Jung und Jonas Gebauer je nach Interesse die Thematik vertiefen konnten. Diese Planung ging auf – auch die drei Workshops waren von großer Offenheit und einem sehr persönlichen Austausch geprägt.

 

Es wurde sehr deutlich, dass Scheitern ein Erlebnis ist, das nach danach schreit, verarbeitet zu werden. Scheitern ist zwar ein allgegenwärtiges Erleben, dennoch wird es vielfach verschämt verschwiegen. Im offenen Gespräch kann Scheitern als menschliche Erfahrung benannt werden und von seinem Schrecken verlieren, ja sogar kreativ und sinnvoll genutzt werden.

Es gibt eine breite Literatur zum Scheitern, daher möchte ich nur drei Gedanken benennen, die während der Tagung besonders intensiv diskutiert wurden.

 

– Scheitern ist nicht das Gegenteil von Erfolg. Misserfolge gibt es wie Sand am Meer. Entscheidend ist, ob ich selber eine bestimmte Entwicklung als Scheitern bewerte oder auch andere mein Erleben als Scheitern auffassen.

 

– Ich scheitere vor allem an meinen eigenen Ansprüchen. Wenn ich gesetzte Ziele nicht erreiche, wenn die »Leistung« unter meinen Erwartungen bleibt, dann spreche ich davon, zu scheitern, oder gescheitert zu sein. Dabei ist es häufig so, dass ich allgemeine Ziele der Gesellschaft verinnerliche und zu meinen mache (»Du musst einen Arbeitsplatz haben!«). Diesen Unterschied zu erkennen und zu benennen, kann eine ungemein entlastende Wirkung haben.

 

– Es wurde aber mehrfach sehr deutlich darauf hingewiesen, welch verheerende Wirkung der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Insolvenz meines Betriebes hat, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz dadurch gefährdet ist, also konkret ggf. Hartz IV droht. Ein Teilnehmer brachte es auf die Formel: »Hätte ich 1000 € im Monat statt Hartz IV, dann wäre ich frei und könnte tun, was ich wollte.« Tätig sein, wie und wo auch immer, war ihm selbstverständlich, aber mit der entsprechenden wirtschaftlichen Unabhängigkeit kann ich freier agieren. In meinen Ohren klang das wie ein Plädoyer für ein Bedingungsloses Grundeinkommen, aber das ist ein anderes Thema.

 

Die Tagung hatte einen Vorlauf, in dem verschiedene Presseberichte erschienen:

 

Karriereabbruch als Chance – Eine Bonner Tagung thematisiert den Umgang mit Insolvenz

 

Interview mit mir im Bonner Generalanzeiger

 

Wenn Insolvenz die Seele auffrisst

 

Insbesondere auf den Artikel in der NRZ bekam ich in meinem Umfeld am Niederrhein eine ganze Reihe von Anrufen und Rückmeldungen. Tenor: »Gut, dass da mal jemand hinschaut, die Not bei Menschen, die so von Insolvenz betroffen sind, ist riesengroß und sie stehen oft allein.«

 

Es gibt aber verschiedene Initiativen und Hilfsangebote, das wurde auf der Tagung immer wieder betont. Eine erste Anlaufstelle können zum Beispiel die Anonymen Insolvenzler sein:

Gesprächskreis Anonyme Insolvenzler

 

Der Arbeitskreis der EKiR wird auch an dem Thema »dran« bleiben und weitere Tagungen organisieren.