(Mein) Lebenslauf des Scheiterns

(Mein) Lebenslauf des Scheiterns

Das Manager Magazin twitterte gestern den Hinweis auf diesen Text: Diese Jobs habe ich alle nicht bekommen – Beichte eines Princetown-Professors.

Was sich im ersten Moment etwas reißerisch anhört, ist eine sehr nachdenkenswerte Auseinandersetzung mit dem Scheitern im eigenen Leben – denn Johannes Haushofer ist alles andere als „gescheitert“ im landläufigen Sinn. Und eine Beichte, nun das ist es eigentlich auch nicht, was Haushofer getan hat. Als ich den Artikel las, dachte ich gleich: Wie sieht eigentlich dein Lebenslauf des Scheiterns aus?

Er ist kürzer als der von Johannes Haushofer. Ich bin zufrieden im Beruf, immer noch glücklich in der Ehe und aus meinen drei Kindern ist etwas „Anständiges“ geworden. Dennoch finde ich auch in meinem Lebenslauf Erfahrungen, die wehtun.

Als junger Theologiestudent träumte ich von einer akademischen Laufbahn. Diese blieb mir verwehrt. Genauer gesagt, ich hatte nicht den Hauch einer Chance. Zu einer Zeit, in der das Theologiestudium ein Massenstudiengang war. Ich saß bereits im Grundstudium im Forschungsseminar bei Wolfgang Huber. Doch dann wechselte Huber nach Heidelberg und aus verschiedenen Gründen kam für mich der Wechsel des Studienortes nicht infrage. Das tat weh. Ich konzentrierte mich auf ein möglichst schnelles Ende des Studiums und ging dann doch ins (Gemeinde)-Pfarramt. Im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung. Sie eröffnete mir die Möglichkeit, Theorie und Praxis gleichermaßen im Blick zu halten – das hat mir an vielen Stellen sehr geholfen.

Als ich Ende der achtziger Jahre als Pfarrer verbeamtet wurde, hatte ich folgenden Lebensplan im Kopf: Ich sah etwa 30 Dienst Jahre vor mir und zerlegte sie in drei Drittel zu je zehn Jahren. Ich wollte also zweimal die Stelle wechseln. Dieser Plan scheiterte. Es gab über viele Jahre kaum die Möglichkeit als Pfarrstelleninhaber auf eine andere Stelle zu wechseln. Über die Gründe zu schreiben, würde hier zu weit führen. Dennoch, ich habe es versucht. 2001 bewarb ich mich auf eine Schulpfarrstelle in Leverkusen. Ich bekam einen freundlichen Brief vom damaligen Schulreferenten des Kirchenkreises Leverkusen, den ich vom Predigerseminar her kannte. Er teilte mir mit: Ohne pädagogische Zusatzausbildung haben Sie keine Chance. Daraufhin schrieb ich mich an der Fernuniversität Hagen ein und begann nebenberuflich das Studium der Erziehungswissenschaft. Schon nach wenigen Semestern wurde mir klar: Schule, das ist doch nichts für dich. Ich studierte weiter, nun aber mit dem Schwerpunkt Berufs-und Wirtschaftspädagogik. Da folgte ich meinen Interessen, war ich doch schon viele Jahre nebenamtlich im KDA unterwegs.

Jahre später, als die Kinder groß waren, begann ich die Suche nach einer neuen Stelle erneut. Ich habe sie nicht gezählt, aber zehn, zwölf Bewerbungen waren es bestimmt. Sie scheiterten (bis 2014) alle. Ich kam unterschiedlich weit in den Verfahren. Ganz oft war es so, dass ich mittendrin merkte, nein, das ist es nicht, das passt nicht. Nur ein einziges Mal tat es richtig weh. 2012 bewarb ich mich bei einer großen diakonischen Anstalt in der Nähe von Berlin als theologischer Berater des Vorstands. Alles hätte gepasst. Ich kam bis unter die letzten zwei. Am Ende entschied ein Wimpernschlag – zugunsten meines Mitbewerbers. Hier gescheitert zu sein, daran habe ich lange geknabbert. Im Umfeld von Berlin arbeiten zu können, das war (und ist) bis heute ein Traum. Ein Traum, der sich wohl nicht mehr verwirklichen lässt. Mittlerweile bin ich ja hoch zufrieden, als Referent im KDA der hannoverschen Landeskirche arbeiten zu können. Trotzdem schmerzt diese Niederlage bis heute.

Im Beruf, also im Pfarramt, bin ich natürlich auch immer wieder gescheitert. Ich habe darüber auch mal gebloggt unter der Frage: Scheiternde Pfarrer/-innen. Natürlich scheitern Pfarrer/-innen. An ganz vielen Stellen ist es normal, dass sich Projekte und Ideen nicht so verwirklichen lassen, wie ich mir das vorstelle. Es kommen zum Gottesdienst weniger als gedacht, ein Workshop fällt aus, ich finde keine Mitspieler/-innen fürs Krippenspiel oder was auch immer. Das ist Alltag. Aber es gibt auch Pfade, die ich über Jahre (mit) verfolgt habe. Mit viel Einsatz. Alleine oder mit anderen. Hier und da gibt es dann auch mal Erfolge. Aber auch krachende Niederlagen.

Viele, sehr viele Jahre habe ich daran gearbeitet meine Gemeinde in irgendeiner Weise an die Partnerschaftsarbeit mit einer Kirche in Afrika oder anderswo heranzuführen. Erst gegen Ende hatte ich damit vorsichtigen Erfolg. Immerhin.

Gescheitert bin ich dagegen in meinem Bemühen mit anderen zusammen die KDA-Arbeit im Rheinland auf der landeskirchlichen Ebene dauerhaft und personell gut ausgestattet zu sichern. Unzählige Gespräche, Memoranden und Anträge gab es. Doch die Großwetterlage war nicht gut. Für mich eröffnete sich schließlich die Möglichkeit, meine Erfahrungen und Leidenschaften in KDA und Sozialethik in einer anderen Landeskirche unterzubringen. Der Blick hinüber ins Rheinland erfüllt mich allerdings nach wie vor mit Trauer. So viel Zeit, Einsatz und Gedankenschmalz. Gescheitert, zumindest aus meiner Sicht.

Blicke ich über den Beruf hinaus, dann entdecke ich im Bereich des Sportes Erfahrungen von schmerzhaftem Scheitern. Schon als junger Mann träumte ich davon, mit dem Rad die Alpen zu befahren. Diesen Traum habe ich mir in den neunziger Jahren erfüllt. Es bedeutete viel Training und daraus habe ich viel gelernt. Disziplin, Geduld, Konstanz. In einer Radreise und vor allem in der Vorbereitung. Es gab den bangen Blick aufs Wetter. Und die Angst vor einem Sturz oder einer Krankheit, die eine Reise unmöglich gemacht hätte oder zum Abbruch geführt hätte. Fast immer hat es geklappt. Das Timmelsjoch stürmte ich eins mit Zahnschmerzen und Aspirin, immerhin. Aber es gab auch Touren, die ich nicht fahren konnte oder die ich abbrechen musste. Manchmal lag es am Wetter, okay, darauf habe ich keinen Einfluss. Aber es gab auch die ein oder andere Strecke, wo meine Kraft nicht reichte. Und das tat jeweils weh. Gescheitert an mir selbst. Mein Körper konnte nicht mehr, mein Geist vermochte nicht, Beine und Lunge zu zwingen. Nach all dem Training, schon im Winter bei 0° und Schneeregen, das war bitter. Ich muss mir sagen: DU hast es nicht geschafft!

Schaue ich also auf mein Leben zurück, dann sehe ich zwei Formen des Scheiterns.

Ganz oft konnte ich aus Niederlagen lernen. Das verwandelte den ursprünglichen Schmerz und die Trauer in Dankbarkeit. Klar, ich weiß nicht, ob es mit der akademischen Laufbahn geklappt hätte. Aber ich habe später noch promovieren können, erfahrungsgetränkt und das wahr vielleicht wichtig im Blick auf meine hauptamtliche KDA-Tätigkeit.
An solchen Stellen bin ich ganz bei denen, die in tausendfach aufgelegten Ratgebern davon schreiben, das eigene Scheitern in Erfolg zu verwandeln.

Aber es bleiben auch die anderen Erfahrungen. Wo es richtig weh tut und Wunden geschlagen werden. Da bleiben dann bestenfalls Narben zurück. Ich glaube nicht, dass es möglich oder nötig ist, all diesen Erfahrungen der Niederlagen im Detail nachzugehen. Da, wo sie traumatisch sind und mich in meinem Leben oder Weiterentwicklung behindern, ja. Aber ansonsten gehören Erfahrungen des Scheiterns, geplatzte Träume und Visionen einfach zum Leben dazu. Und sie prägen mein Leben genauso wie die Erfolge oder die Lernerfahrungen aus Niederlagen. Odo  Marquardt hat in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass es gerade diese Erfahrungen sind, die unsere Identität in besonderer Weise prägen und ausmachen und Wilhelm Schmid hat so in Worte gefasst (und ich habe mal darüber gebloggt: Leben als Fragment zwischen Wollen und Können):

Es gibt Wunden, die nicht zu heilen sind, und deren Heilung für das Selbst auch nicht von Interesse ist; die fällige Neukonstituierung seiner Kohärenz besteht dann nicht mehr in der Wiederherstellung eines früheren, heilen Zustandes, sondern in der Eingliederung der Wunde in das Selbst: Die Wunde selbst gehört nun zur Kohärenz“ (Schmid, Schönes Leben, S. 54).

Ich schaffe es nicht, sechs Seiten meines Lebenslaufes mit Erfahrung des Scheiterns zu füllen. Da geht es mir ähnlich wie Johannes Haushofer. Und ich frage mich, woran das liegt. Wahrscheinlich fallen mir noch mehr Dinge ein, wenn ich länger darüber nachdenke. Ich frage mich aber auch:

  • Bin ich ein Stehaufmännchen, das eher nach vorne schaut anstatt zurück?
  • Oder bin ich in meinem Leben bisher sehr wenig Risiko gegangen?
  • Oder bin ich blind und schaue nicht ehrlich zurück?
  • Oder bin ich begabt mit der Fähigkeit realistisch meine Möglichkeiten einzuschätzen?
  • Oder habe ich einfach nur Glück gehabt?

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