Warum es ein Jammer ist, dass kaum jemand die Anonymen Insolvenzler kennt

Warum es ein Jammer ist, dass kaum jemand die Anonymen Insolvenzler kennt

Anonyme Insolvenzler? Schon mal gehört? Nein? Dann geht es dir wie 99,9% der Bevölkerung. Das ist schade, hat aber (gute) Gründe.

Die Anonymen Insolvenzler sind eine Selbsthilfegruppe, die sich an Frauen und Männer richtet, die in irgendeiner Weise von Insolvenz bedroht sind, eine Insolvenz hinter sich haben oder mitten drin stecken. Die Gruppen können in sehr begrenztem Maß auch juristische und logistische Unterstützung bieten, in allererster Linie sind sie aber als Raum zum Reden und Verstehen gedacht und in dieser Hinsicht äußerst sinnvoll und hilfreich. Denn es gibt gute Anwält/-innen und Schuldner/-beraterinnen, die in juristischen und finanziellen Fragen helfen können. Aber in aller Regel sind sie nicht in der Lage, die psychischen Belastungen aufzufangen. Von Insolvenz bedrohte und betroffene Menschen haben ein dringendes Bedürfnis, mit anderen Menschen, die sie verstehen, zu reden. Sie suchen Halt, Wertschätzung, Verständnis, vielleicht auch Widerspruch, wenn der Teufelskreis der Gefühle und Gedanken sie immer tiefer in den Abgrund zerrt. Hier können die Anonymen Insolvenzler helfen. Und sie tun es. Warum aber sind sie so unbekannt? Aus meiner Sicht hat das zwei Gründe.

Zum einen ist das eine logische Folge der Anonymität. Es gibt zwar Gruppen in vielen größeren Städten, aber nicht immer ist der oder die Gruppenleiter/-in bereit oder in der Lage, mit dem eigenen Namen für die Gruppe zu stehen. Das kann darin liegen, dass die Leiter/-innen noch selbst mit ihren Unternehmen in der Insolvenz stecken oder vielleicht auch neue Unternehmen gegründet haben bzw. eine Anstellung anderswo gefunden haben oder suchen. Es ist verständlich, dass sie ihren Namen dann nicht öffentlich machen in einer Zeit, in der über Google alles und jede/r zu finden ist. Insolvenz und Scheitern ist nach wie vor ein Tabuthema, damit will man in der Regel nicht identifiziert werden, weil es mich in ein schlechtes Licht stellt. Und damit bin ich schon beim zweiten Grund.

Scheitern ist verpönt und daher tabuisiert. Es haftet gerade auch im unternehmerischen Bereich der Insolvenz das persönliche Scheitern an, auch wenn die Gründe für eine Pleite objektiv oft an ganz anderer Stelle liegen. Daher tun sich viele schwer damit, Scheitern öffentlich oder auch nur im Freundes- und Bekanntenkreis zuzugeben. Die Fuckup-Nights sind hier ein Versuch, dies zu durchbrechen, im Rheinland war ich vor einigen Jahren in einem Arbeitskreis, der verschiedene Tagungen zum unternehmerischen Scheitern durchgeführt hat, um das Thema öffentlich akzeptierter zu machen („Angst frisst Seele auf…“). Einmal wurde ich im Bonner Generalanzeiger interviewt und der Artikel erschien auch am Niederrhein. Nie zuvor und nie danach bin ich von wildfremden Menschen so häufig angesprochen worden: „Wie gut, dass Kirche sich diesem Thema jetzt widmet und es öffentlich aufgreift, weil da so viel verborgenes Leid mit verbunden ist!“

Nun bin ich in Niedersachsen, in Osnabrück habe ich das Thema schon angesprochen und jetzt bin ich in Hannover. Es wird Zeit, dass das versteckte Leiden von Frauen und Männern aufhört und sie offen über ihre Erfahrungen sprechen können und Zuhörer/-innen finden. Die Anonymen Insolvenzler können und tun das, und das ist ein Segen. Aber wenn das Scheitern insgesamt in unserer Gesellschaft aus der Schamecke herauskommt, dann hilft es noch mehr. Ich suche Menschen, die ähnlich denken und die Lust haben, mit mir hier an Ideen zu stricken. Meldet euch gerne bei mir.

(Mein) Lebenslauf des Scheiterns

(Mein) Lebenslauf des Scheiterns

Das Manager Magazin twitterte gestern den Hinweis auf diesen Text: Diese Jobs habe ich alle nicht bekommen – Beichte eines Princetown-Professors.

Was sich im ersten Moment etwas reißerisch anhört, ist eine sehr nachdenkenswerte Auseinandersetzung mit dem Scheitern im eigenen Leben – denn Johannes Haushofer ist alles andere als „gescheitert“ im landläufigen Sinn. Und eine Beichte, nun das ist es eigentlich auch nicht, was Haushofer getan hat. Als ich den Artikel las, dachte ich gleich: Wie sieht eigentlich dein Lebenslauf des Scheiterns aus?

Er ist kürzer als der von Johannes Haushofer. Ich bin zufrieden im Beruf, immer noch glücklich in der Ehe und aus meinen drei Kindern ist etwas „Anständiges“ geworden. Dennoch finde ich auch in meinem Lebenslauf Erfahrungen, die wehtun.

Als junger Theologiestudent träumte ich von einer akademischen Laufbahn. Diese blieb mir verwehrt. Genauer gesagt, ich hatte nicht den Hauch einer Chance. Zu einer Zeit, in der das Theologiestudium ein Massenstudiengang war. Ich saß bereits im Grundstudium im Forschungsseminar bei Wolfgang Huber. Doch dann wechselte Huber nach Heidelberg und aus verschiedenen Gründen kam für mich der Wechsel des Studienortes nicht infrage. Das tat weh. Ich konzentrierte mich auf ein möglichst schnelles Ende des Studiums und ging dann doch ins (Gemeinde)-Pfarramt. Im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung. Sie eröffnete mir die Möglichkeit, Theorie und Praxis gleichermaßen im Blick zu halten – das hat mir an vielen Stellen sehr geholfen.

Als ich Ende der achtziger Jahre als Pfarrer verbeamtet wurde, hatte ich folgenden Lebensplan im Kopf: Ich sah etwa 30 Dienst Jahre vor mir und zerlegte sie in drei Drittel zu je zehn Jahren. Ich wollte also zweimal die Stelle wechseln. Dieser Plan scheiterte. Es gab über viele Jahre kaum die Möglichkeit als Pfarrstelleninhaber auf eine andere Stelle zu wechseln. Über die Gründe zu schreiben, würde hier zu weit führen. Dennoch, ich habe es versucht. 2001 bewarb ich mich auf eine Schulpfarrstelle in Leverkusen. Ich bekam einen freundlichen Brief vom damaligen Schulreferenten des Kirchenkreises Leverkusen, den ich vom Predigerseminar her kannte. Er teilte mir mit: Ohne pädagogische Zusatzausbildung haben Sie keine Chance. Daraufhin schrieb ich mich an der Fernuniversität Hagen ein und begann nebenberuflich das Studium der Erziehungswissenschaft. Schon nach wenigen Semestern wurde mir klar: Schule, das ist doch nichts für dich. Ich studierte weiter, nun aber mit dem Schwerpunkt Berufs-und Wirtschaftspädagogik. Da folgte ich meinen Interessen, war ich doch schon viele Jahre nebenamtlich im KDA unterwegs.

Jahre später, als die Kinder groß waren, begann ich die Suche nach einer neuen Stelle erneut. Ich habe sie nicht gezählt, aber zehn, zwölf Bewerbungen waren es bestimmt. Sie scheiterten (bis 2014) alle. Ich kam unterschiedlich weit in den Verfahren. Ganz oft war es so, dass ich mittendrin merkte, nein, das ist es nicht, das passt nicht. Nur ein einziges Mal tat es richtig weh. 2012 bewarb ich mich bei einer großen diakonischen Anstalt in der Nähe von Berlin als theologischer Berater des Vorstands. Alles hätte gepasst. Ich kam bis unter die letzten zwei. Am Ende entschied ein Wimpernschlag – zugunsten meines Mitbewerbers. Hier gescheitert zu sein, daran habe ich lange geknabbert. Im Umfeld von Berlin arbeiten zu können, das war (und ist) bis heute ein Traum. Ein Traum, der sich wohl nicht mehr verwirklichen lässt. Mittlerweile bin ich ja hoch zufrieden, als Referent im KDA der hannoverschen Landeskirche arbeiten zu können. Trotzdem schmerzt diese Niederlage bis heute.

Im Beruf, also im Pfarramt, bin ich natürlich auch immer wieder gescheitert. Ich habe darüber auch mal gebloggt unter der Frage: Scheiternde Pfarrer/-innen. Natürlich scheitern Pfarrer/-innen. An ganz vielen Stellen ist es normal, dass sich Projekte und Ideen nicht so verwirklichen lassen, wie ich mir das vorstelle. Es kommen zum Gottesdienst weniger als gedacht, ein Workshop fällt aus, ich finde keine Mitspieler/-innen fürs Krippenspiel oder was auch immer. Das ist Alltag. Aber es gibt auch Pfade, die ich über Jahre (mit) verfolgt habe. Mit viel Einsatz. Alleine oder mit anderen. Hier und da gibt es dann auch mal Erfolge. Aber auch krachende Niederlagen.

Viele, sehr viele Jahre habe ich daran gearbeitet meine Gemeinde in irgendeiner Weise an die Partnerschaftsarbeit mit einer Kirche in Afrika oder anderswo heranzuführen. Erst gegen Ende hatte ich damit vorsichtigen Erfolg. Immerhin.

Gescheitert bin ich dagegen in meinem Bemühen mit anderen zusammen die KDA-Arbeit im Rheinland auf der landeskirchlichen Ebene dauerhaft und personell gut ausgestattet zu sichern. Unzählige Gespräche, Memoranden und Anträge gab es. Doch die Großwetterlage war nicht gut. Für mich eröffnete sich schließlich die Möglichkeit, meine Erfahrungen und Leidenschaften in KDA und Sozialethik in einer anderen Landeskirche unterzubringen. Der Blick hinüber ins Rheinland erfüllt mich allerdings nach wie vor mit Trauer. So viel Zeit, Einsatz und Gedankenschmalz. Gescheitert, zumindest aus meiner Sicht.

Blicke ich über den Beruf hinaus, dann entdecke ich im Bereich des Sportes Erfahrungen von schmerzhaftem Scheitern. Schon als junger Mann träumte ich davon, mit dem Rad die Alpen zu befahren. Diesen Traum habe ich mir in den neunziger Jahren erfüllt. Es bedeutete viel Training und daraus habe ich viel gelernt. Disziplin, Geduld, Konstanz. In einer Radreise und vor allem in der Vorbereitung. Es gab den bangen Blick aufs Wetter. Und die Angst vor einem Sturz oder einer Krankheit, die eine Reise unmöglich gemacht hätte oder zum Abbruch geführt hätte. Fast immer hat es geklappt. Das Timmelsjoch stürmte ich eins mit Zahnschmerzen und Aspirin, immerhin. Aber es gab auch Touren, die ich nicht fahren konnte oder die ich abbrechen musste. Manchmal lag es am Wetter, okay, darauf habe ich keinen Einfluss. Aber es gab auch die ein oder andere Strecke, wo meine Kraft nicht reichte. Und das tat jeweils weh. Gescheitert an mir selbst. Mein Körper konnte nicht mehr, mein Geist vermochte nicht, Beine und Lunge zu zwingen. Nach all dem Training, schon im Winter bei 0° und Schneeregen, das war bitter. Ich muss mir sagen: DU hast es nicht geschafft!

Schaue ich also auf mein Leben zurück, dann sehe ich zwei Formen des Scheiterns.

Ganz oft konnte ich aus Niederlagen lernen. Das verwandelte den ursprünglichen Schmerz und die Trauer in Dankbarkeit. Klar, ich weiß nicht, ob es mit der akademischen Laufbahn geklappt hätte. Aber ich habe später noch promovieren können, erfahrungsgetränkt und das wahr vielleicht wichtig im Blick auf meine hauptamtliche KDA-Tätigkeit.
An solchen Stellen bin ich ganz bei denen, die in tausendfach aufgelegten Ratgebern davon schreiben, das eigene Scheitern in Erfolg zu verwandeln.

Aber es bleiben auch die anderen Erfahrungen. Wo es richtig weh tut und Wunden geschlagen werden. Da bleiben dann bestenfalls Narben zurück. Ich glaube nicht, dass es möglich oder nötig ist, all diesen Erfahrungen der Niederlagen im Detail nachzugehen. Da, wo sie traumatisch sind und mich in meinem Leben oder Weiterentwicklung behindern, ja. Aber ansonsten gehören Erfahrungen des Scheiterns, geplatzte Träume und Visionen einfach zum Leben dazu. Und sie prägen mein Leben genauso wie die Erfolge oder die Lernerfahrungen aus Niederlagen. Odo  Marquardt hat in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass es gerade diese Erfahrungen sind, die unsere Identität in besonderer Weise prägen und ausmachen und Wilhelm Schmid hat so in Worte gefasst (und ich habe mal darüber gebloggt: Leben als Fragment zwischen Wollen und Können):

Es gibt Wunden, die nicht zu heilen sind, und deren Heilung für das Selbst auch nicht von Interesse ist; die fällige Neukonstituierung seiner Kohärenz besteht dann nicht mehr in der Wiederherstellung eines früheren, heilen Zustandes, sondern in der Eingliederung der Wunde in das Selbst: Die Wunde selbst gehört nun zur Kohärenz“ (Schmid, Schönes Leben, S. 54).

Ich schaffe es nicht, sechs Seiten meines Lebenslaufes mit Erfahrung des Scheiterns zu füllen. Da geht es mir ähnlich wie Johannes Haushofer. Und ich frage mich, woran das liegt. Wahrscheinlich fallen mir noch mehr Dinge ein, wenn ich länger darüber nachdenke. Ich frage mich aber auch:

  • Bin ich ein Stehaufmännchen, das eher nach vorne schaut anstatt zurück?
  • Oder bin ich in meinem Leben bisher sehr wenig Risiko gegangen?
  • Oder bin ich blind und schaue nicht ehrlich zurück?
  • Oder bin ich begabt mit der Fähigkeit realistisch meine Möglichkeiten einzuschätzen?
  • Oder habe ich einfach nur Glück gehabt?

Provozierend fragen, Fragen provozieren

visitenkarte

Ein Jahr als Referent im KDA der hannoverschen Landeskirche

I. Beobachtungen

Anfang November jährte sich der Beginn meiner Tätigkeit im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) der hannoverschen Landeskirche. Anlass für mich, innezuhalten und das erste Jahr zu reflektieren. Zunächst einige Beobachtungen, eher unsortiert.

Immer in Bewegung, immer unterwegs
Ich habe es immer geliebt, unterwegs zu sein. Der KDA im Rheinland eröffnete mir die Möglichkeit, über den Tellerrand der Gemeindearbeit hinauszuschauen. Solche Tage waren immer Highlights, weil ich unterwegs auf ganz andere Gedanken komme. Nun ist die Ausnahme zur Regel geworden. Weit über 20.000 Kilometer war ich in diesem Jahr allein dienstlich unterwegs. Die Eindrücke explodierten und überschlugen sich, teils kam ich mir vor wie im Rausch. Hannover und Emden immer wieder, aber auch Burgdorf, Berlin, Aurich, Kaiserslautern, Thessaloniki, Hetzdorf, Kitzingen, Baltrum, Diepholz, Emlichheim, Hamburg, Paris… Private und dienstliche Reisen vermischen sich dabei. Auf all den Wegen Zeit zu denken, zu schreiben, manchmal auch zu reden. Ab und zu fragt mich eine/r, ob das nicht furchtbar ist, so viel unterwegs zu sein. Nein, überhaupt nicht. Anregenderes kann ich mir kaum vorstellen. Neue Menschen, neue Städte, neue Gerüche, Atmosphären, neues Licht, neue Dialekte und Kulturen, sowohl was mein/unser aller Arbeit(en) als auch das Leben betrifft.

Persönlicher Relevanzverlust des Gemeindelebens
Das herkömmliche Gemeindeleben ist mittlerweile für mich unendlich weit weg und weitgehend uninteressant. Beeindruckend und erschreckend zugleich, bildete es doch 25 Jahre den Referenzrahmen meines Denkens, Handelns, Lebens. Ich vermisse es nicht, weder als Pfarrer noch als Gemeindeglied oder allgemeiner, als Christ. Was bedeutet das? Für mich, meine Tätigkeit im KDA, für uns als Kirche?

Zeit zum Kaffeetrinken
Ich hatte in diesem Jahr viel Zeit, entspannt auf Menschen zugehen zu können und sie zu fragen: Wollen wir uns nicht mal auf einen Kaffee treffen? Sie erzählen von sich und Ihrer Arbeit und ich von mir und meiner. Da ergaben sich schöne, überraschende und spannende Begegnungen. Meine Kollegin Sandra Bils meinte, als ich ihr davon erzählte: Erhalte dir das so lange wie möglich!

Vorsichtige Annäherungen an ein neues Umfeld
Das erste Jahr habe ich als ein vorsichtiges Tasten in neuer Funktion in neuen Kontexten erlebt. Das Bundesland Niedersachsen, die hannoversche Landeskirche, der KDA und das HkD, die Kolleg/-innen, die Vielfalt der Menschen, Institutionen und Betriebe der Arbeitswelt. Ich fühlte mich oft fremd. Ich blieb vorsichtig, beobachtend, abwartend. Bloß in kein Fettnäpfchen treten – aber wo sind genau die? Meine Vorliebe, manchmal spitz zu formulieren, auch schon mal an der Grenze zur Frechheit, mit (vollem) Risiko, diese Vorliebe lag brach. Ich traute mich nicht.

Vom Mehr-Wert des KDA
Schon vor ein paar Jahren habe ich darüber geschrieben, wie ich den allmählichen Relevanzverlust von Kirche wahrnehme. Kirche hat nicht mehr selbstverständlich oben auf dem Podium einen Platz. Oft stehen wir unten, oben tummeln sich andere. Als Hauptamtlicher der Kirche finde ich nicht mehr „automatisch“ Gehör. „Der Pastor“ zählt nicht mehr einfach nur so. Der kleinstädtisch-dörfliche Charakter meiner früheren Wirkungsstätte hat das eher verdeckt. Wenn ich da zum Schützenfest kam, haben die Leute freundlich genickt. Nur im Reigen anderer war ich in der Öffentlichkeit gefragt, zum Beispiel als Redner am Volkstrauertag auf dem Soldatenfriedhof (1990 redeten dort nur zwei Personen im jährlichen Wechsel: der evangelische und der katholische Pastor). Und nun? Mit KDA konnten und können ganz viele Leute überhaupt nichts anfangen. Anfangs habe ich mich gewundert, dass auf manche freundliche Mail keinerlei Antwort kam. Bis ich begriff: Auch Unternehmer/-innen oder Gewerkschaftler fragen heute nach dem Mehr-Wert, den sie von einem Kontakt mit mir haben. Was aber habe ich anzubieten?

Tote Erfahrungsmuster
Eine schmerzliche Erfahrung für mich als einem, der schon lange im KDA aktiv ist: Manche „alte“, bewährte Erfahrungsmuster laufen nicht mehr. Vor kurzem stand ich mit mehreren Verbandsvertretern zusammen. Alle schon lange dabei und in meinem Alter. Wir dachten darüber nach, dass die gesellschaftliche Lage an vielen Stellen danach schreit, noch mal „wie früher“ Bündnisse zu schließen und Kampagnen zu organisieren. Und dann schauten wir uns an und stellten: Früher waren wir in allen Verbänden aber auch viel mehr, die verschiedensten Sparrunden haben uns alle dezimiert. Wir können das nicht mehr.

Was ist das „Eigentliche“ des KDA?
Und dann gab (und gibt) es noch eine für mich ganz neue Erfahrung im hannoverschen KDA. Im Rheinland lief unter der Überschrift „Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt“ (fast) alles. In Hannover sitzen in meinem Fachbereich auch noch die „Bauernpastorin“ und der „Handwerkspastor“, dazu die Kolleg/-innen im Bereich Spiritual Consulting (Führungskräftearbeit). Und der KDA ist dazwischen „eingezwängt“. Was ist das Eigene, das Spezifische? Wie beschreibe ich das? Die wunderbare Vielfalt der Kolleg/-innen, in die ich hier hineinkam, stellt(e) mich auch vor viele Fragen. Aber sie war und ist auch sehr bereichernd, gegenüber der „Einzelkämpfer“-Situation im Rheinland. Und das geht noch weiter: Die Wege zu anderen funktionalen Diensten in „meinem“ Haus kirchlicher Dienste sind kurz und es ergibt sich immer wieder viel Austausch und Anregung – grade auch über Sinn und Zweck funktionaler Dienste in Zusammenspiel oder Konkurrenz zur Gemeinde. Als besonders stimmig finde ich, dass „ausgerechnet“ auch noch die Klimaschützer/-innen in „meinem“ Fachbereich sitzen. Ihre Themen liegen stets mit auf dem Tisch. Das passt, denn die Herausforderungen des Klimawandels haben nicht nur ökonomische Auswirkungen, sondern auch Ursachen.

Sprachlosigkeit
Sehr lange empfand in meiner neuen Umgebung Sprachlosigkeit. Vertraute Worte aus der Gemeinde, vielfach gesprochen im Gottesdienst, im KU, auf dem Friedhof, sie passten nicht mehr. Sowohl außerhalb des kirchlichen Rahmens als auch in kirchlichen Zusammenhängen. Die ersten Predigten rang ich mir ab. Was mir früher leicht viel, wurde schwere Arbeit. Wie spreche ich mit, zu Menschen in der Arbeitswelt? Was antworte ich auf die Frage, was ich eigentlich den lieben langen Tag so als KDA-Referent tue? Ich stottere und merke, dir fehlen die Worte.
Diese Sprachlosigkeit ist eng mit der oben beschriebenen Zurückhaltung verbunden, weil ich über Sprache mich selbst ausdrücke und eigene Positionen erst über das Herantasten an Grenzen finde. Ich kann es nach einem Jahr noch nicht auf den Punkt bringen, was für mich die Aufgabe von KDA ist. Einen „elevator pitch“ habe ich für mich noch nicht gefunden, so oft meine Frau auch danach fragt und bohrt (und sie hat ja recht damit).

II. Lektüre

Ich habe in den zurückliegenden zwölf Monaten viel gelesen. Zwei Bücher haben mich in besonderer Weise beschäftigt, bewegt, angeregt.

Tom Veerkamp: „Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung“
Irgendwer hat mir zum Abschied aus Voerde dieses Buch geschenkt. Irgendwann im Frühjahr zog es mich in seinen Bann. Die konsequente Beschreibung der Glaubensgeschichte Israels aus der Erfahrung der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten war nicht wirklich neu für mich, aber in diesem Frühjahr passte dieser „Durchgang“ durch die Texte der hebräischen und griechischen Bibel. Veerkamp macht deutlich, dass aus der Befreiungserfahrung die Verpflichtung zu einer Gesellschaftsordnung erwächst, die Sklaverei und Ausbeutung grundsätzlich ausschließt. Autonomie (Verbot der Sklaverei) und Egalität (Verbot der Akkumulation von Eigentum) sind deren Grundprinzipien. Zur „Metapher“ Liebe Gottes in Dtn 6,4 und 7,8 schreibt er:

„Die Metapher besagt daher zweierlei: Der NAME als ‚Gott‘ bedeutet eine Gesellschaftsordnung, die den tiefsten menschlichen Bedürfnissen entgegenkommen: Solidarität, Verbundenheit, Geborgenheit in einer Gesellschaft, wo kein Mensch einen anderen verachtet, erniedrigt, ausbeutet, unterdrückt. Diese Gesellschaftsordnung müssen aber die Menschen nicht nur wollen, sondern auch als ihre Herzensangelegenheit sehen.“ (73)

Veerkamp beschreibt diese „Große Erzählung“ als eine Gegen-Erzählung in einer Welt, die voller Sklaverei und Ausbeutung ist. Auch Israel hat diese Erfahrung immer wieder gemacht. Es war stets eine Minderheit, die sich für diese Gesellschaftsordnung einsetzte. Und die biblischen Texte schildern die Reflexe auf die jeweilige politische Verhältnisse zwischen der Möglichkeit einerseits, hier und da das ein oder andere davon tatsächlich für begrenzte Zeit umsetzen zu können und Herrschaftslagen andererseits, in denen die Große Erzählung zur vollständigen Utopie wurde, weil es keinerlei Anknüpfungspunkte für eine Realisierung mehr gab.

Ich las das Buch kurz vor meiner Studienreise nach Griechenland und dachte, was heißt eigentlich die vielbeschworene „Option für die Armen“, auf die sich viele kirchliche Texte berufen? Gerade die Begegnungen in Thessaloniki machten mir deutlich, dass es hier immer um Begegnungen auf Augenhöhe gehen muss, alles andere ist vergebens. Das Gefühl, entwürdigend von der EU behandelt zu werden, begegnete mir in Griechenland auf Schritt und Tritt. Auf Augenhöhe zu agieren folgt aber auch aus der Vision einer Gesellschaftsordnung, deren Grundmarker Autonomie und Egalität darstellen. Auf Augenhöhe wurde daher seit dem Sommer für mich ein wesentlicher Leitbegriff. Der Begriff passt auch zu der oben beschriebenen Erfahrung, dass wir als Kirche nicht mehr oben auf dem Podium sitzen. Nein, wir stehen unten. Auf Augenhöhe.

Hans-Martin Barth: „Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein“
Auf dieses Buch hat mich Landessuperintendentin Birgit Klostermeier aufmerksam gemacht, weil sie zum Generalkonvent Hans-Martin Barth als Redner eingeladen hatte.

Manche Erfahrung, die Barth im Vortrag ansprach, passt zu meiner Erfahrung der Sprachlosigkeit in diesem Jahr. So las ich das Buch und es verschaffte mir etliche Erkenntnisse. Die auch damit zusammenhängen, dass Barth sich stark auf Bonhoeffers Gefängnisbriefe bezieht, die mich seit je her inspirieren.

Barth geht von der Beobachtung als, dass immer mehr Menschen mit Religion nichts mehr anfangen können. Sie verstehen daher die religiös geprägte kirchliche Sprache nicht (mehr). Er stellt sich die Frage, ob und wie Glaube an das Evangelium nichtreligiös möglich ist und in welcher Sprache dies zu formulieren sei. Er verwirft dabei die vertraute kirchliche Sprache nicht, fordert aber, dass christlicher Glaube in der Gegenwart mehrsprachig werden muss. (61, 118)

Barth erinnert an Aussagen von Bonhoeffer, der Glaube in der Mitte des Lebens zur Sprache bringen wollte und nicht an den Rändern. Und er zitiert Bonhoeffer: „Zuhören kann ich, aber sagen kann ich fast nie etwas. Aber vielleicht ist schon die Art, in der man nach bestimmten Dingen fragt und nach anderen nicht, ein gewisser Hinweis auf das Wesentliche.“ (145) An anderer Stelle beschreibt Barth Bonhoeffer als kritisch gegenüber dem Selbstverständlichen und neugierig im Blick auf die anstehende Aufgabe. (151) Daraus leitet Barth im Blick auf areligiöse Menschen ab:

„Christen werden bei ihnen kaum Fragen erwarten dürfen, die sie beantworten könnten. Aber sie könnten ihrerseits Fragen stellen! Nicht die Suche nach Anknüpfungspunkten führt dann weiter, sondern der Mut zur Provokation. Christsein käme als Störfaktor in den Blick, der stutzig macht, zum Nachdenken bringt. Die Erinnerung an Jesus aus Nazareth würde dann nicht in dogmatischen Formeln versinken, sondern mindestens zu der Frage provozieren, wie sich seine Botschaft zu der von anderen ‚maßgebenden‘ Menschen verhält und inwiefern es überhaupt noch maßgebende Menschen gegeben hat oder noch geben kann. (…) Kirche als Ideal einer geschwisterlichen Solidarität würde auch hier manche Kritik auf sich ziehen, aber als Impuls für eine Gesellschaft dienen, die sich schwer damit tut, Andersdenkende ernst zu nehmen und Schwache zu stützen. Liebe, die nicht eingefordert wird, sondern aus rätselhaften-geheimnisvollen Quellen sich speist, würde jedenfalls die Sehnsucht nach gelingendem Leben auslösen können.“ (183f.)

Dieses längere Zitat ist für mich zum Kern des Nachdenkens über das ganze Buch geworden. Provozierende Fragen stellen statt auf Antworten aus zu sein, vielleicht sogar auf Fragen, die mir gar nicht gestellt wurden. Das finde ich nachdenkenswert. Als Gemeindepfarrer war ich oft in der Rolle, dass ich – ich überzeichne und karikiere – in erwartungsvoll fragende Augen schaute, die Antworten von mir erwarteten. (Oder ging ich nur davon aus…?) Das erlebe ich heute nicht mehr. Allenfalls eine mehr oder minder offene Neugier – was macht eigentlich ein Pfarrer in der Arbeitswelt? Gehört er dahin? Was will er da? Gute Frage, was will ich da?

Nach und nach wurde mir deutlich, dass Barth vor allem eine Haltung der Offenheit und der Neugier beschreibt. Die konkreten Versuche, Glaube areligiös zu formulieren, empfinde ich nicht als besonders neu, meine ehemaligen Konfirmand/-innen haben solche Worte z.B. fürs Glaubensbekenntnis auch gefunden. Aber als Haltung finde ich das nicht nur interessant, sondern angemessen. Ich erlebe es auch, dass Menschen mit der religiösen Sprache und Tradition nichts mehr anfangen können. Und zwar keineswegs nur die von Barth besonders in den Blick genommenen Areligiösen. Nein, außerhalb (und vielleicht auch innerhalb) der sogenannten Kerngemeinde werden viele Worte nicht (mehr) verstanden. Innerhalb kirchlichen Raum fällt das nicht so stark auf, aber draußen weht mir das gehörig um die Ohren. Die offene Haltung Barths ermöglicht, erlaubt Authentizität. Ich habe keine „Antworten“, aber ich kann dazu stehen. Und mir vielleicht eher provozierende Fragen überlegen. Oder selbst in Worte zu fassen suchen, was mich an den Geschichten, Worten und Taten dieses Jesus von Nazareth fasziniert berührt, herausfordert. Hier bin ich mit Barth ganz einig: „Christlicher Glaube im eigentlichen Sinn beginnt (…) nicht mit dem trinitarischen Dogma, sondern in der Begegnung mit Jesus von Nazareth.“ (227) Von dieser Begegnung kann ich erzählen. Und das Erzählen ergibt sich fast von ganz allein, wenn ich mich für Menschen interessiere und zuhöre. Und da bin ich nun in einer, ja privilegierten Situation, denn ich kann ohne die permanent mitlaufende Rahmung durch die Gemeindealltag fragen:

„Was sagen religiös desinteressierte Menschen in meinem Umfeld über ihre Arbeit, ihre Familien, ihre Ziele, ihre Probleme? (…) Woraus ist auf ihre Hoffnungen, aber auch ihre Schwierigkeiten zu schließen? Worin berühren sich ihre Sorgen mit den meinen, wo denken wir ganz ähnlich? (…) Ist es nicht verständlich, dass sie ‚am Wochenende ausspannen‘ wollen, sich den Menschen, die am Gottesdienst teilnehmen, ‚nicht zugehörig‘ fühlen, dass sie ‚am Sonntagmorgen Besseres zu tun‘ haben, ja dass es ihnen ‚peinlich‘ sein kann, einen Gottesdienst zu besuchen? Manche PastorInnen bemerken erst im Ruhestand, wie naheliegend es sein kann, am Sonntagmorgen nicht zu einem Gottesdienstbesuch aufzubrechen.“ (209f.)

Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung schon jetzt machen darf. Und das ist durchaus eine zwiespältige Erfahrung. Zugleich bin ich dankbar für Barths Buch, dass mir eine Sichtweise eröffnet, neu nach einer Sprache des Glaubens zu suchen. Welche provozierenden Fragen stellen sich mir? Welche provozierenden Fragen kann ich stellen? Welche Worte passen? Ich probiere sie aus, wende sie von hier nach da. Wie fühlen sie sich an? Wie schmecken sie, auch im Abgang? Sind sie griffig oder sperrig? Bekomme ich sie zu fassen oder entgleiten sie mir? Suchen sie mich oder verweigern sie sich? Das ständige Unterwegssein macht mich hier offenbar sensibler. Manche Worte fühlen sich in Emden oder Hetzdorf anders an als in Hannover oder Osnabrück.

Hier stehe ich noch ganz am Anfang. Die Sprachlosigkeit begleitet mich weiter Tag für Tag. Sie bewegt mich, treibt mich um. Aber es ist auch Entlastung dabei. Mehr nach Fragen suchen zu können als Antworten formulieren zu müssen nimmt den Druck. Einfach ist es aber nicht. Ich habe in diesem Jahr noch mehr als je zuvor gemerkt: Sprache ist einfach meine Welt. Das „Schreiben an sich ist für mich eine Art von Exorzismus“, hat Paul Bowles einmal gesagt. So weit würde ich nicht gehen, aber ich ahne, was er meint. Es ist anstrengend, Sprache ist widerständig.

Die Suche nach Sprache geht weiter. Vielleicht demnächst offensiver als in meinem ersten Jahr. Ein Wort von Bonhoeffer begleitet mich schon lange und es ist mir im Zusammenhang mit der Lektüre von Barth wieder eingefallen: „Wir müssen es auch riskieren, anfechtbare Dinge zu sagen, wenn dadurch nur lebenswichtige Fragen aufgerührt werden.“

III. Pfade

Nach einem Jahr, welche Pfade zeichnen sich ab? Wo sehe ich Herausforderungen für mich, unabhängig von den Entwicklungen und Entscheidungen im Team oder Aufgaben, die sich ergeben wie z.B. das Reformationsjubiläum? Welchen Themen will ich mich widmen, welche logische Folgen ergeben sich aus der beschriebenen Haltung: Option für die Armen auf Augenhöhe, provozierende Fragen stellen? Welche provozierenden Fragen stelle ich mir selber?

Provozierend fragen, Fragen provozieren, formuliere ich derzeit für  mich als eine Leitlinie. Und die andere lautet: Was heißt denn Option für die Armen – auf Augenhöhe? Derzeit drängen sich mit drei Themen auf.

Auf dem Weg in eine immer virtuellere Welt
Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist für mich ein Thema, schon alleine durch meine Kenntnisse und Erfahrungen in diesem Bereich seit bald zwanzig Jahren. Es gilt dabei keineswegs nur die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Berufswelt zu betrachten, übrigens auch für die innerkirchliche Arbeitswelt. Es geht vor allem auch darum, die neuen Kommunikationsformen selbst für die eigenen Tätigkeit nutzen lernen. Social Media, Video-Konferenz, Intranet etc. Was geht und was nicht? Es ist wie bei der Sprache, ein tastendes Suchen.Wie finde ich, wir Pfade in dem sich stetig ausweitenden „Angebot“ von Möglichkeiten? Die virtuellen Welten werden sich weiter und weiter mit den sogenannten „realen“ Welten verknüpfen. Welche Fragen ergeben sich daraus? Wie komme ich, wir hinterher, wenn Monat um Monat neue Dinge das Licht der Welt erblicken und kein Ende absehbar ist? Wie kann ich, muss ich diese Möglichkeiten nutzen in meinen Bemühen, das Evangelium zu erzählen? Wie erzählt sich das Evangelium in diesen Welten? Fragen über Fragen. Sie stellen sich mir im Blick auf Arbeit und Ökonomie, im Blick auf mein eigenes Leben und Wirken und auch im Blick auf die Aufgabe, das Evangelium zur Sprache zu bringen.
Und mit den gleichen Erfahrungen, Herausforderungen, Zweifeln und Ängsten schlage ich mich und wir uns alle herum in den Feldern der Arbeitswelt. Wirtschaft 4.0, manch eine, einer kann es schon nicht mehr hören. Weil es zu „groß“ ist? Mir schon bei flüchtigem Hinschauen den Atem raubt?

Scheitern als Querschnittsthema
Aus dem Rheinland mitgebracht habe ich die Erfahrungen aus der „AG Insolvenz“, die in den letzten Jahren verschiedenste Anstrengungen unternommen hat, auf Menschen zu zugehen, die in verantwortlicher Position unternehmerisch Scheitern. Unsere Erfahrung war und ist: Scheitern ist ein Querschnittsthema, das an vielen Stellen auftaucht, meist aber tabuisiert ist. Auch im kirchlichen Raum. (Können Pfarrer/-innen scheitern?) Eine erschütternde Einsicht war dabei, dass im deutschsprachigen Raum Scheitern persönlich genommen wird. Wenn ich scheitere, bin ich selber schuld. Immer. Auch wenn, objektiv gesehen, die Gründe ganz woanders liegen. In anderen Ländern und in der jüngeren Generation wird dies differenzierter gesehen. Die Lockerheit der „FuckUp-Nights“ ist dafür ein Hinweis.

Bislang ist es mir noch nicht gelungen, hier im neuen Umfeld die Thematik des Scheiterns in Aktionen umzusetzen. Aber ich spreche es an, und erhalte Rückmeldungen. Ich sondiere noch. Das Thema ist mir so wichtig, dass ich es nicht vorschnell „verbrennen“ will. Ich will es erfolgreich platzieren und nicht scheitern.

Scheitern als Thema drängt sich mir auch auf, wenn ich auf die innerkirchliche Arbeitswelt blicke. Ich höre viel von Frust. Von Stellenabbau und Strukturveränderungen. Das wird oft als Scheitern empfunden, aber selten wird darüber geredet. In einer Kirche, die sich auf die Rechtfertigung des Sünders, der Sünderin beruft. Ich frage mich, ob da nicht ein Zusammenhang besteht. Luther stellte den einzelnen Menschen in seiner Schuld vor Gott und dieser empfing die Gnade ganz persönlich. Nach dem Wegfall des transzendenten Gottes in der Moderne steht die/der Einzelne immer noch mit ihrer/seiner Schuld da, aber sie/er kann sich nur noch selbst rechtfertigen – oder eben nicht. Interessanterweise fragte Hans-Martin Barth in seinem Vortrag, warum es ausgerechnet die urprotestantischen Regionen Mitteleuropas sind, in denen sich die Areligiösität so massiv ausbreitet. Ob es da einen Zusammenhang gibt?

Was ist gute Arbeit? Alternative Ökonomien im Horizont des Klimawandels
Seit den Recherchen für mein Buch „Zeitsprung – Gemeinde 2030“ beschäftigt mich die Frage, welche Konsequenzen sich für Arbeit und Wirtschaft aus dem Klimawandel ergeben. Noch länger, seit der Begegnung mit Frithjof Bergmann 2007 auf dem Kirchentag in Köln treibt mich die Frage nach dem um, was denn eigentlich „gute“ Arbeit ist oder sein könnte. Für mich geht eine Antwort – grade auch als KDAler – über die Kooperation und Diskussion mit alternativen ökonomischen Bewegungen: Gemeinwohlökonomie, solidarische Ökonomie, Care-Revoultion, postpatriarchaler Ansatz usw.

Das hängt mit der Augenhöhe und der Option für die Armen zusammen. Die Mainstream-Ökonomie lässt zu viele unterwegs liegen. Alternative Ökonomie, so mein Eindruck wird innerkirchlich eher in der Weltökumenearbeit verortet. Schon im Rheinland fielen mir die vielen Überschneidungen in den Themen zwischen KDA und dem dortigen Gemeindedienst für Weltmission auf. Das ist in Hannover nicht anders. Da will ich stärker ran und rein. Und überlegen, wie sich das mit dem breiten Netzwerk an Kontakten verknüpfen lasst, das meine Frau und ich in den letzten Jahren knüpfen konnten. Dazu kommt die hervorragende Ausgangsbedingung, dass ich mit den Klimaschützer/-innen in einem Fachbereich sitze. Klimaziele, Klimawandel rücken uns immer näher.Welche Ansätze gibt es, die stärken? Die gute Fragen stellen und Trampelpfade aufzeigen? Die Kritik an einer Wirtschaft, die tötet (Papst Franziskus) muss einhergehen mit der Stärkung alternativer Ansätze – auch durch „uns“ als Kirche. Hier zeichnet sich für mich auch eine (!) mögliche „Antwort“ auf die Frage nach dem „Eigenen“ des KDA im Konzert der arbeitsweltbezogenen Dienste in der hannoverschen Landeskirche ab. Stehen wir hier nicht im Dreieck: Mainstreamökonomie – alternative Ökonomie – Kirche als Wirtschaftsfaktor?
Diese Verknüpfungen und Wechselwirkungen beschäftigen mich schon lange, aber mittlerweile scheint sich vieles zuzuspitzen. Vielleicht hat es mit dem bevorstehenden Klimagipfel in Paris zu tun und dass der ökumenische Pilgerweg auf dem Weg dorthin auch in Osnabrück Station machte. Es fängt an weh zu tun, die Auswirkungen rücken uns immer näher. Und weh tut auch die Frage, wer denn die Kraft aufbringt, den Klimawandel zu stoppen? Allein die Frage löst ein Gefühl überflutender Überforderung aus. Dahinter tritt für mich die „teuflische“ Seite des Kapitalismus zu Tage. Längst und wiederholt ist die agile Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus beschrieben worden, der – Menschen, Nationen, Völker – verführt und einlullt, verschuldet, in die Knie zwingt und dann versklavt, Menschen ohnmächtig aufschreien lässt und dann achselzuckend sein – auch den Planeten – zerstörendes Werk fortsetzt. Dabei sind wir noch schlechter dran als Christa Wolfs Kassandra, wir sind keineswegs blind, wir sehen alles glasklar vor Augen. Und doch, so scheint es, stehen wir auf verlorenem Posten. Das tut weh.

Was macht das mit mir und uns? Welche biblischen Texte sprechen da zu mir, zu uns? Um noch mal an Tom Veerkamp anzuknüpfen: Sind es eher die apokalyptischen Utopien, die in Zeiten (politischer) Machtlosigkeit (verzweifelte) Hoffnung gaben? Oder sind es die Versuche, Gesellschaftsordnungen und damit Arbeit und Wirtschaft so zu beschreiben und zu gestalten, dass gutes Leben für alle möglich wird – z.B. durch geregelte Insolvenzverfahren für Menschen, Unternehmen, Staaten? Welche Fragen stelle ich mir, stellen sich mir, stelle ich in den Raum, auch und gerade als Referent im KDA, also als „Experte“ für die Beziehung zwischen Kirche und Arbeitswelt, Theologie und Ökonomie?

 

FuckUp Night – oder auch: Vom Umgang mit unternehmerischem Scheitern

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Fuck up – das heißt so viel wie verbocken, vermasseln, Mist bauen. Man könnte auch sagen: scheitern.
Unter der Überschrift „FuckUp Nights“ breitet sich ein Veranstaltungsformat aus, in dem Menschen von ihrem unternehmerischen Scheitern erzählen. Am Donnerstag (12.02.) fand die erste FuckUp Night in Hannover statt und ich war dabei.

160 Personen hatten sich im Freizeitheim Linden eingefunden, die meisten noch keine dreißig Jahre alt. Zwei Männer und eine Frau trugen kurze Berichte vor, die sich auf sehr unterschiedliche Misserfolgsgeschichten bezogen. Einer scheiterte vor allem an sich plötzlich ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen, die andere durch unüberlegtes Vorgehen. Das ganze lief in einer heiteren, oft humorvollen Art und Weise ab. Nach jeder Kurzpräsentation konnten Fragen gestellt werden. Nach knapp siebzig Minuten löste sich die Versammlung wieder auf, es gab weitere Gespräche im Gang und an der Theke. Meine Frau Christine und ich zogen mit Sandra Bils und Maria Hermann (Kirchehochzwei) in eine Kneipe mit dem passenden Namen „Debakel“ und diskutierten noch eine ganze Weile übers Scheitern.

Denn meine Frau und ich waren bereits im Rheinland intensiv an der Thematik des unternehmerischen Scheiterns dran. Ausgehend von der Frage eines Insolvenzanwalts, was denn Kirche an seelsorgerichen Angeboten für Menschen vorhält, die unternehmerisch gescheitert sind, gründete sich die sogenannte „INSO-AG“ und führte 2012-14 bislang drei Tagungen in der Akademie Rheinland in Bad Godesberg durch. Die Erfahrungen, die wir dort gesammelt haben, möchten wir nun gerne in unserer „neuen“ Landeskirche auch einbringen. Denn Scheitern ist ein Thema, das ganz viele Menschen in sehr unterschiedlicher Art und Weise beschäftigt und mit dem höchst verschieden umgegangen wird. Daher waren wir am Donnerstag bei der Fuck Up Night.

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Dort fiel mir ein Aspekt sehr stark ins Auge, der auch bereits im Rheinland zutage trat: Offenbar gehen jüngere Menschen anders mit Scheitern um als ältere. Es mag Zufall gewesen sein, aber die drei Gesprächspartner hatten alle Startups in den Sand gesetzt, aber nirgends war etwas davon zu hören oder zu spüren, dass dies zu ähnlichen tiefgreifenden Lebenskrisen führte, von denen Menschen über 35, 40 erzählen. Insbesondere dort, wo die eigene Familie finanziell mit in den Abgrund gerissen wird oder Verantwortung für Arbeitsplätze bei den unternehmerisch Gescheiterten vorhanden war, wird oft von schweren psychischen, manchmal auch körperlichen Belastungen berichtet.

Dennoch scheint es darüber hinaus so zu sein, dass in der jüngeren Generation anders übers Scheitern nachgedacht wird als unter uns Älteren. In meiner Generation kann zumindest für Deutschland gesagt werden, dass Scheitern zumeist persönlich genommen wird. Wer scheitert, gibt sich selbst die Schuld, auch wenn die Gründe häufig objektiv an ganz anderer Stelle liegen. Ähnliche Tendenzen beobachteten wir auch in Gesprächen mit einigen jüngeren Teilnehmer/-innen der Tagungen in Bad Godesberg.

Daher ist das Format FuckUp Night vielleicht gut geeignet, zum einen eher jüngere Menschen zum Austausch über ihre Misserfolge einzuladen. Zum anderen aber besteht für die ältere Generation hier in der Begegnung mit Jüngeren die Chance, eigenen unbewusste Vorstellungen übers Scheitern auf die Spur zu kommen und diese zu überdenken. Mal schauen, wie sich das entwickelt und wo sich Anküpfungspunkte in meiner Tätigkeit im KDA in den nächsten Monaten ergeben.

Link zur Website der FuckUp Night Hannover:
http://fuckupnights.com/hannover/

Auch an der vierten FuckUp Night habe ich im März 2016 teilgenommen. Darüber hat meine Frau gebloggt:
Ist unternehmerisches Scheitern geil?

Frühere Texte von mir zum Thema Scheitern:

Bericht über die Akademietagung 2013:
Angst frisst Seele auf

Interview mit mir zur Tagung 2013 im Bonner Generalanzeiger:
Interview mit Pfarrer Matthias Jung

Mein Text zur Eröffnung der Tagung 2014:
Scheitern ist nicht das Ende

Andacht im Pfarrkonvent – Scheiternde Pfarrer/-innen:
Scheiternde Pfarrer/-innen

Theologische Überlegungen:
Scheitern – mitleiden – klagen

(Textgleich parallel veröffentlicht auf: https://kda-osnabrueck.wir-e.de/)