Leben als Fragment zwischen Wollen und Können.

Theologische Reflexion von Gedanken von Frithjof Bergmann, Odo Marquard und Henning Luther

0. Vorbemerkung

An diesem Text habe ich lange geschrieben und noch viel länger darüber nachgedacht. Die Anfänge und ersten Versuche liegen mehr als ein Jahr zurück. Immer wieder habe ich den Text in der Schublade liegen gelassen, manchmal wochen- und monatelang, weil ich spürte, ich komme nicht weiter. Jetzt ist die Zeit reif und der Gedankengang – für mich – rund. Dazu beigetragen hat auch meine Frau Christine, die verschiedene Stadien der Entwicklung kritisch begleitet hat und an etlichen Stellen eigene Sichtweisen eingebracht. Der Text ist dennoch keine Co-Produktion, weil sie einige Aspekte auch anders sieht oder gewichtet.

1. „Wirklich, wirklich wollen“ und nicht können

Wir leben in einer Zeit unermesslichen Individualismus, in der wir selber unseres Glückes Schmied sind und wenn wir es nicht geschmiedet bekommen, selber schuld sind. Unzählige Ratgeber und Coachingangebote pflastern einen Markt, der uns vorgaukelt: Wenn du dich nur genug anstrengst, dann kannst du alles erreichen. Die Rolle von Grenzen und Schicksalsschlägen wird kaum reflektiert. Werde ich aber mit ihnen konfrontiert, zieht es mir den Schleier weg und gibt meinen Blick frei auf ein Leben, das von anderen Dingen geprägt ist, als wir im Wahn des „Ich-kann-alles-schaffen“ glauben.

Seit Jahren beschäftigt mich dies im Blick auf die Grundthese des Philosophen Frithjof Bergmann. Er sagt: Der Mensch ist dann glücklich, wenn er eine „Arbeit“ hat, die er „wirklich, wirklich will“. Ich fand und finde diese These faszinierend und habe bei mir und anderen die Erfahrung gemacht, dass dieser Gedanke der Übereinstimmung zwischen Person und Tätigkeit spontan einleuchtet. Was aber, wenn Wollen und Können einfach nicht zueinanderfinden? Trotz allem Coaching, Selbstversuchen, Bemühungen?

Um allein auf dem Erwerbsarbeitsmarkt zu bleiben: Unzählige Menschen hängen in freudlosen Arbeitsverhältnissen fest, die sie liebend gerne verlassen möchten, aber nicht können, weil sie auch morgen ihre Brötchen bezahlen müssen. Umgekehrt nützt es wenig, wenn ich weiß, was ich wirklich, wirklich will – und dafür keine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist.

Was tun, wenn ich weiß, was ich wirklich will und es einfach nicht möglich ist? Auf diese Frage gibt Bergmann keine recht Antwort und nährt so ungewollt das Gefühl: Wenn du es schaffen willst, dann schaffst du es auch und wenn nicht, dann bist du selber schuld. Oder hast dich geirrt, wusstest doch (noch) nicht, was du wirklich, wirklich willst. Ich frage mich: Zerbricht in diesem Moment nicht nur ein Traum, sondern auch die Identität? Und was „rate“ ich Menschen, die in solchen Verhältnissen festhängen? Wie ist das mit den Umständen, in denen ich leben muss, mit den Grenzen, die sich mir in den Weg stellen, mit den Visionen, in denen ich feststecke, weil sich kein Weg der Realisierung öffnet?

2. „Besonderheitsidentität“ und die Kohärenz des Selbst

Vor Jahren tauchte am Rand einer Hausarbeit die Frage auf, wie in der Pädagogik mit Leid umgegangen wird und wie sich Schicksalsschläge, Krankheiten, Beeinträchtigungen auf die Identitätsbildung auswirken. Landläufig sind wir geneigt, „nur“ die schönen Dinge und Erfahrungen, unsere Talente und Stärken heranzuziehen und auszubilden und Leid als Unfall zu betrachten, das unsere Identität schädigen und belasten kann. Leid gehört natürlich zum Leben, gilt aber als etwas zu Überwindendes. Angesichts der übergroßen Menge an Leid in unserer Welt stellt mich diese Perspektive nicht zufrieden. Allein die Frage, wer hier überwindet oder überwinden soll, kann und muss, führt nicht selten zu Überforderung und Verzweiflung, denn die Grenzen meiner Möglichkeiten sind schnell erreicht. Hier stieß ich auf eine Überlegung von Odo Marquard, der im Anschluss an Hermann Lübbe von Besonderheitsidentität spricht.

Die „Besonderheitsidentität“ zeichnet den einzelnen Menschen als individuell und einzigartig aus. Sie ist einerseits vorgegeben durch seine natürliche Verfasstheit: Geburtsdatum, Geburtsort, Größe, Augenfarbe, Geschlecht, Herkunft, Anlage, Begabung und Kultur. Andererseits ist sie aber auch etwas, das aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten im Lauf der eigenen Lebensgeschichte hinzuerworben wird. Die Besonderheiten prägen meine mitgebrachte Eigenart dezidiert aus, verfeinern und verdichten sie in ureigenen Gewohnheiten. (Nach: Dickopp, Systematische Pädagogik II. Studienbrief 3004 der Fernuniversität Hagen, S. 180)

Odo Marquard geht hier im Anschluss an Lübbe noch einen Schritt weiter:

„Die Individuen erwerben (Identität) sozusagen durch die Schicksalsschläge, durch die sie getroffen werden (…) und die sie ertragen müssen“ (Marquard zitiert bei Dickopp S. 180).

Für Marquard sind es die Schicksalsschläge, die unsere Identität, unsere Unverwechselbarkeit mindestens ebenso prägen wie die positiven Erfahrungen. Leid wird dadurch nicht „entschuldigt“ und gilt durchaus als etwas, dessen Überwindung nach Möglichkeit anzustreben ist, aber Marquard nimmt Leid anders in den Blick, sucht es in meine Identität zu integrieren, weil er die Erfahrung ernst nimmt, dass mir Dinge widerfahren können, die ich ertragen muss.
Diesen Gedanken fasst Wilhelm Schmid noch schärfer:

„Es gibt Wunden, die nicht zu heilen sind, und deren Heilung für das Selbst auch nicht von Interesse ist; die fällige Neukonstituierung seiner Kohärenz besteht dann nicht mehr in der Wiederherstellung eines früheren, heilen Zustandes, sondern in der Eingliederung der Wunde in das Selbst: Die Wunde selbst gehört nun zur Kohärenz“ (Schmid, Schönes Leben, S. 54).

Der Gedanke, dass es die Wunden, die leidvollen Widerfahrnisse sind, die mein Leben „besonders“ machen, nimmt zum einen auf und ernst, dass mein Ich nicht nur bedauerlicherweise an Grenzen stößt, sondern das diese Begrenzungen auch sinn-, ja „heil“-voll sein können. Zum anderen wird so deutlich, dass sich unser Leben in einem Beziehungsgeflecht (Hannah Arendt) bewegt und eine rein individualistische Betrachtung in die Irre führt. Die Aussage: Jede/r ist seines/ihres Glückes Schmied vernachlässigt diese Beziehungen und Bezogenheiten allen menschlichen Lebens.
Was mir an Schmids, Lübbes und Marquartds Überlegungen Definitionsversuchen gut gefällt, ist ihre Anschlussfähigkeit. Sie gehen von allgemeinen menschlichen Erfahrungen aus, die sie dann existentiell öffnen, interpretieren und erweitern und sprechen in unterschiedlicher Weise von einer „gebrochenen“ Identität. Hier kann ich mich theologisch anschließen.

Als Theologe gehe ich davon aus, dass Glaube ein Vertrauen ist, welches sich auf Gott richtet. Dieses Vertrauen oder Sich-Verlassen eines Menschen auf Gott hat grundle­genden Charakter, solcher Glaube gibt den „Grundakkord des Lebens“ an. Das, was mich in der Tiefe meiner Existenz prägt, wovon ich mich bestimmen lasse, das ist mein „Glaube“. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, so Martin Luther im Kleinen Katechismus. Zugleich weiß dieser Glaube um die Gebrochenheit unserer menschlichen Existenz. Wilfried Härle spricht im Zusammenhang dieser Gebrochenheit vom angefochtenen Glauben:

„Oftmals erscheint Gott den Glaubenden als ein in sich zerrissener, widersprüchlicher, unzuverlässiger Gott, der ihr Vertrauen auf eine harte Probe stellt. (…) Weil der Glaube auf Gott, wie er sich in der Welt erschließt, ausgerichtet ist, darum ist er angefochtener Glaube“ (Härle, Dogmatik, S. 63).

So werden die Umrisse eines Bildes vom Leben sichtbar, dass anders aussieht als die in die Irre führende Vorstellung des Glücks, dass jede/r selber schmiedet.

3. Leben als Fragment

Die Umrisse dieser Vorstellung vom Leben reichen aber nicht aus, erkenntnis- und handlungsleitend wirken zu können. Ich frage weiter: Welches Bild vom Leben, vom Menschen, von der Welt hilft mir, das Leben realistisch zwischen Wollen und Können angemessen in den Blick zu nehmen? Welches Bild vom Leben könnte geeignet sein, hier das Ganze meiner Welt so abzubilden, dass die Widersprüchlichkeiten und Wunden, meine Gewohnheiten als auch meine Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte hilfreich und realistisch zugleich vor Augen stehen?

Vor einiger Zeit stieß ich auf Henning Luther und seinen Vorschlag, menschliches Leben im Bild des Fragments zu beschreiben:

„Wir sind immer (…) Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie aufgrund zugefügter Verletzungen und erlittener und widerfahrener Verluste und Niederlagen. Dies ist der Schmerz des Fragments.
Andererseits ist jede erreichte Stufe unserer Ich-Entwicklung immer nur ein Fragment aus Zukunft. Das Fragment trägt den Keim der Zeit in sich. Sein Wesen ist Sehnsucht. Es ist auf Zukunft aus. In ihm herrscht Mangel, das Fehlen der ihn vollendenden Gestaltung. Die Differenz, die das Fragment von seiner möglichen Vollendung trennt, wirkt nun nicht nur negativ, sondern verweist positiv nach vorn. Aus ihm geht eine Bewegung hervor, die den Zustand als Fragment zu überschreiten sucht“ (Luther: Identität und Fragment, S. 168ff. In: ders.: Religion im Alltag. Bausteine zu einer praktischen Theologie des Subjekts, S. 160-182).

Es gilt zunächst darauf hinzuweisen, dass das Bild des Fragments sehr verschiedenartige Assoziationen wecken kann. Es geht Luther nicht darum, das Leben als einen Haufen von Bruchstücken zu beschreiben, die mehr oder weniger ungeordnet und unsortiert nebeneinander liegen. Gemeint ist eher, dass meine Identität nie fertig wird, immer eine Baustelle darstellt und somit fragmentarisch ist und bleibt.

Die Vorstellung vom Leben als Fragment nimmt die Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“ auf, die Jesu Predigt vom Reich Gottes prägt. In dieser Spannung zwischen Schmerz und Sehnsucht wird der Zwiespalt zwischen Wollen und Können grundsätzlich beschreibbar. Er lässt sich im Glauben aushalten und wird so zum Antrieb im eigenen Leben. Das Bild nimmt auf, dass unser Leben in seinen Beziehungs- und Bezogenheitsgeflechten nie fertig wird, und jedes auf „Vollkommenheit“ zielende Bild in die Irre führt. So entlastet die Vorstellung vom Leben als Fragment davon, „alles“ schaffen zu müssen und zu können. Grenzen, Scheitern, Einschränkungen können in das Bild integriert werden, die Besonderheiten und Wunden, die das Leben schlägt.

4. Staunen zwischen Jubel und Klage

Es leuchtet vielleicht schnell ein, dass es die Besonderheiten sind, die mich prägen, die Schicksalsschläge und Widerstände. Mein Leben ist nicht „vollkommen“, sondern ist und bleibt fragmentarisch, vollzieht sich zwischen Schmerz und Sehnsucht, zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“ und ist genau in dieser Hinsicht einzigartig und unverwechselbar. Schmerz und Sehnsucht gilt es in eine Beziehung zu bringen und in einer Balance zu halten. Hier finde ich das (Leit-) Bild des Fragments einleuchtend und hilfreich. Aber was „muss“ ich hinnehmen und ertragen, was kann ich trotz allem gestalten und überwinden? Wie lautet das Kriterium, wie sieht eine Methode zur Unterscheidung aus?

Zunächst eine Vorbemerkung:
Es geht nicht darum, in einer „demütigen“ Haltung das Leid, das Unabänderliche „einfach“ hinzunehmen. Es gilt nicht, immer „den unteren Weg“ zu gehen, wie Menschen aus der älteren Generation es vielfach gelernt haben, vor allem Frauen. Ebenso wenig gilt es, vorschnell zum Wort des Paulus zu nicken: „Alle Dinge müssen dem zum Besten diesen, der glaubt“ (Brief an die Gemeinde in Rom, 8,28). Auch hier besteht die Gefahr, die Dinge anzunehmen, wie sie sind und das Unvermögen, dies akzeptieren zu können, kritiklos als Ausdruck von Sünde und Unglauben abzuqualifizieren.

Was aber ist wirklich unabänderlich und was nicht? Diese Frage klingt auch in dem weithin bekannten Gelassenheitsgebet an:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Dieses Gebet richtet meinen Blick zunächst von mir weg hin auf eine größere „Macht“, und von dort wendet sich der Blick wieder zurück. Die Bitte um Gelassenheit, Mut und Weisheit macht mich zuallererst zu einem empfangenden und dann erst zu einem gestaltenden Menschen. Indes, die Frage bleibt: Wie lautet das Kriterium für die Weisheit, die dann zur je rechten Stelle zur Gelassenheit und zum Mut führt?

Meine These lautet: Das Leben als Fragment zu sehen, anzunehmen und zu gestalten führt in der Spannung zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“ zum Staunen und von dort aus zu Jubel und Klage und ist nur aus beiden heraus gestaltbar.

Staunen ist der Beginn des Glaubens, hat Dorothee Sölle einst gesagt. Staunen führt mich über mich heraus, lässt mich dankbar werden und äußert sich in Jubel und Lob. In der Alltagssprache verstehen wir unter Staunen einen Vorgang, der mir den Mund offen stehen lässt. Auslöser können alle möglichen Ereignisse sein. Im Sinne Sölles ist Staunen aber noch mehr, es ist ein bewusstes Hineingehen in diese Situation, in der mir der Mund offen steht. Ich bin fassungslos, kann den Moment nicht fassen. In solchem Staunen machen viele Menschen die Erfahrung, berührt zu werden von einer größeren „Macht“, die mich überwältigt und übersteigt. Von solchem Staunen und sich anschließendem Jubel sind die biblischen Schriften voll, Paul Gerhard und andere haben hier wundervolle Lieder gedichtet. Aber die biblischen Schriften wie auch unser Gesangbuch ist genauso voll mit Klageliedern.

Ich möchte vorschlagen, die Klage ebenfalls als Folge des Staunens zu verstehen, nun aber in der Form des staunenden Entsetzen. Ist es im staunenden Jubel die wunderbare Schönheit und Größe, die mich überwältigt, so im Entsetzen die schier unerträgliche Größe des Leides, die bodenlose Verzweiflung, die mich gefangen nimmt, die permanente Grenze, an die ich stoße. Die Klage ist ein ähnlicher Vorgang wie das Staunen über die Schönheit und führt zum „Glauben“, nun aber nicht im vertrauensvollen Sich-bestimmen lassen durch Gott, sondern im auflehnenden Widerspruch gegen unmenschliche Lebensverhältnisse. Die unendlich oft gestellte Frage nach dem „Warum“ ist häufig eine Frage, die sich zugleich an Gott richtet: „Gott, warum lässt du es zu?“ In diesem fragenden Warum? Kann sich so eine Beziehung zu Gott eröffnen. Eine angefochtene, gebrochene, verzweifelte Beziehung, weil Gott hier widersprüchlich, hilflos, ohnmächtig erlebt wird, abwesend und stumm.

In vielen Kulturen hat die Klage einen anderen Stellenwert als bei uns. Klagen klingt in unserem Sprachgebrauch jämmerlich und schwach. Wer klagt, ist ein Jammerlappen. Wie oft höre ich in Beerdigungsgesprächen: Er/Sie hat nie geklagt. Trauer ist erlaubt und wird als notwendig angesehen, nach dem Eintreten des Verlustes, eine Zeitlang. Klagen dagegen gehört sich nicht. Vielleicht gilt es für uns, die Sprachform der Klage wieder zu entdecken. Jochen Schmidt, dem ich in diesem Abschnitt manches verdanke, unterscheidet zwischen Schrei, Weinen und Klage. Der Schrei ist unmittelbarer Ausdruck meines Erschreckens, im Weinen „lasse“ ich meinen Tränen freien Lauf, die Klage aber ist mehr (vgl. Schmidt, Klage, S. 115ff. und 138ff.)

Die Klage ist nach Schmidt ein Ausdrucksgeschehen. Ich bringe zur Sprache, was mich belastet, und damit verändert sich meine Situation. Indem ich ausdrücke, was in mir ist, eröffnet sich eine Distanz zwischen mir und dem Beklagten. Ich befinde mich in eigentümlicher Weise „dazwischen“. Die Sprachformen der Klage können verschieden sein: Protest, Anklage, Ohnmacht, Trauer, Empörung, Selbstanklage. In der Klage „handle“ ich, während ich im Schrei ohnmächtig und im Weinen hilflos bin (wobei dies keine Abwertung von Schrei und Weinen beinhaltet, diese Formen der Reaktion auf Leid, Gewalt und Böses haben ebenso ihre Berechtigung). Die Klage aber macht mich (wieder) handlungsfähig, zunächst und zuallererst im Vorgang des bewussten Klagens.

In unseren Gottesdiensten spielt die Klage eine untergeordnete Rolle. Im Evangelischen Gesangbuch wird sie zwar genannt, aber in den Texten stehen Sündenbekenntnisse im Vordergrund. Es gibt Hinweise auf Beicht- und Bußgottesdienste, aber nicht auf Klagegottesdienste. Die Frage und Suche nach eigener Schuld und Verantwortung darf aber nicht von der Frage nach dem Eingebundensein in hindernde, zerstörende Verhältnisse ablenken. Nach meinem eigenen Empfinden und Beobachten in Gottesdiensten wird die Klage häufig nur mitgedacht, aber selten explizit benannt und ausgedrückt. So kenne ich Friedensgottesdienste, Friedensgebete aus Anlass von furchtbaren Ereignissen, in denen die Klage sich in der Bitte um den Frieden ausspricht. Das ist nicht falsch, aber ich frage mich – durchaus selbstkritisch –, ob und welche Konsequenzen es für Empfinden, Denken und Handeln hätte, wenn der Klage mehr Raum und Ausdruck gegeben wird.

Die Wiedergewinnung „rechter“ Klage könnte ein Weg zu sein, um allein und gemeinsam mit anderen zwischen dem wirklich Wollen und dem wirklich Können einen Weg durch mein/unser Lebensfragment zu finden, weil das Leitbild des Fragments Erfolg und Scheitern, Staunen und Entsetzen, Jubeln und Trauer, Klage und Lobpreis in sich trägt. Dennoch bleibt die Frage nach einem konkreten Vorgehen, nach einer „Methode“, Jubel und Klage miteinander so ins Gespräch zu bringen, dass sich die Weisheit einstellt, die das Gelassenheitsgebet meint.

5. Versonnenheit als Weg zur Weisheit

Vor zwei Jahren habe ich mich schon einmal intensiv mit dem Begriff der Versonnenheit (musement)auseinandergesetzt. Er geht zurück auf ein Zitat von Charles Peirce:

„Enter your skiff of musement, push off into the lake of thought, and leave the breath of heaven to swell your sail. With your eyes open, awake to what is about or within you, and open conversation with yourself: for such is all meditation!“ (Peirce, The Collected Papers, Bd. 6, S. 461)
„Besteig das Boot der Versonnenheit, stoß dich ab in den See der Gedanken und laß den Atem des Himmels deine Segel füllen. Mit offenen Augen werde dir bewusst über das, um was es geht oder in dir ist und beginne das Gespräch mit dir – dafür gibt es alle Meditation!“ (Freie Übersetzung)

Versonnenheit beginnt mit der Bereitschaft, meine bisherigen Erfahrungen zurückzulassen, mich dem offenen Meer anzuvertrauen und auf die Eindrücke zu achten, die dort auf mich warten. Versonnenheit ist ein absichtslos-absichtsvolles Hin- und Herwandern der Gefühle und Gedanken. Oft wird sie ausgelöst durch das Glücksgefühl angesichts der Farbenpracht eines Sonnenuntergangs oder beim Anblick eines neugeborenen Baby, das gerade den ersten Schrei in diese Welt hinein entlässt. Ich kann mich aber auch bewusst entscheiden, vom Hier und Jetzt auszugehen und erwartungsvoll darauf zu achten, wohin mich das Gespräch mit mir führt (vgl. Jung, Versonnenheit, S. 9ff.). Versonnenheit ist somit ein Bild für einen Vorgang, der alltäglich ist und sich in Sätzen wie: „Ich bewege es in meinem Herzen“ ausspricht. Versonnenheit fasst diesen Vorgang aber präziser und macht ihn anschaulicher.

Ich habe bereits darauf verwiesen, dass für Dorothee Sölle Glauben mit dem Staunen beginnt. Staunen ist ein unmittelbar ausgelöster Gefühlszustand, Versonnenheit dagegen ein bewusster Vorgang, der dem Staunen nachgeht. Wenn das Staunen nicht zur Versonnenheit führt, bleibt der beginnende Glaube nur ein flackerndes Licht.
Damals habe ich den Vorgang der Versonnenheit im Blick auf das jubelnde Staunen und die damit verbundenen positiven Gefühle wie Jubel, Freude, Verbundenheit, Erhabenheit hin durchdacht. Mir war damals bereits bewusst, dass Versonnenheit wohl auch eine Chance darstellt, mit negativen Gefühlen umzugehen.

Versonnenheit ist eine Methode des Hin- und Her, ein Geschehen, das von mir weg und wieder zu mir zurückfindet. Im fröhlichen Staunen über die Schönheit der Natur und des Menschen fällt mir das leicht, und versonnenes Staunen öffnet schnell den Weg zum vertrauensvollen Glauben an Gott. Auf der dunklen Seite des Lebens fällt dieser Vorgang unendlich viel schwerer. Aber es macht auch an den Grenzen meines Lebens Sinn, mich einzulassen, in den Abgründen und den Momenten, in denen Leid, Gewalt und Böses mir jede Stimme raubt. Die Versonnenheit beschreibt hier einen Weg, auch mit diesen Seiten des Lebens umzugehen. Das innere Gespräch mündet dann nicht in Jubel und Lob, sondern in die Klage, in der zunächst Hin und Her bewegt und dann zur Sprache gebracht wird, was belastet und begrenzt, entsetzt und zerstört. Ich bewege – allein oder gemeinsam mit anderen – das, was grauenhaft ist, die schmerzhaften Grenzen und Einschränkungen meines, unseres Lebens bewusst in meinem Herzen und fasse es in Worte.

So besteht die Chance, das Nicht-Können und die Wunden, die Besonderheiten in die Kohärenz meines Lebens einzubeziehen. Auch hier tröstet und ermutigt das Bild, dass mein Leben ein Fragment ist – und bleibt. Ich lebe in der Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“, vielleicht lässt sich diese Spannung aber auch in dem Paar: „noch jetzt“ und „schon bald“ beschreiben.

Im versonnenen Hin und Her „zeigt“ sich das (für mich) Unabänderliche und (für mich) Hinnehmbare, aber auch das (für mich) Änderbare und Gestaltbare. Klage und Jubel bieten mir/uns die Chance, die Perspektive zu wechseln und nicht am Hier und Jetzt verhaftet zu bleiben. So öffnen sich vielelicht Räume für bisher nicht gesehene Möglichkeiten. Versonnenheit ist so die Weisheit, die zur Gelassenheit führt, weil im Vertrauen auf Gott in der Klage das hingehalten wird, was ich nicht verstehe, wir nicht verstehen, in dieser Welt und an ihm. Versonnenheit ist Mut, hinzuschauen und im staunenden Jubel die schier unglaubliche Größe zu achten und sich in der Klage als Frage an Gott, ans Leben, ans Schicksal, zu richten: Warum?

6. Wollen und Können, Jubel und Klage

Ich bin ausgegangen von der Frage: Was ist, wenn ich weiß, was ich wirklich, wirklich will und ich keine Chance sehe oder habe, so zu handeln?
Wenn ich weiß, was ich will, ist das ein Grund zur Freude, ja zu Jubel und Lobpreis. Es ist oft nicht leicht, herauszufinden, was ich wirklich, wirklich will. Weil ich nie darüber nachgedacht habe. Weil ich mich nie getraut habe, danach zu fragen. Weil andere mir sagten, was ich zu tun oder zu lassen habe. Die Frage zu stellen ist wichtig und richtig und ich erlebe es immer wieder, dass Menschen befreit, erleichtert, überrascht sagen: „Das hat mich noch nie jemand gefragt!“

Aber ich stoße auch schnell an Grenzen. Ich bin nicht allein auf der Welt und was ich wirklich, wirklich will, ist eingebunden in das Beziehungsgeflecht meines/unseres Lebens. Das kann als bitter und enttäuschend erlebt werden und sich auch als Frage an Gott richten: Wenn du mir diese Begabungen oder Befähigung, die Lust und Leidenschaften zu bestimmten Dingen ins Herz gelegt hast – warum gibt es keine Chance für mich, das zu realisieren? Das Gefühl wird unterschiedlich erlebt, vielleicht auch in den Generationen verschieden. In der mittleren und älteren Generation (zu der ich gehöre) taucht es zum Beispiel auf im „Gespenst der Nutzlosigkeit“, von dem Richard Sennet vor einigen Jahren im Blick auf die Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten schrieb (Sennet, Die Kultur des neuen Kapitalismus, S. 67ff.).

Ich glaube, dass die Klage hier hilfreich sein kann. Die Klage beklagt meine Grenzen und so kommt mein Wollen und Nicht-Können in den Blick. Klagen nimmt die Spannung von Schmerz und Sehnsucht auf und fasst sie in meiner Situation in Worte. Anders gesagt: Sie beschreibt die Spannung zwischen Schmerz und Sehnsucht und führt mir vor Augen, dass mein Leben ein Fragment ist und bleibt.

Gleichzeitig geht die Klage aber über Schreien und Weinen hinaus. Sie ist ein erster Schritt in einer als ohnmächtig erlebten Situation gestaltend handeln zu können. Auch Schreien und Weinen sind Handlungsmöglichkeiten, aber sie sind entweder spontan oder durch das Laufenlassen der Tränen geprägt. Der Versuch, in der Klage in Worte zu fassen, was ich Grenze zwischen Wollen und Können erlebe, ist ein aktiv gestaltender Umgang mit der Situation. Ich drücke aus, was in mir ist, zwischen Schmerz und Sehnsucht, Trauer und Hoffnung. Für Christinnen und Christen steht die Klage zugleich unter der Verheißung, die sich in den Klageliedern des Alten Testaments ausspricht: Die Klage kann sich verwandeln in Lob und Jubel. Die Klage erhofft das „noch nicht“ im „schon jetzt“, bei allem Schmerz und Verzweiflung über die Grenzen, die sich mir/uns in den Weg stellen – auf dem Weg, das zu tun, was ich/wir wirklich, wirklich will/wollen.

 

7 Gedanken zu “Leben als Fragment zwischen Wollen und Können.

  1. Pingback: Selbstüberwindung im Bewerbungsprozess | Jacqueline Meier. Online-Redaktion

  2. Sehr geehrter Herr Jung,
    ich verfolge seit einiger Zeit Ihre Beiträge. Bin über das Blog von Antje Schrupp gekommen. Dieser Text hat mich sehr inspiriert. Ich habe durch das Lesen eine Antwort auf etwas gefunden, dass ich gemacht hatte. Ich konnte – aus dem Blickwinkel der (hilfreichen) Klage – diesem Vorgehen einen Aspekt geben, auf den ich selbst nie gekommen wäre. Nach dem Betrachten unter diesem Aspekt wurde es plötzlich rund.

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  4. Pingback: (Mein) Lebenslauf des Scheiterns | matthias jung

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