In Futur II träumen

Zur Zeit bereite ich meinen Workshop für die Denkumenta Ende des Monats in St. Arbogast vor: »Visionswerkstatt für das ABC des guten Lebens«.

Indirekt hat das zu tun mit diesen Zitaten von Harald Welzer (aus dem FUTUREZWEI-Zukunftsalmanach):

»Stellen Sie sich einfach vor, wie Sie dereinst die Frage beantworten wollen, wer Sie gewesen sind und welchen Beitrag Sie entweder zur Zerstörung oder zur Sicherung von Zukunft geleistet haben. Stellen Sie sich selbst im Tempus Future zwei vor: Wer werde ich gewesen sein? Das hilft: Vieles von dem, was im einfachen Futur als unbequem und lästig erscheint, wird im Futur zwei plötzlich interessant und attraktiv. Future-zwei-Imaginationen verändern Wertigkeiten. Sie fangen an zu überlegen, wie Sie gut gewesen sein werden.«

»Utopien sind ein großartiges Mittel, um Denken und Wünschen zu üben: sich einen wünschbaren Zustand in einer denkbaren Zukunft zu imaginieren, macht den Status quo lediglich zu einer Variante von vielen möglichen Wirklichkeiten.«

»Mit dem erstaunlichen menschlichen Vermögen, sich im Tempus der vollendeten Zukunft vorstellen zu können, ergibt sich auch eine Methode: von dieser imaginierten Zukunft her den Weg zu rekonstruieren, den man zurückgelegt haben muss, um dort hingelangt zu sein.«

Die Unterscheidung zwischen Futur I und II fasziniert mich, seit ich sie gelesen habe. Das ist knapp ein Jahr her und ich merke, wie sich mein Verhältnis zu Zukunft verändert hat. Und ich bin damit noch lange nicht fertig (mehr dazu hier: Kirche 2030 – eine narrative Collage.

Also ein nachdenklicher, meditativer, fragmentarischer  Zwischenstand.

a) Auf einer sprachwissenschaftlichen Seite habe ich gelesen, dass wir in der deutschen Sprache das Futur II selten verwenden. Es wird durch das Perfekt in Verbindung mit zukünftigen Zeitangaben ersetzt (Beispiel: Im Jahr 2100 werden alle Fische im Meer ausgestorben sein = Im Jahr 2100 sind die Fische im Meer ausgestorben.)

Für das Träumen in Futur II scheint mir das wenig hilfreich. Die Perfekt-Form klingt zu bestimmt, zu abgeschlossen. Das Öffnende des Futur II geht verloren.

b) Ich habe angefangen, bewusst Sätze im Futur I in Futur II zu formulieren und überlegt, wie wirkt das auf dich. Das fiel mir anfangs ziemlich schwer. Hier einige Sätze im Gegenüber (immer zuerst Futur II, dann I).

Wer werde ich gewesen sein?

Wer werde ich sein?

Was werde ich geschafft haben?

Was werde ich schaffen?

Wie werde ich mobil gewesen sein?

Wie werde ich mobil sein?

Wie werde ich Glauben gelebt haben?

Wie werde ich Glauben leben?

Wie werde ich kommuniziert haben?

Wie werde ich kommunizieren?

Wie werde ich gewohnt haben?

Wie werde ich wohnen?

Mit wem möchte ich gelebt haben?

Mit wem möchte ich leben?

Was werde ich gelernt haben?

Was werde ich lernen?

c) Ich habe versucht, die Unterschiede in Worte zu fassen:

Futur I scheint eher zielgerichtet, drängt auf Entscheidungen bei einer offenen Zukunft. Es anstrengend, macht Mühe und vielleicht Beine. Das Futur I drückt manche Sehnsucht aus, zeigt eher an, was mir fehlt und was ich daher anstrebe. Habe ich das Ziel klar vor Augen, ist das motivierend.

Futur II scheint eher rückwärtsgewandt, blickt auf Entscheidungen zurück, die ich noch gar nicht getroffen habe. Es ist ein entspanntes Träumen. Ich muss ja nicht mehr, habe schon. Futur II bringt ans Licht, was mir wichtig ist, zeigt eher an, was ist. Macht Spaß und macht Lust auf Veränderung.

Zufrieden bin ich damit noch lange nicht. Ich tue mich immer noch schwer mit dem Futur II – spüre aber, dass da was dran ist. Gespannt bin ich auf die Gespräche auf der Denkumenta.

Ein Zwischenstand.

Rückmeldungen, eigene Gedanken sind sehr erwünscht.

(To be continued.)

5 Gedanken zu “In Futur II träumen

  1. Der Reiz des Futur II besteht darin, dass es morphologisch dem Perfekt verwandt ist und nicht dem präsentischen Futur I — ganz wesentlich bezieht es seine temporale Qualität aus dem Partizip II, dass das Merkmal der Perfektivität, der Abgeschlossenheit trägt (vgl. dazu die Arbeiten von Welke).

    Semantisch kann man mit Eisenberg (vgl. dazu die zweibändige Grammatik) „Aktzeit“, „Sprechzeit“ und „Betrachtzeit“ unterscheiden. Während im Futur I Aktzeit und Betrachtzeit aufeinanderfallen (aber nach der Sprechzeit liegen), wird im Futur II die Betrachtzeit (der Zeitpunkt, von dem aus ein Ereignis in den Blick genommen wird) nach die Aktzeit verlegt. Das Ereignis gilt also als abgeschlossen. Daher lädt das Futur II nicht nur zum Träumen über in der Zukunft abgeschlossene positive Ereignisse ein, sondern zugleich auch zum Nachdenken über Scheitern.

    Während „Ich werde scheitern“ noch die Optionen auf positiven Ausgang nicht verschließt (Betrachtzeit und Aktzeit fallen zusammen, das Ereignis ist noch nicht abgeschlossen), klingt der Beispielsatz im Futur II schon ein wenig anders: „Ich werde gescheitert sein“.

    Dennoch gefällt mir der positive Ansatz sehr 🙂

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    • (Ich hoffe nicht, dass der Kommentar jetzt zwei Mal erscheint.) Das Scheitern im Futur II fällt auch nicht so tragisch aus, wenn man den Satz negiert – die interessante Perspektive bleibt ja 🙂 Im Tempussystem ist davon abgesehen mehr Schwung, als einen die Schulgrammatik glauben lässt. Umstritten ist der Status der „würde“-Ersatzform (auch futurisches Präteritum genannt) zwar, aber für ihre Überlegungen ist sie sicher nicht uninteressant:“ Ich würde scheitern“ und „Ich würde nicht gescheitert sein“.

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  2. Wirklich eine schöne Idee, Gedanekn in Futur II zu denken! Das werde ich bestimmt mal als Methode (für mich oder in einem Seminar) anwenden.

    Was mir dazu gleich eingefallen ist: Leitbilder werden ja in der Regel indikativisch im Präsens geschrieben. Das kann auch ziemlich nerven, jedenfalls ist es ein komischer Stil (auch wenn mir der Sinn udn Zweck dabei für Leitbilder klar ist). Man könnte ja auch Leitbilder in Futur II umwandeln. Nicht für die Veröffentlichung bestimmt, aber zumindest im Entstehungsprozess als Übung. Denn dadurch rückt auf einmal viel stärker auf die Wirkung (der Einrichtung, des Unternehmens) in den Vordergrund. Und man wird durch diese etwas merkwürig erscheinende sprachliche Formulierung dazu gezwungen, ernsthaft über die eigene Wirkung nachzudenken.

    Hui, schöne Sache! Kommt in den Methoden-Ordner 🙂

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  3. Pingback: “aha…” Auf dem Weg zur Sprachfähigkeit I: Inhalte | protestantisch pfälzisch profiliert

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