Warum ich den KDA verlasse und zur Pestalozzi-Stiftung wechsle

Letzte Woche wurde mein Wechsel zur Pestalozzi-Stiftung Mitte September öffentlich. Über die Gründe war in der offiziellen Mitteilung wenig zu lesen. Warum, wird sich der eine oder die andere gefragt haben, verlässt jemand den KDA nach so langer Zeit?

Vor drei Jahren hätte ich mir diese Entwicklung im Traum nicht vorstellen können. Damals dachte ich, du hast als Landessozialpfarrer und KDA-Leiter der hannoverschen Landeskirche den für dich besten Job der Welt. Wenn ich gesund bleibe und die Landeskirche will, dann hänge ich gerne noch ein oder zwei Jahre dran.

Dann kam Corona.

Der 16. März 2020 ist für mich ein symbolisches Datum. An diesem Tag schickte die Landeskirche uns Referent:innen ins Home-Office. Wenige Tage, bevor Angela Merkel sich in einer Fernsehansprache ans Volk wandte und den allgemeinen Lockdown verkündete. Mein Bauchgefühl sagte mir damals sofort, die (Arbeits-) Welt wird hinterher nicht mehr so aussehen wie zuvor. Eine so umfassende Veränderung meiner eigenen Arbeit habe ich allerdings nicht erwartet.

Der Wandel beginnt in meiner Studienzeit im Sommer 2021. Erstmals denke ich darüber nach, wie ich die letzten sechseinhalb Jahre bis zum Ruhestand beruflich verbringen möchte.

Im Herbst erzählen mir mehr und mehr Menschen, dass die Pandemie in ihrem Kopf mehr oder weniger viel verschoben hat und sie deswegen ihrem Job nicht mehr nachgehen können. Das rührt Saiten in mir an. Ich beschloss, ein Coaching zu machen, um diesen Gefühlen nachzugehen.

Das Ergebnis war eindeutig. Ich zähle zu diesen Menschen, die durch Corona eine Sinnverschiebung erfahren haben.

Tatjana Schnell hat 26 Lebensbedeutungen von Sinn identifiziert und auf einer Website aufgelistet. Ich gehe diese Liste für mich durch und stelle fest, dass ich zumindest eine dieser Lebensbedeutungen anders gewichte als vor Corona: den Wert „Freiheit“. Auf einer Skala von 1 bis 10 verschiebt er sich vielleicht nur um einen Punkt. Aber das reicht aus, um vieles infrage zu stellen.

Im Coaching wurde mir das Grundgefühl bewusst: „Das hast du alles schon tausend Mal gehört.“ Faktisch stimmt das natürlich nicht, aber so empfinde ich. Und das macht mich „unfrei“, das aufregend und anregende Neue fehlt mir.

Zugleich habe ich das Gefühl, haarscharf „neben“ meiner KDA-Tätigkeit zu stehen. Das ist keine Kritik an der Einrichtung des KDA. Dieser verändert sich zwar auch, aber die Veränderung, die zum Wechsel führt, ist in mir geschehen. Diese Tätigkeit passt inzwischen nicht mehr zu mir. Anfangs hat das weh getan, denn ich verdanke dem KDA sehr viel und halte ihn nach wie vor für eine wichtige und richtige Aufgabe der evangelischen Kirche.

Am Wochenende ist mir das wieder bewusst geworden. Ich ging mit Christine durch die Georgstraße, am Hauptbahnhof vorbei bis zur Lister Meile und Hannover sah „anders“ aus.

Ich habe die Stadt aus dem Blickwinkel meiner Tätigkeit im KDA kennengelernt. Die Wahrnehmungsmuster sind jahrzehntelang gelernt, trainiert und zu Gewohnheiten geworden. Nun verlasse ich den KDA. Auf einmal wirken vertraute Gebäude aufregend neu auf mich: das DGB-Gebäude, das leerstehende Karstadt-Haus, Hauptbahnhof und Pavillon, die Einkaufszeile. Was ist künftig Hannover für mich, wenn ich für die Diakonie arbeite? Wie blicke ich auf die Stadt, was sehe ich? Und wie wirkt das wieder zurück auf meine Arbeit?

Mit dem Wechsel zur Pestalozzi-Stiftung wird zugleich ein Wunsch Wirklichkeit.

In meiner gesamten Berufstätigkeit habe ich intensiv mit diakonischen Einrichtungen zusammengearbeitet, war in Vorständen und Aufsichtsräten aktiv. Ich habe mich oft gefragt, wie die kirchliche Arbeitswelt aussieht, wenn ich eine Stelle bei der Diakonie bekleiden würde. Wie es wäre, den Blickwechsel nicht nur hin und wieder zu vollziehen, sondern die Seite zu wechseln? Wie sieht die „Arbeitswelt“ aus Sicht einer diakonischen Einrichtung aus?

2012 stand ich schon einmal kurz vor einem Wechsel zum Diakonissenhaus Berlin-Teltow-Lehnin. Die dortige Stelle hatte einige Schnittmengen mit dem, was ich nun bei der Pestalozzi-Stiftung tun darf. Ich bin gespannt und freue mich auf die neue Aufgabe, den neuen Kontext, neue Kolleg:innen und viele, viele Begegnungen. Ich werde die vielen Erfahrungen aus dem KDA mitnehmen, neu und anders reflektieren – und ich bin mir sicher, es wird auch mit „alten“ Weggefährt:innen weiter Kontakt und Austausch geben!

2 Gedanken zu “Warum ich den KDA verlasse und zur Pestalozzi-Stiftung wechsle

  1. Lieber Herr Jung.Gott befohlen auf dem weiteren Lebensweg. Unsere Kirche bietet so viele Arbeitsmöglichkeiten für engagierte Menschen, die für keinen anderen Arbeitgeber unterwegs sein wollen. In meinen 43 Berufsjahren habe ich täglich verstanden, dass Kirchendienst ein Geschenk ist. Hoffen wir, auch in Zukunft hauptberufliche MItarbeiter beschäftigen zu können. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir den ersten Kontakt zu Ihrer Dienstzeit in Götterswickersham ? hatten. Hoffenbtlich täuscht mich mein Gedächtnis nicht.

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