Der Zeitpionier. Begegnung mit einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1990

Vor ein paar Tagen stolperte ich über diesen Zeitungsausschnitt vom 14. März 1990. Erst musste ich schmunzeln, dann wurde ich nachdenklich. Die Frage nach Arbeitszeitreduzierung kratzte seinerzeit noch viel mehr am Dogma, dass Erwerbsarbeit wesentlicher Lebensinhalt und -sinn darstellt. Wer daran rührt, ist gefährlich, denn was wäre, wenn alle so denken und handeln würden?

Dreißig Jahre weiter ist diese Frage im Herz der Gesellschaft angekommen, nicht erst seit der Pandemie und den damit für viele Menschen verbundenen dramatischen Veränderungen ihres Lebenskontextes. Von New Work und Purpose ist seit Jahren so häufig die Rede, dass kaum mehr jemand sagen kann, was diese Worte eigentlich wirklich bedeuten. Sie zeigen in ihrer Verwendung eher die Verwirrung an, es ändert sich vieles und muss sich ändern, aber wie und warum, da sehe ich viel Verunsicherung und Angst. Und so deckt ein Buzzword schnell das andere zu, ist wie ein Beruhigungsmittel. New Work wird es richten und wenn das nicht hilft, dann eben Purpose.

Der Artikel hat für mich zugleich einen biografischen Bezug. Mein Vater hat ihn 1990 in sein Tagebuch eingeklebt. Bald sechzig Jahre lang hat er akribisch Tag für Tag notiert, was er getan und erlebt hat. Ab und zu finden sich solche Zeitungsausschnitte, meist aber zu politischen Ereignissen oder außergewöhnlichen Wetterereignissen. Dieser Artikel fällt aus der Reihe und ich ahne, warum er ihm aufgefallen ist.

Im Jahr 1990 ist mein Vater einundfünfzig Jahre alt. Von Geburt an schwerhörig, muss er bereits mit sechsundzwanzig die Filiale des Großfamilienunternehmens im Holzhandel in Wetzlar übernehmen, als sein Vater stirbt. Ein Vierteljahrhundert später steckt all das in einer tiefen Krise. So richtig schmeckt meinem Vater seine Arbeit schon lange nicht mehr, das beschreibt er immer wieder. Spannungen in der Großfamilie, Aufgabe des Standorts in Wetzlar aufgrund städtebaulicher Veränderungen, die über Jahre angebahnte Errichtung und Vermietung eines Einkaufszentrums erzielt durch die nicht schlafende Konkurrenz nicht den erwarteten Erfolg. In dieser Zeit liest er den Artikel, schneidet ihn aus und klebt ihn ins Tagebuch.

Der Standort des Unternehmens vermutlich in den siebziger Jahren

Seit mehr als einem Jahr lese ich die Tagebücher meines Vaters und bin nun etwa in der Mitte seiner Aufzeichnungen angekommen. 1990, das war das Jahr, in dem ich als Pfarrer auf Lebenszeit berufen wurde, unsere Zwillinge waren drei Jahre alt und Christine mit unserem dritten Kind schwanger. Ich kann mich an die Stimmung meines Vaters bzw. meiner Eltern aus dieser Zeit noch erinnern, aber sie lebten weit entfernt von uns und mein eigener Alltag nahm mich in Beschlag, beruflich wie familiär. Ich spürte damals die Sorge und die Angst, dass das Projekt Vermietung scheitern könnte und dass er dann noch mehr im Familienverbund an den Rand gedrängt würde, in dem er mit seinen Ideen schon früher kaum Anklang fand, und diese Stimmung ist mir immer noch präsent.

Zugleich ist mir klar, dass ich die Geschichte von hinten kenne, ich weiß, wie es ausging. Und das war, wie vieles im Leben, nicht eindeutig und einfach.

Einerseits konnte er sich den Traum erfüllen, immer weniger berufstätig zu sein, denn ich vermute, dieser Artikel fiel ihm auf, weil er sich mit diesen Fragen herumschlug: Was, wo und wie wieviel will ich in Zukunft arbeiten? Es kam zu einer allmählichen Reduzierung und Hinwendung zum privaten Bereich, mein Vater hat sich auf die schleppende Vermietung konzentriert und den Komplex später verkauft, daneben hat er noch länger Buchhaltungsaufgaben für die Großfamilie erledigt, das war Teil der Absprachen im Verbund. Aber erfüllt hat ihn das nicht mehr.

Offenbar hatte er im Jahr 1990 schon viel mehr Zeit für sein Hobby Modelleisenbahn. Er schafft es in diesen Monaten, die Anlage im ausgebauten Speicher praktisch fertig zu stellen, und schreibt mehrfach davon, dass er nun bald zwölf Jahre daran arbeitet (vorher befand sich die Anlage in einem Kellerraum). Meine Eltern konnten auch ihre Enkel mal für zwei Wochen zu sich holen, oder weiter verreisen, es ging ihnen finanziell nicht schlecht, auch wenn die Wolken am Himmel weit voraus düsterer wurden.

Aber das ist nur die eine Seite. Mitte der neunziger Jahre erkrankt meine Mutter an Parkinson und das wird das Leben meiner Eltern bis zum Tod meiner Mutter 2011 zunehmend stärker bestimmen. Dazu kommt ein vermehrter Rückzug in die Esoterik, der sich 1990 schon seit einigen Jahren ankündigt. Auch das habe ich zwiespältig erlebt, einerseits beschäftigten sich beide stärker als früher mit ihren Biografien, auch ihren Gefühlen und ihrem Körper. Auf der anderen Seite zogen sie sich mehr und mehr in ihre eigene Welt zurück, manche der offenen, konstruktiven, kontroversen und meist anregenden Gespräche waren später nicht mehr möglich. Solange sie konnten, reisten sie noch durch die Welt, haben in Europa noch vieles sehen können, waren auch in New York.

Wenn heute diese Jahre an mir vorüberziehen und ich den Zeitungsartikel lese, dann ahne ich die Sehnsucht meines Vaters: Weniger berufliche Arbeit, mehr Zeit fürs persönliche Tätigkeiten. Weniger Einkommen, da bin ich mir nicht so sicher, mein Vater hatte zeitlebens ein zwiespältiges Verhältnis zum Geld. Er konnte es großzügig, teils auch unbedacht ausgeben, zugleich wurde in Excel-Tabellen über Jahrzehnte festgehalten, wie Entwicklungen verlaufen sind und wie es weitergehen könnte. Pech kam später auch dazu, einen erheblichen Teil seiner Altersrückstellungen verlor er durch die Finanzkrise 2008.

Ob er sich als Zeitpionier verstanden hat? Vermutlich nicht im Sinne des Artikels, abhängige Beschäftigung kannte er lediglich aus der Arbeitgeberperspektive. Stolz war er immer darauf, dass seine Belegschaft nie einen Betriebsrat gründen wollte, weil sie das direkte Verhältnis zum Chef schätzten. Das kann man so und so sehen. Er hat aber einiges von den Anliegen der Zeitpionieren in den Jahren nach 1990 für sich umsetzen können, auch, weil er es sich finanziell leisten konnte, das muss ehrlicherweise dazu gesagt werden.

Ich lese den Artikel und schreibe diese Zeilen in einer Zeit, in der ich schon fast zehn Jahre älter bin als mein Vater damals. Viele der Fragen, welche die Zeitpionier:innen aufwarfen, kommen später auch in New Work im Sinne Frithjof Bergmanns zum Tragen, und die Begegnung mit ihm war für Christine und mich in den letzten bald fünfzehn Jahren prägend, von daher erkläre ich mir mein eingangs beschriebenes Schmunzeln und Erschrecken.

Zugleich aber lese ich den Artikel in einer außergewöhnlichen Situation, in der nicht nur in Wirtschaft und Arbeitswelt vieles drunter und drüber geht. Die Fragen, die der Artikel stellt, die stellen sich auch heute viele Frauen und Männer in dieser Pandemie, die eigentlich nur ein Teil einer Multikrise ist, neben Klimakrise, Digitalität, veränderte Globalstrategien der Großmächte. Wohin geht mein Weg in dieser Zeit? Macht eine Erwerbsarbeit, meine unternehmerische Arbeit noch Sinn, für mich selbst und für andere? Manch eine, einer spricht offen in diesen Monaten von einer Sinnkrise im Blick auf die eigene Arbeit, das höre ich immer wieder. Und zugleich, wie schwer es ist, in diesen Zeiten Orientierung zu finden, die vielleicht nicht Sicherheit verspricht, aber doch eine Richtung anzeigt, Hoffnung gibt.

Es ist grad viel in Bewegung. Die Lektüre der Tagebücher meines Vaters ist für mich ein Spiegel meines eigenen Lebens, schließlich komme ich immer wieder darin vor und erinnere mich an Ereignisse, an damit verbundene Gedanken und Hoffnung, Gefühlslagen. Es hilft mir, diese Schleife durch mein Leben zu drehen, einmal in einem Spiegel zurück durch die ganze Biografie und wieder in Richtung Gegenwart. Welche Grundhaltungen oder auch Glaubenssätze habe ich von meinem Vater, von meinen Eltern bewusst oder unbewusst übernommen? „Sie sind ein Freigeist“, hat vor einiger Zeit jemand zu mir gesagt und ich musste lachen. Vermutlich hat die Person recht – und das könnte auch am Vorbild meines Vaters liegen, der bestimmte Hoffnungen nie aufgegeben hat, stets versuchte, das Eigene leben zu können und sich von Rückschlägen zumindest nach außen nicht entmutigen ließ. Er war auch ein Freigeist, ein sehr spezieller, und ich vermute, er musste schmunzeln, als er den Artikel in der Wetzlarer Neuen Zeitung am 14. März 1990 las. Ich glaube, er dachte, ja, ein Zeitpionier, so möchte ich auch leben und wie schön, andere denken ähnlich.

Mein Vater ist heute vor vier Jahren verstorben. Am Ende war fast seine gesamte Altersrückstellung aufgebraucht, er hat sich bereits mit der Frage beschäftigt, ob er in absehbarer Zeit Hartz IV beantragen muss.

Mein Vater im Jahr 1955

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Hier noch mal der Artikel „vollständig“

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